»Was sind Kabiren?« fragte Maria leise.
»Thrakische Urgötter« -- sagte Sendt und schenkte sich ein neues Glas
ein.
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Die Helden des Altertums
Ermangeln des Ruhms -- -- --
Und nun wollte ich wieder wissen, warum. »Ich dachte gerade, sie wären
enorm?«
»Die Kabiren sind eben noch enormer,« erwiderte der Philosoph. --
»Übrigens sind die Verse aus dem Faust.«
Und Maria ganz enttäuscht: »Aus dem Faust? -- Ich meine, von Hofmann --
sie sehen ihm so ähnlich.«
»Nein, nun hört auf, Kinder!« sagte der Philosoph. »Ihr fragt mich
zu Tode! Lieber wollen wir nächstens wieder ein theoretisches Souper
veranstalten -- ~Je me sauve~,« und damit verläßt er uns, um einer
schönen Griechin die Cour zu machen.
Ich tanze mit Maria, mit einer Unbekannten, dann treibe ich mich herum
und suche nach Susanna, die ich noch kaum gesehen habe. Die vier
Hermaphroditen, deren Kostüm bis ins kleinste Detail übereinstimmt,
sind durchaus verwirrend. Darin hat Susanna wohl recht gehabt. Ich
denke, sie ist es, die vor mir steht, und lege sanft den Arm um sie
-- es ist Konstantin, -- er dreht sich um und schaut mich an wie ein
schönes Mädchen:
»Nein -- dort in der Fensterbank sitzt sie,« sagt er.
Die Lampen blenden, ich sehe nur ein paar schlanke schwarze Beine,
ein weißes Obergewand, den roten Kranz --, ich trete näher heran --
Schnurrbart -- Zwicker -- es ist Adrian. Er unterhält sich gerade
mit einem Franzosen, klärt ihn über die Bedeutung des Festes auf und
weist auf eine Gruppe von Knaben und Bacchantinnen hin, unter denen es
stürmisch und zärtlich hergeht. Ich höre Adrian sagen:
»~Mais c'est une orgie -- vraiment, c'est une orgie -- un bacchanal!~«
»~Oui, oui, oui -- parfaitement~,« erwiderte der Franzose.
Hoffnungslos wand ich mich weiter durch die menschenvollen Räume, aber
nun begegnete mir die wirkliche Susanna und zog mich mit:
»Ein neuer Zinnsoldat« -- sagt sie, »er ist sehr nett, kommen Sie nur
mit.«
Ja, er war wirklich recht nett -- ein blonder Gutsbesitzer, der sich
stilvoll in ein großes Pantherfell gewickelt hatte. -- Wir etablierten
uns in einer stillen Ecke, Susanna schmiegte sich an das Pantherfell
und ließ mir ihre linke Hand. Sie weiß, daß ich mich dann schon etwas
glücklicher fühle.
So saßen wir, schwätzten, ruhten uns aus und betrachteten das festliche
Getriebe. Willy und Orlonski tauchten manchmal auf, grollten etwas,
weil sie nicht tanzen wollte, blieben eine Weile oder verzogen sich
wieder. Heinz kam vorbei -- dann sein Freund, der Indianer; ich
erfuhr jetzt endlich von Susanna, daß er Petersen heißt und aus einer
nordischen Heidegegend stammt, -- deshalb wird er auch trotz seiner
dunklen Haare als blonder Germane eingeschätzt. An diesem Abend trug er
ein orientalisches Kostüm und einen langen falschen Bart. Ich rief ihn
an, da ich ihn doch kannte, aber er zuckte die Achseln und antwortete
mit einem unverständlichen Gemurmel, was wohl bedeuten sollte, daß er
nicht für mich zu sprechen sei.
»Er ist ein orientalischer Priester,« erklärte Susanna, »und es gehört
dazu, daß er uns nicht kennt. -- Überhaupt zu seinem Stil; er gilt
gerne für verschlossen und herrisch.«
Es war schon spät; in der Mitte des Zimmers begann jetzt ein weibliches
Wesen, anscheinend eine Mänade, die fast nur in rote Schleier gehüllt
war und Hörner auf dem Kopfe trug, Solo zu tanzen, -- alles schob sich
zur Seite, um zuzuschauen. Delius in seinem schwarzen Gewande schritt
um die Tanzenden herum und ließ leise seinen Triangel ertönen. Ich
erkannte die schwarze Malerin, die ich bei Heinz gesehen.
»Das ist die ›Murra‹,« sagte Susanna leise, »ich weiß nicht, wie sie
sonst heißt. Der Petersen ist Bildhauer und hat sie kürzlich als
›erdhaftes Weib‹ modelliert -- es ist nur ein Kopf, der nicht recht aus
dem Stein heraus will. Er sollte eigentlich die Urzeit heißen, aber
irgend etwas stimmte nicht, und er taufte es dann die ›Murra‹. Der Name
soll eben das Dunkle, Erdhafte wiedergeben. Man fand es enorm, und das
Mädchen ist sehr stolz darauf.«
Der Panther hörte aufmerksam zu und schien sich nicht besonders zu
wundern, -- er muß doch nicht ganz fremd in Wahnmoching sein.
Die »Murra« tanzte und bog sich in verzückter Gelenkigkeit vorwärts
-- rückwärts, -- man hatte manchmal Angst, sie könnte ohne weiteres
durchbrechen. Alle Zuschauer waren völlig hingerissen, nur der Mann
im Pantherfell machte ziemlich laut eine abfällige Bemerkung, und
der Indianer -- nein, diesmal war er ja Priester -- warf ihm einen
furchtbaren Blick zu. Die kappadozische Dame sah interessiert zu
uns herüber, sie hoffte wohl, es würde wieder Blut fließen. Aber
nun ergriff der Priester ein Gong und trat selbst in die Arena. Mit
dröhnenden Schlägen und düsterer Miene schritt er auf die Tänzerin
zu, um sie herum, und feuerte sie zu immer wilderen Sprüngen an. Sie
erntete ungeheuren Beifall, ihre roten Schleier flogen auf und nieder,
-- ich fühlte mich schließlich wie hypnotisiert, ich sah und empfand
nichts mehr als rote Schleier -- rote Schleier, hörte nichts mehr als
die dröhnenden Gongschläge. Vielleicht war das wirklich der dionysische
Rauschzustand, den dieses Fest ja herbeiführen sollte. Der Professor
kam an den Tisch und ich teilte ihm meine Empfindungen mit; er schien
hocherfreut und sah mich voller Sympathie an. Dann zog eine Bacchantin
ihn fort; der Panther gürtete sein Fell und mischte sich ebenfalls in
das Gewühl. Susanna hatte bisher wohlig in unser beider Armen geruht;
nun der andere gegangen war, konzentrierte sie sich auf mich. Ich war
sehr glücklich und auch wieder melancholisch, denn ich wagte endlich
die Frage, zu der ich mich schon lange verurteilt fühlte:
»Ach Susanna, -- kann ich Ihnen denn niemals mehr sein als ein
Zinnsoldat?«