10. Februar

Ich habe heute wieder durchgelesen, was ich zuletzt aufgeschrieben,

und ich fühle Sehnsucht nach den Tagen im Eckhaus. Wie eine Reihe

stets wechselnder Bilder gleiten sie noch einmal an mir vorüber

-- bunt, bewegt, geräuschvoll und dann wieder müde und verträumt

in schläfrigem Halbdunkel, -- wie jener Winternachmittag, wo alle

schliefen und wir drei in dem großen Zimmer um den Ofen lagerten. Bis

dann Chamotte mit dem kleinen Mädel heimkam, das ich mit ganz neuem

Interesse betrachtete, -- ich kann wohl sagen, daß ich es zum erstenmal

»erlebte«. Ich habe im allgemeinen nicht viel Sinn für Kinder und

weiß nicht viel an ihnen zu erleben, aber das Gefühl, daß es das Kind

dieser Frau ist, die ich so tief und stumm verehre -- und daß es ihr

vielleicht später einmal gleichen wird. -- Und wie wir dann noch später

leise aus dem Hause schlichen, um wieder auf einen Ball zu gehen --

wie wir erst in dem Licht und Lärm mitten unter tobenden und tanzenden

Menschen wieder richtig wach wurden und uns ganz verwirrt und erstaunt

ansahen, -- das liegt schon alles etwas traumhaft hinter mir.

In meiner Wohnung kam ich mir zuerst beinah wie ein Fremder vor,

Chamotte schlich trübselig herum und meinte, diesmal hätte ich mich

selbst verurteilt, wir hätten doch ebensogut noch länger im Eckhaus

bleiben können.

Aber ich brauchte zur Abwechslung einmal etwas Ruhe. Äußerlich vermag

ich mich schon zeitweise einem solchen Wirbel anzupassen, aber mein

inneres Leben kann ich nicht überstürzen, das will ein stilleres Tempo

und konnte nicht mehr mit.

Allerhand Briefe vorgefunden, meinem Stiefvater hatte ich noch im

Eckhaus ausführlich geschrieben. -- Er antwortete herzlich und

eingehend, wie das seine Art ist. Es freue ihn aufrichtig, daß ich

soviel mitmache und in ein etwas intensiveres Fahrwasser zu geraten

scheine, -- man sei schließlich doch nur einmal jung.

Das sagen die älteren Leute ja mit Vorliebe -- gerade solche, die

sich selbst noch immer weiter amüsieren, als ob sie zwanzig Jahre

alt wären --, und es kann mich leise nervös machen. Immer wieder die

alte Geschichte, -- es gibt Menschen, die überhaupt jung sind, ohne

Rücksicht auf die Zahl ihrer Jahre, und andere, die es niemals sind,

auch während der vorgeschriebenen Zeit nicht. Und wie es sich bei mir

damit verhält, müßte mein väterlicher Berater wohl am besten wissen,

aber er hofft wohl immer, es käme noch. Mit meinen literarischen

Absichten ist er sehr einverstanden und ermahnt mich, den geplanten

Roman nun auch wirklich zu schreiben. Wo sich hier von allen Seiten so

viel Anregung biete, müsse es doch ein Leichtes sein.

Ich aber fürchte wieder, es wird damit nicht so schnell gehen. Es gilt,

vor allem erst das Material zu sammeln und sich einen Stil zu bilden.

Ich denke, darin wird mein »Tagebuch«, wie Susanna es etwas ironisch

nennt, mir gute Dienste leisten. Man gewöhnt sich daran, alles Erlebte

doppelt in sich aufzunehmen und bei allem, was man schreibt, auf

den Stil zu achten. Auch dazu hat ja mein Stiefvater mich von jeher

ermuntert -- er wies bei solchen Gelegenheiten gerne darauf hin, daß

Goethe stets Tagebücher geführt habe, und äußerte die Ansicht, Goethe

sei und bleibe doch immer das beste Vorbild für jeden jungen Deutschen.

Ähnliches hört man wohl öfter sagen, und ich kann mir nicht helfen --

ich sehe darin eine gewisse Arroganz der älteren Generation. Man hilft

uns nicht zu leben, sondern begnügt sich damit, uns auf große Vorbilder

hinzuweisen und dann zu hoffen, daß etwas Außerordentliches aus uns

wird. Was sollen mir derartige Hinweise? Ich habe gar keine Anlage zum

Größenwahn -- ich bin nur ein »belangloser« junger Mensch und heiße

Dame und kann nicht aus meiner Biographie heraus.

Und das Material, das ich bisher zusammengetragen habe, -- es macht mir

eigentlich erst fühlbar, wie sehr mir noch die Zusammenhänge fehlen.

Sie müssen ja da sein, und ich muß sie noch finden, -- nicht um eines

etwaigen Romans, aber um meiner selbst willen. Die ganze fremdartige

und intensiv bewegte Atmosphäre dieses Stadtteils mit ihren Rätseln,

Geheimnissen und, ich möchte wohl sagen, auch Erleuchtungen, umfängt

mich immer noch -- ja, eigentlich immer mehr -- wie ein Traum. Anfangs

sehnte ich mich nur nach Klarheit, nach Verstehen und Begreifen --

jetzt weiß ich, daß es hier mit dem Begreifen allein nicht getan ist --

sondern daß sie -- die Atmosphäre -- innerlich erlebt werden muß. Oder

geträumt, -- manchmal tut es mir förmlich weh, wenn die wache Stimme

des Philosophen an mein Ohr klingt. Er weiß mir alles zu erklären, --

man könnte sagen: er beherrscht das Material vollkommen, aber er findet

es nicht gut und nicht tauglich, um etwas Rechtes daraus zu bilden. Er

nennt diese Menschen Romantiker, die allen Erkenntnissen der klaren

Vernunft die instinktive Weisheit früherer Völker entgegenstellen und

sich an dem Pathos dieser Dinge und an ihrem eignen Pathos berauschen.

Und logisch muß ich ihm oft rechtgeben, aber mein Empfinden und meine

Sehnsucht neigen sich doch immer wieder ihnen zu.

* * * * *

(Meine Selbstkritik macht bei nochmaligem Durchlesen die Wahrnehmung,

daß ich hier wohl nahe daran war, in einen romantisch pathetischen Ton

zu verfallen, und sie warnt mich davor. Ich will in diesen Blättern nur

Chronist sein, und dem Chronisten ziemt es nicht, mit seinen eigenen

Empfindungen zu stark in den Vordergrund zu treten. Sollten sie etwa in

späteren Tagen oder Jahren in jemandes Hände geraten, der mit Staunen

Kenntnis davon nimmt, was Wahnmoching war und bedeutete, was hier

lebte, gelebt wurde und gelebt werden sollte, so wird dieser jemand --

ich stelle ihn mir etwa als versonnenen Gelehrten oder ernsten Forscher

vor -- vielleicht mäßiges Interesse an meiner Person nehmen und nur

so nebenbei in stiller Anerkennung den Hut ziehen, wenn er erfährt,

daß es bloß ein junger Mann aus Berlin war, welcher Dame hieß und sich

verurteilt fühlte, das Wichtigste über diesen bemerkenswerten Stadtteil

aufzuzeichnen.

Und doch kann der Chronist wiederum nicht ganz sein Ich eliminieren, in

dem die Umwelt sich widerspiegelt. Mag der Spiegel noch so anspruchslos

und schlicht gerahmt sein, -- wenn man ihn verhängt oder aus dem Zimmer

trägt, wirft er kein Bild mehr zurück -- --)

_Anmerkung_

Sie finden hier, verehrter Gönner und Freund,

aus Herrn Dames eigenem Munde die Bestätigung

unserer Wir-Theorie, auf die wir auch in unserem

Begleitschreiben Bezug nahmen. Wäre dieser liebenswerte

junge Mann in der Lage gewesen, im Plural zu denken und

zu erleben, so möcht vielleicht seine Biographie sich

leichter und freundlicher gestaltet und weniger auf ihm

gelastet haben. Im Unterbewußtsein hat er das wohl auch

dunkel gefühlt; das scheint uns wenigstens aus seiner

Beziehung zu dem Diener Chamotte hervorzugehen.

10

Ein Morgenbesuch bei Adrian. Er wohnt in einem großen Atelier und ist

sehr hübsch eingerichtet. Als ich kam, saß er in einem persischen

Kaftan an einem zierlich gedeckten Tischchen und nahm ein hygienisches

Frühstück ein. Er sagte, daß er nachher zwei bis drei Stunden zu

arbeiten pflege, nur jetzt im Karneval sei das natürlich nicht ganz

durchzuführen. Wir rauchten Haschischzigaretten und unterhielten uns

über Wahnmoching. Ich glaube, Adrian ist, was man einen Causeur nennt,

man kann sonst eigentlich nicht über Wahnmoching »plaudern« und tut

es auch nicht, aber Adrian kann es. Trotzdem ist auch er der Ansicht,

daß hier große Dinge in der Luft liegen, und jeder, der irgendwelches

Streben in sich fühle, müsse sich solchen Bewegungen unbedingt

anschließen.

»Ich bitte Sie, Monsieur Dame, wir haben wieder gelernt, dionysisch zu

empfinden, -- wer hätte das vor zehn oder zwanzig Jahren für möglich

gehalten? Bei dem Fest neulich, -- haben Sie gesehen, wie der Professor

raste, wie der Taumel ihn blendete, so daß er in den scheinbar

häßlichsten Frauen wunderbare Schönheit erblickte? Er hat so viel

Eros, daß ihm jede Lebensäußerung, jede Form, in der das Leben sich

darstellt, etwas Vollendetes bedeutet. So wurde zum Beispiel einmal von

jemand gesagt, er sei sehr unschön, ja geradezu garstig. Hofmann besann

sich einen Augenblick und sagte dann: Ja, gewiß, er ist wundervoll

garstig. -- Von Ihnen ist er übrigens ganz entzückt, er sagte mir,

es wäre ganz unglaublich, wie blasiert und gelangweilt Sie manchmal

aussehen könnten.« (Ich empfand das nicht gerade als Kompliment, aber

es war entschieden so gemeint.)

»Und die Frauen,« fuhr Adrian mit einem suffisanten Lächeln fort,

»unsere Frauen wollen wieder Hetären sein -- es ist gar nicht zu

sagen, welche Umgestaltungen das gesellige Leben dadurch noch

erfahren wird. In erster Linie natürlich auf erotischem Gebiet, aber

selbstverständlich bezieht sich das nicht nur auf die Frauen -- die

Beschränkung der Erotik auf das eine oder andere Geschlecht ist ja

überhaupt eine unerhörte Einseitigkeit. Der vollkommene Mensch muß

alle Möglichkeiten in sich tragen und jeder Blüte des Lebens ihr Aroma

abzugewinnen wissen. Ich meinesteils empfinde durchaus bisexuell.«

Dabei nahm er für einen Augenblick seinen Zwicker ab, rieb ihn mit

dem Taschentuch blank und sah mich mit seinen kurzsichtigen Augen

triumphierend an.

»Apropos, Monsieur Dame, was macht denn Ihr kleiner Sklave?«

»O -- er hält mir meine Wohnung sehr gut in Stand,« antwortete ich

ablenkend, mir war dieses Thema unsympathisch, und ich fühle durchaus

keinen Ehrgeiz, für vorurteilsfrei zu gelten, wo ich es nicht bin.

Wir wurden unterbrochen, auf der Treppe hörte man lachen und sprechen,

es klopfte, und dann erschienen Professor Hofmann und Susanna. Sie

sagte, kaum daß man sich begrüßt hatte: »Adrian, ich bitte Sie -- haben

Sie nicht ein dämonisches Briefpapier -- ich muß an jemand schreiben,«

damit zog sie ihn ans Fenster und erzählte ihm eine Geschichte, über

die beide sehr lachten.

Hofmann schüttelte mir indessen lebhaft die Hand und war äußerst

liebenswürdig. Er war gekommen, um Adrian zu einem Fest in seinem Hause

einzuladen, -- die anderen traten wieder zu uns, und es wurde allerhand

darüber geredet. Hofmann gefiel mir an diesem Morgen sehr gut, besser

als je zuvor; er war heiter und gesprächig und freute sich wie ein Kind

auf diese Sache. Delius hatte die Grundideen angegeben, und es sollte

ein richtiges antikes Fest werden.

»Bacchanal?« fragte Adrian eifrig.

»Nun, Fest oder Bacchanal -- ein Bacchanal ist ein Fest, und ein

Fest kann wohl ein Bacchanal sein,« erwiderte Hofmann mit großer

Zungenfertigkeit und wandte sich galant an Susanna: »ich hoffe, an

Bacchantinnen wird es nicht fehlen.«

»Und an Bacchanten auch nicht,« warf Adrian ein und frohlockte hinter

seinem Zwicker. Hofmann warf den Kopf etwas zurück und sah über das

ganze Zimmer hinweg aus dem Fenster. Ich kenne diese Geste jetzt

schon, wenn ihm etwas nicht recht ist. Dann zog er Adrian beiseite,

und sie begannen ein halblautes Gespräch, das aber manchmal ziemlich

vernehmlich wurde. So hörte ich, wie Adrian sagte:

»Ich sehe absolut nicht ein, warum ich das nicht verwenden soll -- nur

das Wort -- ganz einfach, Blutleuchte ist das und das --«

Worauf Hofmann sehr erregt antwortete: »aber wenn ich Ihnen doch sage,

daß es nicht geht. Ich bitte Sie, man hat sich doch geschworen, ganz

richtig geschworen, daß auf dem Verrat von kosmischen Geheimnissen der

Tod steht.«

Und Adrian: »Ja, dann allerdings -- aber das finde ich wirklich

fabelhaft.« -- Dann sahen beide zu uns herüber und flüsterten ganz

leise.

Susanna achtete nicht weiter darauf, während mich ein unbehagliches

Gefühl beschlich: ich dachte an den Philosophen und beschloß ihn zu

warnen. Er pflegt so unbefangen über all diese Dinge zu reden, und

vielleicht könnte ihm das übel ausgelegt werden.

Inzwischen war es Mittag geworden, wir nahmen Abschied und gingen alle

drei zusammen fort. Adrian stürzte noch rasch an den Schreibtisch, und

brachte Susanna das gewünschte Briefpapier, es war kohlschwarz, ich

hatte noch nie ein solches gesehen.

»Wenn Sie es ganz richtig machen wollen, müssen Sie mit Blut darauf

schreiben,« bemerkte er -- aber sie meinte:

»O, rote Tinte tut's wohl auch.«

* * * * *

Gegen Abend hoffte ich endlich einmal wieder Susanna allein zu finden

-- wenigstens annähernd allein. Ich war melancholisch und dachte,

sie sollte mich etwas froher machen, -- vielleicht ist sie wieder so

glücklich verschlafen und duzt mich. Oder verurteilt mich zur Redoute

-- ich sitze tadellos in der Loge, langweile mich und warte, bis sie

nicht mehr tanzen kann. -- Dann kommt sie zu mir.

Aber ich finde sie nicht allein -- alle sind in der Küche um den großen

Tisch versammelt. -- Die Hausbewohner -- Maria, Konstantin und Delius,

den ich noch nie im Eckhaus getroffen -- er aber erinnert sich meiner

und ist sehr entgegenkommend, sehr Weltmann.

Man hält Kostümberatung für das »kosmische Fest« -- als dieser Ausdruck

fällt (ich glaube, es war Willy, der ihn brauchte) blickte Delius sich

erstaunt um und sagte mit seinem merkwürdigen Auflachen:

»Nun, ob das Fest ein kosmisches sein wird -- wird man erst nachher

beurteilen können. Der Herr Professor denkt es sich vielleicht doch zu

einfach, kosmische Feste zu feiern, und man kann nicht alles auf einmal

wollen. -- Es soll übrigens auch ein Umzug des Cäsars stattfinden, bei

dem der Dionysos selbst erscheint.«

»Ja, der Professor sieht als Dionysos sehr schön aus,« sagte Konstantin.

»So -- wo hat er sich denn schon als solcher gezeigt?« fragte Delius

mißbilligend.

»O, er hat das Kostüm gestern anprobiert und ging den ganzen Abend in

seiner Wohnung darin herum.«

»Wissen Sie vielleicht, wer noch dabei war?«

»Irgendein Besuch -- ich glaube, ein Privatdozent aus Berlin.«

»So -- so,« Delius schien etwas verstimmt, aber nun wurde Maria

ungeduldig:

»So laßt doch endlich den Professor -- er macht es ja doch niemand

recht, ob er nun seine Gäste im Frack oder als Dionysos empfängt. Aber

unsere Kostüme -- Delius? -- Wir wollen nämlich als Hermaphroditen

kommen -- Susanna und Adrian haben sich's ausgedacht -- die beiden,

Konstantin und ich -- --«

Delius horchte auf:

»Nun, im alten Rom hat es wohl schwerlich Umzüge gegeben, an denen

Hermaphroditen teilnahmen, eher noch in Hellas und auf den Inseln, --

bei den Festen der großen Mutter.«

»Gott, wir leben doch in Wahnmoching, und da geht alles,« suchte

Susanna zu vermitteln, aber er hörte gar nicht darauf, sondern fragte:

»Und wie haben Sie sich das Kostüm gedacht?«

Maria stieß Konstantin an, und er sagte zögernd:

»Ja, wir dachten, mit schwarzen Trikots. -- Maria behauptet, sie hat

auf etruskischen Vasen so etwas gesehen -- schwarze Beine mit weißen

Bändern umwunden --, und das gefällt ihr so.«

»Schwarze Trikots?« sagte Delius ganz entsetzt und dachte dann eine

Weile mit steinernem Gesicht nach. Er mochte wohl im Geiste durch das

alte Rom wandern.

»Ja, es wurden wohl bei Triumphzügen gefangene Äthiopier mitgeführt,

aber die waren ganz schwarz, und ob es Hermaphroditen waren -- --«

»Wir sind ja auch keine wirklichen,« meinte Konstantin. Und Susanna:

»Wir wollen nur etwas Verwirrung anrichten --«

»Schweig doch!« sagte Maria und warf ihr einen zornigen Blick zu.

Aber Delius überhörte sichtlich alle Nebenbemerkungen und machte nun

allerhand Vorschläge -- ein kurzes weißes Obergewand und Kränze auf

dem Kopf -- nicht Efeu, sondern rotes Weinlaub, und durch die Kränze

sei ein weißes Band zu schlingen -- an dem herabfallenden Ende müsse

ein symbolischer Tautropfen befestigt sein, -- aus Glas natürlich. Er

vertiefte sich in Einzelheiten: wie weit die Ärmel sein müßten und

so weiter, und gab die Adresse eines Schneiders an, der diese Dinge

ausgezeichnet verstehe. Nur zu den schwarzen Trikots schüttelte er nach

wie vor den Kopf, aber Maria ließ sie sich nicht ausreden.

»Gedenken Sie auch als Hermaphrodit zu kommen, Herr Dame?« wandte er

sich dann an mich.

Nein, ich war noch völlig unschlüssig, was ich wählen sollte. Er maß

mich mit prüfendem Blick und fragte, ob ich musikalisch sei.

»O ja, ich spiele Klavier -- --«

»Das ist sehr schade -- Sie würden sich sonst wohl zum Flötenspieler

eignen -- aber es müßte dann schon eine phrygische Doppelflöte sein.

Sie werden wohl auch wieder Ihren jungen Sklaven mitbringen, und ich

glaube nicht, daß die Flötenspieler Sklaven mit sich führten.«

* * * * *

Delius ging -- in der Tür blieb er noch einmal stehen und fragte, ob

Konstantin ihn begleiten wollte.

»O nein, ich bleibe hier,« sagte Konstantin -- »Sie gehen wohl zu

Heinz?«

»Ja, ich will Ihren Vetter abholen -- wir haben einen Nachtspaziergang

zu den Hünengräbern verabredet. Es ist sehr möglich, daß wir dort zur

Nachtzeit kosmische Urschauer erleben,« -- das alles sagte er mit

dieser unbeweglichen Sachlichkeit, die ihm eigen ist und fügte dann

ganz unerwartet mit einem jähen Auflachen im höchsten Diskant hinzu:

»-- -- wenn nur um Gottes willen der Mond nicht dazwischen kommt.«

* * * * *

Dann war er verschwunden, wir sahen uns an; ich glaube, uns war einen

Moment ganz spukhaft zumut, selbst der allzeit mokante Sonnenknabe war

verstummt. Man hatte das Gefühl: was ist das? ist er ein Mensch wie wir

anderen -- lebt er wirklich zwischen uns hier auf der Welt -- in einer

modernen, europäischen Stadt? -- oder spielt sein Dasein sich in ganz

anderen, unwahrscheinlichen Regionen ab? Und wiederum: ist er fremd und

unwahrscheinlich -- oder sind wir es?

Ich suchte diese Empfindung in Worten auszudrücken, -- Susanna nahm

freundlich meine Hand, als wollte sie mir den Puls fühlen, und sagte

beschwichtigend:

»Lieber Dame, Sie wissen doch, in welchem Stadtteil wir leben, und daß

hier vieles unwahrscheinlich ist -- Aber eigentlich geht es mir ebenso

wie Ihnen -- --«

Orlonski, der schweigend in einer Ecke saß und ein verrostetes altes

Schwert blank rieb, fiel ihr ins Wort:

»Nun fangt ihr ja glücklich alle an verrückt zu werden, -- gratuliere.«

»Onski, das verstehst du nicht, -- du bist ja selbst aus dem

Mittelalter, und willst es bloß nicht zugeben. -- Es ist hier schon

viel dummes Zeug -- aber Delius ist echt, es gibt ihn wirklich, -- ich

weiß nicht, wie man das sagen soll.«

»Seine Substanz ist echt,« korrigierte Konstantin ein wenig überlegen.

»Echter wie deine,« sagte Maria. »Bei Hallwig wurde neulich von dir

gesprochen, man zweifelt an dir, -- ich fürchte beinah, dein Stern ist

im Sinken.«

»Ich weiß,« gab er plötzlich deprimiert zu, »aber ich ahne nicht, was

ich eigentlich getan habe.«

Susanna achtete nicht darauf, was sie sprachen, und fuhr in ihrem

Gedankengang fort:

»Nein -- Delius imponiert mir -- es tut sich einem da irgend etwas

auf, wenn er so selbstverständlich die sonderbarsten Sachen sagt. Es

kommt gar nicht darauf an, ob er von seinem Schneider spricht oder von

Urschauern. Und man meint, er spricht mit uns, aber er denkt nicht

daran, -- er schaut einen an, aber er ist gar nicht da, und wir auch

nicht. -- Daß wir zum Beispiel Frauen sind, merkt er überhaupt nicht --

das ist sehr sonderbar, aber er gefällt mir so.«

»Susja, du hast nicht ausgeschlafen -- --«

»Nein, das habe ich auch nicht, mir ist ganz überirdisch zumut, und er

gefällt mir wirklich.«

»Aber keine Chancen, wenn du nicht römischer Sklave bist,« sagte

Orlonski aus seiner Ecke.

»Ach schweig doch -- so war es nicht gemeint.«

»Ja, Delius -- und Hallwig,« fing nun auch Maria an, »es sind doch nur

die beiden. Die anderen laufen so mit.«

»Konstantin: Das sagst du nur, weil du Hallwig liebst -- --«

»Er ist der einzige Mensch, bei dem man das Gefühl hat, er könnte

fliegen. Die anderen probieren es nur. Wenn er so über Sachen redet,

wird man ganz glücklich und möchte -- --«

»Du hast recht, Maria -- du hast recht,« sagte Susanna mit einer

Stimme, als ob sie im Traum spräche. Sie war die letzten zwei Nächte

ausgewesen.

Aber Orlonski stieß einen polnischen Fluch aus, stellte sein Schwert

mit vielem Getöse in die Ecke und fing an einen Niggertanz zu tanzen.

Das ist so seine Art, der Unterhaltung ein Ende zu machen, wenn sie ihm

nicht gefällt.

* * * * *

_Nachtrag._ Kosmische Urschauer: Die Urzeit war noch dunkel -- der

Kultus des Mondes entspricht der späteren Periode des geläuterten

Mutterrechts. Deshalb werden unverfälschte Urschauer durch den Mond

beeinträchtigt. (So etwa hat es mir der Philosoph erklärt.)

11

16. ...

Alles ist liegen geblieben während der letzten Woche, -- meine

Aufzeichnungen, meine literarischen Pläne und wohl selbst meine

Gedanken. Man lebte nur in den Vorbereitungen für das große Fest, und

ich lebte mit.

Wir gingen zu dem von Delius bezeichneten Schneider, fanden ihn

nach langem Suchen in einer entlegenen Straße und fanden ihn recht

merkwürdig. Er kenne Delius schon seit Jahren, erzählte er uns, und

habe öfters für ihn gearbeitet -- ein sehr gelehrter Herr, der Herr

Delius. Und die Art, wie er dann die Kostümfrage eingehend erörterte,

über den Schnitt antiker Gewänder sprach und mit ernster nachdenklicher

Miene die Maße nahm, erweckte den Eindruck, als ob auch auf ihn etwas

von dem Geist des Altertums übergegangen sei.

Wir gingen Trikots kaufen und suchten zahllose Geschäfte durch, bis

wir rotes Weinlaub für die Kränze und symbolische Tautropfen aus Glas

fanden. Ich hatte die Idee des Flötenbläsers aufgegriffen, Konstantin

wußte mir ein sonderbares Instrument zu verschaffen, das zur Not eine

phrygische Hirtenflöte darstellen konnte, und ich saß viele Stunden

allein zu Hause, um mich darauf einzuüben. Dazwischen mußte ich wieder

Chamotte trösten, daß ich ihn diesmal wohl nicht gut mitnehmen könnte.

Einen Abend waren wir bei Hofmanns und halfen ein wenig bei den

Zurüstungen. Dabei ging es heiter und lebendig her, es wurden keine

dunkeln Gespräche geführt, und beide waren von einer wirklich

herzlichen, zwanglosen Liebenswürdigkeit, so daß ich mich recht wohl

fühlte. (Das dritte Zimmer stand an diesem Tage offen, aber es war

niemand darin.) Die Mädchen sprachen halb im Scherz davon, wie ich

mich mit dem Flötenblasen abmühe, man neckte mich damit und fand es

sehr anerkennenswert. Bei diesem Gespräch sah der Professor mich zum

erstenmal richtig an, und ich hatte einen Moment das Gefühl, als

verstände er vielleicht etwas von dem, was in mir lebt, anstatt wie

bisher mich einfach mit dem Vermerk abzutun, ich sei ein wundervoller

Mensch.

Dann war schließlich der Tag herangekommen, -- ich saß noch bis zur

Dämmerung zu Hause am Fenster und blies auf meiner Flöte. Dabei kam

eine ganz verträumte Stimmung über mich, ich meinte wirklich ein

Hirt zu sein, der eine antike Landschaft mit seinem Spiel erfüllte,

vielleicht auch ein geliebtes Mädchen dadurch herbeizulocken suchte.

Aber es kam kein Mädchen, es kam nur Chamotte, um zum Aufbruch zu

mahnen -- und ich war wieder Herr Dame, der ein griechisches Kostüm

trug, und den man verurteilte, heute abend die Syrinx zu blasen.

Herrn Dames Aufzeichnungen: oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil · 第 15 / 44 题