7. Februar

Am späteren Nachmittag im Eckhaus. Unten im Hof spielt das Kind, das

ich hier schon neulich gesehen habe. Susanna empfängt mich wieder in

der großen Küche. Was ich inzwischen gemacht habe?

»Nun -- versucht, mir über verschiedene Eindrücke klar zu werden und

mich mit dem Philosophen unterhalten.«

»Jetzt im Karneval?« sie schüttelt den Kopf, »warum sind Sie nicht

lieber mit uns zur Redoute gegangen, und heute ist draußen auf dem

Lande ein Fest, man fährt mit Schlitten hinaus.« Sie seufzt etwas --

Orlonski erscheint -- schon wieder im Henkerskostüm -- oder hat er es

inzwischen gar nicht abgelegt -- er frägt nach Willy:

»In seinem Zimmer -- er liest Maria Märchen vor.«

Wir gehen hinüber, Konstantin, der Sonnenknabe, ist auch da.

Maria liegt matt auf dem Diwan, sie sind alle schon im Kostüm für heute

abend, alle etwas bleich und übernächtig, und Willy liest ihnen ein

Gedicht aus des Knaben Wunderhorn vor:

Maria, wo bist du zur Stunde gewesen?

Maria, mein einziges Kind? --

Ich bin bei meiner Großmutter gewesen

Ach weh, Frau Mutter, wie weh!

Ich kannte das Gedicht -- die Großmutter hat ihr Schlangen zu essen

gegeben, und sie stirbt daran.

»Pfui, warum lesen Sie ihr das vor?« sagte Konstantin vorwurfsvoll.

»Weil es so auf sie paßt.«

»Auf mich?« fragte Maria ganz abwesend, und alle lachen. Sie scheint

gar nicht zu wissen, wovon die Rede ist.

»Und das schwarzbraune Hündlein, das auch von den Schlangen frißt und

in tausend Stücke zerspringt, -- das werden Sie wohl sein, Konstantin,«

meinte Willy etwas unliebenswürdig -- Konstantin lächelt nur, er ist

wirklich ein hübscher Kerl, und ich begreife, daß die Mädchen hinter

ihm her sind. Dann Orlonski:

»Katerunterhaltung ist das -- --« er versorgt uns mit schwarzem Kaffee,

und sein eisernes Schuppenhemd klirrt, wenn er sich bewegt -- »bleiben

Sie bei uns, Maria, wir geben Ihnen nicht Schlangen zu essen, bis Sie

kaput sind.«

»Nein, bei euch ist es zu friedlich, -- ich muß wohl immer etwas

haben, was mich zugrunde richtet. Und ich kann ja doch nicht los von

ihm --«

»Aber er denkt nicht daran, dich zugrunde zu richten,« sagt Konstantin.

»Nein, er nicht -- aber ich muß immer gerade das tun, was er nicht

leiden kann, er haßt den Karneval und sagt, es sei ein unechter Rausch.

Aber für mich ist es ein wirklicher, -- ich bin nur glücklich, wenn

jeden Abend ein Fest ist. Und jetzt will er aufs Land gehen, weil

er das nicht mehr mitansehen kann, es wäre lebensfeindlich, sich so

zuzurichten wie ich! Also was soll ich tun? -- was meinen Sie dazu,

Monsieur Dame?«

»Was soll ich meinen? -- ich tue immer nur das, wozu ich verurteilt

werde.«

»Sie Glücklicher -- weißt du, Susanna« -- sie denkt nach -- »ich will

doch lieber zu euch ziehen.«

»Und Konstantin?«

»O, Platz genug,« sagte Orlonski, und es folgte eine Art häuslicher

Beratung zwischen ihm und Susanna. Ich gehöre nicht zu den Neugierigen.

Die Zusammenstellung dieses Hauswesens ist mir immer noch dunkel. Wem

das Eckhaus gehört, wer ständig darin wohnt und wer vorübergehend --

und das Kind --

* * * * *

Heinz hält mich für einen harmlosen, unbedeutenden Menschen -- das hat

mir der Sonnenknabe wiedererzählt -- und für gänzlich ungefährlich in

bezug auf Frauen, man könne jedes junge Mädchen unbesorgt mit mir auf

Reisen schicken.

Ich weiß nicht, ob man das kann. In den Kreisen, wo ich aufgewachsen

bin, ist es nicht üblich, und ich hatte bisher auch noch nie das

Verlangen, junge Mädchen mit auf Reisen zu nehmen. Also, was sollen

solche Bemerkungen? -- Die Frau, die ich suche -- die steht auf einem

ganz anderen Blatt -- und wenn ich sie einmal finde -- -- --

Dieser Konstantin ist wohl das indiskreteste Wesen, das man sich

vorstellen kann, er erzählt alles wieder, was er sieht, hört,

miterlebt, und es hat den Anschein, als ob seine Freunde ihn alles

hören, sehen und miterleben lassen.

Susanna behauptet, sie merkten es gar nicht oder fänden es enorm, daß

er gar nicht begriffe, was Diskretion sei. Man bewundere nur die Anmut

und heidnische Schamlosigkeit, mit der er seine oder anderer Erlebnisse

zum besten gebe.

Nun, ich will gerne einräumen, daß der Junge viel Charme hat, ich mag

ihn recht gerne. Aber trotzdem berührt es mich nicht gerade angenehm,

wenn er mir mit strahlender Miene erzählt, daß andere Leute mich für

einen Dummkopf halten. Ich wurde sogar etwas ärgerlich und sagte, daß

Heinzens böse Zunge mir schon von der Schulzeit her bekannt wäre --

worauf er ebenso strahlend bemerkte, ja, ihm auch, denn Heinz sei sein

Vetter, und sie ständen sich sehr nahe.

Eigentlich kann es mir ja ziemlich gleichgültig sein, -- für einen

bedeutenden Menschen halte ich mich wirklich selber nicht, aber ich

verstehe und begreife vielleicht doch mehr, als Heinz annimmt. Sonst

würde der Philosoph sich wohl auch schwerlich so viel Mühe mit mir

geben -- er selbst steht den Dingen ja sehr skeptisch gegenüber, aber

ich habe mehr und mehr das Gefühl, daß es sich hier doch um große Ideen

und tiefe Lebenserkenntnis handelt. Es sind unter diesen Menschen

zweifellos einige ungewöhnliche Intelligenzen, und sie wollen das Leben

auf eine ganz neue und schönere Art gestalten. Und wenn ihnen das

gelänge, wäre es immerhin etwas Großes -- ich würde mich auch, soweit

es in meiner Kraft steht, gerne daran beteiligen. Ich liebe wohl das

Konventionelle in allen äußeren Dingen und möchte nicht gerne darauf

verzichten, aber wer weiß, ob nicht doch ein Fond von Heidentum in mir

steckt. -- Zum mindesten scheint mir, ich bin jetzt doch auf dem Wege,

in das geistige Leben dieses Vororts einzudringen und seinen inneren

Zusammenhängen näher zu kommen.

Die letzte Woche bin ich ganz im Eckhaus geblieben. Susanna verurteilte

mich dazu; sie meinte, ich müsse etwas aufgeheitert und von meinen

Grübeleien abgelenkt werden.

Es war wieder ein ganzes Romankapitel, aber ich weiß es noch nicht

anzufügen. Man kann doch nicht jedes Kapitel mit einem Karnevalsfest

beginnen lassen -- das kommt mir unkünstlerisch vor. Wollte man sich

genau an die Wirklichkeit halten, so scheint allerdings bei den

Eckhausleuten ein jedes nicht nur mit einem Fest anzufangen, sondern

auch damit zu enden.

Wie sie das aushalten, ist mir ein Rätsel; ich war schon nach zwei

Tagen ganz gebrochen und kam ins Lazarett, wie sie das nennen.

Dies alte Haus ist merkwürdig und geräumig gebaut. Oben die große Küche

ist zugleich der gemeinsame Salon, daneben liegen Willys Zimmer, und

im Seitenflügel wohnt Susanna mit dem rätselhaften Kind -- es sieht

niemand von den dreien ähnlich, aber es muß doch irgendwie zu ihnen

gehören. Unten im Parterre hat Orlonski sein Reich, und neben dem

großen Flur, durch den man hereinkommt, gibt es noch eine Reihe von

halbdunkeln Zimmern, wo die Gäste untergebracht werden. Orlonski hat

es dort mit vielen Diwanen, Polstern und anderen Lagerstätten etwas

phantastisch, aber sehr gemütlich hergerichtet, das Ganze gleicht etwas

einer Herberge, wo die müden Freunde des Hauses sich ausruhen und

erholen können. Mit dem Ausruhen war es allerdings manchmal nicht weit

her, aber ich bin jetzt schon daran gewöhnt, mich über nichts mehr zu

wundern.

Als ich das erstemal dort schlief, wurde mitten in der Nacht das

Fenster von außen geöffnet, und jemand rief ein paarmal leise: Maria --

dann stieg er hinein. Es war eine Mondnacht, und ich sah einen jungen

Mann in Frack und Zylinder vor mir stehen, seinen Mantel trug er über

dem Arm. Ich hielt es für angemessen, ihm zu sagen, Maria sei nicht

hier.

»Entschuldigen Sie, mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Dame -- ich heiße Dame.«

Darauf stellte er sich ebenfalls vor und sagte, es freue ihn ungemein,

mich kennen zu lernen -- er hätte Maria zum ~bal-paré~ abholen wollen

-- schade -- aber vielleicht käme ich mit? -- es sei eben erst

Mitternacht vorbei und immer noch Zeit genug -- ich nahm alle meine

Widerstandskraft zusammen und erklärte ihm, ich wäre wirklich zu müde.

»Müde? -- o das geht vorbei, sowie man dort ist -- --«

»Aber ich war die vorigen zwei Nächte aus --«

»Und da wollen Sie wirklich schlafen?«

Er stand regungslos da, vor meinem Bett, wie eine schmale, schwarze

Silhouette, und schien ganz in Erstaunen versunken.

»Wissen Sie, wo Maria heute ist?« fragte er dann.

»Mit Herrn Konstantin auf einem Atelierfest.«

»O -- gewiß wieder so eine bacchantische Wahnmochingerei,« sagte er

bedauernd -- »da kann ich im Frack nicht hingehen. Im Frack kann man

nicht dionysisch taumeln, -- sehen Sie, Herr Dame, deshalb paßt das

auch nicht in unsere Zeit. -- Was hab' ich davon, wenn ich abends

dionysisch herumrase -- mir wie ein Halbgott vorkomme und am nächsten

Morgen doch wieder mit der Trambahn in mein Bureau fahren muß, ich bin

nämlich Rechtspraktikant? -- Ich weiß nicht, wie die Leute sich damit

arrangieren. Es wird deshalb auch nie etwas Rechtes daraus. -- Sie

erlauben,« -- er stellte vorsichtig seinen Zylinder auf den Tisch und

rückte sich einen Stuhl an mein Bett.

Ich könne ihm doch nicht ganz beistimmen -- sagte ich nun -- im

Gegenteil, was man hier unter dem Begriff Wahnmoching zusammenfasse,

habe mich wohl zuerst befremdet, aber jetzt hätte ich doch das Gefühl,

daß sich mir hier allmählich eine neue und wunderbare Welt erschließe.

Und ich fühlte eine große Bewunderung für diese geistig hervorragenden

Menschen.

»Pardon, wen finden Sie geistig hervorragend?«

»Ich kenne die Herren leider erst ziemlich flüchtig -- aber ich habe

schon viel von ihnen gehört -- und zum Beispiel Maria -- --«

»Ja, da haben wir's -- Maria und so und soviel andere. Da laufen die

dummen Mädel hin und lassen sich erzählen, daß das Hetärentum bei

den Alten etwas Fabelhaftes gewesen sei. Und nun wollen sie auch

Hetären sein. -- Da war eine -- unter uns gesagt -- sie stand mir eine

Zeitlang sehr nahe -- aber eines schönen Tages erklärte sie mir, sie

habe eingesehen, daß sie nicht _einem_ Manne angehören könne, sondern

sie müsse sich frei verschenken -- an viele --. Es war nichts dabei zu

machen, -- sie hat sich dann auch verschenkt und verschenkt und ist

elend dabei hereingefallen. Denn glauben Sie mir nur, was ein rechter

Wahnmochinger ist, der sieht nicht ein, daß es für die meisten Mädel

eben doch ein Unglück bedeutet. Er bewundert sie höchstens, daß sie nun

ein Schicksal hat und es irgendwie trägt; aber was nützt ihr das?« --

Er machte eine Pause und fuhr dann fort:

»Bei Maria liegt es etwas anders, sie hat von Natur keine Prinzipien.

Und deshalb wird sie dort auch so verehrt. Sie sagt, es sei so schön

gewesen -- sonst habe sie immer nur Vorwürfe über ihren Lebenswandel

hören müssen, und alle hätten versucht, sie auf andere Wege zu bringen

-- aber als sie dann unter diese Leute kam, machte man ihr, Gott weiß

was für Elogen und fand alles herrlich. Sie hatte damals gerade das

Kind bekommen, und die Welt zog sich etwas von ihr zurück.«

»Maria hat ein Kind?« fragte ich, wohl etwas ungeschickt, denn ich

hatte ja keine Ahnung davon gehabt.

»Das wissen Sie nicht -- o sie macht übrigens gar kein Geheimnis

daraus« -- er wurde etwas nachdenklich, »Gott, ich weiß ja kaum,

wer Sie eigentlich sind, aber ich nehme an, daß Sie dem Hause hier

nahestehen --« darauf gähnte er: -- »Hören Sie, Herr Dame, wir sind

wahrscheinlich beide ziemlich müde. -- Sie haben doch nichts dagegen,

wenn ich dort auf dem Diwan schlafe.«

Nein, natürlich hatte ich nichts dagegen, -- seine frische unbekümmerte

Art war mir ganz sympathisch.

Er zog nur seinen Frack aus und hängte ihn über die Stuhllehne, dann

warf er sich auf den Diwan.

»Wissen Sie -- ich habe schon manchmal hier geschlafen, -- wenn ich

meine Schlüssel vergessen oder mich verspätet hatte. Ein oder das

andere Fenster ist immer offen, und die Eckhäusler wundern sich nie,

wenn sie morgens irgendeinen Bekannten vorfinden -- besonders im

Karneval, -- es ist wirklich ein gastfreies Haus --«

Ich konnte noch lange nicht einschlafen, der Mond schien gerade

ins Fenster, und der schwarze Frack hing so gespenstisch über die

Stuhllehne, daß ich jeden Augenblick emporfuhr und meinte, es stände

jemand vor mir. Ich dachte noch über Maria nach -- es ist soviel

Verhängnis um sie, -- da tobt sie nun heute nacht mit dem Sonnenknaben

und den Enormen, und vielleicht liebt sie auch den Mann, der dort

drüben schläft. Und morgen liegt sie selbst wieder hier auf dem Diwan,

und wir unterhalten uns müde über unsere Biographien. Wir verstehen

uns, wie nur zwei Verurteilte sich verstehen können -- eine andere

Liebe ist nicht zwischen uns. Hallwig nennt so etwas den Eros der

Ferne -- hat Maria mir gesagt -- früher hätte ich das überhaupt nicht

verstanden und mir nichts darunter vorstellen können.

* * * * *

Als ich aufwachte, war der Frack fort und sein Besitzer verschwunden.

Susanna stand am Tisch und betrachtete sinnend ein Paar weiße

Glasseehandschuhe, die er anscheinend vergessen hatte. Dann lächelte

sie mich an:

»Lieber Dame, kommen Sie doch mit zum Frühstück hinauf, wir haben ein

paar Leute mitgebracht.«

Es ist sieben Uhr morgens. Sie sind eben erst heimgekommen -- die ganze

Küche voll kostümierter Gestalten. Ich weiß nicht, ob ich wache oder

träume. Man sitzt bei Lampenlicht um den Frühstückstisch, die Mädchen

haben Kränze auf dem Kopf, sehen blaß und glücklich aus.

Susanna legt die weißen Handschuhe vor Maria hin:

»Gilt das mir, oder gilt es dir?«

Sie flüstern zusammen, dann fragt Susanna:

»Sie -- Monsieur Dame, wie hat er denn ausgesehen?«

Ich versuche ihn zu beschreiben -- schlank -- mittelgroß -- das

Gesicht hab ich nicht deutlich sehen können, da es halbdunkel war. --

Aber ich besinne mich, daß er Maria abholen wollte.«

»O, dann war es Georg,« sagt Susanna, »die Handschuhe sind deine,

Maria -- --«

Die beiden sehen sich an und lächeln -- dies Lächeln, dieser Blick ist

absolut heidnisch -- bei Susanna vielleicht noch mehr. Hinter ihrem

Lächeln ist nie ein Schmerz oder eine Zerrissenheit -- Susanna kann

selbst aus meinem Herzen alle Nebel und alles Dunkel hinweglächeln --

wenn sie mich ansieht wie an diesem Morgen -- Ich kann nicht anders,

ich muß ihnen beiden die Hände küssen.

Da sitzt ein Herr am Tisch, der ein Monokel trägt und alles aufmerksam

beobachtet. Er ist ein Jugendbekannter von Susanna, den sie heute nacht

beim Fest zufällig wiedergetroffen hat. Er steht in Berlin bei der

Garde, wie sie mir nachher erzählte.

»Na, weißt du Susi, das ist wirklich eine originelle Bude -- und da

wohnst du?«

»Freilich wohne ich hier,« antwortete sie gleichmütig.

»Ja -- sag mal -- --«

Willy erscheint aus dem Nebenzimmer, er ist in Zivil, denn er war heute

nicht mit -- sieht sich mit seinen runden Augen etwas erstaunt um,

begrüßt alle, setzt sich an den Tisch.

»Ach, Susanna, gibt es schon Frühstück?« sagt er weich und sehnsüchtig.

»Ja, bitte, mahlen Sie den Kaffee, wir warten nur noch auf Onski.«

Willy beginnt Kaffee zu mahlen, Maria zupft ihn an den Haaren und

erzählt ihm von dem Feste. Der Jugendbekannte betrachtet ihn etwas

erstaunt und wirft einen fragenden Blick auf die Herrin des Hauses.

»Das ist Willy,« erklärte sie, »der wohnt da drüben neben der Küche,

und Orl -- Gott sei Dank, da kommt er endlich.«

Orlonski kommt die Treppe hinauf, alles an ihm ist wieder rasselndes

Eisen, und er ist böse.

»Ah -- Maria -- wo ist denn der Sonnenbengel? -- schon untergegangen am

frühen Morgen?«

»Onski, wir verhungern,« sagt Susanna, »Ihr könnt Euch nachher zanken.«

Orlonski und der Gardeleutnant stellen sich einander aufs förmlichste

vor, sie verbeugen sich und schlagen die Absätze zusammen:

»Sehr angenehm -- --«

»Freut mich sehr -- --«

Die anderen betrachten das wie eine seltene Schaunummer.

Dann begibt sich Orlonski an den Herd -- er ist ein sonderbarer

Kauz, und ich habe ihn sehr schätzen gelernt, ein wenig rauh und

kurz angebunden, aber Gentleman durch und durch -- Er treibt alle

Sportarten, die es überhaupt gibt, mit Vollendung und kocht vorzüglich

-- die Frauen läßt er überhaupt nicht an den Herd, und behauptet,

sie verständen nichts davon. Man pflegt deshalb andächtig mit den

Mahlzeiten zu warten, bis er kommt. Er bereitete uns denn auch an

diesem Morgen ein ausgezeichnetes englisches Frühstück. Susannas

Jugendfreund beobachtet ihn stumm, dann läßt er sein Monokel fallen und

beugt sich zu Susanna hinüber:

»Großartig, das ist ja das reinste Familienleben -- dein Onkel in

Berlin erzählte mir -- ja sag mal -- Susi, und was tust denn du hier

eigentlich?«

»Aber das siehst du doch, -- ich führe ihnen den Haushalt,« sagte sie

lässig und zufrieden.

* * * * *

Ich dachte, sie würden alle etwas ruhebedürftig sein, aber nach dem

Frühstück wurden sie wieder sehr lebendig und berieten, was nun mit

diesem angebrochenen Tag zu beginnen sei. Orlonski ordnete schließlich

an, wir sollten alle aufs Land fahren. Er nahm den Leutnant mit auf den

Speicher, und sie förderten eine Anzahl Rodelschlitten und Schneeschuhe

zutage. Ich schickte Chamotte in meine Wohnung und ließ ihn holen, was

ich an Sportgarderobe besitze -- einiges fand sich auch im Eckhaus vor.

Orlonski musterte erst die vorhandenen Kleidungsstücke, dann jeden

seiner Gäste mit Kennerblicken, und unter seinem Kommando wurde eine

Art militärische Einkleidung vorgenommen. Wir fuhren aufs Land, alle in

der heitersten Stimmung, selbst im Waggon fingen sie noch wieder an,

einen Konter zu tanzen, aber der Schaffner verbot es.

Es war ein wundervoller, weißer Wintertag, wir trieben uns viele

Stunden im Schnee herum. Susanna hatte mich zum Partner genommen, und

ich fühlte mich stillglücklich, ich der Müde, Verurteilte, unter diesen

Unermüdlichen. Sie verlangen ja nicht, daß ich mich persönlich stark

betätige, und ich störe sie nicht, ich lasse mich so gerne mitziehen.

-- Maria war an dem Tag stürmisch und voller Leben, mit Willy zusammen

sauste sie leidenschaftlich die Abhänge hinunter -- einmal stürzen

sie und der Schlitten geht entzwei. Orlonski macht ihr Vorwürfe, es

ist immer etwas Krieg zwischen den beiden, und er hält beim Sport auf

Ordnung. Sie lacht nur und sagt:

»O, meinetwegen soll alles zerbrechen, -- alles, nicht nur der

Schlitten, auf dem ich fahre.«

Und Susanna war schläfrig, ihre Bewegungen hatten etwas Mattes, -- sie

meinte, die Welt sei für sie heute in lauter Schleier gewickelt. Wenn

Orlonski in ihre Nähe kam, drückte sie ihm die Hand. Er sah sie an --

seine Augen sind scharf und graublau -- wie von Stahl --

»Onski, ich bin sehr glücklich -- das Leben ist so schön --« sagte sie.

Als wir einmal aus der Bahn geraten, will sie, daß wir da im Schnee

sitzen bleiben, warum soll man sich so anstrengen? Wir bleiben sitzen

und sehen den anderen zu. Ein paarmal nennt sie mich du -- man ist im

Karneval so gewöhnt, alle zu duzen. Wir sprechen nicht viel, sie lehnt

sich ein wenig an mich und schläft hier und da einen Moment ein.

Dann geht die Sonne unter, und wir fahren in die Stadt zurück. Maria

will noch nicht nach Hause, und der Leutnant, den man etwas übersehen

und fast vergessen hat, lädt uns ein, in der Bar zu soupieren. Alle

werden noch einmal wieder ganz wach und sehr munter, und wir kommen

erst gegen drei oder vier Uhr ins Eckhaus zurück. Susanna berief sich

mit plötzlicher Energie auf ihre Stellung als Hausfrau und setzte für

morgen einen allgemeinen Schlaftag an. Wer bliebe und wo er bliebe,

sei ihr einerlei, -- jeder möge sehen, wie er unterkomme. Chamotte

solle mit dem Kinde spazieren gehen und es beaufsichtigen, dazwischen

könne er hier und da leise -- um Gottes willen recht leise -- durch die

verschiedenen Zimmer gehen und Erfrischungen verabreichen. Am späteren

Abend würde wohl irgendwie eine richtige Mahlzeit oben in der Küche

zustande kommen -- dabei warf sie einen fragenden Blick auf Orlonski,

aber der zuckte ablehnend die Schultern, und Susanna fügte hinzu,

schlimmstenfalls würde sie selbst für alles sorgen.

Ich hatte ja die vorige Nacht, wenn auch nicht ungestört, geschlafen

und wachte gegen Mittag von einem leichten Geräusch auf. Es war

Chamotte, der auf den Zehenspitzen herumschlich. Willy ließe fragen,

ob er zu mir herunter kommen könnte, er sei auch schon wach, und da

er zwei Gäste beherbergte, fühlte er sich etwas beengt. Ich kleidete

mich an und legte mich dann wieder aufs Bett, Willy kam in einem

gelbseidenen Kimono:

»Ich weiß nicht, wem er gehört,« seufzte er, »man zieht jetzt immer an,

was man gerade findet. -- Es ist alles so anstrengend, -- der Leutnant

ist schon fortgegangen, um seine Tante von der Bahn zu holen, Susanna

hat ihm ihren roten Rodelsweater und Reithosen von Onski gegeben --

denn er wollte durchaus nicht in seinem Biedermeierfrack an die Bahn

gehen. Wir drei hier im Hause kommen jetzt manchmal in Verlegenheit,

weil wir immer unsere Gäste zum Fortgehen ausstaffieren müssen. Ein

junges Mädchen mußten wir neulich zwei Tage dabehalten, weil sie als

Page zu uns kam und nichts vorhanden war, was ihr paßte --«

Chamotte machte derweil Ordnung im Zimmer, heizte den großen Ofen ein

und brachte uns Kaffee. Dann lagen wir da, rauchten Zigaretten, und

es war sehr gemütlich. Die Tür zu beiden Nebenzimmern stand offen, in

dem einen schlief Orlonski, in dem anderen Maria, und wir sprachen

halblaut, um sie nicht zu stören.

Ich fragte, ob Susanna denn schon auf sei -- da sie den Leutnant

kostümiert hatte --, sie war doch gestern am allermüdesten und schien

es mit dem Schlaftag sehr ernst zu meinen.

»O, Susanna macht es wie die Sonne, sie geht in Wirklichkeit nicht

unter -- sie geht nur um die Erde herum und scheint dann über

irgendwelchen anderen Ländern. Beim Schlaftag kommt es ihr nur darauf

an, daß jeder in seinem Zimmer bleibt -- sie gibt dann Gastrollen,

besucht eine Niederlassung nach der anderen und schläft da, wo sie

gerade ist, noch ein paar Stunden weiter.«

* * * * *

Chamotte ist mit dem Kind ausgegangen, das ganze Haus liegt in tiefem

Schweigen. Die Türglocke hat man vorsorglich abgestellt. Maria ist

inzwischen einmal aufgewacht und hat gefragt, wer denn hier nebenan

sei. Wir haben ihr Kaffee hineingebracht und ein wenig geplaudert, dann

ist sie wieder eingeschlafen -- die weißen Glacéhandschuhe, die Susanna

ihr heute morgen gegeben, liegen auf dem Tischchen am Bett.

Allmählich wird es Nachmittag, und Susanna erscheint mit Tee und

Brötchen. Ihr Lächeln ist heute etwas resigniert:

»Onski hat Migräne,« sagte sie, »und steht nicht auf. Da werden wir

wohl heute und morgen fasten müssen. Ich glaube, es ist am besten, wenn

wir nachher unsere Kostüme wieder anziehen und heute abend auf den

Gauklerball gehen. -- Die anderen wollen wir gar nicht erst wecken, das

Weitere wird sich hier dann schon irgendwie entwickeln,« sie seufzte

ein bißchen -- »ach Gott, es ist wirklich keine Kleinigkeit, wenn die

Verantwortung für so vieler Leute Wohlergehen auf einem ruht.«

* * * * *

Ermattet legt sie sich auf die Polster in die Nähe des Ofens, schließt

die Augen und scheint in eine Art Halbschlaf zu versinken. Willy und

ich sprechen mit gedämpfter Stimme weiter -- hier und da ermuntert

Susanna sich ein wenig, beteiligt sich am Gespräch oder langt nach

ihrer Teetasse. Unvermerkt geraten wir wieder auf die heidnischen Ideen

und ihre Verwirklichung in unserer heutigen Welt. Ich erzähle von

meiner nächtlichen Unterhaltung mit dem Herrn im Frack.

»Ach, der Georg,« -- sagt Willy -- »er möchte sie immer noch gerne

heiraten, und ich nenne ihn den standhaften Zinnsoldaten -- Maria

ärgert sich darüber, aber sie hat immer einen oder den anderen

Zinnsoldaten, als Gegengewicht oder zur Erholung von ihrer heidnischen

Betätigung.

Ein Wort gab das andere, und ich erkundigte mich mit größtmöglicher

Diskretion, ob es etwa Marias Kind sei, das hier im Hause wohne.

Susanna hatte gerade einen wachen Moment und richtete sich halb auf.

»Aber ich bitte Sie -- das ist doch meins -- --«

»Ihres? -- --«

»Ja, natürlich -- wußten Sie das nicht?«

»Woher sollte ich das wissen, das Kind ist einfach da, und man hat

niemals davon gesprochen, wem es gehört.«

»Marias Kind -- ja, Maria ist ein komplizierter Fall« -- erläuterte

Willy dann weiter, »Sie müssen wissen, -- in Heidenkreisen hatte man

schon lange die Frage aufgeworfen, wie es mit der Vereinigung von

Mutterschaft und Hetärentum stände -- beides natürlich in möglichster

Vollendung gedacht --, aber die Beobachtung an lebenden Objekten war

immer ziemlich ungünstig ausgefallen. Die Mädchen, die als Hetären

in Betracht kamen, hatten eben keine Kinder und waren froh, daß sie

keine hatten. Andere wünschten sich wohl Kinder, strebten dann aber

nach Heirat und gaben das Hetärentum auf. -- Nun tauchte Maria hier

in aller Fröhlichkeit mit ihrem Lebenswandel und einem Baby auf.

Durch ihr bloßes Dasein, in dem sie unbewußt, aber mit ›königlicher

Selbstverständlichkeit‹ -- so sagt man dort -- ihren heidnischen

Instinkten nachgelebt hatte, stellte sie das gelöste Problem: Mutter

und Hetäre dar und wurde sehr gefeiert.«

»Ja, Ähnliches hat mir der Herr von gestern nacht -- der Zinnsoldat,

wie Sie ihn nannten -- schon erzählt.«

»Ach der,« meinte Willy wegwerfend --, »der versteht schon gar

nichts davon und hat keine Ahnung von Marias eigentlichem Wesen. Die

Zinnsoldaten sind eine schwache Seite von ihr -- ich glaube überhaupt

von den meisten Frauen, aber sie sind ihnen nicht abzugewöhnen« -- er

warf einen wehen Blick auf Susanna, und sie lächelte halb im Schlaf.

»Also Maria -- -- --«

»Ja, Maria wurde fortan als Paradigma hingestellt, als lebendes Symbol

für heidnische Möglichkeiten. Es haben dann noch ein oder zwei andere

Mädchen Kinder bekommen -- offizielle Kinder, die nicht geheimgehalten

wurden, aber sie machten nicht mehr soviel Eindruck. Und Maria

beklagt sich bitter darüber, daß man sie von nichtheidnischer Seite

gewissermaßen dafür zur Verantwortung zieht und die Sache so hinstellt,

als mache sie Propaganda für liederliches Leben und illegitime

Kinder -- --«

Susanna setzte sich auf und gähnte:

»Mein Gott, redet ihr schon wieder von illegitimen Kindern? Ich hätte

gar nicht gedacht, daß Herr Dame sich so dafür interessiert.«

Ich machte noch die Bemerkung, es wundere mich, daß Susanna in den

Heidenkreisen nicht ebensoviel Bewunderung errege wie ihre Freundin.

Sie kennen sie ja doch alle -- sie verkehrt mit ihnen -- ihre ganze

Art zu leben und das Kind.

»O, mein Kind gilt nicht für voll, und niemand schaut mich drum an,«

sagte sie darauf beinah entschuldigend, »ich hatte es doch schon, als

die Hetärenfrage aufkam -- außerdem war ich einmal verheiratet, und das

ist eben nicht dasselbe.«

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Herrn Dames Aufzeichnungen: oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil · 第 14 / 44 题