14. Januar

Heute -- gestern -- vorgestern -- ich muß mich erst wieder besinnen,

wie die Tage sich folgten.

Mittwoch war das Fest, und am Donnerstag nach Tisch machte ich mich

noch ziemlich schläfrig auf den Weg, um der freundlichen Einladung

des Philosophen zu folgen. Unterwegs fiel mir ein, daß bei Hofmanns

Jour war und ich wohl auch dorthin gehen müsse. Frau Hofmann hatte mir

gesagt, es werde heute wahrscheinlich Delius kommen, und ich sollte

ja nicht versäumen, ihn persönlich kennen zu lernen. Er sei eine der

bedeutendsten Erscheinungen des heutigen Deutschlands -- ich glaube

sogar, sie sagte »Germaniens«, und mir ist nicht recht klar, wie sich

das mit seiner römischen Substanz vereinigen läßt.

So bat ich Sendt, nach einer angenehmen, friedlichen Teestunde, ob er

nicht mitgehen wolle. Er zeigte sich nicht sehr aufgelegt, entschloß

sich aber endlich doch.

Als wir kamen, stand ein großer Teil der Gesellschaft im ersten

Zimmer um den Tisch versammelt. Ein Maler, der dem Kreis angehört

und dort sehr geschätzt wird, hatte Zeichnungen mitgebracht, und man

betrachtete, bewunderte und belobte sie. Da war ein Bild des Meisters

(über dieses wurde nicht laut gesprochen, man vernahm nur von Zeit zu

Zeit ein ehrfürchtiges Murmeln oder gedämpftes: wirklich fabelhaft!

-- ungeheuer!) ferner verschiedene frühere Dichter und historische

Persönlichkeiten: Schiller, Goethe, Luther und andere. Den Maler halte

ich nicht für sehr talentvoll, -- die Blätter hatten alle dasselbe

längliche Format, und sämtliche Köpfe waren so groß, daß sie irgendwo

beinah oder ganz an den Rahmen anstießen. Zudem kam es mir befremdlich

vor, daß er die verschiedenen großen Toten so ganz einfach porträtiert,

als ob sie ihm gesessen hätten. Es gibt doch genug authentische Bilder

von ihnen, die mehr Wahrscheinlichkeit besitzen.

Der Philosoph stand neben mir, sagte manchmal hm -- hm --, und ich

wollte ihn gerade um seine Meinung befragen, da ging die Tür auf, und

Delius trat herein. Er verneigte sich nach verschiedenen Seiten mit

demselben Wechsel zwischen konventionellem Lächeln und plötzlicher

Starrheit, den ich damals auf der Straße an ihm beobachtete, dann

trat er auf den Tisch zu, warf einen Blick auf die Zeichnungen,

betrachtete scharf und flüchtig das Porträt Luthers und wandte sich in

liebenswürdig anerkennendem Ton an den danebenstehenden Maler:

»Nun, Herr Bender, ich sehe hier ein überaus wohlgelungenes Bildnis --

(ringsum entstand eine erwartungsvolle Pause, und nun fuhr er plötzlich

beinah drohend fort:) -- von jenem infamen Mönch, der uns um die

schönsten Früchte der Renaissance betrogen hat -- (Pause) -- und den

man im Altertum sicher auf dem Forum gestäupt hätte -- --«

Die erwartungsvolle Pause war in allgemeine Verlegenheit übergegangen,

ein paar Minuten lang blieb alles totenstill.

Ich sah den Sprecher an und fand in diesem Augenblick, daß sein Kopf

mit den breiten, unbeweglichen Zügen nicht, wie ich neulich meinte, an

einen katholischen Geistlichen, sondern tatsächlich an alte römische

Kaiserbüsten erinnerte. Man hätte sich mit ein wenig erhitzter

Phantasie wohl vorstellen können, daß er jetzt gleich mit derselben

monoton singenden, wie aus einem Grabe hervortönenden Stimme den Befehl

erteilen würde, eine ganze Stadt voller Christen zu verbrennen.

Der Maler stand ein wenig betroffen da, Frau Hofmann lächelte

triumphierend über die Anwesenden hinweg, als fühle sie wohl, daß eben

etwas Bedeutendes unter ihrem Dache geschehen sei, und dann brach die

mutige kappadozische Dame das Schweigen:

»Es wäre höchst interessant, Herr Delius, wenn Sie uns noch etwas über

den Untergang der Renaissance sagen wollten. Sind sie wirklich der

Ansicht, daß der Protestantismus -- --«

»Nun,« fuhr Delius völlig unbeirrt und unpersönlich fort -- er sah

dabei die kappadozische Dame fest an, aber so, als ob sie gar nicht da

wäre -- »nun, der Protestantismus bedeutet den Sieg -- ja, leider den

Sieg des jüdisch-christlichen Elementes über den Rest von Heidentum in

der katholischen Kirche -- glauben Sie nur -- was überhaupt an diesem

Christentum, über das ich mich jetzt nicht näher auslassen möchte, --

in jenen traurigen Zeiten des Niedergangs noch lebendig und glühend

war -- das ist Rom -- das ist die Blutleuchte des Altertums -- die

Blutleuchte Roms -- (Blutleuchte -- ein wunderbares Wort -- aber was

mag es bedeuten? ich warf dem Philosophen einen flehenden Blick zu,

und er winkte beruhigend: später, später.) Rom und immer wieder Rom

-- Wissen Sie,« und dabei überschlug sich seine Stimme in einem jähen

Auflachen, »wissen Sie, daß dieser abtrünnige Mönch einfach ein Jude

war -- ja,« fügte er gedehnt und geheimnisvoll hinzu: »Geist ohne

Substanz, das ist immer der Weg zum nichts. Seien Sie überzeugt,

daß keiner ihn ungestraft beschreitet. Der sogenannte Geist und die

Selbstvernichtung der Substanz, -- das ist immer dasselbe. Ja, der

Fluch all dieser neuen Gestaltungen, -- das ist der Geist und sonst

nichts. Aber das hängt mit den biotischen Schichten zusammen, und da

sind viele geheimnisvolle Dinge im Spiel,« dies letzte klang, als ob

er nur zu sich selber spräche und ganz vergessen hätte, daß alles ihm

zuhörte.

Frau Hofmann reichte ihm eine Tasse Tee, er nahm sie dankend entgegen,

und nun sagte sie mit heller Stimme:

»Ja, aber wenn nun Luther katholisch geblieben wäre -- --«

»Aber Lotte!« -- fuhr ihr Gatte mit einem strafenden Blick dazwischen,

und sie hielt inne.

Delius war ganz in seine Gedanken versunken, er stand da, wiegte

langsam den Kopf hin und her, nahm einen Schluck Tee und sprach noch

einmal dumpf vor sich hin:

»Ja, das sind allerdings sehr geheimnisvolle Dinge.« Dann ergriff

wieder die kappadozische Dame das Wort -- der Professor wanderte

derweil unruhig hin und her, und es machte den Eindruck, als ob er sie

gerne daran gehindert hätte.

»Ich glaube, ich verstehe jetzt, was Sie damit sagen wollen, aber

meinen Sie, daß Luther wirklich ein Jude war oder haben Sie sich nur

bildlich ausgedrückt?«

»Nun, -- mancher ist ein Jude, ohne es zu wissen,« sagte Delius monoton

und abwesend.

»Und mancher andere ist keiner, obwohl er dafür gilt,« bemerkte ein

schlanker, schwarzer junger Mann, der neben mir stand.

»Gewiß, gewiß, ich will nicht leugnen, daß auch dieses vorkommen kann,«

antwortete Delius kurz.

Die Frau des Hauses flüsterte indessen mit dem Maler, er raffte seine

Blätter zusammen und verschwand in dem dritten Zimmer. Der Professor

zog einige Jünglinge hinter sich her und folgte ihm.

Delius war immer noch apathisch und in Gedanken verloren stehen

geblieben, der Philosoph suchte nun wieder irgendeine Unterhaltung in

Gang zu bringen und sprach von seiner Sommerreise in Italien. Übrigens

war auch Maria inzwischen erschienen und gesellte sich zu uns, man

gruppierte sich um einen kleinen Tisch, und Sendt erzählte, wie er an

einem heißen Tage auf Capri alleine auf den Hügeln umherwanderte, wo

sich die Ruinen von dem Schloß des Tiberius befinden. Die Landschaft

sei im Mittagssonnenlicht wie verzaubert dagelegen, und plötzlich

hätte ein kleiner weißhaariger Mann neben ihm gestanden, der aus den

Ruinen hervorgekommen sein mußte -- er trug einen merkwürdigen Mantel

und sein bartloses Gesicht zeigte ein ausgesprochen römisches Profil

-- Delius begann aufzuhorchen -- »Er hatte eine Blume in der Hand,«

erzählte Sendt weiter, »und reichte sie mir, wünschte mir guten Tag

und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen, wieder in dem Gemäuer

dicht neben mir, nachdem ich ihm noch einen Obolus in die Hand gedrückt

hatte.«

Delius erkundigte sich eifrig nach dem Schnitt des Mantels, -- ob es

nicht vielleicht ein römisches Obergewand gewesen sein könnte?

»Und die Blume -- war es nicht eine kleine, blaue Sternblume?«

»Ja, das stimmt wirklich,« antwortete der Philosoph.

»Nun, so ist es zweifellos jene Blume gewesen, welche Tiberius seiner

Zeit aus Persien mitgebracht und in seinen Gärten angepflanzt hat.«

»Wohl möglich,« sagte Sendt, -- »und wenn Sie jetzt behaupten wollen,

der Mann sei ein altrömischer Krieger gewesen, so muß ich offen sagen,

sein plötzliches Erscheinen und die ganze Begebenheit in der glühenden

Mittagssonne war so spukhaft, daß ich es kaum bestreiten würde.«

»Sehen Sie,« warf nun Frau Hofmann ein und blickte auf den Philosophen,

als ob sie ihn endlich überführt hätte, »das war doch sicher ein

kosmisches Erlebnis.«

Ich erwartete ein erlösendes Mirobuk, aber er sprach es nicht aus,

sondern bedeutete mir etwas nervös, daß wir jetzt gehen wollten. Delius

schüttelte ihm mit plötzlicher Herzlichkeit die Hand, dann ging er mit

kurzen, entschlossenen Schritten auf das dritte Zimmer zu und murmelte

unterwegs noch etwas von Tiberius vor sich hin.

Maria schloß sich uns an und wollte durchaus in einer Bar soupieren.

»Maria, Maria,« sagte Sendt, »Sie täten besser, einmal auszuschlafen,

Ihr Freund Hallwig würde es sicher molochitisch nennen, wie Sie auf

Ihre Gesundheit loswirtschaften. Aber wie Sie wollen.«

»Machen Sie mir den armen Monsieur Dame nicht noch konfuser,« gab

sie zurück -- sie hatte gleich, wie wir draußen waren, meinen Arm

genommen --, »er zuckte eben bei dem Wort molochitisch schon wieder

zusammen. Ich glaube, wir werden heute die Biographien umkehren und

Sie zu einem längeren Vortrag verurteilen müssen, sonst kann er sicher

nicht schlafen.«

»Ja, gerne, wenn es Ihnen Freude macht -- nach einem guten Abendessen

und ohne kappadozische Zwischenfragen läßt sich schon eher über diese

Sachen reden.«

»Und ich werde viele, viele Zigaretten dazu rauchen,« meinte sie sehr

zufrieden, »denn die größere Hälfte verstehe ich ja doch wieder nicht.«

7

Mir ist, als müßte ich mein Gehirn auseinander nehmen und wieder neu

zusammensetzen. Die Art, wie es bisher funktioniert hat, die mir

geläufigen und gewohnten Gedankengänge nützen mir nichts mehr -- ich

möchte sie ausschalten, ausrangieren, bis ich imstande bin, mich in all

diesen neuen sicherer zu bewegen.

Einen halben Tag habe ich gebraucht, um das auf den Jour folgende

Nachtgespräch aus meinen Notizen wieder zusammenzustellen und noch

einmal durchzudenken. Wenn ich dann alles hier eingetragen habe, will

ich den Philosophen bitten, es noch einmal nachzulesen. Auch was

dazwischen konversationsweise gesprochen wurde, habe ich mir angemerkt,

in der Absicht, das Ganze später für meinen Roman zu verwenden.

Da liegt nun eine Schwierigkeit, über deren Lösung ich mir noch nicht

klar bin: kann ich dem Leser, der vielleicht nur persönliche Erlebnisse

und Schicksale erwartet oder wünscht -- zumuten, sich mit mir in diese

seltsame und umfangreiche Gedankenwelt zu vertiefen? -- Ich denke

eigentlich: ja; und wer nicht dazu gewillt ist, der möge das Buch

ruhig aus der Hand legen oder es mit einem anderen vertauschen. Denn

es wird ihm sonst, ebenso wie mir, nicht möglich sein, die Menschen

und Begebenheiten in diesem außerordentlichen Stadtteil richtig zu

verstehen.

Ja, und einstweilen muß es wohl noch dahingestellt bleiben, ob ich

selbst dieser schweren Aufgabe gewachsen bin.

_Anmerkung_

Wir nehmen an, daß Herr Dame die einliegenden,

anscheinend aus seinem Notizbuch kopierten

Blätter, gemeint und nur seine Absicht, sie in das

Tagebuch einzutragen, aus irgendeinem Grunde nicht

ausgeführt hat. Verfahren Sie bei einer eventuellen

Veröffentlichung damit, wie Sie es für gut halten --

vielleicht erscheint der Inhalt Ihnen, sowie etwaigen

Lesern, leichter verständlich als uns.

Nachtgespräch mit dem Philosophen in der Jahreszeitenbar.

Am 5. Februar 19...

Das Souper war vorzüglich, der Philosoph bei guter Laune und ich fühlte

mich allmählich wieder frisch und aufnahmefähig. Als wir dann beim Café

saßen, begann Sendt mit jener wohlwollenden Heiterkeit, die ich so sehr

an ihm schätze:

»Nun, lieber Dame, worüber wünschen Sie jetzt belehrt zu werden -- der

heutige Jour war ja einigermaßen reichhaltig und stellte wohl an den

Laien ziemliche Anforderungen -- -- --«

Ich dachte nach, mir schwirrte wieder alles bunt durcheinander -- wieso

Luther ein Jude sein sollte -- und Blutleuchte -- dieses wunderbare,

suggestive Wort wollte mich gar nicht wieder loslassen -- ja, und

die blaue Blume des Tiberius -- und kosmisches Erlebnis -- mir fiel

wieder ein, daß die kappadozische Dame damals auch ihren Traum einen

kosmischen genannt hatte.

»Nur Mut, und alles hübsch der Reihe nach,« sagte der Philosoph.

»Haben Sie etwas davon behalten, was ich Ihnen kürzlich über die

Substanzentheorie des Herrn Delius gesagt habe, und erinnern Sie sich

noch an die Geschichte von dem Psychometer und dem Ring des Meisters?«

»Ja, ich erinnere mich.«

»Also -- das dürfen Sie nun vor allem nicht verwechseln. Bei dem

Psychometer handelte es sich um die Seelensubstanzen des einzelnen,

die unter anderem an seinen Gebrauchsgegenständen haften bleibt. Zum

Beispiel Adrian, den Sie ja auch kennen, besitzt einen Lehnstuhl

von seiner Großmutter, den er als gespenstisch empfindet, weil die

Substanz der Verstorbenen ihm wahrscheinlich noch anhaftet. Ist er

abends alleine in seinem Zimmer, so wird er sich nie entschließen, in

diesem Lehnstuhl zu sitzen, obgleich er ungemein bequem ist. -- Aber

lassen wir Adrians Großmutter -- sie ist belanglos, und die ganze

Sache mit den Einzelsubstanzen ist eigentlich unwahnmochingisch.

Wahnmoching lehnt den Individualismus ab und lehrt, daß der einzelne

wenig in Betracht kommt. Von großer Wichtigkeit sind dagegen die

Ursubstanzen, aus denen die Einzelseele zusammengesetzt ist, so, wie

ich Ihnen schon einmal sagte, die Rassensubstanzen: -- die römische

-- germanische -- semitische und so weiter. Diese befinden sich im

Blut, -- unterstreichen Sie _Blut_, es ist von größter Bedeutung. Wo

nun eine von ihnen das Übergewicht bekommt, so daß sie allein das

Erleben (Schauen, Dichten, Handeln und vor allem auch das Träumen)

beherrscht -- da haben wir die Vorbedingungen für das Zustandekommen

der Blutleuchte. Hier ist nun eine mystische Komplikation zu merken:

irgendeine heidnische Substanz hat periodisch größere Stärke, daher

»heidnische Blutleuchte« in vielen Individuen gleichzeitig. So war

in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts große heidnische

Blutleuchte. Delius fand seine Weltanschauung -- Nietzsche schrieb den

Zarathustra -- in der damaligen Jugend gärte es -- König Ludwig ~II.~

versuchte seine phantastischen Ideen auszuleben -- -- --«

»Oder heuer im Karneval,« warf Maria dazwischen, »Monsieur Dame läßt

sich zu einem wahnmochinger Fest verurteilen und Chamotte empfindet

sich als Sklave, weil man ihn schwarz angestrichen hat.«

»Maria, unterbrechen Sie mich nicht,« sagte der Philosoph, »hören Sie

lieber gut zu. Es würde Ihnen gar nicht schaden, wenn Sie auch etwas

von diesen Geschichten begreifen lernten.«

»Ach Gott, ich vergesse es ja doch gleich wieder,« antwortete sie

resigniert und zündete sich eine neue Zigarette an.

»Also -- eben Ihr Freund Hallwig lehrt, daß nicht wir handeln, dichten,

träumen und so weiter, sondern die Ursubstanzen in uns. Über die

Rangordnung der historischen Substanzen dürften er und Delius wohl

etwas uneinig sein, da dieser die römische, jener die germanische für

sich gepachtet hat. Immerhin gelten beide für kosmisch, die semitischen

dagegen immer für molochitisch -- Herr Dame, sehen Sie mich nicht so

verzweifelt an und brechen Sie nicht immer ihren Bleistift ab -- mit

etwas gutem Willen werden Sie schon dahinterkommen. -- Also kosmisch --

kosmisch ist das Prinzip, welches das wahre unmittelbare Leben aufbaut

und in jedem Wesen, das überhaupt an ihm Teil hat, das gleiche ist.

Notabene: den Begriff kosmisch braucht man gewöhnlich nur im Gegensatz

zum chaotischen. Erst indem man ihn statt auf das Gebilde auf die

bildende Kraft anwandte, bekam er die wahnmochinger Nuance.

Kosmisch werden deshalb solche Erlebnisse genannt, die deutlich aus

diesem Prinzip stammen -- auch Träume werden dazu gerechnet und spielen

eine große Rolle. Delius oder Hallwig pflegen darüber zu entscheiden,

ob ein Traum oder Erlebnis kosmische Bedeutung hat -- die Damen beim

Jour irren sich häufig über diesen Punkt und begehen dann Mißgriffe,

welche den Professor Hofmann nervös machen. Denn auch er erfreut sich

in diesen Fragen einer gewissen Autorität.«

»Ich danke Ihnen, ~cher philosophe~ -- die Nebel fangen an sich zu

lichten -- aber was heißt molochitisch?«

»Moloch, Herr Dame, wie Sie vielleicht wissen, war ein unangenehmer

Götze, der sich von kleinen Kindern nährte, mithin also das Lebendige,

Hoffnungsvolle verschlang. Molochitisch bedeutet daher in gutem

wahnmochinger Jargon alles lebensfeindliche, Leben vernichtende --

kurz und gut, das Gegenteil von kosmisch. Man wandte nun in unserem

Stadtteil mit Vorliebe diesen Gegensatz auf die Rassensubstanzen

an und gelangte zu dem Resultat: Die Arier repräsentieren das

aufbauende, kosmische Prinzip, die Semiten dagegen das zersetzende,

negativ-molochitische. Zu merken ist hierbei noch, daß eben die

Substanzen sich im Laufe der Zeiten nicht rein erhalten haben und

vielfach vermischt sind.

Luther zum Beispiel, den man im allgemeinen für einen Germanen halten

dürfte, wandte sich gegen die heidnischen Reste im Katholizismus

-- verneinte sie und bewirkte ihre Zersetzung, -- folglich war er

molochitisch -- folglich war er nach Delius ein Jude.«

»Sehen Sie, das finde ich einfach entzückend,« meinte Maria, »aber ich

weiß schon, unser Philosoph schätzt solche Wahnmochingereien nicht.«

»Liebes Kind, die Sache hat eben auch ihre tragische Seite -- denn

in Wahnmoching wird vor allem jede Vernunft und Klarheit in den Bann

getan, weil sie ihnen für verderblich und molochitisch gilt. Und das

erlaube ich mir für bedenklich zu halten.«

Er gähnte, und Maria fragte teilnehmend, ob er müde sei, dann wollten

wir doch lieber von etwas anderem reden. Mir schien, sie hatte selbst

genug davon und fing an sich zu langweilen.

»Nun ja -- was meinen Sie etwa zum Hetärentum?« fragte Sendt, und sie

wurde ganz böse -- es schien irgendeine Anzüglichkeit zu sein.

»Aber ich bitte Sie -- die matriarchale Zeit ist sicher von ungemeiner

Wichtigkeit, wie Delius sagen würde. Waren Sie dabei, Dame, wie

Frau Hofmann neulich proklamierte, wir gingen zweifellos wieder

matriarchalen Zeiten entgegen? Man sprach nämlich von einem Mädchen,

das unberechtigterweise ein Baby bekommen hatte, und irgend jemand nahm

Anstoß daran -- ich glaube, es war an dem Festabend.«

Ich sah zufällig Maria an und bemerkte, daß sie ganz rot geworden war.

Warum nur? -- Nein, die erwähnte Äußerung hatte ich nicht gehört oder

jedenfalls nicht verstanden.

»Aber darüber müssen Sie Bescheid wissen,« nahm Sendt wieder das

Wort, »sonst wird man Sie niemals für voll nehmen. Merken Sie sich

überhaupt, daß alle mit der Vorsilbe Ur beginnenden Worte hierzulande

einen bedeutungsvollen Klang haben: Urzeit -- Urnacht -- Urkräfte --

Urschauer -- und so weiter. Des Ferneren: Den Unterschied zwischen

kosmisch und molochitisch hat man auch auf die matriarchale und

patriarchale Weltanschauung übertragen (vergessen Sie nie, daß

›man‹ stets Wahnmoching bedeutet, denn an allen anderen Orten der

zivilisierten Welt pflegt man diese Sachen nur vom wissenschaftlichen

oder historischen Standpunkt und ohne starke innere Beteiligung

zu beurteilen). Notieren Sie sich also, bitte, folgendes: in der

matriarchalischen Urzeit folgte die Frau nur dem kosmischen Drange,

wenn sie sich -- pardon -- mit einem Manne einließ. Nach Bachofen --

das ist ein bekannter Gelehrter, lieber Dame, und wenn Sie sich dauernd

in unserem Stadtteil niederlassen wollen, müssen Sie ihn lesen -- nach

Bachofen ist der Hetärismus die früheste Lebensform -- in Wahnmoching

gilt sie natürlich für die enormste. Dem Hetärismus entspricht die

Anbetung der blind gebärenden Erde, sie wird in seinen chthonischen

Kulten verehrt -- wenn Sie Ihr Griechisch noch nicht vergessen haben,

werden Sie vielleicht wissen, daß Chthon den dunkeln Schoß der Erde

bedeutet.«

»Nein, nun hören Sie auf -- das ist wirklich nicht mehr zum Aushalten,«

rief Maria ganz verzweifelt.

»Gemach, gemach,« antwortete Sendt mit Ruhe, »haben Sie mich nicht

selbst dazu verurteilt, Herrn Dame zu belehren, damit er ruhig schlafen

kann? Und war er nicht heute zum erstenmal auf einem Wahnmochinger Jour

mit kosmischen Gesprächen?«

»Zum zweitenmal,« bemerkte ich, »aber damals sprach man nur über die

Geste, und ich entsinne mich jetzt, daß sie ebenfalls als Urform des

Lebens bezeichnet wurde.«

Der Philosoph lobte mich und sagte: übrigens, wenn dort von der Geste

gesprochen würde, so meine man immer nur die Geste des Meisters oder

vielleicht noch die seiner verehrenden Anhänger.

»Er tut sich leicht,« meinte Maria, »seine Geste ist einfach das dritte

Zimmer,« und Sendt erklärte, sie habe ausnahmsweise etwas Richtiges

gesagt. Sie war sehr stolz darauf und versprach sich noch ein wenig zu

gedulden.

»Wo waren wir stehen geblieben?« fragte der Philosoph und warf einen

Blick in mein Notizbuch -- »ah richtig -- Chthon der dunkle Schoß

der Erde -- Das ältere Heidentum neigte dazu, sich die schöpferische

Urkraft blind gebärend vorzustellen -- Wahnmoching schließt sich ihm

an, der Hetärismus gilt ihm als das Höchste, -- Urschauer, die noch

durch keine molochitisch rationalen Hemmungen geschwächt sind.

Die spätere Zeit erkannte das Licht der Vernunft als göttlich an

und dachte sich das schöpferische Prinzip als männlich und zeugend.

Man nennt sie deshalb die patriarchale, und Wahnmoching schätzt sie

ziemlich gering ein.

Es wird Ihnen deshalb ohne weiteres einleuchten, daß man das

Dionysische stark betont, gerade jetzt im Fasching haben Sie öfters

Gelegenheit, das zu beobachten.«

Ja, es war mir schon aufgefallen, daß die kappadozische Dame Hofmanns

Tanzweise für dionysisch erklärte.

»Sehr richtig,« bemerkte Sendt, »Apollo ist bekanntlich der Gott des

Lichtes, der Vernunft -- Dionysos der des Rausches und des Blutes --

Auch in Wahnmoching hat man nicht umsonst seinen Nietzsche gelesen,

aber es genügt hier, zu wissen, daß es ehrenhafter ist, mit dem

Dionysos auf vertrautem Fuß zu stehen.«

Mir wurde jetzt auch klar, weshalb die Kappadozische bei der Szene

zwischen den beiden Männern und Maria so bedeutsam sagte: »Sie wissen

doch -- Blut -- Damals war es mir völlig unverständlich geblieben.«

Die beiden brachen in ein freudiges Gelächter aus, als ich es ihnen

jetzt erzählte.

Dann wollte ich gerne noch wissen, wie man es nun in diesen Kreisen mit

der Magie hält, -- an jenem Nachmittag im Café war ich ja noch so ganz

unerfahren, und das Thema scheint doch hier und da wieder aufzutauchen.

»Nein, dieses Gebiet liegt Wahnmoching eigentlich fern,« meinte

der Philosoph, »man beschäftigt sich wohl gelegentlich in seinen

Mußestunden damit, und die kappadozische Dame verwechselt es manchmal

mit kosmischen Dingen. Hofmann ist seit dem bedenklichen Fauxpas jenes

Psychometers ganz davon zurückgekommen, und Adrian -- --« Er lächelte

ein wenig ironisch.

»Was haben Sie nun wieder gegen Adrian?« fragte Maria, »ich kann ihn

sehr gut leiden.«

»O, ich auch,« erwiderte Sendt, »und ich wollte ihn gerade in einer

poetischen Anwandlung mit einem Schmetterling -- nein, falsch -- mit

einer Biene vergleichen, die aus allen Blumen den Honig herauszufinden

weiß und das Gift wohlweislich darin läßt. Für jemand, der sich hier

in und zwischen den verschiedenen Kreisen bewegt, ist das eine sehr

glückliche Eigenschaft -- Was? Immer noch eine Frage, lieber Dame --

aber es sei die letzte, die ich als vielgeplagter Philosoph Ihnen heute

noch beantworte -- die Uhr ist zwei --«

»Ja, sicher die letzte -- was nun diese vielgenannten Kreise

voneinander unterscheidet, und was ihnen gemeinsam ist, -- das möchte

ich gerne noch wissen.«

»Leicht gefragt -- und nicht so leicht zu beantworten -- Sie werden es

mit der Zeit schon selbst herausfühlen. Ich kann es Ihnen zu dieser

vorgerückten Stunde nur noch flüchtig andeuten. Etwa so: alle die

sogenannten mystischen Entdeckungen, die Substanzangelegenheiten,

kosmischen Dinge und so weiter sind in erster Linie Sache des

Hallwig-Delius Kreises, und der Hofmannsche partizipiert daran -- man

›kann‹ es eben auch und findet es fabelhaft, tut auch noch allerlei

Beiwerk dazu, das bei den anderen nicht immer Anklang findet.

Und die Hauptdifferenz könnte man etwa so formulieren: dort bei Hallwig

und Delius sucht man die alten Götter und alten Kulte wiederzufinden

-- hier, nämlich bei Hofmanns, braucht man keine alten Götter, denn

man hat einen neuen, der allen Ansprüchen genügt, -- Mirobuk! -- und

jetzt -- --«

»Gehen wir nach Hause,« sagte Maria, die schon ganz teilnahmlos da

saß. »Ob wir wohl noch ein Auto finden?«

»Und wo gedenken Sie heute zu schlafen?« fragte der Philosoph besorgt,

»Ihre Wohnung liegt ja wohl am Ende der Welt.«

»O nein, ich gehe ins Eckhaus -- --«

Sendt sah sie prüfend an und sagte noch einmal Mirobuk! aber in etwas

anderer Tonart.

* * * * *

_Nachtrag_: etwas Wichtiges habe ich vergessen -- der Philosoph sagte

mir, daß alle diese Dinge in Wahnmoching eigentlich als Geheimnis

behandelt werden. Deshalb wende man wohl auch die vielen merkwürdigen

Ausdrücke an, die eben nicht jeder versteht.

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Herrn Dames Aufzeichnungen: oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil · 第 13 / 44 题