_Anmerkung_
Herr Dame geht manchmal unvermittelt in die erste
Person über -- aber falls er seinen Roman wirklich
jemals geschrieben hätte, würde er es sicher korrigiert
haben.
»Ach Susanna, ich habe nie einen Schnurrbart getragen.«
Der Herr mit dem Zwicker fixiert erst mich und dann Susanna. Damit ist
die Frage vorläufig erledigt.
»Also rasch, ziehen Sie sich an, Herr Dame.«
»Hier?« Ich sehe mich hilflos um.
»Aber Susja,« ruft der Henker schokiert vom Herd herüber, »ist zum
erstenmal hier Herr -- Herr -- Dame --«
(Susja, -- das klang so hübsch und ermahnend, -- ich fasse Sympathie
für den Henker.)
»Ach Willy, wir tun ihn in Ihr Schlafzimmer --« sagt sie zu dem mit den
runden Augen und schiebt mich in einen anstoßenden Raum.
Auch dort ist Licht, und von einem Diwan fährt erschrocken ein Mädchen
mit offenen blonden Haaren empor.
»Was machen Sie denn, Susanna?« schreit Willy, und sie schiebt mich
rasch noch ein Zimmer weiter.
»Ich wußte wirklich nicht, daß du hier bist, Maria,« sagte sie dann zu
der Blonden, Erschrockenen.
»O, ich war so müde, und Willy sagte, ich könne hier etwas schlafen --
ich bin schon seit fünf Uhr da.«
»Kind, dann eil dich jetzt und hilf diesem jungen Mann hier, wenn er
mit seinem Kostüm nicht zurecht kommt. Ach so,« sie stellte uns durch
die halboffene Tür einander vor.
»Chamotte kann mir ja helfen.«
»Chamotte?« fragt die Blonde dazwischen, »um Gottes willen, wer ist
das?«
»Nein, Chamotte, den müssen wir jetzt herrichten, ich weiß noch gar
nicht, was wir ihm anziehen.«
Und fort war sie.
Herr Dame bemüht sich, der Situation gerecht zu werden, zu der er sich
verurteilt sieht, er unterhält sich mit dem jungen Mädchen nebenan,
läßt sich dann auch von ihr helfen, denn er kann durchaus nicht mit
seinem Kostüm zurechtkommen. Sie tut es mit großem Ernst -- sie scheint
noch halbverschlafen und etwas melancholisch.
Dann möchte er sich etwas über die verschiedenen Persönlichkeiten
orientieren. Der Henkersknecht ist von polnischem Adel und ohne
ausgesprochenen Beruf -- der mit dem Zwicker ein strebsamer
Schriftsteller, namens Adrian, und der dritte ist Willy, -- man nennt
ihn niemals anders.
»Wir haben alle so langweilige Nachnamen,« fügte sie hinzu, »und es ist
auch bequemer, sie einfach zu kassieren.«
»Wollte Gott,« sagt Herr Dame mit einem tiefen Seufzer, »wollte Gott,
man könnte seinen Nachnamen für alle Zeiten kassieren --«
»Ich habe Ihren vorhin gar nicht verstanden --«
»Ich heiße Dame, gnädiges Fräulein -- hören Sie wie das klingt.«
»Dame?«
»Ja, Dame -- Herr Dame -- stellen Sie sich vor -- wenn ich nun einmal
die Frau finden würde --«
Sie hat sich auf dem Sofa niedergelassen, von dem sie vorhin so
erschrocken emporfuhr -- er setzt sich neben sie. In ihren Augen liegt
so viel wirkliche Güte; er spricht von seiner Biographie, sagt ihr, daß
er ein Verurteilter ist -- sie hört zu und scheint tief nachzudenken,
die blonden Haare fallen ihr ins Gesicht -- Nebenan wird es immer
lauter. »Dame!« ruft Susanna und schaut zur Tür herein, »Herr Dame,
bitte kommen Sie --« Er zuckt zusammen. »Ach Susanna --«
Sie gehen in die Küche hinüber -- da steht Chamotte auf einem Tisch,
nur mit einer roten Badehose bekleidet, und der Henker ist damit
beschäftigt, ihn von oben bis unten schwarz anzustreichen. Nur das eine
Bein ist noch weiß, der arme Junge bietet einen merkwürdigen Anblick
und wird etwas verlegen, als er seinen Gebieter sieht.
»Wenn ihm nur die Farbe nicht schadet« -- meint Susanna mütterlich
besorgt -- »wir haben ihm ein anderes Kostüm vorgeschlagen, aber er
wollte durchaus ein richtiger Sklave sein.«
»Das ist meine Biographie,« bemerkt Chamotte bescheiden.
»O Chamotte, du bist zum Wahnmochinger geboren,« sagt Susanna.
»Adrian, -- Sie schauen ihn so verzückt an, als ob Sie ein Gedicht
machen wollten, -- vielleicht das Gedicht, das Ihnen endlich den
Eintritt zum Tempel verschafft.«
Adrian, der Herr mit dem Zwicker, der sich in eine Toga hüllt und
trotzdem aussieht, als ob er eigentlich in den Frack gehörte --
lächelt arrogant und beginnt sofort in feierlich getragenem Ton zu
improvisieren:
Der schwarze Sklave, der den Becher trug,
Empfing die Farbe aus des Henkers Hand;
Er hieß Chamotte -- -- --
Das Weitere habe ich nicht behalten -- man erzählte mir, daß Adrian an
einem Gedichtband arbeitet und danach strebt, unter die Auserwählten
des Hoffmannschen Kreises aufgenommen zu werden. Aber bisher habe er
sich seine Chancen immer wieder durch irgendeine Unvorsichtigkeit
verdorben.
Ich fand ihn sehr liebenswürdig -- munter und gesprächig -- und er
hat wohl auch Herz. Auf dem Wege zum Fest saß ich mit ihm und Maria
im Fiaker. Sie dachte noch über meinen Namen nach, und wir sprachen
darüber. Ich sagte, daß ich Chamotte beneide -- wie fröhlich und
selbstverständlich kann einer durch die Welt gehen, wenn er so gerufen
wird; er tut sich leicht mit seiner Biographie. Chamotte, -- das klingt
so, als ob ihm die reifen Früchte von selbst aus den Bäumen herabfallen
müßten -- und obendrein ist es nicht einmal sein wirklicher Name.
Adrian nahm den Zwicker ab und sann nach, dann schlug er vor mich
»Monsieur Dame« zu nennen. Er selbst wolle den Anfang machen, und es
würde sich dann gewiß rasch einbürgern. -- Wir schüttelten uns herzlich
die Hände.
An dem Abend allerdings nützte es nicht viel, denn wir gerieten unter
lauter Bekannte, und die kappadozische Dame, die sich meiner vom Jour
her erinnert, fing gleich an zu fragen. Ich machte ihr rasch einige
Komplimente über ihr kappadozisches Aussehen, und dann ließ sie mich
gar nicht mehr los -- ob ich das auch fände -- und wie ich darauf käme
-- es sei wirklich wunderbar.
Ach Gott, was geht mich die kappadozische Dame an -- ich möchte meinen
Roman schreiben, und es ist doch nicht so einfach, wie ich dachte. Das
bunte Treiben im Eckhaus -- der Kreis -- die Enormen -- aber mir fehlt
einstweilen noch der Faden, die durchgehende Handlung, oder wie man
das nennt. -- Und ob es angeht einen ganzen Roman so zu schreiben, wie
ich das erste Kapitel angefangen habe -- ich fürchte, es gibt ein zu
rasches Tempo. Man müßte wohl für jede Gruppe einen besonderen Stil
anwenden -- darüber werde ich Doktor Gerhard oder Adrian noch zu Rate
ziehen. Und vieles wird mir der Philosoph erklären müssen.
* * * * *
Das Fest an sich wäre wohl besonders schwierig zu schildern, denn für
mich war es ein unbeschreibliches Durcheinander von Menschen, Kostümen,
Musik, Lärm, einzelnen Vorfällen, Gesprächen und so weiter. Ich bin
auch kein Karnevalmensch, wie man hier sagt. Ich trinke wenig, tanze
nicht und bin froh, wenn man mich möglichst in Ruhe läßt.
Durch die kappadozische Dame kam ich an den Hofmannschen Tisch. Ab und
zu erschien Susanna und setzte sich neben mich. Das war mir ein Trost,
-- ich hätte mich sonst wieder recht ratlos gefühlt. Ich dachte, man
würde sich gemessen und weihevoll benehmen, und es machte mich stutzig,
daß der Professor als Teufel verkleidet war und in wilden Sprüngen
tanzte. -- Gott, das ist wohl begreiflich, ich hatte noch nie einen
Professor in rotem Trikot gesehen. Eine Anzahl Jünglinge bildeten
einen Kreis um ihn -- ich glaube, es würde ein Walzer gespielt, aber
niemand kümmerte sich darum, sie sprangen auf ihre eigene Weise, und
die kappadozische Dame war ganz entzückt und sagte, das sei dionysisch.
Adrian teilte ihre Begeisterung und erklärte, er würde nächstens auf
seinem Atelier eine Satansmesse veranstalten, ob ich nicht auch kommen
wollte, -- ich meinte etwas kleinlaut, daß ich noch nicht genug von
Magie verstände -- --
»O, ich kann Ihnen ein Buch darüber leihen. -- Ja -- übrigens weiß
ich doch nicht recht -- ob eine Satansmesse das Richtige wäre, aber
eine Orgie -- eine panerotische Orgie -- was meinen Sie dazu, gnädiges
Fräulein?«
Susanna trat mich so energisch auf den Fuß, daß ich unwillkürlich
stöhnte -- ich hatte nur Sandalen an. Und Adrian wandte sich rasch nach
mir um:
»Sie scheinen das nicht recht zu billigen, Monsieur Dame -- aber
warum nicht? Sind wir nicht ebenso berechtigt, Orgien zu feiern,
wie die alten Römer und Griechen? Ich dachte, gerade Sie mit ihrem
jungen Sklaven müßten Sinn dafür haben« -- dabei warf er mir einen
verständnisvollen Blick zu, über dessen Bedeutung ich mir nicht recht
klar war. (Chamotte stand den ganzen Abend hinter mir oder Susanna und
bediente uns.)
Wieder trat Susanna mich auf den Fuß und sagte:
»Der Meister ist auch da -- sehen Sie, dort geht er mit einem seiner
Adoranten; daß er auf ein Fest geht, ist ein Ereignis.«
Sie hatte leise gesprochen, aber Frau Hofmann mußte es doch aufgefangen
haben, denn sie sagte lächelnd:
»Liebe Susanna, Sie irren sich -- er ist nicht hier. Der Herr, den Sie
meinen, hat nur seine Maske gemacht -- aber wirklich täuschend, nicht
wahr?«
»Frau Professor,« antwortete Susanna, und ich bewunderte ihren Mut,
»ich bin beim Theater gewesen und gehe jede Wette ein, daß es keine
Maske ist --«
»Ach, was ist Theater?« beharrte Frau Hofmann immer noch lächelnd, aber
wie Märtyrer unter Foltern lächeln -- »ich kann Sie versichern, daß er
es nicht ist.«
Der so Umstrittene befand sich ziemlich in unserer Nähe, und ich mußte
Susanna recht geben -- das konnte keine Maske sein. Und es lag etwas in
seiner Erscheinung, was mir großen Eindruck machte.
»Warum will man denn nicht zugeben, daß er es ist?« fragte ich nachher,
als wir eine Weile allein saßen.
»Weil gewöhnliche Sterbliche nicht wissen dürfen, daß er wirklich
vorhanden ist.«
Der Professor kam mit einer Dame, zog sie auf einen Stuhl nieder und
sagte bewundernd:
»Ist sie nicht unglaublich schön?«
Susanna flüsterte ihm ins Ohr: »Um Gottes willen -- sie ist
furchtbar --«
Er erschrack, betrachtete sie von der Seite und fragte leise zurück:
»Wirklich?«
Das wiederholte sich noch ein paarmal im Laufe des Abends -- er brachte
immer neue Wesen und wollte, daß man sie schön fände. (Manchmal waren
sie auch ganz nett.) Später mischte ich mich in das Gewühl, ich traf
Willy, der nach Maria suchte. Schließlich sahen wir sie mit Heinz und
seinen Freunden.
»Ja, dann ist es umsonst,« sagte Willy betrübt. »Die Enormen geben sie
nicht her -- sehen Sie, der dort ist Hallwig, -- er ist entschieden
ein ungewöhnlicher Mensch; ich möchte ihn schon lange kennen lernen,
aber er hält sich vollständig zurück und verkehrt nicht mit belanglosen
Leuten, wie ich und Sie -- nehmen Sie es nicht übel, Herr Dame -- --«
»O gewiß nicht, und Maria?«
»Maria ist eben ›enorm‹ -- sie ist heidnisch, und Götter wohnen in
ihrer Brust. -- Damit haben Sie ganz recht, und wir finden es ja auch,
aber man kann sich nicht darüber verständigen. Maria liebt die Enormen,
und sie liebt uns -- sie liebt überhaupt alles, aber man sieht es nicht
gerne, daß sie so universell ist und vor allem ihren Verkehr im Eckhaus
-- wir ziehen sie herunter, wir sind Schmarotzer und Vampire an ihrer
Seele.«
Er war ganz traurig. Ich betrachtete den genannten Hallwig genauer --
ich hatte ja auch schon gemerkt, daß Heinz es vermeidet, mich mit ihm
bekannt zu machen. (Woher wissen sie denn so genau daß ich »belanglos«
bin?) -- Ein auffallend schöner Mensch, und Maria scheint ihn sehr
zu lieben. Vielleicht war sie deshalb heute abend im Eckhaus so
melancholisch und verstand mich so gut.
»Und wer ist der kleine Brünette, der so zärtlich den Arm um sie legt?«
»Das ist Konstantin, der Sonnenknabe, er ist auch enorm, und deshalb
darf er alles -- er darf sogar Maria lieben. Bei ihm ist es eben das
Enorme, daß er alle Frauen liebt, auch wenn er sie eigentlich gar
nicht mag -- dann läßt er sich wenigstens lieben -- die Mädchen sind
alle hinter ihm her -- Sehen Sie, lieber Dame, ich habe gar nichts
gegen die Enormen, ich verehre sie sogar aus der Ferne, und ziemlich
hoffnungslos -- denn sie schätzen meine Rasse nicht -- sie lassen nur
blonde Langschädel gelten, und ich sehe so äthiopisch aus -- aber wenn
sie die Mädchen gegen uns beeinflussen -- --«
Ich sagte ihm, daß ich das wieder nicht verstände: »Überall sind
mysteriöse Gemeinschaften, man hört von Satansmessen, Orgien, Magie und
Heidentum sprechen wie von ganz alltäglichen Dingen, dann wird wieder
getanzt und Tee getrunken, aber selbst beim Tee gibt es Geheimnisse
und verschlossene Türen, hinter denen vielleicht ein Magier sein Wesen
treibt.«
»Ja, so ist es wohl,« seufzte Willy, »und es gab eine Zeit, wo auch ich
gerne Zauberlehrling werden wollte, man hatte mich schon halb und halb
akzeptiert. -- Aber schauen Sie einmal dorthin!«
Wir sahen, wie Orlonski, der Henker, Maria mit Gewalt zum Tanzen
fortzog, -- den Sonnenknaben schob er einfach beiseite, und der schien
es auch gar nicht übelzunehmen. Aber der Henker war sichtlich gereizt,
und als dann beim Tanzen irgendein junger Mensch aus der Menge Maria
ansprach, ließ er sie stehen und warf ihn buchstäblich an die Wand,
fuhr dabei mit der Hand in sein eigenes Dolchmesser, das offen am
Gürtel hing, und verletzte sich ziemlich erheblich. Nun gab es erregte
Auseinandersetzungen -- dieser Orlonski scheint ein rabiater Herr zu
sein. -- Plötzlich stand auch der Indianer daneben -- Orlonski und er
maßen sich nur mit den Blicken, dann folgte Maria dem Indianer, und
Susanna beschwichtigte Orlonski mit Zärtlichkeit. Man sah sie nachher
beständig zusammen. Am Hofmannschen Tisch wurde noch viel über diese
Szene gesprochen. Es lag sicher wieder eine mysteriöse Bedeutung darin,
die ich nicht durchschauen konnte. Adrian wollte den Henker zu seiner
Orgie einladen, und die kappadozische Dame fragte:
»Haben Sie gesehen, wie seltsam er sich benahm«, -- sie meinte den
Indianer.
»Nein -- wieso?«
»Er sagte kein Wort, aber er erbleichte, als er Blut fließen sah -- Sie
wissen doch, Blut --«
Nun wurde es mir zuviel, ich stand auf und irrte verlassen durch die
festliche Menge. Wie eine unaussprechliche Erleichterung empfand ich
es, als der Philosoph neben mir auftauchte.
»Wie geht es Ihnen, Herr Dame? Wozu hat man Sie heute verurteilt?«
»Ich fürchte zum Wahnsinn -- ~cher philosophe~ -- ich weiß nicht, was
in diesem rätselhaften Stadtteil aus mir werden soll, und doch läßt es
mir keine Ruhe, dahinter zu kommen.«
»Mirobuk!« sagte er gütig, »kommen Sie doch morgen nachmittag etwas zu
mir.«
* * * * *
Ja, ich frage ganz im Ernst, ob es nicht ein bedenkliches Symptom
für meinen inneren Zustand ist, daß das bloße Wort -- Mirobuk -- so
beruhigend auf mich wirkt, -- wie eine Zauberformel, die den Bann
zu lösen vermag; denn es ist wohl eine Art Bann, der mich hier immer
wieder umfängt. Ich weiß nicht, was Mirobuk bedeutet, wo er es her hat,
und was es eigentlich heißen soll, ich will es auch gar nicht wissen
-- es ist nur die Art, wie er es anwendet, -- man ahnt gleichsam, daß
hinter den verworrensten Widersprüchen doch noch irgendwo Klarheit zu
finden sein könnte.
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