Ein komischer Zufall, daß ich Heinz Kellermann hier treffe. Wir haben
uns seit dem Gymnasium nicht mehr gesehen. Er behauptet zwar, es gebe
nichts Zufälliges, sondern was wir Zufall nennen und als solchen
empfinden, sei gerade das Gegenteil davon, nämlich ein durch innere
Notwendigkeit bedingtes Geschehen. Man sei nur im allgemeinen zu blind,
um diese inneren Notwendigkeiten zu sehen.
Trotzdem schien er ebenso verwundert wie ich und fragte mit der
gedehnten und erstaunten Betonung, die ich so gut an ihm kannte:
»Wie kommst _du_ denn hierher?«
Ich konnte diese Frage nur zurückgeben, und dann sagte er etwas
überlegen: O, man könne nur hier leben und hier lerne man wirklich
verstehen, was Leben überhaupt bedeute. Ich habe ihm erzählt, daß
das auch mein sehnlichster Wunsch sei, und wie ich mich mit meiner
Biographie herumquäle -- na Gott ja, -- daß ich eben ein Verurteilter
bin und nicht recht weiß, was ich mit mir und dem Leben anfangen soll.
Daraufhin ist er gleich viel wärmer geworden und lud mich für den Abend
in seine Wohnung ein, -- es kämen noch einige Freunde von ihm, auf die
er mich sehr neugierig machte.
Ich ging hin, und es war auch wirklich der Mühe wert. Aber ich werde
jetzt wieder ein paar Tage daheim bleiben und mich sammeln. Es sind zu
viel neue und verwirrende Eindrücke von allen Seiten. Wohin ich komme
und wen ich kennen lerne -- alles ist so seltsam, wie in einer ganz
anderen Welt, und ich tappe noch so unsicher darin herum. -- Ob das nun
Zufall ist oder innere Notwendigkeit, daß ich hierher kam und gerade
diese Menschen kennen lerne? Aber es lockt mich, ich kann dem allen
nicht mehr entfliehen -- ich bin wohl dazu verurteilt, und der Gedanke
gibt mir meine innere Ruhe etwas wieder.
Doktor Gerhard rät mir ja immer wieder, ich solle etwas schreiben
-- jeder Mensch habe einiges zu sagen und müsse, was er erlebt, in
irgendeiner Form nach außen hin gestalten. -- Wenn es auch nur wäre, um
meinem Stiefvater Vergnügen zu machen, er hat ja schon immer gemeint,
ich hätte ein gewisses Talent dazu. -- Und er ist gewiß aufrichtig,
denn er hält sonst nicht übermäßig viel von meiner Begabung.
Ich weiß nicht recht -- einstweilen mache ich mir Aufzeichnungen und
Notizen, besonders wenn ich mit dem Philosophen zusammen bin.
* * * * *
Da war der Abend mit Heinz Kellermann und seinen Freunden. Der eine
mit dem scharfen Gesicht sah fast wie ein Indianer aus. Als ich das
sagte, wurde Heinz ganz ärgerlich und behauptete, er sei doch blond,
dunkelblond wenigstens und ein absolut germanischer Typus. Es gab eine
förmliche Diskussion darüber, aus der ich entnahm, daß sie die blonden
Menschen mehr ästimieren als die dunklen, und daß das irgendeine
besondere Bedeutung hat.
Es war auch ein junges Mädchen dabei -- eine Malerin --, das übrigens
ausgesprochen schwarzes Haar hatte, aber ich wagte keine Bemerkung
darüber, denn mir schien, daß sie der Unterhaltung etwas deprimiert
zuhörte, und ich muß gestehen, ich freute mich zum erstenmal darüber,
daß ich blond bin.
Im ganzen hatte ich aber wieder das Gefühl, nicht recht mitzukönnen.
Ich weiß nicht, ob man diese Ausdrucksweise eigentlich »geschraubt«
nennen kann, aber sie kommt einem manchmal so vor, und man muß sich
erst daran gewöhnen.
Was meinen sie zum Beispiel damit: man müsse einen Menschen erst
»erleben«, um ihn zu verstehen?
Heinz machte manchmal ganz treffende Bemerkungen -- das kann er
überhaupt sehr gut --, und dann hieß es:
»Heinz, Sie sind enorm.«
Nach dem Tee setzte man sich auf den Boden, das heißt auf Teppiche und
Kissen. Heinz machte die Lampe aus und zündete in einer Kupferschale
Spiritus an -- warum auch nicht --, es gab eine schöne blaugrünliche
Flamme. Aber dann stand die Malerin auf und hielt ihre Hände darüber,
man sah nur die schwarze Gestalt und die Hände über der Spiritusflamme,
die in dieser Beleuchtung ganz grünlich aussahen.
Und nun waren alle ganz begeistert und sagten wieder, das sei »enorm«.
Um auch irgend etwas zu sagen und mich gegen das junge Mädchen höflich
zu zeigen, meinte ich, dieses offene Feuer in der Schale habe etwas von
einem alt-heidnischen Brauch. Das war nur so hingesagt, weil mir nichts
anderes einfiel, aber sie sahen sich bedeutungsvoll an, als ob ich
einen großen Ausspruch getan hätte, und Heinz sagte zu dem Indianer:
»Sehen Sie -- und er weiß gar nicht, was er damit gesagt hat.« -- »Das
ist es ja gerade,« antwortete der, »er muß das Heidnische ganz unbewußt
erlebt haben.«
Ich wollte fragen, was er meinte, da klingelte es, und dann kam der
Professor Hofmann -- der mit dem Kreis -- der aus dem Traum -- ich
dachte mir gleich, daß er es wäre. Er war ungemein gesprächig und
liebenswürdig, bewunderte das Feuer in der Schale und nannte es
fabelhaft, ebenso die grünlichen Hände der Malerin und sagte, es sei
ganz unglaublich schön, wie sie dastände. -- Ich mußte dabei an die
Geschichte neulich im Café denken -- die »Wahnmochingerei«, wie der
Philosoph es nannte.
Dann ging die Flamme aus, und die Lampe wurde wieder angezündet.
Da niemand an Vorstellen zu denken schien, tat ich es selbst. Der
Professor sah mich plötzlich verwirrt und ganz entgeistert an, ich
dachte, er hätte mich nicht verstanden, wiederholte meinen Namen und
setzte hinzu:
»Ich heiße nämlich Dame.«
Er schüttelte mir nun mit großer Lebhaftigkeit die Hand und sagte, es
freue ihn unendlich, mich kennen zu lernen.
Dann unterhielt man sich über dieses und jenes. Der Professor ging
dabei mit etwas stürmischen Schritten auf und ab, nahm jeden Augenblick
einen Gegenstand in die Hand, betrachtete ihn ganz genau und stellte
ihn wieder hin. Im Laufe des Gespräches fragte er mich, ob ich auch in
»Wahnmoching« wohnte. Ich fragte wieso und hielt es für einen Witz --
»ich wohne in der K...straße«. Darüber brachen sie alle in Gelächter
aus und fanden es enorm, daß ich nicht wüßte, was »Wahnmoching« sei.
Man erklärte mir, daß der ganze Stadtteil von dem großen Tor an so
heiße. Wie sollte ich das wissen, ich habe mich gar nicht darum
gekümmert, wie der Stadtteil heißt, in dem ich _wohne_. In Berlin weiß
man es, aber hier doch nicht. Ich begriff wirklich nicht, was daran
»enorm« sein sollte. Ja, sagten sie, das sei es ja eben, -- ich wäre in
allem so unbewußt.
Sonst bin ich wirklich ein geduldiger Mensch, aber ich hatte allmählich
den Eindruck, als ob man mich mystifizieren wollte, und sagte, den
Ausdruck »Wahnmochingerei« hätte ich schon gehört. Der Professor wurde
stutzig und fragte, von wem denn?
»Von Doktor Sendt, dem Philosophen.«
»Ah -- Sie kennen Doktor Sendt?« es klang beinah, als ob ihn das
verstimmte. Aber dann wurde er wieder sehr herzlich und lud mich ein,
ihn zu besuchen und zu seinem Jour zu kommen.
den 18. ...
Nachts um ein Uhr den Philosophen auf der Straße getroffen -- wir gehen
noch lange auf und ab, ich erzähle ihm von dem Abend bei Heinz und
bitte um einige Aufklärungen.
Warum es »enorm« ist, wenn man Spiritus in Kupferschalen verbrennt und
jemand die Hände darüber hält -- ich kann immer noch nicht vergessen,
wie grünlich das ganze Mädchen aussah --, warum geraten sie darüber in
solches Entzücken? oder wenn man von einem heidnischen Brauch spricht?
»Junger Mann,« sagt Sendt, »enorm ist einfach ein Superlativ, der
Superlativ aller Superlative. Sie werden überhaupt mit der Zeit
bemerken, daß man unter echten Wahnmochingern einen ganz besonderen
Jargon redet, und Sie müssen lernen, diesen Jargon zu beherrschen,
sonst kommen Sie nicht mit. Man sagt beispielsweise nicht ein Ding,
eine Sache, eine Frau sei schön, reizend, anmutig -- sondern sie ist
fabelhaft, unglaublich -- enorm. Das heißt -- enorm wird mehr in
übertragener Bedeutung angewandt und bedeutet den höchsten Grad der
Vollendung. Speziell in dem Kreise, dem Ihr Freund Heinz angehört.«
»Schon wieder ein Kreis?« -- frage ich.
»Ja, aber die Kreise berühren sich, -- dieser besteht nur aus wenigen
und dreht sich etwas anders. Man beschäftigt sich dort damit, den
Spuren des alten Heidentums nachzugehen -- daher die Freude über Ihre
harmlose Bemerkung. Und das grünliche Mädchen hatte wohl irgendeine
symbolische Bedeutung.«
Der Philosoph hielt plötzlich inne -- hinter uns klangen rasche
Schritte, und es kamen ein paar Herren an uns vorbei. Zwei von ihnen
waren indifferent aussehende junge Leute -- der dritte, der zwischen
ihnen ging, ein knapp mittelgroßer Mann mit niedrigem schwarzem Hut und
einem dunklen Mantel, den er wie eine Art Toga umgeschlagen hatte, --
man konnte ihn auf den ersten Blick fast für einen Geistlichen halten.
Er schien über irgend etwas sehr erregt und sprach eifrig auf seine
Begleiter ein, -- in einem ganz eigentümlichen, monoton singenden
Tonfall. Gerade als sie uns überholten, hörten wir ihn sagen:
»Ja -- bis vor drei Jahren konnte man sie noch für zwei Mark auf jeder
Dult finden -- aber jetzt haben die Juden alle aufgekauft, und unter
zehn Mark sind überhaupt keine mehr zu haben.«
Gegen Ende des Satzes ging seine Stimme allmählich mehr in die Höhe,
und zum Schluß kam ein kurzes, schrilles Auflachen. Als er uns sah,
machte er eine halbe Wendung seitwärts und grüßte den Philosophen.
Deutlich sah ich in diesem Moment sein breites, glattrasiertes Gesicht
mit auffallend hellen, leuchtenden Augen, das aber trotzdem etwas
absolut Unbewegliches, beinah Starres hatte. Beim Grüßen verzog er den
Mund zu einem äußerst konventionellen Lächeln, in der nächsten Sekunde
aber nahm er wieder einen steinernen und völlig ablehnenden Ausdruck an
und ging rasch mit kurzen, eiligen Schritten seines Weges.
Der Philosoph schien sich an dieser Begegnung und der aufgefangenen
Bemerkung ungemein zu freuen:
»~Lupus in fabula~,« sagte er -- »Sie haben wirklich Glück, Herr Dame
-- dieser Herr, der mich eben grüßte, ist -- nun man könnte ihn wohl
den geistigen Vater des Wahnmochinger Heidentums nennen -- nein, nein
-- das ist in diesem Falle nicht richtig -- er würde es sehr übel
nehmen, wenn man ihn als Vater von irgend etwas bezeichnen wollte --
denn gerade er ist der Hauptverfechter des matriarchalischen Prinzips.«
»Liebster Philosoph,« bat ich, »nun wird es mir schon wieder zu hoch.«
Übrigens dachte ich mir gleich, daß jener Herr ein gewisser Delius sein
müßte, von dem Heinz mir viel erzählte.
Ja, es stimmte, und ich fand, es sei wirklich wieder ein sonderbares
Spiel des Zufalls, daß wir ihm gerade bei diesem Gespräch begegneten,
aber Sendt sagte, man träfe ihn sehr oft um diese Stunde, er liebe die
Nacht und alles Dunkle.
»Dieser Delius -- nun, er ist wohl eine sonderbare Erscheinung,« fuhr
er dann fort, »die heutige Zeit, auf die wir alle mehr oder minder
angewiesen sind, gilt ihm nichts, er ignoriert sie oder begegnet ihr
wenigstens nur rein konventionell -- etwa so, wie er mich vorhin
grüßte. Sein eigentliches Leben spielt sich in längst versunkenen
Daseinsformen ab -- mit denen er sich und andere identifiziert. --
Passen Sie einmal gut auf, Herr Dame -- wissen Sie ungefähr, was man
sich unter Seelensubstanzen vorzustellen hat?«
Ich sagte, daß ich es mir wohl vorstellen könnte -- es war ja neulich
im Café schon davon die Rede.
»Schön -- also Delius denkt sich nun diese Seelensubstanzen von den
ältesten Zeiten her wie Gesteinschichten übereinander gelagert, etwa
zuunterst die der alten Ägypter, Babylonier, Perser -- dann die der
Griechen, Römer, Germanen und so weiter. Man nennt das biotische
Schichten. -- Seit der Völkerwanderung, meint er nun, habe sich alles
verschoben, die Substanzen sind durcheinandergemischt und dadurch
verdorben worden. Infolgedessen wirken bei den jetzigen Menschen lauter
verschiedene Elemente gegeneinander, und es kommt nichts Gutes dabei
heraus. Nur bei wenigen (und das sind natürlich die Auserlesenen) hat
sich eine oder die andere Substanz in überwiegendem Maße erhalten --
zum Beispiel bei ihm selbst die römische -- er fühlt und empfindet
durchaus als antiker Römer und würde Sie höchst befremdet anschauen,
wenn Sie ihm sagten, er lebe doch im zwanzigsten Jahrhundert und sei
in der Pfalz geboren. Denn seine Substanz ist eben römisch. Bei Heinz
Kellermann und dessen Freunden dagegen herrscht die altgermanische vor,
-- daher auch die stark betonte Vorliebe für Blonde und Langschädel.«
»Aber lieber Doktor, sagen Sie mir nur noch das eine: -- was hat das
alles damit zu tun, daß dieser Stadtteil Wahnmoching heißt?«
»Herr Dame -- denn Sie heißen ja wirklich so,« sagte der Philosoph,
und ich konnte es ihm in diesem Augenblick nicht übelnehmen --
»Wahnmoching heißt wohl ein Stadtteil -- eben dieser Stadtteil, aber
das ist nur ein zufälliger Umstand. Er könnte auch anders heißen oder
umgetauft werden, -- Wahnmoching würde dennoch Wahnmoching bleiben.
Wahnmoching im bildlichen Sinne geht weit über den Rahmen eines
Stadtteils hinaus. Wahnmoching ist eine geistige Bewegung, ein Niveau,
eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch,
aus uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen
-- Wahnmoching ist noch vieles, vieles andere, und das werden Sie
erst allmählich begreifen lernen. -- Aber für heute sei es des Guten
genug, sonst möchte noch die aufgehende Sonne uns hier im Zwiegespräch
überraschen.«
Damit trennten wir uns.
4
20. ...
Mir fehlte etwas der Mut, zu diesem Jour zu gehen, aber Doktor Gerhard
nahm mich mit. Ziemlich viele Leute, die sich in mehreren Räumen
verteilten, die Frau des Hauses an einem gemütlichen Eckplatz hinter
der Teemaschine, um die herum eine Anzahl junger Leute und Damen. Als
wir eintraten, schwieg alles ein paar Minuten lang, -- ich merkte
später, daß es jedesmal so war, wenn jemand Neues kam. Gerhard stellte
mich vor und fügte statt meiner hinzu:
»Gnädige Frau, mein junger Freund heißt nämlich so.«
Frau Hofmann empfing mich sehr liebenswürdig -- ihr Mann habe ihr schon
von mir erzählt. Dann wandte sie sich an die anderen:
»Denken Sie nur, Herr Dame wußte bis vor kurzem nicht, daß er in
Wahnmoching wohnte.«
Man betrachtete mich, wie mir schien, mit verwundertem Wohlgefallen,
und ich war durch diese Bemerkung gewissermaßen eingeführt. Ich
langweilte mich etwas, denn da ich niemand kannte, mußte ich vorläufig
auf meinem Platz sitzen bleiben und Tee trinken. Gerhard machte vor
einem jungen Mädchen halt -- neben ihr auf einem Tischchen stand ein
grüner Frosch aus Porzellan oder Majolika -- und sagte etwas wehmütig:
»Gnädiges Fräulein -- Sie sollten eigentlich immer einen grünen Frosch
neben sich sitzen haben.«
Dann ging er weiter von einer Gruppe zur anderen und sagte
wahrscheinlich ähnliche Dinge, denn wo er hinkam, wurde es gleich etwas
belebter.
Ich beneidete ihn im stillen um diese Gabe, denn ich konnte mich nicht
recht in die Konversation hineinfinden.
Es war die Rede von Menschen im allgemeinen, von ihrem Wesen, und
worauf es dabei ankäme. Der Professor sagte etwas überstürzt und
definitiv:
»Auf die Geste kommt es an.« -- Die jungen Herren, es waren zwei oder
drei -- nickten bedeutungsvoll zustimmend, und die ältere Dame aus dem
Café -- die kappadozische -- die ich gleich wiedererkannt hatte --
sagte lebhaft:
»Ich hätte gedacht -- in erster Linie auf die Echtheit des Empfindens.«
»Empfinden ist immer echt,« bemerkte Hofmann wieder sehr definitiv, so
daß man nicht anders konnte als ihm beistimmen. Aber Gerhard, der jetzt
wieder neben dem Tisch stand und ein Bild betrachtete, warf milde ein:
»Nun, das kann man doch nicht so ohne weiteres hinstellen, -- es gibt
wohl auch leere und bedeutungslose Gesten, die durch das Empfinden
nicht gerechtfertigt werden. Und ich meine, man darf nicht so
schlechthin von _der Geste_ sprechen.«
Worauf die Frau des Hauses förmlich triumphierend meinte:
»Nun, worauf es ankommt, ist eben der Stil.«
»Gewiß, aber nicht jeder,« korrigierte ihr Mann und sah etwas beleidigt
aus. -- »Die Geste ist überhaupt die geistleibliche Urform alles
Lebens, und der Rhythmus der Geste ist der Stil.«
Die anderen hörten ganz begeistert zu, und die Kappadozische äußerte:
»Das haben Sie wieder ganz wunderbar gesagt.«
Gerhard räusperte sich ein paarmal, als ob er nicht ganz einverstanden
wäre, dann brach er auf, und ich schloß mich ihm an. Zum Herrn des
Hauses sagte er noch:
»Lieber Professor, ich hoffe, mein junger Freund wird noch öfter
Gelegenheit finden, mit Ihnen zusammenzukommen.«
Der Professor schüttelte mir wiederholt die Hand und sah mich ganz
zerstreut an. Als wir hinausgingen, sagte er halblaut zu Gerhard:
»Ihr Freund ist ein wundervoller Mensch.«
Warum wohl -- ich hatte den ganzen Abend kaum zehn Worte gesagt und
das meiste, was sie sprachen, nicht verstanden, zudem, wie Gerhard mir
nachher sagte, einen schweren Fauxpas begangen, indem ich der Frau
Professor sagte: ich sei sehr begierig, den Meister kennen zu lernen.
-- So etwas dürfe man nicht tun, -- es wäre eine Art Gotteslästerung.
Er pflege sich im dritten Zimmer aufzuhalten, und nur, wer würdig
befunden sei, würde ihm vorgestellt; zum Beispiel jener verklärte
Jüngling, der vorhin leise mit der Hausfrau sprach und dann plötzlich
verschwand. -- Das gehöre eben auch zur »Geste«.
* * * * *
Geste -- Geste -- was soll man darunter verstehen -- wie war es noch?
-- die geistleibliche Urform alles Lebens. Hier wird ja überhaupt so
viel vom »Leben« gesprochen, und immer so, als ob es durchaus nichts
Selbstverständliches wäre, sondern gerade das Gegenteil. Aber gerade
darin liegt wohl etwas, was reizt und anzieht -- ich möchte ja selbst
endlich einmal dahinter kommen, was es eigentlich mit dem Leben auf
sich hat -- ob es etwas ganz Selbstverständliches oder etwas ungeheuer
Kompliziertes ist.
Heinz zum Beispiel tut ja, als ob er hier in diesem sonderbaren
Stadtteil den Stein der Weisen gefunden hätte. Und mir ist, seit ich
hier bin, zumut, als ob ich nur in Rätseln sprechen höre und mich
zwischen lauter Rätseln bewege. Ich fühle mich ziemlich unglücklich,
und in meinem Kopf ist es wirr und dunkel.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
_Anmerkung_
Hier sind mehrere Seiten herausgerissen, und statt
dessen findet sich eine Anzahl fast unleserlicher
Zettel mit Bleistiftnotizen. Dann folgt quer über die
Seiten hingeschrieben ein Eintrag von Frauenhand:
-- ich habe dieses Heft -- Ihr Tagebuch, wie es scheint, offen
auf dem Tisch gefunden und war so indiskret, etwas darin zu
lesen. -- Ja, Sie sind entschieden ein »wundervoller Mensch«.
Chamotte hat mich hereingelassen -- sicher hat er es auch
gelesen, denn er ist beunruhigt um Sie und beklagt sich, daß
Sie in der letzten Zeit so sonderbar wären. -- Ich habe es auch
gemerkt und fange an es zu begreifen. Aber -- du wirst mit
deinem Singen -- doch nicht zum Himmel dringen.
Gehen Sie deshalb lieber nicht wieder zum Jour, sondern kommen
Sie morgen mit mir auf die Elenden-Kirchweih. (Das ist ein
Fest.) -- ~Tout~ -- Wahnmoching wird sicher auch dort sein.
Halt -- ich kann mich im Moment nicht besinnen, ob Sie einen
Schnurrbart haben -- ich glaube, nein, er paßt entschieden
nicht zu Ihrer Biographie. Aber wenn ja, so lassen Sie ihn
vorher beseitigen -- er geht nicht zum Kostüm.
Also 7 Uhr abends im Eckhaus. (Chamotte weiß den Weg) --
dreimal klingeln -- --
Susanna.
Ach, diese Frau -- es ist wirklich nicht ganz diskret, in meinen
Sachen zu stöbern, wenn ich nicht zu Hause bin, und mir da mitten
hineinzuschreiben. Ich bin so ordentlich, daß es an Pedanterie grenzt,
und so etwas stört mich.
Ich habe Chamotte zur Rede gestellt -- Chamotte ist mein kleiner
Diener. Susanna hat ihn so getauft, weil sie seinen Namen nicht
behalten konnte und fand, er sähe aus, als ob er Chamotte hieße. Er
fühlte sich dadurch geehrt, er schwärmt für Susanna und verteidigt sich
-- na, es ist eine Schande --, aber er macht mir alles nach, und wenn
mir etwas nicht paßt, behauptet er einfach, er wäre dazu verurteilt
gewesen, es so zu machen. Aber der Bengel ist erst sechzehn Jahre alt
und wird dabei nie unverschämt. Und mir tut es manchmal wohl, so eine
Art zweites Ich zu haben, das intelligent und bescheiden auf das erste
reagiert -- und das man hinausschicken kann, wenn man will.
Chamotte spricht jetzt auch von »unserer« Biographie und findet, wir
müssen unbedingt zu dem Fest gehen, ich soll ihn als meinen Sklaven
mitnehmen, -- das hat Susanna ihm heute früh in den Kopf gesetzt.
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