Heute wollte ich nicht ins Café, aber ich ging doch hin und fand wieder
eine ungünstige Konstellation vor; der Philosoph saß mit der lebhaften
älteren Dame von neulich zusammen. Ich mochte nicht aufdringlich
erscheinen, so setzte ich mich an den Nebentisch, den einzigen, der
noch frei war, und las Zeitungen. Sie sprachen aber so laut, besonders
die Dame, daß ich nicht umhin konnte, zuzuhören, und hinter der Zeitung
mein Notizbuch vornahm, denn es schien mir wieder sehr bemerkenswert,
was sie da redeten. Die Dame erzählte von einem Professor Hofmann,
dessen Name neulich schon verschiedentlich erwähnt wurde -- er habe ihr
gesagt, sie sähe ausgesprochen »kappadozisch« aus.
Kappadozien kommt, so viel ich weiß, in der Bibel vor, aber ich begriff
nicht recht, wieso jemand »kappadozisch« aussehen kann, und warum sie
das mit solcher Wärme erzählte. Woher will man denn wissen, wie die
Kappadozier ausgesehen haben? Der Philosoph lächelte auch.
Nun kam einiges, was ich nicht recht verstand, und dann das, was ich
mir notiert habe.
»Nein, es sollten die Posaunen von Jericho sein -- hören Sie nur: sie
waren alle bei mir auf dem Atelier --«
»War er auch dabei?« fragte der Philosoph, und die Dame warf ihm einen
vorwurfsvollen Blick zu.
»Aber ich bitte Sie, wenn Sie spotten wollen --«
»Nein, nein, ich dachte nur -- aber bitte, fahren Sie fort.«
»Also der Professor, seine Frau und einige von den jungen Dichtern.
Einer von ihnen ging gleich an meinen Flügel, betrachtete ihn von allen
Seiten und sagte irgend etwas. Dann fragte die Frau Professor ihren
Mann:
›Wollen wir es jetzt sagen?‹, und er nickte. Dieses Nicken sehe ich
noch deutlich vor mir, aber ich kann es nicht beschreiben, es lag
etwas ganz Besonderes darin. Dann war plötzlich ein Paket da, es
wurde ausgewickelt, und ein Kästchen mit einem Schlauch daran kam zum
Vorschein -- es sah etwa aus wie ein photographischer Apparat. Und Frau
Hofmann sagte lebhaft, dieses Kästchen habe ein Freund ihres Mannes
aus dem Orient mitgebracht, es gäbe auf der ganzen Welt nur noch ein
ebensolches, und das gehöre dem Oberrabbi von Damaskus. Wenn man es an
ein Klavier anschraube, innerlich erhitze und dann hineinbliese, so
gäbe es genau denselben Ton, wie die Posaunen von Jericho.«
»Hatten Sie nicht Angst, daß auch bei Ihnen die Mauern einfallen
könnten?« fragte der Philosoph.
»Nein, von den Mauern war gar nicht die Rede -- ich weiß nur, daß ich
dann nach Spiritus suchte, um das Kästchen zu füllen, und ihn nicht
finden konnte, aber mit einem Mal war er doch da, und das Kästchen war
auch schon am Klavier angebracht. Der Professor blies in den Schlauch
und es gab einen dumpfen Ton -- aber dann muß der Spiritus ausgelaufen
sein, und plötzlich stand alles in Flammen. Niemand kümmerte sich
darum, und ich dachte an meinen Perserteppich, der unter dem Flügel
liegt. Sie wissen ja, ich bin etwas eigen mit meinen Sachen. Aber der
Professor sagte, es sei gar kein Perser, es sei ein ›Beludschistan‹,
und er habe keine Beziehung zum Wesen der Dinge, -- ist das nicht
merkwürdig? Ja, und nun kam noch etwas ganz Triviales, ich meinte, der
Flügel würde sicher auch anbrennen, und in diesem Moment stand der
Professor in seiner ganzen Größe vor mir und sagte:
›Wenn Fräulein H... mir ihren Verlust genau beziffert, soll alles
ersetzt werden.‹«
»Und dann?« fragte der Philosoph.
»Das weiß ich selbst nicht mehr, es war ganz verschwommen, -- aber
sagen Sie selbst, liebster Doktor, ist es nicht wirklich seltsam?
Meinen Sie nicht, daß es kosmische Bedeutung hat?«
Damit brach das Gespräch ab, denn Gerhard kam, und die Dame ging bald
darauf fort. Ich setzte mich zu ihnen und fragte Sendt, was denn das
für eine rätselhafte Geschichte sei, ich hätte leider nicht vermeiden
können, sie mitanzuhören. Und jetzt zweifelte ich nicht mehr daran, daß
man hierzulande Zauberei treibt.
»Haben Sie denn nicht gemerkt, daß die Dame mir einen Traum erzählte?«
»Nein -- darauf bin ich gar nicht gekommen.«
»Lieber Dame,« sagte Gerhard, und es klang beinah wehmütig -- er hat
überhaupt immer etwas Schmerzliches im Ton -- »Sie machen Fortschritte.
Schon können Sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Das
geht uns allen hier wohl manchmal so -- nicht wahr, ~cher philosophe~?«
»Traum oder nicht Traum,« antwortete der Philosoph nervös, »was sie mir
da auftischte, war wieder einmal eine Wahnmochingerei, wie sie im Buch
steht.«
»Wahnmochingerei -- was ist das?«
»Nun, was Sie da eben mitangehört haben.«
Doktor Gerhard wollte wissen, was für ein Traum es gewesen sei.
»Natürlich ein kosmischer,« sagte der Philosoph, »sie hoffte es
wenigstens und wollte von mir wissen, ob es stimmt. Sonst traut sie
sich nicht ihn bei Hofmanns zu erzählen.«
Ich hätte gerne noch gewußt, was eine »Wahnmochingerei« ist und
»kosmische Träume«. -- Aber der Philosoph schien mir nicht gut
aufgelegt, und ich kann doch nicht immer fragen und fragen wie ein
vierjähriges Kind.
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