8. Dezember

Heute wollte ich nicht ins Café, aber ich ging doch hin und fand wieder

eine ungünstige Konstellation vor; der Philosoph saß mit der lebhaften

älteren Dame von neulich zusammen. Ich mochte nicht aufdringlich

erscheinen, so setzte ich mich an den Nebentisch, den einzigen, der

noch frei war, und las Zeitungen. Sie sprachen aber so laut, besonders

die Dame, daß ich nicht umhin konnte, zuzuhören, und hinter der Zeitung

mein Notizbuch vornahm, denn es schien mir wieder sehr bemerkenswert,

was sie da redeten. Die Dame erzählte von einem Professor Hofmann,

dessen Name neulich schon verschiedentlich erwähnt wurde -- er habe ihr

gesagt, sie sähe ausgesprochen »kappadozisch« aus.

Kappadozien kommt, so viel ich weiß, in der Bibel vor, aber ich begriff

nicht recht, wieso jemand »kappadozisch« aussehen kann, und warum sie

das mit solcher Wärme erzählte. Woher will man denn wissen, wie die

Kappadozier ausgesehen haben? Der Philosoph lächelte auch.

Nun kam einiges, was ich nicht recht verstand, und dann das, was ich

mir notiert habe.

»Nein, es sollten die Posaunen von Jericho sein -- hören Sie nur: sie

waren alle bei mir auf dem Atelier --«

»War er auch dabei?« fragte der Philosoph, und die Dame warf ihm einen

vorwurfsvollen Blick zu.

»Aber ich bitte Sie, wenn Sie spotten wollen --«

»Nein, nein, ich dachte nur -- aber bitte, fahren Sie fort.«

»Also der Professor, seine Frau und einige von den jungen Dichtern.

Einer von ihnen ging gleich an meinen Flügel, betrachtete ihn von allen

Seiten und sagte irgend etwas. Dann fragte die Frau Professor ihren

Mann:

›Wollen wir es jetzt sagen?‹, und er nickte. Dieses Nicken sehe ich

noch deutlich vor mir, aber ich kann es nicht beschreiben, es lag

etwas ganz Besonderes darin. Dann war plötzlich ein Paket da, es

wurde ausgewickelt, und ein Kästchen mit einem Schlauch daran kam zum

Vorschein -- es sah etwa aus wie ein photographischer Apparat. Und Frau

Hofmann sagte lebhaft, dieses Kästchen habe ein Freund ihres Mannes

aus dem Orient mitgebracht, es gäbe auf der ganzen Welt nur noch ein

ebensolches, und das gehöre dem Oberrabbi von Damaskus. Wenn man es an

ein Klavier anschraube, innerlich erhitze und dann hineinbliese, so

gäbe es genau denselben Ton, wie die Posaunen von Jericho.«

»Hatten Sie nicht Angst, daß auch bei Ihnen die Mauern einfallen

könnten?« fragte der Philosoph.

»Nein, von den Mauern war gar nicht die Rede -- ich weiß nur, daß ich

dann nach Spiritus suchte, um das Kästchen zu füllen, und ihn nicht

finden konnte, aber mit einem Mal war er doch da, und das Kästchen war

auch schon am Klavier angebracht. Der Professor blies in den Schlauch

und es gab einen dumpfen Ton -- aber dann muß der Spiritus ausgelaufen

sein, und plötzlich stand alles in Flammen. Niemand kümmerte sich

darum, und ich dachte an meinen Perserteppich, der unter dem Flügel

liegt. Sie wissen ja, ich bin etwas eigen mit meinen Sachen. Aber der

Professor sagte, es sei gar kein Perser, es sei ein ›Beludschistan‹,

und er habe keine Beziehung zum Wesen der Dinge, -- ist das nicht

merkwürdig? Ja, und nun kam noch etwas ganz Triviales, ich meinte, der

Flügel würde sicher auch anbrennen, und in diesem Moment stand der

Professor in seiner ganzen Größe vor mir und sagte:

›Wenn Fräulein H... mir ihren Verlust genau beziffert, soll alles

ersetzt werden.‹«

»Und dann?« fragte der Philosoph.

»Das weiß ich selbst nicht mehr, es war ganz verschwommen, -- aber

sagen Sie selbst, liebster Doktor, ist es nicht wirklich seltsam?

Meinen Sie nicht, daß es kosmische Bedeutung hat?«

Damit brach das Gespräch ab, denn Gerhard kam, und die Dame ging bald

darauf fort. Ich setzte mich zu ihnen und fragte Sendt, was denn das

für eine rätselhafte Geschichte sei, ich hätte leider nicht vermeiden

können, sie mitanzuhören. Und jetzt zweifelte ich nicht mehr daran, daß

man hierzulande Zauberei treibt.

»Haben Sie denn nicht gemerkt, daß die Dame mir einen Traum erzählte?«

»Nein -- darauf bin ich gar nicht gekommen.«

»Lieber Dame,« sagte Gerhard, und es klang beinah wehmütig -- er hat

überhaupt immer etwas Schmerzliches im Ton -- »Sie machen Fortschritte.

Schon können Sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Das

geht uns allen hier wohl manchmal so -- nicht wahr, ~cher philosophe~?«

»Traum oder nicht Traum,« antwortete der Philosoph nervös, »was sie mir

da auftischte, war wieder einmal eine Wahnmochingerei, wie sie im Buch

steht.«

»Wahnmochingerei -- was ist das?«

»Nun, was Sie da eben mitangehört haben.«

Doktor Gerhard wollte wissen, was für ein Traum es gewesen sei.

»Natürlich ein kosmischer,« sagte der Philosoph, »sie hoffte es

wenigstens und wollte von mir wissen, ob es stimmt. Sonst traut sie

sich nicht ihn bei Hofmanns zu erzählen.«

Ich hätte gerne noch gewußt, was eine »Wahnmochingerei« ist und

»kosmische Träume«. -- Aber der Philosoph schien mir nicht gut

aufgelegt, und ich kann doch nicht immer fragen und fragen wie ein

vierjähriges Kind.

3

Herrn Dames Aufzeichnungen: oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil · 第 9 / 44 题