Wiedergeburt brachten mannigfache Veränderungen im Bestand der
deutschen U. Die Universität zu Ingolstadt siedelte 1802 nach
Landshut über, um 1826 nach München verlegt und mit der
dort seit 1759 bestehenden Akademie der Wissenschaften vereinigt zu
werden; die U. zu Mainz (1798), Bonn (Köln, verlegt 1777,
aufgehoben 1801), Duisburg (1802), Bamberg (1804), Rinteln und
Helmstädt (1809), Salzburg (1810), Erfurt (1816), Herborn
(1817) gingen ein; Altdorf ward mit Erlangen (1807), Frankfurt a.
O. mit Breslau (1809), Wittenberg mit Halle (1815) vereinigt.
Dagegen traten neu die bedeutenden U. zu Berlin (1810) und Bonn
(1818) ins Leben. - Das Menschenalter von 1815 bis 1848 war
für die deutschen U. kein günstiges, indem sie bald nach
der Befreiung des Vaterlandes, für welche Lehrer und
Schüler namentlich der preußischen U. die hingebendste
Begeisterung gezeigt hatten, bei den Regierungen in den Geruch des
Liberalismus kamen und unter diesem Mißtrauen sehr zu leiden
hatten. Den Anstoß dazu gaben die von F. L. Jahn angeregte
Gründung der deutschen Burschenschaft (s. d.) 12. Juni 1815
und besonders die bekannte Wartburgfeier der Burschenschaft 18.
Okt. 1817 sowie die der letztern zur Last gelegte Ermordung
Kotzebues durch Sand, auf welche die unter Metternichs Leitung
stehenden deutschen Regierungen durch die Karlsbader
Beschlüsse über die in Ansehung der U. zu ergreifenden
Maßregeln (26. Sept. 1819) antworteten. Zwar löste sich
die deutsche Burschenschaft 26. Nov. 1819 förmlich auf; sie
bestand aber im stillen fort und trat in verschiedenen Gestalten
(z. B. als Allgemeinheit in Erlangen etc.) immer wieder hervor, bis
sie sich 1830 in die beiden Richtungen der harmlosern,
idealistischen Arminen und der revolutionär-patriotischen
Germanen spaltete. Dem entsprechend, blieb auch das Mißtrauen
der Regierungen gegen den Stand der Universitätslehrer ein
dauerndes, und gerade solche Männer, deren Namen eng und
ehrenvoll mit der Geschichte der Befreiung des Vaterlandes
verknüpft waren, wie namentlich E. M. Arndt in Bonn, hatten
kränkende Zurücksetzung und Verfolgung aller Art zu
erleiden. Jede Universität wurde von einem besondern
Regierungsbevollmächtigten in politischer Hinsicht
überwacht. Wenn das unruhige Jahr 1830 vorübergehend die
Fesseln lockerte, so hatten die Ausschreitungen, mit denen der
verhaltene Groll sich Luft machte (Göttinger Revolution und
Stuttgarter Burschentag 1831, Hambacher Fest 1832, Frankfurter
Attentat 1833), nur um so strengere Beschlüsse gegen die U.
beim Bundestag (5. Juli 1832) und auf den Ministerkonferenzen in
Wien 1833 bis 1834 zur Folge. Großes Aufsehen erregte 1837
die Entlassung und Vertreibung von sieben der bedeutendsten
Professoren der stets für konservativ und aristokratisch
angesehenen Universität Göttingen (s.d.). Unter der
Ungunst der Zeit zerfiel nach und nach die Burschenschaft in
einzelne Verbindungen, welche sich der ursprünglichen Gestalt
derselben mehr oder weniger annäherten. Unter diesen traten in
den 40er Jahren vorzüglich die sogen.
Progreßverbindungen hervor, welche Modernisierung der
akademischen Einrichtungen und Sitten, Abschaffung oder doch
Beschränkung der Zweikämpfe, der akademischen
Gerichtsbarkeit etc. erstrebten. Als besondere Abart entstanden
auch in jener Zeit eigne "christliche" Burschenschaften, wie der
Wingolf in Erlangen (1836) und Halle (1844). Den Progressisten
standen am schroffsten gegenüber die aus den Landsmannschaften
durch genauere Ausbildung des Komments, festern
Zusammenschluß nach innen und aristokratische
Abschließung nach außen sich entwickelnden Corps,
welche durch ihren Seniorenkonvent ("S. C.") an der einzelnen
Universität, durch Kartellverhältnisse und später
durch den im Bad Kösen und auf der Rudelsburg tagenden
Seniorenkongreß in ganz
1022
Universitäten (die deutschen U. in der Gegenwart).
Deutschland zu einer in ihrem Kreis einflußreichen Einheit
sich herausbildeten.
Das Jahr 1848 weckte auch auf den U. das Verlangen nach einer
zeitgemäßen Reform zu neuem Leben, und sowohl von seiten
der Lehrenden als der Lernenden wurden Schritte gethan, ihnen
Geltung zu verschaffen. Zunächst erging von Jena aus die
Einladung zu einem Universitätskongreß, welcher in Jena
vom 21.-24. Sept. 1848 unter dem Vorsitz des damaligen Kanzlers v.
Wächter abgehalten wurde, u. an welchem sich, mit Ausnahme von
Berlin, Königsberg und den österreichischen Hochschulen
außer Wien, Abgeordnete sämtlicher deutscher U.
beteiligten. Die Hauptgegenstände der Beratung waren die Lehr-
und Lernfreiheit, das Prüfungswesen und die Verfassung der U.
Eine Reihe weiterer Punkte wurde einer Kommission zur Beratung
überwiesen, welche diese auch in Heidelberg unter dem Vorsitz
Vangerows zu Ostern vornahm, aber die ganze Angelegenheit auf einen
nach Heidelberg zu berufenden Kongreß der U. verschob, der
nicht zu stande kam. Noch unerheblicher waren die Resultate einer
12. und 13. Juni 1848 auf der Wartburg tagenden
Studentenversammlung. Preußen berief eine Konferenz von
Abgeordneten der Lehrer seiner U. zur Beratung über die vorher
geforderten schriftlichen Gutachten der letztern hinsichtlich der
künftigen Verfassung und Verwaltung der U., welche 27. Sept.
1849 in Berlin abgehalten ward. In Österreich traten durch
eine Reihe von Verordnungen, zunächst vom 1. Okt. 1850,
durchgreifende Veränderungen in der Organisation der U. Wien,
Prag, Lemberg, Krakau, Olmütz, Graz und Innsbruck ein, durch
welche diese den übrigen deutschen U. näher gebracht
wurden. Im ganzen haben die deutschen U. durch allen Wechsel der
Zeiten sich unversehrt erhalten und im wiedererstandenen Deutschen
Reich seit 1870 einen neuen, kräftigen Aufschwung genommen. -
Unter dem Eindruck des Kriegsjahrs 1870/71 erwachte in den letzten
Jahren eine neue Reformbewegung unter der studierenden Jugend,
welche durch Gründung freier studentischer Vereinigungen auf
den meisten deutschen U. zum Ausdruck gelangte. Es ist jedoch
diesen Vereinen, unter denen die sogen. Vereine Deutscher Studenten
seit 1880 in den Vordergrund traten, nicht gelungen, dem
studentischen Leben auf den deutschen U. eine wesentlich
veränderte Gestalt zu geben. In der überreichen
Entwickelung des Vereinswesens (Turn-, Gesangvereine,
wissenschaftliche, landsmannschaftliche Vereine etc.) liegt sogar
die vermehrte Gefahr der Zerstreuung und Vielgeschäftigkeit.
Aber im ganzen ist doch anzuerkennen, daß der frische Hauch,
der die deutsche Geschichte seit 1866 und 1870 durchweht, auch in
den Kreisen der studierenden Jugend seine belebende Kraft geltend
macht und dem Studentenleben einen reichern idealen, namentlich
patriotischen, Gehalt gegeben hat. - Mit begeisterter Teilnahme
ward überall in Deutschland die glänzende
Wiederherstellung der deutschen Universität zu Straßburg
(1. Mai 1872 eröffnet) begrüßt.
In Bezug auf die Verfassung der U. kann man gegenwärtig die
Gruppierung und Abgrenzung der Fakultäten als offene Frage
bezeichnen. Die philosophische Fakultät ist an den
schweizerischen U. und in Würzburg in zwei für die
Beratung getrennte Abteilungen, in Dorpat, Tübingen und
Straßburg dagegen in zwei Fakultäten, die philosophische
(philosophisch - historische) und die naturwissenschaftliche
(mathematisch - naturwissenschaftliche), zerlegt. In Tübingen
ist überdies die Gruppe der Staatswissenschaften
(Nationalökonomie, Statistik, Finanzwissenschaft etc.) zu
einer besondern Fakultät erhoben, so daß dort (bei zwei
nach dem Bekenntnis getrennten theologischen) im ganzen sieben
Fakultäten bestehen. In München ist die philosophische
Fakultät nicht geteilt, aber aus ihr und aus der juristischen
eine neue staatswirtschaftliche Fakultät ausgeschieden. In
Österreich, teilweise in der Schweiz, in Würzburg und
neuerdings in Straßburg ist wenigstens die
staatswissenschaftliche Gruppe aus der philosophischen in die
juristische Fakultät verlegt und diese dadurch zu einer
rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät erweitert. - Die
einzige akademische Würde, die gegenwärtig, abgesehen von
der des Lizentiaten in der Theologie, an deutschen U. noch
verliehen wird, ist das Doktorat (s. Doktor, S. 30). -
Die Zahl der Lehrstühle an den deutschen U. und
insbesondere an den philosophischen Fakultäten hat sich
infolge der stets wachsenden Ausbreitung und der im gleichen
Maß zunehmenden Teilung der Wissenschaften in den letzten
Jahrzehnten außerordentlich vermehrt. Eine in unserm
Jahrhundert mit Vorliebe gepflegte Gestalt des
Universitätsstudiums sind die sogen. akademischen Seminare, d.
h. Gesellschaften, in welchen die Studierenden unter Leitung ihrer
Lehrer praktische Übungen anstellen. Es gibt gegenwärtig:
homiletische, liturgische, philologische, pädagogische,
archäologische, historische, statistische Seminare etc. Dem
entsprechend sind die Laboratorien, Observatorien, Kliniken etc.
für die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fächer
zu einer großen Mannigfaltigkeit und sich noch immer
steigernden Vollkommenheit entwickelt. - Sehr ausgedehnt haben sich
bei dem Mangel fester Vorschriften in den letzten Menschenaltern
die Ferien an den U., im Frühjahr oft bis zu 1 1/2-2, im
Nachsommer bis zu 3 Monaten. Die Sommersemester schrumpfen
infolgedessen bisweilen sehr zusammen. Auf Abhilfe wenigstens gegen
weitere Willkür ist oft gesonnen, aber etwas allgemein
Durchführbares noch nicht gefunden worden.
Die erhebliche Erweiterung der deutschen U. im letzten
Menschenalter zeigt folgende Tabelle:[s. Bildansicht]
1853 1888
Lehrer Hörer Lehrer Hörer
Universitäten. ; Ordentl. Professoren ; Lehrer
überhaupt ; immatrikuliert ; überhaupt
Berlin 52 160 1491 2166 78 300 4767 6244
Bonn 47 84 862 896 62 134 1313 1343
Breslau 39 78 806 837 61 128 1343 1374
Göttingen 46 95 669 669 67 116 1016 1033
Greifswald 25 50 204 208 43 76 1066 1087
Halle 35 64 616 661 52 110 1489 1532
Kiel 17 37 132 132 43 83 560 579
Königsberg 30 54 347 347 45 89 844 862
Marburg 29 55 227 247 47 79 928 965
Münster 10 17 328 328 22 35 457 463
Preußen 330 694 5682 6491 520 1150 13777 15482
München 50 90 1893 1893 72 163 3809 3833
Erlangen 26 42 431 431 37 53 926 926
Würzburg 30 41 705 705 39 75 1547 1580
Leipzig 44 105 794 794 66 174 3208 3273
Tübingen 37 73 743 743 52 83 1449 1470
Freiburg 26 34 327 356 39 84 1125 1161
Heidelberg 34 80 719 752 41 101 984 1127
Gießen 31 56 402 402 35 55 546 565
Rostock 21 31 108 108 29 41 347 347
Jena 24 60 420 432 39 88 634 663
Straßburg - - - - 63 110 828 862
Deutschland 653 1306 12224 13107 1032 2177 29180 31289
1023
Universitäten (außerdeutsche).
Von den preußischen U. folge hier noch die Verteilung der
Studierenden auf die einzelnen Fakultäten. Sie betrug nach
Prozenten etwa:
Fakultäten 1853 1867 1878 1888
Evangelische Theologie 16 18 8 20,5
Katholische Theologie 11 9 3 4,5
Rechtswissenschaft 33 17,5 29 17
Medizin 18 22 16 25,5
Philosophische Fakultät 22 33,5 44 32,5
Die Gesamtzahl der deutschen Studierenden in den vier
Fakultäten, wenn man die naturwissenschaftlich-mathematischen
und historisch-philosophischen Fakultäten zusammennimmt,
belief sich auf:
Winter 1887/88 Sommer 1888 Winter 1888/89
Theologen 5815 6024 5824
Juristen 6166 6472 6577
Mediziner 8269 8750 8668
Philosophen 8221 7944 7860
Diese Zahlen beweisen, daß in Deutschland ein recht hoher
Prozentsatz der Bevölkerung gelehrten Studien nachgeht. Folge
davon ist die augenblickliche Überfüllung der meisten
Berufsfächer, für welche die U. vorbilden (Rechtsstudium,
Arzneikunde, höheres Schulfach).
Die Universitäten des Auslandes.
Verwandtschaftlich und im geistigen Austausch zunächst
stehen den deutschen U. die deutsch-österreichischen, die der
deutschen Schweiz, der drei nordischen Königreiche, die
livländische zu Dorpat, die finnische zu Helsingfors und die
niederländischen. Österreich (Cisleithanien) zählte
an 8 U. im Winter 1888/89:
Universitäten Ordentl. Professoren Lehrer überhaupt
Hörer
Wien (mit der evang.-theol. Fakultät und der Hochschule
für Bodenkultur) 94 234 5218
Prag, deutsche Universität 56 100 1470
Prag, tschechische Universität (ohne theolog.
Fakultät) 49 91 2361
Graz 48 107 1296
Krakau 45 90 1206
Lemberg (ohne mediz. Fak.) 30 64 1129
Innsbruck 45 80 862
Czernowitz 28 40 259
Zusammen: 395 806 13801
Von den 13801 Studierenden kommen auf die theologische
Fakultät: 1363, die rechts- und staatswissenschaftliche: 5125,
die ärztliche: 5666, die philosophische: 1647. Ungarn
unterhält die U. Budapest (1885: 3375 Studierende) und
Klausenburg (534), wozu noch die kroatische Universität Agram
(gegen 500 Hörer) kommt. Die U. und Akademien der Schweiz
wiesen im Sommer 1888 folgenden Bestand auf:
Universitäten Ordentl. Professoren Lehrer Hörer
Basel (1460) 36 82 407
Bern (1834) 44 90 528
Genf 45 85 537
Lausanne 23 45 250
Neuenburg 25 42 86
Zürich (1838) 37 102 579
Zusammen: 210 446 2387
Unter den russischen U. gehören in diese Gruppe die
livländische, bisher noch ihrem Grundcharakter nach deutsche
zu Dorpat (1632 von Gustav Adolf begründet, 1802 von Alexander
I. erneuert; 1884: 1522 Hörer) und die finnländische zu
Helsingfors (1640 zu °Abo von der Königin Christine
begründet, 1826 nach Helsingfors verlegt; 1886: 700
Studenten); sodann die skandinavischen: in Schweden Upsala (1476;
1885: 1821 Hörer) und Lund (1666; 1885: 1350 Studenten) ; in
Norwegen Christiania (1811; 1885: 2400 Hörer); in
Dänemark Kopenhagen (1475; um 1300 Hörer); ferner die
holländischen: Leiden (1575), Groningen (1614), Utrecht
(1636), neben denen bis 1816 noch Franeker (1585) und Harderwijk
(1600) bestanden, und die städtische Universität zu
Amsterdam (1875). Wesentlich abweichend haben sich die beiden
hochkirchlichen U. in England, Oxford und Cambridge, entwickelt, an
denen das Kollegienwesen, auf alte Stiftungen von großartigem
Reichtum begründet, noch immer vorwaltet. Durch diese
Stiftungen werden sie immer eng mit der bischöflichen
Landeskirche verbunden bleiben, wenn auch seit 1871 die
nichtgeistlichen Stellen unabhängig vom anglikanischen
Bekenntnis besetzt werden sollen. Die 1845 gegründete
Universität zu Durham ist von nur geringem Umfang. Die 1836
öffentlich anerkannte London University ist eigentlich eine
Prüfungsbehörde, nach dem Muster der
neufranzösischen U. eingerichtet, mit der später
Colleges, so das liberale University College, das kirchliche King's
College, inner- und außerhalb Londons verbunden worden sind.
Näher den deutschen U. stehen die schottischen zu St. Andrews
(1412), Glasgow (1454), Aberdeen (1506) und Edinburg (1582),
während in Irland die Universität zu Dublin mit Trinity
College (1591) den ältern englischen U., Queen's University
(1849) mit verschiedenen auswärtigen Colleges der London
University entspricht und die römisch-katholische
Universität (1874) den belgischen und französischen
Mustern, von denen noch zu reden sein wird, nachgeahmt ist. In
Belgien sind neben den Staatsuniversitäten zu Gent und
Lüttich zwei sogen. freie U. zu Brüssel (1834, liberal)
und zu Löwen (1835, klerikal; ältere Universität:
1426-1793) von Privatvereinen gegründet worden. Ähnlich
steht gegenwärtig die Sache in Frankreich. Dort hat die
Revolution mit den 23 alten, mehr oder weniger kirchlichen U.
völlig aufgeräumt und Napoleon I. an ihre Stelle ein von
Paris aus über alle Departements sich erstreckendes Netz von
Unterrichtsbehörden und -Anstalten gesetzt, dessen Mittelpunkt
Universität genannt wird, während das ganze Land in eine
Anzahl von Bezirken (jetzt 16) geteilt ward, in denen je eine
Akademie, d. h. ebenfalls eine Aufsichts- und
Prüfungsbehörde, mit den ordentlichen
Verwaltungsbehörden zusammen das Unterrichtswesen leitet.
Daneben blieben nur einzelne Fakultäten und Kollegien
(Sorbonne, Collège de France, Collège de Louis le
Saint etc.) bestehen. Nach langen Kämpfen hatte die klerikale
Partei endlich 1875 durchgesetzt, daß unter gewissen sehr
allgemein gehaltenen Bedingungen Körperschaften, Vereine etc.
freie U. gründen dürften, deren Prüfungen denen der
Staatsbehörden gleich gelten, und dann sofort von diesem
Rechte durch Gründung von sechs katholischen U. (Paris, Lille,
Angers, Lyon, Poitiers, Toulouse) Gebrauch gemacht. Die
Entwickelung dieser Anstalten ist seitdem rüstig
vorgeschritten, und namentlich sind neben der Universität zu
Paris auch die zu Lille und Angers bereits völlig organisiert,
obwohl das Recht der Prüfung diesen Anstalten inzwischen
wieder entzogen ist, so daß deren Studenten die
wissenschaftlichen Grade erst vor staatlichen Behörden
erwerben müssen. Dieser Vorgang hat auf dem Gebiet des
staatlichen höhern
1024
Universum - Unkräuter.
Unterrichts in Frankreich regen Wetteifer geweckt. Doch bestehen
rechtlich noch immer nur 58 vereinzelte Fakultäten neben einer
größern Zahl von fachlichen Hochschulen. Der Lehrstand
an den Staatsfakultäten zählte 1882 gegen 1200, die
Hörerschaft etwa 16,000 Köpfe. In Italien, wo neben 17
staatlichen U. 4 freie U. und mehrere einzelne Fakultäten,
Akademien verschiedener Art bestehen, hatte 1875 der
deutschfreundliche Herbartianer R. Bonghi als Unterrichtsminister
neue Anordnungen erlassen und durch dieselben die italienischen U.,
welche halb Lehrkörper, halb Unterrichts- und
Prüfungsbehörden nach französischer Weise geworden
waren, den deutschen wesentlich angenähert. Sein Nachfolger
Coppino hat dieselben 1876 in wichtigen Punkten verändert und
namentlich die Staatsprüfungen den Fakultäten
zurückgegeben. Spanien hat 10 U., von denen manche schon im
Mittelalter hohen Ruf genossen, wie Valencia (1209), Salamanca
(1250), Alcalá de Henares (1499). Gegenwärtig behauptet
nur die Universität Madrid (1836 von Alcalá hierher
verlegt; 5000 Studenten) einen höhern Rang. Portugal hat seine
Universität zu Coimbra (1290 in Lissabon gegründet, 1307
verlegt). Im slawischen Osten Europas hatte Polen schon seit 1400
seine Universität in Krakau, wozu 1578 Wilna trat; sonst aber
sind erst in unserm Jahrhundert von Österreich (Lemberg,
Agram, Czernowitz 1875) und Rußland dort eigentliche U.
(Moskau, Wilna 1803; Kasan, Charkow 1804; Warschau 1816; Petersburg
1819; Kiew 1834; Odessa 1865; Tiflis, Tobolsk) gegründet
worden. Auch Rumänien (Bukarest und Jassy), Serbien (Belgrad),
Griechenland (Athen und Korfu) besitzen heute ihre U.
Außerhalb Europas finden sich die U. am zahlreichsten in
Amerika, wo im Süden die spanisch-portugiesische Form aus dem
Zeitalter der Jesuiten herrscht und im Norden bei großer
Mannigfaltigkeit die englische Anlage vorwaltet. Berühmt sind
unter den ältern, noch unter den Engländern
begründeten U. des Unionsgebiets Harvard University zu
Cambridge in Massachusetts (1638) und Yale College zu Newhaven in
Connecticut (1701). In Asien haben die vier britischen U.
Ostindiens hohe Bedeutung für die Zivilisation dieses weiten
Gebiets und für die vergleichende Sprachforschung. In Japan
strebt die Regierung eifrig, das europäische
Universitätswesen einzubürgern, wobei als Muster die
Universität zu Tokio dient, die vorwiegend mit
europäischen Lehrern besetzt wird.
Vgl. Meiners, Geschichte der Entstehung und Entwickelung der
hohen Schulen unsers Erdteils (Götting. 1802-1805, 4 Bde.);
Tholuck, Das akademische Leben des 17. Jahrhunderts (Halle
1853-1854, 2 Tle.); Raumer, Geschichte der Pädagogik, Bd. 4
(5. Aufl., Gütersl. 1878); Zarncke, Die deutschen U. im
Mittelalter (Leipz. 1857); Dolch, Geschichte des deutschen
Studententums (das. 1858); Keil, Geschichte des jenaischen
Studentenlebens (das. 1858); Muther, Aus dem Universitäts- und
Gelehrtenleben im Zeitalter der Reformation (Erlang. 1866); Sybel,
Die deutschen U. (2. Aufl., Bonn 1874); J. B. Meyer, Deutsche
Universitätsentwickelung (Berl. 1875); "Société
de l'enseignement supérieur, Études de 1878" (Par.
1879); Paulsen, Gründung der deutschen U. im Mittelalter
("Sybels Historische Zeitschrift" 1881); Derselbe, Geschichte des
gelehrten Unterrichts (Leipz. 1885); Denisle, Die U. des
Mittelalters (Berl. 1886, Bd. 1); Kaufmann, Geschichte der
deutschen U. (Stuttg. 1888, Bd. 1); "Deutsches akademisches
Jahrbuch" (Leipz. 1875 u. 1878, mit Angabe der Speziallitteratur).
Fortlaufende Statistik der U. Deutschlands, Österreichs, der
Schweiz etc. gibt Aschersons "Deutscher Universitätskalender"
(Berl., seit 1873).
Universum (lat.), das Ganze, der Inbegriff aller Dinge;
s. v. w. Welt.
Unke, s. Frösche, S. 752, und Nattern.
Unkel, Flecken im preuß. Regierungsbezirk Koblenz,
Kreis Neuwied, am Rhein und an der Linie Friedrich
Wilhelmshütte-Niederlahnstein, hat eine gotische kath. Kirche,
ein Bergrevier, Basaltbrüche, Zementwarenfabrikation, Weinbau
und (1885) 687 Einwohner.
Unken, Dorf und Luftkurort im österreich. Herzogtum
Salzburg, Bezirkshauptmannschaft Zell am See, an der Saalach, 552 m
ü. M., nahe der bayrischen Grenze (Reichenhall), mit (1880)
229 (als Gemeinde 1046) Einw. Vgl. Strauß, Der Alpenkurort U.
(Salzb. 1879).
Unkräuter, Pflanzen, welche entgegen dem Kulturzweck
zwischen angebauten Pflanzen erscheinen, im allgemeinen nur als
schädlich in Betracht kommen, zum Teil aber nutzbar sind (als
Grünfutter etc.), ja sogar für sich angebaut werden, wie
denn auch manche Kulturpflanzen, wenn sie am unrichtigen Ort
erscheinen, zu den Unkräutern gezählt werden müssen.
Die U. sind schädlich, insofern sie den angebauten
Gewächsen Raum fortnehmen, denn zu eng gestellte Pflanzen
beeinträchtigen sich gegenseitig in der Entwickelung, und oft
zeigen U. stärkeres Entwicklungsvermögen als die
Kulturpflanzen, zwischen denen sie wachsen. Enthält 1 kg
Rotkleesamen nur 10,000 Körner Wegerich (Plantago media) oder
6000 Körner Disteln, so nimmt das Unkraut nahezu die
Hälfte des Areals für sich in Anspruch. Manche
Schlingpflanzen (Convolvulus arvensis und sepium, Polygonum
convolvulus und dumetorum, Lathyrus tuberosus und Vicia-Arten)
verflechten sich mit Halmfrüchten zu einer unentwirrbaren
Masse, ziehen sie nieder und bringen sie zur Lagerung. Die U.
beeinträchtigen die Kulturpflanzen, indem sie Luft- und
Lichtzutritt verringern und dem Boden erhebliche Mengen von Kali,
Stickstoff und Phosphorsäure entziehen. Manche U. sind
Parasiten und zwar Wurzelparasiten (Orobanche, Lathraea, Monotropa,
Thesium, Melampyrum, Euphrasia, Alectorolophus, Odontites) oder auf
oberirdischen Organen (Cuscuta, Viscum), andre sind schädlich,
indem sie parasitische Pilze übertragen. So lebt das
Äcidium des Fleckenrostes auf Berberitze, das des Kronenrostes
auf Faulbaum und Kreuzdorn, das des Streifenrostes auf
Ranunculus-Arten, Urtica dioica auf verschiedenen Borragineen, auch
überwintert die Uredoform des Kronenrostes auf Holcus lanatus.
Auch die Brandpilze werden durch U. verbreitet (Convolvulus
arvensis, Rumex acetosella, Phleum pratense), und der
Mutterkornpilz entwickelt sich vielleicht auf allen Gräsern.
Viele U. sind Giftpflanzen, welche, dem Grünfutter beigemengt,
oft sehr schädlich werden, oder deren Samen in das
Getreidemehl übergehen. Hauptsächlich kommen hierin
Betracht: Bromus secalinus, Lolium temulentum, Colchicum autumnale,
Polygonum hydropiper und minus, viele Solaneen, Gratiola
officinalis, Alectorolophus hirsutus, Cicuta virosa, Aethusa
Cynapium, Conium maculatum, mehrere Ranunkulaceen, Papaver Argemone
und dubium, Agrostemma Githago, die Euphorbiaceen etc. Manche U.
sind insofern nützlich, als sie ohne große
Ansprüche an den Boden diesen bedecken und vor zu schnellem
Austrocknen schützen.
1025
Unktion - Unruhstadt.