erwarb. Im Januar 1881 wurde er zum Präsidenten des
Reichsgerichts ernannt. Seinen juristischen Ruf begründete er
durch das "System des österreichischen allgemeinen
Privatrechts" (Bd. 1 u. 2,Leipz. 1856-59, 4. Aufl. 1876; Bd. 6,
1864, 3. Aufl. 1879), ein Werk, welches zu den bedeutendsten
Erscheinungen der juristischen Litteratur zählt und in der
Entwickelung der österreichischen Jurisprudenz Epoche gemacht
hat. Außerdem nennen wir von ihm: "Die Ehe in ihrer
welthistorischen Entwickelung" (Wien 1850); "Über die
wissenschaftliche Behandlung des österreichischen gemeinen
Privatrechts" (das. 1853); "Entwurf eines bürgerlichen
Gesetzbuchs für das Königreich Sachsen" (das. 1853); "Die
rechtliche Natur der Inhaberpapiere" (Leipz. 1857); "Die
Verlassenschaftsabhandlung in Österreich" (Wien 1862); "Zur
Reform der Wiener Universität" (das. 1869); "Die Verträge
zu gunsten Dritter" (Jena 1869). Mit seinem Ministerkollegen Glaser
begründete er die "Sammlung von zivilrechtlichen
Entscheidungen des k. k. obersten Gerichtshofs" (Wien 1859 ff., 2.
Aufl. 1873 ff.).
6) William, Kupferstecher, Sohn von U. 4), geb. 11. Sept. 1837
zu Hannover, bildete sich seit 1854 auf der Akademie zu
Düsseldorf unter Keller, arbeitete seit 1857 bei Thäter
zu München, kehrte 1860 nach Düsseldorf zurück und
ging 1865 nach Leipzig, sodann nach Weimar. Auf Anregung des
Verlegers der "Zeitschrift für bildende Kunst" begann er 1866,
Gemälde alter, besonders niederländischer, Meister im
Museum zu Braunschweig zu radieren, denen 1869 eine zweite Reihe
von Blättern nach Gemälden der Kasseler Galerie folgte.
Durch diese Vorarbeiten eignete er sich eine so große
Gewandtheit in der Handhabung der Radiernadel an, daß er die
Kunst der Radierung in Deutschland neu belebte und zahlreiche
Nachfolger und Schüler fand. Den Winter von 1871 bis 1872
brachte er in Holland zu, wo die Blätter zur "Frans
Hals-Galerie" (mit Text von Vosmaer) entstanden. Von da ab
entfaltete er eine sehr umfangreiche Thätigkeit, welche sich
auch auf Nachbildungen von Gemälden moderner Künstler
erstreckte. Sein Hauptwerk ist die "Galerie des Wiener Belvedere"
(mit Text von K. v. Lützow). Von einzelnen Blättern ist
besonders die Radierung nach dem Ildefonsoaltar von Rubens (im
Auftrag der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in
Wien) hervorzuheben. Seine künstlerische Eigenart
befähigte ihn vorzugsweise zur Wiedergabe der Gemälde der
Niederländer (Rubens, van Dyck, Fr. Hals, Rembrandt), der
Venezianer (Tizian, Veronese) und der Spanier (Murillo, Velazquez)
der Blütezeit, deren koloristische Wirkungen er mit feinem
Verständnis nachzubilden vermag. Er lebt als Professor in
Wien.
Ungerade Zahl, eine solche, welche durch 2 nicht teilbar
ist, z. B. 1, 3, 5 etc.
Ungericht (altd.), s. v. w. Missethat oder
Verbrechen.
Ungern-Sternberg, Alexander, Freiherr von,
Romanschriftsteller, geb. 22. April 1806 auf dem väterlichen
Gut Noistfer bei Reval, sollte sich dem Studium der Rechte widmen,
folgte aber seiner Neigung zur Poesie und lebte seit 1830 in
Deutschland, wo er sich nach wechselndem Aufenthalt später
bleibend in Dresden niederließ. Er starb 24. Aug. 1868 zu
Dannenwalde in Mecklenburg Strelitz. U. hat in einer langen Reihe
von Romanen und Novellen, immer aber mit hervorstechender
Frivolität, die verschiedenartigsten Stoffe behandelt. Die
Rokokozeit ist die eigentliche Domäne seines Talents. Der
romanhafte Inhalt dieser Novellen (z. B. "St. Sylvan", Frankf.
1839; "Die gelbe Gräfin", Berl. 180) ist dürftig, die
künstlerische Komposition schwach, die. Charakteristik oft
oberflächlich; aber der kulturhistorische Hintergrund ist treu
und sicher gezeichnet so namentlich in "Berühmte deutsche
Frauen des 18. Jahrhunderts" (das. 1848). Zu dem Besten, was U.
schrieb, gehören die Erzählungen: "Galathee (Stuttg.
1836) und "Psyche" (Frankf. 1838, 2 Bde.) Als der soziale
Tendenzroman Mode wurde, trat er mit "Diane" (Berl. 1842, 3 Bde.)
und "Paul" (Hannover 1845, 3 Bde.) hervor, ohne es freilich zur
rechten ethischen und psychologischen Tiefe zu bringen. Letzteres
Werk hatte zugleich die Absicht, für eine Reorganisation des
Adels Propaganda zu machen, und diese Tendenz bewirkte 1848 des
Verfassers Anstellung als Mitarbeiter am Feuilleton der
"Kreuzzeitung". Da aber seine "Neupreußischen Zeitbilder"
(Brem. 1848-49, 2 Bde.) wenig Beifall fanden, ließ er die
Politik fallen und suchte durch die Erfindung von Pikantem auf
frivolem Gebiet zu gefallen, so namentlich in den "Braunen
Märchen" (das. 1850, 4. Aufl. 1875) und in den "Rittern von
Marienburg" (Leipz. 1853, 3 Bde.). Die "Erinnerungsblätter"
(Leipz. 185560, 6 Bde.) erzählen des Verfassers
Lebensgeschichte. Viel Fesselndes enthält die "Dresdener
Galerie" (Leipz. 185758, 2 Bde.), eine Reihe von Kunstnovellen und
biographischen Skizzen. Die historischen Romane: " Dorothea von
Kurland " (Leipz. 1859, 3 Bde.), " Elisabeth Charlotte" (das. 1861,
3 Bde.), "Peter Paul Rubens" (das. 1862) u. a. verfielen schon
völlig dem Ton der Leihbibliothek. Kleinere Erzählungen
erschienen gesammelt als "Novellen" (Stuttg. 18323, 5 Bde.),
"Erzählungen und Novellen" (Dess. 1844, 4 Bde.) und "Kleine
Romane und Erzählungen" (Jena 1862, 3 Bde.).
Unger-Sabatier (spr. -ssabatjeh, in Italien Ungher
genannt), Karoline, Opernsängerin, geb. 1800 zu Wien, wurde
von Ronconi in Mailand ausgebildet und debütierte 1819 in Wien
als Cherubin in Mozarts "Figaro". Dort engagierte sie der
Unternehmer Barbaja für Italien, wo sie in allen großen
Städten weniger durch die Kunst als durch die dramatische
Kraft ihres Gesanges Begeisterung erregte. Im Dezember 1833 errang
sie auch am italienischen Theater in Paris einen glänzenden
Erfolg. 1840 verließ sie die Bühne, nachdem sie sich mit
Sabatier verheiratet hatte, und zog sich auf eine Villa bei Florenz
zurück, wo sie 23. März 1877 starb.
Unglückshafte, s. Termiten.
Unglückstage, s. Tagewählerei.
Ungnad, Hans, Freiherr zu Sonegg, Förderer der
Reformation unter der südslawischen Bevölkerung
Österreichs. Geb. 1493 als Sohn eines Kaiserlichen
Kammermeisters, nahm er ruhmvollen Anteil an den Feldzügen
gegen die Türken, wandte sich in spätern Lebensjahren der
Sache der Reformation zu, ging 1554 nach Wittenberg, legte 1557
seine Stelle als Statthalter von Steiermark nieder, weil den
Evangelischen freie Religionsübung verweigert ward, und ging
zu Herzog Ulrich von Württemberg, der ihm ein früheres
Stift zu Urach als Wohnsitz überwies. Dort bewirkte er die
Berufung des um die reformatorische Bewegung in Krain verdienten
Truder nach Württemberg. Beide Männer errichteten jetzt
eine Druckerei, durch welche lange Zeit die südlichen
Länder Österreichs mit reformatorischen Schriften
versehen wurden, bis der Kaiser sie im Dreißigjährigen
Krieg aufhob und der Propaganda in Rom schenkte. U. starb 27. Dez.
1564 zu Wietritz in Böhmen.
Unguéntum (lat.), Salbe (s. d.).
1016
Ungulata - Union.
Ungulata, Huftiere.
Ungvar, Stadt, s. Ung.
Uniamiembe, Landschaft im S. von Uniamvesi in
Äquatorialafrika, unter 5° südl. Br. Hauptort und
Missionsstation ist Tabora (Kase), Knotenpunkt der
Karawanenstraßen zum Tanganjika und zum Ukerewe, mit
großen Warenlagern der arabischen Händler.
Uniamvesi ("Mondland"), große Landschaft in
Äquatorialafrika, südlich vom Ukerewe, östlich vom
Tanganjika, vom 4.° südl. Br. durchzogen, nach Speke nicht
viel kleiner als England, liegt zum großen Teil auf dem
1000-1200 m hohen Tafelland, welches die Wasserscheide zwischen
Ukerewe, Tanganjika und Lufidschi bildet. Nach N. dacht es sich zum
Ukerewe ab, dessen Südrand noch in seine Grenzen fällt;
hier umschließt es die ungemein fruchtbaren Landschaften von
Usabi und Uhindi. Dieser nördliche Teil wird von den Bewohnern
Usukuma (Mitternachtsland) nannt, im Gegensatz zu dem
südlichen Utakama (Mittagsland). Das Land ist im allgemeinen
eins der fruchtbarsten und bevölkertsten im äquatorialen
Osten. Zugleich ist es durch die Kreuzung der nach dem Tanganjika
und dem Ukerewe führenden und bei der Missionsstation Tabora
sich spaltenden Karawanenwege das belebteste und wichtigste
Handelsland im Innern Ostafrikas. Das Land stand früher unter
einem Herrscher, ist aber im Lauf seiner neuesten Geschichte in
eine Anzahl von Kleinstaaten zerfallen. Die Bewohner, die
Waniamwesi, sind dunkler von Farbe als ihre Nachbarn, schlagen die
untern Schneidezähne aus und splittern eine dreieckige
Lücke zwischen die zwei innern Schneidezähne der obern
Reihe, tragen schwere Kupferringe um die Arme, rauchen und trinken
stark, bauen aber ihr Land gut an, weben auf eignen
Webstühlen, schmelzen Eisen und sind als Händler oder
Träger überall zwischen Sansibar und Udschidschi
anzutreffen. Seitdem sich Araber zahlreich unter ihnen
niedergelassen haben, sind sie verarmt, einzelne haben sich aber,
wie jene, eifrig dem Sklaven und Elfenbeinhandel gewidmet und es
teilweise zu großem Wohlstand gebracht. S. Karte bei Artikel
"Congo".
Ünîe (im Altertum Önoe), Stadt im
türk. Wilajet Trapezunt in Kleinasien, am Schwarzen Meer,
beliebter Aufenthalt reicher Mohammedaner, hat einen Hafen,
Baumwollweberei, Schiffbau, Handel mit Holz, Korn, Flachs etc. und
6000 Einw. (Mohammedaner und Griechen). Die Umgegend ist reich an
Eisen.
Unieren (lat.), vereinigen; uniert, vereinigt, besonders
von früher getrennten Religionsgenossenschaften (s.
Union).
Unierte Griechen, diejenigen griech. Christen, welche
sich mit Beibehaltung ihrer alten Kirchenverfassung, ihrer Sprache
beim Gottesdienst, ihrer Fasten und des Abendmahls unter beiderlei
Gestalt, aber mit Annahme der Lehre, daß der Heilige Geist
auch vom Sohn ausgehe, der Lehren vom Fegfeuer und vom Primat des
Papstes mit der römischen Kirche wieder vereinigt haben. Im
ganzen gibt es ihrer jetzt gegen 5 Mill., welche vorzüglich in
Italien, Polen, Siebenbürgen, Ungarn, Kroatien, Dalmatien und
in der Türkei leben. S. Union.
Unifizieren (lat.), in eine Einheit, Gesamtheit
verschmelzen, z. B. Staatsschulden, Anleihen.
Unifórm (lat.), die "gleichförmige"
Bekleidung der Militärpersonen sowie gewisser Klassen von
Zivilbeamten. Die Einführung derselben fällt in das 17.
Jahrh. und kann als gleichzeitig mit der Errichtung der stehenden
Heere angenommen werden. Farbe, Schnitt und Stoff der U.
unterscheiden hauptsächlich die Soldaten verschiedener
Länder und verschiedener Waffengattungen; die daran
befindlichen Abzeichen dagegen dienen zur Unterscheidung der
einzelnen Truppenkörper sowie der verschiedenen Grade.
Uniformitätsakte, s. Presbyterianer.
Unigenitus Dei fllius (lat.), Anfangsworte der vom Papst
Clemens XI. im September I713 erlassenen Bulle, worin 101
Sätze aus Quesnels "Réflexions morales" verdammt wurden
(s. Jansen). Vgl. Schill, Die Konstitution U. (Freiburg 1876).
Unikum (lat.), das Einzige in seiner Art, nur einmal
Vorhandene, besonders von Münzen, alten Kunstwerken,
Holzschnitten etc. gebraucht.
Unimak, s. Aleuten.
Unio, Flußmuschel.
Uniõn (lat.), Vereinigung, Verbindung, namentlich
der Bund mehrerer Staaten. Geschichtlich merkwürdig sind
namentlich die Kalmarische U. vom. 20. Juli 1397 (s. Kalmar), die
Utrechter U. vom 23. Jan. 1579 (s. Niederlande, Geschichte, S. 149)
und die U. protestantischer Fürsten und Städte von 1608
zum Schutz ihrer gemeinsamen Religionsinteressen (s.
Dreißigjähriger Krieg, S. 132). In Deutschland versuchte
ferner Preußen 1850 eine U. der Klein und Mittelstaaten unter
preußischer Führung, zu welchem Zweck das Erfurter
Unionsparlament berufen ward (s. Preußen, S. 374). Im
staatsrechtlichen Sinn versteht man unter U. die Verbindung zweier
Staaten, welche unter einem und dem selben Souverän stehen (s.
Staat, S. 196).
Auf kirchlichem Gebiet bezeichnet U. die Vereinigung
verschiedener Religions- oder Konfessionsparteien zu Einer Gemeinde
oder Kirche. Der Trieb nach Beseitigung der kirchlichen Spaltungen
zieht sich (unter stetiger Berufung auf Joh. 10, 16; 17, 21-23;
Eph. 4, 3-6) durch die ganze Geschichte der Kirche hindurch.
Während aber die katholische Kirche bei ihren Attributen der
Einheit, Allgemeinheit und Untrüglichkeit eine U. nur durch
das Aufgehen aller andern Kirchenparteien in ihrer Gemeinschaft
erstreben kann, erlaubt die evangelische Kirche bei ihrer
prinzipiell freiern Stellung zum Dogma, zu der kirchlichen
Verfassung und zu den gottesdienstlichen Einrichtungen eine
Vereinigung zweier oder mehrerer Kirchenparteien innerhalb eines
gewissen gemeinsamen Rahmens von Glaubensanschauungen und
Kultuseinrichtungen unter einheitlichem Kirchenregiment. Die
ältesten Unionsversuche bezweckten Vereinigung der griechisch-
und römisch-katholischen Kirchen und sind meist von den
griechischen Kaisern aus politischen Rücksichten ausgegangen.
Schon die Verhandlungen auf der Synode zu Lyon 1274 führten
dazu, daß die Griechen den Primat des römischen Bischofs
anerkannten; die Kirchenversammlung von Konstantinopel 1285 nahm
aber alle Konzessionen wieder zurück. Denselben
Mißerfolg erntete seit 1439 das Florentiner Konzil (s. d.),
so daß die Zahl der "unierten Griechen" (s. d.) eine sehr
geringe blieb. Dagegen gelang die U. Der Katholiken mit den
Maroniten(s.d.) und einem Teil der armenischen Kirche (s. d.).
Neuerdings haben die sogen. Altkatholiken (s. d.) wieder den
Gedanken einer U. der christlichen Kirchen, zunächst der
beiden großen katholischen, ins Auge gefaßt, und
etliche Gelehrte vereinigten sich im August 1875 zu Bonn über
das Dogma vom Ausgang des Heiligen Geistes. - Noch entschiedener
scheiterten die Unionsversuche mit den Protestanten zunächst
auf allen Reichstagen im Reformationszeitalter, dann bei
verschiedenen Religionsgesprächen (s. d.) zwischen den
Katholiken und Evangelischen. Ebenso erfolglos blieben auch die
Unionsvorschläge von Staphylus, Wicel
1017
Union (kirchliche) - Union (Stadt).
und Cassander unter Kaiser Ferdinand I., wiewohl auch
protestantische Gelehrte, wie Hugo Grotius (s.d.) und Georg
Calixtus (s. d.), den Gedanken aufnahmen. Was 1660 der
Kurfürst von Mainz, Johann Philipp von Schönborn,
mehreren evangelischen Fürsten als Unionsgrundlage anbot, lief
aus Akkommodation an die katholischen Unterscheidungslehren hinaus.
Ernstlicher waren die Vorschläge des von den Höfen
begünstigten Rojas de Spinola (s. d.) gemeint, welchem
lutherischerseits Molanus (s. d.) und Leibniz (s. d.)
entgegenkamen. Diese verhandelten mit Bossuet (s. d.), welcher aber
gleichfalls nur auf Nachgiebigkeit der Protestanten rechnete. Das
Thorner Blutbad, die Bedrängung der Protestanten in Frankreich
und in der Pfalz, welche Friedrich Wilhelm I. von Preußen und
andre evangelische Reichsstände zu Repressalien
veranlaßten, und die Salzburger Protestantenverfolgung
zerstörten vollends jede Hoffnung auf das Gelingen
künftiger Versuche. - Im Jahrhundert der Reformation
versuchten Wittenberger und Tübinger Theologen vergeblich eine
U. mit der griechischkatholischen Kirche; nicht minder erfolglos
waren im folgenden Jahrhundert die Bemühungen des Patriarchen
Cyrillus Lukaris (s. d.) um eine U. mit der reformierten
Kirche.
Aussichten auf Erfolg hatten von Anfang an nur die Versuche
einer U. zwischen Lutheranern und Reformierten, da diese zwar
über nicht wenige dogmatische Punkte, namentlich über den
Sinn der Einsetzungsworte des Abendmahls und über die
Gnadenwahl, voneinander abwichen, dafür aber durch die
Gemeinsamkeit des über allen Dogmatismus hinausgreifenden
protestantischen Prinzips verbunden waren. Schon 1529 veranstaltete
der Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen das
Religionsgespräch zu Marburg (s. Luther). Aber die von Zwingli
dargereichte Bruderhand stieß Luther von sich, und als
nachher Melanchthon und seine Schüler an der Vereinigung
fortarbeiteten, unterlagen sie dem Vorwurf des Kryptocalvinismus
(s. d.). Nur vorübergehend hielt der 1570 geschlossene Vertrag
von Sendomir vor (s. Dissidenten). Das zwischen sächsischen,
hessischen und brandenburgischen Theologen 1631zuLeipzig gehaltene
Religionsgespräch sowie auch das zu Kassel 1661, welches der
Landgraf Wilhelm V. zwischen den reformierten Theologen der
Universität Marburg und den lutherischen zu Rinteln angeordnet
hatte, bewiesen zwar die Möglichkeit einer Ausgleichung, und
hervorragende Theologen, wie lutherischerseits Calixtus und
reformierterseits Duräus, setzten die ganze Arbeit ihres
Lebens für eine solche ein. Aber der dogmatische Zelotismus
zerstörte beständig die gemachten Ansätze. Aus
Gründen der Politik sahen sich die reformierten, aber
über ein lutherisches Volk herrschenden Hohenzollern auf den
Gedanken der U. der beiden evangelischen Konfessionen hingewiesen.
Friedrich I. von Preußen veranstaltete 1703 eine Unterredung
lutherischer und reformierter Theologen in Berlin (Collegium
caritativum), allein die Errichtung einiger Unionskirchen und der
Waisenhäuser zu Berlin und Königsberg, in welchen sowohl
ein lutherischer als auch ein reformierter Geistlicher unterrichten
und das Abendmahl zugleich austeilen mußten, hatte
ebensowenig den Fortgang der Vereinigung zur Folge als der zur
Einführung der englischen Liturgie 1706 promulgierte Entwurf.
Als später König Friedrich Wilhelm I. sich bemühte,
durch das Corpus Evangelicorum 1719 eine U. zu stande zu bringen,
fanden die von den Tübinger Theologen Klemm und Pfaff
proponierten 15 Unionsartikel so wenig Beifall, daß die
Konsistorien zu Dresden und Gotha bei dem Reichstag zu Regensburg
nachdrücklich dagegen protestierten. Zwar wurde hierauf von
Friedrich Wilhelm I. die U. wenigstens in seinem Reich realisiert,
indem er selbst der calvinistischen Prädestinationslehre
entsagte, dagegen die Annahme des reformierten Kultus forderte;
aber schon Friedrich IL gab 1740 seinem Lande die alte Freiheit mit
dem alten Kultus wieder zurück. Das Reformationsjubiläum
von 1817 gab der U. einen neuen Anlaß. In Preußen, wo
Konsistorien und Universitäten schon seit Jahren beiden
Konfessionen gemein waren, konnte die kirchenregimentliche U. ohne
Schwierigkeiten vollzogen werden. Der König erließ 27.
Sept. 1817 eine die Übereinstimmung der Lutheraner und
Reformierten im wesentlichen der Lehre voraus setzende Ausforderung
an die Geistlichkeit, die U. zu fördern. Dieselbe wurde
nunmehr auch 30. und 3l. Okt. zu Berlin und Potsdam durch
gemeinschaftliche Abendmahlsfeier vollzogen. Ferner wurde die U. zu
stande gebracht 1817 in Nassau, 1818 in Rheinbayern, 1819 in
Anhalt-Bernburg, 1821 in Waldeck-Pyrmont und Baden, 1822 in Rhein-
und Oberhessen, 1823 auch in Darmstadt, 1824 in Hildburghausen,
1825 in Lichtenberg, 1827 in Anhalt-Dessau. Eine mächtige
Reaktion erhob sich dagegen besonders in Preußen, als
Friedrich Wilhelm III. 1822 eine neue Kirchenagende (s.
Agendenstreit) den Widerstrebenden aufdringen wollte. Es entstand
unter der Führung des Professors Scheibel (s. d.) zu Breslau
eine Partei, welche den Kampf gegen den Rationalismus in der
Landeskirche einem Kampf gegen U. und Agende steigerte und die
Annahme beider als Verrat betrachtete (s. Lutherische Kirche).
Friedrich Wilhelm IV. gestattete nicht bloß diesen
Altlutheranern, selbständige Gemeinden zu bilden, sondern
machte auch den lutherischen Sonderbestrebungen innerhalb der
Landeskirche die weitgehendsten Zugeständnisse. Ein
Erlaß von 1852 stellte die Zusammensetzung des
Oberkirchenrats zu Berlin aus lutherischen, reformierten und
unierten Mitgliedern fest sowie den Modus der Entscheidung durch
Separation der Mitglieder (itio in partes) bei rein konfessionellen
Fragen. Gleichwohl lehnte ein Erlaß von 1853
ausdrücklich jede Absicht einer Störung der U. ab und
ordnete zugleich an, daß der altlutherische Ritus beim
Abendmahl nur auf gemeinschaftlichen Antrag des Geistlichen und der
Gemeinde gestattet sein sollte; 1857 ward derselbe noch von der
Genehmigung der Konsistorien abhängig gemacht. Eine 1856 auf
Befehl des Königs zusammen tretende, aus 40
Vertrauensmännern bestehende Konferenz sprach sich gegen eine
bekenntnislose U. aus. Der Name der U. selbst aber ward durch einen
königlichen Erlaß vom 3. Nov. 1867 für die alten
Provinzen Preußens festgehalten. Vgl. Hering, Geschichte der
kirchlichen Unionsversuche (Leipz. 1836-1838, 2 Bde.); Nitzsch,
Urkundenbuch der evangelischen U. (Bonn 1853); Julius Müller,
Die evangelische U. (Halle 1854); Schenkel, Der Unionsberuf des
evangelischen Protestantismus (Heidelb. 1855); Wangemann, Sieben
Bücher preußischer Kirchengeschichte (Berl.1859-60, 3
Bde.); Nagel, Die Kämpfe der evangelisch - lutherischen Kirche
in Preußen seit Einführung der U. (Stuttg. 1869);
Brandes, Ge schichte der evangelischen U. in Preußen (Gotha
1872 bis 1873, 2 Bde.); Finscher, U. und Konfession (Kassel 1873, 2
Bde.); Mücke, Preußens landeskirchliche
Unionsentwickelung (Brandenb. 1879).
Union (San Carlos de la U.), Hafenstadt des
mittelamerikan. Staats Salvador, an der Fonseca-
1018
Union der Zweiundzwanziger - Universalwissenschaft.
bai und am Fuß des Vulkans von Conchaqua, in bewaldeter
Gegend, mit vorzüglichem Hafen, lebhaftem Handel und (1878)
2112 Einw.
Union der Zweinndzwanziger, s. Deutsche Union.
Unioninseln (Tokelau), eine nördlich von den
Samoainseln, zu beiden Seiten des 10. Breitengrades liegende Gruppe
von vier Inseln: Oatafu, Nukunono, Fakaafo und Olosenga, zusammen
14 qkm (0,25 QM.) mit 514 Einw. Wegen ihrer Guanolager sind sie von
den Nordamerikanern besetzt.
Unionisten, die Anhänger der 1817 zu stande
gebrachten Union (s. d., S. 1017) zwischen Lutheranern und
Reformierten; die, welche eine allgemeine Vereinigung aller
christlichen Religionsparteien zu Einer Kirche erstreben; indem
1862 entbrannten nordamerikanischen Bürgerkrieg die
Anhänger der Union, im Gegensatz zu den
Konföderierten.
Union Jack (spr. júhnien dschäck), in
Nordamerika vulgäre Bezeichnung der "kleinen" Unionsflagge
(Union tlag); s. die Textbeilage zur Tafel "Flaggen I".
Union Line (spr. júhnien lein), engl.
Postdampferlinie nach Afrika; s. Dampfschiffahrt, S. 49I.
Unio prolium (lat.), Einkindschaft (s. d.).
Unisono(ital.), das Zusammenklingen zweier Töne von
gleicher Tonhöhe oder das Verhältnis der reinen Prime
(Intervall), wenn es von zwei verschiedenen Stimmen ausgeführt
wird; all' u., im Einklang.
Unitarier (lat.), neuere Bezeichnung für diejenigen
protestantischen Richtungen, welche die Trinität (s. d.)
verwerfen. Solche gibt es seit dem 16. Jahrhundert in Ungarn und
Polen (s. Socinianer). Insonderheit aber heißen so die 1774
von Lindsay in London, Christin in Montrose und später von
Priestley in Birmingham gestifteten Gemeinden. Aber dieser auch als
Chemiker berühmte Theolog konnte 1789 kaum sein Leben vor der
Volkswut retten, siedelte 1791 nach Amerika über, wo er 1804
starb, aber in Channing (s. d.) und Th. Parker (s. d.) bedeutende
Nachfolger fand. In England wurde erst 18l 3 das Gesetz aufgehoben,
welches den Unitarismus mit dem Tod bedrohte; seitdem breitete sich
dieser als eine das Christentum überhaupt mehr ethisch als
dogmatisch fassende Richtung auch in Großbritannien aus, wo
ihr teils Theisten, wie Francis Newman, teils aber auch
Anhänger von Strauß und Spencer huldigen (Verehrung des
Universums, Kosmismus, Evolutionstheorie etc.). In Nordamerika
heißen U. besonders die übrigens streng theistischen
Anhänger der antitrinitarischen Lehre, die sich 1815 aus den
Kongregationalisten und Puritanern herausbildeten und im Besitz der
Kirche und Universität zu Cambridge in Massachusetts blieben.
In diesem Staat sind sie heute noch am verbreiterten. In Boston
erscheint die Zeitschrift "Unitarian Review" und ein Jahrbuch der
unitarischen Gemeinden. Vgl. Bonet-Maury, Des origines du
christianisme unitaire chez les Anglais (Par. 1881).
Unität (lat.), die Einzigheit, das nur einmalige
Vorhandensein einer Sache, z. B. Gott; das Nicht geteiltsein, die
Einheit; Brüderunität, s. v. w. Brü dergemeinde (s.
d.).
United States (engl., spr. juneited stehts;
abgekürzt: U. S.), die Vereinigten Staaten (von
Nordamerika).
Univers, l' (spr. lüniwähr), ultramontane
Pariser Zeitung, 1833 von den Abbés Migne und Gerbert
begründet, 1860-67 unterdrückt, hat seit dem Tod Louis
Veuillots (s. d.), der das Blatt seit 1843 leitete, seinen
frühern Einfluß fast gänzlich verloren.
Universal (universell, lat.), das Ganze betreffend,
allumfassend, allgemein (daher Universalerbe, Universalgeschichte,
Universallexikon, Universalmonarchie etc.); Universale,
landesherrliches Manifest.
Universalalphabet, s. Weltsprache und Pasigraphie.
Universal-efenfivpstaster, s. Bleipflaster.