Zwar begünstigte ein Teil der ungarischen Stände den

Sohn von Andreas' Tochter, Wenzel III. von Böhmen, der als

Wladislaw V. gekrönt wurde, aber die unhaltbare Krone dem

Herzog Otto von Bayern überließ. Die Mehrheit wurde aber

schließlich für den vom Papst und vom deutschen

König begünstigten Karl Robert von Neapel aus dem Haus

Anjou, der mütterlicherseits mit den Arpaden verwandt war,

gewonnen, welcher, wiederholt von seinen Anhängern ausgerufen

und gekrönt, 1308 allgemeine Anerkennung fand. Karl I. Robert

(1308-42) führte die abendländischen höfischen

Sitten, Pflege der Wissenschaften, geregeltes Gerichtsverfahren u.

dgl., aber auch Luxus und Prachtliebe beim Adel ein; auch eroberte

er 1314 das venezianische Dalmatien. Nach ihm bestieg sein

ältester Sohn, Ludwig I., der Große (1342-82), den

Thron, der vorübergehend auch über Neapel herrschte und

1370 zum König von Polen gewählt wurde. Derselbe

behauptete und erweiterte in glücklichen Kriegen die

äußere Macht des Reichs, vollendete die Bekehrung der

Kumann zum Christentum, regelte das Erbrecht der adligen

Güter, gab den Städten eigne Gerichtsbarkeit und

Handelsfreiheit und gründete 1367 eine Universität in

Fünfkirchen sowie zahlreiche Schulen. Er hatte zu seiner

Nachfolgerin in U. seine Tochter Maria ernannt, welche sich mit dem

Luxemburger Siegmund vermählte. Die Großen riefen jedoch

ihren Vetter, Karl den Kleinen von Neapel, als König aus. Erst

nach dessen Ermordung (1386) erlangte Siegmund mehr und mehr

Anerkennung und behauptete sich auch nach Marias Tod (1392). Als er

aber auf dem Kreuzzug gegen die Türken 1396 bei Nikopolis

besiegt wurde, empörten sich die Großen gegen ihn und

nahmen ihn 1401 sogar in Ofen gefangen. Da sie sich jedoch

über die Wahl eines andern Königs nicht verständigen

konnten, ward Siegmund 1404 allgemein als König wieder

anerkannt, gab dem Land zur Verteidigung gegen die Türken eine

bessere Heeresorganisation und berief 1405 einen Nationalkonvent,

zu dem er zum erstenmal Abgeordnete der Städte heranzog, die

sich mit dem niedern Adel zur Ständetafel (neben der

Magnatentafel der Prälaten und des hohen. Adels)vereinigten;

er erwarb Kroatien und Dalmatien wieder und brachte auch Bosnien

unter ungarische Oberhoheit. Siegmund, seit 1410 auch Kaiser, starb

1437 ohne männliche Erben und hinterließ seine Reiche U.

und Böhmen seinem Schwiegersohn Albrecht von Österreich

(als deutscher König Albrecht II.), der aber schon 1439 starb.

Die ungarischen Stände erkannten nun nicht dessen nachgebornen

Sohn Wladislaw Posthumus als König an, sondern beriefen wegen

der wachsenden Türkengefahr den polnischen König

Wladislaw III. (V.) auf den Thron, der aber schon 10. Nov. 1444 in

der großen Schlacht bei Warna gegen die Türken Sieg und

Leben verlor. Nun wurde Wladislaw (VI.) Posthumus zum König

erklärt und der Nationalheld Johann Hunyades, welcher die

Türken glänzend besiegt hatte, 1446 zum Gubernator

Hungariae oder Reichsverweser ernannt, der zwar 17.-20 Okt. 1448

gegen die Türken die Schlacht auf dem Amselfeld verlor, aber

14. Juli 1456 an der Spitze eines Kreuzheers bei Belgrad

glänzend siegte. Nach Wladislaws Tod (November 1457)

wählte der Reichstag zu Pest 1458 Hunyades' Sohn Matthias

Corvinus zum König; nur ein kleiner Teil der Großen

stellte den Kaiser Friedrich III. als Gegenkönig auf. Matthias

beförderte im Innern Bildung und Wohlstand und focht nicht nur

glücklich gegen die Türken, sondern auch gegen den

König Georg Podiebrad, an dessen Stelle er sich 1469 in

Olmütz zum König von Böhmen krönen ließ,

und entriß Friedrich IIL sein Erbland Niederösterreich.

Er starb 6. April 1490 in Wien, worauf der Reichstag die Krone

Wladislaw V.(VI:) von Böhmen, aus dem Haus der Jagellonen,

übertrug, welcher mit Kaiser Maximilian I. 1415 eine

Doppelheirat seiner Kinder Ludwig und Anna mit dessen Enkeln Maria

und Ferdinand sowie eine Erbverbrüderung abschloß. Auf

seinen Befehl ward 1512 das erste umfassende Gesetzbuch Ungarns,

das Tripartitum, zusammengestellt, das, 1517 von Verböczy

vollendet, bis auf die neueste Zeit als Corpus juris hungaricum in

Geltung war. Ein Bauernaufstand (der "Kuruzzenkrieg") wurde 1514

von Johann Zapolya unterdrückt. Wladislaws Sohn Ludwig II.

(1516-1526) fiel 29. Aug. 1526 in der unglücklichen Schlacht

bei Mohacs gegen Sultan Suleiman H., welcher darauf ganz U. mit

seinen Heerscharen überschwemmte.

Ungarn unter den Habsburgern.

Da Ludwig II. keine Nachkommen hinterließ, entstand ein

verderblicher Zwist über die Thronfolge. Auf Grund der mit dem

Haus Habsburg geschlossenen Erbverbrüderung wählte der

Reichstag zu Preßburg 16. Dez. 1526 den Erzherzog Ferdinand

von Österreich zum König; Ferdinand wurde, nachdem er

1527 die Verfassung beschworen, zu Stuhlweißenburg

1009

Ungarn (Geschichte 1527-1848).

gekrönt. Ein Teil der Großen rief aber Johann Zapolya

zum König aus, welcher sich den Türken in die Arme warf.

Im Vertrag von Großwardein (25. Febr. 1538) ward U. so

geteilt, daß Zapolya Siebenbürgen und U. jenseit der

Theiß, Ferdinand den Nordwesten erhielt, während der

mittlere größte Teil des Landes nebst Ofen, wo ein

Pascha residierte, im Besitz der Türken verblieb; ja, diese

versuchten, von Zapolya und seinem Sohn und Nachfolger

unterstützt, immer wieder, ganz U. sich zu unterwerfen; dazu

kamen unter Ferdinands Nachfolgern Marimilian II. (1564-76), Rudolf

II. (1576-1608), Matthias (1608-19), Ferdinand II. (1619-37) und

Ferdinand III. (1637-57) religiöse Streitigkeiten, indem die

seit 1561 eingewanderten Jesuiten die trotz aller Bedrückungen

zahlreichen Protestanten auszurotten suchten und sie dadurch zu

Aufständen reizten. 1604 erhoben sich die Protestanten unter

Stephan Bocskay und erzwangen 1606 einen Frieden, in dem die

Religionsfreiheit in beschränktem Maß gewährleistet

und Bocskay als Fürst von Siebenbürgen anerkannt wurde.

Siebenbürgen behauptete seine Unabhängigst auch unter

Bethlen Gabor und den Raköczys und blieb neben der Furcht vor

den Türken eine Stütze der Protestanten. Leopold L

(1657-1705) erließ, sowie er einen Vorteil über die

Türken errungen hatte, sofort die strengsten Maßregeln

gegen die Ketzer in U. Dies veranlaßte 1665 eine große

Magnatenverschwörung gegen die habsburgische Herrschaft, die

erst 1671 grausam unterdrückt wurde. Ein neuer Aufstand

Emmerich Tökölys wurde von einem Einfall der Türken

unter Kara Mustafa unterstützt, der 1683 bis vor Wien vordrang

und es belagerte. Seine Niederlage (12. Sept.) entschied das

Schicksal Ungarns: die kaiserlichen Heere drangen siegreich in U.

ein, erstürmten 1686 Ofen und machten nach 145jähriger

Dauer der Türkenherrschaft daselbst ein Ende. Durch das

Blutgericht von Eperies (1687), durch welches Leopold die Siege

seiner Feldherren schändete, wurden Hunderte vom

protestantischen Adel dem Henker überliefert und dessen

Widerstandskraft gebrochen. Hierauf erlangte der Kaiser für

sein Haus auf dem Preßburger Reichstag 1687 die Erblichkeit

der ungarischen Krone und beseitigte aus der Goldenen Bulle die

Klausel wegen des Widerstandsrechts, bestätigte aber im

übrigen die alte ungarische Verfassung. Im Frieden von

Karlowitz (1699) gaben die Türken ganz U. mit Ausnahme des

Banats sowie Siebenbürgen heraus, und nachdem ein neuer

Kuruzzenaufstand unter Franz Rakocz von Joseph I. (1605-11) durch

den Szatmarer Frieden beendigt worden, erlangte Karl VI. (1711-40)

infolge der Siege des Prinzen Eugen im Passarowitzer Frieden 1718

auch das Banat sowie die Kleine Walachei und einen Teil Serbiens

mit Belgrad. Letztere Lande gingen allerdings nach einem neuen

unbesonnen unternommenen und ungeschickt geführten

Türkenkrieg (1737-39) wieder verloren, und die Grenzen Ungarns

wurden so festgestellt, wie sie noch heute sind.

Nach Karls Tod bestieg 20. Okt. 1740 kraft der vom ungarischen

Reichstag anerkannten Pragmatischen Sanktion von 1723 seine Tochter

Maria Theresia (1740-80) den Thron. In dem Kampf um ihr Erbe

erhoben sich die Ungarn begeistert für ihren "König"

Maria Theresia und verhalfen ihr zum Sieg. Die Kaiserin widmete

daher U. ihre besondere Fürsorge, beschützte die

Protestanten, regelte 1765 die Unterthanenverhältnisse durch

das Urbarium u. dgl. Joseph II. (1780-90) hob die Leibeigenschaft

auf, erließ ein Toleranzedikt, zog die Klöster ein,

beseitigte die Vorrechte des Adels, beschränkte den

Zunftzwang, vernichtete die Komitatseinteilung, führte das

Deutsche als Geschäftssprache ein etc. und erbitterte durch

rücksichtslose Verletzung der nationalen und Standesvorurteile

alle Stände so sehr, daß er, um einem allgemeinen

Aufstand vorzubeugen, 28. Jan. 190 mit Ausnahme der beiden ersten

Reformen alle Maßregeln zurücknehmen mußte. Auch

der neue Türkenkrieg, den er 1788 im Bund mit Rußland

unternahm, war erfolglos und verschaffte U. im Frieden von Sistowa

(4. Aug. 1791) nur den Besitz von Alt-Orsova. Josephs Nachfolger

Leopold II. (1790-92) berief sofort zur Versöhnung der

Gemüter einen Reichstag (den ersten seit 25 Jahren) nach Ofen.

Franz I. (1792-1835) lenkte dagegen wieder ganz in die

absolutistischen Bahnen ein und berief Reichstage nur, um sich Geld

und Mannschaften für die fortwährenden Kriege gegen

Frankreich, welche U. zwar nur vorübergehend berührten,

ihm aber große Opfer auflegten, bewilligen zu lassen. Nach

wiederhergestelltem Frieden wurde lange kein Reichstag berufen und

1820 eigenmächtig eine neue Rekrutierung angeordnet und die

Steuern auf mehr als das Doppelte erhöht. Erst 1825 trat

wieder ein Reichstag zusammen, weil die Ausführung jener

Maßregeln auf Widerstand stieß. Der Reichstag

bewilligte sofort das geforderte Truppenkontingent und die

Erhöhung der Steuern, verlangte aber, daß der König

sich verpflichte, ohne Mitwirkung des Reichstags keine Steuern zu

erheben und denselben alle drei Jahre einzuberufen. Die Opposition

des Reichstags, geführt von Männern wie Szechenyi,

erstrebte neben einer modernen, wirklich konstitutionellen

Verfassung auch nationale Ziele, namentlich offizielle Anerkennung

der magyarischen Sprache. Zu diesem Zweck ward 1825 eine ungarische

Akademie errichtet und das Magyarische von den höhern

Ständen als Umgangssprache gewählt. Die Regierung

betrachtete diese Bestrebungen als unschädlich und ließ

die Zulassung des Magyarischen als Geschäftssprache zu,

widersetzte sich aber entschieden der Forderung liberaler Reformen

und beantwortete die liberalen Regungen in der Litteratur und

Presse mit Einsperrung der Unruhstifter; sie stützte sich

hierbei auf eine ziemlich starke konservative Partei unter Graf

Aurel Dessewffy, welche für ihre Standesvorrechte und

Interessen eintrat. Aus dem Gegensatz dieser konservativen zu der

liberalkonservativen Partei unter Szechenyi und der eigentlichen

Oppositionspartei unter Ludwig Batthyányi und Kossuth

entwickelte sich, namentlich seit der Thronbesteigung Ferdinands I.

(1835-48), ein lebhafter Parteikampf auf den Reichstagen, durch

welchen das Volk politisch aufgeklärt und geschult und der

vaterländische Sinn bedeutend gehoben wurde. Die Liberalen

errangen Sieg auf Sieg: 1840 den Erlaß einer Amnestie, 1843

die Zulassung Nichtadliger zu den bisher dem Adel vorbehaltenen

Ämtern. Den Reichstag von I847 eröffnete König

Ferdinand 12. Nov. mit einer Rede in magyarischer Sprache.

Die ungarische Insurrektion und ihre Folgen.

Als die Februarrevolution von 1848 der liberalen Bewegung in

ganz Europa einen mächtigen Anstoß gab, trat die

Opposition offen mit dem Endziel ihrer Wünsche, einer neuen

freisinnigen Konstitution und einem selbständigen ungarischen

Ministerium, hervor. Diese Forderungen wurden auf Antrag Kossuths

16. März in einer Adresse an den Kaiser ausgesprochen und nach

Überreichung derselben sofort bewilligt. Der Palatin Erzherzog

Stephan ward zum Stellvertreter des Kaisers für U.,

Batthyányi zum

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd

64

1010

Ungarn (Geschichte 1848-1849).

Ministerpräsidenten ernannt. Die Roboten wurden

abgeschafft, der Zehnte durch Verzicht des Klerus beseitigt,

gleiche Besteuerung, die Bildung einer Nationalgarde,

Preßfreiheit und Schwurgerichte, endlich Umgestaltung des

Reichstags zu einer wirklichen Volksvertretung beschlossen. Der

Kaiser genehmigte alle diese Beschlüsse, als er den Reichstag

11. April schloß, und das Ministerium, welches seinen Sitz

nach Pest verlegte, begann sofort die Ausführung derselben

sowie eine straffere Einigung aller Länder der Stephanskrone.

Die Unduldsamkeit der herrschsüchtigen Magyaren rief aber

beiden nichtmagyarischen Völkern Widerstand hervor. Namentlich

die Kroaten sagten sich völlig von U. los und wählten

Jellachich zum Banus. Der neugewählte ungarische Reichstag,

welcher 5. Juli 1848 in Pest durch den Palatin eröffnet wurde,

bewilligte dem Ministerium sofort 200,000 Mann Landwehr und 42

Mill. Gulden zur Unterdrückung der slawischen

Lostrennungsgelüste. Aber der Hof, ermutigt durch die Siege in

Italien, verweigerte die Genehmigung dieser Beschlüsse; 14.

Aug. wurde dem Erzherzog Stephan die Vollmacht der Stellvertretung

entzogen, und als der Reichstag auf Kossuths Antrag eine Deputation

von l20 Mitgliedern nach Wien schickte, welche energisches

Einschreiten gegen den kroatischen Ausstand, Verlegung des

Hoflagers nach Pest und Rücksendung aller ungarischen

Regimenter in die Heimat verlangte, wurden diese Forderungen 9.

Sept. abgelehnt und der bisher verleugnete Jellachich in seine

Ehren und Würden wieder eingesetzt. Der geheimen Zustimmung

des Wiener Hofs sicher, rückte Jellachich 11. Sept. mit dem

kroatischen Heer über die ungarische Grenze, indem er in einer

Proklamation die Errichtung eines österreichischen

Gesamtstaats als sein Ziel verkündete. Die Pester

Nationalversammlung ernannte den Erzherzog Stephan zum

Oberbefehlshaber der ungarischen Armee und übertrug, als

dieser 25. Sept. auf Verlangen des Hofs sein Amt niederlegte, die

Leitung der Verteidigung einem Ausschuß unter Kossuths

Vorsitz. Der vom Kaiser zum Oberkommandanten von U. ernannte Graf

Lamberg wurde von der Nationalversammlung nicht anerkannt und 28.

Sept. vom Pöbel auf der Brücke zwischen Ofen und Pest

ermordet. Damit war der offene Krieg erklärt; 29. Sept. kam es

bei Velencze zum ersten Treffen zwischen Kroaten und Ungarn.

Während die Ungarn sich mit der revolutionären Opposition

im Wiener Reichsrat in Verbindung setzten, hob ein kaiserliches

Manifest vom 3. Okt. die ungarische Nationalersammlung und ihre

Beschlüsse auf und ernannte Jellachich zum Alter ego des

Kaisers in U. Der Wiener Oktoberaufstand (s. Österreichisch

Ungarische Monarchie, Geschichte, S. 518) verzögerte die

kriegerischen Maßregeln gegen U.; aber da die Ungarn Wien zu

spät und bloß mit 18,000 Mann zu Hilfe kamen, welche 30.

Okt. bei Schwechat zum Rückzug gezwungen wurden, fiel die

Hauptstadt 3l. Okt. in die Gewalt Windischgrätz, welcher der

ungarischen Armee eine 14tägige Frist zur Niederlegung der

Waffen stellte und nach deren erfolglosem Ablauf Mitte Dezember die

Kriegsoperationen gegen U. begann; um dieselbe Zeit

verschärfte der ungarische Reichstag den Konflikt, indem er

15. Dez. 1848 die Abdankung Kaiser Ferdinands für

ungültig erklärte und gegen die Thronbesteigung Franz

Josephs Protest erhob. Windischgrätz rückte 18. Dez. in

Preßburg ein; Jellachich drang nach einem Gefecht mit

Görgei bis Wieselburg vor und schlug Perczel 29. Dez. bei

Mór; nur in Siebenbürgen kämpfte der Pole Bem mit

Glück und behauptete das untere Theißgebiet. Die

Hauptstadt Ofen Pest wurde 5. Jan. 1849 von den Ungarn

geräumt, und der Reichstag und der

Landesverteidigungsausschuß schlugen ihren Sitz in Debreczin

auf. Nur die Unfähigkeit Windischgrätz', der in dem ihm

unerwarteten und unverständlichen Rückzug der Ungarn

einen tief angelegten Plan argwöhnte und daher Bedenken trug,

kühn vorzudringen, gab den Ungarn Zeit, ihre Streitkräfte

zu vermehren und zu sammeln. Görgei, der sich in die Karpathen

zurückgezogen hatte, nötigte den aus Galizien bis Kaschau

vorgedrungenen General Schlik zum Rückzug und stellte die

Verbindung der ungarischen Armeen untereinander und mit der

Regierung in Debreczin her. Den Oberbefehl über die gesamte

ungarische Armee erhielt der Pole Dembinski, der aber im Kriegsrat

mit einer starken Opposition unter Görgei zu kämpfen

hatte. Dembinski verlor 27. Febr. die Schlacht von Kapolna gegen

Windischgrätz, dem es gelang, sich mit Schlik zu vereinigen,

und mußte sich hinter die Theiß zurückziehen.

Wiederum erlaubte Windischgrätz' Unthätigkeit der

ungarischen Regierung, ihre Rüstungen zu vollenden und

insgesamt 112 Infanteriebataillone und 6 Husarenregimenter neu

aufzustellen. Mit dem reorganisierten und verstärkten Heer

errang der neue Oberbefehlshaber Görgei eine Reihe von

glänzenden und erfolgreichen Siegen bei Gödöllo (6.

April), Waitzen (9. April), Nagy-Sarlo (19. April) und Mocsa (27.

April) über Windischgrätz und nach dessen Abberufung

über Welden. Die Österreicher räumten 24. April Pest

und zogen sich in Unordnung auf Preßburg zurück. Auch

aus Siebenbürgen und demBanat wurden die österreichischen

Truppen durch Bem und Perczel vertrieben.

Durch diese Siege verleitet, beschloß der Reichstag in

Debreczin 14. April auf Kossuths Antrag die Absetzung der

habsburg-lothringischen Dynastie und die völlige

Selbständigkeit des alle Nebenländer umfassenden

ungarischen Staats. Dieser Beschluß, welcher nebst der

Ernennung Kossuths zum Gubernator (Kormanyzo) 15. April in einem

besondern Manifest der Nation verkündet wurde, entzog den

Ungarn den sichern Rechtsboden und störte die bisherige

Einmütigkeit der Nation; Görgei mißbiligte ihn

entschieden und hielt sich auch in der Kriegführung streng an

die Verteidigung der ungarischen Verfassung und Gesetze,

unterließ es daher auch, mit seinem siegreichen Heer nach

Mähren und Österreich vorzudringen und sich mit den

dortigen unzufriedenen Elementen zu vereinigen. Er unternahm

vielmehr die Belagerung Ofens, das 21. Mai erstürmt wurde,

worauf Regierung und Reichstag nach Pest zurückkehrten, dessen

Besitz für den eigentlichen Gang des Kriegs nutzlos war. Die

österreichische Regierung hatte aber jetzt einen berechtigten

Grund, die Ungarn für Revolutionäre zu erklären und

die Hilfe Rußlands für die Sache der Legitimität

anzurufen. Der Zar Nikolaus leistete dieselbe bereitwilligst, und

sofort rückten russische Truppen in Siebenbürgen ein; die

Hauptarmee unter Paskewitsch, 100,000 Mann stark, überschritt

von Galizien aus die Karpathen. Auch Öfterreich

verstärkte seine Streitkräfte und stellte an deren Spitze

den General Haynau, einen rücksichtslos harten, aber

energischen Mann. Die ganze gegen U. verfügbare reguläre

Streitmacht belief sich auf 275,000 Mann mit 600 Geschützen,

welchen die Ungarn nur 135,000 Mann entgegenstellen konnten.

Während Bem in Siebenbürgen der Übermacht erlag,

Jellachich 7. Juni Perczel besiegte und Peterwardein

einschloß, Haynau 28. Juni Raab erstürmte, blieb

Gör-

1011

Ungarn (Geschichte 1849-1865).

gei hartnäckig bei Komorn stehen, lieferte daselbst noch 2.

Juli eine unentschiedene Schlacht und verließ es erst 12.

Juli, nachdem 9. Juli die Regierung zum zweitenmal Pest hatte

verlassen müssen und nach Szegedin geflohen war. Am 14. Juli

zogen die Österreicher wieder in Pest ein. Die Siege Vetters

über Jellachich bei Hegyes (14. Juli) und Görgeis

über die Russen bei Waitzen (17. Juli) konnten gegen die

Übermacht nichts mehr nützen. Haynau rückte gegen

Szegedin vor, welches die Ungarn aufgeben mußten, und schlug

Dembinski 5. Aug. bei Szöreg, Bem 9. Aug. bei Temesvar.

Kossuth legte darauf 11. Aug. in Arad die Leitung der Regierung

nieder und übertrug Görgei, der inzwischen mit seiner

Armee, das linke Theißufer abwärts marschierend, in Arad

angelangt war, die Diktatur. An der Möglichkeit fernern

Widerstandes verzweifelnd, faßte der neue Diktator,

übrigens mit Vorwissen und Zustimmung der Regierung, den

Beschluß, sich nicht den verhaßten Österreichern,

sondern den Russen zu ergeben, und streckte 13. Aug. mit 22,000

Mann bei Vilagos vor General Rüdiger bedingungslos die Waffen.

Ihm folgten 16. Aug. Oberst Kazinczy mit 10,000 Mann, 17. Aug.

Damjanich in Arad u. a.; nur Komorn wurde von Klapka

hartnäckig verteidigt, bis es 2. Okt. eine ehrenvolle

Kapitulation erlangte. "U. liegt zu den Füßen Ew.

Majestät!" schrieb Paskewitsch an den Zaren.

Daß die Ungarn die Unterwerfung unter den hochmütigen

Zaren der direkten Verständigung mit der österreichischen

Regierung, welcher sie übrigens von Rußland auf Gnade

oder Ungnade überliefert wurden, vorzogen, war für die

Österreicher beleidigend und reizte ihren Zorn aufs

äußerste. Von den gefangenen Häuptern der

Insurrektion (mehreren, wie Kofsuth u.a., war die Flucht nach der

Türkei geglückt) wurde nur Görgei auf russische

Intervention verschont; 13 Generale und Obersten wurden auf Haynaus

Befehl 6. Okt. in Arad teils erschossen, teils gehenkt, Ludwig

Batthyanyi und andre vornehme politische Führer in Pest zum

Tode durch den Strang verurteilt. Den Hinrichtungen folgten

zahllose Verurteilungen zu mehrjähriger Kerkerhaft. Erst im

Juli wurde Haynau, der das Standrecht mit blutiger Strenge

handhabte, abberufen. Nachdem der Kaiser im Herbst 1851 den

Erzherzog Albrecht zum Gouverneur von U. ernannt und 1852 selbst

das Land besucht hatte, wurde den kriegsgerichtlichen Prozessen ein

Ende gemacht und eine teilweise Amnestie erlassen. Die ungarische

Verfassung wurde für verwirkt erklärt und U. zu einem

bloßen Kronland des neuen österreichischen Gesamtstaats

umgewandelt, die Nebenländer Siebenbürgen, Kroatien und

Slawonien und das Temeser Banat von der ungarischen Krone getrennt

und zu selbständigen Kronländern erhoben. Über U.

ergoß sich ein Strom meist slawischer Beamten, welche das

Land in den zentralisierten Staat einfügen und die Reaktion

gegen die liberalen Neuerungen durchführen sollten. 1853

wurden österreichische Justiz und Verwaltung boktroyiert.

Für die Regelung des Verhältnisses zwischen den

Grundbesitzern und den frühern Grundholden, des sogen.

Urbarialverbandes, wurden zweckmäßige Einrichtungen

getroffen; für die materielle Entwickelung des Landes zeigte

sich die Regierung bemüht; auch wurden nach einem längern

Besuch des Kaisers 1857 die konfiszierten Güter der

kriegsrechtlich Verurteilten zurückgegeben und die ungarische

Sprache in Schule und Gericht zugelassen. Die Nation, durch die

fehlgeschlagene Insurrektion niedergedruckt und erschöpft,

setzte der Regierung ihren oft erprobten passiven Widerstand

entgegen und beharrte auf dem Verlangen nach Wiederherstellung der

Verfassung. Selbst fegensreiche kaiserliche Verordnungen, wie das

Protestantenpatent vom 1. Sept. 1859, welches für die

evangelische Kirche in U. eine auf dem Gemeindeprinzip beruhende

vortreffliche Verfassung einführte, wurden von den Ungarn als

verfassungswidrig zurückgewiesen.

Wiederherstellung des ungarischen Staats.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 292 / 302 段