Rationalität. Religionsverhältnisse. Unter den

verschiedenen Nationalitäten nehmen die Ungarn (Magyaren, s.

d.) als die herrschende Nation die erste Stelle ein. Das

Übergewicht verdanken sie nicht nur ihrer größern

Anzahl (45 Proz.: 6,445,487 Einw.), sondern auch dem Umstand,

daß sie die Mitte und zwar den fruchtbarsten Teil des Landes

in ungeteilter Masse bewohnen. Der magyarische Volksstamm wohnt

dicht zwischen der Donau und Theiß im Alföld (70,9 Proz.

der dortigen Bevölkerung), am rechten Donauufer und in den

übrigen ebenen Landstrichen im eigentlichen U.; in den

siebenbürgischen Komitaten dagegen bewohnen die Magyaren (dort

Szekler genannt) die höchst gelegenen Teile in den

östlichen Komitaten. Am schwächsten sind sie am linken

Donauufer (25,7 Proz.), im Theiß-Maroswinkel (15,6 Proz.) und

in Kroatien-Slawonien (3,9 Proz.) vertreten. Von den übrigen

Nationalitäten sind die Slawen am zahlreichsten. Von den

Serbokroaten (2,352,339 Einw.) wohnen die Serben zur Hälfte im

SO. von U., zur Hälfte in Kroatien-Slawonien und der

ehemaligen Militärgrenze, die Kroaten aber meist in Kroatien;

die Slowaken (1,864,529 Einw.) bilden eine kompakte

Bevölkerung im N. und NW., mit einzelnen Ausläufern bis

tief nach dem Süden (Békés und Csanád);

in den östlichen Karpathen von Marmaros bis nach Sáros

und bis in die Zips haben sich die Ruthenen (356,062 Einw.)

niedergelassen. Die Rumänen (2,405,085 Einw.), gleichfalls ein

kompakter Volksstamm, bewohnen den Osten, Nordosten und

Siebenbürgen. Die Deutschen (1,953,911 Einw.) sind fast

über das ganze Land zerstreut und meist in den westlichen

Komitaten unterhalb der Donau (Wieselburg, Ödenburg,

Eisenburg), in den südlichen Landstrichen (Tolna, Baranya,

Bács-Bodrog, Torontál, Temes) sowie im südlichen

Siebenbürgen (Hermannstadt, Groß-Kokelburg, Kronstadt)

und in den Komitaten Zips und Bistritz-Naszód ansässig.

In den Komitaten Wieselburg, Ödenburg, Eisen-

1002

Ungarn (Nationalcharakter, Religionsverhältnisse, geistige

Kultur).

burg, zum Teil auch in Preßburg, haben sie sich schon seit

Karl d. Gr. angesiedelt; in die übrigen Landstriche sind

deutsche Kolonisten teils in ganzen Stämmen, zuerst unter

Geisa II., aus Köln und Flandern nach der Zips und in die

Bergstädte (s. Gründner, Krikerhäuer), teils in

kleinern Scharen aus Schwaben und Franken etc. (meist im 17. und

18. Jahrh.) eingewandert. Der Rest der Bevölkerung Ungarns

(264,639 Einw.) sind Albanesen, Armenier, Bulgaren, Griechen,

Italiener und Makedowalachen oder Zinzaren, welche im SO. und im S.

wohnen; die Armenier und Griechen leben meist in

Handelsstädten. Die Zigeuner (75,911, Magyaren und

Rumänen) sind im Land zerstreut und halten sich meist in der

Nähe kleinerer Orte, am zahlreichsten im Gömörer

Komitat und in Siebenbürgen, auf. Unter den mannigfaltigen

Nationaltrachten ist die ungarische die schönste. Sie besteht

aus eng anliegenden Beinkleidern, verschnürtem Wams oder

Attila (Rock), einer Pelzmütze oder einem Kalpak. Über

der Schulter hängt ein Pelz oder Dolmán. Als

Fußbekleidung dienen hohe, oft mit Schnüren verzierte

Stiefel (Zischmen) oder kurze Schnürstiefel (Topanken). Der

slawische Bauer trägt gewöhnlich ein weißes Kamisol

von grobem Tuch, blautuchene Beinkleider und große, hohe

Stiefel, im Sommer ein kurzes, mit einem Gürtel befestigtes

Hemd, ein leinenes Unterbeinkleid (Gatye) und einen großen

Hut. Die Alltagstracht des ungarischen Landmanns ist hier und da

von jener des Slawen nicht wesentlich verschieden. Als

Fußbekleidung trägt der Slawe Bundschuhe (krpec), der

Gebirgsbewohner hohe Filzstiefel. Bei kaltem Wetter wirft der

slawische Bauer ein mantelartiges Kleid aus grobem weißen

Tuch (szurowicza) um, während der Ungar sich in ein

grobtuchenes braunes Oberkleid (guba) oder in einen Schafpelz

(ungar. ködmön, slaw. kozuch) hüllt.

Hauptstücke der Kleidung sind noch die Pelzmütze und ein

großer, weiter, mit Ziegenfellen ausgeschlagener Schafpelz

(juhászbunda). Das weibliche Geschlecht kleidet sich fast

allgemein in Rock und Jacke von blauem oder grünem Halbtuch,

die ungarischen Mädchen tragen überdies blaue, bis unter

die Kniee reichende, reich mit Schnüren besetzte Pelze. Eine

beliebte Speise des Karpathenbauers ist Hirsebrei (kasa), der

Ungarn Gulyás (mit Zwiebeln und Paprika gewürztes, nach

Hirtenweise gekochtes Fleisch). Der Ungar ist meist

mittelgroß, muskulös, ebenmäßig gebaut, hat

eine scharf geschnittene Gesichtsbildung, ein dunkles, feuriges

Auge und schwarzes Haar. Die Frauen entwickeln sich frühzeitig

und haben regelmäßige Züge. Der Ungar ist

gutmütig und sehr gastfreundlich, besitzt ein feuriges, leicht

erregbares Temperament, viel rednerische Begabung und große

Vaterlandsliebe, ist als Soldat äußerst tapfer und dient

am liebsten zu Pferd (als Husar). Fröhlichkeit und Liebe

für Musik und Tanz sind das Erbteil fast aller ungarischen

Völkerschaften. Sehr schön und ungemein charakteristisch

sind die ungarischen Nationaltänze (Csárdás) und

Volksweisen, erstere bald sehr ernst, bald ungemein heiter und

lebhaft (Lassu und Friss), letztere meist düster und

schwermütig. Eigentümlich sind die Nationalgesänge

der Slowaken und Serben. Die Magyaren beschäftigen sich meist

mit Ackerbau, Viehzucht und Fischfang oder sind selbständige

Handwerker. Die Slowaken treiben Ackerbau oder leben als

nomadisierende Hirten, Arbeiter in den Berg- und Hüttenwerken,

Flößer, Fuhrleute, Hausierer oder Drahtbinder. Als

sogen. Rastelbinder durchziehen sie ganz Europa, ja selbst Amerika.

Die Ruthenen liegen dem Viehhandel ob, sind Fuhrleute oder handeln

mit Eisenwaren. Die Slawonier und Kroaten treiben Ackerbau und

Handel, die Deutschen Gewerbe, Handel, Landwirtschaft, Bergbau etc.

Die Armenier sind meist Kaufleute, Pachter und Viehhändler;

die Griechen und Juden beschäftigen sich fast

ausschließlich mit Handel; die Zigeuner sind Musikanten und

Schmiede. Der Religion nach sind in U. die Römisch-Katholiken

überwiegend (7,849,692) und haben am rechten Donauufer sowie

im NW. die absolute Majorität; die Kroaten sind fast

ausschließlich römisch-katholisch. Griechisch-katholisch

sind Ruthenen und Rumänen (1,497,268), griechisch-orientalisch

die Serben und ein Teil der Rumänen (2,434,890). Der

evangelischen Kirche Augsburgischer Konfession gehören meist

Slowaken und Deutsche im N. und W. an (1,122,849) sowie die

siebenbürgischen Sachsen; die Evangelischen Helvetischer

Konfession (2,031,803) haben ihren Hauptsitz in vorzugsweise

ungarischen Gebieten; die Unitarier (55,792) leben fast nur in

Siebenbürgen. Die Juden endlich (638,314) sind mit Ausnahme

des Südwestens und Südostens überall verbreitet und

bewohnen am dichtesten die an Galizien grenzenden

nordöstlichen Komitate sowie die Handelsplätze. Bis 1848

waren sie aus den Berg- und einigen königlichen

Freistädten ausgeschlossen, genießen aber seit 1868

volle Gleichberechtigung.

Bildung und Unterricht.

Die geistige Kultur des Landes ist in erfreulichem Fortschritt

begriffen, und die Volksbildung der Deutschen und Ungarn steht

jener in Österreich nicht nach. In U. (samt Siebenbürgen)

ohne Kroatien-Slawonien gab es im J. 1887 unter 13,749,603 Einw.

2,377,558 schulpflichtige Kinder (17,29 Proz.), von diesen

besuchten thatsächlich 1,929,377 die Schule (gegen 1,152,115

im J. 1869). Die Anzahl der Volksschulen betrug 16,538 (gegen

13,798 im J. 1869), jene der Lehrer 24,148 (gegen 17,792 im J.

1869). Letztere werden in 71 Lehrer- und

Lehrerinnen-Präparandien (1869 bestanden nur 46)

herangebildet, an denen 683 Professoren thätig sind (1869 nur

271). Die Kinderbewahranstalten, deren man 532 (gegen 215 im J.

1876) zählte, besuchten 49,051 Kinder (1876 nur 18,624). Von

den bestehenden 179 Mittelschulen sind 151 Gymnasien (darunter 89

Obergymnasien) mit 2356 Professoren und 35,803 Schülern und 28

Realschulen (darunter 21 Oberrealschulen) mit 557 Professoren und

6816 Schülern. Theologische Lehranstalten gibt es 53,

Rechtsakademien 11. U. besitzt gegenwärtig 2

Universitäten und zwar in Budapest mit 173 Professoren und

3679 Hörern und in Klausenburg mit 65 Professoren und 535

Hörern (eine dritte Universität soll demnächst

errichtet werden). Außerdem hat auch Kroatien-Slawonien eine

Universität in Agram. In Budapest befindet sich auch das

königliche Josephs-Polytechnikum, mit 47 Professoren und

über 600 Hörern sowie ein Rabbinerseminar. Besondere

Bildungsanstalten sind: das Ludoviceum (militärische

Hochschule für Honvédoffiziere), die Landestheater- und

Musikakademie, die Meisterschulen für Malerei und Bildhauerei,

die Landes-Musterzeichenschule samt dem Zeichenlehrerseminar, die

Kunstgewerbeschule und die Handelsakademie in Budapest; ferner die

Berg- und Forstakademie in Schemnitz, die nautische Akademie in

Fiume, die landwirtschaftliche Akademie in Ungarisch- Altenburg, 6

Hebammenschulen sowie mehrere Handels-, landwirtschaftliche,

Ackerbau-, Weinbau-, Berg-, Kunstschnitzerei- und

Hausindustrieschulen in verschiedenen Orten. An philanthropischen

Anstal-

Ungarn (Ackerbau und Viehzucht).

1003

ten bestehen 3 Taubstummenanstalten, eine Blindenanstalt, eine

Idiotenanstalt, 67 Waisen- und Rettungshäuser etc. Unter den

wissenschaftlichen und Kunstinstituten sind zu erwähnen: die

1830 errichtete ungarische Akademie der Wissenschaften, die

Kisfaludy-, die Petösi-, die Geographische, die Geologische

und die Historische Gesellschaft, jene der Naturforscher und

Ärzte, das geologische und das meteorologische Institut, das

königlich ungarische statistische Landesbüreau und das

Budapester statistische Büreau, das Nationalmuseum mit seinen

Sammlungen und Galerien, das Landesgewerbemuseum, das Handelsmuseum

(im Industriepalast), das Landesarchiv, die

Landesgemäldegalerie, die historische Porträtgalerie, der

Landesrat für bildende Kunst, das Künstlerhaus und die

Landeskommission zur Erhaltung der Baudenkmäler (sämtlich

in Budapest); ferner das Bruckenthal-Museum in Hermannstadt, das

städtische Museum in Preßburg, das südungarische

Museum in Temesvar, das kroatisch-slawonische Nationalmuseum in

Agram, die Museen in Deva, Klausenburg, Maros Vasarhely etc. und

zahlreiche wissenschaftliche Vereine, Sammlungen, Bibliotheken und

Archive in fast allen, selbst in kleinern Städten. Unter den

Theatern steht obenan das ungarische Nationaltheater und die

königliche Oper in Budapest; ferner bestehen daselbst noch

vier ungarische Theater (Volks-, Festungs- und zwei Sommertheater)

und ein deutsches Theater und außerdem viele ständige

Theater in den größern Provinzstädten Arad,

Hermannstadt, Kaschau, Klausenburg, Ödenburg, Preßburg,

Raab, Stuhlweißenburg, Szegedin, Temesvar etc. (In

Hermannstadt, Ödenburg, Preßburg und Temesvar wird auch

deutsch gespielt.) In U. erscheinen 760 periodische, darunter 94

politische, Zeitschriften (525 ungarische, 133 deutsche, 34

kroatische, 11 slawische, 11 serbische, 15 rumänische

etc.).

Land- und Forstwirtschaft.

U., dessen agrarische Verhältnisse durch verschiedene

Grundentlastungsgesetze in den Jahren 1847/48, 1853, 1868, 1871 und

1873 geregelt wurden, ist vorzugsweise ein Agrikulturstaat. Der

Grund ist zumeist entweder Eigentum von Großgrundbesitzern

oder aber kleiner bäuerlicher Besitz. In U. und

Siebenbürgen ist das Pachtsystem oder die Verwaltung durch

Ökonomiebeamte sehr entwickelt, in den Nebenländern fast

ganz fremd. In neuerer Zeit haben sowohl Staat als auch

Herrschaften vielfach das englische "Farmersystem" eingeführt.

Auf großen Gütern wird die Landwirtschaft rationell

betrieben, weniger von den Bauern, bei welchen insbesondere die

"Dreifelderwirtschaft" gebräuchlich ist. Seit Aufhebung des

Unterthanenverbandes wird der Mangel an ländlichen Arbeitern

stets fühlbarer, und dies fördert auf großen

Gütern die Anwendung von Maschinen. Zur Hebung der

Landwirtschaft hat der Landes-Agrikulturverein, von den Komitats-

und vielen sonstigen landwirtschaftlichen Vereinen

unterstützt, Bedeutendes beigetragen. Für einzelne Zweige

sind auch Wanderlehrer bestellt. Die produktive Bodenfläche

des ganzen Landes beträgt 53,3 Mill. Katastraljoch

(früher nur 47,1) oder 30,7 Mill. Hektar (95,1 Proz.); hiervon

entfallen auf Ackerland 22,4, auf Weinland 0,7, auf Gärten

0,7, auf Wiesen 6,0, auf Weide 7,5, auf Röhricht 0,1 und auf

Waldland 15,8 Mill. Katastraljoch. Unproduktiv sind 3,1 Mill.

Katastraljoch. U., wo seit 1877 der bestehende, vielfach

mangelhafte provisorische Kataster reguliert wurde, ist ein so

reiches Getreideland, daß es nicht nur sein eignes

Bedürfnis an Cerealien vollkommen deckt, sondern auch dem

Ausland bedeutende Quantitäten ablassen kann. Man baut Weizen,

Roggen, Gerste, Hafer, Mais, Hirse, Heidekorn, ferner Kartoffeln,

Spargel, Kohl, Rüben, Runkelrüben zur Zuckerfabrikation,

Mohn, Wasser- und Zuckermelonen, Kürbisse, Gurken.

Hülsenfrüchte aller Art. Obstkultur wird in vielen

Gegenden fleißig betrieben; das Ödenburger Obst bildet

gedörrt undeingemacht einen bedeutenden Handelsartikel. Im W.

gibt es ganze Kastanien-, im S., wo auch Feigen und Mandeln gezogen

werden, Pflaumenwälder. Besonders zahlreich sind

Walnußbäume. Hinsichtlich des Weinbaues, eines der

wichtigsten Produktionszweige Ungarns, nimmt es nach Frankreich die

erste Stelle in Europa ein (s. Ungarweine). Der Ertrag beläuft

sich auf ca. 9, in guten Jahren auf 16 Mill. hl. Die Pflege des

Maulbeerbaums zur Seidenzucht, für welche in Szegszard ein

königliches Seidenbauinspektorat besteht (in Pancsova und

Neusatzstaatliche Seiden- und Lehrspinnereien), wird besonders in

Ödenburg, Eisenburg, Tolna, Bacs-Bodrog und in der

frühern Militärgrenze betrieben. Von Manufaktur- und

Handelspflanzen baut man Hanf, besonders in Bacs-Bodrog, Flachs, am

meisten in der Zips und in Saros, Safflor, Waid, Wau, Krapp und

andre Farbepflanzen, etwas Safran, von Ölgewächsen

außer Lein besonders Raps und Rübsen; ferner Hopfen,

einige Gewürzpflanzen, wie Kümmel, Fenchel, Senf, Anis,

roten türkischen Pfeffer (Paprika) und Süßholz. Der

ungarische Tabak ist der Menge und Güte nach ein

Haupterzeugnis, dessen jährlicher Ertrag 1/2 - 2/3 Mill. metr.

Ztr. beträgt. Die berühmtesten Tabaksorten liefern die

Orte: Vitnyed (Komitat Ödenburg), Veg (Komorn), Verpelet und

Debrö (Heves), Glogovacz (Arad), Pereszleny (Hont), Nagysalu

(Eisenburg), Csetnek (Gömör), Szendrö (Borsod) etc.

In den ausgedehnten Waldungen gewinnt man große

Quantitäten Eicheln zur Schweinemast, Galläpfel,

Knoppern, Rinden, Harze, Kohlen, Pottasche etc. In den ebenen

holzarmen Gegenden brennt man Schilf, Rohr, Stroh und getrockneten

Kuhmist. Die große Ausdehnung der Wiesen und Weiden,

besonders im N., machen U. für die Viehzucht be-sonders

geeignet. In letzter Zeit hat sich die seit Jahrhunderten

hervorragende Pferdezucht bedeutend gehoben, wozu die

berühmten Staatsgestüte zu Mezöhegyes (im Csanader),

Kisber und Babolna (Komorner Komitat) und Fogaras (in

Siebenbürgen) mit 2800 arabischen und englischen Pferden, 4

Hengstedepots und 858 Beschälstationen mit 3968 Pferden im

Gesamtwert von 16,8 Mill. Gulden, über 100 große

Privatgestüte sowie die Wettrennen in Budapest,

Preßburg, Ödenburg, Kaschau, Arad, Debreczin und

Klausenburg mit Staatspreisen und Staatsprämien für

Pferdezüchter nicht wenig beitragen. Die meiste Pferdezucht

findet man im Landstrich von Bekes über Csanad und Torontal

bis an die südliche Grenze, im Komitat Bacs-Bodrog, in

Syrmien, im ehemaligen Haidukendistrikt und in Siebenbürgen.

Die Gesamtzahl der Pferde betrug 1881: 1,8 Mill. (darunter 96,600

Hengste). Das ungarische Hornvieh (weißhaarig, mit langen,

gekrümmten Hörnern) ist in Bezug auf Arbeitskraft,

Schnelligkeit, Mastfähigkeit, Fleischreichtum vorzüglich;

dagegen ist die Ergiebigkeit und Güte der Milch geringer. Am

stärksten ist die Rindviehzucht in den Komitaten am rechten

Donauufer und in den nördlichen wiesenreichen Komitaten;

dagegen sind die früher so reichen Landstriche zwischen Donau

und Theiß jetzt vieharm. In den Thälern und auf

Gebirgsabhängen findet sich das kleinhörnige und

kurzfüßige Rind, im Komitat So-

1004

Ungarn (Forstwesen, Bergbau, Industrie).

mogy und in Siebenbürgen auch der Büffel. 1881 betrug

der Hornviehbestand 4,6 Mill. Stück (darunter 39,000 Stiere

und 93,000 Büffel). U. gehört zu den an Schafen reichsten

Ländern Europas; es wird nicht nur das grobwollige Zigaiaschaf

im Tiefland und das krauswollige im Gebirge gezüchtet, sondern

seit mehr als 100 Jahren auch die edle Schafzucht betrieben (1881:

9,2 Mill. Schafe, darunter 6 Mill. veredelte). Der jährliche

Export an Wolle beträgt über 1¼ Mill. metr. Ztr.

Die Schweinezucht ist ausgedehnter als irgendwo in Mitteleuropa, am

bedeutendsten in der ehemaligen kroatischen Militärgrenze, in

den Komitaten Csanád, Zala, Somogy, Tolna, Baranya,

Békés, Bihar, in Siebenbürgen und in einigen

kroatisch-slawonischen Komitaten (Schweine 4½ Mill.

Stück, jährliche Ausfuhr fast 700,000 Stück). Die

Geflügelzucht (Hühner, Gänse, Enten,

Truthühner) ist sehr verbreitet; an Federn werden gegen 15,000

metr. Ztr. nach Deutschland, Holland und in die Schweiz

ausgeführt. Groß ist der Reichtum an Fischen, besonders

in der Theiß, Donau und den Seen. Man fängt

vorzüglich Karpfen, Barben, Hausen, Störe, Lachsforellen,

den Fogas etc. U. hat noch die reichsten Jagdreviere. Auf den

Felsen der Tátra hausen selbst Gemsen, in den Wäldern

der Marmaros Bären, und Wölfe werden in Menge erlegt. Die

Waldungen sind reich an Rotwild, das auch gehegt wird. Ebenso gibt

es schöne Fasanerien. Unzählbare Scharen von Vögeln,

namentlich Sumpf- und Wasservögel, bevölkern die

sumpfigen Schilfwälder längs der Donauufer. Trappen

finden sich in Menge in den Ebenen, Adler in den Felsgebirgen. In

Bezug auf Holzreichtum nimmt U. die vierte Stelle in Europa ein.

Die Waldbestände (im N. meist Fichten und Tannen, im O.

daneben auch viel Buchen, im Tiefland nur Akazien, Pappeln,

Götterbäume und wenig Eichen, im S. vorzugsweise Eichen

und Buchen) sind meist ärarische oder Eigentum der

Herrschaften und Städte. Die Staatswälder werden in

neuster Zeit sorgfältig kultiviert, im kleinern Waldbesitz

dagegen wird viel Raubwirtschaft getrieben. Um die Hebung des

Forstwesens, zu dessen Regelung ein neues Forstgesetz erlassen

wurde, hat sich der Ungarische Landesforstverein verdient gemacht.

Die Ausbildung der Forstleute erfolgt an der Schemnitzer Montan-

und Forstakademie.

Bergbau und Industrie.

Hinsichtlich seiner mineralischen Schätze gehört U. zu

den reichsten Ländern Europas: es besitzt unerschöpfliche

Salz-, Eisen- und Kohlenlager und ungemein reiche Kupfer-, Silber-,

Gold- und andre Erzgänge. In Bezug auf edle Metalle nimmt es

nach Rußland die nächste Stelle ein. Hauptsitz der

Goldproduktion ist Siebenbürgen, dessen Bergwerke

(Abrudbánya, Böröspatak, Almás,

Offenbánya etc.) schon den Römern bekannt waren. Im

eigentlichen U. sind reiche Gold- und Silberbergwerke in Kremnitz,

Schemnitz, Nagy- und Felsöbánya etc.; außerdem

wird in den Flüssen Aranyos, Maros, Szamos etc. Fluß-

und Waschgold, Silber in großer Menge zu Schmöllnitz und

Oravicza gewonnen. Die reichsten und ältesten Kupferbergwerke,

deren Ertrag sich jedoch mindert, sind in Margitfalva,

Szepes-Igló, Schmöllnitz, Libethen, Nagybánya

etc. in der Zips. Reiche Eisenerze finden sich in den Komitaten

Zips, Gömör und Abauj-Torna. Das meiste Blei wird im

Schemnitzer Bergdistrikt, viel Nickel und Kobalt in Dobschau und

Libethen, Antimon und Quecksilber bei Rosenau, Magurka und

Schmöllnitz gewonnen. Von Edelsteinen verdient eine besondere

Erwähnung der Edelopal, dessen einzige Heimat U.

(Staats-Opalgruben zu Vörösvágás im

Sároser und Nagy-Mihály im Zempliner Komitat) ist.

Der größte dort gefundene Opal (im kaiserlichen

Naturalienkabinett zu Wien) wird auf 2 Mill. Gulden geschätzt.

Außerdem findet man Chalcedone, Granate, Hyacinthe,

Amethyste, Karneole, Achate, Bergkristalle (Marmaroser Diamanten),

Turmalin, Quarze und Quarzsand, Flußspat, Hornstein,

Töpferthon und treffliche Porzellanerde an vielen Orten,

Dachschiefer im Borsoder Komitat und in Marienthal bei

Preßburg. Die besten Mühlsteine liefert Geletnek im

Barser Komitat. Marmor wird in den Komitaten Zips, Komorn, Baranya,

Veszprim, Abauj-Torna, Liptau etc. gebrochen. Außerdem

gewinnt man Granit, Gneis, Porphyr, Basalt, Sand- und Kalkstein,

Kreide, Gips, Talk, Serpentin, Asbest und Walkererde. Braunkohlen

finden sich in zahlreichen und mächtigen Lagern

hauptsächlich im Brennberg bei Ödenburg; Steinkohlen bei

Fünfkirchen, in Anina-Steierdorf, Szekul und in Reschitza im

Krasso-Szörényer Komitat, im Schylthal, in

Siebenbürgen etc. Die ergiebigsten Salzbergwerke sind zu

Szlatina, Rónaszek und Sugatag in der Marmaros sowie zu

Deésakna, Torda, Parajd, Maros-Ujvar und Vizakna in

Siebenbürgen. In Sóvár wird nur Sudsalz erzeugt.

Die Salzproduktion, die in U. als Staatsmonopol betrieben wird,

belief sich 1887 auf 1,598,983 metr. Ztr. Salpeter und Pottasche

finden sich an vielen Orten im natürlichen Zustand, am meisten

zwischen der Theiß und dem Berettyó. Alaunstein

erzeugt man bei Nuczaly im Bereger Komitat. Torf wird in

Sumpfgegenden, besonders im Hanság, aber auch in der Zips

gestochen. Bergöl gibt es in der Marmaros, im Komitat Bihar,

in Siebenbürgen, Kroatien etc., jedoch nur in geringer Menge.

Bernstein findet sich auf der Magura in der Zips. Die Produktion

der Bergwerke und Hütten in den Ländern der ungarischen

Krone betrug 1887:

Menge Wert

Gold . . . 1862 kg 2597377 Guld.

Silber . . 17665 - 1588184 "

Kupfer . . 5394 metr. Ztr. 184370 "

Blei . . . 17792 " " 220384 "

Roheisen . 1927532 " " 6563599 "

Steinkohle . 7864081 " " 3788041 "

Braunkohle . 17234396 " " 4998150 "

dazu Antimon, Nickel und Kobalt, Bleiglätte in

geringern Mengen. Der Gesamtwert der Montanprodukte Ungarns

repräsentierte 1887 einen Wert von 21 Mill. Guld., jener der

Salzproduktion von 14 Mill. Guld. Mineralquellen zählt man in

U. über 900, darunter berühmte Thermen und

Mineralwässer; hervorzuheben sind außer den unter

"Karpathen" (S. 558) bereits angeführten Kurorten noch die

Schwefelquellen in Hárkány (Komitat Baranya),

Tapolcza (Zala), Töplitz (Kroatien), Warasdin, die Thermen in

Krapina (Kroatien) und die Jodquellen in Lippik (Slawonien). Die

Industrie Ungarns deckt bei allem Überfluß an Rohstoffen

noch nicht den inländischen Bedarf, weil die

Gewerbthätigkeit sich früher meist auf die

gewöhnlichen Lebensbedürfnisse beschränkte und das

Fabrikwesen sich erst seit kurzem eines Aufschwungs erfreut. In

Metallen arbeiten zahlreiche Eisen- und Stahlhämmer,

Eisengießereien (Budapest, Krompach, Rhonitz,

Salgó-Tarján, Munkács, Anina-Steierdorf,

Resitza und Dernö), Blech- und Drahtwerke, Armaturfabriken

etc.; den besten Stahl liefert Diós-Györ (Borsoder

Komitat). Auch an Kupferschmieden, Gold- und Silberarbeitern ist

kein Mangel. Die Maschinenfabrikation ist besonders in Budapest

ent-

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Ungarn (Handel und Verkehr).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 290 / 302 段