18.Jahrh.fast ausschließlich lateinisch, ja noch in der
ersten Halste unsers Jahrhunderts bedienten sich die Gelehrten in
der Litteratur wie in der Schule mit Vorliebe der Sprache Roms. Die
ersten magyarischen Geschichtswerke sind die chronikartigen
Aufzeichnungen aus dem 16. Jahrh. von Anton Verancsics, Franz Zay,
Valentin Homonnai, Franz Wathai und die Chroniken von Stephan
Szekely und Kaspar Heltai. Im 17. Jahrh. schrieb Emmerich
Tököly Memoiren über mehrere seiner Feldzüge;
Fürst Johann Kemeny und Niklas Bethlen verfaßten
Autobiographien; zahlreiche andre politische Persönlichkeiten
von bedeutenderer Stellung zeichneten die Ereignisse auf, deren
Zeugen sie waren; die Chronik von Gregor Petheö, später
von Nachfolgern fortgesetzt, blieb lange das einzige geschichtliche
Handbuch des ungarischen Publikums. Im 18. Jahrh. ragen hervor:
"Historie Siebenbürgens" von Mich. Cserey und "Metamorphose
Siebenbürgens", ein sittengeschichtliches Werk von Peter Apor;
"Briefe aus der Türkei" von Cl. Zagoni-Mikes, Sekretär
Franz Rakoczys II.; ferner Esaias Budais "Geschichte von Ungarn"
(erschienen 1805); Franz Budais "Bürgerliches Lexikon", die
Biographien ausgezeichneter Ungarn enthaltend. Unter dem
Einfluß der Göttinger historischen Schule, dann der
Arbeiten der ungarischen Historiker Georg Pray und Steph. Katona
sowie der Arbeiten von Gebhardi, Feßler und Engel erwachte im
ersten Viertel des 19. Jahrh. in der Geschichtschreibung ein neuer
Geist. Man begann mit großem Fleiß Daten zu sammeln,
Kritik und Quellenstudium wurden leitende Grundsätze. Georg
Feher, Nikolaus v. Jankovics, Baron Aloys Mednyanszky, Johann
Czech, Benedikt Virag, Stephan Horvath wirkten als Forscher oder
eröffneten durch ihre Schriften neue Gesichtskreise.
Später thaten sich hervor: Paul Jaszay, Graf Joseph Teleki
(Geschichte der Hunyadys), Ladislaus v.Szalay und Michael Horvath
mit bedeutenden Werken über die ganze Geschichte Ungarns und
Spezialwerken über einzelne Partien und Persönlichkeiten;
Arnold Ipolyi (früher Stummer), Anton Csengery, Karl Szabo,
Alexander Szilagyi, Franz Salamon (Geschichte Ungarns zur Zeit der
Türkenherrschaft u. a.), Koloman Thaly (Geschichte F. Rakoczys
und seiner Zeit), Wilhelm Fraknoi (früher Frankl; Biographie
Peter Pazmanys, Geschichte der ungarischen Landtage u. a.), Julius
Pauler, Wolfgang Deak, Max Falk (Biographien Szechenyis und
Ladislaus Szalays) u. a. Einen bedeutenden Aufschwung hat die
ungarische Einzel-Geschichtsforschung seit 1867 genommen,
insbesondere durch die Wirksamkeit der Ungarischen Historischen
Gesellschaft, deren Organ: "Századok" ("Jahrhunderte") eine
Fundgrube zahlreicher Spezialarbeiten und Daten ist. Die
Literaturgeschichte ist hauptsächlich durch Franz Toldy
(früher Schedel) und Zoltán Beöthy, die
Ästhetik durch A. Greguß, P. Gyulai, Z. Beöthy,
Eugen Péterffy, Friedr. Riedl u. a. vertreten. Der Beginn
der rechts-, der staatswissenschaftlichen und politischen
Litteratur fällt gleichfalls ins 16.Jahrh. Das Tripartitum
Verböczys erschien, von B. Veres ins Ungarische
übersetzt, zuerst 1565. Aus dem 17. Jahrh. sind zu
verzeichnen: P. Kitonich ("Leitfaden der Prozeßordnung"),
Paul Medgyesi (Werke über Kirchenverwaltung), I.
Fésüs ("Spiegel der Könige"), M. Teleki
("Fürstenseele"); im 18. Jahrh. erregten Sam. Balia und Georg
Aranka in Siebenbürgen mit ihren staatsrechtlichen Versuchen
Aufsehen; Elias Georch war der erste, der sämtliche ungarische
Gesetze in ungarischer Sprache bearbeitete. Im 19. Jahrh. gaben die
Reformbewegung und die staatsrechtlichen Bestrebungen, die erst zur
Gesetzgebung von 1848, dann zum Ausgleich von 1867 führten,
der rechts- und staatswissenschaftlichen Litteratur bedeutende
Impulse. Zu nennen sind: Alexander Kövy, Paul Szlemenics,
Ignaz Frank, Johann Fogarassy, Theodor Pauler, Ignaz Udvardy,
Stephan Szokolay, Franz Deak, Aurel und Emil Dessewffy, Joseph
Eötvös u. a. Deak, die Brüder Dessewffy und
Eötvös sind zugleich Größen auf dem Felde der
politischen Litteratur, deren epochemachender Schöpfer Stephan
Szechenyi ("Kredit", "Licht", "Stadium", "Ein Volk des Ostens" u.
a.) war. In dessen Fußstapfen trat Nikolaus Wesselenyi. Der
Schöpfer der ungarischen politischen Journalistik ist Ludw.
Kossuth. Auf diesem Feld sind zu nennen: Graf Aurel Dessewffy,
Siegmund Kemeny, Anton Csengery, Joseph Eötvös, Johann
Török. Als politische Redner ersten Ranges glänzen:
Stephan Szechenyi, Kossuth, Wesselenyi, Kölcsey, Franz Deak,
Joseph Lonovics, Aurel Dessewffy, Barth. Szemere, Gabriel Kazinczy,
Eötvös, Koloman Ghyczy, Paul Somssich, Balthasar Horvath,
Desidor Szilagyi, Graf Albert Apponyi u. a. Der erste, der eine
philosophische Doktrin in ungarischer Sprache bearbeitete, war
Johann Apáczai Cseri("Ungarische Logik", 1659). Vom Ende des
18. Jahrh. an ist eine große Zahl ungarischer Lehrbücher
über Philosophie und Geschichte der Philosophie zu
verzeichnen, die jedoch meist Kompilationen deutscher und
französischer Werke sind. Die Naturwissenschaft gelangte in
Ungarn erst in neuester Zeit, unterstützt durch die Mittel,
welche die Regierung unmittelbar und mittelbar diesem Zweig der
Wissenschaft zuwendet, zu bedeutenderer Pflege. Die geologische
Landesanstalt, das meteorologische, das chemische, das
physiologische und hygieinische Landesinstitut, die neue
chirurgische Klinik (sämtlich in Budapest), die
Naturwissenschaftliche und die Geologische Gesellschaft sind ebenso
viele Stätten wissenschaftlicher Thätigkeit. Die
Hervorragendsten, von denen zahlreiche Arbeiten vorliegen, sind:
Joseph Szabo, Joseph Krenner, Max v. Hantken (Geologie); A. Jedlik,
Roland Eötvös, Koloman Szily (Physik); Karl Than
(Chemie); Petzval, Veß, Hunyady (Mathematik); Konkoly
(Astronomie); Abt Krueß, Guido Schenzl (Meteorologie);
Lenhossek (Anatomie); Jendrassik (Physiologie); Semmelweis
(Geburtshilfe); Balafsa und Joseph Kovacs (Chirurgie) u. a. Die
Naturwissenschaftliche Gesellschaft gibt eine reichhaltige
Zeitschrift und die bedeutendsten naturwissenschaftlichen Werke der
europäischen Litteratur in Übersetzungen heraus. Ein
gleicher Aufschwung ist auf dem Felde der Nationalökonomie (I.
Kautz, M. Lonyay, A. György u. a.), der Statistik (A. Konek,
Keleti, I. Körösi, Johann Hunfalvy), der Geographie und
Reiselitteratur (Johann und Paul Hunfalvy, Ladislaus Magyar, Joh.
Xantus u. a.), der Altertums-
LÄNDER DER
UNGARISCHEN KRONE,
(UNGÄRN-SlEBENBÜRGEN U. KROATIEN-SLOWENIEN)
GALIZIEN UND BUKOWINA.
Maßstab1:3,300,000.
999
Ungarisches Erzgebirge - Ungarn.
kunde (E. Henßlmann, A. Ipolyi, F. Romer, Eugen
Nyáry, Franz Pulszky u. a.) zu verzeichnen. Überhaupt
hat die geistige Arbeit Ungarns seit den letzten zehn Jahren sich
vielfach der wissenschaftlichen Thätigkeit zugewendet, wenn
auch die ungarischen Männer der exakten Wissenschaften sich
bisher hauptsächlich auf Übersetzung oder Bearbeitung
ausländischer Werke verlegten und mit Ausnahme der um die
Erforschung ihres Landes sehr verdienten Geologen und
Archäologen noch keine selbständigen Entdeckungen
aufzuweisen haben, welche ihnen einen Platz in der Geschichte des
Fortschritts der Wissenschaft sichern würden. Vgl. Toldy,
Geschichte der ungarischen Dichtung (deutsch, Pest 1863); Dux, Aus
Ungarn (Leipz. 1880); Schwicker, Geschichte der ungarischen
Litteratur (das. 1889); Beöthy, Handbuch der ungarischen
Literaturgeschichte (in ungar. Sprache, 4. Aufl., Budap. 1884);
"Ungarische Revue" (seit 1881 hrsg. von Hunfalvy und Heinrich,
Budapest).
Ungarisches Erzgebirge, s. Karpathen, S. 557.
Ungarische Sprache. Die Sprache der Magyaren gehört zu
der finnisch-ugrischen Abteilung der großen
uralaltaischen Sprachenfamilie (s. d.). Die Verwandtschaft
derselben mit dem Ostjakischen und Wogulischen am Uralgebirge sowie
auch mit der zweitbedeutendsten Sprache dieser ganzen Gruppe, dem
Finnischen, ist so unverkennbar, daß sie schon vor dem
Aufblühen der modernen Sprachwissenschaft in frühern
Jahrhunderten von einzelnen Gelehrten bemerkt wurde;
wissenschaftlich nachgewiesen ward aber dieser Zusammenhang und die
entferntere Verwandtschaft des Ungarischen oder Magyarischen mit
dem Türkischen und den übrigen Gruppen des uralaltaischen
Sprachstammes erst in den letzten Dezennien. Die wichtigsten
Eigentümlichkeiten, die das Ungarische mit den uralaltaischen
und speziell mit den finnisch-ugrischen Sprachen teilt, sind die
Vokalharmonie (s. d.) und das Prinzip der Agglutination. Die
Agglutination, d. h. die lose Anfügung einer beliebig
großen Menge von Beugungssilben an den Wortstamm, der
unverändert an der Spitze des Wortes stehen bleibt, bewirkt,
daß die magyarische Sprache wie das Finnische, Türkische
etc. einen ungeheuern Reichtum an grammatischen Formen besitzt.
Weit geringer ist dagegen ihr Wortreichtum, teils deshalb, weil
neben ihr noch zu viele andre Sprachen im Land sich geltend machen,
teils und vorzüglich, weil sie viele Jahrhunderte hindurch aus
den Geschäftsverhandlungen der Behörden, aus Kirche und
Schule durch das Lateinische, aus der gebildeten Konversation durch
das Französische und Deutsche verdrängt war. Erst seit
dem Tod Josephs II. nahm sie einen höhern Aufschwung, auch ist
sie seit Wiederherstellung der selbständigen ungarischen
Regierung (1867) mit der Terminologie für sämtliche
Zweige des modernen Kulturlebens ausgestattet. Die Schrift ist die
lateinische. Lange Vokale werden durch Accente (á, é
etc.) bezeichnet. Für die konsonantischen Laute reichen die
Buchstaben des lateinischen Alphabets nicht aus, weshalb man zu
Zusammensetzungen seine Zuflucht genommen hat. q, w und x hat man
überhaupt nicht mit verwendet und auch c und y nur in
Zusammensetzungen mit andern zur Bezeichnung der Laute, für
welche dem lateinischen Alphabet eigne Buchstaben fehlen; doch
vertritt y in ältern Familiennamen häufig die Stelle des
i. Im ganzen hat die Sprache 24 konsonantische Laute, welche in
folgender Weise bezeichnet werden: b, cs, cz, d, f, g, gy, h. j, k,
l, ly, m, n, ny, p, r, s (spr. sch), sz (spr. ss), t. ty, v, z
(spr. s), zs (weiches sch, wie franz. j). In den Lauten gy, ny, ly,
ty ist das y keineswegs mit i identisch, sondern wird als ein mit
dem vorhergehenden Konsonanten innig verschmolzenes j gehört;
gy ist ungefähr wie dj zu sprechen. Im Anfang einer Silbe
verträgt die u. S. in der Regel nie mehr als einen
Konsonanten; in Wörtern mit zwei Anfangskonsonanten, die sie
aus fremden Sprachen aufgenommen hat, hilft sie sich daher durch
Vorsetzung oder Einschiebung eines Vokals, z. B. astal (slaw.
stol), der Tisch, kiraly (slaw. kral), der König. Die
älteste ungarische Grammatik ist die von Joannes Silvester
Pannonius (Sarvár-Ujszigeth 1539). Neuere Werke für den
ersten Unterricht sind die (deutsch verfaßten) Grammatiken
von Mailath (2. Aufl., Pest 1832), Kis (Wien 1834), Töpler (7.
Aufl., Budap. 1882), M. Ballagi (magyarisierte Namensform) oder
Bloch (8. Aufl., das. 1871), Franz Ney (24. Aufl., das. 1888); eine
wissenschaftliche Grammatik, obgleich im einzelnen bereits
veraltet, ist diejenige von M. Riedl (Wien 1858).
Wörterbücher lieferten Richter (Wien 1836, 2 Bde.),
Fogarassy (Pest 1836, 2 Bde.), I. T. Schuster (Wien 1838), Ballagi
(5. Aufl., das. 1882; Supplement zum deutsch ungar. Teil 1874). Den
ganzen ungarischen Wortschatz streng wissenschaftlich darzustellen,
ist das unablässige Bestreben der Ungarischen Gelehrten
Gesellschaft, deren großes ungarisches Wörterbuch, von
G. Czuczor und I. Fogarassy redigiert (186274, 6 Bde.), nun
vollendet vorliegt. Außerdem ist die Ausarbeitung eines
sprachgeschichtlichen Wörterbuchs unter Aufsicht der
linguistischen Kommission der Akademie im Gang. Die
Hauptstützen der sprachvergleichenden Durchforschung des
Magyarischen sind Paul Hunfalvy (s. d.) und Joseph Budenz (s. d.)
mit ihren zahlreichen durch die ungarische Akademie
veröffentlichten Studien über die mit dem Magyarischen
verwandten Sprachen.
Ungarisch-Hradisch, s. Hradisch.
Ungarisch-Ostra, s. Ostra.
Ungarn (ungar. Magyarország, türk.
Magyaristan, slawon.V engria, lat. Hungaria, franz. Hongrie, engl.
Hungary), Königreich, die östliche Hälfte der
österreichisch ungarischen Monarchie, erstreckt sich von
44°9'-49°33' nördl. Br. und von 14°24'-26°36',
östl. L. v. Gr., besteht aus dem eigentlichen U., dem
ehemaligen Siebenbürgen, Fiume samt Gebiet, Kroatien,
Slawonien und der frühern Militärgrenze und grenzt im N.
an Mähren, Österreichisch-Schlesien und Galizien, im O.
an die Bukowina und Rumänien, im S. an letzteres, Serbien,
Bosnien und Dalmatien und im W. an Istrien, Krain, Kärnten,
Steiermark, Niederösterreich und Mähren. Vgl. beifolgende
Karte "Länder der ungarischen Krone".
Physische Beschaffenheit.
Die Gebirge gehören den Karpathen und den Alpen an,
zwischen denen die Donau mit den von ihr durchschnittenen weiten
Ebenen die natürliche Grenze bildet. Die Karpathen (s. d.),
das Hauptgebirge des Landes, beginnen an der Donau neben der
Marchmündung und umgeben das Land von NW. nach SO. in einem
mächtigen Halbbogen, dessen Wölbung gegen NO. fällt;
die Ausläufer der Norischen und Karnischen Alpen hingegen
schließen das an dem rechten Donauufer gelegene westliche
Berg und Hügelland ein und treffen mit ihren Vorbergen an der
Donau bei Hainburg (Leithagebirge) und Gran (Vértesgebirge)
mit den Karpathen zusammen. Am südöstlichen Ende, bei
Orsova, wird die Donau abermals von den Ausläufern der
siebenbürgischen Karpathen und des Balkangebirges eingeengt
(die berühmte Klissura mit dem Eisernen Thor). Die weite
Tief-
1000
Ungarn (Bodenbeschreibung, Bewässerung, Klima, Areal).
ebene des Landes wird durch die Alpenausläufer in zwei
Hälften geteilt, deren kleinere sich gegen W., die
größere gegen O. erstreckt. Die kleine oder
oberungarische Tiefebene (Preßburger Becken), zu beiden
Seiten der Donau zwischen Preßburg und Komorn, etwa 12,000
qkm (220 QM.) groß, breitet sich in Eiform aus, liegt 130 m
ü. M., ist meist von Bergen umschlossen und sehr fruchtbar,
besonders der nördliche Teil und die Donauinsel Schutt (s.
d.). Im N. und S. breiten sich auf bald flachem, bald
hügeligem Boden die gesegnetsten Gefilde aus mit Ackern,
Gärten, Wald, Obsthainen und Weinpflanzungen und dringen
zungenförmig an den Flußthälern in die
Vorkarpathen, Voralpen und den Bakonyer Wald ein. Die östliche
große oder niederungarische Tiefebene (Alföld oder
Pester Becken) wird im N. und O. von den Karpathen, im W. von den
Voralpen, im S. von den alpinen Vorhöhen und dem Balkan
umsäumt, erstreckt sich an der Donau von Budapest und an der
Theiß von Szatmar bis zum Strompaß von Orsova und
nimmt, einununterbrochenes Flachland bildend, im ganzen 96,910 qkm
(1760 QM.) ein. Ausgedehnte Sumpfstrecken, Torf und Moorgründe
an der Donau und Theiß, unabsehbare Sandflächen, hier
und da mit niedrigen Flugsandhügeln, wasser-, baum- und
schattenlose Heideflächen, unterbrochen von Grasangern und
fruchtbarem Ackerboden, weit auseinander liegende Meierhöfe
auf den Pußten (s. d.), wenige, aber weitläufige und
volkreiche Ortschaften bilden den Charakter der eigentlichen
Heidelandschaft. Der nördliche Landstrich wischen Donau und
Theiß führt den Namen Kecskemeter Heide; südlich
davon, in der sogen. Bacska, liegt das 169 m hohe Plateau von
Telecska und südöstlich an der Theißmündung
das Titler Plateau; ferner im NO. unterhalb des Theißbogens
der Nyir und südlich hiervon die Debrecziner Heide oder
Hortobagyer Pußta. Über 600 Flüsse und Bäche
durchkreuzen U. nach allen Richtungen und gehören mit Ausnahme
von Poprad und Dunajec, welche der Weichsel zufließen,
sämtlich zum Gebiet der Donau, die bei Theben das Land
betritt, sich bei Waitzen südwärts bis zur slawonischen
Grenze wendet und das ungarische Gebiet bei Orsova
verläßt. Sie nimmt rechts die Leitha, Raab, den
Sárviz, die Drau mit der Mur und die Save, links die March,
Waag, Neutra, Gran, Eipel, die mächtige Theiß, die Temes
und die Aluta auf. In die Theiß münden rechts der
Bodrog, Sajó mit dem Hernád und die Zagyva, links die
Szamos, die dreifache Körös und die Maros. Alle
Flüsse, insbesondere aber die Theiß mit ihren
Nebenflüssen, verursachen durch Überschwemmungen fast
jährlich bedeutenden Schaden; um diesen zu verhindern und zur
Erleichterung der Schiffahrt wurden seit 1771, besonders aber seit
1845, umfassende Regulierungen vorgenommen und zahlreiche
Kanäle erbaut, unter denen der Franzenskanal (zwischen der
Donau und Theiß), der Begakanal (zwischen der Bega und
Theiß), der Sarviz- oder Palatinkanal (zwischen
Stuhlweißenburg und Szegszard), der Albrechtskanal zur
Entsumpfung des Bodens im Baranyaer Komitat, der Kapos oder
Zichykanal im Tolnaer Komitat und der Siokanal (zwischen Plattensee
und Donau) die bedeutendsten sind. In den Karpathen finden sich
viele kleine Seen (Meeraugen), darunter in der Hohen Tatra allein
58 meist sehr romantisch 1260-1990 m ü. M. gelegene Seen.
Größere Seen in der Ebene sind der Plattensee, der
größte Südeuropas, und der Neusiedler See. Von den
zahlreichen Morästen und Sümpfen sind zu nennen: der mit
dem Neusiedler See in Verbindung stehende Hanság, der
Ecseder Sumpf bei Szatmár, der Sárrét am
Berettyó, der Alibunarer, Hoßzuréter Sumpf etc.
Die Sümpfe an der Theiß und Donau sind durch
Abzugskanäle meist trocken gelegt worden. Überhaupt ist
sowohl von seiten der Regierung als der einzelnen sehr vieles zur
Trockenlegung oder doch Einschränkung der Sümpfe
geschehen. Für die Theißregulierung allein, um welche
sich Graf Szechenyi große Verdienste erworben hat, wurden
seit 1845 mehr als 26 Mill. Guld. verwendet. Das Ackerland der
großen ungarischen Tiefebene besteht zumeist aus schwarzem
Thonboden mit mehr oder weniger Humus und ist in manchen Gegenden
auch ohne Dünger ebenso fruchtbar wie die zwischen hohen
Bergen liegenden lieblichen Thäler (z. B. das
äußerst romantische Waagthal). Dagegen gibt es aber auch
große unfruchtbare Sandflächen; in der westlichen Ebene
erstrecken sie sich nur von Raab und Komorn bis zum Komitat Zala;
in der östlichen Ebene jedoch bilden sie, von Waitzen
ausgehend, zwischen der Donau und Theiß bis nahe an den
Franzenskanal ein wahres Sandmeer.
[Klima.] Schon die geographische Lage Ungarns, noch mehr aber
die Gestalt seiner Oberfläche machen es zu einem klimatisch
milden Land. Mit Ausnahme des nach N. geöffneten Poprader
Thals ist es vor rauhen Nordwinden durch hohe Gebirge
geschützt; im S. aber öffnet es sich den warmen
Südwinden, deren oft heftigen Andrang die zahlreichen
Gewässer mäßigen. Am Fuß der hohen Karpathen
und des Königsbergs (in Gömör), in der Ärva,
Liptau und Zips reift selbst die Pflaume kaum, und oft bedeckt
schon im September Schnee den noch stehenden Hafer, während 60
km südlicher der edelste Wein gedeiht. Mitten im ehemaligen
Pannonien, das einem fortlaufenden Obst- und Weingarten gleicht,
reift in der rauhen Bakony auch die Traube nicht. In Syrmien
blüht oft schon im Februar der Haselstrauch, im April
überall das Obst, Anfang Mai Roggen und Gerste, in den ersten
Junitagen der Weinstock, und frisches Grün schmückt acht
Monate lang die Wälder, während weiter nach S. zu wieder
die rauhe Karpathengegend auftritt. Charakteristisch ist der starke
Temperaturwechsel, namentlich der Unterschied zwischen Tages und
Nachtwärme, so im Alföld, wo die Temperatur im Sommer des
Morgens nur 45° C. beträgt und mittags auf mehr als
30° steigt; noch größer aber ist der Unterschied der
von den Sonnenstrahlen erzeugten Bodenwärme; daher treten dort
auch häufig Wechselfieber und andre Krankheiten auf. Im
allgemeinen ist aber das Klima in U. gesund. Die mittlere
Jahrestemperatur bewegt sich zwischen +5,9° und +14° C. und
beträgt in Schemnitz 6°, Preßburg 9,6°, Budapest
11°, Klausenburg 9,12°, Semlin 11,6°, Fiume 14,1°.
Eine gewöhnliche Erscheinung ist im Alföld die Fata
Morgana, hier Delibab ("Mittagszauber") genannt.
Areal und Bevölkerung.
Das Areal von U. samt Nebenländern beträgt 322,940 qkm
(5865 QM.), wovon auf das eigentlich U. samt Siebenbürgen
280,387 qkm (5092 QM.), auf Fiume samt Gebiet 20 qkm (0,36 QM.) und
auf Kroatien und Slawonien 42,533 qkm (772 QM.) entfallen. Das
eigentliche U. wurde früher in administrativer Beziehung in
vier Kreise eingeteilt und zwar in den Kreis a) diesseit und b)
jenseit der Donau, c) diesseit und d) jenseit der Theiß. Seit
der 1876 erfolgten Einverleibung Siebenbürgens und der
Regelung der Munizipalgebiete jedoch teilt man U. in nachstehende
sieben Gebiete ein:
1001
Ungarn (Komitate, Bevölkerung).
A. Ungarn mit Siebenbürgen.
Gebiet und Komitat Areal QKil. Einwohner 1881
I. Am linken Donauufer
Árva 2077 81643
Bars 2673 142691
Gran 1123 72166
Hont 2650 116080
Liptau 2258 74758
Neograd 4355 191678
Neutra 5726 370099
Preßburg 4311 314173
Sohl 2730 102500
Trentschin 4620 244919
Turócz 1150 45933
Zusammen: 33674 1756640
II. Am rechten Donauufer:
Baranya 5133 293414
Eisenburg 5035 360590
Komorn 2944 151699
Ödenburg 3307 245787
Raab 1381 109493
Somogy 6531 307448
Tolna 3643 234643
Veszprim 4166 208487
Weißenburg 4156 209440
Wieselburg 1944 81370
Zala 5122 359984
Zusammen: 43363 2562355
III. Zwischen der Donau und Theiß
Bács-Bodrog 11079 638063
Csongrád 4314 228413
Heves 3802 208420
Jazygien etc. 5374 278443
Pest-Pilis etc. 12605 988532
Zusammen: 37173 2341871
IV. Am rechten Theißufer:
Abauj-Torna 3331 180344
Bereg 3724 153377
Borsod 3527 195980
Gömör und Kis-Hont 4275 169064
Sáros 3822 168013
Ung 3053 126707
Zentplin 6208 275175
Zips 3605 172881
Zusammen: 31546 1441541
V. Am linken Theißufer:
Békés 3558 229757
Bihar 10919 446777
Hajdu 3353 173329
Marmaros 0355 227436
Szabolcs 14917 214008
Szatmár 6491 29309
Szilágy 3671 171079
Ugocsa 1191 65377
Zusammen: 44456 1820855
VI. Längs der Flüsse Maros und Theiß
Arad 6443 303964
Csanád 1618 109011
Krassó-Szörény 9751 381304
Temes 7136 396045
Torontál 9495 530988
Zusammen: 34444 1721312
VII. Siebenbürgen:
Bistritz-Naszód 4014 95017
Csik 4493 110940
Fogaras 1875 84571
Großkokelb. 3116 132454
Háromszék 3556 125277
Hermannstadt 3314 141627
Hunyad 6932 248464
Klausenburg 5149 196307
Kleinkokelb. 1646 92214
Kronstadt 1797 83929
Maros-Torda 4324 158999
Szolnok-Doboka 5150 193677
Torda-Aranyos 3370 137031
Udvarhely 3418 105520
Unterweißenb. 3577 178021
Zusammen: 55731 2084048
Ungarn: 280387 13728622
B. Fiume samt Gebiet
C. Kroatien und Slawonien (mit ehem. Militärgrenze).
Komitate:
Lyka-Krbava 6211 174239
Modrus-Fiume 4879 203173
Agram 7211 419879
Warasdin 2521 229063
Belovar-Kreutz 5048 219529
Pozega 4942 166512
Virovititz 4851 183226
Syrmien 6870 296878
Zusammen: 42533 1892499
Länder der ungar. Krone: 322940 15642102
In Bezug auf die Bevölkerung nimmt U. unter den
europäischen Staaten die achte Stelle ein. Nach der letzten
Volkszählung (1880/81) betrug die Zivilbevölkerung
15,642,102 Seelen (gegen 15,417,324 Seelen im J. 1870). Die Zahl
der aktiven Soldaten und Honveds (Landwehr) belief sich auf 97,157
Mann, daher ergibt sich eine Gesamtbevölkerung von 15,739,259
Seelen. Von 1870 bis 1881 hat dieselbe nur um 1,44 Proz. zugenommen
und zwar zumeist nur im W. und in der Mitte des Landes. Bei den
frühern Erhebungen zählte man: 1850: 13,1, 1857: 13,7,
1869: 15,4 Mill. Einw. Ursachen dieser geringen Zunahme waren
anfangs die Nachwehen der Freiheitskriege und wiederholte
Choleraepidemien, zuletzt jedoch Seuchen, Mißwachs,
Auswanderung und enorme Sterblichkeit der Kinder (bis zu 55 Proz.).
Die Dichtigkeit der Bevölkerung ist eine mittlere, denn es
entfallen auf 1 qkm durchschnittlich 48 Einw. Am dichtesten
bevölkert sind die fruchtbaren und minder gebirgigen
Landstriche im W. und NW., am gleichmäßigsten das Innere
des Landes, am dünnsten der Nordosten, Osten und
Südosten. Von der Zivilbevölkerung entfallen auf die
beiden Geschlechter:
Männer Frauen
in Ungarn (samt Siebenbürgen) 6749646 6978976
- Fiume samt Gebiet 9598 11383
- Kroatien-Slawonien 589615 604800
- der ehemaligen Militärgrenze 354051 344033
Zusammen: 7702910 7939192
In U., wo auf je 1000 Einw. 10 Ehen, 45 Geburten und 37
Sterbefälle entfallen, gibt es 163 Städte, 1872
Märkte, 15,394 Dörfer und 4152 Pußten, wovon auf U.
allein (mit Siebenbürgen) 143 Städte, 1822 Märkte,
10,873 Dörfer und 3917 Pußten entfallen. Die
volkreichsten Städte (mit über 20,000 Einw.) sind:
Budapest, Szegedin, Maria-Theresiopel, Debreczin,
Hódmezö-Vásárhely, Preßburg,
Kecskemét, Arad, Temesvár, Großwardein, Mako,
Klausenburg, Kronstadt, Szentes, Fünfkirchen, Agram, Kaschau,
Stuhlweißenburg, Czegléd, Zombor, Miskolcz,
Nyiregyháza, Kiskun-Félegyháza, Ödenburg,
Nagy-Körös, Werschetz, Jászberény, Neusatz,
Mezötur, Zenta, Raab und Fiume. Die schönsten Dörfer
sind jene der Deutschen, der Ungarn und Slowaken; am schlechtesten
wohnt der Rumäne und Ruthene.