Einschluß der Sitze der Kosaken, welcher jetzt den

größten Teil Kleinrußlands (s. d.) ausmacht. Durch

den Vertrag von Andrussow 1667 und den Frieden zu Moskau von 1686

trat Polen den östlich vom Dnjepr gelegenen Teil des Landes

(die sogen. russische U.) an Rußland ab, während der

westlich von diesem Fluß gelegene Teil (die polnische U.)

vorläufig noch unter polnischer Herrschaft blieb und erst 1793

durch die zweite Teilung Polens an Rußland kam. Die vom Donez

durchströmte slobodische U., in die sich zur Zeit der

polnischen Herrschaft viele Kleinrussen geflüchtet hatten,

bildet jetzt das Gouvernement Charkow. Über die ukrainische

Sprache und Litteratur, s. Kleinrussische Sprache und

Litteratur.

Ula, Rangklasse der türk. Zivilbeamten mit dem Titel

Exzellenz, besteht aus zwei Graden: U. sinfi ewwel und U. sinfi

sani.

Ulanen (Uhlanen), mit Lanzen bewaffnete Reiterei. Der

Name U., d. h. Wackere, Tapfere, ist tatarischen Ursprungs. Die

Polen legten ihn ihrer ähnlich bewaffneten Reiterei, mit der

sie die Tatareneinfälle abzuwehren suchten, ebenfalls bei, so

daß die polnischen U. die ersten in Europa waren und deshalb

als polnische Nationalwaffe galten. Von den Polen nahmen die

übrigen europäischen Heere die U. sogar mit ihrer

eigentümlichen Uniform, bestehend in einer viereckigen

polnischen Mütze, der Czapka, und einem

kurzschößigen Rock mit zwei Reihen Knöpfen und

polnischen Ärmelaufschlägen, der Ulanka, an. Die ersten

Ulanenregimenter nach den polnischen errichtete 1790 und 1791

Österreich; ihm folgte Preußen, welches bereits seit

1745 ein Regiment Lanzenreiter, die Bosniaken (Towarczy, s. d.),

hatte und daraus 1808 U. bildete, später Rußland und

andre Staaten. Deutschland hat 25, Österreich 11, England 5,

Rußland 2 (Garde-) Regimenter U. Frankreich hat keine U.

Während in Österreich die U. keine Lanze, sondern gleich

den übrigen Reitern nur Säbel und Karabiner führen,

begann man 1888 in Deutschland auch die Kürassiere und

Husaren, 1889 auch die Dragoner mit Lanzen auszurüsten.

Ulanga (Uranga), der Oberlauf des Lufidschi (s. d.) in

Ostafrika.

Ulanka, s. Ulanen.

Ulbach (spr. ülback), Louis, franz. Schriftsteller,

geb. 7. März 1822 zu Troyes, studierte in Paris und trat zum

erstenmal 1844 mit einer Sammlung lyrischer Poesien ("Gloriana") an

die Öffentlichkeit. Später nach und nach an den

verschiedensten Journalen beteiligt, machte er sich durch die im

"Figaro" erschienenen "Lettres de Ferragus" einen Namen als

Satiriker, zog sich aber auch durch seinen Freimut, den er

später noch entschiedener in dem wöchentlich

erscheinenden Pamphlet "La Cloche" bethätigte, gerichtliche

Verfolgung und Strafe zu. Während der Belagerung von Paris war

er, obgleich der friedfertigste Mann von der Welt, Mitglied der

Barrikadenkommission, und als er nach der Bewältigung des

Kommuneaufstandes von einem Kriegsgericht der Teilnahme an der

Insurrektion geziehen wurde, gab er in seiner "Cloche" eine so

indignierte Antwort, daß er dafür zu drei Jahren und in

zweiter Instanz immer noch zu drei Monaten Gefängnis und 3000

Frank Geldbuße verurteilt wurde. 1878 wurde er von seinen

inzwischen zur Regierung gelangten politischen Freunden mit dem

Posten eines Bibliothekars beim Arsenal entschädigt. U. hat

seit 1853 eine Reihe von Romanen erscheinen lassen, welche ihn zu

einem der gelesensten Schriftsteller machten. Wir nennen: "L'homme

au Louis d'or" (Par. 1854); "Les roués sans le savoir" (das.

1856); "La voix de sang" (1858); "Monsieur et Madame Fernel", seine

beste Arbeit, auch nicht ohne Erfolg auf die Bühne gebracht

(1860); "Françoise" (1862); "Le mari d'Antoinette" (1862);

"Louis Tardy" (1864); "Le parrain de Cendrillon" (1865-67, 2 Bde.);

"Histoire d'une mère et de ses enfants" (1874); "La

princesse Morani" (1875); "Magda" (1876); "La comtesse de Tyrnau"

(1876); "Le baron américain" (1877) ; "Les mémoires

d'un assassin" (1877); "Madame Gosselin" (1877); "Monsieur Paupe"

(1878); "Les buveurs de prison" (1879); "Les enfants de la morte"

(1879) etc. Auch im Drama hat sich U. versucht, wenn auch mit

weniger Glück. Er starb 16. April 1889 in Paris.

Ulceration (lat.), Verschwärung, s.

Geschwür.

Ulcus (lat.), s. v. w. Geschwür.

Ule, Otto, naturwissenschaftl. Schriftsteller, geb. 22.

Jan. 1820 zu Lossow bei Frankfurt a. O., studierte seit 1840 in

Halle und Berlin erst Theologie, sodann Naturwissenschaften, war

1845-48 Lehrer am Gymnasium in Frankfurt a. O., hielt daselbst im

Winter 1847 und 1848 Vorträge über die

Entwickelungsgeschichte des Weltalls und beteiligte sich lebhaft an

den politischen Kämpfen jener Jahre. Nachdem er einige Zeit

als Lehrer an der Fortbildungsschule zu Quetz bei Halle gewirkt

hatte, privatisierte er in Halle und starb hier 6. Aug. 1876. Von

seinen Schriften, die einerseits durch gemütvolles Eingehen

auf die Vorgänge, namentlich in der unbelebten Welt, zur

Naturerkenntnis zu führen, anderseits nicht bloß

Verstandes-, sondern auch Humanitätshildung zu fördern

suchen, sind hervorzuheben: "Das Weltall" (3. Aufl., Halle 1859, 3

Bde.); "Physikalische Bilder" (das. 1854-57, 2 Bde.); "Die neuesten

Entdeckungen in Afrika" (das. 1861); "Die Wunder der Sternenwelt"

(Leipz. 1861; 2. Aufl. von Klein, 1877); "Populäre Naturlehre"

(das. 1865 -1867); "Warum und Weil", Fragen und Antworten

physikalischen Inhalts (chemischer Teil, 3. Aufl., Berl. 1887;

physikalischer Teil, 6. Aufl. 1886); "Kleine naturwissenschaftliche

Schriften" (Leipz. 1865-68, 5 Bde.). Auch gab er eine Bearbeitung

von Réclus' "La terre" (Leipz. 1873-76, 2 Bde.). Mit Karl

Müller und Roßmäßler gründete er 1852

die Zeitschrift "Die Natur".

Uleåborg (sinn. Oulu), das nördlichste und

größte Gouvernement des Großfürstentums

Finnland, umfaßt das nördliche Österbotten und

Lappland und hat einen Flächenraum von 165,641 qkm (3008,2

QM.) mit (1886) 228,993 Einw. Das Land ist reich bewässert

durch mehrere Seen (Uleåträsk, Kitkajärvi,

Kemijärvi, Kiandosee, Enare u. a.) und große

Flüsse, z. B. Oulunjoki, Kemijoki, Uleåelf, Ijojoki,

Torneåelf. Im innern und östlichen Teil sind noch die

großen Wälder und Moräste überwiegend, und der

Boden ist meist unkultiviert; in der westlichen Küstengegend

aber ist der Ackerbau vorherrschend. Der Fischfang und der

Holzbetrieb sind bedeutend im ganzen Land. Im N. (Lappland) wohnen

noch etwa 600 nomadisierende Lappen, deren Hauptbeschäftigung

die Renntierzucht ist. - Die Stadt U., am Bottnischen Meerbusen und

an der Mündung des Uleåelf, brannte 1822

großenteils ab und ist seitdem freundlicher und

geräumiger wieder aufgebaut worden. Sie ist Sitz des

Gouverneurs und eines deutschen Konsuls, hat ein Lyceum, ein

Hospital, Schiffswerften, mehrere Fabriken und (1886) 11,578 Einw.,

welche Handel, besonders mit Teer, Pech und Holzwaren, treiben. U.

wurde 1605 gegründet. Während des Kriegs 1854 brannten

die Engländer im hiesigen Hafen mehrere Schiffe nebst dem

Teerhof nieder.

982

Ulemas - Ulibischew.

Ulemas (arab., "Wissende "), in der Türkei die

Rechts- und Gottesgelehrten, welche ihr Wissen

gleichmäßig aus dem Koran ziehen, werden in den

Medressen (s. d.) von den Muderris gebildet und zerfallen in

Kultusdiener oder Imame (s. d.), Gottesgelehrte oder Muftis (s. d.)

und Richter oder Kadis (s. d.). Auch die Gebetausrufer oder

Muezzins (s. d.) gehören zu den U. Das Oberhaupt der U. ist

der Scheich ul Islam.

Ulen, s. Neunauge.

Ulex L. (Stechginster, Heckensame), Gattung aus der

Familie der Papilionaceen, Sträucher mit in Dornen

auslaufenden, kantig gestreiften Ästen, einfachen, ebenfalls

zu Dornen verhärteten, linealen Blättern, meist einzeln

in den Winkeln der obern Blätter stehenden Blüten und

angeschwollener, wenigsamiger Hülse, die kaum länger als

der Kelch ist. Die Samen sind mit einem Wulst versehen. U.

europaeus L. (Heideginster), bis 1,6 m hoher, dem Wacholder

ähnlicher, aber schwach beblätterter Strauch mit gelben

Blüten, wächst im westlichen Mittel- und Südeuropa,

kommt auch noch auf sandigen Heiden des westlichen Norddeutschland

vor und wird als Heckenpflanze kultiviert. Die zerquetschten

Blätter liefern gesundes Pferdefutter, und eine Varietät

in der Normandie mit nicht dornig erhärtenden Blättern

wird auch als Schaffutter benutzt und nebst einigen andern Arten

als Zierpflanze kultiviert. Vgl. Riepenhausen-Crengen, Stechginster

(Leipz. 1889).

Ulfeldt (Uhlefeld), Korfiz (Cornifex), Graf, dän.

Edelmann, geb. 10. Juni 1606, lebte lange Zeit im Ausland, erlangte

1636 durch die Heirat mit der Gräfin Leonore Christine von

Schleswig-Holstein, einer Tochter König Christians IV. von

Dänemark von seiner Geliebten Christine Munk, großen

Einfluß, Reichtum und hohe Ämter, ward Reichshofmeister,

suchte nach Christians IV. Tod 1648 Friedrichs III. Thronbesteigung

zu hindern, um die Krone seinem Schwager zuzuwenden, ward dennoch

von Friedrich III. in seinen Ämtern belassen, verletzte aber

durch seine Anmaßung besonders die Königin Sophie Amalie

und entfloh, als er eines Mordanschlags gegen den König

beschuldigt wurde, 1651 erst nach Holland, dann nach Schweden, das

er zum Kriege gegen Dänemark aufreizte, ward nach dem Frieden

von Roeskilde 1658 in seine Würden wieder eingesetzt, entfloh

nach Einführung der absoluten Monarchie in Dänemark von

neuem und starb 20. Febr. 1664 bei Basel, nachdem er in

Dänemark zum Tod verurteilt worden war. Seine Gemahlin wurde

von Karl II. von England, bei dem sie Hilfe für U. erbat, 1663

an Dänemark ausgeliefert und von ihrer Feindin, der

Königin, im blauen Turm in Kopenhagen gefangen gesetzt, in dem

sie 22 Jahre bis nach dem Tode der Königin 1685 schmachtete.

Sie starb 1698. Vgl. I. Ziegler, Denkwürdigkeiten der

Gräfin zu Schleswig-Holstein, Leonora Christina,

vermählten Gräfin U. (2. Aufl., Wien 1879); Smith,

Leonora Cristina Grevinde Ulfeldts Historie (Kopenh. 1879-81, 2

Bde.).

Ulfilas (Ulfila, Wulfilas, "Wölfel"), der Apostel

der Goten, geb. 310 oder 311 von christlichen Eltern, die durch die

Goten aus Kappadokien in die Gefangenschaft geführt worden

waren. Im J. 341 wurde er von Eusebios von Nikomedia (s. d.) zum

Bischof geweiht, wirkte dann seit 348 unter den arianischen

Westgoten, flüchtete aus Anlaß einer Christenverfolgung

um 355 mit einem großen Teil derselben über die Donau in

das römische Reich und starb in Konstantinopel, wohin ihn

Kaiser Theodosius berufen hatte, 381. Von seinen

schriftstellerischen Arbeiten hat sich nur ein Teil seiner

gotischen Bibelübersetzung erhalten. Derselben legte er zu

Grunde für das Alte Testament die Septuaginta und für das

Neue auch einen griechischen Text, aber unter beständiger

Zurateziehung einer lateinischen Übersetzung (Itala!).

Daß er für seine Übersetzung ein gotisches Alphabet

erfunden habe, berichten mehrere Schriftsteller ausdrücklich;

dasselbe beruht im wesentlichen auf dem griechischen Alphabet.

Jedenfalls bleibt ihm der Ruhm, zuerst die Sprache seines Volkes in

zusammenhängender schriftlicher Darstellung angewandt und ihr

durch die Bibelübersetzung einen festen Halt gegeben zu haben.

Aus Italien kam ein um 500 geschriebener Prachtkodex der

Evangelien, mit silbernen Buchstaben auf purpurfarbenes Pergament

geschrieben, nach dem Kloster Werden an der Ruhr, dann nach Prag

und nach der Eroberung dieser Stadt durch den schwedischen General

Königsmark nach Schweden, wo er seit 1669 unter dem Namen des

"Codex argenteus" (faksimiliert hrsg. von Uppström, Ups. 1854)

in der Bibliothek der Universität Upsala aufbewahrt wird. Von

derselben Übersetzung ward auf Palimpsesten aus dem Kloster

Bobbio (jetzt in der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand) 1817

durch Angelo Mai und Castiglione ein Teil des Matthäus und der

Paulinischen Briefe entdeckt, nachdem schon 1758 der

Wolfenbüttler Geistliche Knittel einige Stücke des

Römerbriefs in einem Wolfenbüttler Palimpsest (Codex

Carolinus) aufgefunden hatte. Außerdem existieren noch einige

Stellen aus Esra und Nehemia. Gleichwohl reichen die genannten

Bruchstücke aus, um den ganzen Bau jenes altgermanischen

Dialekts zu erkennen. Nach U. und mit deutlicher Benutzung seiner

Evangelienübersetzung verfaßte später ein Gote,

vielleicht erst im 6. Jahrh., eine paraphrasierende Erklärung

des Evangeliums Johannis, deren ebenfalls aus Bobbio stammende

Bruchstücke zuerst von Maßmann herausgegeben worden sind

("Skeireins aivaggeljons thairch Johannen", Münch. 1834).

Derselbe Gelehrte entzifferte (in der "Germania" 1868) einige

weitere Bruchstücke von U.' Übersetzung der Paulinischen

Briefe, die Reifferscheid in einem Turiner Kodex gefunden hatte.

Gesamtausgaben der gotischen Sprachdenkmäler lieferten v. d.

Gabelentz und Löbe (Altenb. 1843-46, 2 Bde.), auch

Maßmann (Stuttg 1857), Stamm (8. Aufl. von Heyne, 1885) und

Bernhardt (Halle 1875, Textausg. 1884). Vgl. Waitz, Über das

Leben und die Lehre des U. (Hannov. 1840); Bessel, Über das

Leben des U. (Götting. 1860); Krafft in der

"Realencyklopädie der theologischen Wissenschaften" (2. Aufl.,

Bd. 16); Kauffmann, Untersuchungen zur Geschichte U.' ("Zeitschrift

für deutsches Altertum", Bd. 27).

Uliasserinseln, s. Amboina.

Uliassutai, Hauptstadt des gleichnamigen Kreises in der

nordwestlichen Mongolei, aus einer Zivil- und einer befestigten

Militärstadt bestehend, ist für den sibirischen Handel

wichtig und hat etwa 4000 Einw.

Ulibischew, Alexander, russ. Staatsrat und

Musikschriftsteller, geb. 1795 zu Dresden von russischen Eltern,

ward hier auch erzogen und erwarb sich im Violinspiel eine

ungewöhnliche Fertigkeit. Später widmete er sich der

Diplomatie, zog sich aber 1830 auf seine Güter bei Nishnij

Nowgorod zurück, wo er sich bis zu seinem 24. Jan. 1858 (a.

St.) erfolgten Tod als praktischer und theoretischer Musiker eifrig

beschäftigte. U. hat sich durch seine gründliche,

feinsinnige und begeistert geschriebene "Biographie de Mozart"

(deutsch von Gantter, 2. Aufl., Stuttg. 1859) einen verdienten

Namen gemacht; weniger Erfolg hatte ein zweites Werk: "Beethoven,

ses critiques et

983

Ulietea - Ulm.

ses glossateurs" (Leipz. 1857; deutsch von Bischoff, das. 1859),

da hier der Autor bei seiner einseitigen Verehrung Mozarts vielfach

zu schiefen und ungerechten Urteilen über Beethoven gelangt.

Zur Hebung und Läuterung des Musikgeschmacks in Rußland

hat U. jedenfalls viel beigetragen.

Ulietea, Insel, s. Raiatea.

Ulixes, s. Odysseus.

Ulkun, albanes. Name von Dulcigno (s. d.).

Uller, in der nord. Mythologie Sohn der Sonnengöttin

Sif (s. d.) und Stiefsohn des Thor, der schnelle Bogenschütze,

der mit seinem Bogen (dem Regenbogen) als Pfeile die Blitze

entsendet.

Ullersdorf, Dorf und Rittergut im preuß.

Regierungsbezirk Breslau, Kreis Glatz, an der Biele, hat eine kath.

Kirche, ein Schloß mit Park, einen 23 m hohen eisernen

Obelisken zu Ehren der Königin Luise, eine große

Flachsspinnerei und (1885) 2649 Einw.

Ulleswater (spr.ölleswater), See in England,

zwischen Cumberland und Westmoreland, eine Miniaturausgabe des

Vierwaldstätter Sees, 14 km lang. Durch den Eamont entleert er

sich in den Eden.

Ullmann, Karl, evangel. Theolog, geb. 15. März 1796

zu Epfenbach in der Pfalz, studierte zuHeidel- berg und

Tübingen Theologie, habilitierte sich 1819 an ersterer

Universität als Privatdozent und ward 1821 zum

außerordentlichen, 1826 zum ordentlichen Professor der

Theologie ernannt. 1829 folgte er einem Ruf als Professor nach

Halle, kehrte aber 1836 als Professor nach Heidelberg zurück,

ward 1853 zum evangelischen Prälaten und Mitglied des

Oberkirchenrats von Baden berufen und 1856 zum Direktor des

letztern in Karlsruhe ernannt, wo er, seit 1861 im Ruhestand, 12.

Jan. 1865 starb. Seit 1828 gab er mit Umbreit die "Theologischen

Studien und Kritiken" (Hamb. 1828) heraus. Von seinen Schriften,

die für die sogen. Vermittelungstheologie klassisch sind,

heben wir hervor: "Gregorius von Nazianz, der Theolog" (Darmst.

1825; 2. Aufl., Gotha 1867); "Johann Wessel, ein Vorgänger

Luthers" (Hamb. 1834), später unter dem Titel: "Reformatoren

vor der Reformation" (2. Aufl. 1866, 2 Bde.); "Historisch oder

mythisch?" (das. 1838); "Über den Kultus des Genius" (das.

1840); "Über die Sündlosigkeit Jesu" (das. 1841, 7. Aufl.

1863); "Die bürgerliche und politische Gleichberechtigung

aller Konfessionen" (Stuttg. l848); "Das Wesen des Christentums"

(Hamb. 1849; 5. Aufl., Gotha 1865). Vgl. Beyschlag, K. Ullmann

(Gotha 1867).

Ullmannia, s. Holz, fossiles.

Ullmannit, s. Nickelantimonkies.

Ulloa, Don Antonio d', einer der verdienstvollsten

Spanier im 18. Jahrh., geb. 12. Jan. 1716 zu Sevilla, widmete sich

dem Seedienst, ward schon 1733 Kapitän einer königlichen

Fregatte, begleitete 1734 einige Mitglieder der Pariser Akademie

nach Peru, um dieselben bei der Gradmessung am Äquator zu

unterstützen, durchforschte dann bis 1744 die spanischen

Besitzungen in Südamerika und setzte die von den Briten

bedrohten Küsten in Verteidigungszustand. Nach seiner

Rückkehr bereiste er noch fast alle Meere Europas und einen

großen Teil des Festlandes. Er beförderte in seinem

Vaterland den Aufschwung der königlichen Wollmanufakturen,

vollendete die großen Kanäle und Hafenbassins von

Cartagena und Ferrol und belebte die berühmten

Quecksilberminen von Almaden und Huancavelica in Peru, wohin er

1755 als Geschwaderchef gegangen war. Bald darauf erhielt er den

Oberbefehl über die Flotte in dem westindischen Meer, nahm

1762 Louisiana in Besitz und ward 1764 Gouverneur davon, kehrte

aber schon 1767 nach Spanien zurück, worauf er zum

Generalleutnant der königlichen Flotten und zum

Generaldirektor der ganzen spanischen Marine ernannt wurde. 1780 in

den Ruhestand versetzt, blieb er Direktor der Artillerie- und

Marineschule in Cadiz. Er starb 5. Juli 1795 auf seinem Landsitz

unweit Cadiz. Er schrieb: "Relacion historica del viage a la

America meridional" (Madr. 1748); "Noticias americanas sobre la

America meridional y la septentrional-oriental" (das. 1772;

deutsch, Leipz. 178l, 2 Bde.); "Noticias secretas di America"

(Lond. 1826).

Ullr., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung

für Ullrich, Beamter in Linz. Entomolog.

Ulm, Hauptstadt des württemberg. Donaukreises, am

linken Ufer der Donau, die hier die Blau und Iller aufnimmt und

schiffbar wird, Knotenpunkt der Linien U.-München-Simbach und

U.-Kempten der Bayrischen und Bretten-Friedrichshafen, Aalen-U. und

U.-Sigmaringen der Württembergischen Staatsbahn, 590 m ü.

M., ist mit der gegenüber auf bayrischem Gebiet gelegenen

Stadt Neuulm (s. d.) eine Festung ersten Ranges (bis 1866 deutsche

Bundesfestung). Die Werke, 1842 bis 1866 angelegt und neuerdings

verstärkt, bilden einen kaum in fünf Stunden zu

umschreitenden Gürtel von Mauern, Gräben, Wällen u.

Türmen, um die sich wieder ein weiter Kranz von Vorwerken

lagert. Die merkwürdigsten Gebäude der nach

altreichsstädtischer Weise eng u. unregelmäßig

gebauten Stadt sind: das Rathaus (15. Jahrh.) mit dem Marktbrunnen

(sogen. "Fischkasten"), die ehemalige Komturei des Deutschen Ordens

(jetzt Kaserne), das sogen. Palais (jetzt Sitz der Kreisregierung),

das Zeughaus, Gouvernementsgebäude, mehrere Kasernen und unter

den Kirchen besonders das protestantische Münster, ein

großartiger gotischer Bau in den reinsten Verhältnissen,

an dessen Restauration seit Jahrzehnten gearbeitet wird, und der

demnächst seiner Vollendung entgegensieht. Er bedeckt einen

Flächenraum von 5100 qm und wird hinsichtlich seines Umfangs

in Deutschland nur von dem Kölner Dom übertroffen. Das

fünfschiffige, von mächtigen Säulen getragene Innere

ist 139 m lang, 57 m breit und durch edle Einfachheit von

erhebender Wirkung; es enthält ausgezeichnete

Holzschnitzereien (Chorstühle von Jörg Syrlin dem

ältern), Skulpturen, Ölgemälde und

Fensterglasmalereien und eine 1856 erbaute, 1888 veränderte

große Orgel mit 100 Registern und 6286 Pfeifen. Das

Mittelschiff erreicht eine Höhe von 41 m, die vier

Seitenschiffe von je 23 m, das Chor von 29 m. Der über dem

prachtvollen Hauptportal sich erhebende Turm, welcher (das

hölzerne Notdach nicht gerechnet) nur bis zur Höhe von 75

m fertig gebracht war, ist seit 1885 im Ausbau begriffen und wird,

nach dem Originalriß des Matthäus Böblinger

ausgeführt, eine Höhe von 151 m erreichen. Der Bau des

Münsters wurde 1377 begonnen und bis 1494 fortgeführt.

Die beiden andern Kirchen Ulms sind die Heilige

Dreifaltigkeitskirche und die katholische Kirche (mit sehenswerten

Skulpturen). Von neuern Bauwerken sind noch die 1832 vollendete

Donaubrücke (Wilhelm Ludwigs-Brücke), die

Eisenbahnbrücke, mehrere Schulhäuser, ein Schlachthaus

und der Bahnhof zu erwähnen. Die Bevölkerung betrug 1885

mit der Garnison (ein Grenadierreg. Nr. 123, ein Infanteriereg.

984

Ulmaceen - Ulpianus.

Nr. 124, 3 Eskadr. Dragoner Nr. 26, ein Feldartilleriereg. Nr.

13, ein Fußartilleriebat. Nr. 13 und ein Pionierbat. Nr. 13)

33,610 Seelen, darunter 24,295 Evangelische, 8488 Katholiken und

667 Juden. U. ist einer der wichtigsten Industrie- und

Handelsplätze Württembergs. Man findet hier starke Lein-

und Baumwollweberei, ferner Fabriken für Leder, Asphalt,

Feuerwehrrequisiten, Turmuhren, künstliche Blumen, Dachpappe,

Karten, Tabak, Zement, Maschinen, Gußstahl, eiserne

Möbel und Kochgeschirre, Nähmaschinen, mathematische,

physikalische, optische und musikalische Instrumente, Wagen,

chemische Produkte, Messing-, Korb- und Holzwaren (Ulmer

Pfeifenköpfe), Hüte, Malz etc. Außerdem hat U.

bedeutende Gerbereien, Bierbrauereien, Färbereien, Eisen- und

Kupferhämmer, eine Glockengießerei, große

Bleichen, Schiffbau etc., starken Obst- und Gemüsebau und

Blumenzucht. Der lebhafte Handel, unterstützt durch eine

Handels- und Gewerbekammer, durch eine Reichsbanknebenstelle und

mehrere Bankinstitute, ist besonders Holz-, Produkten- und

Speditionshandel. Unter den Messen und Märkten sind noch die

Tuch- und Ledermesse sowie die Fruchtmärkte von Bedeutung. An

Bildungs- und andern öffentlichen Anstalten befinden sich

dort: ein Gymnasium, ein Realgymnasium, eine Realanstalt, eine

Frauenarbeitsschule, eine landwirtschaftliche Winterschule, ein

Verein für Kunst und Altertum, eine Stadtbibliothek von 30,000

Bänden, ein Theater und ein Museum; ferner ein Witwen- und

Waisenhaus, ein großes Hospital, eine Badeanstalt etc. U. ist

Sitz der Kreisregierung, eines Oberamtes, eines Landgerichts, eines

Generalsuperintendenten, eines Hauptzollamtes, eines

Festungsgouverneurs und -Kommandanten, des Stabes der 27. Division

und der 53. und 54. Infanterie- wie der 27. Kavalleriebrigade. Die

städtischen Behörden zählen 19 Magistratsmitglieder

und 18 Stadtverordnete. Zum Landgerichtsbezirk U. gehören die

8 Amtsgerichte zu Blaubeuren, Ehingen, Geislingen, Göppingen,

Kirchheim, Laupheim, Münsingen und U.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 284 / 302 段