Tyros (hebr. Sor, "Felsen"), eine der berühmtesten

Städte des Altertums, nebst Sidon die wichtigste und reichste

See- und Handelsstadt Phönikiens, 200 Stadien (38 km) von

Sidon, lag teils auf dem Festland, teils auf zwei kleinen, flachen,

aber felsigen Inseln und war weniger bedeutend, bis im 10. Jahrh.

v. Chr. König Hiram, der Freund Davids und Salomos, die beiden

Inseln durch Aufschüttung vereinigte und erweiterte, zwei

Häfen anlegte und die Stadt mit hohen Mauern umgab. Die

Doppelinsel, 1600 Schritt von der Festlandküste entfernt,

hatte nur 22 Stadien (5300 Schritt) im Umfang, weshalb man

genötigt war, die Häuser sehr hoch (5-6 Stockwerke) zu

bauen. Auf ihr befand sich ein uralter Tempel des Melkart, der von

den Kolonien jährlich mit Geschenken beschickt wurde. T.

überflügelte bald Sidon, beherrschte den Handel und die

Kolonisation im westlichen Mittelmeer (von hier ging 846 v. Chr.

die Gründung Karthagos aus) und brachte die ganze

südliche Küste bis zum Berg Karmel unter seine Gewalt.

Die assyrischen Könige Salmanassar und Sargon belagerten T.

fünf Jahre lang, 725-720, vergeblich, und Nebukadnezar konnte

es erst 573 nach 13jähriger Belagerung erobern. Als Alexander

nach dem Sieg bei Issos 333 Phönikien betrat, verweigerte T.

dem Sieger den Einzug, wurde von diesem belagert, aber erst nach

siebenmonatlicher schwerer Anstrengung der Flotte und Landarmee,

welch letztere auf einem vom Festland aus geführten Erddamm

vorging, erobert (332). Dieser Damm hat sich allmählich durch

Anspülung zu jenem Isthmus verbreitert, welcher die Insel

heute mit dem Festland verbindet. Die Stadt hatte dann noch einmal

eine 14monatliche Belagerung durch Antigonos auszuhalten. Unter der

römischen Herrschaft behielt sie ihre Freiheit und eigne

Verfassung, blühte durch Handel und Industrie (Metallwaren,

Weberei und Purpurfärberei) und ward vom Kaiser Severus zur

römischen Kolonie erhoben. In den Kreuzzügen galt sie

für einen festen Platz, der von den Kreuzfahrern bis 1191

standhaft behauptet wurde. Friedrich Barbarossa wurde 1190 dort

begraben. Unter der türkischen Regierung kam T. herab;

verheerende Erdbeben hatten das Versinken ganzer Stadtteile unter

den Meeresspiegel zur Folge. Das heutige Sur erfüllt kaum ein

Dritteil der ehemaligen Insel und ist ein Ort von einigen hundert

elenden Häusern mit ca. 5000 Einw. (zur Hälfte

Mohammedaner, zur Hälfte Christen, wenige Juden). Der Hafen

ist versandet. Das interessanteste Gebäude ist die aus dem 12.

Jahrh. stammende Kreuzfahrerkirche.

Tyrosin C9H11NO3 findet sich in einigen tierischen

Geweben, besonders in der Leber und Bauchspeicheldrüse,

entsteht neben Leucin bei der Fäulnis eiweißartiger

Stoffe (daher im alten Käse) und bei Behandlung derselben, der

Wolle und des Horns mit verdünnter Schwefelsäure oder

kaustischen Alkalien. Es bildet feine, farb- und geruchlose

Kristalle, löst fich in Wasser und Alkohol, nicht in

Äther und verbindet sich mit Säuren, Basen und Salzen,

gibt bei schnellem Erhitzen Phenol, mit schmelzendem Ätzkali

Paraoxybenzoesäure, Essigsäure und Ammoniak.

Tyrrhener (Tyrrheni,Tyrseni), pelasgischer Volksstamm,

der, vor dem Trojanischen Krieg aus Kleinasien verdrängt, sich

nach Attika gewendet, dann aber, auch von dort vertrieben, sich

zerstreut und namentlich auf Lemnos, Imbros und an der Küste

von Italien angesiedelt haben soll, wo er sich durch seine

Seeräubereien den Hellenen furchtbar machte. Von den Griechen

werden aber auch die Etrusker T. sowie deren Land Tyrrhenien

genannt, und es wird erzählt, daß Tyrrhenus, Sohn des

lydischen Königs Atys, dahin ausgewandert sei und dem Land und

Volk den Namen gegeben habe. S. Etrurien.

Tyrrhenisches Meer (Toscanisches Meer), der Teil des

Mittelländischen Meers, welcher zwischen der

Südwestküste Italiens und den Inseln Corsica, Sardinien

und Sizilien liegt und die Golfe von Gaeta, Neapel, Salerno, Sant'

Eufemia und Gioja bildet; hieß im Altertum Mare Tyrrhenum

oder Mare Tuscum (nach dem an seiner Küste herrschenden

tyrrhenischen Stamm der Etrusker oder Tusker), auch Mare inferum.

S. Karte "Mittelmeerländer".

Tyrtäos, griech. Elegiker des 7. Jahrh. v. Chr., aus

Athen oder aus Aphidnä in Attika, verpflanzte die ionische

Elegie nach dem dorischen Sparta. Nach der Sage erbaten die

Spartaner in der Bedrängnis des zweiten Messenischen Kriegs

auf die Weisung des delphischen Orakels einen Führer von den

Athenern, die ihnen den lahmen T. schickten; diesem gelang es,

durch seine Elegien die entzweiten Spartaner zur Eintracht

zurückzuführen und zu solcher Tapferkeit zu entflammen,

daß sie den Sieg gewannen. Gewiß ist, daß sich

T.' Gesänge bis auf die spätesten Zeiten im Munde der

spartanischen Jugend erhielten. Sie waren teils im elegischen

Versmaß und in episch-ionischer Mundart, teils im

anapästischen Marschmetrum abgefaßt. Außer

Bruchstücken einer "Eunomia" ("Gesetzmäßigkeit")

betitelten Elegie, durch welche er die Zwietracht der Spartaner

beschwichtigte, und eines Marschliedes besitzen wir von seinen

"Ermahnungen" ("Hypothekar") genannten Kriegselegien noch drei

vollständig, die zu den schönsten Überresten der

antiken Poesie gehören. Ausgaben von Schneidewin ("Delectus

poesis graecae elegiacae", Bd. 1, Götting. 1838) und Bergk

("Poetae lyrici graeci", Bd.2); Übersetzung von Weber("Die

elegischen Dichter der Hellenen", Frankf. 1826) u. a.

Tysmienica, Stadt in Galizien, Bezirkshauptmannschast

Tlumacz, an der Staatsbahnlinie Stanislau-Husiatyn, mit

Bezirksgericht, Schloß, Dominikanerkloster, Handel (Pferde)

und (1880) 7180 Einw.

Tyssaer Wände, s. Tetschen.

Tzako, s. v. w. Tschako.

Tzendalen (Tsendals), Indianerstamm, zum Mayastamm

gehörig, im mexikan. Staat Chiapas und im benachbarten

Guatemala, an den Quellen von Tabasco und Uzumazinta. Vgl. Stoll,

Zur Ethnographie der Republik Guatemala (Zürich 1884).

Tzetzes, Johannes, griech. Grammatiker und Dichter aus

der zweiten Hälfte des 12. Jahrh., lebte in Konstantinopel vom

Hof, namentlich von der Kaiserin Irene, begünstigt und war ein

für seine Zeit belesener, aber oberflächlicher und

dünkelhafter Gelehrter, wie seine zahlreichen Schriften

erkennen lassen. Außer Kommentaren zu Homer, Hesiod,

Aristophanes, Lykophron u.a., deren Wert in den benutzten Schriften

beruht, verfaßte er ein Epos in 1665 schlechten Hexametern:

"Iliaca", bestehend aus drei Abteilungen: "Antehomerica",

"Homerica" u. "Posthomerica" (hrsg. von Bekker, Berl. 18I6; von

Lehrs, Par. 1840), und ein "Geschichtenbuch" ("Biblos historike")

von 12,661 politischen Versen, gewöhnlich nach einer

unbegründeten Einteilung in 13 Abschnitte von ca. 1000 Versen

"Chiliades" genannt (hrsg. von Kießling,

961

Tzimisces - Ubbelohde.

Leipz. 1826), eine ebenso ungenießbare wie durch die

Fülle sonst verlorner Notizen wertvolle Sammlung mythischer

und historischer Erzählungen.

Tzimisces, Johannes, oström. Kaiser, geboren um 925

in Armenien, kämpfte siegreich gegen die Araber,

unterstützte Nikephoros Phokas 963 bei seiner Thronbesteigung,

ermordete ihn aber 11. Dez. 969 auf Anstiften der Kaiserin

Theophano, welche er darauf nach der Insel Prote verbannte, und

nahm selbst vom Thron Besitz. Obwohl zu Ausschweifungen geneigt,

regierte er mild und gerecht, besiegte den russischen Fürsten

Swätoslaw, welcher das zerrüttete Bulgarenreich zu

erobern suchte, in heftigen Kämpfen 970 und 971, machte selbst

die Bulgaren unterthänig und setzte ebenso glücklich die

Eroberungen seines Vorgängers in Syrien und Armenien fort. Mit

dem deutschen Kaiser Otto I. schloß er Frieden und sandte die

Prinzessin Theophano als Gattin für den Sohn desselben, Otto

II. (972). Er starb schon 976, wahrscheinlich vergiftet.

Tzschirner, Heinrich Gottlieb, protest. Theolog, geb. 14.

Nov. 1778 zu Mittweida in Sachsen, ward Diakonus in seiner

Vaterstadt, 1805 Professor der Theologie zu Wittenberg und 1809 in

Leipzig, 1815 auch Superintendent daselbst, 1818 Domherr des

Hochstifts Meißen; starb 17. Febr. 1828. Als akademischer

Lehrer übte T. großen Einfluß. Unter seinen

durchweg den rationalistischen Standpunkt vertretenden Schriften

nennen wir: "Der Fall des Heidentums" (Leipz. 1829); die

Fortsetzung der "Kirchengeschichte" Schröckhs (s. d.);

"Protestantismus und Katholizismus aus dem Standpunkt der Politik"

(4. Aufl., das. 1824); "Das Reaktionssystem" (2. Aufl., das. 1825).

Mit Stäudlin gab er das "Archiv für alte und neue

Kirchengeschichte", mit demselben und Vater das "Kirchenhistorische

Archiv", mit Keil und Rosenmüller die "Analekten" heraus und

redigierte seit 1822 das "Magazin für Prediger". Aus seinem

Nachlaß erschienen "Vorlesungen über die christliche

Glaubenslehre" (Leipz. 1829).

U

U, u, lat. U, u, der dumpfste und tiefste der Vokale,

entsteht dadurch, daß bei der Aussprache die ganze Zunge nach

hinten gezogen und in ihrem hintern Teil zum Gaumen emporgehoben

wird, während die Lippen sich bis auf eine kleine

kreisförmige Öffnung zusammenziehen und gleichzeitig

etwas vorgeschoben werden. Es bildet sich dadurch ein ziemlich

großer Resonanzraum mit kleiner runder

Ausflußöffnung von der Gestalt einer bauchigen Flasche

ohne Hals; solche Flaschen geben die tiefsten Töne. Daher ist

es bei musikalischen Kompositionen eine Regel, auf ein u keinen

hohen Ton zu setzen, weil derselbe nicht gesungen werden kann. In

der Sprachgeschichte zeigt das u vielfach die Tendenz, in das

hellere v, namentlich aber in das noch hellere ü

überzugehen. So wird das französische u schon im

Altfranzösischen wie ü gesprochen; hieraus ist das

englische u = ju, z. B. in hue (spr. hjuh), entstanden,

während das kurze englische u meist wie ö gesprochen

wird. Auch das griechische Zeichen &ny;, von dem unser u

abstammt, nahm früh die Bedeutung eines ü an,

während der einfache Laut u durch die zwei Buchstaben ou

ausgedrückt wurde. Als die Römer ihr Alphabet von den

unteritalischen Griechen übernahmen, hatte u oder v noch den

Lautwert eines u; sie gaben ihm aber die Doppelbedeutung eines u

und eines w. Erst im Mittelalter begann man zwischen u (u) und v

(v) auch in der Schrift den noch jetzt bestehenden Unterschied zu

machen; dazu kam dann ein neues Zeichen für w (s. W). Noch

jetzt ist das u Vertreter des w in der deutschen und englischen

Aussprache des qu, worin q für k steht. Das deutsche ü,

der Umlaut von u, tritt ebenso wie das u der Kurrentschrift mit

u-Häubchen (u-Strich) erst im spätern Mittelalter auf;

ersteres stammt von einem u mit darübergeschriebenem e,

letzteres von u mit darübergesetztem o ab.

Abkürzungen.

Als Abkürzung bezeichnet U bei den Römern unter anderm

Urbs ("Stadt", nämlich Rom), insbesondere u. c. bei

chronologischen Angaben urbis conditae (urbe condita). d. h. von

der Erbauung der Stadt (Rom) an gerechnet. In der Chemie ist U

Zeichen für Uran; in den Blaufarbenwerken für Kobaltblau

(s. d.).

u. = Ultimo (s. d.).

u. A. w. g. = um Antwort wird gebeten.

u. c., in der Musik = una corda (s. Corda).

u. i. = ut infra (lat.), wie unten

u. j. d. = utriusqae juris doctor (lat.), Doktor beider

Rechte.

U. K. = United Kingdom, Vereinigtes Königreich

(Großbritannien).

U. L. F. = Unsre Liebe Frau, d. h. die Jungfrau Maria.

ü. M. = über dem Meeresspiegel (bei

Höhenangaben).

u. s. = ut supra (lat.), wie oben.

U. S. oder U. S. A. (Am.) = United States (of America),

Vereinigte Staaten von (Nord-)Amerika; vgl. "Uncle Sam".

U. S. A. = United States Army, Armee der Verein. Staaten.

U. S. N. = United States Navy, Marine der Verein. Staat.

U. S. S. = United States Ship, Schiff der Ver.Staat.-Marine.

U. T. = Utah Territory.

Ü, ü, s. U

Ualan (Kusaie), Insel der Karolinen (s. d.).

Uapou, eine der Markesasinseln (s. d.).

Uba, Stadt im S. der brasil. Provinz Minas Geraes, hat

wichtige Kaffeekultur und steht mit Rio de Janeiro durch eine

Eisenbahn in Verbindung.

Ubaldo del Monte, Guido, Militär und Mathematiker,

geb. 1545 zu Pesaro, 1588 Generalinspektor der toscanischen

Festungen, starb 1607. In seinem "Mechanicorum liber" (Pesaro 1577)

kommt zuerst das mechanische Prinzip der virtuellen

Geschwindigkeiten in Anwendung; außerdem schrieb er:

"Planisphaericorum theorica" (das. 1579); "De perspectiva libri VI"

(das. 1600); "Problematorum astronomicorum libri VI" und "De

cochlea libri VI" (Vened. 1610).

Ubangi (Mobangi), großer Nebenfluß des Congo

von N. her, nach van Gele der Unterlauf des Uelle (s. d.).

Ubate, Stadt im Staat Cundinamarca der südamerikan.

Republik Kolumbien, 2562 m ü. M., am Sabia, der nördlich

davon durch den Alpensee Fuquera fließt, mit (1870) 7256

Einw.

Ubbelohde, August, namhafter Romanist, geb. 18. Nov. 1833

zu Hannover, wo sein Vater Wilhelm U., der sich auch als

Schriftsteller durch sein "Statistsches Repertorium über das

Königreich Hannover" (Hannov. 1823) und die Schrift "Über

die Finanzen des Königreichs Hannover" (das. 1834) bekannt

962

Übeda - Überfracht.

machte, vortragender Rat im Finanzministerium war, studierte in

Göttingen, Berlin und wieder in Göttingen die Rechte,

trat 1854 in den praktischen Justizdienst und habilitierte sich

1857 in Göttingen als Privatdozent für römisches

Recht. 1862 wurde er zum außerordentlichen Professor für

hannöversches Privatrecht und Landwirtschaftsrecht ernannt,

1863 Sekretär des Provinzial-Landwirtschaftsvereins für

Göttingen und Grubenhagen, 1865 geschäftsführender

Redakteur des "Journals für Landwirtschaft". Ostern 1865

folgte er einem Ruf als ordentlicher Professor des römischen

Rechts an die Universität Marburg, die er seit 1871 im

preußischen Herrenhaus vertritt. 1886 ward er zum Geheimen

Justizrat ernannt. Außer zahlreichen Abhandlungen in

verschiedenen Zeitschriften veröffentlichte er: "Über den

Satz 'ipso jure compensatur'" (Götting. 1858); "Die Lehre von

den unteilbaren Obligationen" (Hannover 1862); "Über die

rechtlichen Grundsätze des Viehhandels" (Götting. 1865);

"Erbrechtliche Kompetenzfragen" (das. 1868); "Zur Geschichte der

benannten Realkontrakte auf Rückgabe derselben Spezies" (Marb.

1870); "Über die Usucapio pro mancipato" (das. 1870);

"Grundriß zu Vorlesungen über die Geschichte des

römischen Privatrechts" (2. Aufl., das. 1881); "Über

Recht und Billigkeit" (Hamb. 1887).

Ubeda, Bezirksstadt in der span. Provinz Jaen, auf einem

Plateau (600 m ü. M.) zwischen dem Guadalquivir und Guadalimar

gelegen, hat ein großes Kastell, einige gotische Kirchen,

Fabrikation von Tuch, Leder und Seife, Wein- und Ölhandel und

(1878) 18,149 Einw. U. war zur Zeit der Mauren eine sehr

blühende Stadt. Hier 1210 Sieg der Könige von Navarra und

Kastilien über Abdallah Mohammed von Marokko.

Übelkeit (Übelsein, Nausea), s. Ekel.

Über Bank feuern Geschütze in Feldlafetten,

wenn sie hinter der Brustwehr auf einer Geschützbank (s. d.)

stehen, um nach allen Richtungen über die Brustwehr

hinwegfeuern zu können.

Überbaurecht, s. Baurecht, S. 526.

Überbein (griech., Ganglion), eine

eigentümliche harte Anschwellung in der Nähe gewisser

Gelenke, namentlich des Handgelenks, am Fußrücken etc.,

welche meist eine länglichrunde Gestalt und mäßige

Größe, etwa die einer Bohne, besitzt, nicht schmerzhaft

und von gesunder Haut bedeckt ist. Die Überbeine stehen immer

in einer nahen anatomischen Beziehung zu den Gelenkkapseln und

Sehnenscheiden, neben denen sie liegen, und erweisen sich bei

genauerer Untersuchung als cystenartige Bildungen, welche von einer

dünnen fibrösen Hülle umgeben und mit einer

dickflüssigen, gallertartigen oder erstarrten und glasig

durchsichtigen Masse erfüllt sind. Diese Inhaltsmasse ist

wahrscheinlich eingedickte Synovia oder Gelenkschmiere, der Sack

des Überbeins aber ist als Ausstülpung der innern

Auskleidungsmembran einer Sehnenscheide oder eines Kapselbandes zu

betrachten. Das Ü. entsteht bald ohne nachweisbare Ursache,

bald auch durch übermäßige Anstrengung, Dehnung und

Zerrung eines Gelenks. Die meisten Überbeine veranlassen keine

Beschwerden, zuweilen aber beeinträchtigen sie die Bewegungen

der Hand oder des Fußes mehr oder weniger erheblich.

Behandlung des Überbeins besteht am besten im Zerdrücken

der kleinen Geschwulst mit den Fingern. Geschieht dies nicht, so

reicht auch fortgesetztes Kneten aus. Gewaltsam kann man das

Ü. sprengen durch Ausschlagen mit einem Hammer, nachdem man

zuvor die Stelle durch Watte gut geschützt hat. Führt das

angegebene Verfahren nicht zum Ziel, so muß das Ü.

entweder angestochen und sein Inhalt ausgedrückt, oder die

ganze Geschwulst Mithilfe des Messers ausgeschält werden. Die

operative Behandlung ist jedoch nicht ganz unbedenklich, weil dabei

leicht eine Verletzung, ja selbst Eröffnung benachbarter

Gelenke stattfinden kann.

Überbildung, s. Viehzucht.

Überblasen heißt auf einem Blasinstrument anstatt

des Grundtons einen seiner höhern Naturtöne

hervorbringen. Bei sämtlichen Blasinstrumenten des Orchesters

ist das Ü. notwendig, und sind die Tonlöcher, Klappen,

Ventile etc. nur dazu da, die Lücken zwischen den

Naturtönen (s. Obertöne) auszufüllen. Man

unterscheidet Instrumente, bei denen beim Ü. nur die

geradzahligen Töne der harmonischen Reihe ansprechen, als

erster also die Duodezime, als quintierende von den oktavierenden,

bei denen auch die geradzahligen ansprechen; zu erstern gehört

die Klarinette und ihre Verwandten, zu letztern die Flöte,

Oboe, Fagott, Horn, Trompete, Posaune etc.

Überbrochenes Feld, im Bergbau ein Feld, welches

völlig abgebaut ist.

Überbürgschaft, s. Afterbürgschaft.

Überdruck (Umdruck), s. Lithographie, S. 837.

Überfahren, im Bergbau eine Lagerstätte mittels

eines bergmännischen Baues durchschneiden oder auch eine

Lagerstätte ihrem Streichen nach verfolgen; auch die Grenze

der Grubenfelder beim Abbau überschreiten.

Überfahrtsvertrag (Passagevertrag), der von dem

Verfrachter mit einem Reisenden zum Zweck der

Personenbeförderung zur See abgeschlossene Vertrag (s. Fracht,

S. 477). Wird das Schiff als Ganzem oder zu einem Teil oder

dergestalt verfrachtet (gechartert), daß eine bestimmte Zahl

von Reisenoen, z. B. von einer Auswanderungsagentur, befördert

werden soll, so kommen die Grundsätze des deutschen

Handelsgesetzbuchs (Art. 557 ff.) über den Frachtvertrag bei

Beförderung von Gütern zur See insoweit zur Anwendung,

als die Natur der Sache dieselbe nicht ausschließt (s.

Fracht). Vgl. Deutsches Handelsgesetzbuch, Art. 665 ff.

Überfall, auf Überraschung des Feindes

berechneter Angriff, besonders ein solcher, dem ein geheimer

Anmarsch gegen die feindliche Aufstellung vorhergeht, wie ihn die

Österreicher unter Daun 14. Okt. 1758 gegen die bei Hochkirch

lagernde Armee Friedrichs d. Gr. während der Nacht und vom

Nebel begünstigt ausführten. Nach einem mißlungenen

Ü. muß auf das Rückzugszeichen alles schnell dem

festgesetzten Sammelplatz zueilen, wo eine Reserve in vorteilhafter

Stellung die einzelnen Abteilungen aufnimmt oder wenigstens das

Sammeln und einen geordneten Rückzug erleichtert. Wegen

Ü. einer Festung s. Festungskrieg, S. 188.

Überfälliger Wechsel, schon verfallener

Wechsel.

Überfallsrecht, s. Überhangsrecht.

Überfangen, in der Glasfabrikation, s. Glas, S.

390.

Überflügeln, in taktischer Bedeutung: die

feindliche Fronte dergestalt angreifen, daß sie von der

diesseitigen an einem oder beiden Enden überragt, der Feind

also an den Flügeln auch in der Flanke und im Rücken

gefaßt wird. Zur Zeit der Lineartaktik überflügelte

man den Gegner direkt durch Ausdehnung der eignen Linie. Das kommt

heute nur noch bei Kavallerieangriffen vor; sonst schickt man

außer Sehweite und Schußbereich des Feindes besondere

Abteilungen gegen dessen Flügel und Flanke.

Überfracht, der über den bedungenen Betrag

hinausgehende Teil an Frachtkosten, welcher entsteht, wenn ein

Schiff durch Havarie genötigt wird, seine Güter

963

Überfruchtung - Überlieferung.

in ein andres Schiff umzuladen. Die Ü. ist eventuell durch

den Versicherer zu erstatten.

Überfruchtung (Superfoecundatio) und

Überschwängerung (Superfoetatio), die abermalige

Befruchtung und Schwängerung einer Person, welche bereits

empfangen hat. Beide unterscheiden sich nur durch die Zwischenzeit,

welche zwischen der ersten und zweiten Empfängnis liegt.

Erfolgt nämlich die zweite Befruchtung kurze Zeit nach der

ersten, wenn die hinfällige Haut (decidua) an der

Innenfläche der Gebärmutter noch nicht gebildet und das

zuerst befruchtete Ei noch nicht in die Gebärmutterhöhle

gelangt ist, so nennt man dies Ü. Dagegen versteht man unter

Überschwängerung denjenigen Vorgang, wo nach bereits

erfolgtem Eintritt des befruchteten Eies in die

Gebärmutterhöhle und nach bereits gebildeter Decidua

daselbst eine zweite Empfängnis statthaben soll. Ü. kommt

bei Tieren erwiesenermaßen vor; beim Menschen ist sie wohl

möglich und denkbar, aber noch nicht durch sichere Thatsachen

erwiesen. Das Faktum wenigstens, daß ein Weib Kinder von

verschiedener Rasse zur Welt bringt, nachdem sie mit Männern

der gleichen Rasse den Beischlaf vollzogen hat, ist auch auf anderm

Weg erklärbar. Überschwängerung ist aber beim

Menschen nur in den sehr seltenen Fällen denkbar, wenn eine

doppelte Gebärmutter vorhanden ist; doch ist auch für

diesen Fall das Vorkommen der Überschwängerung noch nicht

sicher beobachtet worden.

Übergabe, s. Tradition.

Übergangsformen, s. Darwinismus, S. 568.

Übergangsgebirge (Grauwackegruppe), in der

ältern Geologie Bezeichnung der ältesten

versteinerungführenden Sedimente unter dem Steinkohlengebirge,

weil nach Ansicht Werners ihre Gesteine, insbesondere die

Thonschiefer, ohne bestimmte Grenze in ihre kristallinische

Unterlage übergehen, sie also gleichsam einen Übergang

von seinem Urgebirge in die sekundären Sedimente bildeten.

Nach jetzt gebräuchlicher Nomenklatur entsprechen die

silurische und devonische Formation dem Ü.

Übergangssteuern (Übergangsabgaben) werden in

Deutschland von solchen, im allgemeinen Verbrauchssteuergebiet

anders als in den süddeutschen Staaten belasteten

Gegenständen (Branntwein, Bier, Malz) erhoben, welche die

Grenzen ihres Steuerbezirks überschreiten. Diejenigen Staaten,

welche Gegenstände des Verbrauchs besteuern, können den

gesetzlichen Betrag der Steuer bei der Einfuhr solcher

Gegenstände aus dem andern Staat voll erheben. Dagegen darf

das Erzeugnis eines andern Staats unter keinem Vorwand höher

oder in lästigerer Weise besteuert werden als dasjenige der

übrigen.

Übergangsstil, in der Geschichte der Baukunst

diejenige Periode, während welcher der spätromanische

Stil den Spitzbogen aufnahm und unter dem Einfluß desselben

sich allmählich zum gotischen Stil umwandelte. In Deutschland

herrschte der Ü. während des letzten Viertels des 12. und

der ersten Hälfte des 13. Jahrh. Näheres s. Baukunst, S.

495.

Übergründet nennt man eine Aktiengesellschaft,

wenn die Gründer die Vermögensstärke der

Gesellschaft zu hoch in Ansatz bringen. Gegen solche

Übergründungen sind die Vorschriften im deutschen

Aktiengesetz vom 18. Juli 1884, Art. 209b ff. gerichtet.

Überhaltbetrieb, forstliche Betriebsart, s.

Hochwald.

Überhangsrecht und Überfallsrecht, der

Grundsatz des deutschen Rechts, wonach dem Inhaber eines

Grundstücks das Recht zusteht, die von den Bäumen und

Gesträuchen des Nachbargrundstücks auf das seinige

herabhängenden und herabfallenden Früchte sich

anzueignen, wie das Rechtssprichwort sagt: "Wer den bösen

Tropfen genießt, genießt auch den guten"; auch im

Entwurf eines deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs (§ 862)

anerkannt. Vgl. A. B. Schmidt, Das Recht des Überhangs und

Überfalls (Bresl. 1886).

Überhitzt, s. Dampf, S. 446.

Überkingen, Dorf im württemberg. Donaukreis,

Oberamt Geislingen, in einem tiefen Thal der Alb, an der Fils, hat

eine evang. Kirche, Elfenbeindreherei, Zementwarenfabrikation und

(1885) 550 Einw. Dazu das Stahlbad Ü. mit salinischem

Eisensäuerling.

Überlandbrennen, s. Hainen.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 278 / 302 段