2) Der Unterleibs- oder Darmtyphus (T. abdominalis) ist

ebenfalls eine Infektionskrankheit, aber nur selten von Person zu

Person ansteckend (kontagiös), während Übertragungen

des Giftes durch Dejektionen und Wäsche besonders auf

Krankenwärter, Wäscherinnen etc. in zahlreichen

Fällen außer allem Zweifel gesetzt sind. Eine wichtige

Rolle bei der Bildung des Typhusgifts spielen jedenfalls die

Zersetzungen tierischer Substanzen und die Beimengung der

Zersetzungsprodukte zu den Speisen, Getränken und zu der Luft.

Das häufige Vorkommen des T. in dicht bevölkerten

Städten, in welchen die Krankheit niemals vollständig

erlischt, wohl aber von Zeit zu Zeit eine epidemische Ausbreitung

erfährt, scheint meist auf der enormen Zersetzung und

Verwesung zu beruhen, in welcher sich der Boden großer

Städte wegen massenhafter Aufnahme von Auswurfstoffen

befindet. Die Erzeuger des Typhusgifts sind, wie Klebs 1881

nachgewiesen, kleine, stäbchenförmige Spaltpilze

(Bakterien), deren nähere Eigenschaften indes noch der

Aufklärung harren. - Typhusepidemien pflegen vorzugsweise in

feuchten Jahren während des Spätsommers, im Herbst und zu

Anfang des Winters zu herrschen. Das Auftreten des T. steht in

einer gewissen Wechselbeziehung zu den Schwankungen des

Grundwasserstandes (s. Grundwasser). Erreicht infolge

atmosphärischer Verhältnisse zu gewissen Zeiten das

Grundwasser einen relativ hohen Stand, um später zu seiner

normalen Tiefe zu fallen, oder fällt es anderseits einmal

absolut sehr tief, so werden relativ große und dicke

Schichten des mit organischen, in Zersetzung begriffenen Substanzen

durchtränkten Erdreichs trocken gelegt. Infolgedessen tritt

eine vermehrte Fäulnis dieser Stoffe ein; die

gesundheitsschädlichen Produkte dieser Zersetzung mischen sich

dem Trinkwasser bei und werden so als Typhusgift selbst den

menschlichen Wohnungen zugeführt. Säuglinge und Greise

erkranken sehr selten am T., das mittlere Lebensalter ist am

meisten dazu disponiert. Die Zahl der am T. erkrankten Männer

ist etwas größer als die der Frauen; kräftige und

wohlgenährte Individuen erkranken um vieles leichter als

schwächliche und schlecht genährte, und unter den

ärmern Klassen der Bevölkerung ist die Krankheit etwas

häufiger als unter den wohlhabenden. Schwangere und stillende

Frauen sind vor dem T. fast absolut sicher. Nach dem einmaligen

Überstehen der Krankheit erlischt mit seltenen Ausnahmen die

Disposition zu neuer Erkrankung. Der eigentliche Sitz des

Typhusprozesses ist der Darmkanal, besonders die untere Hälfte

des Dünndarms. Die Schleimhaut des Dünndarms befindet

sich in einem katarrhalischen Zustand. Die Drüsenapparate

schwellen durch eine reichliche Zellenwucherung zu markig weichen,

flachen Knoten an, in gleicher Weise beteiligen sich die

Gekrösdrüsen. Die Milz ist in allen Fällen

vergrößert bis

957

Typhus (Unterleibs- T.)

zu dem Fünf-, ja Zehnfachen des normalen Volumens; das

Gewebe derselben ist in eine äußerst blutreiche, weiche,

dabei sehr brüchige Substanz verwandelt. Regelmäßig

sind auch in geringerm Grade die Leber und Nieren geschwollen und

entzündlich verändert. Die Drüsenhaufen des untern

Dünndarms wandeln sich nach kurzem Bestehen an ihrer

Oberfläche in eine bräunliche oder gallig

durchtränkte, schorfartige Masse um, welche abgestoßen

wird. Auf der Schleimhaut zeigt sich dann ein typhöses

Geschwür, welches ohne Zurücklassung einer Narbe zu

heilen pflegt. In ungünstigen Fällen geht das

Geschwür in der Schleimhaut auf die darunterliegende

Muskelhaut über und kann sogar zur Durchbohrung der Darmwand,

damit zu allgemeiner Bauchfellentzündung und zum Tod

führen. Außer dem untern Dünndarm (Ileotyphus) wird

häufig auch der Anfangsteil des Dickdarms (Kolotyphus), selten

die Schleimhaut des obern Dünndarms und noch seltener die des

Magens (Gastrotyphus) der Sitz der typhösen Geschwüre. An

manchen Orten und in manchen Epidemien treten die

Typhusgeschwüre auch auf der Kehlkopfschleimhaut

(Laryngotyphus) auf. Stets trifft man bei T. auch einen

hochgradigen Katarrh der Schleimhaut der Luftwege an, welchem sich

Lungenentzündung, Pleuritis etc. anschließen

können. Der T. beginnt gewöhnlich mit einem allgemeinen

Krankheitsgefühl, psychischer Verstimmung, großer

Mattigkeit, Appetitlosigkeit, unruhigem Schlaf, Kopfschmerzen,

Schwindel, Schmerzen in den Gliedern und manchmal wiederholtem

Nasenbluten. Bald setzt dann mit einem Frostanfall das hohe Fieber

mit seinen oben beschriebenen nervösen Zufällen ein. Der

Unterleib ist gewöhnlich schon in den ersten Tagen etwas

aufgetrieben und gespannt; ein tiefer Druck auf denselben ist dem

Kranken empfindlich, namentlich wenn er in der rechten

Unterbauchgegend ausgeübt wird. An dieser Stelle pflegt man

bei Druck, sobald Durchfälle eingetreten sind, auch ein

eigentümliches gurrendes Geräusch

(Ileocökalgeräusch) wahrzunehmen. Auf der Haut des

Bauches und der Brust findet man jetzt auch vereinzelte rote,

linsengroße Flecke (roseolae), welche sich durch Fingerdruck

entfernen lassen, alsbald aber wieder zurückkehren. Die

Körpertemperatur erreicht in den ersten acht Tagen eine

Höhe bis zu 40° C. und ist am Abend um 1/2° höher

als am nächstfolgenden Morgen. Die Pulsfrequenz ist dabei

verhältnismäßig gering, 90-100 Schläge in der

Minute. Der Harn ist dunkel, in seiner Menge gewöhnlich

vermindert. In der zweiten Woche des T. hören die Kranken auf,

über Kopfschmerz und Gliederschmerzen zu klagen; der Schwindel

aber wird heftiger, zu dem Ohrenbrausen gesellt sich

Schwerhörigkeit. Der Gesichtsausdruck des Kranken wird

stupider, seine Teilnahmlosigkeit immer größer. Das

Bewußtsein wird umnebelt, und die Kranken verfallen

allmählich in einen Zustand von Schlafsucht und

Betäubung. Sie lassen jetzt Stuhl und Urin häufig unter

sich gehen, liegen fast regungslos in anhaltender Rückenlage,

sind im Bett herabgesunken und haben die Kniee gespreizt. Nur

zeitweilig verrät eine zitternde Bewegung der Lippen oder

einzelne unverständltche Worte, welche die Kranken murmeln,

daß die psychischen Funktionen nicht gänzlich ruhen.

Andre Kranke zeigen, daß sie gegen die sie umgebende

Außenwelt vollständig unempfindlich sind, werfen sich

fortwährend im Bett hin und her, versuchen das Bett zu

verlassen, sich zu entblößen; sie gestikulieren,

führen Gespräche oder bringen unzusammenhängende

Worte hervor. Fast immer erfolgen in der zweiten Woche täglich

mehrere (meist 3-4) Durchfälle von wässeriger

Beschaffenheit. Die Atmung ist beschleunigt und oberflächlich.

Die Wangen haben anstatt der hochroten Färbung eine mehr

bläuliche angenommen, die Augenlider sind halb geschlossen,

die Augenbindehaut gerötet, die Nasenlöcher erscheinen

(von eingetrocknetem Schleim) wie angeraucht, Zahnfleisch,

Zähne und Zunge sind mit einem schwärzlichen Belag

versehen, der Atem ist stinkend. Der Unterleib ist durch

größern Luftgehalt der Därme trommelartig

aufgetrieben, die Empfindlichkeit desselben gegen Druck und das

Ileocökalgeräusch bestehen fort. Die Milzanschwellung hat

zugenommen, die Roseolae auf dem Bauch haben sich manchmal noch

vermehrt, dazu ist die Haut mit zahllosen kleinen

Schwitzbläschen bedeckt. Die Körpertemperatur zeigt sich

in den Abendstunden auf 40-41,5° C. gesteigert, in den

Morgenstunden tritt nur ein schwacher Nachlaß derselben ein.

Der Puls macht 110-120 Schläge in der Minute. In der dritten

Woche des T. erreicht die Schwäche des Kranken ihren

höchsten Grad, die lauten Delirien hören auf, die

Aufregung und Unruhe weicht einer stets zunehmenden

Unempfindlichkeit für alles, was ringsumher vor sich geht. Die

Erscheinungen am Unterleib und an der Brust nehmen noch zu, auch

die Körpertemperatur und die Pulsfrequenz sind eher gesteigert

als vermindert. Die meisten Fälle eines tödlichen

Ausganges fallen in die dritte Woche. In günstigen Fällen

stellt sich etwa in der Mitte der dritten Woche eine Abnahme der

Krankheitserscheinungen ein. Die Körpertemperatur erreicht

zwar am Abend noch 40-41° C., pflegt aber des Morgens um 2°

niedriger zu sein. Nach mehreren Tagen gehen auch die

Abendtemperaturen ganz allmählich herab, mit der

Körpertemperatur sinkt auch die Pulsfrequenz. Diese allgemeine

Besserung, welche häufig auch erst in der vierten Woche

eintritt, geht entweder direkt in Genesung über, welche aber

stets sehr langsam verläuft, oder es schließen sich

Nachkrankheiten verschiedener Art oder neue Ablagerung von

Typhusmasse im Darm an (Typhusrecidiv), und der Kranke geht

darüber bald zu Grunde, bald wenigstens vergehen noch Wochen

bis zum Beginn der definitiven Genesung. Der bisher geschilderte

Verlauf des T. zeigt mannigfache Modifikationen. Unter

Abortivtyphus (Febricula, Febris typhoides) versteht man die

besonders leicht und schnell fast nach Art eines akuten

Magenkatarrhs verlaufenden Fälle von T. Eine andre

Modifikation ist der T. ambulatorius. leichte Typhusfälle, bei

welchen unter verhältnismäßig leichten anatomischen

und klinischen Erscheinungen die Kranken umhergehen und, wenn auch

mangelhaft und unter großer Selbstüberwindung, ihre

gewöhnlichen Geschäfte zu besorgen im stande sind. In

andern Fällen zeigt der T. einen höchst tumultuarischen

Verlauf, die Krankheitserscheinungen folgen schneller als

gewöhnlich auf einander, die Kranken gehen dann oft schon

frühzeitig (Ende der ersten, Anfang der zweiten Woche) zu

Grunde. Zwischen allen den genannten Typhusformen besteht jeder nur

denkbare Übergang. Unter den Zwischenfällen, welche den

normalen Verlauf des T. in den ersten Krankheitswochen

unterbrechen, sind die wesentlichsten die Verschwärungen von

Darmarterien, durch welche profuse und in nicht seltenen

Fällen tödliche Blutungen des Darms hervorgerufen werden.

Unter den zahlreichen Nachkrankheiten des T. sind zu nennen: die

Lungenentzündung, Pleuritis, die Parotitis, die

Nierenentzündung etc., Nachkrantheiten, welche in den meisten

Fällen den Tod des Patienten herbeiführen. Der

958

Typik - Typolithographie.

T. geht am häufigsten in Genesung über. Während

früher eine Sterblichkeit von etwa 25 Proz. bestand, ist

dieselbe heute auf durchschnittlich 10 Proz. herabgemindert, und

man bezeichnet eine Typhusepidemie mit höherer

Durchschnittssterblichkeit als "schwere", mit niedrigerer als

"leichte". Was die Behandlung des T. anbetrifft, so ist es

zuvörderst geraten, den Kranken zu isolieren. Das

Krankenzimmer muß groß sein und oft und gründlich

gelüftet werden. Die Zimmertemperatur darf 14° nicht

überschreiten. Der Körper des Kranken muß

ängstlich reinlich gehalten und vor dem Aufliegen

geschützt werden (durch sorgfältige Zubereitung des

Lagers). Der Mund muß mit einem reinen angefeuchteten

Leinwandläppchen regelmäßig gereinigt und der

stinkende Belag der Zähne etc. entfernt werden. Als

Getränk gibt man einfach Wasser und fordert zu fleißigem

Trinken auf. Von Medikamenten gibt es kein Spezifikum gegen T.

Vielfach wird, besonders im Anfang der Krankheit, Kalomel mit gutem

Erfolg verabreicht, von manchen eine Mischung von Jod und Jodkali

gerühmt, außerdem kommen unter Umständen

Antipyretika, wie Chinin, Salicylsäure etc., in Anwendung.

Viel wichtiger ist eine richtige Diät, die im Hinblick auf den

langwierigen und konsumierenden Verlauf des T. kräftigend und

leicht verdaulich sein muß. Deshalb wird Milch in reichlichen

Quantitäten, Kakao mit Milch, Bouillon mit Ei, bei Appetit auf

feste Speisen eingeweichtes Weißbrot und Wein gereicht. Die

Heftigkeit des Fiebers, von welcher im Anfang der Krankheit die

meiste Gefahr droht, bekämpft man durch energische

Wärmeentziehung, namentlich durch kalte Bäder. Diese

systematische, von E. Brand eingeführte Kaltwasserbehandlung

besteht in Vollbädern, die man von 24° C. auf 20°

abkühlt, und in welche man den Kranken, solange die

Körperwärme 39° C. übersteigt, von Anfang bis

Ende der Krankheit, bei Tag und bei Nacht alle 3 Stunden auf etwa

15 Minuten hineinträgt. Neben der Herabsetzung des Fiebers

erreicht man durch diese Bäderkur einmal eine Reinigung des

Körpers und ferner eine allgemeine Erfrischung und Ermunterung

besonders der unbesinnlichen Kranken. Nach dem Bad wird der Kranke

in wollenen Laken frottiert, abgetrocknet und durch Wein

gestärkt. Die schweren Typhusfälle werden hierdurch in

leichte umgewandelt, die Sterblichkeit auf ein Minimum

herabgesetzt. Während der Rekonvaleszenz muß die

Diät der Kranken mit ängstlicher Sorgfalt überwacht

werden. Die Genesenden pflegen einen außerordentlichen

Appetit zu entwickeln und müssen daher vor zu reichlichen

Mahlzeiten, schwerverdaulichen, groben Speisen sorgfältig

gehütet werden. Man wiederholt deshalb die Mahlzeiten lieber

häufiger, gibt aber nur kleine Portionen; anfangs ist nur

flüssige oder halbflüssige Nahrung (Milch, weiche Eier)

zu gewähren, allmählich geht man zu Fleischdiät und

zu Pflanzenkost über. Jeder Diätfehler bringt den

Genesenden wieder in Gefahr, und jede scheinbar geringfügige

Störung der Verdauung erfordert die sorgfältigste

Berücksichtigung.

3) Mehr mit dem Flecktyphus als dem Unterleibstyphus verwandt

ist der Rückfalltyphus (das rekurrierende Fieber, T.

recurrens, engl. Relapsing Fever). Auch diese Form des schweren

nervösen Fiebers ist ansteckend und tritt epidemisch auf,

namentlich wo eine dichte arme Bevölkerung in unreinlichen

Wohnungen und von kärglicher Nahrung lebt, so daß als

Hunger- oder Kriegstyphus bald die exanthematische, bald die

rekurrierende Krankheitsform im Vordergrund steht. Der

Rückfalltyphus ist dadurch ausgezeichnet, daß nach einem

mehrtägigen heftigen Fieber, das 40° C. und darüber

erreicht, plötzlich unter reichlichem Schweiß ein Abfall

bis zu 37 oder 36,5° C. einsetzt, an den sich eine

mehrtägige, völlig fieberfreie Pause anschließt.

Ebenso plötzlich kommt nun der Rückfall, er währt 3,

4 oder 5 Tage, und wieder sinkt er ebenso schnell wie das erste

Mal. Drei bis vier solcher Fieberperioden folgen einander, dann

tritt langsame Genesung ein. Der Tod ist so selten, daß

beinahe immer eine Lungenentzündung oder Ähnliches zu

vermuten ist, wenn ein Kranker im Fieberanfall zu Grunde geht. Die

Ursache des Rückfalltyphus ist besser gekannt als die der

andern Typhen: Obermeier hat gefunden, daß zur Fieberzeit das

Blut der Kranken zahllose mikroskopische Pilzfädchen

(Spirochäten, s. Spirillum) von geschlängelter Gestalt

enthält, welche in der fieberfreien Periode fehlen; nur das

pilzhaltige Blut vermag bei Impfungen das Krankheitsgift zu

übertragen, wie direkte Versuche an Menschen, in Odessa

ausgeführt, dargethan haben. Leider besitzen wir noch immer

keine Kunde von der Herkunft der Spirochäte und noch weniger

von einem Mittel, ihre Vegetation im lebenden Körper zu

bekämpfen. Die Behandlung besteht daher nur in Darreichung

kräftiger, anreizender Diät. Der Rückfalltyphus ist

schon im vorigen Jahrhundert in einzelnen Ländern vorgekommen;

doch hat man ihn erst genauer kennen gelernt in der von 1843 bis

1848 andauernden großen Epidemie, die Schottland und Irland

überzog, ferner bei Gelegenheit der ägyptischen Epidemie

und neuerdings 1864-1865, als die Seuche in Petersburg in

großer Ausbreitung herrschte. Seit dem Jahr 1871 ist der

Rückfalltyphus auch in einzelnen Gegenden Deutschlands in

epidemischer Verbreitung beobachtet worden. Er wurde aus Polen und

den russischen Ostseeprovinzen eingeschleppt und trat in den

östlichen Provinzen Preußens, vorzugsweise in Breslau,

1873 auch in Berlin, Leipzig, Dresden, Wien etc. auf. Vgl.

Griesinger, Infektionskrankheiten (2. Aufl., Erlang. 1864);

Girgensohn,Die Rekurrensepidemie in Riga 1865-75; Virchow,

Über den Hungertyphus und einige verwandte Krankheitsformen

(Berl. 1868); v. Pastau, Die Petechialtyphus-Epidemie in Breslau

1868/69 (Bresl. 1871); Murchison, Die typhoiden Krankheiten

(deutsch, Braunschw. 1867); Brunner, Die Infektionskrankheiten

(Stuttg. 1876); Seitz, Der Abdominaltyphus (das. 1888); Brand,

Über den heutigen Stand der Wasserbehandlung des Typhus (Berl.

1887).

Typik (griech., typische Theologie), s. Typus.

Typographie (griech.), Buchdruckerkunst.

Typolithographie (griech.), sowohl der Druck von hoch

geätzten Steinen auf der Buchdruckpresse

(Tissiérographie, s. d.) als auch der Druck von Umdrucken,

die vom Schriftsatz oder von Holzschnitten auf Stein gewonnen

wurden, deren Vervielfältigung alsdann auf der

Steindruckpresse allein oder mit lithographierten Zeichnungen

vereinigt erfolgt; letzteres geschieht meist in Fällen, wo ein

wortreicher Text, dessen Herstellung für den Lithographen

schwierig und zeitraubend sein würde, bildliche Darstellungen

zu begleiten hat. Der überdruck wird mit starker Farbe auf

glattes, festes Papier gemacht, dessen bedruckte Seite man auf den

vorgängig mit trocknem Bimsstein geschliffenen

lithographischen Stein legt, der nun durch die Presse gezogen wird.

Auch ältere Drucke lassen sich vermittelst chemischer

Behandlung auffrischen, auf Stein übertragen und

vervielfältigen (s. Anastatischer Druck und

Reproduktionsverfahren).

959

Typologie - Tyrone

Typologie (griech.), s. Typus.

Typometer (griech.), ein in der Schriftgießerei

gebrauchtes Meßinstrument zur mathematisch genauen

Feststellung der Kegelstärke der Schrift. Seit 1879 bildet das

von H. Berthold in Berlin auf wissenschaftlicher Basis

begründete T. die Norm für die Schriftgrößen

in den deutschen Gießereien.

Typometrie (griech.), das Verfahren, auf typographischem

Weg Landkarten, Pläne, geometrische Figuren herzustellen. Die

ersten Versuche von Haas in Basel (1770) und Breitkopf in Leipzig

wurden später von Didot in Paris und namentlich von

Raffelsberger in Wien vervollkommt. Die T. ist durch die Chemitypie

und die photomechanischen Reproduktionsverfahren vollständig

verdrängt.

Typoskop, s. Kaleidoskop.

Typus (griech., Mehrzahl: Typen), Vorbild, Urbild; die

mehreren Dingen einer und derselben Art oder Gattung gemeinsame

(ideelle) Grundform, z. B. T. einer Tier-, einer Pflanzengattung,

einer Krankheit etc. Typik und Typologie, in der ältern

Theologie die Wissenschaft von der vorbildlichen Beziehung, in

welcher gewisse Personen, Ereignisse, Einrichtungen und

Aussprüche des Alten Testaments mit ihren entsprechenden

Gegenbildern (Antitypen) im Christentum stehen sollten.

Tyr, in der nordischen Mythologie Sohn Odins und der

Frigg, der Gott des Kriegs und des Schwerts, einer der vornehmsten

Asen. Er allein besaß den Mut, den grimmigen Fenrirwolf, der

die Asen in Asgard bedrohte, zu bändigen, wobei er seine eine

Hand einbüßte. Beim Weltuntergang kämpft er mit dem

Höllenhund Garm, und beide töten sich wechselseitig. Nach

ihm wurde der Dienstag (s. d.) benannt. Bei den alten Sachsen

hieß T. Saxnot (angels. Saxneat), bei den Schwaben Ziu.

Tyralin, s. v. w. Fuchsin, s. Anilin, S. 591.

Tyrann (griech. Tyrannos), ursprünglich jeder

unbeschränkte Herrscher, dann insbesondere ein

Alleinherrscher, der nicht durch Erbschaft, sondern durch den

gewaltsamen Umsturz der bestehenden Verfassung an die Spitze des

Staats gekommen war, so daß man unter T. im geschichtlichen

Sinn den Inhaber einer angemaßten Alleinherrschaft (Tyrannis)

zu verstehen hat, während Äsymnet (s. d.) einen durch

friedliche Übereinkunft zur Neuordnung der Verfassung

eingesetzten Herrscher bezeichnet. Die Tyrannis ist im 7. und 6.

Jahrh. v. Chr. in vielen griechischen Staaten die Zwischenstufe

zwischen der oligarchischen oder aristokratischen Staatsform und

der Demokratie, indem sich ein ehrgeiziges Mitglied der

Aristokratie an die Spitze des unterdrückten Volkes stellte,

sich eine Leibwache geben ließ und mit dieser den Staat nach

unbeschränkter Willkür beherrschte; während der

reiche Adel unterdrückt wurde, hoben die Tyrannen das Volk

durch Erhaltung des Friedens, Begünstigung von Handel und

Gewerbe, Bauten u. dgl. Daher gab es unter den Tyrannen viele

treffliche Herrscher, wie Peisistratos in Athen, Gelon und Hieron

II. in Syrakus, Periandros in Korinth, Kleisthenes in Sikyon u. a.;

jedoch auch diese oder ihre Nachkommen wurden meist durch den

gewaltthätigen Ursprung ihrer Macht schließlich doch zu

neuen Gewalttaten getrieben. Als daher nach dem allgemeinen Sieg

der republikanischen Staatsform in Griechenland die Monarchie

überhaupt als eine unwürdige, sklavische Staatsform

angesehen wurde, verband man mit dem Namen eines Tyrannen den

Begriff eines grausamen, willkürlichen Herrschers, wie es

deren in der Zeit des Verfalls mehrere gab; in diesem Sinn

heißen auch die von Lysandros in Athen zur Einführung

einer neuen Verfassung eingesetzten 30 Männer, welche ihr Amt

zu grausamer Willkürherrschaft mißbrauchten, die

Dreißig Tyrannen. In der spätern römischen

Geschichte werden die Statthalter, die sich unter Gallienus in den

verschiedenen Provinzen des Reichs 260-268 n. Chr. zu Gegenkaisern

aufwarfen, aber bald wieder gestürzt wurden, auch als

dreißig Tyrannen bezeichnet. Vgl. Plaß, Die Tyrannis

bei den Griechen (Leipz. 1859, 2 Bde.).

Tyrann (Königswürger, Tyrannus intrepidus

Temm.), Vogel aus der artenreichen, nur in Amerika vertretenen

Familie der Tyrannen (Tyrannidae) und der Ordnung der

Sperlingsvögel, 21 cm lang, mit ziemlich langen, spitzen

Flügeln, ziemlich langem, breitem, abgerundetem Schwanz,

kräftigen, hochläufigen, starkzehigen Beinen und etwa

kopflangem, starkem, geradem, an der Spitze hakig herabgebogenem

Schnabel, ist oberseits dunkel blaugrau mit einer Haube aus

feuerfarbig gerandeten Federn, auf der Unterseite grauweiß,

an Hals und Kehle weiß, mit bräunlichschwarzen, an der

Spitze weißen Schwingen und Steuerfedern. Er lebt als

Zugvogel in Nordamerika, findet sich in Baumgärten, an

Waldrändern, Ufern und auf Feldern, nährt sich von

Kerbtieren und verfolgt mit dem größten Mut

Raubvögel, Krähen und Katzen, besonders während das

Weibchen brütet, zum Schutz des eignen Nestes. Das Gelege

besteht aus 4-6 rötlichweißen, braun getüpfelten

Eiern. Man jagt ihn seines zarten Fleisches halber.

Tyrannius, Kirchenschriftsteller, s. Rufinus 2).

Tyras, antiker Name des Dnjestr.

Tyraß, Deckgarn zum Fang von Rebhühnern etc.

von etwa 20 m Länge und 15 m Breite mit 4 cm. Maschenweite,

von starkem Garn spiegelig gestrickt. Zwei Jäger ziehen das

Garn an einer daran befestigten Leine über die Hühner,

vor welchen ein sicherer Hühnerhund feststeht, nach diesen zu

und bedecken sie mit dem Rock, wenn sie unter dem Netz

aufflattern.

Tyree (spr. tirríh), Insel, s. Tiree.

Tyres (engl., spr. teirs), s. v. w. Tires.

Tyrnau, s. Tirnau.

Tyrnavos, Hauptort der gleichnamigen Eparchie im

griechischen Nomos Larissa (Thessalien), am nördlichen Ufer

des Xerias (Europos), 3 km von der türkischen Grenze gelegen,

hat (1883) 4337 Einw., gute Schulen, eine Kaserne und Baumwoll- und

Seidenweberei.

Tyroglyphus, s. Milben; Tyroglyphidae (Käsemilben),

Familie aus der Ordnung der Milben (s. d., S. 606).

Tyrolienne (franz.), s. Ländler.

Tyrone (spr. tirróhn) , Binnengrafschaft in der

irischen Provinz Ulster, umfaßt 3264 qkm (59,3 QM.), wovon 42

Proz. auf Seen, Sümpfe und Moore kommen, ist, mit Ausnahme des

östlichen Teils am See Neagh, ein Hügelland und reich an

Naturschönheiten, weshalb sie vielfach von Touristen besucht

wird. Indes steigen die Hügel nur an der Nordgrenze (Slieve

Sawel 683 m) zu bedeutenderer Höhe an. Unter den zahlreichen

kleinen Flüssen sind der Foyle (Strule), mit seinen

Zuflüssen Moyle und Derg, und der Blackwater die wichtigsten.

Der Boden ist an einzelnen Stellen, besonders in den Sumpf- und

Moorgegenden, der Kultur ganz unzugänglich, an andern Stellen

dagegen höchst fruchtbar und erzeugt dort alle in Irland

überhaupt heimischen Produkte. Von Mineralien werden

Steinkohlen in geringer Menge gewonnen. Die Bevölkerung ist

sehr im Abnehmen begriffen (1851 : 251,865, dagegen 1881 nur noch

197,719 Seelen, worunter 56 Proz. Katholiken) und lebt in

960

Tyros - Tzetzes.

größter Dürftigkeit. Haupterwerbsquelle ist die

Viehzucht (1881: 23,823 Pferde, 155,116 Rinder, 45,933 Schafe,

28,417 Schweine), weniger der Ackerbau. Die Industrie

beschränkt sich auf Flachs- und Garnspinnerei; ebenso ist der

Handel ohne wesentliche Bedeutung. Hauptstadt ist Omagh.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 277 / 302 段