Tusche, Farben zum Kolorieren von Zeichnungen, stimmen in

den bessern Sorten mit den Ackermannschen und Le

France-Aquarellfarben überein, werden aber auch von sehr viel

geringerer Qualität dargestellt. Die Farbkörper werden

wenigstens für die bessern Sorten ebenso angerieben wie

für die Aquarellfarben und zwar mit einem in Wasser nicht zu

schwer löslichen Bindemittel (Leim, Gummi arabikum, Tragant,

auch wohl etwas Zucker), dann zum steifen Teia eingetrocknet,

geformt, gepreßt und völlig getrocknet. Für jede

einzelne Farbe ist Quantität und Beschaffenheit des

Bindemittels durch besondere Versuche zu ermitteln. Die chinesische

T. (chinesische Tinte), eine schwarze Wasserfarbe, wird in China

aus sehr sorgfältig bereitetem Ruß hergestellt, den man

aus vorher möglichst entharztem Nadelholz gewinnt und mit 1/10

Ruß aus Sesamöl, auch mit etwas Kampferruß

vermischt, mit tierischem Leim bindet und mit Moschus und Kampfer

parfümiert. Die im Handel vorkommenden Täfelchen sind mit

oft vergoldeten Handelszeichen versehen. Die T. soll um so besser

sein, je tiefer sie in Wasser einsinkt; am meisten schätzt man

solche, welche auf Papier mit zimtfarbenem Schimmer

glänzt.

Tuschen (Tuschmanier, franz. Dessin au lavis),

Mittelglied zwischen Zeichnen und Malen, besteht in dem Eintragen

der Schatten in eine bloß in den Umrissen angelegte Zeichnung

durch allmähliches Überarbeiten mit immer dunklern

Farben. Gewöhnlich werden Tuscharbeiten einfarbig

ausgeführt, meist schwarz mit chinesischer Tusche, oft auch

braun mit Sepia, hin und wieder aber auch bunt. Bei einer

getuschten Zeichnung ist hauptsächlich Gewicht auf zarte,

genaue Umrisse, weichen, saftigen Schatten, recht rein gehaltene

Lichter und markige Drucker in den dunkelsten Stellen zu legen. Die

Tuschzeichnung ist gegenwärtig durch die vielseitigere

Aquarellmalerei in den Hintergrund gedrängt worden. Vgl. auch

Schattierung.

Tusculum, im Altertum Stadt in Latium, im Albanergebirge

gelegen, schloß sich nach der Niederlage der Tarquinier am

See Regillus um 496 an die Römer an und erhielt 379

römisches Bürgerrecht. Am Latinerkrieg (340-338)

beteiligte sich T. gegen Rom, wurde aber nach seiner Besiegung mild

behandelt. In der Umgegend lagen seit der letzten Zeit der Republik

die Villen vornehmer Römer, z. B. des Lucullus, Jul.

Cäsar, Hortensius, Cato, Marius und namentlich Ciceros

berühmtes Tusculanum. Im Mittelalter geriet T. mit Rom in

heftige Feindschaft, indem es auf seiten der Kaiser stand. Als aber

1191 Papst Cölestin III. und Kaiser Heinrich VI. Frieden

schlossen, zerstörten die Römer die Stadt. Ihre

Trümmer (Amphitheater, Theater, Burg) liegen östlich

oberhalb Frascati. Vgl. Canini, Descrizione del antico T. (Rom

1841).

Tuscumbia, Stadt im nordamerikan. Staat Alabama, unfern

des Tennesseeflusses, mit (1880) 1369 Einw.; hier 13. Dez. 1864

Sieg der Unionsarmee über die Konföderierten.

Tuskar, Inselchen mit Leuchtturm im St. Georgskanal an

der Südostspitze von Irland, 10 km vom Carnsore Point.

Tusker (Tusci), die alten Bewohner Etruriens (s. d.);

daher Tuscia, s. v. w. Etrurien; Tuskisches Meer (Mare Tuscum), s.

v. w. Tyrrhenisches Meer.

Tuslü (Tusly), Salzsee im russ. Gouvernement

Taurien, Kreis Eupatoria, hat 15 km im Umfang, trocknet im Sommer

fast ganz aus und wird zu Salzgewinnung und Schlammbädern

benutzt.

Tusnád, Badeort im ungar. Komitat Csik

(Siebenbürgen), 656 m hoch, in einer Bergschlucht am

Altfluß, mit alkalisch-muriatischen Eisensäuerlingen. In

der Nähe der schieferhaltige Berg Büdös (Torjaer

Stinkberg) und der St. Annensee.

Tussackgras, s. Festuca.

Tussilago Tourn. (Huflattich), Gattung aus der Familie

der Kompositen, mit der einzigen Art T. Farfara L. (Brust-,

Eselslattich, Roßhuf, Quirinkraut), einer ausdauernden

Pflanze mit tief gehendem, kriechendem Wurzelstock,

grundständigen, langgestielten, herzförmigen, eckigen,

unten dicht- und weißfilzigen Blättern und einzeln

end-

950

Tussis - Tuzla.

ständigen, gelben, vor den Blättern sich entwickelnden

Blüten, wächst auf feuchten, thonigen Feldern in Europa

und dem gemäßigten Asien, auf Äckern ein schwer

auszurottendes Unkraut. Offizinell sind die geruchlosen

Blätter als bitterschleimiges und adstringierendes Mittel. T.

Petasites, s. Petasites.

Tussis (lat.), Husten.

Tussoo (Tössuh), ind. Längenmaß, = 1/16

Hath = 1/32 engl. Yard = 0,029 m.

Tutamen (lat.), Schutzmittel. Tutauiablech, s.

Britanniametall.

Tute, s. Blatttute. Tutel (lat.), s. Vormundschaft.

Tutela, bei den Römern Schutzgöttin eines Ortes

oder einer Person.

Tuten, in der Probierkunst benutzte Schmelztiegel mit

Fuß.

Tutenag, ordinäres chines. Neusilber.

Tutenmergel, s. Nagelkalk.

Tuthmofis, Name mehrerer ägypt. Könige, von

denen T. III. (1625-1565 v. Chr.) nach der Vertreibung der Hyksos

zahlreiche Feldzüge nach Syrien unternahm und die Küste

wie das Bergland bis Damaskus und Hamat unterjochte; ebenso

unterwarf er das untere Nubien; seine Siege verherrlichte er durch

Inschriften auf feinen prachtvollen Bauten in Theben und

anderwärts.

Tutikorin (Tutukudi), Hafenstadt an der

Südostküste der indobrit. Präsidentschaft Madras, am

Golf von Manaar, Endstation der Südindischen Eisenbahn, mit

katholischer Mission, einem Nonnenkloster und (1881) 16,281 Einw.

(ein Drittel Katholiken), welche bedeutenden Handel und

Perlenfischerei betreiben. T. ist Sitz eines deutschen

Konsulats.

Tutiliina , röm. Gött.n des

Getreideeinfahrens.

Tutor (lat.), Vormund, s. Vormundschaft. In England ist

T. (spr.tjuhter) Titel für gewisse Universitätslehrer,

und zwar unterscheidet man College tutors und Private tutors ; die

erstern, angestellte Professoren, fungieren in den einzelnen

Colleges als Aufseher und Studienleiter, während die letztern,

als Fellows (s.d.) der Universität attachiert, zu den

Studenten im Verhältnis bezahlter Privatlehrer stehen.

Tutowa, rumän. Kreis in der Moldau, mit der

Hauptstadt Berlad.

Tutti Frutti (ital."alle Früchte"), Gericht, aus

verschiedenen Gemüsen oder Früchten zusammengesetzt,

Allerlei (auch als Büchertitel gebraucht, z. B. von Fürst

Pückler).

Tutilingen, Oberamtsstadt im württembergischen

Schwarzwaldkreis, an der Donau, unweit der badischen Grenze,

Knotenpunkt der Linien Rottweil-Immendingen und T.-Sigmaringen der

Württembergischen Staatsbahn, 643 m ü. M., hat eine

evangelische und eine kath. Kirche, eine Kinderrettungs- und

Erziehungsanstalt, ein Denkmal des Dichters Schneckenburg er, ein

Amtsgericht, ein Kameralamt, ein neues Schlachthaus, bedeutende

Schuhfabrikation, Fabriken für chirurgische Instrumente,

Messer, Leder und Wollwaren, Bierbrauerei, einen Wollmarkt,

lebhaften Getreidehandel u. (1885) 8659 meist evang. Einwohner. In

der Nähe das königliche Eisenhammerwerk Luwigsthal.

Über der Stadt auf einem Berg liegen die schönen Ruinen

des Schlosses Honberg, das im

Krieg zerstört wurde. Südöstlich davon, meist auf

badischem Gebiet, die Tuttlinger Höhe (864 m) mit herrlicher

Aussicht nach den Alpen. Die Stadt T. stammt wohl schon aus der

Römerzeit; sie gehörte dann zur Grafschaft Baar und kam

im 15. Jahrh. an Württemberg. Hier 24. Nov. 1643 Sieg der

Österreicher und Bayern unter Johann v. Werth, Hatzfeld und

Mercy über die Franzosen unter dem Grafen Rantzau.

Tutto (ital.), ganz; Tutta la forza, musikal.

Vortragsbezeichnung, s. v. w. mit ganzer Kraft; Tutti, s.v.w. alle,

womit im Gegensatz zu Solo (s. d.) der Einsatz des Orchesters oder

Chors angezeigt wird.

Tutuila, eine der Samoainseln (s. d., S. 260).

Tütz, Stadt im preuß. Regierungsbezirk

Marienwerder, Kreis Deutsch-Krone, zwischen drei Seen, hat eine

evangelische und eine kath. Kirche, ein Schloß und (1885)

2045 Einw.

Tutzing, Dorf im bayr. Regierungsbezirk Oberbayern,

Bezirksamt München II, am Starnberger See, Knotenpunkt der

Linien München -Peißenberg und T.-Penzberg der

Bayrischen Staatsbahn, ein beliebter Sommeraufenthalt der

Münchener, hat eine kath. Kirche, ein Schloß,

schöne Villen, Bierbrauerei und (1885) 800 Einw.

Tuwumba (engl. Toowoomba), Stadt in der britisch-austral.

Kolonie Queensland, Grafschaft Aubigny, an der Eisenbahnlinie

Brisbane-Roma, das Zentrum des reichen Weidedistrikts der Darling

Downs, mit Hospital, 5 Bankfilialen und (1881) 6270 Einw., darunter

über 1000 Deutsche, die hier 2 Kirchen und 2 Schulen

haben.

Tüxpam, Seehafen im mexikan. Staat Veracruz, an der

Mündung des gleichnamigen Flusses, hat ein Hospital, ein

Gefängnis und (1880) 5979 Einw. im Munizipium. In der

Nähe (bei Chapopote) ist eine Petroleumquelle. Ausfuhr

1883-84: 401,892 Pesos, bestehend aus Honig, Rohfellen, Kautschuk,

Ze-dernholz, Gelbholz, Sassaparille etc.

Tuxtla, thätiger Vulkan an der Küste von

Mexiko, südlich von Veracruz, 1560 m hoch.

Tuxtla Gutierrez, Stadt im mexikan. Staat Chiapas, am Rio

Mescalapa, 50 km westlich von San Cristobal, hat Kakao- und

Tabakshandel und (1880) 6963 Einw.

Tuy, Bezirksstadt und Festung in der span. Pro-vinz

Ponteveora, am Minho und an der Eisenbahn von Monforte nach Vigo,

gegenüber der portugiesischen Festung Valenca gelegen, mit

Leinwandfabriken, Bereitung von Konfitüren, starkem Obstbau,

Ausfuhr von Rindvieh und (1878) 11,710 Einw. T. ist ein Hauptsitz

des Schleichhandels nach Portugal. Es ist seit dem 6. Jahrh.

Bischofsitz. In der Nähe warme Schwefelquellen.

Tuzla (Unter-T., Doljnja-T.), Kreisstadt in Bosnien, an

beiden Ufern der Ialta, Station der Bahnlinie Doboj-T.-Siminhan,

Sitz eines griechischoriental. Bischofs, eines

Militär-Platzkommandos und eines Bezirksgerichts, hat 3

Brücken, zahlreiche Mo-

scheen, ein Nonnenkloster, (1885) 7189 Einw. (5171

Mohammedaner), lebhaften Handel, besonders mit Vieh und Pferden,

eine Volks- und Handelsschule, ein Spital, einen Park, reiche

Kohlenlager und berühmte Salzquellen, von welch letztern T.

seinen Namen hat (Tuz = Salz). Bei T., dessen Umgebung reich an

Bogumilengräbern ist, und das 1225 Hauptstadt der Provinz Soli

war, 1693 Sieg des kaiserlichen Feldherrn Percinlija über die

Türken und 9.bis 10. Aug. 1878 Gefechte zwischen

österreichischen

Truppen und den Insurgenten.

Twain - Twer.

951

Twain (spr. twähn), Mark, Pseudon., s. Clemens 2).

Twalch, s. v. w. Taumellolch, s. Lolium.

Twardowski, in der poln. Volkssage ein Edelmann im 16.

Jahrh., der, um sich übernatürliche Kenntnisse und

Genüsse zu verschaffen, sich auf dem Berge Krzemionki bei

Krakau dem Teufel verschrieb und eine Menge lustiger Abenteuer

bestand. Als ihn schließlich der Teufel durch die Luft

davonführte, rettete sich T. zwar durch Anstimmen eines

geistlichen Liedes, muß aber bis zum jüngsten Tag

zwischen Himmel und Erde in der Luft schweben. Das Ganze ist die

polnische Version der Faustsage und wurde von polnischen Dichtern

(z. B. von Kraszewski) vielfach bearbeitet. Vgl. Vogl, T., der

polnische Faust (Wien 1861).

Tweed (spr. twihd), Fluß im südöstlichen

Schottland, bildet in seinem untern Lauf die Grenze zwischen

Schottland und England und fällt bei Berwick nach einem Laufe

von 154 km in die Nordsee.

Tweed (spr. twihd), William Mercy, amerikan. Politiker,

geb. 3. April 1823 zu New York, ward Handwerker, wandte sich bald

den öffentlichen Angelegenheiten zu, wurde 1852 zum Alderman

von New York und 1853 in den Kongreß gewählt, dem er bis

1855 angehörte. Er verwaltete darauf die städtischen

Ämter eines Supervisors, eines Schulkommissars und eines

Kommissars für die Straßen, war auch 1867-71 Mitglied

des Senats des Staats New York und ward 1870 Kommissar des

Departements für die öffentlichen Arbeiten der Stadt New

York. Den großen Einfluß, den er im Tammany-Ring (f.

d.) erlangt hatte, benutzte er zu schamloser Bereicherung, die ihm

die Entfaltung eines ungeheuern Luxus gestattete. Mehrere Versuche,

diesem frechen Raubwesen ein Ende zu machen, blieben erfolglos; T.

ward im Oktober 1871 auf eine Anklage hin verhaftet, aber gegen

eine Bürgschaft von 1 Mill. Doll., die sofort beschafft wurde,

freigelassen und sogar wieder zum Staatssenator gewählt. Im

Januar 1873 ward er zum zweitenmal verhaftet und vor Gericht

gestellt, aber von den Geschwornen freigesprochen. Erst im November

1873 ward seine Verurteilung wegen Betrugs zu zwölf Jahren

Gefängnis erreicht, dieses Urteil aber als ungesetzlich vom

Appellhof umgestoßen und T. 1875 wieder freigelassen. Doch

war er zu gleicher Zeit wegen Wiedererstattung von 6 Mill. Doll.

nebst Zinsen angeklagt worden, und da er die Bürgschaft von 6

Mill., welche man verlangte, nicht leisten konnte, so ward er von

neuem in Haft genommen, aus der er im Dezember entsprang, um nach

Spanien zu gehen, dessen Regierung ihn aber 1876 wieder

auslieferte. T. starb 12. April 1878 im Gefängnis zu New

York.

Tweeddale (spr. twihdehl), s. Peeblesshire.

Tweedmouth (spr. twihdmoth), nördliche Vorstadt von

Berwick upon Tweed, in der engl. Grafschaft Northumberland, mit

Maschinenbau, einem Hafen und (1881) 4819 Einw.

Twehle, s. Zwehle.

Twelfth-cake (spr. -kehk), nach engl. Sitte am

Dreikönigstag verzehrter Kuchen; vgl. Bohnenfest.

Twenthe, eine den südöstlichen Teil der

niederländ. Provinz Overyssel bildende Landschaft, Hauptsitz

der niederländischen Baumwollindustrie, mit den Städten:

Ryssen, Almelo, Goor, Enschede u. a. Die T. führt ihren Namen

von dem alten Volk der Tubanten.

Twer, russ. Gouvernement, wird von den Gouvernements

Nowgorod, Jaroslaw, Wladimir, Moskau, Smolensk und Pskow

umschlossen, umfaßt 64,682 qkm

(nach Strelbitsky 65,329,7 qkm = 1186,46 QM.). Der

Wolchonskiwald, aus Kalksteinhügeln von 300 m Höhe

bestehend und mit undurchdringlichen Waldungen bedeckt, durchzieht

mit seinen Ausläufern zwischen Seen und Sümpfen fast das

ganze Gouvernement. Der Boden besteht aus bläulichrotem Lehm,

über welchem lehmiger Sand, häufig auch Kalkstein liegt;

außerdem ist das devonische System entwickelt und zwar in der

Form glimmerigen Sandsteins ohne Versteinerungen. Sieben

Mineralquellen sind im Gouvernement. Der wichtigste Fluß ist

die Wolga, welche innerhalb des Gouvernements eine Länge von

beinahe 530 km hat und von rechts die Shnkopa, Pesotschnja, Wasusa,

Dersha, Schoschtscha, Dubna, von links die Selicharowka, die

Große Koscha, Itomlja, Tma, Twerza, Medwjediza , Kaschinka

und Mologa aufnimmt. Die Düna hat im SW. ihren obern Lauf,

ferner die Flüsse Msta und Zna. Unter den Hunderten

flachuferiger Seen sind der Seliger, Ochwat-Shadenje, Steresh,

Wselug, Budbino, Mstino, Udomlja und Weristowo die

größten. Das Areal setzt sich zusammen aus 32,2 Proz.

Wald, 28,3 Wiese und Weide, nur 26,8 Acker- und 12,7 Proz. Unland.

Die großen Wälder bestehen im N. vorzugsweise aus Tannen

und Kiefern, im S. aus Birken und Erlen. Das kontinentale Klima

wird ein wenig durch die Seen und Sümpfe gemäßigt.

Die mittlere Jahrestemperatur beträgt +5,3° C.; die Hitze

des Sommers steigt bisweilen bis 35°, während im Winter

schon Kälte von -45 °C. herrschte. Unter den (1885)

1,681,790 Einw. des Gouvernements, 24 pro QKilometer (außer

Großrussen auch Deutsche, Polen und Juden), sind 100,000

Karelen, Überreste der finnischen Urbevölkerung des

Landes. Die Zahl der Eheschließungen war 1885: 11,199, der

Gebornen 76,142, der Gestorbenen 67,200. Die Landwirtschaft wird

bei der Unfruchtbarkeit des Bodens, der nur das zweite oder dritte

Korn liefert, schwach betrieben. Die Ernte besteht (1887)

vorzugsweise in Roggen (4,8 Mill. hl) und Hafer (5,7 Mill. hl), und

es müssen aus den andern Gouvernements beträchtliche

Zufuhren an Getreide stattfinden. Flachs wird in

größerer Ausdehnung gebaut. Auch die Viehzucht ist von

geringer Bedeutung. 1885 wurden 583,671 Stück Rindvieh,

351,632 Pferde, 373,779 grobwollige Schafe, 20,612 Schweine

gezählt. Ansehnlicher ist die Fischerei, namentlich im See

Seliger. Die Waldwirtschaft besteht einesteils im Aushauen und

Flößen der Baumstämme, welche wolgaabwärts

oder längs der Düna nach Riga geschafft werden,

andernteils in der Gewinnung von Teer, Pech und Terpentinöl.

Ein früherer Erwerbszweig, der Bau von Flußfahrzeugen,

sinkt seit der Eröffnung der Eisenbahnen fortwährend.

Sonst beschäftigen sich die Bauern mit dem Verfertigen von

Holzgegenständen und Hausgeräten oder mit

Schmiedearbeiten (Beile, Sensen, Nägel etc.). Torshok erfreut

sich eines trefflichen Rufs durch seine Saffianarbeiten. Die

Industrie wurde 1884 von 644 Anstalten mit 20,378 Arbeitern

betrieben und bringt für 22,386,000 Rubel Waren hervor.

Besonders entwickelt find: Baumwollspinnerei (10 Mill. Rub.),

Industrie in Hanf (1 1/2 Mill.), Leder (1 1/2 Mill.), Glas (1,2

Mill. Rub.). Außerdem sind bemerkenswert: die

Fayenceindustrie, Getreidemüllerei, Baumwollweberei,

Papierfabrikation, Ziegelei, Holzsägemühlen,

Branntweinbrennerei. Die Industrie wird wesentlich angetroffen in

den Städten Twer, Rshew, Wyschnij-Wolotschok, Ostaschkow und

Koljäsin. Der Handel konzentriert sich hauptsächlich in

Rshew, Torshok, Bjeshezk und Bologoje. Bildungszwecken oienen1885:

1095 Elementar-

952

Twerza - Tyana.

schulen mit 57,392 Schülern, 16 Mittelschulen mit 2720

Schülern und 4 Fachschulen mit 842 Schülern. T.

zerfällt in zwölf Kreise: Bjeshezk, Koljäsin,

Kaschin, Kortschewa, Nowotorshok, Ostaschkow, Rshew, Stariza,

Subzow, T., Wessegonsk, Wyschnij-Wolotschok. - Das Land war einst

vom finnischen Stamm der Wessen bewohnt; mit dem Erscheinen der

Slawen wurden die Finnen meistens nach N. gedrängt. Ob die

Kurgane (Grabhügel) an der Mologa finnischen oder slawischen

Stämmen angehörten, ist unentschieden. Nach der Teilung

Rußlands unter die Söhne Jaroslaws im 12. Jahrh. wurde

das Land unter die Fürsten von Nowgorod, Smolensk und Susdal

geteilt. Während der innern Fehden im 12. Jahrh. entstand das

Fürstentum T.; 1484 ward dasselbe mit dem Moskowiterreich

vereinigt. Die gleichnamige Hauptstadt liegt an der

Petersburg-Moskauer Eisenbahn, zu beiden Seiten der hier 213 m

breiten Wolga, welche hier die Twerza und Tmaka aufnimmt, und deren

Ufer durch eine Schiffbrücke verbunden sind, hat schöne

Plätze, Straßen und Anlagen, ein kaiserliches Palais,

eine Kathedrale und 33 andre Kirchen (darunter eine evangelische),

mehrere Klöster, ein geistliches Seminar, ein klassisches

Gymnasium, eine Realschule, eine Kavallerie-Junkerschule, ein

Lehrerseminar, weibliches Gymnasium, ein Theater, ein Denkmal

Katharinas II., eine Abteilung der Reichsbank, eine Stadtbank,

einen Bazar, 28 Fabriken (darunter 2 Baumwollspinnereien, 2

Baumwollwebereien und eine Zitzfabrik) und (1885) 39,280 Einw. Als

Eisenbahnstation und Wolgahafen hat T. sehr bedeutenden

Zwischenhandel, dessen wichtigste Gegenstände Getreide und

Metallfabrikate bilden. T. ist Sitz eines griechisch-orthodoxen

Erzbischofs. Unweit der Stadt befinden sich 2 eisenhaltige

Mineralquellen, das Sheltikow-Kloster und das Mönchskloster

des heil. Nikolaus. T. wurde 1182 als fester Platz gegen den

Freistaat Nowgorod angelegt; 1763 zerstörte eine Feuersbrunst

die ganze Stadt, die aber unter der Kaiserin Katharina II. bald

wieder aufgebaut wurde.

Twerza, schiffbarer linker Nebenfluß der Wolga im

russ. Gouvernement Twer, entspringt in der Nähe von

Wyschnij-Wolotschok, ist 185 km lang und 45-90 m breit,

stießt bis zur Stadt Torshok in südlicher Richtung,

später in südöstlicher und ergießt sich bei

der Stadt Twer in die Wolga. Die T. bildet einen Teil des

Wyschnij-Wolotschokschen Kanalsystems.

Twesten, 1) August Detlev Christian, protest. Theolog,

geb. 11. April 1789 zu Glückstadt, ward Gymnasiallehrer in

Berlin, 1814 außerordentlicher Professor der Theologie zu

Kiel, 1819 daselbst Ordinarius und 1835 Professor in Berlin an

Schleiermachers Stelle, dessen theologische Richtung er im Sinn der

lutherischen Rechtgläubigkeit umbildete. Von seinen Schriften

sind zu nennen: "Logik, insbesondere die Analytik" (Schlesw. 1825);

"Vorlesungen über die Dogmatik der evangelisch-lutherischen

Kirche" (Bd. 1, Hamb. 1826, 4. Aufl. 1838; Bd. 2, 1. Abt., 1837);

"Grundriß der analytischen Logik" (Kiel 1834); "Matthias

Flacius Illyricus" (Berl. 1844). Er starb 8. Jan. 1876 als

Oberkonsistorialrat und (bis 1874) Mitglied des evangelischen

Oberkirchenrats. Vgl. Heinrici, A. T. nach Tagebüchern und

Briefen (Berl. 1889).

2) Karl, Politiker, Sohn des vorigen, geb. 22. April 1820 zu

Kiel, studierte 1838-41 in Berlin und Heidelberg die Rechte, trat

1845 in den preußischen Justizdienst und ward

Stadtgerichtsrat in Berlin. Er schrieb 1861 eine Broschüre:

"Was uns retten kann", in welcher er den General Manteuffel als

Chef des Militärkabinetts verderblichen Einflusses

beschuldigte, und hatte deshalb mit diesem ein Duell, in welchem er

am Arm verwundet wurde. Er ward 1861 Mitglied des

Abgeordnetenhauses, in welchem er zu den hervorragendsten Rednern

der Fortschrittspartei gehörte, schied aber 1866 aus derselben

aus und wurde Mitbegründer der nationalliberalen Fraktion.

Außer im preußischen Abgeordnetenhaus, saß T.

auch in dem Reichstag des Norddeutschen Bundes. Wegen mehrerer

seiner Reden im Abgeordnetenhaus (namentlich 20. Mai 1865 über

die Justizpflege unter Lippes Leitung und 10. Febr. 1866 über

den bekannten Obertribunalsbeschluß) ward er in langwierige

gerichtliche und disziplinarische Untersuchungen verwickelt. War

auch der schließliche Ausgang derselben ein ziemlich

glimpflicher (T. erhielt 1868 eine Geldstrafe), so fand sich T.

doch 1868 veranlaßt, aus dem preußischen Justizdienst

auszuscheiden, um eine Stelle in der Berliner Stadtverwaltung zu

übernehmen. Er starb 14. Okt. 1870. T. schrieb noch: "Schiller

in seinem Verhältnis zur Wissenschaft" (Berl. 1863);

"Macchiavelli" (das. 1868) und "Die religiösen, politischen

und sozialen Ideen der asiatischen Kulturvölker und der

Agypter" (hrsg. von Lazarus, das. 1873, 2 Bde.).

Twickenham (spr. -häm), Dorf in der engl. Grafschaft

Middlesex, an der Themse, oberhalb London, Richmond gegenüber,

Lieblingsaufenthalt litterarischer Berühmtheiten (Essex,

Bacon, Hyde, Pope und Fielding), mit zahlreichen Landsitzen und

(1881) 12,479 Einw. Dabei Strawberry Hall, 1747 von Richard Walpole

erbaut, und Orleans-Haus, 1852-71 vom Herzog von Aumale bewohnt,

jetzt Klubhaus.

Twilled Sackings, s. Jute, S. 341.

Twiß, Sir Travers, engl. Rechtsgelehrter, geb. 1810

zu Westminster, studierte in Oxford, wirkte 1842-47 als Professor

der Nationalökonomie daselbst und ward 1852 zum Professor des

internationalen Rechts am King's College zu London ernannt, kehrte

aber 1855 als Professor des bürgerlichen Rechts nach Oxford

zurück. Er war außerdem 1852 Generalvikar des

Erzbischofs von Canterbury geworden und erhielt 1858 die Stelle

eines Kanzlers der Diözese London. Später wurde er zum

königlichen Rat, 1867 zum Generaladvokaten befördert und

zugleich geadelt. Unter seinen politischen, historischen und

rechtswissenschaftlichen Schriften sind zu nennen: "Epitome of

Niebuhr's History ofRome" (Oxf. 1837, 2 Bde.); "The Oregon question

examined" (Lond. 1846); "View of the progress of political economy

in Europe since the XVI. century" (das. I847); "On the relations of

the duchies of Schleswig and Holstein to the crown of Denmark"

(das. 1848; deutsch, Leipz. 1848); "The letters apostolic of pope

Pius IX. considered" (Lond. 1851); "Lectures on the science of

international law" (das. 1856); "The law of nations considered as

independent political communities" (Oxf. 1861-63, 2 Bde.; 3. Aufl.

1884); "The black book of the admiralty" (Lond. 1871-76, 4

Bde.).

Twist, s. v. w. Baumwollgarn, s. Garn, S. 911.

Tworog, Dorf im preuß. Regierungsbezirk Oppeln,

Kreis Tost-Gleiwitz, zur Herrschaft des Prinzen zu

Hohenlohe-Ingelfingen gehörig, an der Stola und der Linie

Kreuzburg-Tarnowitz der Preußischen Staatsbahn, hat eine

kath. Kirche, ein Schloß, eine Oberförsterei und (1885)

1150 Einw.

Tyana, im Altertum Stadt im südlichen Kappadokien,

in der Nähe der Kilikischen Pässe, angeblich

Gründung der Assyrer, wurde unter Caracalla römische

Kolonie, dann, da sie zum Reich der Zenobia

953

Tyburn - Tyler.

gehörte, von Aurelianus 272 n. Chr. erobert. Valens machte

sie zur Hauptstadt von Cappadocia Secunda. Ruinen beim heutigen

Kilisse Hissar.

Tyburn (spr. teibörn), früher ein Bach und Dorf

auf der Nordseite des Hyde Park in London, bis 1783 der

öffentliche Richtplatz. 1839-50 wurde an derselben Stelle

einer der schönsten Stadtteile Londons erbaut, dessen Name

Tyburnia an die alte Zeit erinnert.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 275 / 302 段