solche Gemeinsamkeit der Vereinsorganisation hat das Turnwesen der
Schweiz schon durch Wirken von Männern wie Spieß und
Maul (s. d.) enge Fühlung mit dem deutschen behalten. Auch
hier liegen die Keime der spätern Entwickelung, abgesehen von
der Thätigkeit des durch Guts Muths angeregten Offiziers
Phokion Heinrich Clias (Käslin; geb. 1782, gest. 1854),
hauptsächlich im Vereinsturnen, besonders an den Hochschulen
deutschen Stammes, und schon 1832 wurde ein Eidgenössischer
Turnverein gebildet, der in "Sektionen" (1886: 122 mit 6000
Mitgliedern; außerdem noch viele freie Vereine) zerfällt
und seit 1873 alle zwei Jahre (früher alljährlich) das
eidgenössische Turnfest feiert, in dessen Wettkämpfe
schon 1855 auch die in der Schweiz seit langem volkstümlichen
Künste des Schwingens, Ringens (s. d.), Steinstoßens u.
a. mit aufgenommen wurden (vgl. Niggeler, Geschichte des
Eidgenössischen Turnvereins, Bern 1882). Auch das Schulturnen
der Schweiz ist infolge des Wirkens trefflicher Turnlehrer, wie
Iselin, Niggeler, Jenny, dem deutschen entsprechend
fortgeschritten. In einigen größern Städten gehen
neben ihm noch die auf unmittelbare militärische
Jugenderziehung abzielenden sogen. Kadettenkorps her (s.
Jugendwehren); auf dem Land ist es vor allem um der Vorbildung
für das Milizsystem willen nach der "Turnschule für den
militärischen Vorunterricht" zur Einführung gekommen. Aus
der Schweiz wurde die T., und zwar wesentlich auf Grund der
Betriebsweise von Spieß, nach Italien, wo schon vorher Guts
Muthssche Anregungen gefruchtet hatten, verpflanzt durch Rud.
Obermann, der (geb. 1812 zu Zürich, gest. 1869 in Turin) 1833
nach Turin berufen wurde zur Einführung der Gymnastik in das
sardinische Heer, doch auch den Anstoß gab zur Verbreitung
desselben in Schulen und Vereinen, hierbei insbesondere
unterstützt durch den Grafen Ernesto Ricardi di Netro. 1883
gab es 143 zu mehreren Bünden vereinigte Vereine mit 17,000
Mitgliedern. Für die höhern Schulen wurde das Turnen 1861
als freies, für fast alle Schulen 1878 als Pflichtfach
erklärt und kommt allmählich zur Durchführung. Seit
1863 gibt es eine Turnlehrerbildungsanstalt in Turin, seit 1888 in
Rom. In den Gymnasien Griechenlands ist teils gymnastischer, teils
militärischer Unterricht durch Verfügung von 1862 und
Gesetz von 1883 zur Einführung gekommen und in Athen eine
Turnlehrerbildungsanstalt errichtet worden. In Erneuerung der
Olympischen Spiele werden hier auch volkstümliche
Wettkämpfe abgehalten. In Belgien und Holland sind nach
schwachen Anfängen in den 30er Jahren seit 1860 sowohl
zahlreiche Vereine entstanden mit einer der deutschen T. entlehnten
Betriebsweise als auch ein entsprechendes Schulturnen. In Belgien
umfaßte die Fédération belge de gymnastique
1888: 70 Vereine mit etwa 7000 Angehörigen. In Holland gab es
in demselben Jahr 230 Vereine, von denen 120 dem Nederlandsch
Gymnastik Verbond angehörten. Hier sind auch Vereine für
allerlei Sport stark vertreten. Letzterer beherrscht in England
noch so sehr das Feld mit der Pflege von angewandten Fertigkeiten,
wie Rudern, Boxen, und von Ballspielen, daß die allgemeine
Gymnastik hier außer dem Heer, in das sie schon 1822-28 Clias
(s. oben) einführte, und den von Deutschen gegründeten
Vereinen noch nicht viel Boden gewonnen hat. Auch Sport und Spiele
werden fast nur von der wohlhabenden Minderheit gepflegt. In
Frankreich haben sich gymnastische Übungen, besonders durch
die Thätigkeit des von Pestalozzi und Guts Muths angeregten
Spaniers Amoros (1770-1847), in erster Linie in der Armee Eingang
verschafft und sind auch seitdem hauptsächlich als ein
wichtiger Zweig der militärischen Vorbildung in und
außer dem Heer gepflegt worden. Einen noch engern
Anschluß der leiblichen Jugendbildung an das Heerwesen
veranlaßten die Erfuhrungen von 1870/71 in Form der
Schülerbataillone, die aber auch hier mehr und mehr Gegner
finden und einer allgemeinen Gymnastik weichen. Seit 1880 ist der
gymnastische Unterricht an sämtlichen Knabenschulen gesetzlich
zur Pflicht gemacht. Die Militärturnschule zu Joinville le
Pont dient auch zur Ausbildung für Schulturnlehrer. Die von
der deutschen T. eingeführten Geräte, wie Reck und
Barren, sind auch hier in Benutzung. Vereine entstanden in
geringerer Zahl in den 60er Jahren, in größerer seit
1871, so daß im J. 1886 gegen 600 Vereine (mit 20,000
Mitgliedern) bestanden, von denen die Union fédérale
des sociétés de gymnastique de France 171
umfaßte. Die Gründung von Turnvereinen in
überseeischen Ländern ist in der Regel durch Deutsche
erfolgt. Am ausgebreiteten ist das Turnvereinswesen der Vereinigten
Staaten, wohin unter andern Schüler Jahns, wie Franz Lieber
und Karl Follen (s. d.), die T. übertrugen, und wo der
Nordamerikanische Turnerbund 1888 über 250 Vereine mit 30,000
Mitgliedern umfaßte und zeitweise ein Turnlehrerseminar,
zuletzt in Milwaukee unter Brosius, bestand.
Turngeräte. Übungsgebiet.
Während die hellenische Gymnastik (s. d.) zu ihren
Übungen außer dem Diskus, dem Wurfspeer, den Halteren
und Bällen fast kein Gerät brauchte, sehen wir die neuere
Kunst der Leibesübung von vornherein darauf bedacht, für
ihre Übungen, die planmäßig den Leib schulen, nicht
nur im Wettkampf gipfeln und auch in geschlossenen Räumen
betrieben werden sollen, Geräte in ihren Dienst zu nehmen oder
zu erfinden. So wurde das Springen und Schwingen (Voltigieren, s.
d.) am künstlichen Pferd (s. d.) schon von Basedow (im
Anschluß an den Reitunterricht der Zöglinge) und dann
auch von Guts Muths und Jahn aus den Fechtböden und
Reitschulen herübergenommen, Basedow verwendete außerdem
den Schwebebalken (Balancierbalken), einen Springel zur Messung von
Hochsprüngen, Stäbe zum Stangenspringen, Sandsäcke
zur Belastung u. a. Bei Guts Muths finden wir auch Vorrichtungen zu
Weit- und Tiefsprung und ferner vor allem ein Gerüst mit
Mastbaum, Leitern, Strickleitern, Kletterstangen, einen schräg
ansteigenden Querbalken und Seile zum Ziehen, Schwingen und
Springen u. a. Die der vielseitigsten Verwendung fähigen
Geräte Reck und Barren und außerdem den Pfahl zum
Gerwerfen fügte Jahn hinzu. Bei Clias findet sich um dieselbe
Zeit (1816) auch der Triangel (Trapez, Schaukelreck) und ein
Klettertau mit Sprossen in großen Abständen. Bei Eiselen
begegnen uns zuerst der Bock (Springbock), die sogen.
Streckschaukel (die sogen. römischen Ringe), der Rundlauf, das
Sturmlaufbrett, die wagerechte Leiter, die Wippe und die wohl schon
von Jahn eingeführten Hanteln. Den schon von Eiselen benutzten
kurzen Stab (Windestab) verwendete als Eisenstab (Wurfstab)
besonders Jäger. Lion verwendete zuerst den kurzen und den
dreiholmigen Barren und Gerätverbindungen, wie das Kreuzreck,
das Doppelreck (mit zwei Stangen untereinander), den hohen Barren
(mit zwei Stangen nebeneinander). Die Militärgymnastik
führte an Stelle des Recks den Querbaum ein, an
947
Turnkunst (Frei-, Ordnungs-, Gerätübungen; Vereins- u.
Schulturnen etc.).
Stelle des Pferdes den Kasten (s. Tisch), der seit 1881 wieder
abgeschafft ist, und die Hindernisbahn mit dem
Eskaladiergerüst. Über den seit Jahn vielfach
vervollkommten Bau der Turngeräte und die Einrichtung von
Turnräumen vgl. Lion, Werkzeichnungen von Turngeräten (3.
Aufl., Hof 1883); Euler und Kluge, Turngeräte und
Turneinrichtungen (Berl. 1872); W. Angerstein, Anleitung zur
Einrichtung von Turnanstalten (das. 1863).
Das Übungsgebiet der T. umfaßt Übungen ohne
Geräte und Übungen mit oder an solchen. Die erstern
beschränken sich aus die Ausnutzung der
Bewegungsfähigkeit des Leibes in sich oder mit andern, im
erstern Fall als sogen. Freiübungen (s. d.) die einfachen oder
miteinander verbundenen Gliederbewegungen im Stehen, Gehen, Laufen,
Hüpfen und Springen umfassend, im letztern Fall
Ordnungsübungen (s. d.) genannt, welche die Aufstellungen,
Gliederungen und Bewegungen einer Mehrzahl von Übenden lehren
und sich mit den militärischen (taktischen) Formen des
Exerzierens oder denen des Tanzes berühren. Beide,
insbesondere die letztern, können ihres rhythmischen Gehalts
wegen mit Gesang oder Musikbegleitung in Verbindung treten. Hier
reihen sich dann die Bewegungsspiele an, welche die T. mit in ihren
Bereich gezogen hat (vgl. Spiel), ferner das Ringen (s. d.) und
Boxen und auch die Turnfahrten genannten Dauermärsche. Die
Gerätübungen sind einmal solche, bei denen das Gerät
selbst bewegt wird, also die Übungen mit Hanteln (s. d.),
Stäben (s. Stabübungen), Keulen (s. d.) u. dgl., das
Ziehen und Schieben, das Werfen von Kugeln, Steinen, Stangen
(Gerwerfen), Scheiben (vgl. Diskos) und Bällen, endlich
verschiedene Arten des Fechtens. Die andern Gerätübungen
gliedern sich nach der Art der an ihnen vollzogenen
Leibesbewegungen in die sogen. Turnarten des Schwebens auf
beschränkter (Schwebepfähle, Schwebebaum, Kante) oder
beweglicher Unterlage (z. B. Stelzen, Schaukeldiele), des Springens
(Springbrett, Schwungbrett, Sturmspringel, Springen im Reifen und
im Seil), des Stützens auf den obern Gliedern (besonders am
Barren, Reck und Pferd), des Hangens (Leiter, Ringe, Rundlauf,
Reck). Aus abwechselndem Hangen der obern und Stemmen der untern
Glieder bildet sich das Klettern (Kletterstange, -Mast und -Seil);
das mit vorübergehendem Stützen verbundene Springen
ergibt die Übungen des gemischten Sprunges (besonders am Bock,
Pferd, Tisch, doch auch am Reck und Barren, dazu auch das
Stangenspringen). Die Verbindung von Hangen und Stützen
erlaubt am ausgiebigsten das Reck (vgl. Schaukelgeräte).
Daß das reiche Gebiet der Turnübungen auch eine
angemessene sprachliche Bezeichnung gefunden hat, ist wesentlich
das Verdienst F. L. Jahns, den sowohl in Aufnahme von im Volksmund
üblichen Worten für Übungen und Geräte als in
freier Gestaltung von neuen Bezeichnungen ein sicherer Blick
geleitet hat. Neuerdings hat sich um die Turnsprache besonders
Waßmannsdorff (s. d.) Verdienste erworben. - Die
Übungsauswahl und Betriebsweise richten sich natürlich
sowohl nach dem Zweck, der die Übenden auf den Turnplatz
geführt hat, als nach dem Alter und Geschlecht derselben.
Daher beim Turnen der Soldaten außer den Rücksichten auf
die besondere Verwendung der einzelnen Waffengattungen
(Übungen der Hindernisbahn) eine beschränktere Auswahl
von den der großen Masse erreichbaren Übungen in der
straffen Übungsform militärischer Disziplin; beim
Vereinsturnen, der freiwilligen Beteiligung und der Vereinigung der
verschiedensten Altersklasen entsprechend, ein Zurücktreten
der lehrhaften Form, größerer Einfluß der
Bewegungs- und Leistungslust auf Auswahl und Ausführung der
Übungen, also eine Bevorzugung des Kunstturnens an
Geräten; dabei größere Freiheit sowohl für das
Vortreten von Stammeseigentümlichkeiten als für
individuelle Ausbildung. Das Schulturnen zeigt je nach der Art der
Schule und dem Alter und der Menge der Übenden bald eine mehr
spielartige Form des Betriebs, bald eine Annäherung an die
straffe militärische Drillung, wie besonders in der Form der
Gemeinübungen mit und ohne Geräte, oder auch an die
freiere Betriebsart der Vereine in Riegen unter Schülern als
Vorturnern. Doch weicht die letztere Form wegen der für sie zu
oft mangelnden Vorbedingungen mehr und mehr dem Turnen der
geschlossenen Schulklassen unter einzelnen Lehrern. Speziell das
Mädchenturnen bevorzugt unter Beschränkung der
Übungen an Geräten die tanzähnlichen Hüpfarten
und reigenartigen Ordnungsübungen. (Über Zimmergymnastik
und Heilgymnastik s. d.) In allen diesen Betriebsformen hat das
frühere meist Übungen verschiedenster Art regellos
durcheinander werfende Verfahren in den letzten Jahrzehnten mehr
und mehr dem auf der systematischen Gliederung des Turnstoffs
fußenden, Gleichartiges zusammenstellenden, schwierigere
Übungen stufenweise aus ihren Elementen entwickelnden sogen.
Schuleturnen, bez. Gruppenturnen Platz gemacht.
[Litteratur.] Aus der schon stark angewachsenen Litteratur des
Turnwesens sind außer den oben und in den betreffenden
Artikeln aufgeführten Werken von Spieß,
Waßmannsdorff, Jäger, Lion, Euler und Maul noch zu
erwähnen: a) Allgemeines: G. Hirth, Das gesamte Turnwesen
(Leipz. 1865, eine Sammlung von 133 Aufsätzen verschiedener
Verfasser mit geschichtlicher Einleitung); F. A. Lange, Die
Leibesübungen (Gotha 1863); Ed. Angerstein, Theoretisches
Handbuch für Turner (Halle 1870); b) für die
Übungslehre: A. Ravenstein, Volksturnbuch (3. Aufl., Frankf.
1876); Kloss, Katechismus der T. (6. Aufl., Leipz. 1887); Puritz,
Merkbüchlein für Vorturner (8. Aufl., Hannov. 1887; auch
ins Französische, Englische und Holländische
übersetzt); Derselbe, Handbüchlein turnerischer
Ordnungs-, Frei-, Hantel- und Stabübungen (2. Aufl., Hof
1887); c) für das Schulturnen: Niggeler, Turnschule für
Knaben und Mädchen (2 Tle.; 8. u. 5. Aufl., Zürich 1888
und 1877); Kloss, Die weibliche T. (4. Aufl., Leipz. 1889); F.
Marx, Leitfaden für den Turnunterricht in Volksschulen (4.
Aufl., Bensh. 1886); Derselbe, Das Mädchenturnen in der Schule
(das. 1889); Hausmann, Das Turnen in der Volksschule (4. Aufl.,
Weim. 1882); Stöckl, Das Schulturnen (Graz 1885); Schettler,
Der Turnunterricht in gemischten Volksschulklassen (Hof 1881);
Schurig, Hilfsbuch für das Gerätturnen in der Volksschule
(das. 1883); Schettler, Turnschule für Mädchen (2 Tle.;
6. u. 5. Aufl., Plauen 1887); d) Geschichtliches: Iselin,
Geschichte der Leibesübungen (Leipz. 1886); Brendicke,
Grundriß zur Geschichte der Leibesübungen (Köthen
1882); e) Verschiedenes: Kohlrausch, Physik des Turnens (Hof 1881);
Bach und Fleischmann, Wanderungen, Turnfahrten und
Schülerreisen (2. Aufl., Leipz. 1885-87, 2 Tle.); f)
Zeitschriften: "Deutsche Turnzeitung" (Leipz., seit 1856, Organ der
deutschen Turnerschaft); "Jahrbücher verdeutschen T." (hrsg.
von Kloss, Dresd., seit 1855; neue Folge hrsg. von Bier, Leipz.,
seit 1882); "Monatsschrift für das Turnwesen" (hrsg. von
Euler
60*
948
Turn-out - Turretin.
und Eckler, Berl., seit 1883); g) Literaturnachweis: Lentz,
Zusammenstellung von Schriften über Leibesübungen (4.
Aufl., das. 1881); "Bücherverzeichnis des Archivs der
deutschen Turnerschaft" (2. Aufl., Leipz. 1885); Brendicke,
Verzeichnis einer Turnvereinsbibliothek (Eisl. 1885).
Turn-out (engl., spr. törn-aut, "Ausrücken,
Herausgehen"), in England die Einstellung der Arbeit durch
Fabrikarbeiter in Masse.
Turnpike (engl., spr. törnpeik), Drehkreuz, in
England an Straßen bei Mauthäusern angebracht zum Zweck
der Erhebung des Wegegeldes, daher Turnpike-roads, Straßen
mit solchen Drehkreuzen.
Turnu-Magurele, Hauptstadt des rumän. Kreises
Teleorman (Walachei), am Einfluß der Aluta in die Donau,
gegenüber dem bulgarischen Nikopoli, mit lebhaftem Hafen
für Getreideausfuhr und 5780 Einw.; nach einigen
römischen Ursprungs. Hier 1598 Schlacht zwischen Michael dem
Tapfern und den Türken, 1853 zwischen Türken und
Russen.
Turnus (neulat.), die wiederkehrende Reihenfolge
irgendwelcher Verrichtungen, zu denen verschiedene Personen
berechtigt oder verpflichtet sind.
Turnu-Severin, Hauptstadt des Kreises Mehedintzi in der
Walachei, bedeutender Donauhafen und Station der Eisenbahn Chitila-
(Bukarest-) Verciorova, ist Sitz des Präfekten und eines
Tribunals und hat 9 Kirchen, eine Gewerbeschule, 8000 Einw. (meist
Fremde, darunter viele Deutsche), welche einen lebhaften
Handelsverkehr (namentlich mit Wolle und Fellen) sowie die
Getreideausfuhr nach Österreich und Deutschland vermitteln.
Hier hat die Donaudampfschiffahrtsgesellschaft eine Agentur, eine
ansehnliche Schiffswerfte, Maschinenbauwerkstätte (300
Arbeiter) und ein Hospital. Dabei die Pfeilerüberreste der von
Kaiser Trajan 104-106 n. Chr. erbauten steinernen Donaubrücke
sowie die Ruinen einer vom Kaiser Alexander Severus erbauten Burg,
von welcher die Stadt ihren Namen hat.
Turócz (spr. tuhroz), ungar. Komitat am linken
Donauufer, von den Komitaten Trentschin, Árva, Liptau, Sohl,
Bars und Neutra begrenzt, 1150 qkm (20,9 QM.) groß, bildet
eine ringsum von Karpathenzweigen umgebene, wellenförmige,
flache und fruchtbare Ebene. Im NO. erhebt sich das bewaldete
Fátragebirge. Den nördlichen Teil durchströmt die
Waag, in die sich der Fluß T. ergießt. Hauptprodukte
sind: Kartoffeln, Hafer, Heidekorn, Flachs, Hanf u. Holz; Getreide
wird wenig gewonnen. Die üppigen Wiesen und Triften
begünstigen die Viehzucht (besonders Schafzucht). Unter den
Mineralquellen verdienen die Thermen in Stuben Erwähnung. Die
Einwohner, (1881) 45,933 an der Zahl, sind meist Slawen, teils
katholisch, teils evangelisch. Das Komitat wird von der
Kaschau-Oderberger Bahn durchschnitten, an welche sich bei Ruttka
die Ungarische Staatsbahn anschließt. Sitz des Komitats ist
T.-Szent-Márton, Station der Ungarischen Staatsbahn, mit
Untergymnasium, Handelsschule, Bezirksgericht und (1881) 2341
Einw.
Turon, s. Kreideformation, S. 183.
Turopolje (ungar. Túrmezö), privilegierter
Distrikt im kroatisch- slawon. Komitat Agram, südlich von
Agram, mit 24 Ortschaften, deren Einwohner vom König Bela IV.
geadelt wurden und besondere Vorrechte erhielten. In letzter Zeit
hatte T. nur noch das Recht der selbständigen Verwaltung und
war in der Komitatskongregation durch einem Comes (Zupan)
vertreten. Hauptort ist Gorica velika, Dorf an der Bahnlinie
Agram-Sissek, mit 672 Einw. und Bezirksgericht.
Turpethum minerale, s. v. w. basisch schwefelsaures
Quecksilberoxyd.
Turpin, Johann, Benediktinermönch im Kloster
St.-Denis, ward 753 Erzbischof von Reims, befand sich 769 auf dem
zu Rom wegen der Bilderverehrung abgehaltenen Konzil und starb 800.
Die Angabe, daß T. Karls d. Gr. Geheimschreiber, Freund und
Waffengefährte gewesen sei, gehört ins Gebiet der Sage.
Die unter Turpins Namen vorhandene lateinische Chronik über
Karls Zug nach Spanien, die seit 1160 in einer lateinischen
Handschrift im Kloster St.-Denis aufbewahrt wird und Anfang des 12.
Jahrh. auf Befehl des damaligen Erzbischofs Guido von Vienne, des
spätern Papstes Calixt II., der eine 1050 in Compostela
verfaßte Schrift aus Spanien mitgebracht hatte, auf Grund
derselben verfaßt worden ist, enthält Lieder und Sagen
aus dem karolingischen Sagenkreis, doch in kirchlichem Interesse
und legendenartig umgestaltet. Die besten Ausgaben lieferten Ciampi
(Flor. 1822) und Reiffenberg (in der "Chronique de Philippe
Mouskes", Brüssel 1836, 2 Bde.); ins Deutsche übersetzte
sie Hufnagel (im "Rheinischen Taschenbuch" 1822). Vgl. Gaston
Paris, De Pseudo-Turpino (Par. 1865).
Turpithwurzel, s. Ipomoea.
Türr, Stephan, ungar. Patriot, geb. 10. Aug. 1825 zu
Baja, trat als Leutnant in ein ungarisches Grenadierregiment,
welches 1848 in Italien focht, ging im Januar 1849 zu den
Piemontesen über und organisierte eine ungarische Legion,
focht nach der Schlacht bei Novara auf seiten der Insurgenten in
Baden, trat 1854 in englische Dienste, ward 1855 auf einer Reise
behufs Ankaufs von Pferden in Pest verhaftet, aber wieder
entlassen, kämpfte 1859 als Hauptmann der Alpenjäger
unter Garibaldi gegen die Österreicher, 1860 in Sizilien und
Neapel und erlangte den Rang eines Divisionsgenerals, nachdem er
als Gouverneur von Neapel viel zu dessen Vereinigung mit Italien
beigetragen. 1866 bereitete er eine Insurrektion in Ungarn von
Serbien aus vor. 1867 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er, mit
Entwürfen von Kanalbauten und industriellen Unternehmungen
beschäftigt, lebt. Mitunter nahm er als vertrauter
Unterhändler zwischen Österreich, Italien und Frankreich
(so bei den Verhandlungen über ein Bündnis 1869-70) noch
an der Politik teil; seit 1881 leitet er den Bau des Kanals
über den Isthmus von Korinth. Vgl. Schwarz, Stephan T. (Wien
1868, 2 Bde.).
Turretin (Turretin), ein Genfer Theologengeschlecht,
abstammend von dem 1579 in die Schweiz eingewanderten Franz T. aus
Lucca. Sein Sohn Benedikt T., geb.1588 zu Zürich, ward in Genf
1612 Pfarrer und 1618 Professor der Theologie; er starb 1631.
Dessen Sohn Franz T., geb. 1623, bekleidete eine gleiche Stelle bis
1653 und starb 1687, nachdem er sich an der Herstellung des
Consensus helveticus (s. d.) beteiligt hatte, welcher dann 1706 auf
Bestreben seines Sohns wieder abgeschafft wurde. Dieser, Johann
Alfons T., geb. 1671, gebildet in Holland, England und Frankreich,
trat 1693 in geistlichen Dienst und lehrte seit 1697
Kirchengeschichte, daneben seit 1705 auch Dogmatik und übte
bis zu seinem 1. Mai 1737 erfolgten Tod einen großen und
wohlthuenden, durchaus ermäßigenden und auf Herstellung
der Union mit den Lutheranern gerichteten Einfluß auf die
reformierte Kirche in und außerhalb der Schweiz. Ebenso
erfreuten sich seiner Zeit seine dogmatischen und
kirchenpolitischen, exegetischen und kirchenhistorischen Werke
eines begründeten Ansehens. Vgl. die biographischen Schriften
von Budé über
949
Turris ambulatoria -- Tussilago.
Benedikt T. (Genf 1871), Franz T. (Laus. 1871) und Joh. Alfons
T. (das. 1880).
Turris ambulatoria, s. Wandelturm.
Türschmann, Richard, Recitator, geb. 26. Mai 1834 zu
Penig in Sachsen, besuchte die Thomasschule und die
Universität in Leipzig, ging dann zur Bühne und fand,
nachdem er an verschiedenen Orten aufgetreten war, am Hoftheater zu
Braunschweig als erster Charakterdarsteller Anstellung. Infolge
fast gänzlicher Erblindung warf er sich dann auf die Kunst der
dramatischen Recitation, die er seit 1872 mit großem und
verdientem Erfolg ausübte. Sein Repertoire umfaßt die
Meisterwerke Sophokles', Shakespeares, Goethes, Lessings etc., die
er alle frei aus dem Gedächtnis vorträgt. Seinen Wohnsitz
hat T. gegenwärtig in Blasewitz bei Dresden.
Tursellinus, s. Torsellino.
Tursi, Stadt in der ital. Provinz Potenza, Kreis
Lagonegro, Bischofsitz, mit Kathedrale, Baumwollbau und (1881) 3174
Einw.; wurde im 9. Jahrh. von den Arabern erbaut.
Turteltaube, s. Tauben, S. 535.
Turtle (engl., spr. törtl), Schildkröte;
Turteltaube.
Turtmanthal, linksseitiges Nebenthal des Rhône in
der Schweiz. Der Thalbach, als Abfluß des vom Weißhorn
herabsteigenden Turtmangletschers (s. Matterhorn),
durchfließt ein hohes, einsames Alpenthal und erreicht den
Rhône mit einem 24 m hohen Fall bei dem an der Bahnlinie
Bouveret-Brieg liegenden Orte Turtman (Tourtemagne).
Turtur (lat.), Turteltaube.
Turuchansk, Stadt im sibir. Gouvernement Jenisseisk, nahe
dem Polarkreis, an der Grenze, wo die Jagd- und Fischervölker
Ostjaken, Samojeden und Tungusen aneinanderstoßen, hat
hölzerne Befestigungen und (1886) 157 Einw., welche Pelzhandel
betreiben.
Turzovka, Dorf im ungar. Komitat Trencsin, an der
Kisucza, mit (1881) 6952 slawon. Einwohnern.
Tuscaloosa (spr. -lusa), Stadt im nordamerikan. Staat
Alabama, am schiffbaren Black Warrior River, ist Sitz der 1831
gegründeten Universität von Alabama und der
Staatsirrenanstalt und hat (1880) 2468 Einw. Bis 1847 war T.
Hauptstadt des Staats.
Tuscaróra, nordamerikan. Indianerstamm vom Volk
der Irokesen, früher am Tar und der Neuse in Nordcarolina
ansässig, wurde 1711 in einen Krieg mit den Kolonisten
verwickelt und zog sich infolge dessen ins Innere des Staats New
York zurück, wo die Reste des Stammes (1883: 434 Seelen) eine
Reservation bewohnen.
Tuscarora-Expedition, s. Maritime wissenschaftliche
Expeditionen, S. 257.
Tusch, das weder an Rhythmus noch Melodie gebundene, aber
innerhalb eines und desselben Akkords vor sich gehende
Durcheinanderblasen der Trompeter und Harmoniemusiker bei Toasten
etc. Burschikos (Touche) s. v. w. Beleidigung.