Die Geldgier der Ritter machte schon in der zweiten Hälfte

des 13. Jahrh. die Turniere zu Schauplätzen der Roheit und der

gemeinen Raubsucht. Im 14. Jahrh. wird das T. als ein adliges

Vergnügen noch eifrig gepflegt, besonders war Johann von

Luxemburg, der König von Böhmen, ein großer Freund

dieser Leibesübung. Auch im 15. Jahrh. finden noch viele

Turniere statt, aber es sind schon mehr bloße Schaustellungen

von persönlicher Geschicklichkeit; den Charakter eines

Reitermanövers haben sie verloren. In der Regel handelt es

sich nur um einen Zweikampf, der auch bei den schweren

Eisenrüstungen kaum mehr gefährlich ist, natürlich

nur ganz kurze Zeit andauern konnte. Über die verschiedenen

Arten des Turniers, das Stechen und Rennen, im hohen Zeug etc., hat

Q. v. Leitner in der Einleitung seiner Ausgabe des "Freidal, des

Kaisers Marimilian I. Turniere und Mummereien" (Wien 1880-82) wohl

das Beste veröffentlicht. Die Ritter hatten sich im 15. Jahrh.

zu Turniergesellschaften vereinigt, welche die neugeadelten

Kaufleute von ihren Kampfspielen ausschlossen, über die Art

des Turniers, die Ehrenhaftigkeit der Teilnehmer etc.

Beschlüsse faßten. Diese Partie des ehedem so

hochgeehrten Turnierbuchs von dem bayrischen Herold Georg

Rüxner (2. Ausg. 1532) ist wohl unbedingt glaubwürdig.

Kaiser Maximilian I. war ein eifriger Pfleger der Turnierkunst und

hat sich um die Ausbildung derselben viele Verdienste erworben.

Nach dem Tod Maximilians werden die Turniere seltener, und der

Unglücksfall, der 1559 dem französischen König

Heinrich II. das Leben kostete, brachte das eigentliche Waffenspiel

immer mehr in Mißkredit. Statt des Turniers wird nun beliebt

das ungefährliche Karussellreiten, das Ringelrennen, das

Stechen nach der Quintane und wie alle diese Spiele heißen,

die dem Reiter Gelegenheit boten, seine Kunst und Geschicklichkeit

ins beste Licht zu setzen. Dabei konnte aller Prunk entfaltet

werden, und so entsprach ein solches Fest allen Anforderengen, die

man im 17. und 18. Jahrh. an höfische Vergnügungen

stellte. Seit dem Tode des Königs August des Starken sind auch

diese Leibesübungen in Vergessenheit gekommen, nur bei

großen Hoffestlichkeiten werden von Zeit zu Zeit noch

Schauspiele veranstaltet, die zwar als "Turniere" zuweilen

bezeichnet werden, mit den mittelalterlichen Turnieren der

ältern Zeit aber nichts als den Namen gemein haben.

Turnierkragen, s. Beizeiten.

Turnikett, s. v. w. Tourniquet.

Turnips, s. v. w. Wasserrübe, Brassica rapa rapifera

(s. Raps); in einigen Gegenden s. v. w. Runkelrübe (s.

d.).

Turnkunst (Turnen), die Kunst der Leibesübung

(Gymnastik) in ihrer deutschen Entwickelungsform. Der Name stammt

vom Turnvater Jahn, der ihn als einen vermeintlich echt deutschen

dem altdeutschen turnan (drehen) entnahm, welches aber nur ein

Lehnwort aus dem griechisch-lateinischen tornare (runden, drehen)

ist, verwandt mit Turnier und Tour. Die T. umfaßt die

Gesamtheit der bei uns einer geregelten Ausbildung des menschlichen

Körpers um dieser selbst willen dienenden Leibesübungen,

bietet so aber auch die Grundlage für die bestimmten Zwecken

dienenden leiblichen Fertigkeiten, wie z. B. für den Tanz und

die militärischen Bewegungsformen, für Fechten und

Reiten, schließt aber solche nicht schon in sich. Sie ist

somit als allgemein vorbildend ein wesentlicher Teil der Erziehung

und eine Pflicht der letztern insofern, als ihr die Ausbildung der

menschlichen Kräfte innerhalb der Grenzen eines harmoni-

943

Turnkunst (geschichtliche Entwickelung in Deutschland).

schen Zusammenwirkens derselben obliegt. Durch letzteres

unterscheidet sie sich von der die leibliche Kraft und Gewandtheit

ausschließlich und berufsmäßig ausbildenden

Athletik wie von dem nur einzelne Fertigkeiten pflegenden Sporte.

Die T. hat mit ihrem Einfluß auf die Funktionen der

Leibesorgane eine wesentliche Bedeutung für die Gesundheit,

sowohl durch Bewegung, Kräftigung und Abhärtung Krankheit

verhütend als eingetretenen Störungen des Organismus

entgegenwirkend. Das Turnwesen bildet somit einen wichtigen Teil

der auf Volksgesundheitspflege gerichteten Bestrebungen. Da nun

aber Leib und Geist als Teile desselben Organismus in steter

Wechselwirkung stehen, so wird die leibliche Ausbildung zur Pflicht

nicht nur um des Leibes willen, sondern die T. kann und will auch

an ihrem Teil geistige Frische und Rüstigkeit, Selbstvertrauen

in die Leibeskräfte, männliche Wehrhaftigkeit, sittliche

Beherrschung des Leibes mit fördern helfen. Auf den Namen

einer Kunst hat die T. nur in bedingter Weise, aber insofern

Anspruch, als sie, wie die Baukunst und andres Kunsthandwerk, bei

der Ausführung ihrer einem praktischen Zweck dienenden

Übungen nach Schönheit der Form strebt. Auch werden

manche ihrer reigenartigen Gebilde in den Ordnungsübungen,

gewissen Formen der Tanzkunst verwandt, oft nur um der Gestaltung

wohlgefälliger Formen willen geschaffen. Für den

Zusammenhang der T. mit geistigen Bestrebungen ist bezeichnend,

daß, wie die griechische Gymnastik sich bei dem geistig am

höchsten und vielseiligsten entwickelten Volk des Altertums

findet, so auch die T. einer Zeit voll höchster geistiger

Regsamkeit und begeisterten patriotischen Aufschwunges ihren

Anstoß verdankt, und daß auch ihre weitern Schicksale

mit den Wandlungen unsers nationalen Geisteslebens engen

Zusammenhang zeigen.

[Geschichte.] Das Leben setzt in jeder Form ein gewisses

Maß leiblicher Fertigkeit und Übung voraus, und wenn man

von mönchisch-asketischen, auf Ertötung des

Leiblich-Sinnlichen gerichteten Bestrebungen absieht, konnte der

Nutzen leiblicher Kraft und Gewandtheit kaum irgendwo verkannt

werden, ja vielmehr hat sich die Lust an leiblicher Regung, in

welcher Form es auch sei, noch zu allen Zeiten geltend gemacht.

Daher finden sich auch in Deutschland seit der Zeit des

Mittelalters, wo die Bewegungslust mit dem Waffenhandwerk den Bund

zu ritterlichem Kampf- und Turnierwesen eingegangen war,

mannigfache Leibesübungen in den verschiedenen Kreisen unsers

Volkslebens, an welche vielfach dann die T. nur anzuknüpfen

brauchte (vgl. Gymnastik); so einmal als eine Art Nachklang jener

ritterlichen Zeit die Fechtkünste und das Voltigieren (s. d.)

am lebenden oder am nachgebildeten Pferd, wie besonders an

Universitäten und adligen Schulen; ferner die mehr allgemein

als Jugendspiele oder gelegentliche Volksbelustigungen auftretenden

Ballspiele (s. d.), das Ringen (s. d.), Wettlaufen, Klettern u. a.;

endlich besondere Fertigkeiten, wie Schwimmen, Schlittschuhlaufen

und die mancherlei Schießübungen mit Armbrust und

Feuergewehr. Der Leibesausbildung um ihrer selbst willen redeten

zuerst wieder Vertreter der in der Zeit vor der Reformation

erwachenden humanistischen Studien das Wort, die ja auch in dieser

Hinsicht auf das Vorbild des klassischen Altertums hinweisen

konnten; ein Zeugnis solcher Bestrebungen ist das Buch des

italienischen Arztes Hieron. Mercurialis: "De arte gymnastica" (2.

Aufl. 1573). Daß man seitdem besonders um der Erziehung

willen Leibesübungen befürwortete, ihre

Vernachlässigung beklagte, hier und da auch zu einem Versuch

leiblicher Schulung Hand anlegte, dafür sind Aussprüche

und Lehren von Männern wie Luther, Zwingli, Camerarius und

Comenius am bezeichnendsten. Auch von seiten der realistischen

philosophischen Betrachtung kam man wegen der Wirkung des

Sinnlichen auf das Geistige zu der Forderung einer geregelten

Leibeserziehung, wie besonders Locke in seinen "Gedanken über

Erziehung" (1693) als höchstes Ziel der Erziehung den gesunden

Geist im gesunden Körper hinstellte. Mit noch

größerm Nachdruck und weit allgemeinerer Wirkung

besonders auf das deutsche Erziehungswesen erhob dieselbe Forderung

J. J. Rousseau (s. d.) in seinem epochemachenden Erziehungsroman

"Émile" (1762), der ein Ideal naturgemäßer

Erziehung geben sollte gegenüber der unnaturlich

künstelnden Erziehung seiner Zeit. Zum Teil unter dem Eindruck

Rousseauscher Ideen und selbst wieder weitern Kreisen Anregung

gebend, machte in Deutschland Basedow in der 1774 zu Dessau ins

Leben gerufenen, Philanthropin genannten Erziehungsanstalt auch

zuerst den Versuch einer geregelten Leibesausbildung, zu der er den

Stoff teils aus den an den Ritterakademien dauernd in Pflege

erhaltenen Künsten des Tanzens, Fechtens, Reitens und

Pferdspringens, teils auf Anregung seines Gehilfen Joh. Friedr.

Simon der griechischen Gymnastik in den Übungen des Laufens,

Springens u. a., teils aus militärischen Bewegungsformen

entnahm. Von hier übertrug diese Übungen Salzmann in die

von ihm 1784 zu Schnepfenthal gegründete Erziehungsanstalt, in

welcher die Leibesübungen seit 1786 mit größter

Sorgfalt und nachhaltigster Wirkung J. Chr. Guts Muths (s. d.)

leitete, welchem außerdem das große Verdienst

gebührt, in seiner zuerst 1793 erschienenen "Gymnastik

für die Jugend" öffentlich nicht nur als ein begeisterter

Fürsprecher der Leibesübungen aufgetreten zu sein,

sondern auch besonders den von ihm in emsigem Nachforschen und

Prüfen stark erweiterten und geordneten Übungsstoff

weitern Kreisen erschlossen zu haben. Zu gleicher Zeit gab G. U. A.

Vieth in Dessau (1763-1836) in seinem "Versuch einer

Encyklopädie der Leibesübungen" (Tl. 1 u. 2, 1794-95; Tl.

3 mit Nachträgen, 1818) sowohl eine Übersicht der

Leibesübungen vieler Völker aus alter und neuer Zeit als

auch den ersten Versuch einer systematischen Einteilung der

Leibesübungen. Auch Pestalozzi stellte sich seit 1807 in der

Schweiz die Aufgabe, Leibesübungen nach einem der

Bewegungsfähigkeit der Körperteile folgenden

systematischen Plan zu erfinden und zu üben. Der sogen.

Tugendbund (s. d.) machte 1809 den ersten Versuch mit Einrichtung

eines öffentlichen Turnplatzes zu Braunsberg. Während

aber die bisher angegebenen Anregungen nur zu ganz vereinzelter

Einführung der Leibesübungen und meist an geschlossenen

Erziehungsanstalten geführt hatten, war es das Verdienst von

F. L. Jahn (s. d.), mit dem nach Deutschlands tiefer Erniedrigung

in den Napoleonischen Kriegen zumal in Preußen erwachenden

ernsten Streben nach einer Wiedergeburt unsers Volks- und

Staatslebens und unsrer Wehrkraft, wie es sich besonders in Arndts

"Geist der Zeit", in Fichtes "Reden an die deutsche Nation", in

Jahns "Volkstum", in Steins Reformen und in den

Gneisenau-Scharnhorstschen Plänen zur Einführung einer

allgemeinen Wehrpflicht zeigte, den lauten Ruf nach einer

"volkstümlichen" Leibeskunst zu verbinden und mit Einsetzung

seiner ganzen kraftvollen, jugendliche Begeisterung weckenden

Persönlichkeit in Berlin dieser "T." die erste

öffentliche Stätte zu bereiten. Im

944

Turnkunst (Bankanstalten, Unterricht).

Frühjahr 1811 wurde von ihm der Turnplatz in der Hasenheide

bei Berlin eröffnet, von dem aus durch seine Schüler die

Keime einer wirklich jugendfrischen, die Knaben in ihrer Vollkraft

packenden Leibeskunst bald auch nach andern Orten Deutschlands,

insbesondere an die Hochschulen Halle, Jena und Breslau, verpflanzt

wurden. Nachdem das Treiben auf dem Turnplatz natürlich durch

die Unruhe der folgenden Kriegsjahre beschränkt worden, auch

manche der eifrigsten Jünger der Turnsache, wie besonders

Friedr. Friesen (s. d.), im Feld geblieben waren, wurde die Sache

mit erneutem Eifer und größerer Vertiefung und Sichtung

des Übungsstoffes wieder aufgegriffen. Den letztern durch

Einführung von reicher Ausnutzung fähigen Geräten,

wie des Recks und des Barrens, erweitert und über das Gebiet

der einfachen volksüblichen Übungen noch mehr erhoben zu

haben, ist neben seiner Sorge für die sprachliche Bezeichnung

(s. unten) Jahns entscheidendes technisches Verdienst um die T. Die

Ergebnisse dieser Bemühungen sind von ihm in der 1816 mit

seinem Schüler E. Eiselen zusammen herausgegebenen "Deutschen

T." niedergelegt. Die in dieser Zelt im Gegensatz zu der erwarteten

freiheitlichen Gestaltung unsers Staatslebens eintretende Reaktion

glaubte natürlich gegen die mit freiheitlichen und nationalen

Ideen erfüllten, dazu allerdings hier und da auch ungebundenes

und ungeschlachtet, renommistisches Wesen zur Schau tragenden

Jahnschen Turnerscharen besonderes Mißtrauen hegen zu

müssen. Die Schattenseiten des turnerischen Treibens und das

unreife Gebaren von Mitgliedern der mit der Turnerei enge

Fühlung unterhaltenden Burschenschaften auf dem Wartburgsest

(18. Okt. 1817) veranlaßten zunächst die litterarische

Breslauer Turnfehde, die besonders durch Henrich Steffens (s. d.)

und K. A. Menzel auf gegnerischer Seite, auf turnerischer

geführt ward von Franz Passow, Chr. W. Harnisch (s. d.) und

dem Hauptmann W. v. Schmeling, dem Verfasser von "Die Landwehr,

gegründet auf die T." Nach Kotzebues Ermordung durch den

Burschenschafter und Turner Sand (1819) folgte die Schließung

sämtlicher (über 80) preußischen, bald auch der

meisten andern deutschen Turnplätze und Jahns Verhaftung. Nun

wurde zwar auch während dieser Zeit der sogen. Turnsperre an

nicht wenigen Orten fortgeturnt, und namentlich hatte Ernst Eiselen

(s. d.) Verdienste um die dauernde Pflege und innere Weiterbildung

der T., desgleichen Klumpp in Stuttgart, H. F. Maßmann (s.

d.) in München; der eigentliche Lebensnerv war aber der Sache

durch den Ausschluß der Öffentlichkeit und Jahns

erzwungene Fernhaltung unterbunden. Erst der durch Ignaz Lorinsers

(s. d.) Schrift "Zum Schutz der Gesundheit in den Schulen"

hervorgerufene Schulstreit über die körperliche

Schädigung der Jugend durch den Schulunterricht, ferner die

Erweckung des deutschen Nationalgefühls durch die

französischen Rheingrenzgelüste im J. 1840 und der

gleichzeitige Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. brachten

für die Turnsache wieder bessere Zeiten; durch die

Kabinettsorder vom 6. Juni 1842 wurden die Leibesübungen als

ein "notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der

männlichen Erziehung" anerkannt und 1843 Maßmann behufs

Einrichtung des Turnunterrichts im preußischen Staat nach

Berlin berufen. Während jedoch letzterer an die

Überlieferungen des Jahnschen, eine gemeinsame Beteiligung von

jung und alt auf den Turnplätzen voraussehenden, also Schul-

und Vereinsturnen noch nicht scheidenden Turnbetriebs enger

anknüpfte, als es sich mit der Aufgabe einer allgemeinen

Einführung des Turnens an den Schulen vertrug, war

mittlerweile durch Adolf Spieß (s. d.), welcher die Gebiete

der Frei- und Ordnungsübungen erschlossen, den turnerischen

Übungssteff systematisch gegliedert und mit Rücksicht auf

das Schulturnen beider Geschlechter reich entwickelt hatte, der T.

die nötige Ergänzung zu teil geworden, um als

Schulunterrichtsfach allgemein zur Einführung gelangen zu

können.

[Bilduugsanstalten. Unterricht.] Für die weitere

Entwickelung des Schulturnens und die methodische Verarbeitung des

Übungsstoffes war nicht ohne Bedeutung die Gründung von

Turnlehrerbildungsanstalten, wie der zu Dresden (1850) unter dem

auch als fruchtbarer Turnschriftsteller wirkenden Moritz Kloss

(gest. 1881, seitdem unter Bier) und der preußischen

Zentralturnanstalt zu Berlin. Die letztere, die 1851-77 die

Abteilungen für die Ausbildung von Militär- und

Zivilturnlehrern vereinigte, suchte unter Rothsteins (s. d.)

Oberleitung (bis 1863) die auf Lings (s. d.) System beruhende,

sogen. schwedische Gymnastik zur Einführung zu bringen, die

aber von seiten der deutschen T. entschieden und erfolgreich

bekämpft wurde und auch mehr und mehr dem deutschen Turnen

Platz machte, in der Zivilabteilung, die 1877 in eine

selbständige Turnlehrerbildungsanstalt umgewandelt wurde,

unter Karl Eulers (s. d.) Vermittelung. Für Württemberg

besteht eine Turnlehrerbildungsanstalt seit 1862 in Stuttgart unter

Otto Jäger (s. d.), der ein eignes Turnsystem eingeführt

hat, für Baden seit 1869 in Karlsruhe unter Maul (s. d.),

für Bayern in München seit 1872 unter Weber. Auch

für Turnlehrerinnen bieten die meisten der gedachten Anstalten

neuerdings entsprechende Ausbildungsgelegenheit. In einzelnen

kleinern deutschen Staaten werden Turnlehrerausbildungskurse von

Zeit zu Zeit durch geeignete Kräfte abgehalten. - Auch die

Turnlehrerversammlungen, deren seit 1861 an verschiedenen Orten

zehn stattgefunden, haben durch Vorträge, Verhandlungen und

Vorführungen zur Förderung des Turnunterrichts und

Klärung der für ihn geltenden Grundsätze

beigetragen.

Der Turnunterricht ist jetzt in Deutschland an den höhern

Schulen und den Seminaren so gut wie allgemein, wenn auch an vielen

Orten noch in unzulänglicher Form, eingeführt; auch

für die Knabenvolksschulen ist er in den meisten Staaten, in

Preußen seit 1862, in Baden seit 1868, in Sachsen seit 1873,

in Württemberg seit 1883, gesetzlich zur Pflicht gemacht,

läßt aber hier noch vieles, an den Landschulen

vielerorts noch so gut wie alles zu wünschen übrig. Mit

dem Turnunterricht an Mädchenschulen ist man bisher meist nur

in Städten vorgegangen. In der Regel beschränkt sich die

Einführung des Schulturnens auf zwei wöchentliche

Unterrichtsstunden, und selbst diese können wegen Mangels

geeigneter Winterturnräume noch nicht überall das ganze

Jahr hindurch fortgesetzt werden. Schulneubauten in Städten

erhalten jetzt in der Regel eigne Schulturnhallen. Außer dem

Schulturnen werden auch an nicht wenigen Orten noch Turnspiele

gepflegt, besonders seit dem dahin gehenden Erlaß des

preußischen Ministers v. Goßler vom Oktober 1882. Eine

Übersicht über die Entwickelung des Turnunterrichts und

seinen Stand um das Jahr 1870 gibt die "Statistik des Schulturnens

in Deutschland", hrsg. von I. K. Lion (Leipz. 1873); vgl. Pawel,

Kurzer Abriß der Entwickelungsgeschichte des deutschen

Schulturnens (Hof 1885). Vgl. auch Euler und Eckler, Verordnungen

und amtliche Bekanntmachungen, das Turnwesen in

945

Turnkunst (Vereine; das Turnen außerhalb

Deutschlands).

Preußen betreffend (Leipz. 1869); Rud. Lion, Verordnungen

und amtliche Bekanntmachungen, das Turnwesen in Bayern betreffend

(2. Aufl., Hof 1884). - In der preußischen Armee wurde das

Turnen durch die "Instruktion für den Betrieb der Gymnastik

und des Bajonettfechtens bei der Infanterie" von 1860 als den

übrigen Dienstzweigen gleichtrechtigt anerkannt und geregelt.

An die Stelle dieser seit 1871 für das ganze deutsche Heer

maßgebenden Instruktion traten 1876 die "Vorschriften

über das Turnen der Infanterie", die 1886 in veränderter

Form erschienen. Entsprechend traten an die Stelle der "Instruktion

für den Betrieb der Gymnastik bei den Truppen zu Pferde" vom

Jahr 1869 die "Vorschriften über das Turnen der Truppen zu

Pferde" vom Jahr 1878.

[Vereine.] Auch das Vereinsturnwesen hat seit den 40er Jahren

mehr und mehr an Boden gewonnen, am raschesten in Sachsen, am

Mittelrhein und in Württemberg; dasselbe ist auch auf die

Einführung des Jugendturnens wie auf die technische Gestaltung

des Turnbetriebs von großem Einfluß gewesen. Besondere

Anregung für die Vereinsbildung gab, nachdem auch hierin nach

1848 ein Rückschlag eingetreten, der Aufschwung unsers

Nationalgefühls im Jahr 1859; die deutschen Turnfeste zu

Koburg (1860), Berlin (1861) und Leipzig (1863) gaben unter

steigender Beteiligung und Begeisterung dem neuerwachten

turnerischen Leben Ausdruck und neue Anregung. Die Anzahl der

Vereine war von kaum 100, die sich bis 1859 erhalten hatten, bis

1864 auf 1934 mit gegen 200,000 Angehörigen gestiegen. Die

Kriege der nächstfolgenden Zeit wirkten auf die

Vereinsthätigkeit hemmend; doch war, während die

Statistik von 1869 nur noch gegen 1550 Vereine aufwies, deren

Anzahl schon 1876 wieder auf 1789 mit gegen 160,000 Mitgliedern

gestiegen und betrug nach stetigem Wachstum 1889 an etwa 3600 Orten

4300 mit gegen 370,000 Mitgliedern über 14 Jahre, darunter

50,000 Zöglinge. An Turnübungen nahmen teil 190,000 unter

18,600 Vorturnern und zwar auch im Winter aus 3400 Vereinen; eigne

Turnplätze besitzen 512, eigne Turnhallen 238 Vereine. (Vgl.

die "Statistischen Jahrbücher der Turnvereine Deutschlands"

von G. Hirth 1863 u. 1865, das dritte "Statistische Jahrbuch" von

Goetz und Böhme 1871 und "Turnzeitung" 1889, Nr. 27.) Die

große Masse dieser Vereine (zur Zeit 3850) bildet, nachdem

sie von 1860 an durch einen ständigen Ausschuß vertreten

war, seit 1868 die Deutsche Turnerschaft, deren Grundgesetz 1875

neugestaltet, 1883 und 1887 revidiert worden ist. Dieselbe ist in

17 Kreise geteilt: Kreis I umfaßt den Nordosten, II Schlesien

und Südposen, IIIa Pommern, IIIb die Mark, IIIc die Provinz

Sachsen, IV den Norden, V Niederweser und Ems, VI Hannover, VII

Oberweser, VIII Niederrhein und Westfalen, IX Mittelrhein, X

Oberrhein, XI Schwaben, XII Bayern, XIII Thüringen, XIV das

Königreich Sachsen, XV Deutsch-Österreich. Jeder dieser

Kreise ist in sich besonders organisiert, in Gaue gegliedert und

hat an seiner Spitze einen Kreisvertreter. Letztere bilden mit

fünf vom Turntag zu wählenden Mitgliedern den

Ausschuß der Deutschen Turnerschaft. An der Spitze des

letztern stand von 1861 bis 1887 Theodor Georgii (Rechtsanwalt in

Eßlingen, geb. 1826 daselbst u. wohlverdient besonders um das

schwäbische Turnwesen; vgl. seine "Aufsätze und

Gedichte", hrsg. von I. K. Lion, Hof 1885); ihm folgte A. Maul (s.

d.). Geschäftsführer der Deutschen Turnerschaft ist seit

1861 der um die deutsche Turnsache hochverdiente Dr. med. Ferd.

Goetz (geb. 1826 zu Leipzig, praktischer Arzt in Lindenau, seit

1887 Abgeordneter zum deutschen Reichstag; vgl. seine

"Aufsätze und Gedichte", Hof 1885). Aus den Abgeordneten der

Deutschen Turnerschaft (auf je 1500 Turner einer) werden die in der

Regel alle vier Jahre abgehaltenen Turntage gebildet. Die

Turnfestordnung enthält insbesondere die Bestimmungen der

Wettturnordnung (s. d.). Weiteres über die Organisation der

Deutschen Turnerschaft s. Goetz, Handbuch der Deutschen

Turnerschaft (3. Ausg., Hof 1888). Das vierte deutsche Turnfest hat

1872 in Bonn stattgefunden, das fünfte 1880 in Frankfurt, das

sechste 1885 in Dresden, die letztern beiden von 9800, resp. 18,000

Turnern besucht und große Fortschritte in den

vorgeführten Leistungen aufweisend. Das siebente, 1889 in

München abgehaltene war von 21,000 Turnern besucht.

Leibesübungen außerhalb Deutschlands.

Die Wiederbelebung der Gymnastik in der deutschen T. hat auch

den meisten Kulturländern außerhalb Deutschlands zu

geregelter Pflege der Leibesübungen die Anregung und vielfach

auch den Stoff gegeben; insbesondere sind der Aufschwung des

deutschen Vereins- und Schulturnens seit dem Jahr 1859 sowie

Deutschlands Kriegserfolge in den darauf folgenden Jahren, vielfach

auch die Gründung von Turnvereinen durch Deutsche im Ausland

die Veranlassung gewesen, sich in Förderung und Betrieb von

Leibesübungen mehr oder minder eng an das Vorbild des

deutschen Turnens anzuschließen. Schon die Wirksamkeit von

Guts Muths hat im Ausland kaum weniger Nachfolge gefunden als bei

uns. So haben vor allem in Dänemark die Leibesübungen

nach seinem Vorbild durch F. Nachtegall früh Eingang und

seitdem in Schule und Heer, weniger im Vereinsturnen, Verbreitung

gefunden. Schon 1827 wurde hier Turnunterricht für alle

Knabenschulen vorgeschrieben. Auf in Dänemark erhaltenen

Anregungen fußend, hat in Schweden P. H. Ling (s. d.) ein

eignes System der Gymnastik aufgestellt, das bei uns so genannte

schwedische Turnen, aber im Gegensatz zu der aus lebendiger Praxis

herausgewachsenen deutschen T. auf Grund von dürren,

scheinwissenschaftlichen anatomischen und physiologischen

Spekulationen. Dasselbe hat, abgesehen von seiner Verwendung als

Heilgymnastik (s. d.), außer Schweden vorübergehend

durch Rothstein (s. d. und oben) in Preußen Eingang gefunden.

An den Schulen Schwedens, wenigstens den höhern, werden jetzt

die Leibesübungen, und zwar nicht mehr in der vollen

Einseitigkeit des Lingschen Systems, in ausreichenderer Zeit

gepflegt als in Deutschland; auch werden sie hier und in Norwegen

durch Vereine (in Schweden i. J. 1885: 46 mit 2500 Mitgliedern)

betrieben. Am unmittelbarsten ist mit der Entwickelung der

deutschen T. außer den Erziehungsanstalten der deutschen

Ostseeprovinzen Rußlands das Turnwesen Österreichs und

der Schweiz Hand in Hand gegangen. In den deutschen Ländern

Österreichs, vor allen in Siebenbürgen, wurde das Turnen

nach den Befreiungskriegen vereinzelt in Schulen und Vereinen

gepflegt; das Mißtrauen der Behörden wich auch hier nach

1848 allmählich einer wohlwollenden Duldung, bis der

Turnunterricht seit 1869 an allen Knabenvolksschulen, fast

allgemein an den Realanstalten und zumeist an den Gymnasien

gesetzlich eingeführt wurde. Dies war auch hier wesentlich mit

eine Folge großer Verbreitung und rühriger

Thätigkeit der Turnvereine seit 1860. Letztere blieben mit der

deutschen Turnerschaft (als deren XV. Kreis, s. oben) dauernd

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl. XV. Bd.

60

946

Turnkunst (Turngeräte).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 273 / 302 段