Alle T. betrachten den Raub als eine vollständig gestattete

Erwerbsquelle; sie leben deshalb in fast steter Feindschaft

untereinander, sind aber besonders eine entsetzliche Geißel

für die benachbarten Völkerschaften, zumal wenn sie als

Sunniten den Schiiten gegenüberstehen. Nachdem aber

Rußland bis in das Herz Turkmeniens vorgedrungen ist, wird

diesen Räubereien wohl bald ein Ziel gesetzt werden, zumal

wenn Persien in seinen Nordprovinzen einen größern

Widerstand leistet, als dies jetzt der Fall ist. Das einzige, was

die T. achten, ist die Macht der Stärke und das Adat, das

uralte Gewohnheitsrecht. Die Stämme wählen wohl aus ihrer

Mitte Chane; doch haben diese keinerlei Gewalt, wenn sie auch durch

persönliche Vorzüge zuweilen bedeutenden Einfluß

ausüben. Die Mollas sind wenig geachtet, wie überhaupt

die T. sich leicht über die Lehren des Korans hinwegsetzen. Je

mehr aber die seßhafte Lebensweise Platz greift, desto mehr

werden die T. auch einer gesellschaftlichen Ordnung zugänglich

werden. Die den Frauen zugestandene geachtete Stellung, die Liebe

zu den Kindern, das Halten des gegebenen Wortes und stete

Gastfreiheit sind als Charaktereigenschaften hervorzuheben. Dabei

sind sie äußerst mäßig. Ein magerer,

zäher Körper, fast bronzefarbige Gesichter mit kleinen,

tief liegenden Augen, schwarze Haare, ungewöhnlich weiße

Zähne, lange Bärte kennzeichnen das Äußere.

Das nationale Kostüm besteht aus einem weiten, langen Gewand,

je nach dem Stand von Seide oder einem andern Stoff, und hohen

Lammfellmützen, welche die Frauen durch einen um den Kopf

gewundenen Shawl ersetzen. Letztere lieben und tragen viel Schmuck

und verhüllen sich nicht. Zur Wohnung dient die Filzjurte, in

welcher die Frauen frei schalten. Gewöhnlich hat der Turkmene

zwei Frauen, für welche er einen gewissen Kaufpreis zu zahlen

hat. Die Ehe kann aber willkürlich gelöst werden.

Ackerbau, Gartenbau, Fischerei, Viehzucht sind je nach den

Wohnplätzen die Hauptbeschäftigungen. Die Jagd wird nicht

sehr kultiviert. Die Industrie beschränkt sich auf Anfertigung

von Reitzeug, Kamelhaartuch, Ackergerätschaften etc.; die

Fischerboote, in Hassan Kuli gefertigt, und die Teppiche der Teke

haben einen großen Ruf. Vorläufig ist von Handel noch

keine Rede, daß aber die Transkaspische Eisenbahn in dieser

Beziehung einen Umschwung hervorbringen wird, dürfte kaum

bezweifelt werden. Vgl. "Petermanns Mitteilungen", Bd. 26 (1880);

v. Hellwald, Zentralasien (Leipz. 1880); Wenjukow, Die

russisch-asiatischen Grenzlande (deutsch, das. 1874);

Vambéry, The Turkomans between the Caspian and Merw (im

"Journal of the Anthropological Institute etc.", Februar 1880);

Weil, La Tourkménie et les Tourkmènes (Par. 1880);

Vambéry, Das Türkenvolk (Leipz. 1885).

Turkos, frühere Bezeichnung für die heutigen

Tirailleure Algeriens, afrikanische Fußtruppe der

französischen Armee, 1842 errichtet, jetzt 4 Regimenter

à 4 Bataillone zu je 4 Kompanien und einer Depotkompanie.

Die Offiziere vom Hauptmann aufwärts und pro Kompanie zwei

Leutnants sind Franzosen. Ihre Uniform entspricht der arabischen

Tracht: hellblaue Jacke und Weste, Turban, Burnus, Gamaschen

etc.

Turksinseln, Inselgruppe der brit. Bahamainseln

(Westindien), bestehend aus der Insel Grand Turk (18 qkm mit 2500

Einw.) und dem kleinern Inselchen Salt Cay (s. d.). Grand Turk ist

niedrig und sandig und liefert außer Fischen und

Schildkröten noch Salz. Es bildet mit den Caicos (s. d.) einen

Verwaltungsbezirk, der seit 1874 vom Gouverneur von Jamaica

abhängt, und insgesamt ein Areal von 575 qkm (10,4 QM.) mit

(1881) 4732 Einw. hat. Die Ausfuhr belief sich 1887 auf 26,015 Pfd.

Sterl., die Einfuhr auf 26,721 Pfd. Sterl. Lokalrevenue 1887: 6203

Pfd. Sterl.

Turlupin (franz., spr. türlüpäng),

ursprünglich Name einer übel berüchtigten

fanatischen Sekte, die im 13. und 14. Jahrh. in Frankreich

umherzog; dann Beiname des französischen Komikers Legrand

unter Ludwig XIII., daher s. v. w. Possenreißer. Turlupinade,

Hanswurstiade, Hänselei.

Turm, Gebäude von regulär prismatischer oder

cylindrischer Grundform, dessen Höhe die Abmessungen seiner

Grundfläche mehr oder minder bedeutend übertrifft. Die

Türme werden meist andern Gebäuden, wie Kirchen,

Schlössern, Rathäusern, Stadtthoren, Festungen,

angefügt und mit ihnen zu einem architektonischen Ganzen

verbunden, oder sie stehen isoliert. Bei der ägyptischen

Baukunst erkennen wir in den Pylonen ihrer Tempel und in ihren

Pyramiden die ersten Vorläufer der Turmbauten; von den

Griechen ist uns nur der achteckige, mit niederm Zeltdach versehene

"T. der Winde" (s. Tafel "Baukunst IV", Fig. 10) erhalten. Die

Römer kannten nur feste, oben mit Plattform und Zinnen

versehene Verteidigungstürme. Ähnlich waren die meist

runden oder quadratischen Festungstürme des Mittelalters,

welche oft noch eine Laterne auf den Zinnen oder einen kurzen

Steinhelm erhielten. Indes zeigten sich die Türme hier

überall noch als mehr oder minder willkürliche An- oder

Aufbauten. Erst der christlichen Baukunst war es vorbehalten, die

Türme zu einem integrieren-

940

Turma - Turmalin.

den Bestandteil der Kirchen und ihrer Architektur zu machen,

indem man in der Zeit Konstantins die christlichen Tempel mit

Glockentürmen zu versehen begann. Dieselben waren anfangs rund

und trugen einen Pavillon mit niedrigem Zeltdach, später

wurden sie viereckig, geböscht und mit einem Pavillon unter

hohem Zeltdach geschlossen. Anfangs standen die Türme isoliert

neben der Kirche; eine organische Verbindung des Turms mit der

Kirche zeigt sich erst im romanischen Stil. Die echt

architektonische Ausbildung und vollkommen organische Verbindung

mit den übrigen Gebäudeteilen zu einem Ganzen erhielten

die Türme aber erst in dem gotischen Kirchenbaustil, dessen

Idee in dem Bau des Turms ihren eigentlichen Ausdruck findet. Unter

die sowohl durch den Adel ihrer Bauart als die Höhe ihrer

Helme ausgezeichneten Turmbauten gehören unter andern die

Münster und Kirchen zu Köln, Straßburg, Freiburg,

Wien, Magdeburg, Marburg, Regensburg, Nürnberg, Trier,

Antwerpen, Brüssel, Venedig und Mailand. Der für die

Pariser Weltausstellung von 1889 auf dem Marsfeld von Eiffel und

Sauvestre errichtete T. ist 300 m hoch, bedeckt eine

Grundfläche von mehr als 1 Hektar und ruht auf vier

Mauerwerkskörpern, die durch Mauern zu einem Fundament

vereinigt sind. Der T. hat das Aussehen eines riesigen

Gerüstes, ist ganz aus Eisen konstruiert und enthält in

60 m Höhe das erste, in 115 m Höhe das zweite und in 275

m Höhe das dritte Stockwerk. Eine 250 qm große

Glaskuppel krönt den T. In quadratischen Röhren an den

vier Ecken des Turms befinden sich Treppen und acht hydraulische

Aufzüge. Die Erbauungskosten sollen 5-6 Mill. Frank betragen.

Vgl. Schmidt, Vergleichende Darstellung der höchsten

Denkmäler und Bauwerke (Berl. 1881); Sutter u. Schneider,

Turmbuch (das. 1888).

Übersicht der höchsten Türme.

Paris: Eiffelturm 300 m.

Washington: Washingtondenkmal (projektiert) 175 m.

Köln: Dom 156 m.

Rouen: Kathedrale 151 m.

Ulm: (projektiert) Münster 151 m.

Hamburg: Nikolaikirche 147 m.

Reval: Olauskirche 145 m.

Hamburg: Michaeliskirche 143 m.

Rom: Peterskirche 143 m.

Straßburg: Münster 142 m.

Riga: St. Peter 140 m.

Pyramide des Cheops 137,2 m.

Wien: St. Stephan 136,7 m.

Pyramide des Chefren 136,4 m.

Hamburg: Petrikirche 134,5 m.

Landshut: Martinskirche 133 m.

Rostock: Petrikirche 132 m.

Amiens: Kathedrale 130 m.

Petersburg: Peter-Paulsk. 128 m.

Lübeck: Marienkirche 124 m.

Antwerpen: Dom 123 m.

Hamburg: Katharinenk. 122 m.

Freiburg i. Br.: Münster 122 m.

Brüssel: Justizpalast 122 m.

Salisbury: Kathedrale 122 m.

Brügge: Liebfrauenkirche 120 m.

Cremona: Torrazzo 120 m.

Paris: Notre Dame (proj.) 120 m.

Florenz: Dom 119 m.

Gent: Belfried 118 m.

Chartres: Kathedrale 115 m.

Brüssel: Rathaus 114 m.

Hamburg: Jakobikirche 114 m.

Lüneburg: Johanniskirche 113 m.

London: St. Paulskathedrale 111 m.

Sevilla: Giraldakirche 111 m.

Dschagaunath: Pagode 110 m.

Breslau: Elisabethkirche 108 m.

Brügge: Hallenturm 107,5 m.

Wien: Rathaus 107 m.

Bordeaux: St.-Michel 107 m.

Chartres: Kathedrale 106,50 m.

Mailand: Dom 105 m.

Groningen: Martinikirche 105 m.

Paris: Invalidendom 105 m.

Moskau: Erlöserkirche 105 m.

Magdeburg: Dom 103,6 m.

Utrecht: Dom 103 m.

London: Parlamentsgeb. 102 m.

Augsburg: Dom 102 m.

Petersburg: Isaakskirche 102 m.

Nördlingen: Georgskirche 102 m.

Brannschweig: Andreask. 101 m.

Dresden: Schloßturm 101 m.

München: Frauenkirche 99 m.

Berlin: Petrikirche 96 m.

Berlin: Rathaus 88 m.

Meißen: Dom 78 m.

Schiefe Türme oder Turmhelme verdanken ihre Abweichung von

der lotrechten Stellung entweder einseitiger Senkung oder einer

beabsichtigten Baukünstelei. Bei dem berühmten schiefen

Glockenturm zu Pisa streitet man zur Zeit noch über den Grund

der Abweichung seiner Achse vom Lot, während man z. B. den

schiefen Turmhelm der Pfarrkirche in Gelnhausen als das

Kunststück eines Zimmermeisters zu betrachten hat, da er nicht

nur geneigt, sondern auch spiralförmig gewunden ist.

In der Kriegsbaukunst war der Gebrauch von Türmen schon bei

den Alten und im Mittelalter an der äußern Seite der

Stadtmauern in teils runder, teils viereckiger Gestalt zur

Ermöglichung der Seitenverteidigung üblich. Der Hauptturm

einer jeden Burg hieß Bergfried, bei den Burgen des Deutschen

Ordens bildete ein T. (Danziger) ein vorgeschobenes

Außenwerk. Nach Erfindung des Schießpulvers wurden sie

enger mit den Mauern verbunden, und es entstanden aus ihnen die

Bastione, während eigentliche Türme außer Gebrauch

kamen. Erst später wandte sie Vauban unter dem Namen

Bollwerkstürme wieder an. Montalembert verbesserte diese

Türme und gab ihnen eine vielfach veränderte Gestalt. Sie

sind kasemattiert und so eingerichtet, daß die innern

Gewölbe nicht auf den äußern Umfassungsmauern,

sondern auf innern Strebepfeilern ruhen und in bedeckten

Geschützständen mehrere Reihen Geschütze

übereinander stehen. Ähnlich eingerichtet sind die sogen.

Martellotürme (s. d.) in England zur Küstenverteidigung.

In neuester Zeit kommen Türme, mit Eisenpanzerung versehen und

mit ihrem obern Teil auf einer Unterlage drehbar, bei

Landbefestigungen, namentlich aber zum Küstenschutz und auf

den Kriegsschiffen selbst vor. Vgl. Panzerungen.

Turma (lat., "Haufe, Trupp"), die kleinste taktische

Abteilung in der Reiterei der alten Römer und ihrer

Bundesgenossen, betrug bei den erstern 30, bei den letztern 60 Mann

und hatte eine eigne Fahne.

Turmair, Johannes, s. Aventinus.

Turmalin (Schörl), Mineral aus der Ordnung der

Silikate (Turmalingruppe), kristallisiert rhomboedrisch,

ausgezeichnet hemimorphisch, meist mit vorwaltender,

gewöhnlich stark gestreifter Säule. Er findet sich aber

auch in derben, stängeligen (Stangenschörl) und

faserigen, auch körnigen Varietäten; er ist selten

farblos und durchsichtig, gewöhnlich grau, gelb, grün,

blau (Indikolit), rot (Rubellit), braun oder schwarz (Schörl),

glasglänzend, durchsichtig bis undurchsichtig, wird durch

Reiben oder Erhitzen stark elektrisch (daher sein Name:

Aschenzieher); Härte 7-7,5, spez. Gew. 2,94-3,21. Die

chemische Zusammensetzung des T. ist eine äußerst

komplizierte; nach Rammelsberg lassen sich indessen alle

Varietäten als isomorphe Mengungen der Silikate R(I)6SiO5,

R(II)3SiO5 und (R2)(IV)SiO5 [s. Bildansicht] auffassen, worin

Kalium, Natrium, Lithium, auch Wasserstoff als einwertige,

Magnesium, Eisen, Mangan und Calcium als zweiwertige Elemente,

Aluminium, Bor und Eisen in sechswertigen Doppelatomen auftreten

und ein Teil des Sauerstoffs durch Fluor ersetzt ist (s. Tafel

"Edelsteine", Fig. 17 u. 18). Von den Varietäten des T. findet

sich der Schörl in vielen alten Silikatgesteinen (Granit,

Gneis, Talk-, Chlorit- und Glimmerschiefer) sowie in Kalken und

Dolomiten und bildet im grob- oder feinkörnigen Gemenge mit

Quarz den Turmalinfels (Schörlfels), in lagenweiser Anordnung

den Turmalinschiefer (Schörlschiefer). Hauptfundorte für

große Kristalle sind der Hörlberg in Bayern, das

Zillerthal und andre Orte in Tirol, Norwegen, für farblosen T.

Elba, für Rubellit Elba und Rozna in Mähren; grüne,

braune und doppelfarbige kommen von Penig in Sachsen, vom St.

Gotthard, aus Kärnten, vom Ural, aus

941

Turmalinfels - Turners Gelb.

Massachusetts, Maine etc., Indikolith von der Insel Utö in

Schweden und aus Brasilien. T. dient als polarisierende Substanz in

Polarisationsinstrumenten, namentlich den sogen. Turmalinzangen,

und ist in einigen Varietäten (edler T.) ein geschätzter

Edelstein. Im Handel heißen die roten Turmaline Rubellit,

Sibirit oder sibirischer T., die blauen brasilischer T., die

grünen brasilischer Smaragd, die gelblichgrünen

ceylonischer Chrysolith.

Turmalinfels (Schörlfels), wenig verbreitetes

Gestein, aus Quarz und schwarzem Turmalin (in Körnern oder

Nadeln) gebildet. Gewöhnlich gleichzeitig mit

turmalinführenden Graniten, selten (Cornwall, Eibenstock und

im Erzgebirge) selbständig vorkommend, ist es teils dicht,

teils körnig, teils schieferig (Turmalinschiefer).

Turmalinzange, s. Polarisationsapparate.

Turmberg, s. Karthaus.

Turmequé (spr. -ke), Stadt im Staat Boyacá

der südamerikan. Republik Kolumbien, südlich von Tunja,

2720 m ü. M., mit (1870) 8182 Einw.

Turmero, Stadt in der Sektion Guzman Blanco des

gleichnamigen Staats der Bundesrepublik Venezuela, in reizender

Lage am gleichnamigen Fluß und am Fuß der

Küstenkordillere, mit (1873) 6040 Einw.

Turmfalke, s. Falken, S. 10.

Turmforts, s. Panzerungen.

Türmitz, Stadt in der böhm.

Bezirkshauptmannschaft Aussig, an der Biela und der

Aussig-Teplitzer Eisenbahn gelegen, mit einem Schloß, (1880)

2547 Einw., einer Zuckerfabrik, Bierbrauerei, Chemikalienfabrik,

Obst- und Weinbau und bedeutenden Braunkohlenwerken.

Turmkrähe, s. v. w. Dohle, s. Rabe.

Turmschiff, s. Panzerschiff, S. 661.

Turmschwalbe, s. Segler (Cypselus).

Turm- und Schwertorden, portugies. Orden, gestiftet 1459

von Alfonso V., erneuert 1808, und 1832 von Dom Pedro, Herzog von

Braganza, vollständig neu organisiert unter dem Titel: "Der

alte und sehr edle Orden vom Turm und Schwert für Tapferkeit,

Ergebenheit und Verdienst". Die Grade sind: Großmeister,

Großoffiziere, Großkreuze, Kommandeure, Offiziere und

Ritter, deren Zahl unbestimmt ist. Der Orden wird verliehen

für persönliches Verdienst, ausgezeichnete Thaten und

bürgerliche Treue, ist aber auch durch Nachweis derselben

Inländern und Ausländern zugänglich. Die Dekoration

der Ritter besteht aus einem silbernen (höhere Grade

goldenen), weiß emaillierten, fünfspitzigen Kreuz, auf

dessen Mittelschild im Avers ein Schwert in einem Eichenkranz ruht,

im Revers ein aufgeschlagenes Buch, links mit dem portugiesischen

Wappen, rechts mit dem Titel der Konstitution, sich befindet,

während auf dem blauen Ring vorn: "Valor, lealdade, merito",

hinten: "Pelo Rei e pela lei" steht. Das Kreuz hat zwischen den

zwei obern Armen einen Turm, an dem es hängt, und ist von

einem Eichenkranz umgeben. Großkreuze und Komture tragen

einen goldenen Stern mit dem Orden obenauf; die Ordenskette besteht

aus den Türmen und Schwertern in Kränzen des Ordens,

dessen Band dunkelblau ist. Ordenstag: der 29. April.

Turn (Dorne), Dichter, s. Reinbot von Turn.

Turnau, Stadt im nördlichen Böhmen, an der Iser

und an der Pardubitz-Reichenberger Eisenbahn, in welche hier die

Eisenbahn Prag-Kralup-T. einmündet, hat eine Dechantei- und

eine gotische Marienkirche, ein Franziskanerkloster, ist Sitz einer

Bezirkshauptmannschaft und eines Bezirksgerichts, hat eine

Gewerbeschule für Edelsteinbearbeitung, Bierbrauerei,

Mühlenbetrieb, Dampfsäge, Druckerei, Wachs- und

Seilerwarenfabrikation, Schleiferei böhmischer Granate und

andrer (echten und unechten) Edelsteine (früher viel

bedeutender) und zählt (1880) 4948 Einw. Hier 26. Juni 1866

siegreiches Gefecht der Preußen gegen die Österreicher.

In der durch ihre Sandsteinformation bemerkenswerten Umgebung sind

die Kaltwasserheilanstalt Wartenberg, die Ruine Waldstein,

Stammburg des berühmten Geschlechts, die Schlösser

Großskal, Sichrow, Groß-Rohosetz mit Parkanlagen zu

erwähnen.

Turnbulls Blau, s. Berliner Blau.

Turnen, s. Turnkunst.

Turner, 1) Sharon, engl. Geschichtschreiber, geb. 24.

Sept. 1768 zu London, widmete als Advokat in seiner Vaterstadt

seine Muße vorzüglich der Erforschung der Geschichte

seines Vaterlandes und begründete seinen Ruf durch die

"History of the Anglo-Saxons" (Lond. 1799 ff.; 7. Aufl. 1852, 3

Bde.). Es folgten: "History of England during the middle ages"

(neue Ausg. 1853, 4 Bde.); "The history of the reign of Henry

VIII." (neue Ausg. 1835, 2 Bde.); "Modern history of England" (1826

ff., 2 Bde.); "The history of the reigns of Edward VI., Mary and

Elizabeth" (neue Ausg. 1854, 2 Bde.); "Sacred history of the world"

(2. Aufl. 1848, 3 Bde.). T. starb 13. Febr. 1847 in London.

2) Joseph Mallord William, engl. Maler, geb. 23. April 1775 zu

London, trat 1789 als Schüler in die königliche Akademie

und erwarb sich durch seine Fluß- und Seelandschaften nach

englischen Motiven, die zumeist von den Holländern, Claude

Lorrain und Poussin beeinflußt waren, bald solchen Ruf,

daß ihn die Akademie 1802 zu ihrem Mitglied ernannte. Durch

wiederholte Studienreisen nach Schottland, Frankreich, der Schweiz,

Italien und nach dem Rhein erweiterte er seinen Gesichtskreis. 1807

wurde er zum Professor der Perspektive an der Akademie ernannt,

hielt aber nur wenige Jahre Vorlesungen. Er starb 19. Dez. 1851 in

Chelsea. T. nimmt unter den englischen Landschaftsmalern eine der

ersten Stellen ein. Obwohl seine Bilder, namentlich diejenigen

seiner letzten Zeit, oft an Maßlosigkeit der Phantasie und

Übertreibung im Kolorit leiden, besonders in den

Lichtwirkungen, so sind sie doch nach Auffassung und Behandlung

höchst originell. Außer Landschaften hat er auch Marine-

und Historienbilder gemalt, und eine besondere Virtuosität

entfaltete er im Aquarell. Eine reiche Sammlung seiner Gemälde

(112) besitzt die Londoner Nationalgalerie, darunter seine

Hauptwerke: Jason, die Schmiede, Apollo und Python, der

Schiffbruch, Dido und Äneas, der Fall Karthagos, die Bai von

Bajä, Odysseus verhöhnt den Polyphem, Hannibals Zug

über die Alpen, der Pier von Calais. Eine Sammlung seiner

Skizzen veröffentlichte er unter dem Titel: "Liber studiorum".

Außerdem lieferte er Illustrationen zu den Gedichten von

Byron, Campbell, Scott, Roger u. a. Von seinem großen

Vermögen setzte er 200,000 Pfd. Sterl. zum Bau eines Asyls

für arme Künstler aus. Vgl. Thornbury, Life of J. M. W.

T. (neue Ausg. 1877, 2 Bde.); Dafforne, The works of J. M. W. T.

(1878); Hamerton, T. (Par. 1889).

Turneraceen, dikotyle, etwa 100 Arten umfassende,

vorzugsweise im tropischen Südamerika einheimische

Pflanzenfamilie aus der Ordnung der Passiflorinen, von den

nächsten Verwandten durch gedrehte Knospenlage der

Blumenblätter und den Mangel eines stielförmigen

Fruchtknotenträgers unterschieden.

Turners Gelb, s. Bleichlorid.

942

Turnhout - Turnkunst.

Turnhout (spr. törnhaut), Hauptstadt eines

Arrondissements in der belg. Provinz Antwerpen, in der sogen.

Campine, durch Eisenbahnen mit Tilburg und Lierre verbunden, hat

ein altes, 1371 von Maria von Geldern erbautes Schloß (jetzt

Justizpalast), eine höhere Knabenschule, ein Tribunal,

lebhafte Industrie in Baumwolle, Leinwand, Spitzen, Papier,

Branntwein etc., Färberei, Gerberei, Bleicherei, Handel nach

den Niederlanden und (1888) 17,800 Einw. Hier 22. Jan. 1597 Sieg

der Niederländer unter Moritz von Oranien über die

Spanier und 27. Okt. 1789 Sieg der belgischen Insurgenten

(Patrioten) über die Österreicher.

Turnier (Turnei, franz. Tournoi, lat. Torneamentum,

Hastiludium), eine im 11. Jahrh. angeblich von dem

französischen Ritter Godefroy de Preuilly erfundene

Umgestaltung der bei allen kriegerischen Völkern nachweisbaren

Waffenspiele. Während der Buhurt (s. d.) bloß die

Gelegenheit bot, die Gewandtheit des Reiters zur Geltung zu

bringen, in der Tjost (franz. joute, lat. justa, ital. giostra) nur

zwei Gegner sich gegenüberstanden, die mit abgestumpften, oft

aber auch mit scharfen Waffen miteinander kämpften, ist das T.

ursprünglich das Abbild einer großen Reiterschlacht,

vertritt gewissermaßen unsre Manöver. Vor Beginn des

Turniers wurden die Scharen geteilt, so daß auf jeder Partei

gleichviel Kämpfer sind. Schon den Tag vor dem Kampffpiel

hatten die Ritter in der Tjost ihre Kräfte gemessen; das ist

die Vesperie oder Vespereide. Das T. begann mit dem Speerkampf;

jeder suchte seinen Gegner durch einen geschickten Stoß gegen

das Kinnbein, gegen das Zentrum des Schildes (die vier Nägel)

etc. aus dem Sattel zu heben. Zugleich aber manövrierte auch

Schar gegen Schar unter Kommando ihrer Befehlshaber. Auch über

diese Angriffsarten sind wir ziemlich unterrichtet. Waren die

Speere verstochen, so wurde das Gefecht mit den Schwertern

fortgesetzt, endlich durch Ringen der Kampf entschieden; daß

einer unterlag und sich als Gefangener seinem Gegner ergab, das ist

die Sicherheit, die Fîanze. Das Roß des Besiegten

gehörte dem Sieger, der es von seinen Leuten in Sicherheit

bringen ließ; ebenso nahm er den Harnisch und die Waffen in

Anspruch und verlangte von seinem gefangenen Gegner auch noch ein

angemessenes Lösegeld. So ist die Teilnahme an einem T. eine

Art Glücksspiel: man konnte alles verlieren, aber auch viel

gewinnen, und es gab deshalb damals schon Leute

("Glücksritter"), die aus reiner Gewinnsucht sich an Turnieren

gewohnheitsmäßig beteiligten. Aber auch

lebensgefährlich war das T.; zahllose Unglücksfälle

haben sich bei ihnen ereignet, und deshalb erschien es durchaus

gerechtfertigt, daß die Päpste Innocenz II., Eugen III.,

Alexander III. und Cölestin III. die Teilnahme an den

Turnieren, freilich ohne jeden Erfolg, bei Strafe der

Exkommunikation verboten. Damen haben wohl hin und wieder bei den

Turnieren zugesehen, und in der zweiten Hälfte des 13. Jahrh.

mag auch zuweilen ein Preis dem hervorragendsten Ritter zuerkannt

worden sein; aber alle diese Verschönerungen, die das T. zu

einem höfischen Fest umgestalten, haben eigentlich mit der

Hauptsache: den Rittern Gelegenheit zu geben, sich im Reitergefecht

praktisch zu üben, nichts zu thun. Vgl. Niedner, Das deutsche

T. des 12. und 13. Jahrhunderts (Berl. 1881); Reinh. Becker,

Ritterliche Waffenspiele nach Ulrich v. Lichtenstein (Düren

1887); A. Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der

Minnesinger, Bd. 2, S. 106 ff. (2. Aufl., Leipz. 1889).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 272 / 302 段