Chiwa (s. d.) ein. In dem am 12. Aug. 1873 geschlossenen Frieden
wurde das Amu-Delta sowie das rechte Amu-Ufer dem
Generalgouvernement T. als Amu Darja-Distrikt einverleibt. Hier
entstand das Fort Petro-Alerandrowsk, 2½ km vom rechten Ufer
des Amu Darja zwischen Chanka und Schurachana gelegen. An die
Expedition gegen Chiwa reiht sich der Feldzug der Russen gegen
Chokand (s. d.). Dieses Chanat wurde erobert und durch Befehl vom
19. Febr. 1876 als das Gebiet Ferghana dem Generalgouvernement T.
einverleibt. Das zeitweise von den Russen 1871 in Besitz genommene
und dem Generalgouvernement T. zugewiesene Kuldschagebiet (s. d.)
ist bis auf einen kleinen Teil durch den Vertrag vom 2. (14.) Febr
1881 an China zurückgegeben. Durch Verfügung vom 25. Mai
1882 ist schließlich der Semiretschinskische Oblaßtj
von dem Generalgouvernement T. abgezweigt und mit dem
Akmollinskischen und Semipalatinskischen Oblaßtj zu einem
Steppen Generalgouvernement vereinigt, das mit dem Tobolskischen
und Tomskischen Gouvernement den Militärbezirk Omsk
bildet.
II. Ostturkistan.
Ostturkistan (chines. Thianschan Nanlu, "Weg südlich des
Thianschan", türk. Altischahar oder Dschitischahar, sonst auch
Kaschgarien) liegt zwischen 36-43° nördl. Br. und
73-92° östl. L. v. Gr. oder zwischen dem Randagebirge
Tibets im S., dem Thianschan im N., dem Alai- und Pamirplateau mit
dem Kisiljart als Randgebirge im W., während im O. das Reich
in die Gobiwüste ausläuft, und hat ein Areal von
1,118,713 qkm (20,135 QM.), wovon aber der größte Teil
unbewohnbar ist. Am Fuß der Hochgebirge, an der Grenze,
über welche Paßübergänge nirgends unter 3400 m
führen, liegt der anbaufähigste Boden, eine nach dem
Innern sich abdachende schiefe Ebene, von zahlreichen Flüssen
bewässert, die aber sämtlich nur für Fischerboote
(im untern Teil) schiffbar, doch sehr fischreich sind. Den tiefsten
Teil des Landes nehmen Steppen und Sandwüsten ein (700-1200 m
ü. M.) Vom Thianschan fließen ab: Kaidugol, Scharjar und
Kisilkungai (Aksu); vom Kisiljart: Kaschgar, Jamunjar; vom
Karakorum: Jarkand und Karakasch, später Chotanfluß
genannt; sie alle vereinigen sich im Tarim, der in den Sümpfen
und Süßwasserseen des zuerst 1877 von Prschewalskij
befahrenen Lobsees sein Ende findet. Das Klima kennzeichnen
große Trockenheit, mehr oder weniger dichter, mit
Wüstenstaub versetzter Duft, der selten ganz verschwindet,
heftige Nord- oder Nordwestwinde im Frühjahr und Herbst,
Windstille zu andern Zeiten, große Hitze im Sommer, strenge
Kälte im Winter. Im Sommer machen Trockenheit der Luft und
Ausstrahlung des erhitzten Bodens Arbeiten im Sonnenschein
unmöglich, man sieht dann weder Feldarbeiter noch Träger
oder Fußreisende; der August hat eine Wärme von
durchschnittlich 26° E. im Schatten. Im Winter fällt das
Thermometer bis zu -25° C.; das Frühjahr geht rasch in den
Sommer, ebenso der Herbst in den Winter über. In der Ebene
säet man Winterfrucht Ende August, Sommerfrucht Anfang April
und erntet im Juli. Für Jarkand ist die mittlere
Jahrestemperatur zu 12,2° C. geschätzt (genauere
Berechnungen geben Bkanfords "Indianmeteorological memoirs", Kalk.
1877). Die Gold- und Nephritlager Chotans waren schon im Altertum
berühmt; ausgezeichnete Steinkohle brennt man in Aksu und
Turfan. Von Eisen, Kupfer, Alaun, Blei kennt man ergiebige Lager,
die aber noch schlecht ausgebeutet werden; Salz stellt man sehr
unvollkommen aus ausgetrockneter Moorerde dar. Das Hochgebirge
liefert saftige Fettweiden, tiefer hinab folgen Dickichte von
Wacholder, Weiden, Tamarisken, Rosen etc. mit Pappeln als
hochstämmigen Bäumen. In den nicht angebauten Teilen der
Ebene und den Wüsten ist die Vegetation äußerst
spärlich, im Ackerland dagegen herrscht üppiges Wachstum.
Hauptfrüchte sind: Weizen, Gerste, Mais und Hirse, dann Reis;
Baumwolle, Flachs und Hanf werden als Gespinstpflanzen, Mohn zur
Opiumgewinnung fleißig angebaut. Die Gärten sind mit
unsern Gemüsen und Obstsorten bepflanzt; es reifen aber auch
Feige und Granatapfel, die Weinrebe wird am Spalier gezogen und im
Winter gedeckt; Seidenbau findet im S. und SW. statt. Das Tierreich
zeigt viel Eigenartiges. In den Umgebungen des Lobsees gibt es noch
wilde Kamele, wilde Pferde und Ochsen, im Hochgebirge das
große wilde Schaf (Ovis Ammon), stattliche Hirsche, Antilopen
und Hasen; dann Tiger, Panther, Luchse, Füchse und
Wildschweine in den Dickichten an den Flußufern. Zahlreiche
Schwäne und Wasservögel hausen an den Ufern des Lobsees.
Haustiere sind: Grunzochse (Yak), Kamel, Pferd, Esel, Schaf,
Schwein, Hund, Katze, Hühner und Tauben; große
Rinderherden sind zahlreich. Das Pferd ist klein, aber sehr
ausdauernd. Maultiere sind selten, dagegen werden Schafe in
großer Zahl gehalten, und Wolle und Fleisch sind gleich
ausgezeichnet (erstere ein Hauptausfuhrartikel). Die
Gewerbthätigkeit hat geringe Bedeutung; die altberühmte
Seidenkultur und -Weberei in Chotan ist verfallen; gesucht im
Ausland sind Filze und Teppiche, im Innern die landesüblichen
groben Baumwollenstoffe. Der Handel ging sonst nach China und in
geringern Beträgen nach Chokand und der Mongolei. Seit 1867
machten die Engländer große Anstrengungen, einen Verkehr
mit Indien einzurichten, setzten in Leh einen Handelsagenten ein,
verbesserten die Zugänge durch Tibet (Ladak) und erwirkten
1873 zu Jarkand den Abschluß eines günstigen
Handelsvertrags mit verhältnismäßig niedrigen
Zollsätzen (2½ Proz. Wertsatz) sowie die Zulassung
eines Engländers in Kaschgar als Konsularagenten. 1874 bildete
sich mit dem Sitz in Lahor eine Zentralasiatische
Handelsgesellschaft auf Aktien, die alle zwei Jahre eine
große Karawane nach Kaschgar abfertigt und sie im
nächsten Jahr beladen zurückgehen läßt. Diese
Gesellschaft hat belebend eingegriffen, und der Umsatz, der 1867
kaum 1 Mill. Mk. wertete, war 1874 bereits auf 2½ Mill. Mk.
gestiegen. Ebenso große Anstrengungen, Ostturkistan mit
seinen Waren zu versehen, macht Rußland. Durch den am 14.
Febr. 1881 abgeschlossenen Vertrag mit China hat dasselbe das Recht
erworben, neben den bereits bestehenden Konsulaten in Ili,
Tarbagatai, Kaschgar und Urga auch solche in Sutschshan und Turfan
zu errichten. Den russischen Unterthanen steht das Recht zu, in den
Bewirken Ili, Tarbagatai, Kaschgar, Noumzi Handel zu treiben, ohne
Abgaben zu zahlen.
Die Bevölkerung beträgt annähernd 580,000 Seelen;
am dichtesten ist die Provinz Jarkand bevölkert.
Städtische und ländliche Bevölkerung zeigen im
Äußern und in der Lebensweise merkliche Unterschiede. In
den Städten hat weitgehende Mischung von vielerlei
Völkerschaften stattgefunden; "alles, was man sagen kann, ist,
daß Tatar- (mongolisches) Blut überwiegt, daß
Turkblut in größerer oder geringerer Menge zugesetzt
ist, und daß fremde Tadschik- (persische) Formen mehr oder
weniger dick eingesprengt
937
Turkistan (Ostturkistan: Geschichte).
sind; was immer die Beschäftigung ist, der große
Haufe zeigt Gesichtszüge, die aus Tatar und Mandschu, aus
Kalmuk und Kirgis gemischt und keiner dieser Nationen bestimmt
zuzurechnen sind". Die Größe ist bei Männern 1,62,
bei Frauen 1,51 m, die Hautfarbe hell. Die seßhafte
Landbevölkerung ist von Turkabstammung und stellt die alten
Hiungnu oder Uighur dar, die Hunnen von Attilas anstürmenden
Scharen; dem Menschenschlag ist aber im W. deutlich arisches Blut
beigemengt, was sich in Statur, Gesichtsbildung und Bartfülle
ausspricht. Noch heute sitzen reine Arier in den Hochthälern,
die sich vom Mustag (Karakorum) herabziehen, ohne Zweifel Reste der
indogermanischen Urrasse, welche einst die Abhänge des
westlichen Thianschan bevölkerte. Echte Kirgisen ziehen sich
um das ganze Land herum und weiden die Steppen im Hochgebirge ab;
die Kalmücken sitzen in der Niederung und an den Sümpfen
im Lobdistrikt. Die Sprache ist türkisch mit vielen
altertümlichen Formen (vgl. Shaw, Turki language as spoken in
Kaschgar and Yarkand, Lahor 1875). Die Nahrung ist nahezu dieselbe
wie unter Europäern; man ißt alles, was genießbar
ist, insbesondere Fleisch und Fische in großen Mengen. Das
Getränk bildet Thee, gebrannte Getränke sind verboten.
Der Anzug besteht aus Hemd, Hose und darüber langem Rock; die
Füße stecken bei beiden Geschlechtern in Schuhen oder
Stiefeln, den Kopf schützt eine Mütze. Die Frauen tragen
Hemd, Hose, weiten Kittel, langen Rock und Schulterüberwurf,
auf dem Kopf eine niedrige Mütze. Unter den Sitten fällt
Gleichgültigkeit gegen weibliche Schamhaftigkeit, gegen
Abstammung und Glaubensbekenntnis auf. Zwischen dem 14. und 16.
Jahr erfolgt die Verlobung; Scheidung der Frau vom Mann ist
häufig und wird geradezu als Geschäft betrieben. Die
Religion ist der Islam, aber die jahrhundertelange
Zugehörigkeit zu China bewirkte Lauheit im Glauben. Nachdem
Jakub Beg (s. unten) sich die Regierung angeeignet hatte, hielt er
streng auf die Erfüllung aller Gebräuche des
mohammedanischen Glaubens. Nur diesen duldete er im Land; für
die Kalmücken fand indes eine Ausnahme statt. Er bot alles
auf, um Sittenstrenge wieder einzuführen. Seitdem aber die
Chinesen wieder Herren sind, griff auch die frühere lockere
Moralität wieder Platz.
[Geschichte.] Die Geschichte Ostturkistans reicht hinauf bis zum
2. Jahrh. v. Chr.; damals unterwarfen die Chinesen, die jedenfalls
schon seit längerer Zeit Beziehungen zu Ostturkistan hatten,
dieses wie das jenseit des Gebirges liegende Chokand, und wenn auch
Chinas Beziehungen zu Ostturkistan zeitweise unterbrochen wurden,
so gebot doch China im ganzen bis zum Einfall der Mongolen; die
Religion war in der ersten Zeit der Buddhismus, dem hier im 5. und
7. Jahrh. n. Chr. weitberühmte Klöster errichtet waren;
auch alte Christengemeinden (Nestorianer) gab es. Im 8. Jahrh. (713
nach arabischen Quellen) zogen Araber über den Terekpaß
östlich bis Turfan, der Buddhismus dauerte aber fort; erst
Mitte des 10. Jahrh. nahm Satuk (auch Ilikchan), der in Kaschgar
regierende (Türken-) Fürst, den Islam an. Dieser Satuk
vereinigte alle türkischen Stämme unter seinem Zepter,
überzog Bochara, selbst Chiwa, mit Krieg und starb 1037; ein
Angriff, den der Herrscher von Chotan auf das von Satuk
hinterlassene Reich machte, mißlang, brachte aber
Zerrüttung und erleichterte den Mongolen den Sieg. 1218
überzog Dschengis-Chan mit seinen Scharen Ostturkistan, und
dessen Herrscherfamilien, welchen die Regierung in Kaschgar,
Jarkand, Chotan etc. belassen wurde oder im Weg der Auflehnung
zufiel, blieben von nun an in größerer oder geringerer
Abhängigkeit von den mongolischen Herrschern aus der
Dschagataidynastie, lagen auch unter sich in stetem Hader und
hatten wiederholt Kämpfe mit den Tibetern zu bestehen. Die
islamitische Geistlichkeit erlangte seit dem 14. Jahrh.
großen Einfluß; in Kaschgar bildete sich aus ihren
Vorständen (Chodscha, Chwadscha) eine Partei der Weißen
Berge und der Schwarzen Berge; erstere wurde Mitte des 17. Jahrh.
mit Hilfe des ihr abgeneigten Herrschers von dort vertrieben,
wandte sich an den Kalmückenchan der Dsungarei und erwirkte,
daß dieser 1678 gegen Kaschgar zog und ihren Führer als
Vasallen einsetzte. 1757 besetzten die Chinesen unter ungeheurem
Blutvergießen das Land. Die Chodschas fanden Zuflucht im
benachbarten Chokand, und ihre Mitglieder benutzten im
Einverständnis mit den Eingebornen und mit Unterstützung
des Chans von Chokand jeden Anlaß, um den Chinesen die
Herrschaft wieder zu entreißen. Madalichan von Chokand zog
1820 selbst gegen Kaschgar und eroberte es; wenn auch der von ihm
als Regent eingesetzte Chodscha sich gegen die Chinesen nicht
halten tonnte, so sahen sich letztere doch veranlaßt, 1831
mit Madalichan einen Vertrag abzuschließen. Hauptbedingung
war, die Chodschas zu überwachen. Als indes Chudojarchan 1846
den Thron von Chokand bestiegen hatte, erhoben diese von neuem ihr
Haupt; ein Bund von sieben Chodschas kam zu stande, hatte aber
keinen Erfolg; ebensowenig die weitern Versuche 1855 und 1856.
Neues Blutvergießen brachte 1857 der vorübergehend
erfolgreiche Einfall Walichans; demselben fiel 26. Aug. d. J.
leider unser Landsmann Adolf v. Schlagintweit (s. d.) zum Opfer,
der erste Europäer, der Kaschgar von Indien aus erreichte. Von
nun an aber kam das Land nicht mehr zur Ruhe; eine kleine
Revolution folgte der andern. Der Aufstand der Dunganen (s. d.)
hatte einen solchen Erfolg, daß die Chinesen 1863 sich nur
noch in der Citadelle von Kaschgar und Jarkand und in der Stadt
Jani-Hissar halten konnten. Schon 1862 hatte Rascheddin-Chodscha
den "Hasawat" (heiligen Krieg) gegen die Chinesen erklärt, und
zu Anfang 1864 war er bereits als Herrscher von Kaschgarien
anerkannt. Da aber Rascheddin kein direkter Nachfolger der in
Kaschgarien herrschenden Chodschas war, so entstand bald ihm
gegenüber eine feindliche Partei. An die Spitze der letztern
stellte sich Sadyk Beg. Dieser wandte sich an den damals in
Taschkent und Chokand regierenden Alim-Kul mit der Bitte, den in
Kaschgarien sehr populären Busuruk-Chodscha zu senden, welchem
er zur Herrschaft verhelfen wollte. 1864 erschien Busuruk in
Begleitung eines Gefolges von 50 Mann, unter welchen sich Jakub Beg
(s. d.) als Befehlshaber befand, vor den Thoren Kaschgars und wurde
mit Freuden aufgenommen. Sadyk Beg übergab ihm die Herrschaft.
Jakub Beg wußte sehr bald Sadyk zu verdrängen und wurde
zum Oberkommandierenden ernannt. Die Organisation des Heers war
sein erstes Werk; schnell hatte er einige tausend Mann zusammen,
welche bei der Belagerung der noch von den Chinesen besetzten
Citadelle von Kaschgar im Waffenhandwerk geübt wurden. Bald
lehnten sich Rascheddin-Chodscha, welcher im Osten von Aksu
regierte, Abd ur Rahmân, der Regent von Jarkand, sowie die
Städte Aksu, Kutscha und Chotan gegen Busuruk auf. Jakub Beg
besiegte deren Truppen und gelangte noch 1865 in den Besitz der
Citadelle von Kaschgar. Der schwache Busuruk, nicht im stande,
Jakub entgegenzutreten, übergab ihm jetzt alle Geschäfte.
Ein Aufstand der
938
Turkistan - Turkmenen.
Kiptschak, mit welchen Busuruk im Bund war, wurde von Jakub
niedergeworfen; er setzte Busuruk ab, erhob an seiner Statt
Kattatjura, vergiftete denselben aber schon nach vier Monaten und
setzte Busuruk von neuem als Chan ein. 1866 u. 1867 hatte Jakub
schon die Bezirke von Kaschgar, Jangi-Hissar, Jarkand und Chotan
unter seine Herrschaft gebracht. Busuruk wurde nun abgesetzt und
Jakub als Chan ausgerufen. Er nannte sich anfangs Herrscher von
"Alti Schahar" (s. d.), dann von "Dschiti Schahar". Zuerst
führte er den Titel "Atalik Ghazi" ("Verteidiger des Glaubens)
und schließlich "Badaulet" ("der Glückliche"). Sein
einziger Gegner in Kaschgarien blieb Rascheddin in Aksu, gegen
welchen er sich 1867 wandte. Durch List kam derselbe in die Gewalt
Jakubs, wurde getötet und Aksu genommen, ebenso Kurlja. Mit
den Dunganen wurde ein Vertrag geschlossen und die Grenze zwischen
ihnen und Kaschgarien festgesetzt. Bald waren aber diese mit den
Abmachungen nicht zufrieden, sie überschritten die Grenze,
waren auch anfangs siegreich, wurden aber schließlich doch
von Jakub geschlagen, welcher nun Kunja-Turfan und Urumtschi (1869
bis 1870) in seine Gewalt brachte. Ein zweiter wieder
niedergeworfener Aufstand der Dunganen ließ noch 1872
Manaß in seine Gewalt kommen. 1872-1876 genoß
Kaschgarien endlich der Ruhe, und Jakub wurde von Türken und
Engländern als Emir anerkannt. Den Chinesen gelang es
mittlerweile, die Dunganen nach und nach niederzuwerfen und auch
Manaß und Urumtschi wiederzuerobern. Im Winter 1876-1877
hielten die Chinesen Urumtschi, Jakub Beg die kleine Festung
Dawantschi besetzt. Die Truppen des letztern waren in moralischer
Beziehung merklich schlechter geworden: die Desertion nahm
überhand; selbst auf die bis dahin ergebensten Diener konnte
Jakub nicht mehr rechnen. Die Überläufer wurden von den
Chinesen sehr freundlich aufgenommen. Am 3. April 1877 rückten
die Chinesen aus Urumtschi gegen Diwantschi aus; nach
dreitägiger schwacher Verteidigung ergab es sich, ebenso
Kunja-Turfan. Mit den Gefangenen verfuhr der chinesische
Oberbefehlshaber Lutscha darin sehr geschickt, daß er sie zum
Teil wieder freiließ und ihnen versicherte, daß er
lediglich Krieg mit Jakub Beg führe. Um die Verbreitung dieser
Nachrichten zu verhindern, wurde ein großer Teil der
zurückgekehrten Gefangenen auf das Geheiß des Badaulet
ermordet. Diese Maßregel erregte in ganz Kaschgarien den
bittersten Haß gegen den Chan. Am 28. Mai 1877 war Jakub
gegen seinen Sekretär Chamal wegen Nichterfüllung
gegebener Befehle so aufgebracht, daß er ihn tötete. Mit
seinem Schatzmeister Sabir Achun wollte er ebenso verfahren, wurde
aber plötzlich vom Schlage getroffen. Der Sprache und des
Bewußtseins beraubt, starb Jakub Beg 29. Mai 2 Uhr morgens
(daß er von seinem Sohn getötet oder sich selbst
vergiftet, sind Fabeln). Jakub hinterließ drei Söhne,
Bik Kuly Beg, Chak Kuly Beg und Chakim Chan Tjurja. Chak Kuly Beg
wurde, als er mit der Leiche seines Vaters auf dem Weg nach
Kaschgar war, von dem Abgesandten seines ältesten Bruders,
Machmed-siapanssat, ermordet. Kaschgarien stand nunmehr unter drei
Herrschern: in Kaschgar regierte Bik Kuly Beg, in Aksu Chakim Chan
Tjurja und in Chotan Nias Beg. Anfang Oktober war Bik Kuly Beg nach
Besiegung der beiden andern Alleinherrscher. Aber auch er
verließ als Flüchtling das Land, das unter Jakub Beg
eine so große Rolle zu spielen begann, als Anfang Dezember
die Chinesen gegen Kaschgar zogen. Mit ihrem Einzug hier sind sie
wieder Herren des Landes geworden: Kaschgarien ist jetzt
vollständig in den Besitz Chinas übergegangen. Vgl.
Gregorjew, Ostturkistan (russ., Petersb. 1873); Wenjukow, Die
russisch-asiatischen Grenzlande (deutsch, Leipz. 1874); Shaw, Reise
nach der Hohen Tatarei (deutsch, Jena 1872); Forsyth, Report of a
mission to Yarkand (Kalk. 1875; deutsch im Auszug, Gotha 1878), und
besonders Kuropatkin, "Kaschgarja, historisch-geographischer
Abriß" (russ., Petersb. 1879; engl. Ausg., Lond. 1883).
Turkmenen (Turkomanen, Türkmen, vom Eigennamen
Türk und dem Suffix men, "schaft", also "Türkenschaft"),
der Gesamtname für mehrere zum türkischen Zweig der
Altaier gehörige Volksstämme, deren Wohnplätze und
Ernährungsquellen sich in dem anbaufähigen Land finden,
das einem Ringe gleich die in dem Raum zwischen dem Kaspischen Meer
und dem Amu Darja gelegene ungeheure Sandwüste Karakum
umschließt. Die T. zerfallen in verschiedene Stämme,
Zweige, Geschlechter und Familien, die nicht selten sich feindlich
gegenüberstehen; ihre Rasseneinheit haben sie aber dennoch
treu bewahrt. Ursprünglich waren wohl alle T. Nomaden; doch
haben die Beschränkung ihres Weideterrains sowie ihre
Einengung durch die sie umgebenden Staaten, besonders
Rußland, einen Teil derselben zu Ackerbauern gemacht. Oft
nomadisiert der eine Teil der Glieder einer Familie, während
der andre Ackerbau treibt und ansässig ist. Die Nomaden
heißen Tschorwa, die Angesessenen Tschomur. Verliert ein
Tschorwa seine Kamele und Schafe, so wird er Tschomur, während
auch umgekehrt ein Tschomur wieder zu einem Tschorwa werden kann.
Die einzelnen Stämme sind:
1) Die Jomuden, deren einer Hauptzweig, die Kara Tschuka,
zwischen den Flüssen Atrek und Gurgen, der andre,
Bairam-Schali (20,000 Kibitken), ganz in Chiwa lebt. Die Kara
Tschuka zerfallen in die 8000 Kibitken zählenden Dschafarbai
mit 2 Untergeschlechtern und 10 Familien und die Atabai (7000
Kibitken) mit 7 Untergeschlechtern. Erstere gelten für
russische, letztere für persische Unterthanen. Von beiden
zusammen gehören etwa 6000 Kibitken zu den Tschomur, welche
neben Ackerbau noch Fischerei treiben.
2) Die Ogurdschalen wohnen in der Stärke von 800 Familien
an der Küste des Kaspischen Meers und auf der Insel
Tschaleken, wo sie sich mit der Fischerei und der Gewinnung von
Naphtha und Salz beschäftigen, und in 50 Kibitken auf der
Insel Ogurtschinskij, wo nur Fischerei getrieben wird.
3) Die Schichzen auf der Landzunge Bekowitsch und zwischen den
Buchten von Krassnowodsk und Kara Bugas fischen und gewinnen
Salz.
4) T. verschiedener Stämme, besonders Igdyr, leben auf der
Halbinsel Mangyschlak vom Kara Bugas bis zum Kap Tjub Kargan, etwa
1000 Kibitken stark. Während der Ackerbau der kaspischen
Tschomur sich hauptsächlich am Atrek und Gurgen konzentriert
und hier die Ernten in guten Jahren oft das 20., ja das 30. Korn
geben, ist das Dorf Hassan Kuli der Mittelpunkt der Fischerei. Salz
wird aus Seen, Salzmooren und Steinsalzlagern gewonnen, jedoch
nicht in bedeutendem Maß; Persien und auch Transkaukasien
bilden das Absatzgebiet. Die Naphthaproduktion gewinnt immer
bedeutendern Umfang, seitdem es den Einwohnern gestattet ist, ihre
Anteile an den Naphthabrunnen Industriellen in Pacht zu geben.
5) Goklanen, persische Unterthanen, nomadisieren östlich
von den Jomuden zwischen Atrek und Gurgen in der Stärke von
etwa 4000 Kibitken, während etwa 2000 in den Grenzstrichen von
Chiwa leben; sie teilen sich in 6 Zweige: die Gaï mit 25,
Bajandyr mit 6, Kyryk
939
Turkos - Turm.
mit 8, Ai-Derwisch mit 7, Tschakyr Beg Deli mit 10 und die
Jangak Sagri mit 7 Familien.
6) Die Tschoudoren leben in etwa 12,000 Kibitken in den
Grenzstrichen Chiwas.
7) Dem linken Ufer des Amu Darja weiter aufwärts folgend,
leben die Sakar, 3000 Kibitken, 20 km oberhalb der bocharischen
Stadt Tschardschui, und
8) die 30,000 Kibitken zählenden Erssary mit 4
Geschlechtern; sie sind mehr oder weniger von Bochara abhängig
und erstrecken sich bis Afghanistan.
9) Die Teke, der mächtigste, tapferste und zahlreichste
Stamm, haben die Achal-Oase und Merw-Oase inne. Die Achal-Teke
zählen etwa 30,000, die Merw-Teke etwa 50,000 Kibitken; der
ganze Stamm zerfällt in die Tochlamysch mit den beiden Zweigen
Beg (5 Geschlechter, 11 Familien) und Wekil (2 Geschlechter, 12
Familien) und die Otamysch mit den Zweigen Sytschmes (6
Geschlechter) und Bachschi (5 Geschlechter). Die Merw-Teke scheinen
sich in der Mitte der 30er Jahre von den Achal-Teke abgelöst
zu haben und sind weiter ostwärts gezogen, wo es ihnen in
blutigen Kriegen gegen Persien gelang, des ganzen Merwgebiets sich
zu bemächtigen. Die Achal-Teke wurden 1881 von den Russen
unterworfen, die Merw-Teke unterwarfen sich 1883 freiwillig; ihre
Gebiete wurden dem transkaspischen Bezirk einverleibt.
10) Die Saryk bewohnen die südöstlich von Merw am
Murghab gelegenen Landschaften Juletan und Pandsh-Dech; 12,000
Kibitken in 5 Geschlechtern mit 16 Familien; sie treiben Garten-
und Ackerbau und leben mit den Merw-Teke in Feindschaft.
11) Die Salyr, 3000 Kibitken, hatten sich in der persischen
Landschaft Sur-Abad niedergelassen, verlegten dann ihren Wohnsitz
nach Alt-Sarachs am Heri-Rud, wurden hier aber von den Merw-Teke
überfallen, mit ihrer ganzen Habe fortgeschleppt und diesen
einverleibt. Im ganzen beziffert sich somit die Stärke aller
T. auf 900,000-950,000, auch wohl 1 Mill. Köpfe.