Die Ausführung des Friedens verzögerte sich indes

infolge des Konflikts zwischen Rußland und England, das eine

Flotte in das Marmarameer einlaufen ließ. Während die

energische Haltung der englischen Regierung den Ausbruch eines

Kriegs mit Rußland erwarten ließ, wenn dieses sich

nicht nachgiebig zeigte, und die Mächte sich eifrig

bemühten, durch einen Kongreß eine friedliche

Lösung der orientalischen Wirren herbeizuführen, fehlte

es in Konstantinopel an jeder klaren, entschiedenen Haltung. Die

Minister kamen und gingen je nach den Launen des Sultans und seiner

Günstlinge. Die Kammern waren schon im Februar nach Haus

geschickt und damit die Komödie einer "osmanischen Verfassung"

geschlossen worden. Der unerfahrene Abd ul Hamid litt an fast

krankhafter Furcht vor Verschwörungen zu gunsten seines

Bruders Murad; eine solche wurde in der That im Mai 1878 versucht,

aber blutig unterdrückt. Am 1. Juni ward Mehemed Rüschdi

Pascha wieder zum Großwesir ernannt. Unter ihm warf sich die

Pforte endlich England in die Arme, indem sie 4. Juni einen

geheimen Vertrag mit diesem schloß, wonach England den Schutz

der asiatischen Besitzungen der Türkei übernahm, solange

Rußland nicht seine Eroberungen in Armenien herausgegeben

haben würde, und dafür das Recht erhielt, Cypern zu

besetzen. Mehemed ward bereits 8. Juni durch Savfet Pascha ersetzt.

Dieser leitete die türkische Politik während des Berliner

Kongresses (13. Juni bis 13. Juli 1878). Allerdings wurden in

Berlin mehrere Bestimmungen des Friedens von San Stefano zu gunsten

der Türkei verändert: Aladschkert und Bajesid in Armenien

fielen an sie zuruck; das autonome Fürstentum Bulgarien wurde

auf das Gebiet nördlich vom Balkan nebst Sofia

beschränkt, der südliche Teil, aber ohne Makedonien und

den Küstenstrich, als eine Provinz Ostrumelien (s. d.) unter

türkischer Oberhoheit belassen. Dagegen wurde Österreich

29. Juni mit der Okkupation Bosniens und der Herzegowina beauftragt

und der Protest der türkischen Bevollmächtigten dagegen

zurückgewiesen. Ferner wurde Griechenland das Recht zuerkannt,

auf eine Rektifikation seiner nördlichen Grenze (Abtretung des

südlichen Thessalien und Epirus mit Larissa und Janina)

Anspruch zu erheben. Die Pforte unterzeichnete und ratifizierte

zwar den Berliner Vertrag vom 13. Juli 1878, beeilte sich aber

nicht mit seiner Ausführung. Der definitive Friede mit

Rußland wurde 8. Febr. 1879 unterzeichnet und die an

Rußland zu zahlende Kriegsentschädigung auf 802 Mill.

Frank festgesetzt. Gegen die Okkupation Bosniens und der

Herzegowina durch österreichische Truppen im August 1878

leistete die Türkei keinen Widerstand und schloß 21.

April 1879 mit Österreich eine Konvention, durch welche sie

die Souveränität des Sultans in jenen Proinzen formell

wahrte.

Neueste Zeit.

Die Macht des türkischen Reichs war durch den Berliner

Frieden erheblich geschwächt worden, namentlich in Europa, und

die große Finanznot mußte ebenfalls dazu beitragen, die

Autorität der Pforte im Land selbst und bei den

auswärtigen Mächten herabzusetzen. Es blieben daher

weitere Zumutungen an sie nicht aus. Die Griechen verlangten

dringend die Verwirklichung der Grenzrektifikation durch Abtretung

von Epirus und Thessalien und erlangten auf der Berliner Konferenz

1880 eine Grenze zugebilligt, welche ihre Ansprüche beinahe

völlig befriedigte, so daß die Pforte 3. Juli 1881 fast

ganz Thessalien u. den epirotischen Bezirk Arta an Griechenland

abtreten mußte. In Albanien sah sie sich 1880 genötigt,

ihre eignen Unterthanen in Dulcigno mit Gewaltkur Unterwerfung

unter ihre Abtretung an Montenegro zu zwingen. Ihr Versuch, 1879

bei der Absetzung des Chedive von Ägypten ihre Hoheitsrechte

über dies Land zu vermehren, wurde durch den Einspruch der

Mächte vereitelt; ihre Unthätigkeit während der von

Arabi Pascha 1882 verursachten Unruhen ermöglichte England das

eigenmächtige Einschreiten in Ägypten und die

militärische Besetzung des Landes. Das 1871 enger an das

türkische Reich gekettete Tunis ging 1881 an Frankreich

verloren. Dennoch hatte die Pforte bei diesen Vorgängen eine

solche Geschicklichkeit und Sicherheit in den diplomatischen

Verhandlungen gezeigt, daß sich ihre Stellung den

Großmächten ge-

933

Türkischrot - Turkistan.

genüber zu ihrem Vorteil veränderte. Während sie

den Anmaßungen Englands mit Ruhe und Festigkeit entgegentrat,

gewann sie an Deutschland und Österreich seit Auflösung

des Dreikaiserbündnisses eine immer wirksamere Stütze,

wodurch es ihr möglich wurde, ihren Besitzstand in Europa zu

behaupten und ihren Einfluß in Afrika und Asien zu vermehren.

Im Innern scheiterte allerdings ein Reformversuch, den der zum

Großwesir ernannte, ehemals tunesische Minister Khereddin

Pascha 1879 machte, an dem Widerstand der alttürkischen Partei

und einiger allmächtiger Günstlinge des Sultans, wie

Osman und Mahmud Damat. Indes befreite sich der Sultan Abd ul

Hamid, je mehr er in Staatsgeschäften ein selbständiges

Urteil erlangte und handelnd eingriff, allmählich von diesem

verderblichen Einfluß. Um die Finanzreform

durchzuführen, berief er deutsche Beamte, welche auch 1881

eine durch Irade vom 20. Dez. bestätigte Einigung mit den

Gläubigern zu stande brachten, durch die der Betrag der

Staatsschuld von 250 aus 106 Mill. Pfd. Sterl. herabgesetzt und

für diese ein zunächst auf mindestens 1 Proz. reduzierter

Zinsfuß, zugleich aber auch eine Amortisation von 1/3 Proz.

und deren Zahlung durch Garantie mehrerer Einkünfte gesichert

wurde. Zur Vermehrung der Einnahmen wurde die Tabaksregie

eingeführt. Deutsche Offiziere begannen auf Grund eines 1880

vom Sultan genehmigten Plans eine Reorganisation des Heerwesens und

arbeiteten ein Militärgesetz für das ganze Reich aus, das

1887 in Kraft trat. Nach außen hin beobachtete die

Türkei eine große Zurückhaltung, da sie vor neuen

kriegerischen Verwickelungen zurückscheute. Dies zeigte sich

besonders 1885, als im September der Generalgouverneur von

Ostrumelien, Chrestowitsch, in Philippopel gestürzt wurde und

Fürst Alexander von Bulgarien diese türkische Provinz mit

seinem Fürstentum vereinigte. Obwohl die Türkei eine

ansehnliche Truppenmacht an der Grenze aufstellte, konnte sie sich

doch nicht zu bewaffnetem Einschreiten, um ihre Rechte zu wahren,

entschließen und gab im Frühjahr 1886 auf der Konferenz

zu Konstantinopel ihre Zustimmung dazu, daß der Fürst

von Bulgarien zum Generalgouverneur von Ostrumelien ernannt wurde.

Ebenso verhielt sie sich unthätig, als im August 1886

Fürst Alexander durch russische Ränke gestürzt

wurde, und ließ alle weitern Ereignisse in Bulgarien

geschehen, ohne sich anders als diplomatisch einzumischen, obwohl

Rußland die Pforte zum thätlichen Einschreiten

drängte, um die ihm verhaßte Regentschaft, dann den

Fürsten Ferdinand zu beseitigen. Sie gab damit

tatsächlich die Herrschaft über Ostrumelien auf. Die

Ereignisse in Bulgarien, welche wie Serbien so auch Griechenland zu

einer kriegs- und eroberungslustigen Haltung veranlaßten,

nötigten aber die Türkei zur Aufstellung einer

großen Heeresmacht, welche so große Kosten verursachte,

daß sie wieder Anleihen bei der Ottomanischen Bank machen und

dafür mehrere einträgliche Zölle verpfänden

mußte. 1889 kam durch Schiedsspruch endlich eine Einigung mit

dem Baron Hirsch, der die türkischen Eisenbahnen gebaut hatte

u. ausbeutete, zu stande, welche der Türkei die Verfügung

über die Bahnen teilweise zurückgab.

Vgl. Hammer-Purgstall, Geschichte des osmanischen Reichs (2.

Aufl., Pest 1834-36, 4 Bde.); Zinkeisen, Geschichte des osmanischen

Reichs in Europa (Hamb. u. Gotha 1840-63, 7 Bde.); Rosen,

Geschichte der Türkei, 1826-56 (Leipz. 1866-67, 2 Bde.);

Schmeidler, Geschichte des osmanischen Reichs im letzten Jahrzehnt

(das. 1875); Blochwitz, Die Türken, kurzer Abriß ihrer

Geschichte (Berl. 1877); de la Jonquière, Histoire de

l'empire ottoman (Par. 1881); Hertzberg, Geschichte der Byzantiner

und des osmanischen Reichs (Berl. 1884); v. Schlechta-Wssehrd, Die

Revolution 1807-1808 (Wien 1882); Engelhardt, La Turquie et le

Tanzimat ou l'histoire des réformes dans l'empire ottoman

depuis 1826 (Par. 1882-83, 2 Bde.).

Türkischrot, s. Färberei, S. 42.

Türkisgrün, s. Kobaltgrün.

Turkistan (Turkestan, "Land der Türken"), Name der

Länder in der großen Längssenkung des Tarimbeckens

in der östlichen, der Flußsysteme des Amu Darja und Sir

Darja in der westlichen Hälfte Innerasiens, zwischen welchen

die Gebirgsketten, welche die Pamirhochthäler einfassen, die

Wasserscheide bilden (s. Karte "Zentralasien"). Geographisch

gehört die Osthälfte zu dem großen Gebiet der seit

langen geologischen Zeitperioden abflußlosen Wasserbecken

Zentralasiens (s. d.); die Westhälfte dagegen endigt in der

erst seit jüngerer Zeit vom Meer verlassenen aralokaspischen

Niederung. Politisch bildet die westliche Hälfte das russische

Generalgouvernement T., die östliche Hälfte einen Teil

des chinesischen Kaiserreichs. Im folgenden sind beide Teile

selbständig behandelt.

I. Das russische Generalgouvernement Turkistan

grenzt im N. an die Kirgisensteppe (Akmollinsk, Turgai etc.), im

O. an das chinesische Ostturkistan, im S. an Bochara, im W. an

Chiwa und hat einen Flächeninhalt von 1,604,892 qkm (29,148

QM.) mit (1885) 3,426,324 Einw. Administrativ zerfällt es in

die folgenden Verwaltungsbezirke:

QKilom. QMeilen Einwohner

Transkaspische Provinz 550629 10000 301476

Semiretschinsk 381609 6930 666339

Ferghana 95227 1729 716133

Serasschan 54633 992 394446

Sir Darja 449822 8169 1214300

Amu Darja 102972 1870 133630

An der Spitze der Militär- und Zivilverwaltung steht ein

Generalgouverneur, der seinen Sitz in Taschkent hat, und welchem

Gouverneure und Kreis-, resp. Distriktschefs untergeordnet sind.

Die untersten Vollzugsorgane sind Eingeborne. Allgemeine

Wehrpflicht besteht hier nicht; von russischen Truppen stehen hier

1 Schützenbrigade, 19 Linienbataillone, 1 Artilleriebrigade (7

Batterien), 1 Gebirgsbatterie, 1 Sappeurhalbbataillon, 3 Orenburger

und 2 Ural-Kosakenregimenter, 3 Festungsartilleriekompanien, 11

Lokallommandos. Das Territorium wird in seinem gebirgigen Ostteil

von den westlichen Ketten des Thianschan (s. d.), welcher selbst

als Narat, Mustag, Sary-dshaß, Kok-schaal, Alai und

Hissarrücken die südöstliche Grenze bildet,

ausgefüllt. Im Pik Chan-Tengri erreicht er eine Höhe von

6558 m. Hier entspringen der Naryn, einer der Quellflüsse des

Sir Darja (s. d.), und der Tekeß, Quellfluß des Ili.

Das rechte Ufer des letztern bilden der Borochorskische und

Dsungarische Alatau. Rechts des Flußgebiets des Naryn und Sir

Darja zieht sich der Alatau hin, welcher sich beim Chan-Tengri vom

Thianschan abzweigt. Anfangs heißt er Terskei-tau, weiter

nach W. Sussamir-tau und endlich Urtak-tau. Durch die Flüsse

Tschirtschik, Aryß, Talaß, Tschu, den See Issi-kul, die

Flüsse Tschirik und Tscharyn und die rechten Zuflüsse des

Naryn wird der Alatau in verschiedene Gebirgszüge geteilt,

welche bald russische, bald kirgisische Namen haben. Dieser

gebirgige Teil des Territoriums ist teilweise bewaldet und von

vielen Flüssen

934

Turkistan (Russisch -T.: Geographisches).

(die hauptsächlichsten sind erwähnt) durchströmt.

Die Ebenen dagegen zeichnen sich im allgemeinen durch das Fehlen

geglichen Baumwuchses und durch Wassermangel aus. Je nach der Menge

der Feuchtigkeit und der Bodenbeschaffenheit zerfallen sie in

solche mit salzhaltigem Thonboden, am Fuß der Gebirge gelegen

(sie werden durch künstliche Bewässerung zu

außerordentlich fruchtbaren Gegenden), und in die

unbegrenzten wasserlosen Sandwüsten, wie im W. die Kisilkum,

im N. die Karakum, Dschitikonur und Mojunkum und endlich die am

Balchasch gelegenen Wüsten. Die Wasserlosigkeit ist jedoch nur

eine bedingte: in der Tiefe findet sich Wasser, so daß auch

eine gewisse Vegetation vorhanden ist; ferner sind längs der

Karawanenstraßen Brunnen angelegt. Die Sandsteppen scheiden

sich in veränderliche und feste. Erstere liegen zumeist an den

Rändern der Sandstrecken; sie sind vollständig

vegetationslos. Letztere werden dadurch charakterisiert, daß

sie mit einer dünnen Erdschicht von dunkelgrauer Farbe bedeckt

sind und infolge der in der Tiefe vorhandenen Feuchtigkeit eine

gewisse Vegetation haben; in den tiefer gelegenen Gegenden wachsen

sogar Bäume und Futterkräuter. Am meisten kommen Saxaul,

Wacholder und Disteln vor. Die wenigen Flüsse, welche die

Sandstrecken durchfließen, sind seicht und großtenteils

mit Schilf bewachsen, das an den Mündungen unpassierbare

Moräste bildet. Weite Sumpfflächen liegen am Balchasch,

am Alakulsee, am Tschu, an der Mündung des Sir Darja und an

dem untern Amu Darja. Schließlich sind noch die Seen (wie

Balchasch, Issi-kul, Karakul u. a.) und die Salzmoräste zu

erwähnen. Letztere sind meist ausgetrocknete Seen und finden

sich häufig in den Sandsteppen. Das Klima wird durch die

kontinentale Lage und außergewöhnliche Trockenheit

bedingt. Zwischen Tag und Nacht und in den verschiedenen

Jahreszeiten treten sehr große Temperaturunterschiede hervor.

Abgesehen von der Gebirgsgegend ist Regen nur eine seltene und

außergewöhnliche Erscheinung im Sommer. Dagegen regnet

es in den Gebirgen bei einer Hohe von 1200-1500 In im Mai und Juni

fast taglich zwischen 4 und 7 Uhr nachmittags, selten morgens und

nachts; in der Höhe von 2400 m regnet und schneit es

abwechselnd in den Sommermonaten; in einer Höhe von 2700 m

fällt nur noch Schnee. Wälder, vorzugsweise

Tannenwälder, trifft man nur in den Semiretschinskischen

Gebirgen, hier aber auch nur an den nördlichen und

nordwestlichen Abhängen, sofern die Berge mit Schnee bedeckt

sind. In klimatischer Beziehung kann man das gesamte Gebiet in vier

Teile teilen: 1) Der Norden etwa bis zum 45.° nördl. Br.;

Jahresmittel im W. +6,2° C., im O. +7,5. Winter von 2-3 Monaten

Dauer. Der Sir ist 123 Tage zugefroren. 2) Die südlich daran

sich schließende Gegend der Forts Tschulek, Perowski, der

Städte T., Aulinata und Wiernyi, mit der Jahrestemperatur von

+7° (Sommer +30, Winter -24°). Der Sir ist nur 97 Tage

zugefroren; Aprikosen werden reif. 3) Die Gegend um Tschemkent,

Taschkent, Kuldscha, Samarkand, Petro-Alexandrowsk; Jahresmittel in

Kuldscha +9,2° C., in Taschkent +14,3°; Pfirsich-,

Mandelbäume, Weinstock gedeihen. 4) Das Thal von Chodshent,

die Gegend der Stadt Chokand und südlich vom 42.°

nördl. Br.; mittlere Temperatur im Januar +2,4° C., im

Juli +28,8° C.; Pistazien gedeihen noch in 1000 m Höhe,

wilde Mandelbäume bis zu 1200 m, Aprikosen bis zu 1500 m,

wilde Apfelbäume bis zu 1900 m Höhe. Hinsichtlich der

Kultur sind 2,06 Proz. des Areals kultiviertes Land, 43,30

Weideland, 54,61 Proz. Unland. Ferghana und Serafschan nehmen die

erste Stelle ein. Ackerbau ist nur bei künstlicher

Bewässerung möglich. Dieselbe wird durch Aksakali

(Beamte) geleitet. Die erste Arbeit im Frühjahr ist die

Reinigung der Kanäle; dann wird das Land gepflügt,

gedüngt, bewässert und geeggt. Eine mittlere Ernte gibt

20, im Samarkander Distrikt von Weizen 25 Korn. Nach der Ernte von

Winterweizen und Gerste säet man noch in demselben Jahr Hirse,

Sesam, Linsen, Mohrrüben, seltener Mohn. Auf dem

größten Teil des zur Sommerernte bestimmten Bodens wird

Reis und Dschugara gebaut; dann folgt Baumwolle; Luzerne ist das

wichtigste Futterkraut; Krapp, Lein, Tabak werden nur noch in

unbedeutender Menge kultiviert, haben aber eine gute Zukunft,

ebenso wie der Weinbau; von Gartenfrüchten sind besonders

hervorzuheben: Melonen, Arbusen, Gurken, Kürbisse; unsre

Gemüse geben einen reichen Ertrag. Die Baumwolle, allerdings

von keiner guten Qualltät, hat für T. doch eine

große Bedeutung: 1867 wurde bereits für über 5

Mill. Rubel nach Rußland ausgeführt. Der Seidenbau

spielt ebenso eine wichtige Rolle: die Produktion ergibt

jährlich 1,816,000 Kokons. Die Wollproduktion bildet

ausschließliche Beschäftigung der Nomaden: Schafe,

Ziegen, Kamele werden geschoren. Auch die Viehzucht fällt

jenen ausschließlich zu und hat einen ganz bedeutenden

Umfang: man berechnet die Zahl der Kamele auf 390,361, der Pferde

auf 1,602,116, des Rindviehs auf 1,180,000, der Schafe auf

11,351,278. Die Flüsse und Seen sind überaus reich an

Fischen; der Fischfang wird aber noch wenig, fast nur von den

Nomaden, betrieben. An wilden Tieren gibt es Tiger, Panther, wilde

Schweine, Bären, Wölfe, Füchse, wilde Esel, wilde

Ziegen, wilde Katzen etc. An Salz ist großer Reichtum

vorhanden; die Nutzbarmachung ist aber unbedeutend. In Ferghana

gibt es Naphthaquellen, deren Ausbeute sehr nutzbringend werden

kann. Auch Goldsand, Silber-, Kupfer-, Blei- und Eisenerze,

Steinkohle, Schwefel, Salpeter, Türkise sind dort zu finden.

Die Ausbeute ist noch eine ganz unbedeutende. Vorläufig ist

der Besitz Turkistans für Rußland noch keine

Hilfsquelle; letzteres muß sogar für dies neuerworbene

Land noch erhebliche Opfer bringen.

Die Bevölkerung gehört zwei Rassen an: der

kaukasischen und der mongolischen. Die erstere umfaßt Russen,

Tadschik (s. d.), Perser und Afghanen, ferner Juden und Araber; die

letztere zerfällt in die altaischen (turkotatarischen)

Völkerschaften, welche hier als Kirgisen, Karakirgisen,

Uzbeken, Karakalpaken, Kiptschak, Turkmenen, Tataren (s. diese

Artikel) auftreten, und in die eigentlich mongolischen:

Kalmücken, Chinesen, Sibo, Solonen u. a. Die Sarten (s. d.),

Tarantschen (s. d.) und Kuraminzen, ein Gemisch verschiedener

Völkerschaften, können füglich zu den Turkotataren

gerechnet werden, ebenso wohl die Dunganen (s. d.), welche einen

Übergang von den türkischen zu den mongolischen

Völkerschaften bilden. Annähernd wird das ganze Gebiet

bewohnt von 59,283 Russen, 7300 Tataren, 690,305 Sarten, 137,283

Tadschik, 182,120 Uzbeken, 58,770 Karakalpaken, 70,107 Kiptschak,

5860 Turkmenen, 20,000 Dunganen, 36,265 Tarantschen, 1,462,693

Kirgisen, 77,301 Kuraminzen, 24,787 Kalmücken, 22,117

Mangow-Mandschuren, 2926 Persern, 857 Indern. Die Russen,

ungefähr 1 Proz. der Gesamtbevölkerung, konzentrieren

sich hauptsächlich in dem Semiretschinskischen Bezirk als

Kosaken, Bauern und Einwohner der Städte; in dem Sir

Darja-Gebiet wohnen sie groß-

935

Turkistan (Russisch-T.: Geschichte).

tenteils in Taschkent und in Kasalinsk und in sehr

beschränkter Anzahl in den übrigen Flecken etc.: nur 4000

(ca. 1 Proz. der Bevölkerung) bewohnen den Bezirk Serafschan,

1184 (1 Proz.) den Amu Darja-Distrikt als Kolonisten der

Uralkosaken, 1229 den Ferghanabezirk. Tataren sind das Handel

treibende Element in den Städten. Sarten, angesiedelte

Nomaden, beschäftigen sich mit Ackerbau und Handel und bilden

den Kern der eingebornen Stadt- und Landbevölkerung in den

südlichen Kreisen des Sir Darja-Bezirks und in ganz Ferghana

sowie im Serafschanbezirk; in Semiretschinsk kommen sie nur

vereinzelt vor. Kirgisen treiben als Nomaden Viehzucht, nur die

armen Stämme (die Igintschamen) sind angesessen und treiben

Ackerbau; sehr ungleichmäßig verteilt, bilden sie in

Semiretschinsk 78 Proz., im Slr Darja-Distrikt 62, im Amu

Darja-Distrikt 29, in Ferghana 17 und in Serafschan nur 0,2 Proz.

der Bevölkerung. Kuraminzen bewohnen als Ackerbauer den

Kuraminzkischen Kreis der Provinz Sir Darja. Kiptschak wohnen als

Handel und Ackerbau treibend ausschließlich im

nördlichen Teil von Ferghana. Nomadisierende Uzbeken treten in

größerer Masse im Kreis Serafschan, dann am rechten Ufer

des Amu Darja und in geringer Anzahl in der Provinz Sir Darja auf.

Karakalpaken haben sich als Ackerbauer und Viehzuchttreibende

hauptsächlich im Amu Darja-Distrikt angesiedelt. Turkmenen

leben ausschließlich als halbangesessene Nomaden in der

Provinz Amu Darja. Die Tarantschen nehmen das Ilithal ein und

siedeln jetzt zum großen Teil aus dem an China abgetretenen

Kuldschadistrikt auf russisches Gebiet über, Dunganen

hauptsächlich in dem an China abgetretenen Kuldschadistrikt,

dann aber auch in der Provinz Ferghana und im Kreis Serafschan; die

größte Ansiedelung, 4000 Seelen, befindet sich im Thal

Karakunuß im Kreis Tokmak. Kalmücken nomadisieren in den

Kreisen Wlärnyl und Issi-kul der Provinz Semiretschinsk.

Tadschik gibt es im Kreis Chodshent, im Kreis Serafschan, im Kreis

Kurama in dem Gebirge und in Ferghana. Perser, früher Sklaven,

kommen im Kreis Serafschan und im Kreis Amu Darja vor. Inder sind

in den Handelszentren verteilt; es sind nur Männer. Zigeuner

und Juden wohnen hauptsächlich im Kreis Serafschan. Araber

führen ein halbangesessenes Leben in der Umgegend von

Samarkand und Kattykurgan. Nach den Glaubensbekenntnissen teilt

sich die Einwohnerschaft des Generalgouvernements T. in 2,900,000

Mohammedaner (hauptsächlich Sunniten), 57,000

Griechisch-Orthodoxe, 2000 Katholiken, 1000 Protestanten, 50,000

Heiden, 3000 Juden. 1877 betrug die angesessene Bevölkerung

1,620,535, die nomadisierende 1,417,584. Vgl. Kostanco, Turkestan;

Materialien für die Geographie und Statistik Rußlands

(russ., Petersb. 1880).

[Geschichte.] Die ersten Beziehungen Rußlands zu

Mittelasien, speziell zu Chiwa (s. d.), datieren aus der

Regierungszeit Peters d. Gr. Einen positiven Erfolg hatten

dieselben nur insofern, als die zwischen der Wolga und dem Ural

wohnenden Kirgiskasaken russische Unterthanen wurden. 1725 lief die

russische Grenze in Asien längs der Flüsse Ural und Mijas

mit Kurgas und Omsk, längs des Irtisch und der Vorberge des

Altai zwischen Biisk und dem Telezkischen See hindurch, an den

Quellen des Abankan vorbei nach der jetzigen Grenzlinie mit China

hin. In Mittelasien hatte Rußland somit damals noch keine

Besitzungen. 1732 erlangte Rußland südlich dieser Grenze

die Herrschaft über die Kleine und Mittlere Horde der

Kirgisen. Um diese nur nominellen zu wirklichen Unterthanen zu

machen, legte man 1820 befestigte Punkte an zum Schutz der neuen

Grenze und zur Aufrechterhaltung der Ordnung in dem neuerworbenen

Gebiet. So entstand eine Linie in der Mittlern und die ilezkische

Linie in der Kleinen Horde der Kirgisen. Die

unbotmäßigen Kirgisen fanden Unterstützung an dem

Chan von Chiwa. Infolgedessen fand die unglückliche Expedition

des Generals Perowski 1839 nach Chiwa (s. d.) statt. Vorher jedoch

hatte man den Posten Nowo-Alexandrowsk an der Kaidakbucht des

Kaspischen Meers, den Embaposten 400 km südlich von Orenburg

und Akbulak etwa 160 km noch weiter südlich nach dem

Ust-Urt-Plateau zu angelegt. Nach dem niedergeworfenen

Kirgisenaufstand 1846 erhielten Embinsk und Akbulak feste

Garnisonen, und in der Steppe entstanden die Posten Uralskoje und

Orenburgskoje. 1846 erkannten auch die Kirgisen der Großen

Horde die russische Oberherrschaft an: Kopal südöstlich

des Balchaschsees wurde als Stützpunkt angelegt. Raimskoje an

der Mündung des Sir Darja entstand um dieselbe Zeit. 1847 zog

die russische Grenze von Osten nach Westen über den

Ilifluß zum Alataurücken und längs des Tschu zum

Sir Darja. Es begannen die Kämpfe mit Chokand (s. d.). Schon

1854 war die Linie des Sir Darja durch die Forts Nr. 1 (Raimskoje

war aufgegeben), 2 und Perowski, etwa 350 km östlich vom

Aralsee gelegen, gut befestigt. 1860 unterwarf man von Kopal her

die Karakirgisen und nahm an der Sirlinie die Forts Djulek und

Jany-Kurgan. 1864 wurden Aulinata, die Städte T. und

Tschimkent genommen. Anfang 1865 wurde das neuerworbene Land mit

der Sir Darja-Linie und den am See Issi-kul gelegenen Erwerbungen,

wo man vom Fort Wiernoje aus bis an den Naryn vorgegangen war, zu

dem Grenzgebiet T. verbunden. Am 10. März 1865 fiel Taschkent.

Jetzt trat Bochara (s. d.) in den Kampf mit Rußland ein. Am

8. Mai 1866 wurde der Emir auf der Ebene Ir Djar geschlagen, die

Stadt Chodshent 24. Mai erstürmt; 2. Okt. fiel Dschisak, am

18. Ura-Tjube, beides strategisch wichtige Befestigungen an

Pässen des Kaschgar-Dawan. Zu Ende dieses Jahrs war letzterer

die Südgrenze Rußlands. Im Frühjahr 1867 wurde

Jany-Kurgan besetzt. Ein Ukas vom 11. Juli d. J. verfügte die

Organisation des bis dahin dem Generalgouverneur von Orenburg

unterstellt gewesenen mittelasiatischen Gebiets zu einem

selbständigen Generalgouvernement T., das in den Sir

Darinskischen und Semiret-schinskischen Oblaßtj geteilt

wurde. Die Friedensverhandlungen mit Bochara hatten keinen Erfolg,

und so fielen im März 1868 Samarkand, Kurgan, Katty Kurgan und

Tschilek und wurden später als Serafschanbezirk einverleibt;

am 2. Juli wurde endlich die letzte bocharische Armee auf den

Höhen von Schachrissiabs total geschlagen. Waren so Bochara u.

Chokand Vasallenstaaten Rußlands geworden, so widerstand noch

Chiwa. Russischerseits verschaffte man sich zunächst

Stützpunkte im Osten dieses Chanats. 1869 entstand das

russische Fort Krassnowodsk an dem Ostufer des Kaspischen Meers. Im

Frühjahr 1870 besetzte man das in dem Balchangebirge gelegene

Tasch-Arwat mit den beiden Etappen Michael und Mulla-Kari-Posten.

Im Herbste desselben Jahrs führte eine Expedition die Russen

schon 200 km weiter nach Osten, um die mit Chiwa verbündeten

Turkmenen für deren Räubereien zu strafen. Weitere

Rekognoszierungen in der Richtung auf den See Sary-Kamysch fanden

1871 statt; das Fort Tschikischljar an der Mündung des Atrek

wurde angelegt.

936

Turkistan (Ostturkistan: Geographisches).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 270 / 302 段