In der That wurden die Befugnisse der Pforte über die

Vasallenstaaten nicht nur nicht vermehrt, sondern, da das

europäische Konzert, von dem die Türkei bloß einen

Teil bildete, sich die oberste Entscheidung beimaß, mehr und

mehr verringert und schließlich beinahe völlig

aufgehoben. Sie konnte nicht hindern, daß 1859 auf Betrieb

Frankreichs in der Moldau und der Walachei derselbe Mann, Cusa, zum

Fürsten erwählt und so die Union faktisch

durchgeführt wurde, und mußte sich begnügen, ihre

Investitur mittels zweier verschiedener Diplome zu erteilen. In

Serbien wurde der der Pforte ergebene Alexander Karageorgiewitsch

1858 zur Abdankung gezwungen und die Obrenowitsch

zurückgerufen, unter denen Serbien der Herd panslawistischer

Agitationen wurde, welche 1861 auch einen Aufstand in der

Herzegowina erregten. Dem Druck der Großmächte

nachgebend, befahl die Pforte 1862 allen außerhalb der

Festung in Serbien lebenden Türken, auszuwandern, und

schleifte mehrere Binnenbefestigungen. Die unter den Auspizien der

Westmächte begonnenen Reformen in den Immediatprovinzen

gerieten bald ins Stocken. Es gelang nur, eine Anzahl wichtiger

materieller Verbesserungen durchzuführen: neue

Heerstraßen wurden erbaut, Häfen angelegt, die Post

besser eingerichtet und Telegraphenlinien gezogen. Die Kehrseite

dieser Fortschritte bildete die Zerrüttung der Finanzen.

Während die Pforte sich früher in bedrängten Zeiten

mit Münzverschlechterung und Papiergeld beholfen hatte, deren

nachteilige Folgen bald beseitigt waren, war während des

Krimkriegs neben einer bedeutenden schwebenden Schuld im Inland

eine Anleihe von 7 Mill. Pfd. Sterl. in England aufgenommen worden.

Dieser folgten 1858, 1860 und 1861 drei weitere Anleihen. Die

Ausgaben stiegen infolge der hohen Zinsen auf 14 Mill. Pfd. Sterl.

jährlich, während die Einnahmen nur 9 Mill. betrugen.

186l brach wegen der Finanznot eine Handelskrisis aus, welcher man

durch Ausgabe von 1250 Mill. Piaster Papiergeld mit Zwangskurs zu

begegnen suchte. Die willkürlich verteilten und mit Härte

eingetriebenen Steuern bedrückten die Bevölkerung aufs

äußerste und führten in den Provinzen

allmähliche Verarmung herbei, während die hohen Beamten

und die Bankiers sich übermäßig bereicherten.

Zerrüttung des Staats unter Abd ul Asis.

Am 25. Juni 1861 starb Abd ul Medschid; sein Nachfolger Abd ul

Asis (1861-76) ward, weil er für nüchtern, sparsam und

energisch galt, mit Übertriebenen Hoffnungen

begrüßt. Dieser Enthusiasmus kühlte sich bald ab,

als man sah, daß dem neuen Großherrn allerdings die

gutmütige, wohlwollende Gesinnung seines Bruders fehle,

daß aber, was man für Charakterfestigkeit gehalten, nur

Eigensinn sei, welcher sich, seiner mangelhaften geistigen Bildung

entsprechend, in der Regel nach verkehrter Richtung

äußerte. Er nahm, wie sein Vater, einen Anlauf, der

Regenerator seines Reichs zu werden; er wollte sogar dafür

Opfer bringen, seinen Harem abschaffen, auf einen Teil der

Zivilliste verzichten etc. Aber das auch bei ihm hervortretende

Mißverhältnis zwischen Wollen und Können erzeugte

Schwermutsanfalle und Ausbrüche von Despotenlaune. Die

Minister wechselten unaufhörlich, kein Regierungsplan konnte

systematisch zu Ende geführt werden, die Staatseinkünfte

wurden oft auf unsinnige Weise verschwendet. Den Ränken der

Mächte, den Bestechungen der hohen Beamten durch Unternehmer

und Bankiers waren Thür und Thor geöffnet. Dazu kam,

daß die Türkei bald auch mit ihren westlichen

Schutzmächten in mancherlei Konflikte geriet, welche ihr der

Fanatismus der mohammedanischen Bevölkerung und die steigende

Unzufriedenheit der christlichen Unterthanen verursachten. Zu

Dschidda in Arabien wurden im Juni 1858 der englische und der

französische Konsul ermordet. Am gräßlichsten kam

die christenfeindliche Stimmung in Syrien zum Ausbruch, woselbst

1860 zunächst im Libanon nach wiederholten gegen die Christen

begangenen Gewaltakten die friedliche maronitische Bevölkerung

von Hasbaia, Raschaia und Deir el Kamer, nachdem sie unter Zusage

vollkommenen Schutzes ihre Waffen an die türkischen

Platzkommandanten jener Orte abgegeben, von herbeieilenden Drusen

massenhaft abgeschlachtet wurde, und dann in Damaskus, der alten

syrischen Landeshauptstadt, wo unter heimlicher Zustimmung der

Behörde ein volles Viertel (5000 Seelen) der christlichen

Bevölkerung dem Fanatismus der Mohammedaner erlag. Entsetzt

über die verübten Greuelthaten, verlangte die

öffentliche Meinung ein Einschreiten der

Großmächte. Bis aber diese über die Modalität

eines solchen schlüssig geworden waren, verstrichen Monate.

Inzwischen hatte die Pforte den Großwesir Fuad Pascha als

Kommissar mit unbedingter Vollmacht an Ort und Stelle geschickt,

und derselbe hatte sich angelegen sein lassen, durch zahlreiche

Hinrichtungen in Damaskus und im Libanon die Einmischung der

Mächte unnötig zu machen. Doch war die Ende August

erfolgte Absendung eines französischen Okkupationsheers nach

dem Libanon nicht überflüssig, indem erst jetzt die

hochgestellten Urheber und Förderer des Blutbades zur

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

59

930

Türkisches Reich (Geschichte 1861-1875).

Strafe gezogen wurden. Erst im Juni 1861, nachdem über die

Entschädigung der heimgesuchten christlichen

Bevölkerungen für die erlittenen materiellen Verluste

eine Einigung erzielt worden war, wurden die französischen

Truppen wieder abberufen. Der Libanon wurde zu einem besondern,

direkt von Konstantinopel abhängenden Verwaltungsbezirk

gemacht und unter einen Statthalter christlicher Konfession mit

Wesirsrang gestellt.

Auch in der christlichen Bevölkerung der europäischen

Türkei regte es sich unter dem Einfluß der

panslawistischen und panhellenischen Agitationen an verschiedenen

Orten. Besonders gefährlich ward der Aufstand in Kreta im

Frühjahr 1866. Erst im August schickte die Pforte Truppen nach

der Insel, um die Ordnung herzustellen; doch brach der Kampf im

Fruhjahr 1868 mit erneuter Heftigkeit aus, und erst, als die Pforte

Griechenland ein Ultimatum stellte, wenn es nicht aufhöre, den

kretischen Aufstand zu unterstützen, und die im Januar 1869 in

Paris zusammengetretene Konferenz der Mächte Griechenland

nötigte, sich diesem Ultimatum zu unterwerfen, gelang die

Pacifizierung der Insel, nachdem sie große Opfer an Gut und

Blut gekostet, für welche kein Ersatz geleistet wurde. Dieser

Ausgang mußte die andern unterworfenen Völker ermutigen.

1866 trat Serbien mit dem Verlangen der gänzlichen

Räumung des Landes seitens der türkischen Truppen hervor,

und im Mai 1867 fügte sich die Pforte auch wirklich demselben,

da Österreich entschieden darauf drang. Bloß

Ägypten gegenüber gelang es dem Sultan, seine

Autorität aufrecht zu erhalten. Er hatte 1866 dem

Vizekönig Ismail Pascha bereitwilligst die Zustimmung zur

neuen Thronfolgeordnung und 1867 den Titel Chedive mit erweiterten

Befugnissen erteilt. Als dieser aber 1869 auf einer Reise nach

Europa seine völlige Souveränität zu erlangen

suchte, befahl ihm die Pforte 29. Nov. d. J., seine Armee auf

30,000 Mann zu reduzieren, keine neuen Panzerschiffe zu kaufen,

ohne Genehmigung des Sultans keine Anleihen zu kontrahieren,

selbständigen Verhandlungen mit fremden Mächten zu

entsagen etc. Der Chedive unterwarf sich, erlangte aber im Mai 1873

bei einem persönlichen Besuch in Konstantinopel durch ein

großes Geldgeschenk und Erhöhung des Tributs, daß

der Sultan ihm alles, mit Ausnahme der Vermehrung der Flotte,

wieder erlaubte.

Bei allen Übelständen genoß die Regierung Abd ul

Asis' noch eines gewissen Ansehens, solange tüchtige

Staatsmänner, wie Fuad und Aali Pascha, welche, allerdings mit

Unterbrechungen, gegen 15 Jahre lang in den wichtigen Posten des

Großwesirs und des Ministers der auswärtigen

Angelegenheiten abwechselten, an der Spitze des Staats standen. Als

aber Fuad 1869 und Aali 1871 gestorben waren, da schwand mit der

Geschäftskunde der Regierung auch das äußere

Vertrauen zu ihr mehr und mehr. Der Sultan behielt bei der Wahl

seiner Räte nur das eine Kriterium im Auge, ob sie ihn bei

seinem Plan, die Thronfolge zu ändern und durch

Einführung des Rechts der Erstgeburt seinen Sohn Jussuf zum

Nachfolger zu bestimmen, unterstützen würden.

Zunächst ernannte er Mahmud Nedim Pascha zum Großwesir,

einen unwissenden und habsüchtigen Mann, welcher, um seine

Kreaturen in die einflußreichen Stellen zu bringen, auf das

willkürlichste unter den tüchtigern Beamten

aufräumte und sich eine große Unpopularität zuzog,

von welcher ein beträchtlicher Teil auf seinen Gebieter

überging. Ganz gewissenlos wurden die Finanzen verwaltet. Der

Sultan selbst ging mit der Verschwendung durch Prachtbauten voran.

Das Heer und die Flotte verschlangen ungeheure Summen für die

Neubeschaffung von Kanonen, Gewehren und Panzerschiffen.

Telegraphen und Eisenbahnen, mit großen Kosten, aber nur nach

den Wünschen und dem Vorteil der fremden Mächte und der

Unternehmer angelegt, dienten wenig dazu, die Hilfsquellen des

Landes zu vermehren, und belasteten zunächst bloß den

Staatsschatz. Althergebrachte Hilfsmittel, wie stärkere

Anziehung der Steuerschraube, Verpachtung von Staatsgütern,

von Einkünften und Gerechtsamen, Verminderung des Gehalts der

mittlern und niedern Beamten, wurden durch unverständige

Ausbeutung bald abgenutzt und erfolglos und vermehrten nur die

Verarmung und Unzufriedenheit im Volk. Zu immer drückendern

Bedingungen mußten demnach von Jahr zu Jahr Darlehen

aufgenommen werden; um nur zu Geld zu kommen, schien die

türkische Regierung in ihren Zugeständnissen an die

Kapitalisten keine Grenze zu kennen. Sie konnte daher bald auch die

Zinsen ihrer auf 5000 Mill. Frank angewachsenen äußern

Schuld nicht mehr bezahlen. Am 6. Okt. 1875 erklärte die

Pforte, daß sie außer stande sei, von den Zinsen der

Staatsschuld mehr als 50 Proz. zu bezahlen, daß sie aber

über die restierenden 50 Proz. 5proz. Obligationen ausstellen

wolle, welche später bar eingelöst werden sollten. Aber

alle Versuche, der Mißwirtschaft im Innern Einhalt zu thun,

waren erfolglos. Im Juli 1872 war es der patriotischen Opposition

gelungen, Mahmud zu stürzen; aber seine Nachfolger erlagen

alle nach kurzer Herrschaft den Ränken des russischen

Botschafters Ignatiew, bis im August 1875 Mahmud wieder in die

Regierung zurückberufen ward.

Innere Unruhen und neuer Krieg mit Rußlaud.

Rußland, seit 1864 durch Ignatiew in Konstantinopel

vertreten, hatte unaufhörlich und mit wachsendem Erfolg daran

gearbeitet, seine durch den Krimkrieg verlorne Stellung im Orient

wiederzugewinnen. Da Ignatiew in Griechenland nicht mehr einen

ohnmächtigen Schützling, sondern einen gefährlichen

Nebenbuhler sah, so trat er fortan nicht sowohl als Protektor der

orthodoxen Kirche als der slawischen Unterthanen der Türkei

auf. Von ihm angestachelt, verlangten die Bulgaren ihre

Loslösung von dem griechischen Patriarchat in Konstantinopel

und erlangten im März 1870 auch wirklich die Errichtung eines

eignen Exarchats. Um die Autorität der Westmächte zu

erschüttern, stellte Rußland im Oktober 1870

während des deutsch-französischen Kriegs die Forderung,

daß das durch den Pariser Frieden Rußland auferlegte

Verbot, auf dem Schwarzen Meer Kriegsschiffe zu halten, aufgehoben

werde. Die Pforte suchte vergeblich Hilfe bei Europa: Frankreich

war zu Boden geschmettert, England hatte sich durch seine

egoistische Politik im Sommer 1870 um alles Ansehen und allen

Einfluß gebracht, und auf der Londoner Konferenz im März

1871 mußte sich die Pforte dem von Bismarck

unterstützten russischen Verlangen fügen. Nach diesem

Erfolg setzte Ignatiew seine Bemühungen, kein

vernünftiges Verwaltungssystem aufkommen zu lassen, die

Türkei mit Europa zu verfeinden, im Innern durch Unruhen u.

dgl. zu zerbröckeln und so die völlige Unterwerfung

derselben unter Rußland herbeizuführen, rastlos fort,

und es gelang ihm, Mahmud Nedim Pascha durch Bestechung, den Sultan

durch die Aussicht auf russische Unterstützung seines

Thronfolgeplans völlig in seine Gewalt zu bringen.

1875 brach in der Herzegowina, angeblich durch Steuerdruck

hervorgerufen, ein Aufstand aus. Mon-

931

Türkisches Reich (Geschichte 1875-1877).

tenegro und Serbien machten sich trotz offizieller

Neutralitätserklärung zu Vermittlern der von

Rußland ausgehenden Förderung des Aufstandes. Die

lässige Bekämpfung des Aufstandes zog den Türken

einige Schlappen zu; sofort wurde der Pforte auf Betrieb

Rußlands von den Mächten eine Konsularkommission zur

Herstellung des Friedens aufgenötigt, und als die

Bemühungen dieser an der ablehnenden Haltung der

Aufständischen gescheitert und sogar eine die

Pacifikationsbedingungen zusammenfassende Note der Mächte

verworfen worden war, als auch eine österreichischerseits

versuchte Vermittelung zu nichts geführt hatte: da glaubte die

Pforte endlich selbständig agieren zu können. Durch zwei

befestigte Lager hielt sie Serbien in Schach und schnitt die

Insurgenten von Montenegro ab, worauf sofort der Aufstand auf

einige rauhe Gebirgsgegenden beschränkt wurde. Nun aber trat

Ignatiew energisch gegen eine Bedrohung Montenegros auf und erzwang

eine Verlegung der turkischen Truppen von der montenegrinischen

Grenze. In diesem Augenblick trat ein andres verhängnisvolles

Ereignis für die Pforte ein: in Saloniki wurden 6. Mai 1876

der deutsche und der französische Konsul bei einem Tumult von

fanatischen Mohammedanern, nicht ohne Verschulden der

Behörden, ermordet. Die Pforte beeilte sich, den sehr strengen

Genugthuungsforderungen der Mächte gerecht zu werden; doch war

ihre vermehrte Isolierung die natürliche Folge des

Verbrechens. Die gegen sie ganz Europa durchzuckende

Mißstimmung wurde von Rußland geschickt benutzt.

Dasselbe wußte von den beiden verbündeten

Kaiserhöfen die Zustimmung zu dem sogen. Gortschakowschen

Memorandum zu erlangen, welches die Schuld an dem Nichtgelingen der

Pacifikation der Herzegowina lediglich dem Sultan beimaß und

unter Androhung wirksamerer Maßregeln einen zweimonatlichen

Waffenstillstand verlangte, um mit den Insurgenten wegen des

Friedens zu unterhandeln. Auch die übrigen Mächte, mit

Ausnahme Englands, erklärten sich mit dieser Staatsschrift

einverstanden.

Alle Schichten der türkischen Nation waren überzeugt,

daß Rußland auf das Verderben der Pforte sinne, und

daß Eigennutz und Unverstand den Großherrn und seinen

ersten Wesir dem Erbfeind als Gehilfen zuführten. Über

die Verbindung des Sultans mit Rußland wurden die

aufregendsten Gerüchte verbreitet, als wolle Rußland

Konstantinopel mit seinen Truppen besetzen, um die neue

Thronfolgeordnung mit Gewalt durchzuführen und die

Unzufriedenen zu züchtigen, und der russische Botschafter trat

denselben mit keiner Ableugnung entgegen. Am 11. Mai kam es zu

stürmischen Auftritten vor dem Palast des Sultans; die Softas

(theolog. Studenten) hatten sich bewaffnet und verlangten

Entlassung Mahmuds, Entfernung Ignatiews und Krieg gegen

Montenegro. Keine Hand rührte sich für Abd ul Asis.

Umsonst suchte derselbe durch Berufung eines populären Mannes

auf den Posten Mahmuds sich aus der Verlegenheit zu ziehen, er war

selbst unmöglich geworden. Am 29. Mai vereinigte sich der neue

Großwesir, Mehemed Ruschdi, mit dem Kriegsminister Hussein

Avni und Midhat Pascha, den Sultan abzusetzen und den ältesten

Sohn Abd ul Medschids, Murad V., auf den Thron zu erheben. In der

Nacht zum 30. Mai ward die Palastrevolution ohne

Blutvergießen durchgeführt. Der abgesetzte Sultan wurde

darauf 4. Juni in dem Palast Tscheragan, wohin man ihn gebracht

hatte, auf Befehl der Minister ermordet; man gab vor, er habe sich

durch Aufschneiden der Pulsadern selbst getötet. Am 15. Juni

drang von neuem die Kunde einer grauenhaften Blutthat ins Publikum:

drei Minister, darunter der energische Hussein Avni, wurden im Haus

Midhats von einem tscherkessischen Offizier ermordet!

Während dies in Konstantinopel geschah, brach an

verschiedenen Stellen Bulgariens der von Rußland vorbereitete

Aufstand aus. Es war ein Ausrottungskrieg der Bulgaren gegen ihre

in der Minderzahl befindlichen mohammedanischen Mitbürger,

aber die Urheber hatten sich in betreff der Ohnmacht der Pforte

verrechnet. Von den gegen ihn aufgebotenen Irregulären, denen

sich später Linientruppen beigesellten, wurde der Aufstand

unter noch barbarischern Greueln und entsetzlichem

Blutvergießen zu Boden geworfen. Inzwischen hatte auch

Serbien seine Rüstungen vollendet und überschritt nunmehr

die Grenze, um, wie es in dem Manifest vom 2. Juli 1876 hieß,

den aufständischen Nachbarprovinzen den Frieden wiederzugeben.

Rußland sandte nach Serbien die Erfordernisse für den

Krieg an Geld, Waffen, Munition und vor allem an Mannschaften. Doch

fochten die Serben unglücklich und sahen sich 29. Aug.

genötigt, die Mächte um Vermittelung eines

Waffenstillstandes anzugehen, den sie verräterisch brachen,

sobald sie durch russische Hilfe ihre Kampffähigkeit

wiederhergestellt zu haben glaubten. Neue Siege bei Alexinatz (Ende

Oktober) eröffneten nunmehr den Türken den Weg in das

Herz Serbiens; aber ihren Erfolgen gebot ein Telegramm des Kaisers

Alexander II. aus Livadia vom 30. Okt. 1876 Halt, welches unter

Androhung sofortigen diplomatischen Bruches ihnen binnen 24 Stunden

Einstellung ihrer Operationen auferlegte. Inzwischen war in

Konstantinopel Murad V. wahnsinnig geworden; 31. Aug. folgte ihm

sein Bruder Abd ul Hamid II. In der nichtigen Hoffnung,

Rußland durch Nachgiebigkeit zu entwaffnen, unterzeichnete

dieser 31. Okt. die Waffenstillstandsakte, berief seine Truppen aus

Serbien zurück und gewährte dem treulosen Vasallenstaat

1. März 1877 den denkbar günstigsten Frieden unter

Herstellung des Status quo ante.

Gleich nach dem Abschluß des serbisch-türkischen

Waffenstillstandes schlug England eine Konferenz vor, welche unter

Wahrung der Integrität des Osmanenreichs eine administrative

Autonomie für die slawischen Balkanprovinzen feststellen

sollte. Beim Zusammentritt derselben, welche in Konstantinopel

tagte, ließ Midhat Pascha, seit 19. Dez. 1876

Großwesir, den Sultan seinem Reich eine Verfassung

oktroyieren, welche, 23. Dez. 1876 publiziert, die völlige

Rechtsgleichheit aller Pfortenunterthanen proklamierte und als

Trumpf von der türkischen Regierung gegen die Ansprüche

der Mächte zu gunsten der Slawen nicht ohne Geschick

ausgespielt wurde. Die Konferenz endigte ohne Resultat. Nachdem sie

selbst ihre Beschlüsse herabgemildert, wurden diese von Midhat

dem Großen Diwan, einer Versammlung von gegen 300 angesehenen

Personen, darunter 60 Christen, zur Prüfung vorgelegt und

einstimmig zurückgewiesen. Doch wurde der thatkräftige

Midhat schon im Februar 1877 infolge einer Palastrevolution

abgesetzt und verbannt; an seine Stelle als Großwesir trat

Edhem Pascha. Daher hatte auch die erste und einzige Session der

türkischen Kammer im Februar 1877 kein Ergebnis. Um so mehr

fühlte sich Rußland zu energischem Vorgehen ermutigt,

und nachdem es seine Rüstungen vollendet, erklärte es 24.

April 1877 an die Türkei den Krieg (vgl. Russisches Reich,

Geschichte, S. 94). Derselbe entbrannte zuerst in Asien, woselbst

im obern Kurthal 17. Mai die kleine Festung Ardahan

59*

932

Türkisches Reich (Geschichte: neueste Zeit).

von den Russen erobert wurde. Im Juni gingen die Russen

über die Donau, ohne daß der türkische

Oberbefehlshaber Abd ul Kerim es hinderte, eroberten 6. Juli

Tirnowa, überstiegen 12. Juli mittels des Twyodischkapasses

den Balkan,wiegelten die Bulgaren Nordthrakiens auf,

erstürmten 19. Juli den für schweres Geschütz

passierbaren Schipkapaß, besetzten Jamboli, Karlowo und andre

Städte im Süden des Balkans, eroberten Nikopoli an der

Donau und belagerten Rustschuk. Diesem glänzenden Anfang des

Feldzugs entsprach aber der Fortgang nicht. Bei dem Versuch, die

befestigten Höhen von Plewna zu nehmen, erlitten die Russen

20., 21. und 31. Juli Niederlagen, die eine rückgängige

Bewegung zur Folge hatten. In Thrakien von Suleiman Pascha

angegriffen, mußten sie sich in den Schipkapaß

zurückziehen, den sie mannhaft verteidigten; in der

Donaugegend wurden sie über den Schwarzen Lom geworfen. Sie

sahen sich genötigt, die früher nicht recht

gewürdigte Bundesgenossenschaft mit den Rumänen

anzunehmen, erlitten aber bei erneuten Angriffen gegen Plewna vom

7. bis 12. Sept. abermals Niederlagen, so daß bedeutende

Truppennachschübe nötig wurden. Auch in Asien stritten

sie bei Zewia unglücklich gegen die Türken und wurden auf

ihr eignes Gebiet zurückgeworfen, bis es ihnen 15. Okt.

gelang, auf dem Aladjaberg einen glänzenden Sieg

davonzutragen. Die Türken hatten militärisch mehr

geleistet, als man, namentlich nach dem Beginn des Kriegs, von

ihnen erwartet hatte. Da sie indes gar keine Unterstützung

fanden, mußten sie endlich doch der Übermacht

unterliegen. Auf dem asiatischen Kriegsschauplatz ging 18. Nov.

Kars verloren, und die Türken wurden nach Erzerum

zurückgetrieben; in Bulgarien aber besiegelte der Fall des

lange heldenmütig verteidigten Plewna (10. Dez.) den Verlust

eines großen Teils der westlichen Bulgarei, in welche zu

gleicher Zeit die Serben eindrangen, während die Montenegriner

in Albanien siegreich vorrückten. Anfang 1878

überschritten die Russen den Balkan an mehreren Stellen

zugleich. Die Armee Suleimans wurde bei Philippopel völlig

zersprengt, die Schipkaarmee gefangen genommen und 31. Jan. 1878 in

Adrianopel, das die Türken freiwillig geräumt, von den

Russen, welche bereits bis zum Marmarameer und bis an die Thore

Konstantinopels vorgedrungen waren, der Waffenstillstand diktiert.

Diesem folgte 3. März, da die Türken nirgends Hilfe

fanden, der Friede von San Stefano. In diesem wurden die

Unabhängigkeit Rumäniens und Serbiens, des letztern und

Montenegros Vergrößerung, die Abtretung der Dobrudscha

und eines Teils von Armenien, die Bildung eines autonomen

Fürstentums Bulgarien, welches außer dem eigentlichen

Bulgarien einen großen Teil Rumeliens und Makedoniens

umfaßte, stipuliert und die Zahlung einer beträchtlichen

Kriegsentschädigung der Türkei auferlegt.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 269 / 302 段