Urchans zweiter Sohn, Murad I. (1359-89), eroberte Thrakien,

verlegte 1365 seine Residenz nach Adrianopel und beschränkte

das griechische Kaiserreich auf Konstantinopel und Umgebung. Serben

und Bulgaren mußten nach der Niederlage auf dem Serbierfeld

bei Adrianopel (1363) Tribut zahlen und sich zu Heeresfolge

verpflichten; die Fürsten Kleinasiens mußten die

Oberhoheit des Sultans anerkennen. Die Erhebung des

Serbenkönigs Lazarus, dem sich die Fürsten von Bosnien,

Albanien, der Herzegowina und der Walachei anschlössen, endete

mit der blutigen Niederlage auf dem Amselfeld bei Kossowa (15. Juni

1389); der siegreiche Murad wurde auf dem Schlachtfeld selbst von

einem verwundeten Serben ermordet. Sein Sohn Bajesid I. (1389-1403)

machte die Walachei zinspflichtig, unterjochte Bulgarien

völlig, eroberte ganz Makedonien und Thessalien und drang

siegreich in Hellas ein. Auch in Asien vermehrte er die

türkische Macht, indem er die Länder zwischen dem Halys

und dem Euphrat eroberte. Das christliche Kreuzheer, welches

König Siegmund von Ungarn aus dem Abendland herbeiführte,

schlug er 28. Sept. 1396 bei Nikopoli und schickte sich zur

Belagerung Konstantinopels an, als das Vordringen der Mongolen

unter Timur in Vorderasien ihn zwang, sich gegen diese zu wenden.

Doch unterlag er 20. Juli 1402 in der Schlacht bei Angora und

geriet selbst in Gefangenschaft, in welcher er 1403 starb. Durch

den Zwist seiner Söhne Suleiman, Musa und Mohammed geriet das

Reich in Gefahr, zu zerfallen. Doch glückte es dem letztern

1413, nach der Besiegung und dem Tode seiner Brüder das

osmanische Reich wieder in seiner Hand zu vereinigen und seine

Herrschaft gegen auswärtige Feinde und Aufstände im

Innern siegreich zu behaupten. Sein Sohn Murad II. (1421-51) konnte

1422 wieder die Eroberung Konstantinopels versuchen; doch

Aufstände in Asien sowie heftige Kriege an der Donau gegen die

Ungarn und Serben unter Johannes Hunyadi und in Albanien gegen

Georg Kastriota, in denen die Osmanen wiederholt Unfälle

erlitten, zwangen Murad, Illyrien den Serben, die Walachei den

Ungarn ab-

926

Türkisches Reich (Geschichte: 15.-17. Jahrhundert).

zutreten und von der völligen Vernichtung des

byzantinischen Reichs abzustehen. Erst als seine glänzenden

Siege über die Christen bei Warna (10. Nov. 1444) und auf dem

Amselfeld bei Kossowa (17.-20. Okt. 1448) die Herrschaft der

Osmanen an der Donau dauernd begründet hatten, zugleich auch

der südliche Teil der griechischen Halbinsel erobert worden

war, konnte die wieder erstarkte Osmanenmacht unter Murads

Nachfolger Mohammed II. (1451-81) sich gegen Konstantinopel wenden,

das nach tapferer Verteidigung 29. Mai 1453 in die Hände der

Türken fiel und zur Hauptstadt ihres Reichs erhoben wurde.

Höchste Macht und Blüte des Reichs.

Mohammed ordnete darauf die Angelegenheiten der zahlreichen

unterworfenen Christen (Rajah) und ihres Klerus; dieselben wurden

zwar nicht gewaltsam zum Islam bekehrt, vielmehr in der freien

Ausübung ihrer Religion belassen, blieben aber doch der

willkürlichen Gewalt der Türken preisgegeben, welche als

herrschendes Kriegervolk die Hilfsmittel der eroberten Länder

rücksichtslos zu ihrer Bereicherung und zur Verstärkung

ihrer militärischen Kraft verwendeten und durch

unaufhörliche Erweiterung ihres Machtgebiets sich selbst und

dem Islam die Welt zu unterwerfen strebten. 1456 wurde der

Peloponnes, 1460 das Kaiserreich Trapezunt, 1470 Albanien erobert,

1475 der Tatarenchan der Krim zur Unterwerfung gezwungen, 1478 die

Moldau Polen entrissen und unter die Oberhoheit der Türkei

gestellt. Mohammeds Nachfolger Bajesid II. (1481-1512), unter dem

in der gewaltigen Machtentfaltung des Osmanenstaats ein Stillstand

eintrat, da seine Kriegsunternehmungen gegen das Abendland wenig

glücklich waren, hatte trotz der in der osmanischen Dynastie

bereits üblichen Sitte, die Alleinherrschaft durch grausamen

Verwandtenmord zu sichern, mit fortwährenden Aufständen

zu kämpfen und ward, nachdem er einen Bruder (Dschem) und zwei

Söhne hatte hinrichten lassen, von seinem jüngsten Sohn,

Selim I. (1512-20), gestürzt und vergiftet. Selim besiegte

1514 den Schah von Persien, den er durch die Ermordung von 40,000

auf türkischem Boden lebenden Schiiten zum Kriege gereizt

hatte, bei Tschaldyran, eroberte Armenien und den Westen von

Aserbeidschân, dann nach Besiegung der Mamelucken 1517

Syrien, Palästina und Ägypten und wurde von den heiligen

Städten Mekka und Medina als Schirmherr anerkannt, worauf er

den Titel eines Kalifen annahm. Unter seinem Nachfolger Suleiman

(Soliman) II. (1520-66) erreichte die türkische

Machtentwickelung ihren Höhepunkt: er eroberte 1521 Belgrad,

vertrieb 1522 die Johanniter von der Insel Rhodos, vernichtete 29.

Aug. 1526 das ungarische Heer unter König Ludwig II. bei

Mohács, drang 1529 bis Wien vor und vereinigte Ungarn,

nachdem es seit 1533 unter dem siebenbürgischen Fürsten

Johann Zápolya ein türkisches Vasallenreich gewesen,

1547 zur Hälfte mit seinem Reich. Die Venezianer mußten

1540 ihre Inseln im Ägeischen Meer und ihre letzten

Besitzungen auf dem Peloponnes abtreten. Im Osten eroberte er durch

einen siegreichen Krieg mit Persien (1533-1536) Georgien und

Mesopotamien. Seine Flotten beherrschten das Mittelmeer bis

Gibraltar und beunruhigten durch Raubzüge im Indischen Ozean

die portugiesischen Kolonien. Die Barbareskenstaaten Nordafrikas

erkannten seine Oberhoheit an. Er starb 1566 im Lager vor Szigeth

in Ungarn. Mit ihm schloß die glänzende Reihe

hervorragender Kriegsfürsten, welche die osmanische Dynastie

auszeichnete und den großartigen Aufschwung der

türkischen Macht ermöglichte. Dem türkischen

Staatswesen galt nicht der Friede, sondern der Krieg als der

normale Zustand; um in diesem die nötige Kraft zu entfalten,

war in jenem ein rücksichtslos egoistischer, von allen Banden

des Rechts und der Sitte befreiter Despotismus nötig, der aber

allmählich ertötend wirkte. Die grausame Vertilgung aller

hervorragenden, aber deshalb gefährlichen Mitglieder der

Dynastie, die Serailerziehung und strenge Abschließung der

jungen Prinzen vom öffentlichen Leben vernichteten die Kraft

des Herrschergeschlechts. Das tapfere Kriegervolk verweichlichte in

den Genüssen des Friedens, die Soldateska der Janitscharen

wurde immer zügelloser.

Verfall des Reichs.

Selim II. (1566-74) war ein schwacher Fürst und ließ

seinen Großwesir Sokolli regieren. Dieser entriß zwar

den Venezianern Cypern, Zante und Kephalonia; dagegen wurde die

türkische Flotte 7. Okt. 1571 bei Lepanto von den Christen

besiegt. Murad III. (1574-95), welcher sich den Thron durch

Ermordung von fünf Brüdern sicherte, und Mohammed III.

(1595-1603), der 19 Brüder erdrosseln ließ, führten

erfolglose Kriege gegen Österreich und Persien; letzterer

verlor Tebriz und Bagdad und mußte Frankreich um Vermittelung

des Friedens mit Österreich angehen. Achmed I. (1603-17)

schloß 1612 mit den Persern einen ungünstigen Frieden.

Sein Bruder Mustafa I. (1617-18) ward nach dreimonatlicher

Herrschaft durch ein Fetwa des Muftis als blödsinnig

abgesetzt, Achmeds Sohn Osman II. (1618-22), als er nach einem

unglücklichen Feldzug gegen die polnischen Kosaken die

Janitscharen, denen er die Schuld beimaß, vernichten wollte,

von diesen ermordet und, nachdem Mustafa wieder als Sultan

anerkannt, aber 1623 zum zweitenmal abgesetzt worden war, Osmans

jüngerer Bruder, Murad IV. (1623-40), auf den Thron erhoben.

Dieser eroberte im Kriege gegen Persien (1635-38) Eriwan, Tebriz

und Bagdad wieder, züchtigte die Kosaken und legte den

Venezianern einen nachteiligen Frieden auf; auch stellte er die

Manneszucht wieder her und füllte durch strenge Sparsamkeit

den Staatsschatz. Sein Bruder und Nachfolger Ibrahim (1640-48), ein

feiger Wollüstling, unter dessen toller und blutiger

Serailwirtschaft die von Murad gewonnenen Vorteile wieder verloren

gingen, ward 1648 von den Janitscharen abgesetzt und erdrosselt und

sein siebenjähriger Sohn Mohammed IV. (1648-87) auf den Thron

erhoben.

Durch den Streit um die Vormundschaft ward das Reich der

Auflösung nahegebracht: Zerrüttung der Finanzen,

Meutereien der Janitscharen, Empörungen der

Provinzialstatthalter, Niederlagen gegen die Venezianer (1656 in

den Dardanellen) und Polen brachen über das Reich herein, bis

Mohammed Köprili, 1656 zum Großwesir ernannt, durch

blutige Strenge die Manneszucht in der Armee, den Gehorsam der

Provinzen und die Ordnung der Finanzen herstellte und die

Venezianer zurückschlug. Achmed Köprili eroberte im

Kriege gegen Österreich Gran und Neuhäusel und

behauptete, obwohl 1 Aug. 1664 bei St. Gotthardt geschlagen, diese

Eroberungen im Frieden von Vasvár, unterwarf 1669 Kreta und

zwang Polen im Frieden von Budziak 1672 zur Abtretung Podoliens und

der Ukraine, welche türkischer Schutzstaat wurde, freilich

nach Achmeds Tod (1676) durch einen neuen Krieg mit Polen und einen

Krieg mit Rußland nebst Asow 1681 wieder verloren ging. Der

neue Eroberungskrieg, den Achmeds Nachfolger Kara Mustafa 1683

gegen Österreich unternahm, verlief nach der vergeblichen

927

Türkisches Reich (Geschichte: 17.-19. Jahrhundert).

Belagerung Wiens (24. Juli bis 12. Sept. 1683) so

unglücklich, daß ganz Mittelungarn mit Ofen verloren

ging und die Kaiserlichen nach dem Sieg bei Mohács (12. Aug.

1687) in Serbien eindrangen, während gleichzeitig die

Venezianer den Peloponnes und Kephalonia wieder eroberten. Mohammed

ward daher 1687 entthront; aber weder Suleiman III. (1687-91) noch

Achmed II. (1691-95) vermochten den türkischen Waffen wieder

den Sieg zu verleihen. Nach den großen Niederlagen bei

Slankamen (19. Aug. 1691) und Zenta (11. Sept. 1697) mußte

Mohammeds Sohn Mustafa II. (1695-1703) im Frieden von Karlowitz

(Januar 1699) Ungarn und Siebenbürgen an Österreich, Asow

an Rußland, Podolien und die Ukraine an Polen, den Peloponnes

an Venedig abtreten. Mustafa ward 1703 von den Janitscharen

abgesetzt und sein Bruder Achmed III. (1703-30) zum Sultan erhoben.

Derselbe nahm nach der Schlacht bei Poltawa (1709) den

flüchtigen Schwedenkönig Karl XII. gastlich auf,

erklärte auch seinetwegen Rußland den Krieg; doch

ließ sein Großwesir 1711 den am Pruth eingeschlossenen

Zaren Peter d. Gr. gegen Rückgabe Asows frei. 1715 ward der

Peloponnes den Venezianern wieder entrissen; doch verloren die

Türken nach einem neuen unglücklichen Kriege gegen

Österreich im Frieden von Passarowitz (21. Juli 1718) einen

Teil von Serbien mit Belgrad. 1730 ward Achmed wegen eines

unglücklichen Kriegs mit Persien gestürzt.

Unter Mahmud I. (1730-54) ward die Türkei 1737 von

Österreichern und Russen von neuem angegriffen. Diese fielen

in die Krim ein und eroberten Asow wieder; die Österreicher

kämpften aber so unglücklich, daß die Türken

im Frieden von Belgrad (1. Sept. 1739) das Gebiet südlich der

Save und Donau sowie ihre an Rußland verlornen Grenzfestungen

mit Asow wieder zurückerhielten. Auf Mahmud folgte Osman III.

(1754-57), auf diesen sein Vetter Mustafa III. (1757-74), der 1768

mit Rußland wegen dessen drohender Haltung gegen Polen einen

Krieg begann, der aber höchst unglücklich für ihn

verlief. Die Russen besetzten die Moldau und Walachei, eine

russische Flotte erschien im Ägeischen Meer und vernichtete

die türkische 5. Juli 1770 bei Tscheschme; 1771 ward die Krim

den Türken entrissen, und 1773 drangen die Russen sogar in

Bulgarien ein, so daß Mustafas Nachfolger Abd ul Hamid I.

(1774-89) im Frieden von Kütschük Kainardschi (21. Juli

1774) die Krim aufgeben, alle Plätze an der Nordküste des

Schwarzen Meers abtreten, den Russen freie Schifffahrt im Schwarzen

und Ägeischen Meer zugestehen und für die Moldau und

Walachei Verpflichtungen übernehmen mußte, die ein

Schutzrecht Rußlands begründeten. Infolge der

unersättlichen Eroberungssucht Katharinas II. von

Rußland, die 1783 die Krim und die Kubanländer mit ihrem

Reich vereinigte und 1786 mit Kaiser Joseph II. ein Bündnis

schloß, brach 1788 ein neuer Krieg gegen Rußland und

Österreich aus, in dem die Türken sich mutig und tapfer

behaupteten, zwar Suworows siegreiches Vordringen nicht hemmen

konnten, aber den Österreichern wiederholt Verluste

beibrachten. Unter preußischer Vermittelung schloß

Selim III. (1789-1807) mit Österreich den Frieden von Sistova

(4. April 1791), mit Rußland den von Jassy (9. Jan. 1792) und

erhielt von beiden Mächten deren Eroberungen mit Ausnahme des

Gebiets rechts vom Dnjestr zurück.

Reformversuche.

Im Innern hatten die wiederholten langwierigen Kriege den

Verfall beschleunigt: die Finanzen waren völlig

zerrüttet, das Ansehen der Regierung geschwächt, die

Bande des Gehorsams gelockert und die Einheit des Reichs durch

Unabhängigkeitsbestrebungen mehrerer Paschas erschüttert.

Selims Reformversuche blieben diesen Schwierigkeiten gegenüber

wirkungslos. Dazu kamen wieder auswärtige Verwickelungen: 1798

der Einsall Bonapartes in Ägypten, 1806 wegen Verletzung des

Friedens von Jassy eine neue russische Kriegserklärung. Als

Selim die Errichtung eines neuen, nach europäischem Muster

ausgehobenen und organisierten Heers versuchte, welches die

Janitscharen ersetzen sollte, ward er 29. Mai 1807 auf Betrieb der

beim Volk beliebten Janitscharen durch die Ulemas abgesetzt und Abd

ul Hamids Sohn Mustafa IV. zum Sultan ernannt, und als sich der

Seraskier Mustafa Bairaktar, Pascha von Rustschuk, im Juli 1808

für Selim erhob, ward dieser im Gefängnis ermordet.

Bairaktar rückte nun auf Konstantinopel, erstürmte das

Serail und setzte an Mustafas Stelle dessen jüngern Bruder,

Mahmud II. (28. Juli 1808), auf den Thron, der einen neuen Aufstand

des von den Janitscharen aufgereizten fanatischen Volkes im

November 1808 blutig niederschlug u. Mustafa IV. hinrichten

ließ; sein Großwesir Bairaktar, vom Pöbel in einen

Turm eingeschlossen, sprengte sich mit diesem in die Luft.

Mahmud II. (1808-39), der jetzt als einzig überlebender

Nachkomme Osmans von den Türken als rechtmäßiger

Herrscher anerkannt wurde, machte sich besonders die

Wiederherstellung der Autorität der Pforte gegen die

zahlreichen Unabhängigkeitsbestrebungen der Paschas und der

christlichen Stämme zur Aufgabe. Die drohende Haltung

Napoleons gegen Rußland bewog dieses, trotz seiner

glänzenden Siege im Frieden von Bukarest (28. Mai 1812) die

meisten seiner Eroberungen wieder herauszugeben. Zwar gelang es

Mahmud, mehrerer unbotmäßiger Paschas, namentlich Ali

Paschas von Janina (1822), Herr zu werden und durch blutige

Ausrottung des sich jeder Neuerung widersetzenden Janitscharenkorps

(Juni 1826) wie durch Errichtung eines regulären, nach

europäischem Muster organisierten Heerwesens seine Macht

wiederherzustellen. Dagegen glückte es ihm nicht, den Aufstand

der Serben (seit 1804) und der Griechen (seit 1821) zu

unterdrücken; die Grausamkeit Mahmuds gegen die Griechen

isolierte die Pforte völlig den europäischen Mächten

gegenüber, und so konnte Rußland dem wehrlosen Reich

erst den Vertrag von Akjerman (6. Okt. 1826) abnötigen,

welcher die staatsrechtlichen Verhältnisse Serbiens und der

Donaufürstentümer im Sinn Rußlands regelte, und

nachdem die türkisch-ägyptische Flotte 20. Okt. 1827

mitten im Frieden bei Navarino durch die vereinigten Geschwader

Rußlands, Englands und Frankreich vernichtet worden, im April

1828 den offenen Krieg beginnen, indem es seine Heere in Bulgarien

und in Armenien einrücken ließ. 1828 eroberten die

Russen bloß Warna, Kars und Achalzych, 1829 aber auch

Erzerum, und Diebitsch drang sogar bis Adrianopel vor, wo 14. Sept.

unter preußischer Vermittelung ein Friede zustande kam, in

welchem die Türkei die Donaumündungen und Achalzych an

Rußland abtrat, die Privilegien der

Donaufürstentümer und des vergrößerten Serbien

bestätigte und die Unabhängigkeit Griechenlands

anerkannte.

Nun nahm Mahmud seine Bestrebungen, die Einheit des Reichs

wiederherzustellen, von neuem auf, geriet dabei aber in Konflikt

mit dem Pascha von Ägypten, Mehemed Ali, welchem er für

seine beim griechischen Ausstand geleistete Hilfe große

Zugeständnisse hatte machen müssen. Mehemeds Adoptivsohn

Ibrahim Pascha fiel 1831 in Syrien ein, schlug die

928

Türkisches Reich (Geschichte 1832-1856).

Türken dreimal, eroberte 1832 Akka und drang 1833 in

Kleinasien bis Kutahia vor. Die Pforte rief in ihrer

Bestürzung Rußlands Hilfe an, welches auch 15,000 Mann

zur See an den Bosporus warf und zugleich mit andern Truppen die

Donau überschritt, während Frankreich und England ihre

Flotte vor den Dardanellen vor Anker gehen ließen. Jetzt

verstand sich Mehemed Ali zum Frieden von Kutahia (4. Mai 1833), in

welchem der Sultan in Form eines großherrlichen

Amnestiefermans den Vizekönig als Erbstatthalter Ägyptens

anerkannte und ihm auf Lebenszeit die Verwaltung Syriens und

Kretas, Ibrahim die von Adana und Tarsos zugestand. Zum Dank

für die russische Hilfe schloß Mahmud mit Rußland

den Vertrag von Hunkiar Skelessi (8. Juli 1833), in welchem er sich

verpflichtete, allen Feinden Rußlands die Dardanellen zu

schließen und keinem Kriegsschiff die Einfahrt in das

Schwarze Meer zu gestatten. Um den Krieg mit Ägypten wieder

aufnehmen zu können, bemühte sich der Sultan, die

kriegerischen Hilfsmittel der Pforte durch straffe Zentralstation

zu steigern; den Bosniern, Albanesen und verschiedenen

kleinasiatischen Stämmen wurden die Reste ihrer

Selbständigkeit genommen, das obere Mesopotamien und Kurdistan

unterworfen. Als 1839 verschiedene Empörungen gegen die

ägyptische Herrschaft in Syrien ausbrachen, erklärte im

Mai Mahmud dem Vizekönig den Krieg. Doch starb er 1. Juli, ehe

er Kunde erhielt von der völligen Niederlage seines Heers bei

Nisib (24. Juni); dieser folgte der Abfall der Flotte, welche der

Kapudan-Pascha Achmed 14. Juli in Alexandria an Mehemed Ali

überlieferte. Die Lage der Türkei, in der Abd ul Medschid

(1839-61), Mahmuds 16jähriger Sohn, die Regierung antrat, war

daher eine höchst kritische, und sie wurde nur gerettet durch

die Intervention der vier Mächte England, Rußland,

Österreich und Preußen; dieselben schlossen, um

Frankreichs ehrgeizige Pläne zu durchkreuzen, 15. Juli 1840

die Quadrupelallianz, welche durch eine

österreichisch-englische Flotte Mehemed Ali zur Räumung

Syriens zwang; demselben blieb nur die Erbstatthalterschaft von

Ägypten. Unter dem Beirat Reschid Paschas erließ Abd ud

Medschid das großherrliche Edikt vom 3. Nov. 1839, welches

unter dem Namen Hattischerif von Gülhane berühmt geworden

ist. Dies Dokument, dessen Wichtigkeit in der Bestimmung gipfelte,

daß die "Unterthanen jeder Nationalität und Religion",

also auch Christen und Juden, gleiche Sicherheit in betreff ihres

Vermögens, ihrer Ehre und ihres Lebens haben sollten, bildete

einen gewaltigen Fortschritt in der sozialen Gesittung und hatte

durch Einleitung mannigfacher Reformen auf administrativem und

kommerziellem Gebrauch für die Staatswirtschaft eine hohe

Bedeutung. Übrigens sollte der Hatt nur die Grundsätze

aufstellen, aus denen die zu erlassenden Spezialgesetze zu

erfließen hätten; diese Gesetze, von den Türken

Tanzimatihairijeh ("heilsame Organisation") genannt, sollten

für das gesamte Pfortengebiet Gültigkeit haben, und auch

Mehemed Ali mußte sich zu ihrer Annahme bequemen. 1841 wurde

in London zwischen den Großmächten und der Pforte der

sogen. Dardanellenvertrag abgeschlossen, durch welchen die letztere

sich verpflichtete, die Dardanellenstraße und den Bosporus

für fremde Kriegsschiffe in Friedenszeiten verschlossen zu

halten.

Der Krimkrieg mit seinen Folgen.

Das Jahr 1848 mit seinen Freiheitsideen ging an der eigentlichen

Türkei spurlos vorüber; dagegen bildete sich in den

Donaufürstentümern, wo Rußland unter dem Namen

einer Schutzmacht jede freiere Entwickelung despotisch niederhielt,

eine Reformpartei, deren Häupter gern mit Hilfe der Pforte

eine liberale Repräsentativverfassung eingeführt

hätten. Um den Russen keinen Vorwand zu einer Besetzung der

Donaufürstentümer zu geben, gab die Pforte die Liberalen

preis; dennoch erfolgte die Besetzung. Die Hoffnungen, welche man

in Konstantinopel für eine Wiederherstellung der frühern

Herrschaft an der Donau auf die ungarische Insurrektion von 1849

gesetzt hatte, wurden durch die Kapitulation von Vilagos (13. Aug.

1849) vernichtet. Doch hatte die Pforte wenigstens den Mut,

unterstützt durch eine vor den Dardanellen erscheinende

englische Flotte, die Auslieferung der ungarischen Flüchtlinge

zu verweigern. Rußland und Österreich wichen damals

zurück, ließen aber bald nachher die Pforte ihren Zorn

empfinden. Als die französische Republik im Herbst 1850 in

Konstantinopel eine Reklamation wegen der heiligen Stätten in

Palästina erhob und die Pforte dieselbe nicht ganz ablehnte,

sondern wenigstens die Mitbenutzung einer Kirchenthür in

Bethlehem den Katholiken zugestand, erklärte Kaiser Nikolaus

sofort, daß hierdurch das religiöse Gefühl der

orthodoxen Russen aufs äußerste verletzt werde, und

verlangte Bürgschaften für die griechisch-katholische

Kirche in der Türkei, welche Rußland ein völliges

Schutzrecht über Unterthanen der Pforte gewährt

hätten. Zugleich forderte Österreich die sofortige

Zurückziehung der eben damals siegreich in das

aufständische Montenegro eingedrungenen türkischen

Truppen aus diesem österreichischen Grenzland und die

Erledigung einer Anzahl privatrechtlicher Forderungen

österreichischer Unterthanen. Als der außerordentliche

österreichische Gesandte Graf Leiningen 14. Febr. 1853 die

unbedingte Erfüllung dieser Forderungen erreichte, schickte

auch Kaiser Nikolaus den Fürsten Menschikow nach

Konstantinopel, um in schroffster Form den Abschluß eines

förmlichen Vertrags über die der orthodoxen Kirche zu

gewährenden Privilegien zu verlangen. Die Ablehnung dieser

Forderung hatte einen neuen russisch-türkischen Krieg zur

Folge (1853-56, s. Krimkrieg). Die türkische Armee bewies sich

tüchtiger und leistungsfähiger, als man geglaubt hatte,

und verteidigte die Donaufestungen sowie Armenien mit großer

Zähigkeit und die erstern mit solchem Erfolg, daß die

Russen über die Donau zurückgehen mußten. Dagegen

wurde gleich zu Anfang des Kriegs die Flotte der Türkei bei

Sinope vernichtet, und auch ihre Truppen kämpften, seit die

verbündete Armee der Westmächte auf dem Kriegsschauplatz

erschienen war, nur in Armenien selbständig; in der Krim

spielten sie bloß die Rolle von Hilfstruppen.

Für die innern Verhältnisse der Türkei hatte der

Krimkrieg besonders die Wirkung, daß die Westmächte,

gewissermaßen als Belohnung und Rechtfertigung ihrer

thatkräftigen Hilfe, die Einführung gründlicher

Reformen in dem türkischen Reich forderten. Diese

Bemühungen gipfelten in einem neuen großherrlichen

Edikt, welches, von einer Diplomatenkommission zusammen mit dem

türkischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten

ausgearbeitet, unter dem Namen Hatti-Humayum 8. Febr. 1856

publiziert und später dem am 30. März d. J. zu Paris

unterzeichneten Friedensinstrument als Annex beigegeben wurde.

Dieser Hatt proklamierte die bürgerliche Gleichstellung aller

Unterthanen, verbot die Bevorzugung einer Religionsgenossenschaft

vor der andern, gewährte allen Staatsbürgern gleiches

Recht auf Anstellung im Pfortendienst, gleiches Recht auf

Schulbesuch, verordnete

929

Türkisches Reich (Geschichte 1856-1860).

die Einsetzung gemischter (mohammedanisch-christlicher)

Tribunale, die Wehrpflicht der Christen bei Befugnis des

Stellvertreterkaufs, das Recht des Grundeigentumserwerbs für

Ausländer, unbedingte Toleranz etc. Türkischerseits war

gegen die gleichmäßige Zulassung von Nichtchristen zu

den Staatsämtern, gegen die dem Exterritorialitätsprinzip

widerstreitende Grunderwerbsbefugnis der Ausländer und gegen

die unbedingte Toleranz, d. h. die Aufhebung der vom

mohammedanischen Rechtsbewußtsein geforderten Strafen

für Abfall vom Islam, vergeblich Einsprache erhoben worden;

der Hatt, welcher den Christen die Wehrpflicht für den von

ihnen immer als etwas Feindliches betrachteten Osmanenstaat

auferlegte, wurde von diesen mit ebensoviel Verdruß und

Argwohn aufgenommen wie von den Mohammedanern aller

Parteischattierungen mit patriotischem und religiösem Ingrimm,

und die türkischen Staatsmänner konnten wenigstens mit

Recht beanspruchen, daß der Pforte hinlängliche Zeit

für die allmähliche Ausführung der Reformen

gewährt werde. Auch bei dem Pariser Friedenskongreß

kamen die türkischen Interessen nur, insofern sie mit denen

der Westmächte zusammenfielen, zur Geltung. Rußland

wurde um die Donaumündungen und einen denselben anliegenden

Streifen Bessarabiens gekürzt, trat aber diesen letztern an

die Moldau ab, während die Pforte sich mit den

Donaumündungen begnügen mußte. Eine erhebliche

Einbuße für Rußland war dagegen die

Neutralisierung des Schwarzen Meers. Die Aufnahme der Pforte in die

europäische Staatenfamilie und die Gewährleistung ihrer

Unverletzlichkeit schienen die Stellung der Türkei in Europa

beträchtlich zu heben; dagegen wurden durch die Erneuerung des

Dardanellenvertrags und die Gewährung autonomer Stellung an

die drei Donaufürstentümer, unter Bürgschaft der

Vertragsmächte gegen Tributzahlung an die Pforte, ihre

Selbständigkeit und ihre Macht erheblich verringert.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 268 / 302 段