durch die Araber und Perser erhalten. Die türkische Litteratur
bietet uns daher wenig Originelles dar, sie ist vielmehr
größtenteils eine Nachahmung persischer und arabischer
Muster. Eins der ältesten poetischen Denkmäler der
osmanischen Sprache ist das "Bâz nâmeh", ein Gedicht
über die Falknerei, welches Hammer-Purgstall mit einem
neugriechischen und mitteldeutschen von ähnlichem Inhalt
zusammen unter dem Titel: "Falknerklee" herausgegeben und
übersetzt hat (Pest 1840). Die osmanischen Dichter sind sehr
zahlreich; Hammer-Purgstall hat in seiner "Geschichte der
osmanischen Dichtkunst" (Pest 1836-38, 4 Bde.) uns allein 2200
Dichter mit Proben aus ihren Werken und kurzen biographischen
Notizen vorgeführt. Hier heben wir nur die
hauptsächlichsten hervor. Vor allen ist Lami (s. d.) zu
nennen, wohl der fruchtbarste unter den osmanischen Dichtern (gest.
1531) und besonders durch seine vier großen epischen Gedichte
berühmt. Ein sehr selbständiger Dichter ist Fasli, der
unter Soliman d. Gr. lebte und 1563 starb. Sein allegorisches
Gedicht "Gül u Bülbül" ("Rose und Nachtigall",
deutsch von Hammer-Purgstall, Pest 1834) ist unter allen
türkischen Gedichten europäischem Geschmack am meisten
entsprechend. Der größte Lyriker der Osmanen ist Baki
(gest. 1600), dessen "Diwan" Hammer-Purgstall (Wien 1825, wozu noch
zu vergleichen "Geschichte der osmanischen Dichtkunst", Bd. 2, S.
360 ff.) deutsch herausgegeben hat. Die Osmanen selbst haben eine
erhebliche Anzahl von Blumenlesen aus ihren Dichtern
zusammengestellt. Die größte unter denselben ist
"Subdet-ul-esch'âr" ("Creme der Gedichte") von Mollah Abd ul
hajj ben Feisullah, genannt Kassade (gest. 1622), welche
Auszüge aus 514 Dichtern nebst biographischen Notizen
enthält. Auf dem Gebiet der Märchen und Erzählungen
sind zu erwähnen: das "Humajunnâme" ("Kaiserbuch", vgl.
v. Diez, Über Vortrag, Entstehung und Schicksale des
Königlichen Buches, Berl. 1811; gedruckt Bulak 1836), eine
Übersetzung der persischen Bearbeitung der Fabeln des Bidpai
von Ali Tschelebi; ferner das "Tutinâme" ("Papageienbuch")
des Sari Abdallah, ebenfalls aus dem Persischen (gedruckt Bulak
1838, Konstantinop. 1840; übers. von G. Rosen, 2 Bde., Leipz.
1858, und Wickerhauser, Hamb. 1863); die aus dem Arabischen
übersetzten Geschichten der vierzig Wesire von Scheich Sade
(türkisch hrsg. von Belletête, Par. 1812; deutsch von
Behrnauer, Leipz. 1851). Zur Volkslitteratur gehören vor allem
der unter dem Namen "Sîret-i Sejjid Batthâl" bekannte
Ritterroman (vgl. Fleischer, Kleinere Schriften, Bd. 3, S. 226 ff.;
gedruckt Kasan 1888, übers. von Ethé, Leipz. 1871, 2
Bde.) und die "Latha'if-i Chodscha Nassreddin Efendi"
("Schwänke des Herrn Meisters Nassr ed din", des
türkischen Eulenspiegel, Konstantinop. 1837 u. ö., Bulak
1838; franz. von Decourdemanche, Par. 1876, Brüss. 1878;
deutsch von Murad Efendi, Oldenb. 1877). Türkische Volkslieder
veröffentlichte I. Kunos in der Wiener "Zeitschrift für
die Kunde des Morgenlandes", 2. u. 3. Bd. (1888-89);
Volksmärchen derselbe (ungarisch, Budapest 1887; deutsch in
der "Ungarischen Revue" 1888-89), ebenso ein Volksschauspiel
("Ortaojunu", Budapest 1888, türk. u. ungar.). Zahlreich und
charakteristisch sind die türkischen Sprichwörter, von
denen eine beliebte Sammlung Schinasi veranstaltet hat (gedruckt
Konstantinop. 1863 u. öfter); eine andre ist von der Wiener
orientalischen Akademie herausgegeben worden ("Osmanische
Sprichwörter", Wien 1865, mit deutscher und franz.
Übersetzung); "1001 proverbes turcs" übersetzte
Decourdemanche (Par. 1878). Für die Geschichte ihres Reichs
haben die Osmanen viel Material zusammengetragen. Ihre
Reichsannalen beginnen mit dem Ursprung des osmanischen
Herrscherhauses und reichen bis in die Gegenwart. Die Verfasser
derselben sind: Saad ed
916
Türkische Sprache und Litteratur.
din, dessen Annalen bis 1522 reichen (bis Murad I.,
türkisch und lateinisch hrsg. von Kollar, Wien 1750); Naima
Efendi, von 1591 bis 1659 (Konstantinop. 1734, 2 Bde.; 1863, 6
Bde.; engl. von Fraser, Lond. 1832, 2 Bde.); Raschid, von 1660 bis
1721 (Konstantinop. 1741, 3 Bde.; 1865); Tschelebisade, von 1721
bis 1728 (das. 1741); Sami, Schakir und Sübhi, von 1730 bis
1743 (das. 1784); Izzi, von 1744 bis 1752 (das. 1784));
Waßif, von 1752 bis 1773 (das. 1805, 2 Bde., und Kairo 1827
u. 1831); Enweri, von 1759 bis 1769 (Bulak 1827); Dschewdet, von
1774 bis 1825 (Konstantinop. 1855-84, 12 Bde.; Bd. 1-8, neue Ausg.,
das. 1886); Aßim, von 1787 bis 1808 (das. 1867); Lutfi, von
1832 bis 1838 (das. 1873-85). Eine Art Zusammenfassung und
Ergänzung zu den Reichsannalen bildet die große
"Geschichte der osmanischen Dynastie" von Cheirullah Efendi (15
Bde., Konstantinop. 1853-69; Bd. 1-10 in neuer Ausg., das. 1872).
Ein großer Teil des in diesen Reichsannalen niedergelegten
historischen Materials ist von Hammer-Purgstall in seiner
"Geschichte des osmanischen Reichs" verarbeitet worden; daneben
fehlt es nicht anzahlreichen Einzelschriften, wie des
Kemâlpaschasâde "Geschichte des Feldzugs von
Mohácz" (türk. u. franz. von Pavet de Courteille, Par.
1859). Die neuern türkischen Geschichtschreiber hat v.
Schlechta-Wssehrd ("Die osmanischen Geschichtschreiber der neuern
Zeit", Wien 1856) behandelt. Als einer der gelehrtesten Historiker
der Türken ist noch Hadschi Khalfa zu erwähnen. Er
schrieb das "Takwim-ut-tewarich" ("Tafel der Geschichte",
Konstantinop. 1733) und das "Tochfet-ul-kibâr" ("Geschenk der
Großen"), welches die Seekriege der Osmanen behandelt (das.
1729 u. 1873-76; ein Teil engl. von I. Mitchell, Lond. 1831). Um
die Geographie machte er sich verdient durch sein geographisches
Wörterbuch "Dschihân-numâ" ("Buch der Weltschau",
Konstantinop. 1732; lat. von Norberg, Lund 1818, 2 Bde.). Von
sonstigen geographischen Werken erwähnen wir die Reisen in
Europa, Asien und Afrika des Evlia Efendi (von Hammer-Purgstall ins
Englische übersetzt, Lond. 1834-46), des Mohammed Efendi
(hrsg. von Jaubert, Par. 1841) und eine geographische Beschreibung
Rumeliens und Bosniens, die Hammer-Purgstall (Wien 1812)
übersetzt hat. Auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft dienen
den Türken die Araber zum Vorbild. Eine brauchbare Grammatik
ihrer eignen Sprache haben Mohammed Fuad Efendi und Ahmed Dschewdet
Efendi geliefert. Das Buch führt den Titel: "Kawâid-i
Osmânijje" ("Grundregeln der osmanischen Sprache",
Konstantinop. 1851 u. 1859) und ist von H. Kellgren (Helsingf.
1855) ins Deutsche übersetzt worden. Auf dem Gebiet der
Lexikographie haben die Türken ihre eigne Sprache
vernachlässigt, desto eifriger aber das Arabische, das bei
ihnen die Gelehrtensprache ist, und das Persische bearbeitet. Zu
nennen sind hier: Wânkûlis Übersetzung des
arabischen Wörterbuchs von Dschauhari (Konstantinop. 1803, 2
Bde.); Aßim Efendis Übersetzung des arabischen
Wörterbuchs "Kamus" (das. 1814-17, 3 Bde.; 1856, 3 Bde.; Kairo
1835, 3 Bde.), mit vielen gehaltvollen Zusätzen; Achmet Emin
Efendis Übersetzung des persischen Wörterbuchs
"Burhân-i kati" (Konstantinop. 1799, Kairo 1836). Das zu
Konstantinopel 1742 in 2 Bänden erschienene
persisch-türkische Wörterbuch "Ferheng-i Schu'uri" ist
durch seine zahlreichen Citate aus persischen Dichtern besonders
wichtig. Es existieren ferner eine Reihe sachlicher und
grammatischer Kommentare zu den beliebtesten persischen
Dichterwerken, wie die Kommentare des Sudi zu Saadis "Gulistan"
(Konstantinop. 1833) und zu den Gedichten des Hafis (Kairo 1834, 3
Bde.; zum Teil von H. Brockhaus seiner Ausgabe der Gedichte des
Hafis, Leipz. 1855-63, beigefügt), des Ismael Hakki zu dem
"Pendnâme" des Ferid ed din Attar (Kairo 1834) und zu dem
"Mesnewi" des Dschelâl ed din Rumi (das. 1836, 6 Bde.). Die
Medizin ist in neuerer Zeit durch außerordentlich zahlreiche
Schriften vertreten, welche zeigen, daß die türkischen
Ärzte mehr und mehr den Forschungen ihrer westlichen Kollegen
Rechnung zu tragen bemüht sind. Die eigentliche türkische
Jurisprudenz ruht auf der festen Grundlage des Korans und der
Sunna. An den türkischen Akademien wird sie neben der
Theologie des Islam am meisten kultiviert. Viele juristische Werke
sind auch bereits durch den Druck veröffentlicht, so:
große Sammlungen der sogen. Fetwas, gerichtlicher
Entscheidungen in schwierigen Fällen, der sogen. Sakks,
Urkunden oder Formulare für alle möglichen Fälle der
Gerichtsordnung, das Strafgesetzbuch etc. In neuerer Zeit haben die
Berührungen mit dem Abendland eine von der islamitischen
Tradition unabhängige Nebengesetzgebung erzwungen, die mehr
und mehr auf das Gebiet des echten islamitischen Rechts
übergreift, wenn sie auch zunächst auf die Erfordernisse
des internationalen Verkehrs (Handelsgesetzbuch, Zollreglements u.
dgl.; Verträge aller Art; Verfassungsurkunden und sonstige
diplomatische Aktenstücke) zugeschnitten ist. Mit der
juristischen Litteratur steht auch bei den Türken die
religiös-dogmatische in enger Verbindung; doch wird für
dieses Gebiet die arabische Sprache vorgezogen, so daß sich
in türkischer hauptsächlich populäre, zum Teil
katechismusartige Schriften geringern Wertes finden. Sehr beliebt
ist von diesen der Abriß der Glaubenslehre von Mohammed Pir
Ali el Birgewi (Konstantinop. 1802 u. öfter; franz. von Garcin
de Tassy, Par. 1822); erwähnenswert auch der mystische Traktat
"Die Erfreuung der Geister" von Omar ben Suleiman (hrsg. u.
übers. von L. Krehl, Leipz. 1848). Die Bibel ist mehrere Male
ins Türkische übersetzt worden, so das Neue Testament von
Redhouse (Lond. 1857, Bibelgesellschaft) und Schauffler
(Konstantinop. 1866), Teile des Alten Testaments von Schauffler (5
Bücher Mosis, Wien 1877; Jesaia, das. 1876; Psalmen,
Konstantinop. 1868). Eine vollständige türkische Bibel
erschien Paris 1827 (für die englische Bibelgesellschaft).
Eine mangelhafte Übersicht über das ganze geistige
Leben der Türken gab Toderini in seiner "Letteratura
turchesca" (Vened. 1787, 3 Bde.; deutsch von Hausleutner,
Königsb. 1790, 2 Bde.). Vgl. Hammer-Purgstalls Darstellung der
türkischen Litteratur im 3. Band von Eichhorns "Geschichte der
Litteratur" (Götting. 1810-12); Dora d'Istria, La
poésie des Ottomans (Par. 1877); Redhouse, On the history,
system and varieties of Turkish poetry (Lond. 1879). Eine den
jetzigen Ansprüchen genügende Darstellung der ganzen
türkischen Litteratur fehlt (vgl. indes den Artikel von Gibb
u. Fyffe in der "Encyclopaedia britannica", 9. Ausg., Bd. 23); zum
Ersatz muß man sich an Zenkers "Bibliotheca orientalis"
(Leipz. 1846-61, 2 Bde.) und an die Kataloge der größern
Handschriftensammlungen halten (besonders Pertsch, Die
türkischen Handschriften der Bibliothek zu Gotha, Wien 1864;
Flügel, Die arabischen, persischen und türkischen
Handschriften der Hofbibliothek zu Wien, das. 1865-67, 3 Bde.;
Rieu, The Turkish manuscripts in the British Museum,
TÜRKISCHES REICH.
Maßstab 1:10.000.000.
Die Hauptstädte der Wilajets sind unterstrichen.
D=Dagh (türk.) od. Dschebel (arab.)=Berg.
BALKAN-HALBINSEL.
Maßstab 1:6.000.000
Die Hauptstädte der Staaten sind doppelt, die der Wilajets
in der Türkei einfach unterstrichen.
Eisenbahnen.
Dampferrouten.
9l7
Türkisches Reich (europäische Türkei: Grenzen,
Gebirge, Flüsse).
Lond. 1888). Über die in den letzten Jahrzehnten in
Konstantinopel selbst gedruckten Bücher haben berichtet
Hammer-Purgstall und Schlechta-Wssehrd in den "Sitzungsberichten
der Wiener Akademie" seit 1849, Bianchi, Belin und Huart im
"Journal asiatique" seit 1843; s. das Einzelverzeichnis bei A.
Müller, Türkische Grammatik (Berl. 1889, S. 43* f.).
Türkisches Reich (vgl. beifolgende
Übersichtskarte "Türkisches Reich"). Das türkische
oder osmanische Reich (türk. Memâlik-i Osmanije, "die
osmanischen Länder", oder Devlet-i Alije, "das hohe Reich")
umfaßt die gesamte Ländermasse, welche unter der
Herrschaft des Sultans (Padischah) in Konstantinopel steht, d. h.
also Teile der sogen. Balkanhalbinsel, Kleinasien, Syrien, Teile
von Armenien, Kurdistan und Arabien sowie den Nordosten von Afrika.
Es sind dies teils unmittelbare Besitzungen, teils tributäre
Staaten (wie Bulgarien, Samos, Ägypten). Doch ist dabei zu
bemerken, daß große, namentlich gebirgige Strecken
Landes in Albanien, Kleinasien und Kurdistan faktisch der
Türkenherrschaft gänzlich entzogen sind, daß
Bosnien (s. d.), die Herzegowina und Teile des Sandschaks Novipasar
sowie Cypern nur in der Theorie zum türkischen Reich,
tatsächlich aber zu Österreich, resp. (Cypern) England
gehören, und daß die Grenzen des Reichs besonders gegen
das unabhängige Arabien und Afrika hin nicht feststehen.
Deswegen und wegen des Fehlens jeder brauchbaren offiziellen
Statistik können die Angaben über Grenzen, Areal und
Bevölkerung stets nur beschränktes Vertrauen
beanspruchen; auch ist die Bemerkung, daß das Areal des
Reichs selbst nicht auf Zehntausende von Quadratkilometern genau
anzugeben ist, für die Erkenntnis türkischer
Zustände wertvoller als genaue Ziffern, welche ganz
imaginäre und wertlose Zahlenreihen darstellen.
Die europäische Türkei.
(Hierzu die Karte "Balkanhalbinsel".)
Die europäische Türkei, zu welcher nach den letzten
Veränderungen (Vertrag von Berlin, 13. Juli 1878, und
Konferenzen von Berlin und Konstantinopel, 24. Juni 1880, resp. 24.
Mai 1881) als unmittelbare Besitzungen nur noch die Wilajets
Kossowo (nebst einem Teil des Sandschaks Novipasar), Monastir,
Skutari, Janina, Saloniki, Adrianopel, Kreta und ein Teil des
Wilajets Konstantinopel gehören, liegt (ohne
Berücksichtigung der Inseln, privilegierten Provinzen etc.)
zwischen 39° und 43½° nördl. Br., inkl.
Bulgariens und Ostrumeliens zwischen 39° und 44° 12'
nördl. Br. und grenzt im N. an Rumänien und Serbien, im
NW. an den österreichischen Kaiserstaat (d. h. an das von
Österreich-Ungarn besetzte Bosnien), im W. an das Adriatische
und Ionische Meer, im S. an Griechenland, das Ägeische und das
Marmarameer, im O. an das Schwarze Meer.
Physische Beschaffenheit.
Die Balkanhalbinsel wird zum größten Teil von
Bergketten erfüllt, in denen sich drei Hauptrichtungen
unterscheiden lassen. Das Gebirgssystem des Hämos erstreckt
sich vom Thal des Timok an als Hämos im engern Sinn oder
Balkan (s. d.) in westöstlicher Richtung bis zum Kap Emineh am
Schwarzen Meer. Es bildet, von dem dasselbe durchbrechenden Isker
abgesehen, die Wasserscheide zwischen der Donau und dem
Ägeischen Meer. Vom Schardagh (s. d.) zieht sich eine zweite
Hauptkette als Wasserscheide zwischen dem Ionischen und
Ägeischen Meer nach S., bildet die Grenze zwischen Albanien
und Makedonien, zwischen Thessalien und Epirus und findet ihre
Fortsetzung in den Gebirgen Moreas. Auf sie wird der Name des
Pindos (zwischen 39° und 40° nördl. Br.)
verallgemeinert angewendet. Die dritte Hauptrichtung vertritt ein
System von Bergzügen, die unter verschiedenen Namen in der
Richtung von NW. nach SO., also dem Apennin parallel, die
Herzegowina und Bosnien erfüllen. Neben diesen Hauptketten
erheben sich teils selbständige, denselben parallele Gebirge
von geringerer Ausdehnung (z. B. im W. die Akrokeraunien oder das
Tschikagebirge, im O. die Gruppe des Olympos), teils zweigen sich
von den Hauptketten Nebenketten ab, welche die Provinzen der
europäischen Türkei meist als terrassenförmig gegen
die Hauptketten ansteigende Bergländer erscheinen lassen.
Albanien (s. d.) wird in seinem östlichen Teil von
zusammenhängenden, von NW. nach SO. streichenden
Hochgebirgsketten durchzogen: dem Pindos (Tsurnata 2168 m,
Budzikaki 2160 m), dessen nördlichen Fortsetzungen (Smolika
2570 m) und dem jenen parallelen Peristeri östlich vom
Presbasee (2350 m) bis hinauf zum 2280 m hohen Prokletjagebirge,
unweit der Südgrenze Montenegros. Eine abweichende Richtung,
von NO. nach SW., hat der etwa in gleicher Breite gelegene
Schardagh (bis 3050 m hoch). Das Land zwischen dem Adriatischen und
Ionischen Meer einerseits und jenen Gebirgen anderseits
enthält an den Mündungen der Flüsse ziemlich
ausgedehnte Alluvialebenen, welche durch Gebirgszüge getrennt
werden. Die bedeutendste Erhebung liegt nördlich von 40°
nördl. Br., wo die Viosa (Aoos) durchbricht und das bis 2040 m
hohe Tschikagebirge nebst seiner halbinselförmigen
Verlängerung, den Akrokeraunien des Altertums, senkrecht zum
Meer abfällt. Das Zentrum der europäischen Türkei
bildet die zu 2300 m ansteigende, auf allen Seiten von niedrigern
und höhern Gebirgszügen umgebene gewaltige Syenitmasse
des Witosch, südlich von Sofia, auf bulgarischem Gebiet
gelegen. Zwischen Mesta (dem alten Nestos) und Maritza erhebt sich
zu 2300 m das Rhodopegebirge (s. d.). Es umfaßt eine Reihe
von NW. nach SO. verlaufender Bergzüge, zwischen denen sich
Längenthäler hinziehen. Das größte derselben
ist das der Arda, deren Quellgebiet die Zentralmasse des Rhodope
bildet. Zwischen Balkan und Rhodope liegen Mittelgebirgszüge,
dem erstern parallel streichend, wie die Sredna Gora und Tscherna
Gora, und ausgedehnte Ebenen am Oberlauf der Maritza und ihren
Nebenflüssen. Makedonien (s. d.) wird durch den dem
Rhodopegebirge parallelen Perimdagh (Orbelos 2700 m) von Thrakien,
durch die Pindoskette von Epirus geschieden; nach N. und S. hat es
keine so bedeutenden Grenzgebirge. Einen Anhang dazu bildet die
Chalkidike mit ihren drei langgestreckten Halbinseln und dem
heiligen Berg Athos. Von Thessalien (s. d.) ist nur der
nördlichste gebirgige Teil mit dem Olympos beim
türkischen Reich verblieben, der fruchtbare Süden aber
1881 an Hellas abgetreten worden. Von Ebenen, die einen geringen
Raum des Gesamtareals einnehmen, sind der Türkei namentlich
geblieben die Tiefebenen an der Maritza, am Strymon oder Karasu, an
den Mündungen des Wardar, der Vistritza und der albanischen
Flüsse.
An schiffbaren Flüssen ist die europäische Türkei
sehr arm; ein Teil der Maritza ist dank der Nachlässigkeit der
türkischen Behörden jetzt das einzige schiffbare
Binnenwasser. Die übrigen bedeutenden Flüsse sind im
Gebiet des Schwarzen Meers: der Kamtschyk, welcher zwischen Warna
und Misivri mündet; im Gebiet des Ägeischen Meers: die
Maritza mit der Arda, in den Meerbusen von Enos mündend,
der
918
Türkisches Reich (Klima, Areal und Bevölkerung).
Karasu (Mesta), der Strymon (türk. Karasu), den Tachynosee
durchfließend und in den Busen von Orfano mündend, der
Wardar und die Vistritza, alle in den Meerbusen von Saloniki
mündend; im Gebiet des Ionischen Meers: die Arta, in den
Meerbusen von Arta mündend, der Kalamas und Pawla, durch den
Liwarisee fließend; im Gebiet des Adriatischen Meers: Viosa,
Semeni mit Dewol, Schkumbi, Mati, Drin und die auf
österreichischem Gebiet mündende Narenta. Unter den
Landseen sind die bedeutendsten: die Seen von Skutari, Ochrida,
Janina, der Presba- und Ventroksee in Albanien, der See von
Kastoria, von Ostrowo, Doiran, der Beschik- und Tachynosee in
Makedonien. Von Mineralquellen finden sich in der Türkei
vornehmlich warme in Bosnien und namentlich am Südfuß
des Balkans sowie Schwefelquellen.
Das Klima ist im ganzen mild und angenehm, wenn auch die
Temperatur infolge der vorherrschend gebirgigen Beschaffenheit des
Landes sehr wechselnd und wegen der rauhen Nordostwinde kälter
ist als in Italien und Spanien, welche Länder mit der
Türkei unter gleicher Breite liegen. Im ganzen werden dadurch
Klima und Vegetation denen Mitteleuropas sehr ähnlich. Der
Balkan macht eine sehr merkliche Wetterscheide, denn während
in den Donauländern der Winter ziemlich streng, oft
schneereich ist und das Thermometer nicht selten auf -10° C.
und darunter sinkt, steigt im S. dieses Gebirges die Kälte
selten über -3° und ist der Sommer bei fast beständig
heiterm Himmel oft drückend heiß. Während die
kalten Nordwinde für die Gegenden am Bosporus
Schneestürme bringen, kennt man in den Küstenländern
des Ägeischen Meers und auf den Inseln winterliche Witterung
nur auf den Gebirgshöhen. Die Luft ist, wenige Sumpfstriche
ausgenommen, überall rein und gesund; wohl aber werden manche
Gegenden durch Erdbeben heimgesucht. Konstantinopel hat mit Venedig
gleiche mittlere Jahrestemperatur. Die Türkei gehört zum
größten Teil zu der subtropischen Regenzone mit
dürren Sommern. Der Balkan und der Westen des Landes (Bosnien
und Albanien) empfangen durchschnittlich noch über 100 cm
jährlichen Niederschlags, der Rest noch über 70 cm und
nur das Thal der Maritza weniger.
Areal und Bevölkernng.
Das Areal der europäischen Türkei beträgt
insgeamt 326,375 qkm (5927,3 QM.), nämlich:
Unmittelbare Besitzungen . . 165438 qkm (3004,5 QM.)
Ostrumelien ....... 35900 ( 652 - )
Bulgarien. ....... 63972 - (1161,8 - )
Bosnien, Herzegowina u. Novipasar ...... 61065 - (1109 - )
Was die Zahl der Bevölkerung anlangt, so fand die erste
partielle Volkszählung im osmanischen Reich 1830-31 statt, der
seitdem mehrere gefolgt sind. Auf dieselben ist aber deshalb wenig
Gewicht zu legen, weil es zunächst erwiesen ist, daß die
Beamten möglichst niedrige Summen angeben, um die von dem
verheimlichten Überschuß an Unterthanen eingehenden
Steuern zu unterschlagen. Sodann wird nur die erwachsene
männliche Bevölkerung gezählt, und es fehlt an
Angaben, in welchem ungefähren numerischen Verhältnis
dieselbe zu den Frauen und den Kindern beiderlei Geschlechts steht.
Als dritter Faktor kommen die (unbekannten) Verluste durch den
Krieg von 1877 bis 1878 hinzu, um sämtliche Schätzungen
als durchaus unzuverlässig erscheinen zu lassen. Das
Staatshandbuch (Salname) für 1879 gab folgende Übersicht
der Bevölkerung der europaischen Türkei:
Wilajets Einw.
Edirne (Adrianopel) ......... 597794
Selanik (Saloniki) ......... 1000558
Kossowo. ............. 1079654
Jania (Janina) ........... 736904
Schkodra (Skutari) nach Abzug des 1880 an Montenegro
abgetretenen Gebiets . ca. 203000
Girid (Kreta) . ........... 449246
Unmittelbare Besitzungen: 4167156
Dazu kommen noch nach Behm und Wagner (VI):
Wilajet Konstantinopel (europ. Anteil) . . 540000 Einw.
Inseln Thasos, Imbros, Lemnos, Samothrake 42374 -
Die in Europa stehende Armee .... 130 000 Mann (?)
Fremde und Polizei . . ...... 170000 -
Im ganzen ca.: 5050000 Seelen,
wovon etwa 2 Mill. Mohammedaner. (Die Bevölkerungsziffern
von Bosnien, Bulgarien, Ostrumelien s. unter diesen
Ländernamen.) Die neueste Schätzung (für 1887) nahm
für die unmittelbaren Besitzungen nur etwa 4½ Mill. und
fast ebensoviel für Bosnien, Bulgarien und Ostrumelien an; es
entfielen danach auf das Quadratkilometer in den unmittelbaren
Besitzungen 27, in der gesamten europäischen Türkei
einschließlich der tributären und von Österreich
besetzten Länder 28 Bewohner. Ein sicherer Maßstab, um
die entschieden in letzter Zeit eingetretene Abnahme der
Bevölkerung zu schätzen, fehlt uns vollständig, und
es läßt sich lediglich die Thatsache, daß eine
solche infolge des Kriegs mit Rußland stattgefunden hat,
konstatieren. Auch auf alle sonstigen Fragen der
Bevölkerungsstatistik fehlt absolut jede Antwort, und nur
über die räumliche Verteilung der Nationalitäten
sind wir durch Arbeiten westeuropäischer Forscher
einigermaßen unterrichtet. Der herrschende Stamm der
osmanischen Türken sitzt auf der Balkanhalbinsel, von
Konstantinopel abgesehen, nirgends in größerer Masse,
sondern nur inselartig zerstreut, meist in der Nähe
größerer Städte, wie Adrianopel, Seres, Istib,
Saloniki, Monastir, Skutari u. a. Im westlichen und mittlern
Bulgarien, wo sie früher zwischen den Bulgaren wohnten, sollen
sie ziemlich verschwunden sein, im östlichen Bulgarien, in
einem großen Teil von Ostrumelien und im N. des Wilajets
Adrianopel wohnen sie mit Bulgaren gemischt. Den Westen des noch
unmittelbar türkischen Gebiets nehmen Albanesen ein, von den
Grenzen Montenegros und Serbiens an bis zum 40.° nördl.
Br. und vom Adriatischen Meer östlich bis etwa zum 21.°
östl. L. v. Gr., den sie bei Prischtina in einzelnen
Sprachinseln sogar überschreiten. Im nördlichen Epirus
wohnen sie mit Griechen gemischt. Den Süden von Epirus und
Makedonien, die Chalkidike und viele Küstenpunkte des
Ägeischen und des Schwarzen Meers haben Griechen besetzt, die
in der südlichen Hälfte des Wilajets Adrianopel mit
Türken gemischt sind. Den Westen Bulgariens, Ostrumeliens
sowie des alten Thrakien haben in kompakter Masse Bulgaren inne. Im
Pindos (Grenze zwischen Epirus und Thessalien) sitzen Zinzaren
(Kutzowlachen), in Altserbien und dem nördlichen Makedonien
Serben. Die Tscherkessen sind meist nach Kleinasien
ausgewandert.
Die Osmanen (Osmanli), das herrschende Volk, obwohl sie
keineswegs die Mehrzahl bilden, sind ein Turkmenenstamm, ein
schöner Menschenschlag mit edlen Gesichtszügen. Ihre
hervorstechenden Nationalzüge sind: Ernst und Würde im
Benehmen, Mäßigkeit, Gastfreiheit, Redlichkeit im Handel
und Wandel, Tapferkeit, anderseits Herrschsucht, übertriebener
Nationalstolz, religiöser Fanatismus, Fatalismus und Hang zum
Aberglauben. Trotz ihrer hohen körper-
919
Türkisches Reich (Religionsverhältnisse, geistige
Kultur).