Turin (Augusta Taurinorum), Hauptstadt der gleichnamigen

ital. Provinz, bis 1861 Hauptstadt des Königreichs Sardinien

und bis 1865 des Königreichs Italien, liegt 239 m ü. M.,

in einer herrlichen, ostwärts von den Höhen der

montferratischen Berge begrenzten Ebene. Die Lage ist für

kriegerischen wie friedlichen Verkehr hervorragend günstig,

denn es geht hier die obere piemontesische Ebene mit den dort

vereinigten Straßen durch die Verengerung von T. in die

mittlere und untere Poebene über, so daß hier der

Verkehr zwischen beiden Ebenen, den das Bergland von Montferrat

sonst hindern würde, vermittelt wird. Der Po wird hier durch

Aufnahme der Dora Riparia schiffbar, in deren Thal die beiden

wichtigen Alpenstraßen von Savoyen über den Mont Cenis

(jetzt Eisenbahn) und aus der Dauphiné über den Mont

Genèvre vereinigt auf T. gehen, das damit zu einem wichtigen

Straßenknoten und Schlüssel der gangbarsten Pässe

über die Westalpen wird. Selbst die Straßen über

den Großen und Kleinen Bernhard im Dora Baltea-Thal

aufwärts lassen sich noch von T. aus beherrschen. So hat T.

als natürlicher Mittelpunkt des ganzen obern Pogebiets in der

Kriegsgeschichte, bis 1801 auch als starke Festung, eine

große Rolle gespielt (s. unten, Geschichte). Dank seiner Lage

und dem durch die Mont Cenis-Bahn mächtig gewachsenden

Verkehr, hat es die Verlegung der Hauptstadt leicht verwunden und

ist in hoffnungsvollem Aufschwung begriffen. Außer dieser

Bahn vereinigen sich hier die Linien über Novara nach Mailand,

über Alessandria nach Genua und Piacenza, über Brà

nach Savona, nach Cuneo, Pinerolo, Rivoli, Lanzo, Rivarolo,

über Ivrea nach Aosta, Biella, Arona. Die reizende Lage und

die regelmäßige Bauart machen T. zu einer der

schönsten Städte Italiens. Es zerfällt in sieben

Stadtteile (Dora, Moncenisio, Monviso, Po, Borgo San Salvatore,

Borgo Po und Borgo Dora) und hat langgedehnte, breite und gerade

Straßen und weite, stattliche Plätze. Die ehemaligen

Festungswerke sind zu schönen Spaziergängen umgewandelt.

Die schönsten Straßen sind die Via di Po, die Via di

Roma, die Via Garibaldi und der Corso Vittorio Emmanuele. Unter den

40 Plätzen zeichnen sich aus: die Piazza Castello, rings von

Hallen umgeben; die Piazza Carlo Alberto; die Piazza Carlo Felice

(mit hübschen Anlagen versehen); die große, 1825

angelegte Piazza Vittorio Emmanuele, welche sich bis zu der 1801

unter Napoleon I. erbauten großen steinernen Pobrücke

hinzieht; die Piazza del Palazzo di Città, die Piazza dello

Statuto mit dem Denkmal für den Bau des Mont Cenis-Tunnels und

die Piazza Cavour (mit Anlagen). Die hervorragenden

Monumentalbauten sind nicht die Kirchen, sondern die Paläste,

welche mit Ausnahme des Palazzo Madama auf der Piazza Castello (von

1416) meist einer spätern Zeit angehören (17. und 18.

Jahrh.). Dazu gehören das königliche Schloß auf der

Nordseite der Piazza Castello (1660 erbaut), mit den Reiterstatuen

von Kastor und Pollux und dem Reiterbild des Herzogs Viktor Amadeus

I. (im Vestibül), der königlichen Bibliothek (50,000

Bände, 2000 Manuskripte), einer reichen Sammlung von

Handzeichnungen (über 20,000 Stück) und Münzen, der

berühmten königlichen Rüstkammer (armeria reale),

einem schönen Schloßgarten und, hieran anstoßend,

einem zoologischen Garten; der Palazzo Carignano (von 1680),

ehemals Sitz des Parlaments, jetzt der Gemeinde gehörig; der

Palast der Akademie der Wissenschaften (früher

Jesuitenkollegium, 1678 von P. Guarini erbaut); das

Universitätsgebäude (von 1713), das Stadthaus (von 1665),

der Palazzo delle due Torri, das Teatro regio (von 1738) und das

Teatro Carignano (von 1787), wozu neuerdings der Zentralbahnhof

(1865-68 von Mazzucchetti erbaut), die Galleria Industriale und

mehrere kleinere Theater hinzugekommen sind. Unter den 40 Kirchen

von T. zeichnen sich aus: die Kathedrale San Giovanni, ein

Renaissancebau mit der schwarzmarmornen Grabkapelle del Sudario

(1657-1694 von Guarini erbaut); die Kirchen Beata Vergine della

Consolazione (1679 ausgeführt), San Filippo (1714 vollendet),

Corpus Domini (von 1753), die Kuppelkirche San Massimo, die Rotunde

Gran Madre di Dio (1818-49 erbaut) und die protestantische Kirche

(tempio Valdese, 1851 erbaut). T. ist außerordentlich reich

an Denkmälern, welche das savoyische Haus, die

Staatsmänner und großen Geister

[Wappen von Turin.]

913

Turinsk - Türk.

des Landes verherrlichen. Dazu gehören: das Reiterbild

Emanuel Philiberts auf der Piazza San Carlo (von Marochetti, 1838);

das Denkmal Amadeus' VI. auf der Piazza Palazzo di Città;

die Marmorstatuen des Prinzen Eugen von Savoyen und des Prinzen

Ferdinand (1858) vor dem Rathaus; die der Könige Karl Albert

und Viktor Emanuel in der Vorhalle des Rathauses; ferner auf der

Piazza Carlo Alberto die Reiterstatue Karl Alberts (von Marochetti,

1861); auf der Piazza Carignano das Denkmal Giobertis (von

Albertoni, 1860); auf der Piazza Carlo Felice die Statue d'Azeglios

(von Balzico, 1873); auf der Piazza Carlo Emmanuele II. das

große Denkmal Cavours (von Dupré, 1873); ferner

Statuen von Lagrange, Brofferio, Cassini, Micca (des Retters der

Stadt 1706), Pepe, Bava, Balbo, Manin, des Herzogs Ferdinand von

Genua u. a.

Die Zahl der Bewohner beträgt (1881) 230,183, mit dem

Gemeindebezirk 252,832. Die Industrie hat in der neuern Zeit

erhebliche Fortschritte gemacht, besonders in der Fabrikation von

Seidenstoffen und Tapeten; außerdem bestehen Fabriken

für Bijouteriewaren, Möbel, Pianofortes, Maschinen,

Liköre, Leder, Handschuhe und andre Lederarbeiten, Tuch,

Zündhölzchen, Papier, Tabak u. a. Zur Förderung der

Industrie und des Handels besitzt die Stadt eine Sparkasse, 10

Bankinstitute, 25 Aktiengesellschaften u. a. Für den Verkehr

sorgen die oben erwähnten Eisenbahnen, mehrere Pferdebahnen

und Dampftramways und die Poschiffahrt. Unter den Bildungsanstalten

der Stadt behauptet den ersten Rang die 1412 gegründete

Universität (250 Lehrer, über 2100 Studierende,

nächst der Universität in Neapel die größte

Frequenz in Italien) mit vier Fakultäten und einer Bibliothek

von 225,000 Bänden nebst zahlreichen Manuskripten. Sie ist

auch mit allen notwendigen Museen und Instituten ziemlich gut

versehen. Andre Bildungsinstitute sind: eine Ingenieurschule, ein

Seminar, ein Lyceum, ein Lycealgymnasium, 2 Gymnasien, ein

Gewerbeinstitut, die Kriegsschule, eine Artillerie- und

Genieschule, eine Militärakademie, 4 technische Schulen, eine

Tierarzneischule etc.; ferner die Akademie der Wissenschaften (1759

gegründet) mit wertvoller Bibliothek (40,000 Bände) u.

Altertumsmuseum, eine medizinisch-chirurgische Akademie mit

Bibliothek (20,000 Bände), eine Akademie der schönen

Künste (Albertina), ein Kunstverein, ein Industriemuseum

(welches auch Gewerbeschullehrer heranbildet), eins der reichsten

Staatsarchive in Europa (mit Urkunden der Karolinger), eine

Gemäldesammlung (über 500 Nummern, darunter Gemälde

von P. Veronese, Raffael, van Dyck, Memling u. a.), ein

städtisches Museum, ein Museum der Renaissance (1863 als

Synagoge erbaut), zahlreiche Gesellschaften und Vereine. T. besitzt

ferner eine bedeutende Anzahl gut dotierter

Wohlthätigkeitsanstalten verschiedenster Art und ist der Sitz

des Präfekten, eines Erzbischofs, eines Kassationshofs, eines

Appell- und Assisenhofs, eines Zivil- und Korrektionstribunals,

einer Finanzintendanz, eines Generalkommandos, einer Handelskammer

und eines Handelstribunals sowie eines deutschen Konsuls. Unter den

öffentlichen Spaziergängen sind namentlich der Nuovo

Giardino pubblico, woran sich der botanische Garten und das

malerische Castel del Valentino anschließen, und von wo eine

Kettenbrücke aufs rechte Ufer des Po führt, der

Schloßgarten mit dem zoologischen Garten und der Giardino di

Città anzuführen. Der schönste Punkt der weitern

Umgegend ist die 678 m hoch gelegene, seit 1884 durch eine

Drahtseilbahn zugängliche prachtvolle Klosterkirche La Superga

mit der königlichen Familiengruft und herrlicher Aussicht auf

die Alpen.

Geschichte. T. war im Altertum unter dem Namen Taurasia Hauptort

der gallischen Taurini, wurde 218 v. Chr. von Hannibal erobert und

erhielt unter Augustus eine römische Kolonie und den Namen

Augusta Taurinorum. Die Langobarden, in deren Besitz die Stadt um

570 n. Chr. kam, ließen sie durch Herzöge verwalten. In

der Folge bemächtigten sich die Markgrafen von Susa der

Herrschaft, und nach deren Aussterben (um 1060) folgte das Haus

Savoyen. Venedig u. Genua schlossen 1381 unter Vermittelung des

Herzogs Amadeus von Savoyen in T. Frieden. 1506 von den Franzosen

erobert, blieb T. in deren Besitz bis 1562. Damals erhielt es

Herzog Philibert zurück, machte es zu seiner Residenz und

erbaute 1567 die Citadelle. 1640 nahmen die Franzosen unter

Harcourt T. nach 17tägiger Belagerung ein. Am 29. Aug. 1696

wurde hier der Separatfriede zwischen Savoyen und Frankreich

geschlossen. Von den Franzosen unter dem Herzog von Orléans

belagert, ward T. durch den Sieg der Kaiserlichen unter Prinz Eugen

7. Sept. 1706 befreit. 1798 von den Franzosen eingenommen, ward es

25. Mai 1799 von den Österreichern und Russen unter Suworow

wieder befreit. Nach der Schlacht bei Marengo (1800) kam T. aufs

neue in die Gewalt der Franzosen und blieb in derselben als

Hauptstadt des Podepartements, bis es, seiner Befestigungswerke bis

auf die Citadelle beraubt, 1814 durch den Pariser Frieden dem

König von Sardinien zurückgegeben ward und nun wieder

Residenz und Hauptstadt wurde. Es blieb dies, bis infolge der

sogen. Septemberkonvention (15. Sept. 1864) die Residenz und der

Sitz der Zentralbehörden des Reichs im Mai 1865 nach der neuen

Hauptstadt Italiens, Florenz, verlegt wurde. Nach dem Bekanntwerden

der Septemberkonvention kam es 20.-22. Sept. 1864 zu einem blutigen

Aufruhr, der nur durch Waffengewalt unterdrückt werden konnte.

Vgl. Promis, Storia dell' antica Torino (Tur. 1869); Cibrario,

Storia di Torino (das. 1847, 2 Bde., für das Mittelalter);

Borbonese, Torino illustrata e descritta (das. 1884).

Turinsk, Stadt im russisch-sibir. Gouvernement Tobolsk,

an der Mündung der Jalimka in die Tura, hat eine Kirche, ein

Nonnenkloster und (1885) 4658 Einw., welche ansehnliche Gerberei

betreiben.

Turiones (lat.), Sprosse; T. (Gemmae) Pini,

Kiefernsprosse.

Türk, 1) Daniel Gottlob, ausgezeichneter Organist

und Musiktheoretiker, geb. 10. Aug. 1756 zu Klaußnitz bei

Chemnitz, besuchte die Kreuzschule in Dresden, 1772 die

Universität Leipzig, wo er unter Hiller die schon früher

begonnenen Musikstudien fleißig fortsetzte, wurde 1776 Kantor

an der Ulrichskirche in Halle, 1779 Universitätsmusikdirektor

und 1787 Organist an der Frauenkirche; starb 26. Aug. 1813 da

selbst. Seine theoretischen und didaktischen Werke sind: "Von den

wichtigsten Pflichten eines Organisten" (Leipz. u. Halle 1787, neue

Ausg. 1838); "Klavierschule", mit kritischen Anmerkungen (das.

1789); "Kurze Anweisung zum Generalbaßspielen" (das. 1791; 5.

Aufl. von Naue, 1841); "Anleitung zu Temperaturberechnungen" (das.

1806) etc. Von seinen Kompositionen erschienen ein Oratorium: "Die

Hirten bei der Krippe in Bethlehem", 18 Klaviersonaten, Lieder u.

a. im Druck.

2) Karl Christian Wilhelm von, namhafter Schulmann, geb. 8. Jan.

1774 zu Meiningen, studierte in Jena die Rechte und ward 1794

mecklenburgischer

Meyers Konv.-Lexikon, 4 Aufl., XV. Bd.

58

914

Turka - Türkische Sprache und Litteratur.

Kammerjunker und Justizrat in Neustrelitz. Seit 1800 mit

Schulsachen betraut, faßte er für diese entschiedene

Vorliebe, besonders seit einer Reise durch Deutschland und die

Schweiz mit längerm Aufenthalt bei Pestalozzi (1804). Er

folgte 1805 einem Ruf als Justiz- und Konsistorialrat nach

Oldenburg, legte aber wegen der Schwierigkeiten, denen seine

pädagogischen Bestrebungen begegneten, sein Amt 1808 nieder

und widmete sich anfangs als Gehilfe Pestalozzis zu Yverdon, dann

als Leiter einer selbständigen Anstalt in Vevay der Erziehung.

1815 als Regierungs- und Schulrat nach Frankfurt a. O. berufen,

1816 nach Potsdam versetzt, reorganisierte er das Schul- und

Seminarwesen der Mark in Pestalozzis Sinn. 1833 legte er seine

Stelle nieder, um sich der Leitung einer von ihm gegründeten

Zivilwaisenanstatt zu widmen, und starb 31. Juli 1846 in

Kleinglienecke bei Potsdam. Auch um Einführung des Seidenbaues

in Deutschland hat er sich verdient gemacht. Türks zahlreiche

Schriften haben seiner Zeit Aufsehen erregt, sind aber jetzt

überholt worden. Vgl. "Leben und Wirken des Regierungsrats W.

v. T., von ihm selbst niedergeschrieben" (Potsd. 1859).

Turka, Stadt in Galizien, an der Nordseite der Karpathen,

Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und eines Bezirksgerichts, mit

(1880) 4685 Einw.

Türken, einer der drei Zweige der altaischen

Völkerfamilie, der sich gegenwärtig in seinen einzelnen

Ausläufern von den grünen Gestaden des Mittelmeers bis an

die eisigen Ufer der Lena in Sibirien erstreckt. Ihre Urheimat ist

Turkistan, von wo wahrscheinlich schon vor Beginn unsrer

Zeitrechnung mehrere Stämme nach verschiedenen Richtungen

ausgezogen sind und sich den einzelnen Eroberungen der

hochasiatischen Völker angeschlossen haben. Schon von den

Römern gekannt, haben sie gleich den Mongolen große,

mächtige Reiche gegründet, das Römerreich

gezüchtigt und ganz Europa in Schrecken versetzt. Die Throne

Chinas, Persiens, Indiens, Syriens, Ägyptens und des

Kalifenreichs wurden von den T. in Besitz genommen. Man hat zu den

T. die jetzt nicht mehr existierenden Petschenegen, Kumanen,

vielleicht auch die Chasaren und weißen Hunnen zu rechnen,

gegenwärtig gehören zu ihnen die Jakuten, die sibirischen

Tataren, Kirgisen, Uzbeken (Özbegen), Turkomanen,

Karakalpaken, Nogaier, Kumüken, basianischen T., Karatschai,

die sogen. kasanschen Tataren, Osmanen (die von den frühern

Seldschukken abstammen), Dunganen und Tarantschi; sprachlich sind

hierher auch zu rechnen die Baschkiren, Tschuwaschen,

Meschtscherjäken u. Teptjaren im südlichen Ural und an

der Wolga. Mit Ausnahme der Jakuten sind die T. durchweg

Anhänger des Islam, alle sind trotz der vielfachen Eroberungen

nomadisierende Hirten geblieben, die sich aber bei gebotener

Gelegenheit in räuberische Kriegshorden verwandelten.

Gegenwärtig versteht man unter T. gewöhnlich die Osmanen

(Osmanly) und bezeichnet die von ihnen eroberten und beherrschten

Länder als Türkei oder türkisches Reich. Vgl.

Vambéry, Skizzen aus Mittelasien (Leipz. 1868); Derselbe,

Das Türkenvolk in seinen ethnologischen und ethnographischen

Beziehungen (das. 1885); Radloff, Ethnographische Übersicht

der Türkstämme Sibiriens und der Mongolei (das.

1883).

Türkenbund, s. v. w. Turban; dann eine Pflanze, s.

v. w. Lilium Martagon L. (s. Lilium).

Türkenpaß, s. Algierscher Paß.

Türkensattel, eine Vertiefung im Keilbein, s.

Schädel, S. 373.

Türkensteuern, Steuern, welche seit dem 16. Jahrh.

aus Veranlassung der Türkenkriege (besonders in

Österreich) erhoben wurden.

Turkestan, s. Turkistan.

Turkestan, Stadt im asiatisch-russ. Generalgouvernement

Turkistan, Provinz Sir Darja, an der Poststraße nach

Orenburg, mit (1881) 6700 Einw. Die alte Moschee Asret war bis zur

Eroberung der Stadt durch die Russen (1864) ein in hohem Ruf

stehender Wallfahrtsort der Mohammedaner.

Turkeve, Stadt im ungar. Komitat

Jász-Kis-Kun-Szolnok mit (1881) 12,042 ungar. Einwohnern

(Katholiken und Reformierte).

Türkheim, Stadt im deutschen Bezirk Oberelsaß,

Kreis Kolmar, an der Fecht, aus der hier der Logelbach nach Kolmar

führt, und an der Eisenbahn Kolmar-Münster, hat eine

kath. Kirche, Baumwollspinnerei, Papierfabrikation, vortrefflichen

Weinbau und (1885) 2544 Einw. Nordwestlich davon, auf der Höhe

der Vogesen, liegt Drei-Ähren (s. Ammerschweier). -T., ehemals

Thorencoheim oder Türnicheim, erhielt 1312 Stadtrecht und

gehörte dann zu den zehn elsässischen freien

Reichsstädten. Hier 5. Jan. 1675 Sieg der Franzosen unter

Turenne über den kaiserlichen Feldherrn v. Bournonville, den

Herzog Karl von Lothringen und den Kurfürsten Friedrich

Wilhelm von Brandenburg. Vgl. Gérard, La bataille de T.

(Kolmar 1870).

Türkis (Kalait, Agraphit, Johnit), Mineral aus der

Ordnung der Phosphate, findet sich amorph in Trümern oder

Adern, nierensörmig und stalaktitisch, auch derb, eingesprengt

und als Gerölle, ist blau oder grün, undurchsichtig,

wenig glänzend, Härte 6, spez. Gew. 2,62-2,80, besteht

aus wasserhaltiger phosphorsaurer Thonerde Al2P2O8 + H2A2O6 + 2H2O

mit etwas Eisen und Kupfer, letzteres als färbendes Prinzip.

Der orientalische T., der in Adern, Thonschiefer durchsetzend, zu

Nischapur und Mesched in Persien (s. Tafel "Edelsteine", Fig. 8)

und im Porphyr des Megarathals in Arabien vorkommt, war ein im

Mittelalter als glückbringendes Amulett hochgeschätzter

und ist auch jetzt ein vielbenutzter Edelstein, aber von geringem

Wert. Weniger schöne Varietäten stammen von der

Jordansmühle in Schlesien, von Ölsnitz in Sachsen, von

Mexiko und Nevada. Der sogen. Zahntürkis (Beintürkis,

occidentalischer T., T. vom jüngern Stein) ist natürlich

oder künstlich gefärbter Zahnschmelz oder Elfenbein, in

ersterm Fall von Mastodon und Dinotherium. Er erreicht beinahe die

Härte des mineralischen Türkises, ist meist intensiver

gefärbt, erscheint aber bei Kerzenbeleuchtung

bläulichgrau. Natürliche Zahntürkise kommen in

Sibirien und im Languedoc vor.

Türkische Becken, s. Becken, S. 588.

Türkische Kresse, s. v. w. Tropaeolum majus.

Türkische Melisse, s. Dracocephalum.

Türkischer Klee, s. v. w. Esparsette, s.

Onobrychis.

Türkischer Weizen, s. Mais.

Türkische Sprache und Litteratur. Die türkische

oder osmanische (türk. Osmanli) Sprache gehört zur

türkisch-tatarischen Abteilung der großen uralaltaischen

Sprachenfamilie (s. d.). Im weitern Sinn bezeichnet man alle

Sprachen dieser Abteilung, die bis zur Lena in Sibirien reichen und

sehr nahe miteinander verwandt sind, als türkische;

gewöhnlich versteht man aber im engern Sinn die Sprache der

Osmanen, d. h. der europäischen und klein-asiatischen

(anatolischen) Türken, darunter. Die beiden charakteristischen

Eigentümlichkeiten des uralaltaischen Sprachstammes, die

Agglutination und die Vokalharmonie (s. d.), treten im

Türkischen in

915

Türkische Sprache und Litteratur

kräftigster Weise hervor. Erstere ermöglicht

namentlich die Bildung einer bedeutenden Menge von Konjugationen,

wobei der Stamm des Verbums stets unverändert an der Spitze

des Wortes stehen bleibt. So heißt sev-mek "lieben",

sev-isch-mek "einander lieben", sev-isch-dir-mek "einander lieben

machen", sev-isch-dir-il-mek "einander lieben gemacht werden",

sev-isch-dir-il-me-mek "nicht einander lieben gemacht werden" etc.

Während so der grammatische Bau rein uralaltaisch ist, hat der

Wortschatz eine mannigfache Versetzung mit europäischen,

namentlich aber mit arabischen und persischen Sprachelementen

erfahren. Die natürliche Folge dieser Vermischung mit fremden

Sprachelementen ist eine beträchtliche Verminderung des

ursprünglichen türkischen Wortschatzes gewesen. Ihr

Alphabet haben die Türken von den Arabern entlehnt, den 28

arabischen Konsonantenzeichen aber fünf neue Konsonanten

hinzugefügt, von denen drei ihnen mit den Persern gemein sind,

einer rein persisch und einer rein türkisch ist. Wie die

Araber und Perser, schreiben und lesen die Türken von rechts

nach links. In der Schrift und im Druck werden die Zeichen des

Alphabets in verschiedener Weise kalligraphisch gemodelt. Es gibt

daher besondere Schriftgattungen für den Bücherdruck, die

Fermane (amtlichen Erlasse), die Poesie, den Briefverkehr

(Kursivschrift) etc. Vgl. Grimm, Über die Stellung, Bedeutung

und einige Eigentümlichkeiten der osmanischen Sprache (Ratib.

1877, Schulprogramm); ferner die Grammatiken von Redhouse

("Grammaire raisonnée de la langue ottomane", Par. 1846;

"Simplified grammar", Lond. 1884) und Kazem Beg (deutsch von

Zenker, Leipz. 1848), die zur praktischen Erlernung der Sprache

dienenden Handbücher von Bianchi ("Guide de la conversation en

français et en turc", Par. 1839), Wahrmund ("Praktisches

Handbuch der osmanisch-türkischen Sprache, mit

Wörtersammlung etc.", 2. Aufl., Gieß. 1884), Wells ("A

practical grammar of the Turkish language", Lond. 1880), A.

Müller ("Türkische Grammatik", Berl. 1889) u. a. und die

Wörterbücher von Meninski ("Thesaurus linguarum

orientalium", Wien 1660; 2. Ausg., das. 1780, 4 Bde.), Kieffer und

Bianchi ("Dictionnaire-turc-français", 2 Tle., 2. Aufl.,

Par. 1850), von Bianchi ("Dictionnaire francais-turc à

l'usage des agents diplomatiques", 2. Aufl., das. 1843-46, 2 Tle.),

Redhouse ("Turkish dictionary", 2. Aufl., 1880), Barbier de Meynard

("Dictionnaire turc-français", Par. 1881 ff., bisher 2

Bde.), Zenker ("Türkisch-arabisch-persisches

Handwörterbuch", Leipz. 1866-76, 2 Bde.), Mallouf

("Dictionnaire français-turc", 3. Aufl., Par. 1881);

für seinen besondern Zweck sehr wertvoll ist v.

Schlechte-Wssehrds "Manuel terminologique français-ottoman"

(Wien 1870), ein bequemes Handbuch Vambérys

"Deutsch-türkisches Handwörterbuch" (Konstantinop. 1858).

Für Reisezwecke dienen Finks "Türkischer Dragoman" (2.

Aufl., Leipz. 1879) und Heintzes "Türkischer

Sprachführer" (das. 1882). Die beste Chrestomathie ist

diejenige von Wickerhausen (Wien 1853), für Anfänger

recht praktisch die von Dieterici (Berl. 1854, mit grammatischen

Paradigmen und Glossar).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 264 / 302 段