Turban (pers. dulband, dulbend, "doppelt gebunden"), die

bei den Mohammedanern, insbesondere den Türken, übliche

Kopfbedeckung, eine bald höhere, bald niedrigere Kappe,

künstlich umwunden mit einem Stück Musselin oder Seide;

die Kappe gewöhnlich rot, die Umwindung weiß,

ausgenommen bei den Emiren, denen ausschließlich eine

grüne Umwindung zustand. Den sonstigen Schmuck des Turbans

bilden Edelsteine, Perlschnüre, Reiherfedern etc.

909

Turban - Turenne.

Der T. des Sultans war sehr dick, mit drei Reiherbüschen

nebst vielen Diamanten und Edelsteinen geziert. Der Großwesir

hatte auf seinem T. zwei Reiherbüsche; andre Beamte und

Befehlshaber die Paschas u. dgl. erhielten Einen als Auszeichnung.

Heute ist der T. in der Türkei bei der Beamtenwelt und der

Intelligenz durch das Fes, in Persien durch das Kulah

verdrängt, und vorschriftsmäßig ist er nur noch bei

den Mollas (Geistlichen). (S. die Abbildung.)

[Turbane.]

Turban, Ludwig Karl Friedrich, bad. Staatsminister, geb.

5. Okt. 1821 zu Bretten, studierte Philologie, dann Jurisprudenz in

Heidelberg und Berlin, machte darauf größere Reisen nach

Frankreich und Italien und bestand 1845 das juristische

Staatsexamen. Nachdem er bei verschiedenen Behörden als

Rechtspraktikant beschäftigt gewesen, ward er 1851 zum

Sekretär im Ministerium des Innern, 1852 zum

Regierungsassessor in Mannheim und 1855 in Karlsruhe ernannt und

1856 zum Regierungsrat befördert; 1860 trat er als

Ministerialrat in das neuerrichtete Handelsministerium ein. Auch

war er litterarisch als Mitarbeiter an mehreren Zeitschriften

thätig und gab einen Kommentar zum badischen Gewerbegesetz von

1861 und der norddeutschen Gewerbeordnung mit dem badischen

Einführungsgesetz von 1871 heraus. Im Landtag vertrat er die

Regierung öfters und gehörte der Zweiten Kammer 1860-70

und seit 1873 auch als Abgeordneter an; er schloß sich der

nationalliberalen Partei an. 1872 wurde er zum Präsidenten des

Handelsministeriums und 1876 nach Jollys Rücktritt

gleichzeitig zum Staatsminister und Präsidenten des Staats-

und Auswärtigen Ministeriums ernannt; auch war er seit 1872

Mitglied des Bundesrats. Als 1881 das Handelsministerium aufgehoben

wurde, übernahm T. das Ministerium des Innern.

Turbanigel, s. Echinoideen.

Turbation (lat.), Verwirrung, Störung; turbieren,

beunruhigen, stören.

Turbe (Türbe, arab.), Mausoleum, Grabstätte.

Besonders glänzend sind die der verstorbenen türkischen

Herrscher in Konstantinopel und Brussa: meist architektonisch

prachtvoll geschmückte Kapellen, in deren Innerm der Sarg des

Toten steht.

Turbellarien (Strudelwürmer), s. Platoden.

Turbiglio (spr. -billjo), Sebastiano, ital. Philosoph,

geb. 7. Juli 1842 zu Chiusa in Piemont, widmete sich dem Studium

der Philosophie an der Universität zu Turin, wurde 1873

Professor der Philosophie am Lyceum Quirino Visconti und

später an der Universität zu Rom. Er schrieb: "Storia

della dottrina di Cartesio" (1866); "La filosofia sperimentale di

Giovanni Locke ricostrutta a priori" (1867); "La mente dei filosofi

eleatici ridotta alla sua logica espressione" (1869); "Trattato di

filosofia elementare, parte logica" (1869); "L'impero della logica"

(1870); "B. Spinoza e le trasformazioni del suo pensiero" (1875);

"Le antitesi tra il medio evo e l'età moderna, nella storia

della filosofia" (l878); "Analisi storico-critica della Critica

della ragion pura" (8 Vorlesungen, 1881). Seine von ernster Arbeit

zeugenden Werke haben auch im Ausland Beachtung gefunden.

Turbine, s. Wasserrad.

Turbinolia, s. Korallen.

Turbot, s. Schollen.

Turbulént (lat.), stürmisch,

ungestüm.

Türckheim, Johann, Freiherr von, bad. Staatsmann,

geb. 17. Okt. 1778 zu Straßburg, Sohn des Freiherrn Johann

von T., frühern Ammeisters von Straßburg, dann

großherzoglich hessischen Gesandten (gest. 28. Jan. 1824),

studierte erst in Tübingen und Erlangen die Rechte, war

1799-1803 österreichischer Offizier, dann sächsischer

Gesandter bei der Kreisversammlung in Nürnberg, trat 1808 in

den badischen Staatsdienst, ward 1813 Direktor des Dreisamkreises,

1819 Staatsrat und Mitglied der Ersten Kammer, wo er die

historischen Rechte des Adels gegen die Büreaukratie

verteidigte, aber eine echt deutsche nationale Gesinnung bekundete,

1831 Minister des großherzoglichen Hauses und der

auswärtigen Angelegenheiten, in welcher Stellung er

genötigt war, die reaktionären Bundesbeschlüsse zur

Ausführung zu bringen, trat 1835 zurück, lebte seitdem

meist auf seinem Landsitz in Altdorf und starb 30. Juli 1847 zu

Ragaz in der Schweiz. Er schrieb: "Betrachtungen auf dem Gebiet der

Verfassungs- und Staatenpolitik" (Freiburg 1845, 2 Bde.). - Sein

Sohn Hans, Freiherr von T., geb. 15. Dez. 1814 zu Freiburg i. Br.,

war 1849-64 vortragender Rat im Auswärtigen Ministerium zu

Karlsruhe und 1864-83 badischer Gesandter in Berlin.

Turco (ital.), türkisch; alla turca, auf

türkische Art (von Tonstücken mit vollgriffiger, zwischen

wenigen Akkorden wechselnder Begleitung).

Turdetaner, eine der Hauptvölkerschaften der

Hispanier, in der Provinz Bätica, westlich vom Flusse Singulis

(Jenil), an beiden Ufern des Bätis (Guadalquivir) und bis ins

südliche Lusitanien hinein seßhaft. Sie waren als

Küstenanwohner (ihr Land ist das Tarschisch der Bibel) zuerst

mit zivilisierten Phönikern in engere Berührung gekommen

und hatten von ihnen neben andrer Kultur den Gebrauch der Schrift,

das Wohnen in wohlgebauten Städten den Betrieb vieler

Handwerke gelernt, aber zugleich als friedliches Kulturvolk den

kriegerischen Charakter der übrigen Stammesgenossen

allmählich ganz eingebüßt, daher ihre Romanisierung

leicht fiel. Hauptstädte ihres Gebiets waren: Gadeira oder

Gades (Cadiz) und Hispalis (Sevilla).

Turduler, ein mit den Turdetanern (s. d.) nahe verwandtes

Volk in Hispania Baetica, das höher hinauf am Bätis

wohnte, aber bald ganz mit den Turdetanern verschmolz. Ihre

Hauptstadt war Corduba (Cordova).

Turdus, Drossel; Turdidae (Drosseln), Familie der

Sperlingsvögel (s. d.).

Turek, Kreisstadt im russisch-poln. Gouvernement Kalisch,

mit (1885) 7320 Einw.

Turenne (spr. türenn), Henri de Latour d'Auvergne,

Vicomte de, Marschall von Frankreich, geb. 11. Sept. 1611 zu Sedan,

zweiter Sohn des Herzogs Heinrich von Bouillon und der Prinzessin

Elisabeth von Nassau-Oranien, wurde, nachdem er 1623 seinen Vater

verloren, von seinem Oheim, dem

910

Turf - Turgenjew.

Prinzen Moritz von Oranien, in Holland erzogen, trat 1625 in

holländische Kriegsdienste und lernte unter Prinz Friedrich

Heinrich die Kriegskunst. 1630 trat T. als Oberst in die

französische Armee, machte unter Laforce einen Feldzug nach

Lothringen und 1634 als Marechal de Camp unter Lavalette einen Zug

an den Rhein mit, wo er Mainz entsetzte. Zum Generalleutnant

ernannt, stieß er 1638 mit einem Hilfskorps zum Herzog

Bernhard von Weimar, diente 1639-43 in Piemont unter dem Grafen

d'Harcourt, dann unter Prinz Thomas von Savoyen, siegte namentlich

1640 bei Casale und Turin, eroberte Montecalvo und Ivrea und

säuberte Piemont vom Feind. Zum Marschall ernannt und mit dem

Oberbefehl über die französischen Truppen in Deutschland

betraut, reorganisierte er rasch die Truppen im Elsaß,

überschritt im Mai 1644 den Rhein, entsetzte mit dem Herzog

von Enghien (Condé) Freiburg i. Br., das General Mercy

belagerte, und befreite das ganze Rheingebiet von den Kaiserlichen.

1645 wagte er einen Einfall in Württemberg, wurde aber von

Mercy 5. Mai bei Mergentheim geschlagen und zum Rückzug hinter

den Rhein genötigt. Hier vereinigte er sich wieder mit dem

Herzog, und beide erfochten 3. Aug. bei Nördlingen einen Sieg,

worauf T. 18. Nov. noch Trier eroberte. Durch seine Leidenschaft

für die Herzogin von Longueville bestimmt, mit an die Spitze

der Fronde zu treten, vereinigte er nach der Verhaftung der Prinzen

(18. Jan. 1650) die Truppen der Fronde mit den spanischen und fiel

von Belgien aus in Frankreich ein. Er eroberte Le Catelet, La

Capelle und Rethel, ward aber 15. Dez. 1650 vom Marschall Duplessis

bei Chamblanc geschlagen und söhnte sich 1651 mit der

Königin Anna aus, worauf er seinen ehemaligen

Waffengefährten, den großen Condé, 1652 bis an

die Grenze von Flandern zurückdrängte. In den folgenden

Feldzügen eroberte T. eine Stadt nach der andern und bis zum

Pyrenäischen Frieden (1659) auch fast ganz Flandern. Zum

Generalmarschall ernannt, erhielt er im Devolutionskrieg 1667 unter

des Königs Oberbefehl das Kommando über die Armee, welche

in die spanischen Niederlande einrückte. Auf Ludwigs XIV.

Wunsch trat er 1668 zum Katholizismus über. In dem Kriege

gegen Holland 1672 befehligte er die Armee am Niederrhein gegen die

Kaiserlichen und Brandenburger, zwang den Großen

Kurfürsten 16. Juni 1673 zum Frieden von Vossem, ward aber

dann von Montecuccoli zurückgedrängt. 1674

überschritt er bei Philippsburg den Rhein, schlug 16. Juni den

Herzog von Lothringen bei Sinzheim und eroberte die ganze Pfalz,

die er auf das entsetzlichste verwüstete. Er besiegte darauf

Bournonville bei Enzheim (4. Okt.), räumte im Oktober das

Elsaß, trieb aber Anfang 1675 die Verbündeten wieder aus

diesem Land, ging über den Rhein und traf im Juli bei Sasbach

auf die Kaiserlichen unter Montecuccoli. Ehe es aber zur Schlacht

kam, wurde T. beim Rekognoszieren des Terrains 27. Juli 1675 von

einer Kanonenkugel getötet. Sein Leichnam ward auf Ludwigs

Befehl in der königlichen Gruft zu St.-Denis beigesetzt, bei

der Zerstörung der Gräber in der Revolution gerettet und

auf Napoleons I. Befehl im Dom der Invaliden, Vaubans Grabmal

gegenüber, bestattet. Bei Sasbach ward T. durch den Kardinal

Rohan 1781 ein Denkstein errichtet, den 1829 die französische

Regierung durch einen Granitobelisken ersetzen ließ. In Sedan

wurde ihm eine Statue errichtet. T. war ein methodisch gebildeter

und vorsichtiger Feldherr, ein ausgezeichneter Taktiker, daneben

überaus sorgsam in der Verpflegung und Verwendung der Truppen.

Er hat noch mehr Unglücksfälle verhütet oder wieder

gutgemacht, als Schlachten gewonnen. Eine gewinnende

Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit zeichneten ihn aus. T.

hat selbst Memoiren hinterlassen, die von 1643 bis 1658 reichen und

unter dem Titel: "Collection des mémoires du maréchal

de T." (Par. 1782, 2 Bde.) veröffentlicht wurden. Eine

Ergänzung dazu sind die "Mémoires" von Deschamps (Par.

1687, neue Aufl. 1756). Seine Briefe gaben Grimoard (1782, 2 Bde.)

und Barthélemy (Par. 1874) heraus. Das Leben Turennes

beschrieben unter andern Ramsay (Par. 1733, 4 Bde.), Raguenet

(1738, neue Ausg. 1877), Duruy (5. Aufl. 1889) und Hozier (Lond.

1885). Vgl. außerdem Neuber, T. als Kriegstheoretiker und

Feldherr (Wien 1869); Roy, T., sa vie et les institutions

militaires de son temps (Par. 1884); Choppin, La campagne de T. en

Alsace (das. 1875); "Précis des campagnes de T."

(Brüssel 1888).

Turf (engl., spr. törf, "Rasen"), die Rennbahn und

das darauf Bezügliche (s. Wettrennen).

Turfan, Grenzprovinz Ostturkistans gegen China, grenzt an

die Gobiwüste, ist wasserlos und, bei einer

Längenausdehnung von 320 km, von nur l26,000 Einw. (Dunganen,

dann Chinesen) bevölkert. Die Stadt T. war sonst ein

blühender Karawanenplatz (für Thee und Seide) auf dem Weg

von China nach dem westlichen Asien, verlor aber zwischen 1860 und

1870 ihren Reichtum wie ihre Kaufleute infolge des

Dunganenaufstandes und der Kämpfe des ehemaligen Beherrschers

von Kaschgar um ihren Besitz.

Turfol, aus Kohlenwasserstoffen bestehendes Leuchtöl

aus Torfteer.

Turgenjew, 1) Alexander Iwanowitsch, russ. Geschichts-

und Altertumsforscher, geb. 1784, gest. 17. Dez. 1845 zu Moskau als

Geheimer Staatsrat, erwarb sich durch Forschungen für

Rußlands Geschichte, Diplomatie, alte Statistik und altes

Recht Verdienste. Die Resultate seiner Forschungen wurden von der

archäographischen Kommission veröffentlicht unter dem

Titel: "Historiae Russiae monumenta" (Petersb. 1841-42, 2 Bde.;

Nachtrag 1848).

2) Nikolai Iwanowitsch, russ. Historiker, Bruder des vorigen,

geb. 1790, studierte in Göttingen, trat dann in den

Staatsdienst seines Vaterlandes und ward 1813 dem Freiherrn vom

Stein in der Verwaltung der Frankreich abgenommenen deutschen

Provinzen als russischer Kommissar beigegeben. Nach Rußland

zurückgekehrt, ward er Wirklicher Staatsrat, trat 1819 in den

"Bund des öffentlichen Wohls" und ward dadurch in die

Verschwörung von 1825 verwickelt. Eben auf Reisen begriffen,

ward er in contumaciam zum Tod verurteilt und lebte seitdem in

Paris, wo er im November 1871 starb. Er schrieb: "La Russie et les

Russes" (Par. 1847, 3 Bde.; deutsch, Grimma 1847).

3) Iwan Sergejewitsch, berühmter russ. Dichter und

Schriftsteller, geb. 28. Okt. (a. St.) 1818 in der

Gouvernementsstadt Orel als der Nachkomme einer alten russischen

Adelsfamilie, die zur Zeit der Mongolenherrschaft in russische

Dienste trat. Seine Eltern waren sehr wohlhabend und ließen

dem künftigen Dichter und seinen beiden (vor ihm gestorbenen)

Brüdern eine gute häusliche Erziehung angedeihen, wobei

ein großer Nachdruck auf die Sprachen, namentlich

Französisch und Deutsch, gelegt wurde. 1828 siedelte die

Familie nach Moskau über, und der junge Iwan kam in eine

Privatlehranstalt. Seine weitere Ausbildung erfolgte unter

besonderer Anleitung und

911

Turgeszieren - Turgot.

Fürsorge des Professors Krause, des Direktors des

Lazarewschen Instituts. Mit 16 Jahren bezog der frühreife

Knabe die Moskauer Universität, wo er sich

historisch-philologischen Studien widmete, vertauschte dieselbe

aber schon nach einem Jahr, als 1835 sein Vater starb, mit der

Petersburger Universität, auf welcher er den vollen Lehrkursus

absolvierte. Nachdem er 1838 mit dem Grad eines Kandidaten die

Universität verlassen, begab er sich zur

Vervollständigung seiner Kenntnisse ins Ausland, wobei er auf

der Überfahrt nach Deutschland bei dem Brande des Dampfers

Nikolai I. in Travemünde fast ums Leben gekommen wäre. Er

hielt sich namentlich in Berlin auf, wo er an der Universität

Geschichte und Philosophie hörte. 1840 kehrte er zurück

und erhielt eine Anstellung in der Kanzlei des Ministers des

Innern, welche Stellung er schon im folgenden Jahr aufgab, um sich

ganz ins Privatleben zurückzuziehen. Er lebte nun bald auf

seinem Gut Sposikoje (Kreis Mzensk, Gouvernement Orel), bald in St.

Petersburg, bald im Ausland. Sein erstes Werk war das Poem

"Parascha" (1842), worauf in den folgenden Jahren einige kleine

Skizzen erschienen, welche später in das "Tagebuch eines

Jägers" aufgenommen wurden. 1852 wurde er plötzlich wegen

eines von ihm verfaßten, im übrigen durchaus nicht

politisch verfänglichen Artikels: "Ein Brief über Gogol"

("Moskauer Zeitung" 1852, Nr. 32), arretiert, bei der Polizei

eingesperrt und dann auf sein Gut verwiesen, welches er zwei Jahre

lang (bis 1855) nicht verlassen durfte. Seit 1863 lebte T. fast

ganz im Ausland, meist in Baden-Baden oder Paris, in der Regel nur

die Sommermonate auf seinem Gut zubringend. Er starb 3. Sept. 1883

in Bougival bei Paris. In Rußland werden nicht nur die

epischen, sondern auch die im Ausland weniger gekannten lyrischen

und dramatischen Dichtungen sehr hoch geschätzt. Seine

lyrischen Versuche erschienen 1841-47 in verschiedenen russischen

Monatsschriften; sie bilden zusammen einen kleinen Band. Auf

epischem und dramatischem Gebiet besitzt die russische Litteratur

folgende Dichtungen von T., die wir in chronologischer Reihenfolge

anführen: "Parascha" (Poem, 1842); "Unvorsichtigkeit",

dramatische Skizze; "Andrei" (Poem, 1843); "Eine Unterredung",

Poem; "Andrei Kolossow", "Drei Porträte" (Erzählungen,

1844); "Kein Geld!" (Szenen aus dem Petersburger Leben eines

russischen Edelmanns, 1846); "Der Jude", "Der Raufbold", "Pater

Petrowitsch Karatajew" (Erzählungen, 1847); "Petuschkow",

Erzählung; "Allzudünn reißt bald "(Lustspiel,

1848); "Der Junggeselle" (Lustspiel, 1849); "Das Tagebuch eines

überflüssigen Menschen", Erzählung; "Ein Monat im

Dorfe" (Lustspiel, 1850; letzteres hatte T. auf Verlangen der

Zensur umarbeiten müssen, und es erschien erst 1869 in seiner

ursprünglichen Form); "Eine Unterredung auf der

Landstraße", Erzählung; "Eine Dame aus der Provinz

"(Lustspiel, 1851); "Tagebuch eines Jägers", "Drei

Begegnungen" (Erzählungen, 185.2); "Zwei Freunde", "Rudin"

(Erzählungen, 1854); "Fern von der Welt", "Jakow Passynkow",

Erzählungen; "Ein Imbiß beim Adelsmarschall" (Lustspiel,

1855); "Fremdes Brot" (Lustspiel, 1857); "Asja" (Erzählung,

1858); "Das adlige Nest", Roman; "Ein Fragment aus einem Roman"

(1859); "Am Vorabend, oder Helene", "Erste Liebe"

(Erzählungen, 1860); "Väter und Söhne" (Roman,

1862); "Visionen", Phantasiebild; "Der Hund" (Skizze, 1865);

"Rauch", Roman; "Geschichte des Leutnants Jergunow", "Die

Unglückliche", "Der Brigadier" (Erzählungen 1867); "Eine

wunderliche Geschichte", "Ein König Lear der Steppe"

(Erzählungen, 1870); "Es klopft" (Erzählung, 1871);

"Frühlingswogen", "Tscherptochanows Ende" (Erzählungen,

1872); "Eine lebende Mumie" (Erzählung, 1874); "Punin und

Baburin" (Erzählung, 1875); "Die Uhr" (Erzählung, 1876);

"Neuland", Roman; "Die Erzählung des Vaters Alexei" und "Der

Traum" (Erzählungen, 1877). Außerdem sind noch, von

einigen kritischen Artikeln abgesehen, zu nennen: "Hamlet und Don

Quichotte", eine Parallele, und "Erinnerungen an W. Belinskij".

Turgenjews Romane und Erzählungen sind weniger durch

sensationelle Verwickelungen als durch eine wunderbare

Meisterschaft in der Gestalten- und Charakterzeichnung wie in der

Darlegung psychologischer Vorgänge ausgezeichnet. Ganz dem

nationalen Boden und der unmittelbaren Gegenwart angehörend,

spiegeln sie die jeweiligen Zustände und Bewegungen in

Rußland so treu wider, daß man an ihnen die Geschichte

der innern Entwickelung der Gesellschaft von Werk zu Werk wie an

Marksteinen verfolgen kann. Sie wurden vielfach ins Deutsche

übertragen; eine Sammlung "Ausgewählter Werke" in der

einzig vom Dichter autorisierten Ausgabe erschien deutsch seit 1871

in Mitau (12 Bde.); seine "Briefe" gab Ruhe in Übersetzung

heraus (erste Sammlung, Leipz. 1886). Vgl. Zabel, Iwan T. (Leipz.

1883); Thorsch, I. T. (das. 1886).

Turgeszieren (lat.), an-, aufschwellen.

Túrgor (lat., Turgeszenz), der natürliche

straffe Zustand der Gewebe des lebenden Körpers; in der

Botanik der hydrostatische Druck im Innern der lebenden Zelle.

Turgot (spr. türgo), Anne Robert Jacques, Baron de

l'Aulne, franz. Staatsmann, geb. 10. Mai 1727 zu Paris, studierte

Theologie und ward 1749 Prior der Sorbonne, trat jedoch 1751 aus

derselben aus und wandte sich den Rechts- und Staatswissenschaften

zu. Schon 1752 ward er Substitut des Generalprokurators, sodann

Parlamentsrat, 1753 Requetenmeister, endlich Mitglied der

königlichen Kammer (chambre royale). In dieser Stellung

widmete er sich besonders nationalökonomischen Studien und

neigte sich zu den Prinzipien von Quesnays physiokratischer Schule

hin. Von 1761 bis 1773 Intendant von Limoges, richtete er sein

Hauptaugenmerk aus Entlastung, Hebung und Bildung des gemeinen

Mannes, Gründung öffentlicher

Wohlthätlgkeitsanstalten, Anlage von Kanal- und Wegebauten,

Beförderung des Ackerbaues etc. Ludwig XVI. ernannte ihn kurz

nach seiner Thronbesteigung 24. Aug. 1774 zum Generalkontrolleur

der Finanzen (Finanzminister). Die in seinem berühmten Brief

an den König entwickelten Reformpläne Turgots

umfaßten eigentlich alles, was später die Revolution

durchsetzte: Dezentralisation und Selbstverwaltung, Reform des

Steuerwesens, Beseitigung des Zunftzwanges u. a., verletzten aber

alle, die dabei ein Opfer bringen sollten. Als T. 1775 die

Erlaubnis gab, an Fasttagen Fleisch zu verkaufen, bezichtigte ihn

der Klerus des Versuchs, die Religion zu vernichten, und als

infolge des vorjährigen Mißwachses eine Teurung

entstand, welcher T. durch Freigebung des Getreidehandels im Innern

von Frankreich 13. Sept. 1774 hatte abhelfen wollen, schob man die

Schuld jener Not auf diese Maßregel des Ministers. Es kam zu

mehreren Aufständen (dem sogen. Mehlkrieg, guerre des

farines), denen die privilegierten Stände noch Vorschub

leisteten. Von allen Plänen Turgots kamen so nur wenige,

wenngleich wichtige Verbesserungen und Ersparungen in den Finanzen

zur Ausführung, und der König

912

Turin (Provinz) - Turin (Stadt).

sah sich durch den allgemeinen Widerstand der privilegierten

Stände gegen Turgots neue Edikte, betreffend die Aufhebung der

Wegfronen und Zünfte, genötigt, seinen Minister im Mai

1776 plötzlich zu entlassen. T. widmete sich fortan nur

wissenschaftlichen Arbeiten und starb 8. März 1781 in Paris.

Seine "OEuvres" veröffentlichten Dupont de Nemours (Par.

1808-11, 9 Bde.) und Daire (das. 1844, 2 Bde.). Vgl. Batbie, T.,

philosophe, économiste et administrateur (Par. 1861);

Tissot, T., sa vie, son administrativ, ses ouvrages (das. 1862);

Mastier, T., sa vie et sa doctrine (das. 1862); Foncin, Essai sur

le ministère de T. (das. 1877); Jobez, La France sous Louis

XVI, Bd. 1: T. (das. 1877); Neymarck, T. et ses doctrines (das.

1885, 2 Bde.); kleine Biographien von L. Say (das. 1888) und

Robineau (das. 1889).

Turin (ital. Torino), ital. Provinz, umfaßt den

nordwestlichen Teil von Piemont, grenzt östlich an die

Provinzen Novara und Alessandria, südlich an Cuneo, westlich

an Frankreich, nördlich an die Schweiz (Kanton Wallis) und hat

ein Areal von 10,535, nach Strelbitsky 10,452 qkm (189,8 QM.). Das

Land ist zum größten Teil gebirgig und wird von den

Kottischen, Grajischen und Penninischen Alpen nebst ihren

Ausläufern durchzogen. An der Grenze gegen die Schweiz erheben

sich die Hochgipfel des Montblanc, Matterhorn und Monte Rosa. Die

zahlreichen Thäler münden alle in die bei Turin auf 12 km

verengerte Ebene des Po, der von hier an schiffbar wird und den

Pellice mit Clusone, die Chisola, Dora Riparia, Stura und Dora

Baltea aufnimmt. Die Bevölkerung belief sich 1881 auf

1,029,214 Einw. Der Boden ist namentlich in der Poebene höchst

fruchtbar und liefert Weizen (1887: 761,000 hl), Mais (692,000 hl),

Flachs, Hanf, Kastanien, Wein (333,691 hl) etc. Von Bedeutung ist

auch die Viehzucht (1881 zählte man 288,042 Stück

Rindvieh, 154,792 Schafe, 54,825 Ziegen); die Seidenzucht lieferte

1887: 1,3 Mill. kg Kokons. Das Mineralreich bietet Eisen, Blei,

Kupfer, Silber, Kobalt, Marmor, Salz etc. Die Industrie ist

namentlich durch Seidenspinnereien u. -Zwirnereien,

Seidenwebereien, Schaf- u. Baumwollmanufakturen, Papierfabriken,

Gerbereien und sonstige Lederverarbeitung, Fabriken für

Kerzen, Seife, Chemikalien, metallurgische Produkte, Ziegel, Glas-

u. Thonwaren u. a. vertreten. Die Provinz zerfällt in

fünf Kreise: Aosta, Ivrea, Pinerolo, Susa und T.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 263 / 302 段