Die gleichnamige Hauptstadt liegt 45 km von der Küste

zwischen dem seichten Salzsee El Bahira im O. und dem im Hochsommer

fast ganz trocknen Sebcha el Seldschumi und wird von einer Mauer

umgeben, durch welche zehn Thore führen, und deren

südlicher Teil durch das europäische Viertel durchbrochen

ist, in welchem das Zollhaus und das Seearsenal liegen. Die meisten

Straßen sind eng, krumm, ungepflastert und namentlich im

Judenviertel im höchsten Grad unsauber. Im W. liegt die halb

in Ruinen befindliche Citadelle (Kasba). T. hat zahlreiche

Moscheen, eine katholische Kirche, ein Kapuzinerkloster, ein

griechisches Kloster mit Kirche, einen im maurischen Stil erbauten

Palast des Beis, der aber 3 km westlich außerhalb der Stadt

im Bardo, einem einer kleinen Stadt gleichenden

Gebäudekomplex, oder in Marsa wohnt, ferner zahlreiche

öffentliche Bäder, Bazare und Karawanseraien, bedeutende

Industrie, namentlich in Seidenweberei, roten Mützen,

Saffianleder und Waffen, ansehnlichen Handel, besonders nach

Marseille, Ägypten, Genua, der Levante und nach dem innern

Afrika, und etwa 150,000 Einw., darunter 25,000 Juden, 7000

Malteser, 6000 Italiener, 2500 Franzosen und 500 andre Christen.

Der Hafen von T. ist Goletta (s. d.). Die Stadt hat mehrere

Medressen, viele Koranschulen, ein katholisches Collège, 23

jüdische und 33 französische Elementarschulen und ist

Sitz eines deutschen Berufskonsuls. Eisenbahnen gehen von T. nach

allen Richtungen aus. Vgl. Kleist, T. und seine Umgebung (Leipz.

1888).

[Geschichte.] T. (Tunes) bestand schon im Altertum, war aber

neben Karthago ohne Bedeutung. 255 v. Chr. wurde bei T. der

römische Feldherr Regulus von den Karthagern unter Xanthippos

besiegt und gefangen. Erst nach Karthagos Zerstörung durch die

Araber 699 kam T. empor. Es gehörte zum Reich Kairwan, seit

1100 zu Marokko. Seit 1140 herrschten die Almohaden, seit 1260 die

Meriniden in T., das ein blühendes Land war. 1270 unternahm

Ludwig IX. von Frankreich den letzten Kreuzzug gegen T., starb aber

bei der Belagerung. 1534 bemächtigte sich der Korsar

Chaireddin Barbarossa der Herrschaft in T. und begründete

einen gefürchteten Seeräuberstaat, der 1535, als Karl V.

T. eroberte und 20,000 Christensklaven befreite, zerstört

wurde. Seitdem war T. spanisch. 1574 ward es aber wieder der

Oberherrschaft des Sultans unterworfen. Der türkische Admiral

Sinan Pascha, der es eroberte, behielt es als Lehnsmann der Pforte.

Nach seinem Tod (1576) entriß der Boluk-Baschi seinem

Nachfolger Kilik Ali die höchste Gewalt. Die türkische

Miliz wählte nun einen Dei als Inhaber der höchsten

Gewalt, entthronte und ermordete aber die meisten nach einer kurzen

Regierung. Unter dem dritten, Kara Osman, bemächtigte sich der

Bei (anfangs nur ein mit der Eintreibung der Steuern und des

Tributs beauftragter Beamter) Murad der öffentlichen Gewalt

und machte dann dieselbe in seiner Familie erblich, den

wählbaren Dei in gänzlicher Abhängigkeit erhaltend.

Murad Beis Nachkommen regierten über 100 Jahre und

vergrößerten ihre Macht durch Eroberungen auf dem

Festland und durch Seeraub. Doch mußten sie die Oberhoheit

des Deis von Algier durch Tributzahlung anerkennen. Die jetzige

Dynastie von T. begann 1705 mit Hussein Ben Ali. Indessen bietet

die Geschichte von T. wenig mehr als eine Reihe von

Palastrevolutionen, Janitscharenaufständen und Hofintrigen.

Nach der Eroberung von Algier durch die Franzosen unterstützte

T. anfangs Abd el Kader, ward aber schon 8. Aug. 1830 zu einem

Vertrag gezwungen, in welchem es die Abschaffung der

Seeräuberei und Sklaverei sowie die Abtretung der Insel

Tabarka versprach. Der Bei Sidi Mustafa, der 1835 seinem Bruder

Sidi Hussein folgte, schloß sich gegen die Franzosen mehr an

die türkische Regierung an. Sidi Mustafas Sohn und Nachfolger

seit 1837, Sidi Achmed, unternahm große Bauten und verwendete

beträchtliche Summen auf die Erweiterung seiner

Militärmacht, geriet aber dadurch mit der Psorte in ernstliche

Konflikte und ward von derselben durch Intervention der

Großmächte zur Reduktion seiner Armee und

jährlichen Ablegung eines Rechenschaftsberichts über den

Stand der Finanzen gezwungen. Ihm folgte 1855 sein ältester

Sohn, Sidi Mohammed, in der Regierung, der das Heer reduzierte,

dagegen namentlich den Handel förderte. Eine im Juni 1857

ausbrechende Judenverfolgung veranlaßt die europäischen

Konsuln zur Intervention, und es kam hierauf unter dem Beistand des

französischen und englischen Generalkonsuls eine liberale

Gesetzgebung und Verwaltungsorganisation zu stande. Am 23. Sept.

1859 starb der Bei Sidi Mohammed. Sein Bruder und Nachfolger

Mohammed es Sadok gab im April 1861 in Gegenwart der Vertreter der

christlichen Mächte dem Land sogar eine konstitutionelle

Verfassung. Doch entfaltete der neue Bei einen

übermäßigen Glanz und ahmte ohne Anlaß die

Einrichtungen der Großstaaten nach. Die großen Kosten

seiner Regierung, welche er überdies unwürdigen,

habgierigen Günstlingen überließ, beschaffte er

durch Anleihen, deren Erträge zum geringsten Teil in die

Staatskasse flossen, deren Zinsen aber einen verderblichen

Steuerdruck notwendig machten. Der Bei mußte endlich die

Zinszahlung der Staatsschulden (275 Mill.) einstellen. Dies gab

1869 den Anlaß zu einer Einmischung, welche die ganze

Verwaltung in T. und namentlich ihre finanzielle Seite in

vollkommene Abhängigkeit von Frankreich zu bringen strebte.

Unter Mitwirkung der ebenfalls dort interessierten Mächte

England, Italien und Preußen kam dann eine Art von

europäischer Kontrolle über die tunesischen Finanzen zu

stande, und es wurde durch Abtretung der Zolleinnahmen für die

Verzinsung der auf 125 Mill. Fr. reduzierten Staatsschuld Sorge

getragen. Das Verhältnis von T. zur Pforte ward auf Betreiben

des Ministers Chaireddin während Frankreichs Ohnmacht nach dem

deutsch-französischen Krieg durch Ferman vom 25. Okt. 1871 so

geregelt, daß der Sultan auf den Tribut verzichtete, der Bei

dafür seine Oderhoheit anerkannte, ohne seine Erlaubnis keinen

Krieg zu führen, in keine diplomatischen Verhandlungen mit dem

Ausland einzutreten etc. versprach. 1877 schickte der Bei dem

Sultan ansehnliche Hilfsmittel an Geld und Truppen für den

Krieg gegen Rußland. Die Mißwirtschaft wurde

906

Tunja - Tunnel.

unter dem Minister Mustafa ben Ismain immer ärger. Unter

den Ausländern erlangten inzwischen die Italiener immer

größere Bedeutung, und selbst deren Regierung suchte

sich in T. festzusetzen. Dies veranlaßte Frankreich 1881,

einen Einfall der räuberischen Krumirs zum Vorwand zu nehmen,

um in T. einzurücken und den Bei 12. Mai zum Bardovertrag zu

zwingen, der T. unter französisches Protektorat stellte. Eine

Erhebung der Eingebornen gegen die Fremdherrschaft wurde durch die

Eroberung von Sfaks und Kairuan niedergeschlagen und die Verwaltung

1882 nach französischem Muster organisiert. Die Ämter

wurden mit Franzosen besetzt, und der französische

Ministerresident ist der Herr des Landes; eine französische

Besatzung sichert den Besitz. Ein neuer Vertrag mit dem Bei vom 8.

Juni 1883 gab der französischen Regierung Vollmacht zu allen

Reformen und zur Regelung der Finanzen. Der Bei (seit 28. Okt. 1882

Sidi Ali) erhielt eine Zivilliste von 1,200,000 Fr. Die

Kapitulationen und die Konsulargerichtsbarkeit wurden 1884

abgeschafft. Vgl. Rousseau, Annales tunisiennes (Algier 1863);

Hesse-Wartegg, T., Land und Leute (Wien 1882); die Monographien von

Duveyrier (Par. 1881), Brunialti (Mail. 1881), Dona (Padua 1882),

La Berge (Par. 1881), Rivière (das. 1886), Lanessan (das.

1887), Antichan (2. Aufl., das. 1887); Tissot, Exploration

scientitique de la Tunisie (das. 1884 ff.); Kobelt,

Reiseerinnerungen aus Algerien u. T. (Frankf. 1885); Baraban, A

travers la Tunisie (Par. 1887); Graham und Ashbee, Travels in

Tunisia (Lond. 1887); Leroy-Beaulieu, Algérie et Tunisie

(Par. 1887); Vignon, La France dans l'Afrique du Nord (das. 1887);

Bois, La France a Tunisie 1881-82 (das. 1886); Piesse,

Algérie et Tunisie, Reisehandbuch (das. 1885); Karte von

Kiepert (l : 800,000).

Tunja, Hauptstadt des Staats Boyacá der

südamerikan. Republik Kolumbien, 2760 m ü. M., auf

steilem Terrain, hat eine Universität, 2 Lehrerseminare, ein

Hospital, Fabrikation von Woll- und Baumwollzeugen und (1870) 5479

Einw. Dabei eine Kupfergrube und heiße Quellen. T. ist die

alte Hauptstadt der Cipas von Bogota und wurde 1538 von den

Spaniern besetzt.

Tunkers (spr. tönkers, Sekte, s. Baptisten.

Tunnel (engl., "Röhre"), unterirdischer Stollen,

welcher zur Herstellung entweder eines Land- oder eines

Wasserverkehrs durch hügeliges oder gebirgiges Terrain

(Landtunnel), oder zur Herstellung eines Landverkehrs, einer

Wasserzuleitung oder einer Ableitung von Abfallstoffen unter dem

Bett eines Flusses, Sees oder Meeresarms (Unterwassertunnel) erbaut

wird. Bauten dieser Art führten bereits die Römer aus,

unter welchen der wahrscheinlich von Furius Camillus 396 v. Chr.

herrührende, etwa 1900 m lange Ablaßstollen des

Albanersees, der durch Kaiser Claudius ausgeführte, etwa 3700

m lange Ablaßstollen des Lacus Fucinus sowie der um 37 durch

Coccejus hergestellte, etwa 1000 Schritt lange Stollen durch den

Posilipo und der um 79 n. Chr. unter Vespasian in der Straße

von Rom nach Ariminum ausgeführte, etwa 200 Schritt lange

Stollen (petra pertusa) hervorzuheben sind. Das einzige

größere Werk des Mittelalters ist der 1450 zur

Verbindung von Nizza und Genua begonnene, jedoch bis jetzt

unvollendete T. durch den Col di Tenda. Die bedeutendsten, gegen

Ende des 17. und im Lauf des 18. Jahrh. in Frankreich

ausgeführten Tunnels sind der von Riquet 1679-81 zur

Durchleitung des Kanals von Languedoc hergestellte Malpastunnel

sowie der 1770 im Givorskanal erbaute T. von Rive de Gier und der

1787 im Centrekanal erbaute T. von Torcy. Erst im Anfang des 19.

Jahrh. führte man den für den Kanal von St.-Quentin

bestimmten 8 m breiten T. bei Tronquoi durch sandiges, druckreiches

Gebirge, während in den Jahren 1803-30 Tunnels teils in festem

Gebirge, wie die zum Schutz vor Lawinen dienenden Galerien der

Alpenstraßen über den Simplon, Mont Cenis, Splügen,

Bernhardin und St. Gotthard, teils in weicherm Gebirge in

Frankreich und England, meist behufs Durchführung von

Kanälen zur Ausführung kamen. Die bei weitem schwierigste

und kühnste Leistung dieser Zeit war jedoch der von Isambert

Brunel 1825 begonnene und trotz elfmaligen Einbruchs des Wassers

nach 16jähriger harter Arbeit vollendete T. unter der Themse.

Den größten Aufschwung erfuhr der Tunnelbau erst durch

den Eisenbahnbau. Die ersten Eisenbahntunnels baute Stephenson in

der Linie Liverpool-Manchester 1826-30. In Deutschland begann man

die ersten Eisenbahntunnels 1837 in der Linie Köln-Aachen bei

Königsdorf und in der Linie Leipzig-Dresden bei Oberau,

während 1839 der erste österreichische Bahntunnel in der

Linie Wien-Triest bei Gumpoldskirchen zur Ausführung kam. Von

da ab nahm der Tunnelbau in Eisenbahnlinien so zu, daß 1874

die Gesamtlänge der Tunnels auf preußischen Bahnen 46

km, auf allen österreichischen Bahnen 43 km betrug,

während sie in Frankreich 1868 bereits eine Ausdehnung von 193

m erreicht hatte. Zum Vergleich einer Anzahl der bedeutendsten

Eisenbahntunnels diene folgende Tabelle. Es beträgt die

Länge:

Meter

St. Gotthard-Tunnel 14920

Mont Cenis-Tunnel 13233

Arlbergtunnel 10270

Giovigalerie (Novi-Genua) 8260

Hoosac-Tunnel (Massachusetts) 7640

Tunnel von Marianopoli (Catania-Palermo) 6480

Sudrotunnel in Nevada 6000

Tunnel bei Slandridge (London-Birmingham) 4970

Nerthetunnel (Marseille-Avignon) 4620

Belbo-Galerie (Turin-Savona) 4240

Kaiser Wilhelm-Tunnel bei Kochem (der längste in

Deutschland) 4216

Blaisytunnel (Paris-Lyon) 4100

Krähbergtunnel (Odenwaldbalm) 3100

Brandleitetunnel (Thüringerwald) 3030

Hauensteintunnel (Schweiz) 2490

Sommerautunnel (Schwarzwaldbahn) 1696

Semmeringtunnel 1431

Mühlbachtunnel (Brennerbahn) 855.

Zu den bedeutendsten Wasertunnels der Gegenwart zählen der

zur Versorgung von Chicago mit reinem Wasser aus dem Michigansee

dienende Wasserleitungstunnel sowie die für Eisenbahnverkehr

bestimmten unter dem Meer und unter dem Mersey in England und der

Hudsonflußtunnel in Nordamerika. Zu den bedeutendsten

Projekten von Tunnelbauten zu Verkehrszwecken gehören der

für Eisenbahnverkehr bestimmte T. unter dem Kanal zur

Verbindung von Frankreich und England, dessen Ausführung

übrigens aus militärischen Rücksichten von dem

englischen Oberhaus zunächst nicht genehmigt worden ist (vgl.

über ihn in geologisch-technischer Beziehung die Schrift von

Hesse, Leipz. 1875), ferner die Tunnels unter der Meerenge von

Messina zur Verbindung von Italien und Sizilien und unter der

Meerenge von Gibraltar.

Landtunnels sind entweder ein- oder zweigeleisige

Eisenbahntunnels, Straßentunnels oder zur Durchführung

eines Kanalbettes bestimmte Kanaltunnels. Bei geringer Tiefe unter

der Oberfläche und bei unfester Beschaffenheit des Bodens

werden dieselben mit Vorteil in zuvor hergestellte offene

Einschnitte eingebaut, und, nachdem das Mauerwerk der Sohle, der

Wandungen und der Gewölbe vollendet, also das Querprofil

geschlossen ist, der T. mit einem hinreichen-

907

Tunnel (Unterwassertunnels).

den Teil des Einschnittmaterials bedeckt. Bei

größerer Tiefe unter der Oberfläche und bei fester

Beschaffenheit des Bodens müssen die Tunnels bergmännisch

hergestellt werden. Je nach der Art des Arbeitsvorganges beim Abbau

ihres Profils und der Herstellung ihrer Mauerung unterscheidet man

die "deutsche", "belgische", "englische", und

"österreichische" Tunnelbaumethode, wobei je nach der

Anordnung des Zimmerwerks und der Lage des sogen. Richtstollens

weitere Unterscheidungen gemacht werden. Die beim Tunnelbau

vorkommenden bergmännischen Arbeiten bestehen in dem

Lösen des Bodenmaterials, des sogen. "Gesteins", dem Entfernen

der gelösten Massen, dem sogen. "Schleppen" und "Fördern"

der "Berge", und dem "Verbauen", d. h. der Sicherung des

hergestellten Hohlraums gegen Einsturz, provisorisch durch

"Verzimmerung" in Holz oder Eisen, definitiv durch "Ausbau" meist

in Stein, unter besondern Verhältnissen jedoch auch in Holz

(Amerika) oder Eisen. Die Landtunnels werden bei günstigen

Steigungsverhältnissen gerade, andernfalls in Kurven und, wo

es sich um Ersteigung bedeutender Höhen mit mäßigem

Gefälle auf beschränktem Terrain handelt, in Schleifen

(Kehrtunnels) oder selbst in Spiralen (Spiraltunnels) angelegt.

Unterwassertunnels sind für einen Eisenbahn- und

Straßenverkehr oder für die Zuleitung von reinem Wasser

oder Ableitung von Abfallstoffen bestimmt und erfordern hiernach

die verschiedensten Querschnitte und Gefälle. Von besonderer

Wichtigkeit sind die erstern, Verkehrszwecken dienenden

Unterwassertunnels, welche an die Stelle unsicherer, durch

Stürme, Nebel u. Eisgänge bedrohter Schiffsverbindungen,

zumal da, wo der Bau fester Brücken wegen der notwendigen

Erhaltung des Verkehrs großer Schiffe zu hohe Pfeiler, tiefe,

kostspielige Fundamente und lange, gegen Sturmdruck schwer zu

sichernde Träger erfordern würde, eine feste, stets

benutzbare, den Schiffsverkehr nicht hindernde, rasch

fördernde Verbindung setzen. Die Schwierigkeiten, welche sich

der Ausführung dieser Tunnels entgegenstellen und

hauptsächlich in der mangelhaften Kenntnis des zu

durchfahrenden Bodens und der etwa eintretenden Wasserzuflüsse

sowie in der Notwendigkeit, mehr oder minder lange,

größtenteils unterirdische Zufahrtswege anlegen zu

müssen, bestehen, haben dazu geführt, die

Unterwassertunnels entweder nur so viel wie nötig in den Grund

zu versenken, um sie gegen die Berührung durch den Kiel der

Schiffe und gegen Wellenschlag zu schützen (Senktunnels), oder

sie nur so tief unter die Sohle des Wassers zu legen, als es die

Sicherheit des Baues und des Betriebs durchaus erfordern

(Bohrtunnels). Dagegen ist die Versenkung eiserner

Tunnelröhren nur bis zu einer durch Schiffsverkehr und

Wellenschlag bedingten Tiefe unter Wasser, wo sie schwimmend

erhalten und durch Verankerungen gegen nachteilige Bewegungen

gesichert werden sollten, oder bis auf die Sohle des Wassers, wo

sie durch Verankerungen gegen den Auftrieb und gegen Wellenbewegung

geschützt werden sollten, wegen der damit verbundenen

Unsicherheit bis jetzt nicht zur Ausführung gelangt. Als

Vorläufer der unter Wasser bergmännisch hergestellten

Tunnels sind die bereits im vorigen Jahrhundert allmählich

vorgetriebenen Stollen des Bergwerks von Huel-Cock in England

anzusehen, welche sich weit unter den Meeresboden erstreckten, und

wobei die zwischen Stollenscheitel und Meeressohle verbliebene

Bodenschicht stellenweise nicht über 1,5 m betrug, so

daß die hier beschäftigten Bergleute bei bewegter See

das Rollen der Gesteine auf dem Meeresboden deutlich hören

konnten. Der erstere in größern Dimensionen für

Fußverkehr ausgeführte Wassertunnel ist der eingangs

erwähnte, von Brunel zur Verbindung der Stadtteile Rotherhithe

u. Wapping erbaute Themsetunnel (s. d.). Der zweite, 1869 von

Barlow im festen blaugrauen Thon mit einer Öffnung von 2,2 m

Durchmesser erbaute, 375 m lange Themsetunnel verbindet die

Stadtteile Tower Mill und Tooley Street und ist an beiden Ufern

durch 18 m tiefe, 3 m weite Schächte, in welchen Treppen mit

je 96 Stufen angeordnet sind, zugänglich. Die neuesten

englischen Bauwerke dieser Art sind die beiden zweigeleisigen

Wassertunnels unter dem Severn und unter dem Mersey. Der 9 m breite

Severntunnel erreicht eine Länge von 7250 m, wovon sich 3620

unter dem Fluß befinden, fällt mit 1:100 von den beiden

Ufern nach dem Fluß und durchfährt meist harten

Sandstein, der jedoch unter der Mitte des Flusses zerklüftet

ist und die Anwendung mächtiger Dampfpumpen zur

Bewältigung des Wassers erforderte. Die von beiden Ufern aus

begonnenen Stollen wurden teilweise mit Mac Keanschen Bohrmaschinen

aufgefahren und trafen mit nur 7 cm Abweichung von der

Hauptrichtung zusammen. Der 7,5 m breite und 6,5 m hohe

Merseytunnel (Fig. 1) nebst den beiden erforderlichen

Entwässerungsstollen wurde von den an beiden Ufern abgeteuften

Schächten aus begonnen und durchsetzt roten Sandstein so tief

unter der Flußsohle, daß zwischen ihr und der

Tunnelfirst eine Felsschicht von mindestens 8 m Stärke

verbleibt. Unter den amerikanischen Wassertunnels ist die

Eisenbahnunterführung unter dem Hudson

Fig. 1. Längenprofil des Merseytunnels.

Fig. 2. Hudsonflußtunnel.

Fig. 2. Grundriß am New Jersey-Ufer.

908

Tunnelkrankheit - Turban.

(Fig. 2) hervorzuheben, welche New York mit Jersey City

verbindet. Der 1670 m lange, unter dem Fluß befindliche Teil

desselben besteht aus zwei 4,9 m breiten, 5,5 m hohen, dicht

nebeneinander liegenden elliptischen Röhren mit je einem

Geleise, während die beiden Zufahrtstunnel eine Weite von 7,5

m erhalten haben und die beiden Geleise aufnehmen. Unter den zur

Zuleitung reinen Wassers dienenden Wassertunnels sind die zur

Wasserversorgung der Stadt Chicago aus dem Michigansee und der

Stadt Cleveland aus dem Eriesee bestimmten Tunnels hervorzuheben,

wovon der erstere aus zwei 15 m voneinander entfernten, je 3200 m

weit und 10 m tief unter dem Seegrund liegenden Tunnels von 1,52

und 2,1 m Weite bei 1,75 m Höhe, der letztere aus einem

über 2 km langen, 1,5 m weiten, 1,6 m hohen und 12,5-21 m

unter dem Seegrund liegenden elliptischen T. besteht. Der zur

Entwässerung und Abführung der Fäkalien der Stadt

Boston bestimmte, 45 m unter dem Wasserspiegel der Dorchesterbai,

dem Hafen dieser Stadt, durchgeführte Wasserstollen besitzt

eine Länge von 1860 m und eine Weite von 2,3 m.

Senktunnel. Bei geringen Wassertiefen läßt sich der

T. zwischen wasserdichten Einschließungen, den sogen.

Saugdämmen, aus welchen das Wasser durch Pumpen entfernt wird,

fast ganz im Trocknen herstellen und erst dann unter Wasser setzen.

Bei größern Wassertiefen und ungünstigem

Meeresgrund hat man vorgeschlagen, die Tunnels mit Hilfe von unten

offenen hölzernen oder eisernen Kasten, aus welchen das Wasser

während des Baues durch verdichtete Luft von einem der

Wassertiefe entsprechenden Druck hinausgepreßt wird, d. h.

pneumatisch, zu versenken. In Bezug auf die Beschreibung einzelner

besonders hervorragender Tunnelbauten der neuern Zeit verweisen wir

auf die Spezialartikel (Themse, Mont Cents, St. Gotthard, Arlberg

etc.). Vgl. Lorenz, Praktischer Tunnelbau (Wien 1860); Schön,

Der Tunnelbau (das. 1874); Rziha, Lehrbuch der gesamten

Tunnelbaukunst (Berl. 1872); Zwick, Neuere Tunnelbauten (2. Aufl.,

Leipz. 1876); Mackensen u. Richard, Der Tunnelbau (das. 1880);

Dolezalek, Der Tunnelbau (Hannov. 1888 ff.); Birnbaum, Das

Tunnellängsträger-System, System Menne (Berl. 1878).

Tunnelkrankheit, s. v. w. Minenkrankheit.

Tunstall, Stadt in Staffordshire (England), in den sogen.

Potteries, hat Töpfereien, Ziegelbrennerei, chemische Fabriken

und (1881) 14,244 Einw.

Tupan (Tupana), Gewittergott und Stammvater brasilischer

Indianerstämme, von dem die Tupistämme, -Sprachen und

-Religionen ihren Namen herleiten.

Tupelostifte, aus einer in Maryland, Virginia, Carolina

wachsenden Sumpfpflanze, Nyssa aquatica Mich., aus der Familie der

Korneen geschnittene Stifte, welche bei ihrer großen

Quellbarkeit ähnlich wie Laminaria in der Chirurgie zur

Erweiterung von Kanälen und Öffnungen benutzt werden.

Tüpfelfarn, s. Polypodium.

Tupi (Tupinamba, Tupiniquim), eine mit den Guarani und

Omagua (vgl. Brasilien, S. 336) nahe verwandte, jetzt sehr

zusammengeschmolzene indianische Völkerfamilie in

Südamerika, welche ursprünglich vom Amazonenstrom bis

über den Uruguay hinaus wohnte, durch die Weißen aber

vielfach zurückgedrängt worden ist. Wahrscheinlich

gehören ihnen die Völkerstämme der brasilischen

Ostküsten an, mit Ausnahme der Botokuden; die Bestimmung der

Zugehörigkeit ist dadurch sehr erschwert, daß die

Jesuiten überall in ihren Missionen die Tupisprache als Lingoa

geral eingeführt und frühere Sprachen verdrängt

haben. Wirklich herrschend ist die Tupisprache aber nur zwischen

dem Tapajos und Xingu (Nebenflüssen des Amazonenstroms) und in

der bolivianischen Provinz Chiquitos. Mit den ihnen nahestehenden

Guarani bilden sie eine Gruppe, welche die Caracara, Albegua,

Carios, Choras, Munnos, Bates, Gualaches, Apiacas, Bororos u. a. m.

umfaßt. Vgl. Martius, Die Pflanzennamen und die Tiernamen in

der Tupisprache (in den Berichten der bayrischen Akademie 1858 u.

1860); Porto Seguro, L'origine touranienne des Américains

Tupis-Caribes (Wien 1876).

Tupinamba, Volksstamm, s. Tupi.

Tupiza, Stadt in der südamerikan. Republik Bolivia,

Departement Potosi, unweit des San Juan, 3050 m ü. M.,

Grenzort gegen Jujuy, hat Landbau, ergiebige Silbergruben,

lebhaften Verkehr u. 3000 Einw.

Tupy, Eugen, unter dem Pseudonym Boleslaw Jablonski

bekannter tschech. Dichter, geb. 14. Jan. 1813 zu Kardasch

Rjetschitz, studierte Theologie, wurde 1847 Propst des

Prämonstratenserklosters in Krakau, wo er im März 1881

starb. T. ist einer der beliebtesten Lyriker Böhmens, dessen

Liebeslieder ("Pisne milosti") namentlich weite Verbreitung fanden,

auch vielfach komponiert wurden. Auch ein Lehrgedicht: "Die

Weisheit des Vaters" ("Moudrost otcova"), schrieb T. Eine

Gesamtausgabe seiner Gedichte ("Básne") erschien in 5.

Auflage (Prag 1872).

Túquerres, Stadt im Staat Cáuca der

südamerikan. Republik Kolumbien, am obern Patía, 3057 m

ü. M., mit höherer Schule und (1870) 7I95 Einw.

Tura, Fluß in Rußland, entspringt am

östlichen Abhang des Urals im Gouvernement Perm, fließt

südöstlich in das Gouvernement Tobolsk an den

Städten Werchoturje, Turinsk und Tjumen vorbei und mündet

links in den Tobol. Nebenflüsse sind: der Tagil (mit Solda),

die Niza und die Pyschma (mit Gold- und Steinkohlenlagern an ihren

Ufern).

Turacin, roter Farbstoff der Schwungfedern des

Bananenfressers, enthält gegen 6 Proz. Kupfer, welches beim

Verbrennen der roten Federn die Flamme grün färbt.

Turalinzen, Hauptstamm der eigentlichen Tataren (s. d.)

am Irtisch und der Demjanka, meist Christen.

Turan, im Gegensatz zu dem persischen Tafelland Iran (s.

d.) das im N. desselben gelegene, zur aralokaspischen Niederung

sich abdachende Land, gleichbedeutend räumlich mit dem

russischen Anteil an Turkistan (s. d.).

Turanische Sprache, s. Uralaltaische Sprachen.

Turanius, Kirchenschriftsteller, s. Rufinus 2).

Turbae (lat., "Haufen"), in den Passionen, geistlichen

Schauspielen, Oratorien etc. die in die Handlung eingreifenden

Chöre des Volkes (der Juden oder der Heiden) zum Unterschied

von den betrachtenden Chören (Chorälen etc.).

Turbaco, Indianerdorf in der Republik Kolumbien

(Südamerika), 15 km südöstlich von Cartagena,

bekannt durch seine Luft- und Schlammvulkane sowie Fundort goldener

und kupferner Gefäße. Ruinen einer alten Indianerstadt

und indianischer Gräber.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 262 / 302 段