Drawida), in und um Mangalur, mit eignem, aber mit der
Sanskritschrift verwandtem Alphabet, nur von etwa 30,000 Menschen
gesprochen. Vgl. Brigel, Grammar of the T. language (Mangalur
1872).
Tulucunaöl, s. Carapa.
Tulumbadschi (türk.), Name der Feuerwehr in
Konstantinopel, die seit alten Zeiten ein strenges Zunftwesen
bildete und ihre Hilfe für Geld verdingte. In neuerer Zeit hat
die Pforte eine Umgestaltung der T. nach europäischem Muster
veranlaßt, welche von dem Grafen Edmund
Széchényi ins Werk gesetzt wurde.
Tuluniden, die älteste selbständige arab.
Dynastie in Ägypten, nach ihrem Gründer Achmed ibn Tulun
(gest. 888) genannt, herrschte 872-904.
Tum, ägypt. Gott in menschlicher Gestalt mit der
Pschentkrone abgebildet (s. Figur) ist eine Form des Sonnengottes,
die besonders in Heliopolis verehrt wurde. Wie Ra die Sonne des
Tags ist, so T. die der Nacht, welche die untere Hemisphäre
erleuchtet.
[Tum.]
Tumaco, Bai und kleine Hafenstadt auf gleichnamiger Insel
im Staat Cáuca der Republik Kolumbien, am Stillen Ozean, mit
Zollhaus und (1870) 2642 Einw. Es ist der Hafen von
Barbacóas.
Tumba (lat.), ein kistenartiges oder auf Füßen
ruhendes Grabdenkmal.
Túmbes, Hafenort im Departement Piura (Peru), am
Fluß gleiches Namens, mit (1876) 1851 Einw. Hier landete 1527
Pizarro.
Tumerikwurzel, s. Curcuma.
Tumlung, siames. Münze, = 4 Bat od. Tikal (s.
d.).
Tummler (niederd., hochd. Taumler), ein
halbkugelförmiges, henkel- u. fußloßes
Glasgefäß zum Trinken, welches sich, zur Seite gelegt,
wieder aufrichtet, im Volksmund auch Stehauf genannt (s.
Abbildung).
[Tummler.]
Tümmler, s. Delphine (S. 652) und Tauben (S.
536).
Tumor (lat.), Geschwulst; T. albus, Gliedschwamm.
Tümpling, Wilhelm von, preuß. General, geb.
30. Dez. 1809 zu Pasewalk, studierte anfangs die
902
Tumult - Tungusische Sprache
Rechte, trat 1830 in das Regiment Garde du Korps ein und machte
später seine Karriere hauptsächlich im Generalstab. Von
1853 an kommandierte er die Gardekürassiere, von 1854 an das
1. Gardeulanenregiment, als Oberst dann die 11. Kavalleriebrigade.
1863 führte er als Generalleutnant die 5. Division nach
Schleswig-Holstein, kommandierte dieselbe Division mit Auszeichnung
im österreichischen Feldzug 1866, in dem er bei Gitschin 29.
Juni schwer verwundet wurde, und erhielt zu Beginn des Kriegs von
1870/71 als General der Kavallerie das Kommando des 6. Armeekorps,
fand aber wenig Gelegenheit, sich auszuzeichnen. 1883 zur
Disposition gestellt, starb er 13. Febr. 1884 in Thalstein bei
Jena.
Tumúlt (lat.), s. v. w. Aufruhr; tumultuarisches
Verfahren, diejenige Behandlung eines Prozesses, in welcher die
prozessualischen Handlungen nicht in der ordnungsmäßigen
Reihenfolge geschehen.
Tumulus (lat.), Erd-, Grabhügel; s. Gräber,
prähistorische.
Tun (spr. tönn), engl. Flüssigkeitsmaß
für Wein, = 252 Gallons, für Bier = 216 Gallons (s.
d.).
Tûn, ansehnliche Stadt in der pers. Provinz
Chorasan, unter 34° nördl. Br. gelegen und mit einem
für jene wüsten Gegenden bedeutenden Kulturgürtel
umgeben. Obwohl eine der festesten Städte Persiens, vermag sie
doch einem regelrechten Angriff nicht standzuhalten, weil die Werke
total vernachlässigt sind. Sie mißt ca. 6 km im Umfang
(wovon jedoch nur etwa ein Achtel mit Häusern bedeckt ist) und
zählt etwa 8000 Einw. Produziert wird viel Tabak, Opium und
auch Seide.
Tunbridge (Tonbridge, spr. tönnbriddsch), Stadt in
der engl. Grafschaft Kent, am schiffbaren Medway, hat eine 1554
gegründete Lateinschule, ein Schloß mit
normännischem Thorweg, Fabrikation von lackierten Holz- und
Drechslerwaren und (1881) 9317 Einw.
Tunbridge Wells (spr. tönnbriddsch), Stadt in der
engl. Grafschaft Kent, 8 km südlich von Tunbridge, nächst
Bath der älteste Badeort Englands, aber mehr wegen seiner
guten Luft als seiner Stahlquellen besucht, hat einen Kursaal,
Badeanstalten, zahlreiche Villen, liegt malerisch auf drei
Hügeln, hat Fabrikation von lackierten Holz- und
Drechslerwaren und (1881) 24,309 Einw.
Tundra ("Moossteppe"), die im nördlichsten Asien und
Europa jenseit der Baumgrenze gelegenen weiten Landstrecken mit
kümmerlichem Pflanzenwuchs, der hauptsächlich aus Moosen
und Flechten besteht. Bedingt wird diese mangelhafte, mit einem
Vorwiegen der Kryptogamenflora und einem Zurücktreten der
Phanerogamen verbundene Entwickelung der Vegetation einerseits
durch die Bodenform und Höhenlage der betreffenden Gebiete,
anderseits durch das Klima und die mangelhafte Wirkung der
Sonnenstrahlen. Letztere vermögen den Boden nur bis zu sehr
geringer Tiefe aufzutauen, die Luft nur dicht am Boden zu
erwärmen, so daß die Existenz tiefwurzelnder und
hochstämmiger Pflanzen unmöglich wird. In neuester Zeit
wird der Name T. auch auf die gleichartigen Barren Grounds von
Nordamerika angewandt.
Tundscha, Fluß in Ostrumelien, entspringt auf dem
Balkan bei Kalifer, fließt erst östlich zwischen Balkan
und Tscherna Gora, dann südlich und fällt bei Adrianopel
links in die Maritza.
Tunesien, s. Tunis.
Tungbaum, s. Aleurites.
Tungrer (Tungri), german. Völkerschaft in Gallia
Belgica, welche die Sitze der 53 vernichteten Eburonen an der
mittlern Maas einnahm, mit dem Ort Aduatuca Tongrorum (jetzt
Tongern).
Tungstein, s. Scheelit.
Tungsteinsäure, s. Wolfram.
Tungting, See, s. Hunan.
Tunguragua, Provinz des südamerikan. Staats Ecuador,
umfaßt die Hochebene von Ambato (2573 m) und den Ostabhang
der Kordillere und hat ein Areal von 5050 qkm (91,7 QM.) mit (1885)
79,526 Einw. Genannt ist die Provinz nach dem noch thätigen
Vulkan von T. (5087 m) in der östlichen Kordillere. Hauptstadt
ist Ambato.
Tunguragua, 1) Vulkan der Kordilleren im sudamerikan.
Staat Ecuador, nordöstlich von Riobamba, 5087 m hoch; 1873 von
A. Stübel zum erstenmal bestiegen. Ein furchtbarer Ausbruch,
bei welchem mehrere Berggipfel zusammenstürzten, erfolgte
1797. -
2) Fluß, s. Amazonenstrom, S. 444.
Tungusen (s. Tafel "Asiatische Völker", Fig. 11),
zur mongol. Rasse gehöriges Jägernomadenvolk in Sibirien,
das in ganz Ostsibirien verbreitet ist und in zahlreiche, nach
Sprache und Sitte mehr oder weniger weit auseinander gegangene
Stämme zerfällt. Ihre eigentliche Heimat scheint das
Amurland zu sein, in welchem sie das höchste Maß der
ihnen bisher zugänglichen Kultur erreicht, und von wo aus sie
sich bis zum Jenissei, den Eismeerküsten und Kamtschatka
verbreitet haben. Sie sind von mittlerm Wuchs mit
verhältnismäßig ziemlich großem Kopf, breiten
Schultern, etwas kurzen Extremitäten und kleinen Händen
und Füßen; ihre Konstitution ist eine trockne, hagere,
sehnig-muskulöse; fettleibige Gestalten findet man unter ihnen
nicht. Die Hautfarbe ist mehr oder weniger gelbbräunlich, das
Auge braun, das Haar schwarz, schlicht, struppig und stark, das
Barthaar auf Lippen, Backen und Kinn sehr spärlich; die
Kopfbildung ist entschieden, wenn auch abgeschwächt,
mongolisch. Das Gesicht trägt den Ausdruck der
Gutmütigkeit und Indolenz. Ihre Zahl wird auf 70,000
geschätzt. Unter den verschiedenen Stämmen lassen sich in
sprachlicher Beziehung vier Gruppen bilden: 1) Dauren und Solonen,
Stämme mit starker mongolischer Beimischung; 2) Mandschu,
Golde, Orotschen; 3) Orotschonen, Manägirn, Biraren, Kile; 4)
Oltscha, Oloken, Negda, Samagirn (s. Tungusische Sprache). Die
beiden ersten Gruppen bilden den südlichen oder
mandschurischen Ast des tungusischen Volksstammes, die beiden
andern umfassen Zweige seines nördlichen, bis zum Jenissei,
dem Eismeer und Kamtschatka verbreiteten sibirischen Astes. Der
Hauptreichtum der T. ist das Renntier, die Jagd auf Pelztiere ihre
Hauptbeschäftigung; ihre Hauptnahrung besteht in Fleisch und
Milch des Renntiers, getrockneten Fischen, einer Art Käse und
Butter u dgl. Ihre Kleidung setzt sich zusammen aus Beinkleidern,
der Parka, einer Art Bluse, die vorn geschlossen ist und über
den Kopf weg angelegt wird, der Dacha, einem Mantel ohne
Ärmel, alles aus Renntierfell, wobei die beiden letztern
Stücke mit den Haaren nach außen getragen werden. Dazu
eine Pelzmütze und Stiefel und Strümpfe von demselben
Material wie Parka und Dacha. Wenige T. sind Christen, die Mehrzahl
bekennt sich zum Schamanismus. Vgl. Hiekisch, Die T. (2. Aufl.,
Dorpat 1882); F. Müller, Unter T. und Jakuten (russische
Olenek-Expedition, Leipz. 1882); Schrenck, Die Völker des
Amurlandes (St. Petersb. 1881).
Tungusische Sprache. Tungusisch im weitern Sinn heißen
alle zur tungusischen Gruppe des uralaltaischen Sprachstammes
(s. d.) gehörigen Sprachen, von denen die Mandschusprache (s.
d.) die hervorra-
903
Tunguska - Tunikaten.
gendste ist. Im engern Sinn versteht man darunter die Sprache
der Orotschonen und andrer in Sibirien lebender Stämme, die
von Castren ("Grundzüge einer tungusischen Sprachlehre",
Petersb. 1856) und Schiefner (im "Bulletin der Petersburger
Akademie" 1859) grammatisch bearbeitet worden ist.
Tunguska (Obere T.), Fluß, s. Angara.
Tunika (lat.), röm. Kleidungsstück für
Männer und Frauen, das unter der Toga unmittelbar auf dem
Körper getragen wurde. Sie wurde über den Hüften
durch einen Gürtel zusammengehalten und reichte bis unter die
Kniee herab. Sie war von weißer Wolle gefertigt und anfangs
ohne Ärmel; später wurden kurze, nicht bis an die
Ellbogen reichende Ärmel üblich. Die Frauen trugen
über der innern, ärmellosen T. noch eine zweite mit
Ärmeln (stola), die den halben Oberarm bedeckte und nach der
Außenseite einen durch Agraffen (tibulae) zusammengehaltenen
Schlitz hatte. Die T. der Knaben und Soldaten war hochrot (tunica
russa). An der T. der Senatoren war in der Mitte von der Brust
herab bis zum untern Saum ein Purpurstreif angewebt (t.
laticlavia); die der Ritter war durch zwei dergleichen schmale
Streifen ausgezeichnet (t. angusticlavia), doch trugen letztere zur
Kaiserzeit auch die t. laticlavia. Die Triumphatoren trugen
Purpurtuniken, auf deren Saum Palmen in Gold gestickt waren (t.
palmata). Die einfarbige, unverzierte T. (t. recta) erhielten die
Jünglinge zugleich mit der toga virilis und Jungfrauen, wenn
sie heirateten, als Brautkleid von ihren Eltern. - Die T. der
römischen Bischöfe ist ein leinenes Gewand von
weißer Farbe, das bis auf die Füße reicht und
durch das Cingulum (s. d.) um die Hüften festgehalten
wird.
Tunikaten (Tunicata Lam., Manteltiere), hoch entwickelte
Seetiere, deren meist sack- oder tonnenförmiger Körper
von einem Mantel, d. h. einer eigentümlichen, oft
außerordentlich dicken, bald gallertigen, bald lederartigen
oder knorpeligen Hülle, umgeben ist (s. Tafel "Mollusken und
Tunikaten"). Diese wird von der eigentlichen Haut des Tiers
abgeschieden und enthält einen der pflanzlichen Cellulose
ungemein nahe verwandten Stoff. Sie besitzt zwei Öffnungen,
die eine zur Einfuhr von frischem Wasser mit den in ihm
befindlichen Nahrungssubstanzen, die andre zur Entfernung des zum
Atmen unbrauchbar gewordenen Wassers sowie der Exkremente, Eier
etc. Beide Öffnungen liegen entweder einander sehr nahe oder
an den entgegengesetzten Körperenden und sind durch Muskeln
mehr oder weniger verschließbar. Der Innenfläche des
Mantels, welcher zu seiner Ernährung von
Blutgefäßen durchzogen wird, liegt die Hautschicht des
Tiers dicht an. Von ihr umschlossen ist im Vorderende die sehr
geräumige Atemhöhle, in welcher das aufgenommene Wasser
mit der in ihr befindlichen Kieme in Berührung kommt und so
die Atmung vermittelt. Die Kieme selbst besteht bei vielen T. aus
einem grobmaschigen Sack, bei andern aus einem hohlen Cylinder mit
durchbrochener Wandung oder einfach aus einer dünnen, in der
Atemhöhle ausgespannten Scheidewand mit vielen Lücken. In
allen Fällen bewegt sich das Wasser, durch zahllose
Flimmerhaare in fortwährender Strömung längs den
Wandungen der Kieme erhalten, vom Vorderende weiter nach hinten, wo
im Grunde der Atemhöhle der eigentliche Mund des Tiers liegt.
Die Nahrungsteilchen, welche es mitbringt, werden aber schon von
der Eingangsöffnung ab durch eine besondere Flimmerrinne,
welche einen zähen Schleim zu ihrer Festhaltung absondert, dem
Mund zugeführt und gelangen darauf in den Magen. Der Darm
endet durch den After entweder direkt in den hintern Teil der
Atemhöhle oder in einen besondern Abschnitt derselben, die
sogen. Kloake. Neben dem Darm liegt das dünnwandige,
beutelförmige Herz. Das Blut wird von demselben einige Minuten
in den Gefäßen in einer bestimmten Richtung
vorwärts getrieben, hört dann kurze Zeit ganz zu
fließen auf und zirkuliert darauf in der entgegengesetzten
Richtung, so daß die kurz vorher als Arterien fungierenden
Gefäße nun zu Venen werden und umgekehrt. Das
Nervensystem besteht in der Hauptsache aus einem zwischen Einfuhr-
und Ausfuhröffnung gelegenen Ganglion, in dessen Nähe
sich meist ein Auge sowie ein Gehörbläschen befindet.
Über die Niere ist nichts Genaueres bekannt. Die
Geschlechtsorgane sind im allgemeinen einfach gebaut. Alle T. sind
im anatomischen Sinn Zwitter, befruchten sich jedoch nicht selbst
und haben gewöhnlich auch nicht einmal zu gleicher Zeit reife
Eier und reifen Samen, sondern vielfach erstere früher als
letztern. Außer der geschlechtlichen Fortpflanzung ist aber
noch die ungeschlechtliche durch Knospung sehr verbreitet. Sie
liefert Kolonien, bei welchen die Individuen häufig ganz
bestimmt und charakteristisch gruppiert sind. Die Eier entwickeln
sich in der Atemhöhle oder der Kloake, so daß meist die
Jungen lebendig geboren werden. Bei den im Alter festsitzenden T.
(s. Ascidien) schwärmen sie, mit einem später abfallenden
Ruderschwanz versehen, noch eine Zeitlang umher, heften sich dann
an und bilden unter Umständen sofort durch Knospung eine
kleine Kolonie. Bei der andern, frei schwimmenden Gruppe (s.
Salpen) wechselt geschlechtliche u. ungeschlechtliche Fortpflanzung
regelmäßig miteinander ab, so daß ein
Generationswechsel vorliegt. Über die Stellung der T. im
Tierreich sind die Forscher nicht einig. Früher ordnete man
sie aus Grund ihres weichen Körpers allgemein den Mollusken
unter, hat sie aber gegenwärtig von diesen abgetrennt und
vereinigt sie entweder mit den Bryozoen (s. d.) zu der Gruppe der
Molluskoideen oder läßt sie besser ganz selbständig
sein. Da sie aber aus andern Tieren hervorgegangen sein
müssen, so gibt man ihnen als Vorfahren entweder die
Würmer, und zwar eine ausgestorbene Gruppe derselben, oder die
Wirbeltiere. Mit den letztern haben sie nämlich in der
Entwickelung so viel Gemeinsames (vgl. Ascidien und Amphioxus),
daß nahe Verwandtschaft zwischen beiden mit Recht angenommen
werden darf. Indessen ist bisher noch nicht festgestellt worden, ob
die Wirbeltiere von den T. oder diese von jenen abstammen. Im
erstern Fall gäbe es eine stetig aufsteigende Linie:
Würmer; T. (Ascidien); Amphioxus als ältestes Wirbeltier;
fischähnliche Wesen; echte Fische etc.; im zweiten dagegen
sowohl eine absteigende: fischähnliche Wesen; Amphioxus als
erst wenig rückgebildet; T. (Ascidien) als völlig
rückgebildet, als auch eine aufsteigende: fischähnliche
Wesen; Fische etc., so daß dann die T. sozusagen einen
herabgekommenen Seitenzweig des Hauptstammes der Wirbeltiere
darstellen würden. Die T. sind ohne Ausnahme Bewohner des
Meers. Teils sind sie auf allen möglichen Unterlagen
festgewachsen und finden sich dann sowohl an der Flutgrenze als in
bedeutenden Tiefen; teils schwimmen sie auf der Oberfläche oft
weit von den Küsten und in großen Scharen umher. Sie
nähren sich von kleinsten tierischen und pflanzlichen Wesen,
die mit dem Wasser in ihre Atemhöhle geraten und dort zum Mund
gelangen. Viele unter ihnen leuchten mit prachtvollem Licht.
Fossile Formen sind bisher nicht aufge-
904
Tunis (Beschreibung des Landes).
funden worden. - Man teilt die T. in zwei große Gruppen:
die meist festsitzenden Ascidien (s. d.) oder Seescheiden und die
frei schwimmenden Salpen (s. d.).
Tunis (Tunesien), ehemaliger Vasallenstaat des türk.
Reichs in Nordafrika (s. Karte "Algerien etc."), seit 12. Mai 1882
Schutzstaat Frankreichs, wird im N. und O. vom
Mittelländischen Meer, im SO. von Tripolis, im SW. und W. von
Algerien begrenzt und hat ein Areal von 116,000 qkm (2107 QM.). Der
östliche Küstensaum ist flach, sandig und unfruchtbar,
der nördliche dagegen hoch, steil und felsig. Der
nördliche und westliche Teil des Innern ist im allgemeinen
sehr gebirgig. Waldreiche Gebirgsmassen bilden eine maritime
Gebirgszone, welche im S. durch eine breite ebene Zone begrenzt
wird, und an welche sich weiter im S. eine zweite hohe
Gebirgsregion als dritte Zone anschließt, sich im Dschebel
Mechila bis 1477 m erhebt und in einem langen Ast in den Ras Addar
(Kap Bon) ausläuft. Im SW. des Landes, nach Gafsa zu, steigen
nochmals Bergmassen auf, und südlich von diesen bilden die
wüsten, felsigen Ebenen des Biled ul Dscherid eine vierte
Zone. Am Küstenrand treten zahlreiche Vorgebirge hervor, so an
der Nordküste Ras Addar (Kap Bon), Kap Blanc u. a. Von den
Meerbusen sind im NO. der Golf von T., an der Ostseite die
Meerbusen von Hammamet und Gabes (Kleine Syrte) die ansehnlichsten;
vor dem letztern liegen die Inseln Kerkena und Dscherba. Die
gebirgigen Teile im N., NW. und W. des Landes sind sehr
quellenreich; desto wasserärmer sind die großen Ebenen
im südlichen Teil des Landes, in denen jedoch ausgedehnte
unterirdische Wasserbecken nachgewiesen worden sind. Die meisten
von den Gebirgen herabkommenden Bäche und Flüßchen
(Wadi) verlieren sich im Sand oder erreichen als
Küstenflüsse nach kurzem Lauf das Meer. Kein einziger
Fluß ist schiffbar. Der bedeutendste ist der Medscherda, der
bei Porto Farina in das Mittelmeer mündet, nächst ihm der
Wadi el Kebir und der Wadi el Miliana. Man meinte früher,
daß die Schotts im S. des Landes eine Depression bildeten,
indes ist dies nur mit dem Schott Gharsa (-21 m), welcher mit dem
schon auf algerischem Gebiet liegenden Schott Melrir (-29 m) in
Verbindung steht, der Fall. Die von diesen durch eine Bodenschwelle
getrennten, weit größern Schotts Dscherid und
Fedschedsch liegen bereits 16-25 m ü. M.; die (von Roudaire
befürwortete) Durchstechung der Landenge von Gabes würde
daher nur ein beschränktes Binnenmeer schaffen. Mineralquellen
gibt es bei Tunis (Hammam el Enf), zu Gurbos, Tozer und Gafsa. An
der Küste ist das Klima gemäßigt, gleichförmig
und gesund, der Winter gleicht unserm Frühjahr. Im Juli und
August steigt unter dem Einfluß der Glutwinde aus der Sahara
das Thermometer bis auf 40, ja 50° C. Vom Oktober bis zum April
regnet es häufig. Die Vegetation hat mediterranen Charakter;
auch an kahlen Hochebenen wächst massenhaft das Halfagras und
harzgebende Akazien, die Schotts sind von großen
Dattelpalmenhainen umsäumt; Wälder befinden sich zwar nur
an der Nordküste, enthalten dort aber prachtvolle Bäume.
Aus dem Tierreich ist Rindvieh in großer Zahl vorhanden, auch
hat man eine zur Fettschwanzgattung gehörige Art von Schafen;
ausgezeichnet sind die Pferde und Dromedare. Bei Tabarka fischt man
Korallen. Mineralprodukte sind außer dem an der Küste
gewonnenen Salz nur die Salpeterablagerungen bei Kairuan, Bleierze
an mehreren Stellen, bei Bescha und am Dschebel Resas (Bleiberg)
bei Tunis, endlich Quecksilber, das nicht gefördert wird, bei
Porto Farina. Die Bevölkerung beträgt ca. 1½ Mill.
Seelen, darunter 45,000 Israeliten, 35,000 Katholiken, 400
Griechisch-katholische und 100 Protestanten; den Rest bilden
Mohammedaner. Die Juden, meist aus Spanien und Portugal stammend,
wohnen in den Städten, wurden vor der französischen
Okkupation sehr unterdrückt, haben jetzt aber gleiche Rechte
mit andern. Die Zahl der Fremden (schnell zunehmend) war 1881:
55,987, davon 10,249 Italiener, 8979 englische Malteser, 3395
Franzosen. Der Ackerbau wird bei der hohen
Produktionsfähigkeit des Bodens sehr lässig betrieben.
Fabriziert werden besonders rote tunesische Mützen (Fesse),
Saffian, Seiden- und Wollwaren und irdene Geschirre. Der
ansehnliche Handel konzentriert sich besonders in Tunis (Goletta),
Sfaks, Susa und Dscherba. Ausfuhrartikel sind: Olivenöl,
Esparto, Olivenabfälle, Schwämme, Datteln, Leder, Wolle,
Wollenstoffe, Fesse, Wachs, Felle etc.; Einfuhrartikel: baumwollene
Zeuge, Eisen, Blei und Manufakturwaren aus England, Wein und
Branntwein aus Spanien, Eisen aus Schweden, Uhren, feine Leinwand,
wollene und baumwollene Stoffe, Gewürze, Zucker und Kaffee aus
Frankreich, Glaswaren aus Triest, Gewehre und Säbel aus Smyrna
etc. Die Karawanen aus dem Innern Afrikas bringen Senna,
Straußfedern, Goldsand, Gummi, Elfenbein und nehmen
dafür Tuch, Musselin, Seidenzeuge, rotes Leder, Gewürze,
Waffen und Kochenille zurück. Der Wert der Gesamteinfuhr der
Regentschaft betrug 1887: 27,7, der Ausfuhr 21,4 Mill. Frank, davon
Weizen 6,1, Gerste 2,5, Olivenöl 4,5, Esparto 1,7,
Schwämme 8, Wollenstoffe 0,6 Mill. Fr. In die verschiedenen
Häfen liefen ein: 6725 Schiffe (1056 französische) von
1,672,266 Ton., aus: 6596 Schiffe (1056 französische) von
1,674,323 T. Die Handelsmarine zählte 300 Fahrzeuge von 10-150
T. Die Länge der Eisenbahnen von Tunis nach Goletta, Bardo,
Bone, Hammamet el Lis beträgt 410,5, die der Telegraphenlinien
(mit 31 Büreaus) 2004 km, untermeerische Kabel verbinden T.
mit Algerien und Europa, Postverbindung hat T. mit Europa dreimal
wöchentlich. An der Spitze der Regentschaft steht der Bei
(seit 1882 Sidi Ali), welcher den Titel "Besitzer des
Königreichs T." führt und durch den Vertrag von Kasr el
Said (12. Mai 1881) zum Vasallen Frankreichs geworden
[Kärtchen der Umgebung von Tunis.]
905
Tunis (Stadt; Geschichte).
ist, indem die verschiedenen in T. funktionierenden Dienstzweige
in Abhängigkeit von den entsprechenden französischen
Ministerial-Departements gebracht wurden. Von der 1882
aufgelösten tunesischen Armee ist nur noch die dem Bei
bewilligte Ehrengarde (ein Bataillon, eine Schwadron, eine
Batterie) geblieben; die übrigen Mannschaften sind in die
neugebildeten 4 Tirallleurregimenter übergegangen. Von
französischen Truppen stehen in der Regentschaft 3 Regimenter
Infanterie, 2 Regimenter Kavallerie, 2 Batterien Artillerie. Eine
eigne Kriegsmarine besteht nicht mehr; ein französisches
Kriegsschiff ist beständig hier stationiert. Die Einnahmen der
Regentschaft betrugen 1886-87: 25,853,848, die Ausgaben 5,852,381,
die Staatsschuld 142,550,000 Fr. Die Flagge s. Tafel "Flaggen
I".