Maria Stuart, nachher mit dem Grafen Douglas von Angus
vermählt und durch ihn Mutter Margaretes, der Gemahlin des
Grafen von Lennox, sowie Großmutter Heinrich Darnleys, des
Gemahls der Maria Stuart, so daß also der Sohn dieser
letztern, welcher als Jakob I. 1603 den englischen Thron bestieg,
väterlicher- wie mütterlicherseits der Urenkel
Margaretes, der Tochter Heinrichs VII., war; Heinrich, der seinem
Vater als Heinrich VIII. (1509) in der Regierung folgte, welche
nach seinem Tod (1547) nacheinander auf seine drei Kinder Eduard
VI. (1547-53), Maria (1553-58) und Elisabeth (1558-1603)
überging; Maria, zuerst mit dem König Ludwig XII. von
Frankreich und nach dessen Tod 1515 mit Charles Brandon, Herzog von
Suffolk, vermählt, durch welche Ehe sie Großmutter der
unglücklichen Johanna Gray wurde. Mit Eduard VI. starb der
letzte männliche T.; nach dem Tod seiner Schwester Elisabeth
1603 ging die Krone auf die Stuarts über.
Tudorblatt, ein der engl. Spätgotik
eigentümliches, epheuähnliches Blatt, das in Firsten oder
als Dachkamm oder als oberer Schmuck einer Krone häufig
vorkommt (s. Abbild.). Als einzelnes Vierblatt gestaltet,
heißt es auch Tudorblume.
[Tudorblatt.]
Tudorbogen, in der Baukunst ein gedrückter
Spitzbogen, meist in England angewandt, deshalb auch englischer
Spitzbogen genannt; s. Bogen, Fig. 9.
Tudorstil, in der engl. Baukunst die letzte Periode des
gotischen Stils (ca. 1380-1540), s. v. w. Perpendikularstil (s.
d.).
Tü-düc, Kaiser (Hoangti, d. h. Erdenwalter) von
Anam, geb. 1830, war der zweite Sohn des Kaisers Thinutri und
hieß eigentlich Hoang-Nham. Mit Übergehung seines
ältern Bruders, Hoang-Bao, ward er von seinem Vater zum
Nachfolger bestimmt und bestieg nach dessen Tod 1847 den Thron.
Anfangs Freund der Christen, begann er sie 1848 zu verfolgen, als
der französische Missionsbischof Lefèvre sich für
seinen enterbten und in strenger Kerkerhaft gehaltenen Bruder
erklärte. Lefèvre rief nun die Einmischung Frankreichs
an, das 1856 einen Gesandten an T. schickte. Als dieser die Annahme
eines Schreibens der französischen Regierung verweigerte, ja
sogar den Gesandten nicht landen ließ, bemächtigten sich
die Franzosen der Citadelle von Turan, räumten sie aber 1857
wieder. Da die Christenverfolgungen fortdauerten und ein spanischer
Missionsbischof, Diaz, hingerichtet wurde, nahm ein
französisch-spanisches Geschwader 1858 von neuem Turan und
dann 1859 Saigon, das T. 1862 an Frankreich abtreten mußte.
In einem spätern Vertrag vom 15. März 1874 ward er
genötigt, die französische Schutzherrschaft anzuerkennen
und den Franzosen die Häfen in Tongking zu öffnen. Als
ein neuer Streit mit Frankreich auszubrechen drohte, starb T. 20.
Juli 1883.
Tuff, in der Geologie oft gebraucht für lockere
Absätze aus Wasser (wie Kalktuff, Kieseltuff), besser aber zu
beschränken auf die Bezeichnung des erhärteten,
ursprünglich in Aschenform ausgestoßenen Materials
jetziger oder prähistorischer Vulkane (Diabastuff, Trachyttuff
etc.).
Tüffer, Marktflecken in Steiermark,
Bezirkshauptmannschaft Cilli, am linken Ufer des Sann und an der
Südbahn, hat ein Bezirksgericht, ein Schloß, Burgruinen
und (1880) 706 Einw. Am rechten Sannufer das Kaiser
Franz-Josephsbad, mit drei indifferenten Thermen (35-39° C.)
und Badehaus; unfern das Römerbad (slaw. Teplitz), in
herrlicher Lage an der Südbahn, mit gleichartigen Thermen, gut
eingerichteten Bädern, Kurhaus etc. In der Umgebung
bedeutender Braunkohlenbergbau (im Becken von T.-Hrastnigg-Trifail,
jährliche Ausbeute über 4 Mill. metr. Ztr.), Glas- und
Chemikalienfabrik. Vgl. Brum, Das Mineralbad T. (Wien 1875).
Tuffkalk (Tuffstein), s. v. w. Kalktuff.
Tuffstein, s. v. w. Tuffkalk oder Kalktuff (s. d.), auch
vulkanischer Tuff (s. Tuff).
Tuffwacke, s. v. w. Tuff.
Tugéla, Fluß in Südafrika, bildet die
Grenze zwischen Natal und dem Zululand, mündet in den
Indischen Ozean.
Tugend, der Etymologie nach s. v. w. Tauglichkeit,
Tüchtigkeit, dem jetzigen Sprachgebrauch nach insbesondere
diejenige Tüchtigkeit, Ordnung und Harmonie des geistigen
Lebens, welche auf der zur Gewohnheit gewordenen Betätigung
der sittlichen Freiheit und Thatkraft beruht. Der Begriff der T.
entspricht durchaus dem Begriff des Sittengesetzes und der
moralischen Pflicht. Da nun diese in einer Mehrheit von Normen
bestehen, insofern das Wollen und Handeln des Menschen auf
verschiedene Interessen gerichtet sein kann, so pflegt man zwischen
der "T. im allgemeinen" und einzelnen "Tugenden" zu unterscheiden.
Letztere lassen sich auf einige Hauptarten, die sogen.
Kardinaltugenden (s. d.), zurückführen. Der Begriff der
T. ist von den verschiedenen philosophischen Schulen immer nach dem
bestimmt worden, was ihnen als der Ausdruck des sittlichen Ideals
galt. Kant bestimmte die T. als moralische Stärke des Willens
des Menschen in Befolgung seiner Pflicht oder in der Unterordnung
der Neigungen und Begierden unter die Vernunft.
Tugendbund, der "sittlich-wissenschaftliche Verein",
welcher sich im Frühjahr 1808 zu Königsberg durch den
Zusammentritt einiger Männer (Mosqua, Lehmann, Velhagen, Both,
Bardeleben, Baczko und Krug) bildete, 30. Juni vom König
genehmigt wurde und sich zum Zweck setzte: die durch das
Unglück verzweifelten Gemüter wieder aufzurichten,
physisches und moralisches Elend zu lindern, für
volkstümliche Jugenderziehung zu sorgen, die Reorganisation
des Heers zu betreiben, Patriotismus und Anhänglichkeit an die
Dynastie allenthalben zu pflegen etc. Diesen offenen Bestrebungen
reihte sich die geheime Tendenz an, die Abschüttelung des
französischen Jochs anzubahnen. In Schlesien und in Pommern
fand die Idee Anklang, weniger in der Mark, am wenigsten in Berlin.
Übrigens wirkte manches zusammen, was einer größern
Ausbreitung des Vereins hinderlich ward. Viele ängstliche
Vorsteher von Zivil- und Militärbehörden verboten ihren
Untergebenen den Beitritt. Andern erschienen die Statuten zu weit
aussehend und unpraktisch; am meisten schadete dem Verein aber der
Umstand, daß Preußen sich nicht schon 1809 der Erhebung
Österreichs anschloß, und daß die Schillsche
Unternehmung, die mit Unrecht dem T. aufgebürdet wurde,
mißlang. Die Zahl der Teilnehmer belief sich auf 300-400.
Unter ihnen fanden sich Namen wie Boyen, Witzleben, Grolman,
899
Tugendrose - Tula.
v. Thile, v. Ribbentrop, Merkel, Ladenberg, Eichhorn, Manso u.
a., wogegen mehrere, welche man als Hauptträger der ganzen
Idee zu betrachten pflegt, wie Stein, Niebuhr, Gneisenau,
Scharnhorst, nie zum Verein gehört haben. Am 31. Dez. 1809
dekretierte der König auf Drängen Napoleons I. durch eine
Kabinettsorder die Auflösung des Vereins. Später wurde
der T. von der Reaktionspartei in Preußen wegen
Beförderung der Demagogie verdächtigt. Vgl. Voigt,
Geschichte des sogen. Tugendbundes (Berl. 1850); Baersch,
Beiträge zur Geschichte des Tugendbundes (Hamb. 1852);
Lehmann, Der T. (Berl. 1867).
Tugendrose, s. v. w. Goldene Rose.
Tuggurt, Hauptort der Oase Wad-Rir im algerischen
Departement Konstantine, in ungesunder, sumpfiger Lage, ist eine
der Hauptetappen der Wüste, hat große Haine von
Dattelpalmen (170,000), lebhaften Handel und 6000 Einw. (meist
Berber). T. ward 1854 von den Franzosen erobert.
Tugra (türk.), Handzeichen des Sultans auf
offiziellen Aktenstücken, Münzen, auch als Insignie auf
öffentlichen Gebäuden angebracht, besteht eigentlich aus
künstlich verschlungenen Linien in der Form einer offenen
Hand, von welcher drei Finger in die Höhe und je einer nach
rechts und links laufen, enthält jetzt aber meist in
verschlungenen Initialen die Namen des regierenden Fürsten und
seines Vaters.
Tugraorden, türk. Orden, nach Vertreibung der
Janitscharen von Sultan Mahmud II. bei Errichtung einer
disziplinierten Armee gestiftet, besteht in einem goldenen, von
Diamanten umgebenen Medaillon, in dessen Mitte die Tugra (s. d.)
sich befindet.
Tuilerien (franz. Tuilerien, spr. tuile-), ehemaliger
Palast in Paris, ward 1564 unter Katharina von Medici von Philibert
Delorme im Bau begonnen und in den folgenden Jahrhunderten
stückweise, nach oft veränderten Plänen, von
verschiedenen Architekten vollendet, war zeitweilig Residenz, so
Ludwigs XV. während seiner Minderjährigkeit und Ludwigs
XVI. von 1789 bis 1792, dann ständige Residenz Napoleons I.
und der folgenden Herrscher Frankreichs. Napoleon III. ließ
die T. mit dem Louvre (s. d.) in Verbindung bringen. Ende Mai 1871
wurden die T. von den Kommunarden in Brand gesteckt und lagen lange
in Ruinen. In neuester Zeit wurden der nördliche und
südliche Flügel wiederhergestellt, wogegen die Reste des
Haupttraktes 1883 gänzlich abgetragen wurden. Westlich von den
T. liegt der vielbesuchte Tuileriengarten. Vgl. auch Paris, S.
722.
Tuisco (Tuisto), der erdgeborne Gott, welchen die alten
Germanen nach Tacitus' Bericht ("Germania", Kap. 2) als den ersten
Urheber ihres Volkes besangen. In seinem Namen liegt der Begriff
des Zwiefachen, Zwiegeschlechtigen: er erscheint als eine
zwitterhafte Gottheit, welche noch die männliche (zeugende)
mit der weiblichen (empfangenden) Kraft in sich verbindet und so
aus sich selbst den Mannus (s. d.), das erste Wesen in
Menschengestalt, zeugt.
Tukan (Ramphastus L.), Gattung aus der Ordnung der
Klettervögel und der Famtlie der Pfefferfresser
(Ramphastidae), Vögel mit auffallend großem, am Grund
sehr dickem, gegen das Ende hin stark Zusammengedrücktem, auf
der Firste scharfkantigem Schnabel, dessen Wandungen sehr dünn
sind und ein schmales, großmaschiges Knochennetz
umschließen, so daß der Schnabel sehr leicht ist. Die
Zunge ist schmal, bandartig, hornig, am Rand gefasert; die
abgerundeten Flügel reichen nur bis zum Anfang des kurzen,
breiten, stumpf gerundeten Schwanzes. Die starken, langzehigen
Läufe sind vorn und hinten mit tafelförmigen
Gürtelschildern versehen. Das Gefieder zeigt auf meist
schwarzem Grund sehr lebhafte Farben; auch die Augen, Beine und der
Schnabel sind glänzend gefärbt. Die Tukane leben in den
südamerikanischen Urwäldern, nähren sich von
Früchten und Fruchtkernen, richten in den Bananen- und
Guavapflanzungen großen Schaden an, fressen auch Eier und
junge Vögel, sollen zwei Eier in hohle Bäume oder
Baumäste legen und werden ihres Fleisches und der Federn
halber in Menge gejagt. Der Pfefferfresser (Toko, Ramphastus Toco
L., s. Tafel "Klettervögel"), 58 cm lang, schwarz, an Kehle,
Vorderhals, Wangen und Oberschwanzdeckfedern weiß, am
Bürzel blutrot, mit orangerotem Schnabel, der an der Spitze
des Unterkiefers feuerrot, an der Spitze des Oberkiefers schwarz
ist, dreieckigem, gelbem Fleck vor dem Auge, blauem Augenring,
dunkelgrünem Auge und hellblauem Fuß, bewohnt die
höher gelegenen Teile Südamerikas von Guayana bis
Paraguay, be^ sonders bewaldete Flußufer und die offene
Savanne, welche er in kleinen Trupps durchschweift; er hält
sich gewöhnlich hoch oben in den Waldbäumen auf, ist
beweglich, scheu, neugierig und mordlustig. In der Gefangenschaft
erscheint er sehr anziehend. In Europa sieht man oft mehrere Arten
in den zoologischen Gärten. Man jagt die Tukane des Fleisches
und der schönen Federn halber. Die Eingebornen erlegen sie mit
ganz kleinen Pfeilen, welche mit äußerst schwachem Gift
bestrichen sind, so daß der Vogel nur betäubt wird und,
nachdem er seiner wertvollsten Federn beraubt ist, sich wieder
erholt und davonfliegt, um später vielleicht abermals
geschossen zu werden. Vgl. Gould, Monograph of the Ramphastidae (2.
Aufl., Lond. 1854-55, 3 Tle.).
Tula, Zentralgouvernement Großrußlands,
grenzt im N. an das Gouvernement Moskau, im O. an Rjäsan und
Tambow, im S. an Orel, im W. an Kaluga, umfaßt 30,959,2 qkm
(562,25 QM.). Das Land ist im allgemeinen eben und flach, mit nur
einigen Hügeln an den Ufern der Oka und Upa. Der Untergrund
ist devonischer Formation, an der Oka lehmiger, gelber und
grünlicher Mergel, gemischt mit unreinem, sandigem Kalkstein;
in den Flußthälern im südlichen Teil des
Gouvernements tritt Kalkstein der obern Schicht der devonischen
Formation zu Tage, und an der Upa und dem Osetr sind ergiebige
Steinbrüche. Der Boden ist von sehr geringer Fruchtbarkeit,
doch findet sich in mehreren Kreisen fruchtbare Schwarzerde
(Tschernosem). Das Areal setzt sich zusammen aus 73,4 Proz. Acker,
10,5 Wald, 10,7 Wiese und Weide, 2,4 Proz. Unland. Von Flüssen
sind erwähnenswert: die Oka (teilweise Grenzfluß gegen
W. und N.), der Osetr, die Plawa, die Upa und der Don. Das Klima
ist mild und gesund. Die Einwohnerzahl beläuft sich auf (1885)
1,409,432 (45 pro Quadratkilometer), die fast nur Großrussen
sind. Die Zahl der Eheschließungen war 1885: 11,043, der
Geburten 73,017, der Sterbefälle 56,589. Hauptprodukte sind:
Getreide, Runkelrüben, Tabak, Ölpflanzen, während
Flachs und Hanf minder gute Ernten geben. Die Ernte betrug 1887: 6
Mill. hl Roggen, 7-8 Mill. hl Hafer, 3,6 Mill. hl Kartoffeln, andre
Cerealien in bedeutend geringerer Menge. Die Viehzucht wird im
ganzen Gouvernement sehr schwach betrieben; seit neuester Zeit
findet die Bienenzucht starke Verbreitung. Der Viehstand bezifferte
sich 1883 auf 203,495 Stück Rindvieh, 380,622 Pferde, 780,935
grobwollige Schafe, 94,096 Schweine. Dagegen ist neben der
Landwirtschaft die Fabrikthätigkeit sehr entwickelt. Sie geht
(1884) in 558 gewerblichen Anstalten mit 11,790 Arbeitern vor sich
und bringt für
57*
900
Tula - Tulipa.
28½ Mill. Rubel Waren hervor. Bemerkenswerte
Industriezweige sind: Rübenzuckerfabrikation und Raffinerie
(2,3 Mill. Rub.), Kupferverarbeitung (1 1/2 Mill.),
Branntweinbrennerei (1,2 Mill. Rub.), Gewehr- und
Patronenfabrikation, Lederindustrie, Getreidemüllerei,
Schlosserindustrie, Stärkefabrikation, Verfertigung
musikalischer Instrumente (besonders Harmoniken), Ziegeleien.
Trotzdem suchen jährlich sehr viele Bauern in andern
Gouvernements Arbeit. Der Handel vertreibt Getreide,
Schweinsborsten, Runkelrüben, Eisen-, Stahl- und Bronzewaren
und hat seinen Hauptsitz in der Stadt T. und in Bjelew.
Bildungszwecken dienen (1885) 728 Elementarschulen mit 39,270
Schülern, 12 mittlere Lehranstalten mit 2572 Schülern und
5 Fachschulen mit 672 Lernenden (darunter ein geistliches Seminar,
eine Feldscher- und eine Hebammenschule). Im Tulaischen befinden
sich einige alte Erdwälle (Gorodischtschi) und Kurgane, Zeugen
der mit den Litauern und Tataren hier geführten Kämpfe.
T. zerfällt in zwölf Kreise: Alexin, Bjelew, Bogorodizk,
Epifan, Jefremow, Kaschira, Krapiwna, Nowosil, Odojew, Tschern, T.
und Wenew. Die gleichnamige Hauptstadt, an der Upa, Knotenpunkt der
Eisenbahnen Moskau-Kursk und Wjasma-Rjaschsk, eine der
gewerbthätigsten Städte des russischen Reichs, hat 28
Kirchen (darunter die Himmelfahrtskirche und die
Allerheiligenkirche), 2 Klöster, und unter den sonstigen
öffentlichen Bauten ragen hervor das Exerzierhaus und die
Gouvernementsgebäude. Die Zahl der Einwohner betrug 1885:
63,928. Die Bedeutung der Stadt beruht vornehmlich auf der
großen kaiserlichen Gewehrfabrik, die 1712 von Peter I.
gegründet wurde, jetzt über 7000 Arbeiter
beschäftigt und jährlich 70,000 Gewehre, eine große
Menge blanker Waffen sowie treffliche andre Stahl- und Eisenwaren
liefert. Die tulaischen Waren aus Stahl und Eisen (physikalische
und mathematische Instrumente, Messer, Scheren, Zangen etc.), aus
Weißkupfer und andern Kompositionen, vorzüglich dem
sogen. Tulametall (s. Niello), wie Theemaschinen, Dosen und
Galanteriewaren, sind berühmt. Ferner sind noch hervorzuheben
die großen Gerbereien, Talgschmelzereien, Fabrikation von
Seife, Kerzen, Siegellack etc. (im ganzen 133 Fabriken). T. ist
Bischofsitz, hat ein klassisches Gymnasium, eine Realschule, ein
Militärgymnasium, ein Mädchengymnasium, ein geistliches
Seminar und mehrere andre Lehranstalten, ein Armen-, Zucht-,
Arbeits- und Findelhaus, ein Arsenal, ein Museum einheimischer
Industrieprodukte, ein Theater. Die Stadt wird zuerst im 12. Jahrh.
erwähnt.
Tula, Stadt im mexikan. Staat Hidalgo, 2080 m ü. M.,
am Rio de T. und an der Eisenbahn nach Mexiko, angeblich die alte
Hauptstadt der Tolteken, mit Baumwollfabrik und (1880) 5834
Einw.
Tulacingo (spr. -ssingo), Stadt im mexikan. Staat
Hidalgo, 1820 m ü. M., in reizender Vega, hat eine Kathedrale,
ein bischöfliches Seminar, eine Baumwollfabrik und (1880) 9739
Einw. im Munizipium.
Tulametall, s. v. w. Niello.
Tularesee, See im S. des nordamerikan. Staats
Kalifornien, 1683 qkm groß, wird vom Kernfluß gespeist
und hat durch einen Sumpf periodischen Abfluß zum St.
Joaquinfluß.
Tulasne (spr. tülahn), Louis René, Botaniker,
geb. 12. Sept. 1815 zu Azay le Rideau (Indre-et-Loire), war
Aide-naturaliste am Museum der Naturgeschichte zu Paris, trat 1872
in den Ruhestand und starb 22. Dez. 1885 in Hyeres. Seine ersten
Arbeiten bezogen sich auf Systematik der Phanerogamen (Leguminosen,
Podostemaceen, Monimiaceen); dann veröffentlichte er mit
seinem Bruder Charles T. (geb. 5. Sept. 1816 zu Langeais im
Departement Indre-et-Loire) mykologische Arbeiten, durch welche die
Kenntnis mehrerer Familien der Pilze, besonders der kleinern
parasitischen Pilze, wesentlich vervollkommt, insbesondere die
Pleomorphie der Fruktifikationsorgane und der Generationswechsel
dieser Pilze, zumal der Pyrenomyceten und Diskomyceten,
nachgewiesen wurden. Außer zahlreichen Abhandlungen schrieb
er: "Fungi hypogaei" (Par. 1851) und "Selecta fungorum carpologia"
(das. 1861-65, 3 Bde.).
Tulbau (Tulbend), s. v. w. Turban.
Tulcan, Stadt im südamerikan. Staat Ecuador, 2077 m
ü. M., dicht bei der Grenze von Kolumbien, am Nordfuß
des 3405 m hohen Passes Paramo de Balicho, mit 4000 Einw.
Tulcea, Stadt, s. Tultscha.
Tulipa L. (Tulpe), Gattung aus der Familie der Liliaceen,
Zwiebelgewächse mit riemenförmigen oder
lineal-lanzettlichen, häufig blaugrünen Blättern,
einblütigem Stengel, sechsblätteriger, glockiger
Blütenhülle u. oblonger oder verkehrt-eiförmiger,
stumpf dreikantiger, vielsamiger Kapsel. Etwa 50 Arten, meist im
Orient. T. silvestris L. (wilde Tulpe), mit breit
lineal-lanzettlichen Blättern und gelben, äußerlich
grünen, wohlriechenden Blüten, wächst in Süd-
und Mitteleuropa und in Sibirien auf Waldwiesen und in Weinbergen.
T. suaveolens Roth, mit sehr kurzem Stengel und roten, am obern
Rand gelben, wohlriechenden Blüten, findet sich in
Südeuropa und wird in mehreren Varietäten, auch mit
gefüllten Blumen kultiviert; eine der beliebtesten Formen ist
Duc van Toll. Auch von T. praecox Tenor, bei Neapel, und T. turcica
W., in der Türkei, hat man Varietäten (von letzterer die
Monströsen oder Perroquetten mit zerschlitzten
Blumenblättern). Viel wichtiger aber ist T. Gesneriana L.
(Gartentulpe), mit 30-45 cm hohem Schaft, eirund-lanzettlichen
Blättern und ursprünglich karmesinroten, im Grund
gelblichen Blüten. Sie ist in Südosteuropa, bis zum Altai
und zur Dsungarei heimisch, kam durch Busbecq, den Gesandten
Ferdinands I. in Konstantinopel, wo sie damals schon von den
Türken kultiviert wurde, nach dem westlichen Europa,
blühte 1560 in Augsburg, wurde von Gesner zuerst gezogen und
beschrieben, kam 1573 an Clusius in Wien, 1577 nach England und
Belgien und ward schon 1629 in 140 Spielarten kultiviert. 1634-40
erreichte in Haarlem die Tulpenliebhaberei ihren Gipfel, und man
zahlte für eine einzige Zwiebel bis 13,000 holländ.
Gulden; es gab Sammlungen mit mehr als 500 klassifizierten
Varietäten. Gegenwärtig ist die Zahl der verbreitetern
Varietäten verhältnismäßig niedrig. Man
unterscheidet als Hauptvarietäten Früh- und
Spättulpen. Die frühen Tulpen, mit kürzerm Stengel,
blühen an einem warmen Standort schon im April oder noch
früher und lassen sich sehr gut treiben. Ihre Hauptfarben
sind: Weiß, Gelb, Rot und Purpurrot, einfarbig oder
schön geflammt. Die Spättulpen teilen die
holländischen Blumisten in einfarbige (Exspektanten oder
Muttertulpen, welche anfangs nur eine Farbe haben, nach 2-4 Jahren
aber nach und nach mehr Illuminationsfarben annehmen und aus den
Samen neue bunte Sorten liefern) und bunte und gestreifte Tulpen.
Nach der Beschaffenheit ihrer Zeichnung teilt man letztere in
Baquetten, Bybloemen und Bizarden. Die gefüllt blühenden
Varietäten werden von den Blumisten den einfachen nachgesetzt.
Die Monströsen (Perroquet- oder Papa-
901
Tüll - Tümpling.
geientulpen) haben sehr große, unförmliche Blumen von
schöner Farbe (gelb und rot), mit weit abstehenden, zerrissen
gefransten Kronblättern. Die Kultur stimmt im wesentlichen mit
der der Hyazinthen überein. Die zur Erlangung neuer Spielarten
aus Samen gezogenen Tulpen blühen meist erst im siebenten
Jahr.
Tüll, Gewebe, bei welchen feine, untereinander gut
gebundene Fäden regelmäßige Zellen bilden, indem je
zwei beisammenliegende Kettenfäden nach jedem Einschuß
sich kreuzend verschlingen. T. wird aus Gespinsten von
verschiedener Feinheit (bis zu Nr. 120) gewebt und kommt glatt und
einfach oder gestreift, gemustert, in Seide broschiert oder auch
auf weißem oder schwarzem Grund mit bunten Blumen gestickt
vor. Englischer T., s. v. w. Bobbinet.
Tullamóre, Hauptstadt der irischen King's County,
hat lebhaften Handel, Brennerei, Tabaksfabrikation und (1881) 5098
Einw. Dabei Tullabeg mit Jesuitenschule.
Tulle (spr. tüll), Hauptstadt des franz.
Departements Corrèze, früher Hauptstadt von
Niederlimousin, am Einfluß der Solane in die Corrèze
und an der Eisenbahn Clermont-Brive, hat meist alte Häuser und
abschüssige Straßen, aber schöne Promenaden, eine
Kathedrale aus dem 12. Jahrh., ein Kommunalcollège, ein
Priester- und ein Lehrerseminar, eine Gewerbeschule, eine
öffentliche Bibliothek und ein Theater. T. hat eine
große Waffenfabrik, dann Fabriken für Papier, Leder,
Woll- und Baumwollenzeuge, Eisenwaren, Schokolade etc.,
Färbereien, starken Handel und (1886) 8974 (als Gemeinde
16,277) Einw. Die Fabrikation der nach der Stadt benannten Spitzen
(Plisse de T.) hat aufgehört. Die Stadt ist der Sitz eines
Bischofs, eines Präfekten, eines Gerichts- und Assisenhofs und
eines Handelsgerichts. In der fränkischen Zeit kommt T. als
Tutela vor.
Tullins (spr. tüllang), Stadt im franz. Departement
Isère, Arrondissement St.-Marcellin, an der Eisenbahn
Valence-Chambéry, hat Fabrikation von Maschinen,
Bändern, Packpapier, wollenen Decken etc. und (1881) 3342
Einw.
Tullius, röm. Geschlecht, dem unter andern die
plebejische Familie der Ciceronen angehörte. S. Cicero.
Tulln, Stadt in der niederösterreich.
Bezirkshauptmannschaft Hernals, an der Mündung der beiden
Tullnbäche in die Donau und an der Staatsbahn
Wien-Gmünd-Prag, welche hier die Donau auf einer großen
Gitterbrücke überschreitet, und an welche hier die Linie
T.-St. Pölten anschließt, hat ein Bezirksgericht, 2
Kirchen, eine alte Dreikönigskapelle, Kasernen, Schiffahrt und
(1880) 3234 Einw. T. ist eine der ältesten Städte an der
Donau, das Comagenä der Römer, Standort ihrer
Donauflotte. Nach dem Nibelungenlied empfing hier Etzel Kriemhild.
Die fruchtbare Umgebung der Stadt heißt das Tullner Feld.
Vgl. Kerschbaumer, Geschichte der Stadt T. (Wien 1874).
Tüllpapier, s. v. w. Spitzenpapier.
Tullus Hostilius, der dritte röm. König,
672-640 v. Chr., Nachfolger des Numa Pompilius, Enkel des Hostius
Hostilius, der unter Romulus gegen die Sabiner gekämpft hatte,
zerstörte Albalonga und siedelte die Einwohner auf dem Mons
Cälius in Rom an. Auch mit den Sabinern führte T.
glückliche Kriege. Da er aber den Dienst der Götter
vernachlässigte, so schickten diese erst einen Steinregen,
dann eine Pest und schlugen ihn endlich selbst mit einer schweren
Krankheit, und als er deshalb den Jupiter Elicius durch gewisse
geheime Gebräuche nötigen wollte, ihm die Mittel der
Sühne zu offenbaren, traf ihn Jupiters Blitz, der ihn und sein
Haus verbrannte.
Tuloma, Fluß im russ. Lappland, kommt aus dem
Nuotsee, fließt nordöstlich und mündet unterhalb
Kola in eine tiefe Bucht des Eismeers.
Tulpe, s. Tulipa.
Tulpenbaum, Pflanzengattung, s. Liriodendron.
Tultscha (Tulcea), Hauptstadt eines Distrikts in der
rumän. Dobrudscha, rechts an der Donau, welche sich in der
Nähe der Stadt in ihre drei Hauptmündungsarme teilt, hat
7 Kirchen, darunter eine armenische und eine katholische, 2
Moscheen, ein Gymnasium, einen stark besuchten Hafen und 21,826
Einw. (darunter 3000 Russen, 1600 Griechen, 800 Türken, 700
Tataren, 200 Deutsche). T. ist Sitz eines Divisionskommandos.
Zwischen Matschin und T. 9. Juni 1791 Sieg der Russen unter Repnin
über 20,000 Türken.