Tuberkel (lat.), ursprünglich kleiner Höcker

oder kleines Knötchen, gegenwärtig Name für eine

ganz bestimmte Gewebsneubildung, welche in der Form von

hirsekorngroßen (miliaren), selten größern Knoten

in den verschiedensten Organen und Geweben auftritt und aus einer

Anhäufung kleiner Rundzellen ohne Gefäße besteht;

s. Tuberkulose.

Tuberkulose (Tuberkulosis), eine Krankheit, bei welcher

in den Organen des Körpers kleine, von der Größe

des eben Sichtbaren zu Hirsekorngröße wechselnde, graue

Knötchen entstehen, welche in ihrer Mitte käsig zerfallen

und erweichen. Wenn diese Knötchen in der Haut oder in der

Oberfläche von Schleimhäuten liegen, so entstehen durch

ihren Zerfall anfangs kleine, linsenförmige

(lentikuläre), später durch Hinzukommen immer neuer

Knötchen in der Nachbarschaft große, tuberkulöse

Geschwüre, durch welche schließlich ein Schwund der

Schleimhäute, z. B. des Kehlkopfes, der Luftröhre, des

Darms, der Gebärmutter, der Harnblase, des Nierenbeckens,

bedingt werden kann, welcher insgemein als tuberkulöse

Entzündung dieser Organe oder als Schwindsucht derselben

bezeichnet wird. Auch in den Gehirnhäuten kommen solche

Knötchen vor, doch führen sie hier wie in dem Gehirn

selbst nicht zur Geschwürsbildung, es kommt dagegen oft zu

einer eiterigen Gehirnhautentzündung oder zur Bildung

größerer Geschwulstknoten. In der Leber kommen entweder

sehr kleine, kaum ohne Mikroskop wahrnehmbare, oder

größere Knoten vor, welche nicht zerfallen. Ein sehr

mannigfaltiges Bild bieten die Lungenschwindsucht (s. d.) sowie die

T. der Lymphdrüsen, welche durch käsigen Zerfall des

Drüsengewebes ausgezeichnet sind, und die durch T. bedingten

Gelenkentzündungen (Tumor albus, s. Gelenkentzündung, S.

58). Die T. wurde zwar schon lange für eine übertragbare

Krankheit gehalten, doch ist es erst Koch 1882 gelungen, die

eigentliche Ursache in einem Bacillus von außerordentlicher

Kleinheit zu entdecken. Dieser Tuberkelbacillus (s. Tafel

"Bakterien", Fig. 4) siedelt sich in den Geweben an, ruft durch

seine Wucherung jene knotenförmigen und flächenhaft

ausgebreiteten Entzündungen hervor, welche unter Einwirkung

eigenartiger chemischer Spaltungsprodukte der Bacillen

verkäsen, und bringt durch ihren Verfall allmählich ganze

Organe zum Schwund. Am Krankenbett stellen sich die Erscheinungen

der T. natürlich in höchst mannigfacher Form dar, je nach

dem Organ, welches Sitz der T. geworden ist. Am häufigsten ist

Hauptsitz der T. der Atmungsapparat, besonders die

895

Tuberogemma - Tübingen.

Lungen; bei Kindern nicht selten der Darm, die Gelenke, Knochen

und Hirnhäute, während vielleicht in den Lungen wenig

oder gar keine Veränderungen vorhanden sind; zuweilen ist der

Harn- u. Geschlechtsapparat zuerst befallen, selten die

äußere Haut, die Zunge, der Magen. Die T. befällt

vorwiegend Kinder und schwächliche, schlecht genährte

jüngere Personen; die Anlage zur Erkrankung ist häufig

ererbt (s. Skrofeln), indessen kommt T. auch bis ins höchste

Alter vor und ist unzweifelhaft diejenige Krankheit, welche bei uns

die meisten Opfer fordert, da etwa ein Siebentel aller Menschen an

T. zu Grunde geht. Der Verlauf der T. kann sich über Jahre und

Jahrzehnte erstrecken, sofern die T. auf einen Teil der Lungen oder

eines andern Organs beschränkt bleibt. Sehr gewöhnlich

aber werden die Bacillen im Lymphstrom fortgespült, die

benachbarten Lymphdrüsen werden ergriffen, die Bacillen gehen

ins Blut über, und es erfolgt Verbreitung der T. auf alle

Organe. Wenn der übertritt großer Massen von Bacillen

ins Blut auf einmal erfolgt, etwa durch Durchbruch käsiger

Herde direkt in ein Blutgefäß, so verläuft die T.

unter dem Bild einer fieberhaften, typhösen Erkrankung in

wenigen Wochen tödlich (akute Miliartuberkulose). Die

Behandlung der T. erfordert, wenn der erkrankte Teil chirurgischen

Eingriffen zugänglich ist, Entfernung der von Tuberkeln

durchsetzten Gewebe, wodurch bei Gelenkentzündungen,

Lymphdrüsengeschwülsten, Hoden-, Brustdrüsen- und

Hauttuberkulose zuweilen völlige Heilung erzielt wird. Bei

Erkrankung innerer Organe ist außer der lokalen Behandlung

eine sehr wesentliche Rücksicht auf Hebung des

Allgemeinbefindens, gute Ernährung, frische Luft etc. zu

nehmen, um den Körper nach Möglichkeit gegen das

Vordringen der Bacillen widerstandsfähig zu machen.

Unzweifelhaft können selbst weiter vorgeschrittene

Zerstörungsprozesse in Lungen und Darm zum völligen

Stillstand, d. h. zu relativer Heilung, kommen. Vgl. Villemin,

Études sur la tuberculose (Par. 1868); Hérard u.

Cornil, La phthisie pulmonaire (das. 1867); Waldenburg, T.,

Lungenschwindsucht und Skrofulose (Berl. 1869); Langhans,

Übertragbarkeit der T. (Marb. 1867); Virchow, Die krankhaften

Geschwülste (Berl. 1863 bis 1867, 3 Bde.); Buhl,

Lungenentzündung, T., Schwindsucht (2. Aufl., Münch.

1874); Schüppel, Untersuchungen über

Lymphdrüsentuberkulose (Tübing. 1871); Predöhl,

Geschichte der T. (Hamb. 1888); Cohnheim, Die T. vom Standpunkt der

Infektionslehre (2. Aufl., Leipz. 1881); Koch, Berichte aus dem

kaiserlichen Gesundheitsamt. - Über T. des Rindes s.

Perlsucht.

Tuberogemma, s. Knospenknöllchen.

Tuberose, Pflanzengattung, s. Polianthes.

Tübet, Land, s. Tibet.

Tubifloren, Ordnung im natürlichen Pflanzensystem

aus der Abteilung der Dikotyledonen, charakterisiert durch

regelmäßige, mit Kelch- und verwachsenen

Blumenblättern versehene, fünfzählige Blüten,

fünf mit der Blumenkrone verwachsene Staubblätter und 2-5

verwachsene Fruchtblätter, umfaßt nach Eichler die

Familien der Konvolvulaceen, Polemoniaceen, Hydrophyllaceen,

Borragineen und Solanaceen.

Tübingen, Oberamtsstadt im württemb.

Schwarzwaldkreis, am Neckar, Knotenpunkt der Linien

Plochingen-Villingen und T.-Sigmaringen der Württembergischen

Staatsbahn, in schöner Lage auf einem Bergrücken zwischen

dem Neckar und der Ammer, 340 m ü. M., ist

unregelmäßig gebaut und hat freundliche Vorstädte.

Hervorragende Gebäude sind: das 1535 vollendete Schloß

Hohentübingen mit schönem Portal, das 1845 vollendete

Universitätsgebände, das Rathaus mit schöner

Freskomalerei u. die 1469-1483 erbaute gotische Stiftskirche mit

den Grabmälern von zwölf meist württembergischen

Fürsten, welche hier residierten. Die Bevölkerung

zählte 1885 mit der Garnison (ein Füsilierbat. Nr. 127)

12,551 Seelen, darunter 1749 Katholiken und 106 Juden. T. hat

Fabrikation von chemischen Artikeln, Handschuhen, Essig,

physikalischen und chirurgischen Instrumenten etc., eine bedeutende

Dampfziegelei, Kunstmühlen, Färberei, Buchdruckerei,

Buchhandel, Obst-, Hopfen- und Weinbau, besuchte Fruchtmärkte

etc. Außer den Verwaltungsbehörden befindet sich dort

ein Landgericht. Unter den Schulen steht die Universität

(Eberhard Karls-Universität) obenan. Sie wurde 1477 gestiftet

und mit derselben 1817 die katholisch-theologische Studienanstalt

zu Ellwangen als katholisch-theologische Fakultät vereinigt;

außer dieser kamen zu den vier alten Fakultäten 1818

noch eine staatswirtschaftliche und naturwissenschaftliche. Die

Gesamtzahl der Dozenten betrug 1888/89: 95, die der Studierenden

1228. Mit der Universität in Verbindung stehen: die

Universitätsbibliothek von 300,000 Bänden, ein

physiologisches und ein anatomisches Institut, ein botanischer

Garten, 2 chemische Laboratorien, verschiedene Kliniken und

wissenschaftliche Sammlungen, ein bedeutendes Münz- und

Medaillenkabinett, eine große geognostische Sammlung, eine

Sternwarte (im Schloß) etc. Außerdem besitzt T. ein

höheres evangelisch-theologisches Seminar (das sogen. Stift,

1537 gegründet, im ehemaligen Augustinerkloster) und ein

katholisches Konvikt (Wilhelmsstift, in der ehemaligen

Ritterakademie), ein Gymnasium und eine Oberrealschule. Zum

Landgerichtsbezirk T. gehören die 9 Amtsgerichte zu

Herrenberg, Kalw, Nagold, Neuenbürg, Nürtingen,

Reutlingen, Rottenburg, T. und Urach. Am Fuß des

Österbergs die schöne Besitzung des Dichters Uhland, der

hier seinen Wohnsitz hatte, und dem 1873 in T. ein von Kietz

modelliertes Denkmal gesetzt wurde. - T. wird zuerst 1078

erwähnt und war frühzeitig der Sitz von Grafen, die 1148

die Pfalzgrafschaft in Schwaben erwarben, doch erscheint es erst

1231 als Stadt. Die Pfalzgrafen von T. teilten sich im 13. Jahrh.

in die Linien: Horb, Herrenberg, Asperg und Böblingen.

Pfalzgraf Gottfried von Böblingen, dessen Hause Burg und Stadt

T. 1294 zugefallen waren, verkaufte sie 1342 an Württemberg.

Sein Zweig erlosch als der letzte des pfalzgräflichen

Geschlechts 1631. Eberhard im Bart, Graf von Württemberg,

stiftete 1477 die Universität T., welche zu Ende des 15.

Jahrh. schon 230 Studierende zählte, und verlieh der Stadt

1493 ein neues Stadtrecht. Am 8. Juli 1514 wurde in T. der

berühmte Tübinger Vertrag zwischen dem Herzog Ulrich von

Württemberg und den Landständen abgeschlossen, die durch

Übernahme der Schulden des Herzogs ihn auf dem Thron erhielten

und zugleich das Land vor weiterm Druck bewahrten. 1519 ward die

Stadt von dem Schwäbischen Bund unter Herzog Wilhelm von

Bayern belagert und 25. April erobert. 1647 wurde sie von den

Franzosen besetzt, ebenso 1688, bei welcher Gelegenheit auch die

Mauern

[Wappen von Tüdingen.]

896

Tübinger Schule - Tuch.

geschleift wurden. Vgl. Eifert, Geschichte der Stadt T.

(Tübing. 1849); Klüpfel, Die Universität T. in ihrer

Vergangenheit und Gegenwart (das. 1877); "T. und seine Umgebung"

(2. Aufl., das. 1887, 2 Hefte).

Tübinger Schule, Bezeichnung für die von F.

Chr. Baur (s. d. 1) in Tübingen begründete und von seinen

Schülern (Zeller, Schwegler, K. R. Köstlin u. a.)

befolgte kritische Richtung. Vgl. die betreffenden Artikel.

Tubize (spr. tübihs'), Gemeinde in der belg. Provinz

Brabant, Arrondissement Nivelles, an der Senne, Knotenpunkt an der

Staatsbahnlinie Brüssel-Quiévrain, mit Eisen- und

Baumwollindustrie und (1888) 4386 Einw.

Tubu, Volksstamm, s. Tibbu.

Tubuaiinseln (Australinseln), Gruppe im Stillen Ozean,

südlich von den Gesellschaftsinseln und diesen in ihrer Natur

sehr ähnlich, besteht aus sieben Inseln: Tubuai, 103 qkm

groß mit (1885) 385 Einw., Vavitao oder Raiwawai, 660 qkm

groß mit 309 Einw., Rurutu (s. d.), Oparo (s. d.), Rimitara,

Morotiri (Baß) und dem unbewohnten Hull oder Narurota,

zusammen 286 qkm (5,2 QM.) mit 1350 Einw., welche ebenfalls den

Bewohnern der Gesellschaftsinseln gleichen, seit 1822 durch

englische Missionäre zum Protestantismus bekehrt sind und in

den westlichen Inseln einen tahitischen, in Oparo (Rapa) aber einen

rarotongischen Dialekt sprechen. Die Insel Tubuai wurde 1777,

Rurutu 1769 von Cook entdeckt. Politisch hingen die T. schon

früh von den Gesellschaftsinseln ab, daher dehnten die

Franzosen ihr Protektorat zuerst über Tubuai, Vavitao und

Oparo, 1889 auch über Rurutu und Rimitara aus, so daß

die ganze Gruppe dem französischen Einfluß

untersteht.

Tubulus (lat., "Röhrchen", Tubulatur), die mit

Stöpseln verschließbaren kurzen Hälse auf den

Kugeln der Retorten oder Kolben.

Tubus (lat.), Rohr, Röhre, besonders s. v. w.

Fernrohr; Tuben, röhrenförmige Behälter für

Ölfarben etc.; Orgeltuben, s. v. w. Orgelpfeifen.

Tucacas, Hafenstadt in der Sektion Yaracuy des Staats

Lara der Republik Venezuela, an der Mündung des Aroa. Eine

Eisenbahn verbindet sie mit den reichen Kupferminen von Bolivar, am

obern Aroa, die 1880-83: 75,200 Ton. Erz und Regulus im Wert von

16,137,951 Frank erzeugten.

Tuch, aus Streichwollgarn hergestellter, meist

leinwandartig gewebter Stoff, welcher durch Walken verfilzt und

durch Rauhen mit einer Decke feiner Härchen versehen wird, die

gewöhnlich durch Scheren gleich gemacht sind und daher eine

glatte, feine Oberfläche bilden. Der Tuchmacherstuhl

unterscheidet sich von den Webstühlen zu andern glatten

Stoffen hauptsächlich nur durch seine große Breite, weil

das T. wegen seines beträchtlichen Eingehens in der Walke viel

breiter gewebt werden muß, als es im fertigen Zustand

erscheint. Ein T., das nach der Appretur 8/4 breit sein soll,

muß auf dem Stuhl 14/4-17/4 Breite haben. Aus dem rohen

Gewebe (Loden) werden durch das Noppen Holzsplitterchen, Knoten

etc. entfernt. Dies geschieht mit Hilfe von kleinen Zangen durch

Handarbeit oder mit der Noppmaschine. Nach dem Noppen folgt das

Waschen in besondern Waschmaschinen, wodurch Fett, Leim und Schmutz

aus dem Loden entfernt werden. Dann wird das Gewebe zum zweitenmal

genoppt und unter Zusatz von Seife, gefaultem Urin oder Walkererde

gewalkt. Hierdurch verfilzen sich die feinen aus dem Garn

hervorstehenden Fäserchen und bis zu einem gewissen Grade die

Garnfäden selbst, so daß man aus gut gewalktem T. keinen

Faden von einiger Länge unversehrt ausziehen kann. Das

gewalkte Gewebe wird wieder gewaschen und auf dem Trockenrahmen

unter einer gewissen Spannung getrocknet. Die Appretur (s.

Appretur) des Tuches beginnt nun damit, daß die Härchen,

welche aus der Filzdecke ohne alle Regelmäßigkeit

hervorragen, mehr und gleichmäßiger herausgezogen und

nach Einer Richtung niedergestrichen werden (das Rauhen). Hierzu

dienen die voll kleiner Widerhaken sitzenden Fruchtköpfchen

der Kardendistel (Dipsacus fullonum), mit welchen das nasse T.

bearbeitet wird. Die Handrauherei ist gegenwärtig durch die

Maschinenrauherei fast vollständig verdrängt worden; aber

es ist noch nicht gelungen, für die teuern Weberkarden einen

genügenden Ersatz zu finden. Ungemein erleichtert wird das

Rauhen, wenn man auf das T., während die Karden darauf

einwirken, Wasserdampf strömen läßt. Die

herausgezogenen Härchen werden auf dem trocknen T. gegen den

Strich aufgebürstet und durch große Handscheren oder

durch scherenartige mechanische Vorrichtungen (Schermaschinen) zu

gleicher und geringer Länge abgeschnitten, damit sie zusammen

eine glatte, feine Oberfläche bilden (das Scheren). Das Ziel

des Rauhens und Scherens kann aber nur durch einen stufenweisen

Gang erreicht werden, weshalb beide Behandlungen je nach der

Feinheit des Tuchs ein- bis fünfmal abwechselnd hintereinander

vorgenommen werden. Die abgeschnittenen Härchen bilden die

Scherwolle. Nach dem Scheren wird das T. zum drittenmal genoppt,

dann dekatiert und gepreßt. Hinsichtlich des Färbens

unterscheidet man in der Wolle, im Loden oder im T. gefärbtes.

Ersteres ist aus gefärbter Streichwolle gefertigt, das

lodenfarbige ist vor dem Walken gefärbt und das tuchfarbige

nach dem Walken. Letzteres T. zeigt oft einen weißlichen

Anschnitt und verliert die Farbe beim Gebrauch. Feine hellfarbige

Tuche können aber in der erforderlichen Lebhaftigkeit nur im

Stück gefärbt werden. Weiße Tuche werden

geschwefelt und in Wasser mit abgezogenem Indigo gebläut, die

schlechtesten aber in einer Brühe von Wasser und

Schlämmkreide bearbeitet, so daß die nach dem Trocknen,

Klopfen und Bürsten zurückbleibenden Kreideteilchen den

gelblichen Stich der Wolle verdecken. Die schwarzen Tuche

prüft man auf ihre Farbe mit verdünnter Salzsäure

und unterscheidet Falschblau, das durch Behandeln mit der

Säure ganz rot wird, Halbechtblau, welches einen violetten

Schein bekommt, wenn der Grund mit Indigo angeblaut ist, und

Ganzechtblau, welches durch die Säure nicht verändert

wird, also mit reinem Indigo gefärbt worden ist. In der

Tuchfabrikation nehmen neben Preußen und Sachsen, welche

durch ihre ausgezeichneten Wollen begünstigt sind,

Österreich, Frankreich, England und Belgien den ersten Rang

ein. Von den preußischen Tuchen war vormals das Brandenburger

Kerntuch sehr beliebt, die rheinpreußischen Tuche gehen als

Niederländer. Holland liefert wenig, aber vortreffliches T.

Österreich fertigt alle Sorten Tuche, vorzüglich viel

farbige Tuche für den Orient. Die englische und belgische

Tuchfabrikation erstreckt sich vorzugsweise nur auf die mittlern

und ordinären Qualitäten. Vgl. Stommel, Das Ganze der

Weberei der T.- und Buckskinfabrikation (2. Aufl., Düsseld.

1882); Ölsner, Lehrbuch der T.- und Buckskinweberei (Altona

1881, 2 Bde.); Behnisch, Handbuch der Appretur (Grünb.

1879).

Tuch, Johann Christian Friedrich, Orientalist, geb. 17.

Dez. 1806 zu Quedlinburg, studierte in Halle, ward 1830

Privatdozent der Philosophie daselbst, 1841 Professor der Theologie

zu Leipzig, später noch Domherr und Kirchenrat; starb daselbst

12. April 1867.

897

Tuchel - Tudor.

Sein Hauptwerk ist der "Kommentar über die Genesis" (Halle

1838; 2. Aufl. von Arnold, das. 1871). Sonst sind zu erwähnen

seine Abhandlungen über Ninive (Leipz. 1845), Christi

Himmelfahrt (1857), Josephus (1859-60), Antonius Martyr (1864), zur

Lautlehre des Äthiopischen u. a.

Tuchel, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk

Marienwerder, unweit der Brahe und an der Linie Konitz-Laskowitz

der Preußischen Staatsbahn, hat eine evangelische und eine

kath. Kirche, ein altes Schloß, ein katholisches

Schullehrerseminar, ein Amtsgericht und (1885) 3061 meist kath.

Einwohner. Östlich von T. erstreckt sich im Gebiet des

Schwarzwassers und der Brahe die 112 km lange und 30-35 km breite,

meist mit Kiefernwald bedeckte Tuchelsche Heide.

Tüchersfeld, Dorf im bayr. Regierungsbezirk

Oberfranken, Bezirksamt Pegnitz, in dem engen, romantischen

Tüchersfelder Thal der Fränkischen Schweiz, an der

Püttlach, mit auf und unter den obeliskenartig aufsteigenden,

seltsam gebildeten Kalkfelsen erbauten Häusern und (1885) 199

kath. Einwohnern.

Tuchfarblg heißt im Stück nach dem Walken

gefärbtes Tuch.

Tuchleder, s. v. w. Ledertuch.

Tückebote, s. v. w. Irrlicht.

Tuckerman (spr. tockermän), Henry Theodore,

amerikan. Schriftsteller, geb. 20. April 1813 zu Boston, besuchte

1833 Frankreich und Italien, 1837 England, Malta, Sizilien etc. und

ließ sich 1845 in New York nieder, wo er 17. Dez. 1871 starb.

Seit W. Irving hat kaum ein Amerikaner im anmutigen und

gefälligen Genre der nationalen Schriftstellerei

Größeres geleistet und als Kunstkritiker die Pflege der

künstlerischen Interessen der Republik in höherm Grad

gefördert als T. Er debütierte als Autor mit dem mehrfach

aufgelegten "Italian sketch-book" (1835), dem nach seiner zweiten

Reise "Isabel, or Sicily" (1839) folgte. Als gewiegter Kritiker

that er sich dann hervor in den Werken: "Thoughts on the poets"

(1846; deutsch, Marb. 1857); "Artist life, or sketches of American

painters^ (1847); "Characteristics of literature" (1849-51, 2

Serien) und "The optimist", Essays (1850). Außerdem sind zu

erwähnen: das Reiseskizzenbuch "A month in England" (1853);

"The leaves from the diary of a dreamer" (1853); "A memorial of

Horatio Greenough" (1853); "Biographical essays" (1857) und das

treffliche "Book of the artists", Charakteristiken amerikanischer

Künstler (1867); endlich eine Biographie des Novellisten I. P.

Kennedy (1871). Auch Poetisches, z. B. das didaktische Gedicht "The

spirit of poetry" (1851) und "Poems" (1864), hat T.

veröffentlicht.

Tuckum, Kreisstadt in Kurland, westlich von Riga, mit

welchem es durch eine Eisenbahn verbunden ist, mit hebräischer

Kreisschule und (1885) 6678 Einw. Die vom Heermeister Gottfried von

Rogge im 14. Jahrh. erbaute Ordensburg gleiches Namens ist

längst in Trümmer gesunken. In der Nähe der Berg

Hüning (250 m).

Tucopiainseln, drei östlich von dem Santa

Cruz-Archipel gelegene kleine Inseln: Tucopia, Anuda oder Cherry

und Fataka oder Mitre, zusammen 66 qkm (1,2 QM.) mit 650

polynesischen Einwohnern. Auf den T. lebte Martin Bucher, ein

deutscher Matrose aus Stettin, 1813-26 mit einem indischen

Gefährten.

Tucson (spr. töcks'n), Hauptstadt des nordamerikan.

Territoriums Arizona, am Santa Cruz, einem Nebenfluß der

Gila, in ergiebigem Bergbaurevier, mit (1886) 9000 Einw.

Tucuman (von tucma, "Baumwollland"), Binnenprovinz der

Argentin. Republik, umfaßt 31,166 qkm (566 QM.) mit (1887)

210,000 Einw., ist einer der gesegnetsten Teile des Staats mit

lieblichem Klima, im W. von der malerischen Sierra de Aconquija

durchzogen, im O. aber fruchtbares, vom Rio Dolce bewässertes

Gelände, wo Mais, Weizen, Zuckerrohr, Reis, Tabak, Kaffee

gedeihen. Baumwolle wird jetzt nur wenig gebaut. Überhaupt

sind 66,370 Hektar der Kultur gewonnen. Bedeutend ist auch die

Viehzucht, und der nach einer ehemaligen Hacienda der Jesuiten

genannte Tasikäse erfreut sich eines guten Rufs. Bergbau wird

nicht getrieben, obgleich verschiedene Metalle vorkommen. - Die

Hauptstadt T. liegt am Sil (obern Rio Dolce), 6 km vom Fuß

des Gebirges, 450 m ü. M. und hat (1884) 26,300 Einw. Ihre

öffentlichen Gebäude sind meist in sonderbar barockem

Geschmack aufgeführt, dagegen sind viele der Privathäuser

recht hübsch und zeugen von Wohlstand. An der Plaza

Independenzia liegen die dorische Hauptkirche (1856 vollendet), das

Cabildo (Regierungsgebäude), ein Klub und ein

Franziskanerkloster, an der Plaza Urquiza die Gerichtshöfe und

das Gefängnis. Ferner hat T. eine höhere Schule, ein

Lehrerseminar, ein Theater, 2 Waisenhäuser, ein Hospital und

ein Versorgungshaus. Die Industrie ist vertreten durch 7

Sägemühlen, 8 Kornmühlen und 3 Brauereien, und in

der Umgegend liegen außer Orangewäldchen auch

große Zuckerplantagen und Brennereien. T. wurde 1564

gegründet. Am 24. Sept. 1812 siegte Belgrano in der

benachbarten Ebene über die Spanier, und 9. Juli 1816

erklärte der in T. eröffnete Kongreß die

Unabhängigkeit der La Plata-Staaten.

Tudela, Bezirksstadt in der span. Provinz Navarra, links

am Ebro (mit breiter Steinbrücke von 17 Bogen) und an den

Eisenbahnen Saragossa-Alsasua und T.-Bilbao in fruchtbarer Ebene

gelegen, mit sehenswerter romanischer Kathedrale, einem Instituto,

gutem Weinbau, Fabrikation von Tuch, Seiden- und Thonwaren,

lebhaftem Handel und (1878) 10,086 Einw. Südöstlich dabei

das große Schleusenwerk am Ebro (Bocal del Rey), wo der

Kaiserkanal von Aragonien beginnt. T. war von 1784 bis 1851

Bischofsitz. Die Stadt wurde 1141 von Alfons V. den Mauren

entrissen. Hier 23. Nov. 1808 Sieg der Franzosen unter Lannes

über die Spanier unter Palafox.

Tudor (spr. tjuhdor), engl. Dynastie, regierte von 1485

bis 1603, leitete ihren Ursprung von einem Walliser Edelmann, Owen

ap Mergent (Meridith) ap T. (Theodor), ab, welcher 1422 Katharina

von Frankreich, die Witwe Heinrichs V. von England, heiratete und

dadurch der Stiefvater Heinrichs VI. von England wurde. Sein Sohn

Edmund T., Graf von Richmond, vermählte sich 1455 mit

Margarete von Beaufort, welche durch ihren Vater von Johann von

Gent, dem Stammvater des Hauses Lancaster, abstammte, und der Sohn

dieser Ehe, Heinrich T., Graf von Richmond, bestieg, nachdem er bei

Bosworth 1485 dem König Richard III. aus dem Haus York Thron

und Leben geraubt, als Heinrich VII. den englischen Thron, indem er

zugleich durch seine Vermählung mit Elisabeth, der

ältesten Tochter Eduards IV. aus dem Haus York, die

Ansprüche der beiden Rosen in seiner Person vereinigte. Er

hinterließ drei Kinder: Margarete, zuerst mit Jakob IV. von

Schottland vermählt und durch ihn

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

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898

Tudorblatt - Tugendbund.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 259 / 302 段