Tschers (pers.), aus dem indischen Hanf in Form einer

Pasta bereitetes Narkotikum, das, wie in der Türkei das

Esrar(s. d.),in Afghanistan, Persien und Mittelasien (hier auch

Anascha oder Chab genannt) unter den Tabak gemischt geraucht wird.

Vgl. Haschisch.

Tscheschme (bei den Griechen Krene genannt), Hafenstadt

im asiatisch-türk. Wilajet Aïdin, am Ägeischen Meer,

Chios gegenüber, mit mittelalterlicher Citadelle,

Rosinenhandel und ca. 20,000 fast nur griech. Einwohnern. Bei T.

wurde in der Nacht vom 5. zum 6. Juli 1770 eine Seeschlacht

geliefert, in welcher die Russen die türkische Flotte

verbrannten, die sich unvorsichtigerweise in die enge und seichte

Bucht nach T. zurückgezogen hatte. Zum Andenken an den Sieg

gründete Katharina II. 15 km südlich von St. Petersburg

ein gleichnamiges Militärkrankenhaus. Im April 1881 wurde T.

durch Erdbeben arg zerstört.

Tschesskajabai, Teil des Nördlichen Eismeers,

zwischen der Halbinsel Kanin, der Insel Kalgujew und dem

Festland.

Tschetschenzen, die russ. Bezeichnung für die zum

kaukasischen Stamm gehörigen, von den Georgiern Khisten

(Kisten), von den Lesghiern Mizdscheghen genannten

Völkerschaften, die sich selber Nachtschuoi nennen. Ihr Gebiet

wird im W. und NW. von Dagheftan, im NO. vom obern Terek, im N. von

der Kleinen Kabarda und dem Sundschafluß, im S. vom Kaukasus,

im O. vom obern Jakhsai und Enderi begrenzt. Zu ihnen gehören

namentlich die Inguschen, Karabulaken, Thusch oder Mosok,

Chewsuren, Pshawen und die T. im engern Sinn zwischen den

Karabulaken und dem Aksaifluß. Ihre Zahl beträgt etwa

161,500 Seelen. Die Männer zeichnen sich durch schlanken Wuchs

und Körpergewandtheit aus; den Frauen ist natürliche

Anmut eigen. Die Wohnorte, Aul genannt, sind befestigte

Dörfer. Jedes Dorf

888

Tschettik - Tschilau.

wählt aus der Mitte seiner Bewohner seine Ältesten.

Fürsten gibt es nicht; sie gelten alle als frei und teilen

sich in Geschlechter (Tochum), die sich nach den Auls nennen, aus

denen ihre Stammväter zur Zeit der Übersiedelung aus dem

Gebirge in die Ebene ausgeganzen sind. Ihre Sprachen sind mit

keinem andern Sprachstamm verwandt (s. Kaukasische Sprachen). Als

Mohammedaner enthalten sie sich des Weins, dafür

genießen sie desto mehr Branntwein. Hinsichtlich der

Gesittung stehen sie andern Kaukasiern nach; von Gewerbebetrieb und

sonstiger friedlicher Beschäftigung ist, von etwas Feldbau und

Viehzucht abgesehen, bei ihnen nicht die Rede. 1818 Rußland

unterworfen, erhoben sich die T., aufgeregt durch den Muridismus

(s. Muriden), in Masse gegen die Fremdherrschaft, und erst 1859,

nachdem sich Schamil (s. d.) den Russen hatte ergeben müssen,

gelangte die russische Herrschaft im östlichen Kaukasus zu

fester Begründung (s. Kaukasien, S. 635). Gleichwohl blieben

die T. stets unruhige und unwillige Unterthanen, die noch

während des orientalischen Kriegs 1877 gegen die Russen

aufstanden, bald aber wieder unterworfen wurden.

Tschettik (Tschettek), s. Strychnos und Pfeilgift.

Tschetwert (Kul), Einheit des russ. Getreidemaßes,

= 8 Tschetwerik = 64 Garnetz = 2,099 hl.

Tschi (Covid), Längenmaß in China, = 10 Tsun

oder Pant à 10 Fen, Fan oder Fahn = 0,3581 m. Auch

Getreidemaß, s. Hwo.

Tschibtscha (Chibcha, auch Muisca), amerikan. Volksstamm,

welcher im heutigen Kolumbien vom obern Zuila im N. bis gegen Pasto

im S. und von den Quellen des Atrato im W. bis gegen Bogota im O.

einen Staat gründete, der sich, wie Reste von Bauwerken

beweisen, zu verhältnismäßig hoher Kultur

entwickelte (vgl. Amerikanische Altertümer, S. 482, und

Sogamoso).

Tschibuk (türk.), Rohr, Pfeifenrohr; die türk.

Tabakspfeife im allgemeinen, die aus einem deckellosen Thonkopf

(Lule), aus dem Rohr, dem Mundstück (Imame) und dem

Verbindungsrohr zwischen dem letztern und der Pfeife besteht. Als

beste Sorte der kleinen, breiten und rötlichen

Pfeifenköpfe gelten die in einigen Fabriken von Top-Hane

verfertigten. Die besten Jasminrohre stammen aus der Umgebung von

Brussa; das Mundstück wird aus Bernstein angefertigt.

Bisweilen sind diese Pfeifen mit kostbaren Edelsteinen geziert. Der

Tabak im Pfeifenkopf wird durch eine glimmende Kohle

angezündet und, um das Herabfallen desselben auf den Teppich

zu verhüten, eine kleine Metallschale unter den Pfeifenkopf

gelegt. Der T. ist ein steter Begleiter des Türken; einem

besondern Diener, dem Tschibuktschi, ist die Pflege desselben

anvertraut; derselbe folgt mit den Rauchutensilien beständig

seinem Herrn und ist zugleich eine Vertrauensperson desselben. Vgl.

Vambery, Sittenbilder aus dem Morgenland (Berl. 1876).

Tschichatschew, Peter von, russ. Naturforscher und

Reisender, geb. 18l2 zu Gatschina bei St. Petersburg, war Attache

bei der Gesandtschaft in Konstantinopel und bereiste 1842-44

Kleinasien, Syrien und Ägypten. Nachdem er dann verschiedene

Länder Europas besucht und den Altai im Auftrag des Kaisers

erforscht hatte, konzentrierte er seit 1848 seine

Hauptthätigkeit auf die Durchforschung Kleinasiens, wo er bis

1853 ganz auf eigne Kosten sechs ausgedehnte Reisen ausführte

und zwar in erster Linie als Geognost und Botaniker; auch 1858 war

er wieder in Kleinasien und Hocharmenien. Außer den

Reisewerken: "Voyage scientifique dans l'Altaï oriental et les

parties adjacentes de la frontière de Chine" (Par. 1845, mit

Atlas), "Asie Mineure" (das. 1853-68, 8 Bde. mit Atlas), "Lettres

sur la Turquie" (Brüss. 1859), "Une page sur l'Orient" (2.

Aufl. 1877), "Le Bosphore et Constantinople" (3. Aufl. 1877) und

"Espagne, Algérie et Tunésie" (Par. 1880; deutsch.

Leipz. 1882) veröffentlichte er auch mehrere wissenschaftliche

Arbeiten und politische Schriften sowie eine Übersetzung von

Grisebachs Pflanzengeographie und ein kleines Werk: "Kleinasien"

(deutsch, das. 1887). Sein Bruder Plato v. T. bereiste gleichfalls

Nordafrika, Südeuropa und Südamerika, machte den Feldzug

gegen China mit und lebte dann in Italien und Frankreich.

Tschiervaporphyr, s. Granitporphyr.

Tschiftlik (türk.), Landgut, früheres

Militärlehen. T.-Sahibi (auch Aga), in Bosnien eine Art

Grundherr, der nicht den Zehnten, sondern ein volles Drittel des

Rohertrags bezog. T.-Humajun (auch Mici genannt), die

Privatgüter des Sultans.

Tschifu (engl. Cheefoo), einer der chines.

Traktatshäfen, in der Provinz Schantung am Eingang des Golfs

von Petschili gelegen, mit etwa 32,000 Einw. Der

fremdländische Handel (Totalwert 1887: 1,6 Mill. Taels) nimmt

stetig zu. T. ist Sitz eines deutschen Konsuls und verschiedener

Missionen, im ganzen ca. 120 Europäer und Amerikaner.

Tschigirin, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kiew, an der

Tjasmina (Nebenfluß des Dnjepr) in steppenartiger, aber

fruchtbarer Gegend, hat 5 russische und eine evang. Kirche und

(1885) 16,009 Einw., welche Branntwein, Seife, Leder (Kalbleder und

Juften) und Leinwand zur Ausfuhr bringen. - T., im 16. Jahrh.

gegründet, wurde 1546 Hauptort der kleinrussischen Kosaken;

1596 schlug hier der Kosak Nelimaiko den polnischen Hetman

Zolkjemski, 1677 und 1678, nachdem die Stadt 1659 russisch geworden

war, belagerten die Türken dieselbe, wobei Gordon (s.d. 2)

heldenmütigen Widerstand leistete; schließlich

mußten die Russen die Festung räumen, ohne daß die

Türken dieselbe dauernd zu behaupten vermocht hätten.

Diese Kämpfe, die ersten, welche unmittelbar zwischen Russen

und Türken erfolgten, werden als die "Tschigirinfeldzüge"

bezeichnet.

Tschikasa (engl. Chickasaws), ein den Tschokta verwandter

Indianerstamm in Nordamerika, früher ziemlich mächtig und

am mittlern Mississippi und Yazoofluß (in den Staaten Alabama

und Tennessee) wohnhaft. Die T. zeigten sich früh (1699) den

von den Gebirgen Carolinas herabsteigenden und mit ihnen Handel

treibenden Engländern geneigt, während sie einen tiefen

Haß gegen die den Mississippi heraufkommenden und sie

übermütig behandelnden Franzosen nährten. Es kam zu

offenen Feindseligkeiten (1736-40), infolge deren der Stamm teils

vernichtet oder gefangen, teils aus seinem Gebiet auf das andre

Mississippiufer vertrieben wurde. 1786 schlossen die T. mit der

Union Freundschaft und wanderten 1837 und 1838 mit den Tschokta

nach dem Indianerterritorium aus, dessen südwestlichen Teil

sie, 1883 ca. 6000 Köpfe stark, bewohnen. Sie haben ihre eigne

Legislatur, bestehend aus Senat und Repräsentantenhaus, dazu

gute Schulen, geregelte Finanzen und zeichnen sich überhaupt

durch Fortschritte in der Zivilisation vor andern aus. Ihre Sprache

ist von der der Tschokta wenig verschieden. Vokabularien derselben

finden sich in Adairs "History of the American Indians" (Lond.

1775) und im 2. Bande der "Archaeologia americana".

Tschikischlar, Fort, s. Atrek.

Tschilau (pers.), ein dem türk. Pilaw (s. d.)

äzhn-

889

Tschili - Tschitschagow.

liches Gericht, das aber weniger fett in luftdichtem

Gefäß durch Dampf gekocht wird; es vertritt bei

Mahlzeiten die Stelle des Brots.

Tschili, chines. Provinz, s. Petschili.

Tschilka (Chilka), See (richtiger Lagune) in der

britisch-ind. Provinz Orissa, an der Westküste des

Bengalischen Meerbusens, hat bei 1-2½ m Tiefe je nach der

Jahreszeit 891-1165 qkm (16-21 QM.) Umfang und steht mit dem Meer

durch einen an 300 m breiten Kanal in Verbindung. Bei Hochwasser

frisch, wird das Wasser später ganz salzig.

Tschille (pers.), die 40 Tage der strengen

Winterkälte (in Konstantinopel sehr gefürchtet); auch die

40 Tage, welche die Frau nach der Niederkunft in

Zurückgezogenheit zu verbringen hat.

Tschimin (türk.), Wasserpfeife in Mittelasien,

plumper als der persische Kalian (s. d.), besteht aus einem

länglichen Kürbis oder einer Holzflasche mit kurzem Rohr;

der Tabak wird nicht in benetztem, sondern in trocknem Zustand

geraucht.

Tschin (russ.), Rang; Bezeichnung für die russischen

Rangstufen (Tschiny), in welchen die Zivil- und Militärbeamten

gemeinschaftlich rangieren. Mit der vierten Klasse (Wirklicher

Staatsrat, Generalmajor) ist der Adel verbunden.

Tschinab, Fluß, s. Tschenab.

Tschindana (Tjindana), früher Name der Insel Sumba

(s. d.).

Tschinghai, lebhafter Vorhafen der chines. Stadt Ningpo,

links am Yungfluß, nahe der Mündung desselben, seit 1842

dem europaischen Handel geöffnet. Eine verfallene Citadelle

und eine neuerbaute Batterie von zehn Geschützen verteidigen

die Reede. Im Krieg Frankreichs mit China wurde T. 1885 von den

Franzosen wiederholt beschossen und das Fort Siaokung

zerstört.

Tschingkiang (Chinkiang), Name verschiedener chines.

Städte, darunter am wichtigsten die für den

europäischen Handel geöffnete Hafenstadt in der Provinz

Kiangsu, an der Mündung des Jantsekiang, Sitz eines deutschen

Konsuls, mit einer katholischen und evang. Mission und etwa 135,000

Einw. Im Hafen verkehrten 1886: 3526 Schiffe von 2,328,052 Ton.,

davon 126 deutsche von 72,540 T.; die Einfuhr wertete 1887: 98,000

Haikuan Tael. Die Stadt wurde 1842 von der britischen Flotte

bombardiert, 1853 von den Taiping zerstört, später aber

wieder aufgebaut.

Tschingtu, Hauptstadt der chines. Provinz Setschuan, an

einem Nebenfluß des Jantsekiang, hat breite Straßen,

schöne Häuser, einen immer bedeutender werdenden Handel

und 350,000 Einw.

Tschintschotscho (Chinchoxo), Faktorei und ehemalige

Station der Deutschen Afrikanischen Gesellschaft, im

portugiesischen Teil der Loangoküste an der Mündung des

Lukulu.

Tschippewäer, Indianerstamm der Algonkin, s.

Odschibwä.

Tschirch, Wilhelm, Männergesangskomponist, geb. 8.

Juni 1818 zu Lichtenau (Schlesien), machte seine Studien am

Lehrerseminar zu Bunzlau und von 1839 an auf Staatskosten am

königlichen Institut für Kirchenmusik zu Berlin, wo er

gleichzeitig den Kompositionsunterricht von Marx genoß. 1843

wurde er in Liegnitz als städtischer Musikdirektor und 1852 in

Gera als fürstlicher Kapellmeister angestellt. Seine

Männergesangskompositionen verbreiteten sich in die weitesten

Kreise, selbst nach Amerika, woselbst T. auch persönlich

enthusiastisch gefeiert wurde, nachdem er einer Einladung zu dem

1869 in Baltimore veranstalteten Sängerfest gefolgt war.

Außer seinen Mannerchören, unter denen die von der

Akademie der Künste zu Berlin mit dem ersten Preis

gekrönte Tondichtung "Eine Nacht auf dem Meere" Erwähnung

verdient, komponierte er noch eine Oper: "Meister Martin und seine

Gesellen" (aufgeführt 186l zu Leipzig), sowie kleinere Sachen

für Orgel und Klavier.

Tschirmen, Flecken im türk. Wllajet Adrianopel,

rechts an der Maritza, westlich von Adrianopel, mit Citadelle und

2000 Einw., welche Seidenzucht treiben.

Tschirnau (Groß-T.), Stadt im preuß.

Regierungsbezirk Breslau, Kreis Guhrau, an der Linie

Breslau-Stettin der Preußischen Staatsbahn, hat eine

evangelische und eine kath. Kirche, eine Präparandenanstalt,

ein adliges Fräuleinstift, Spiritusbrennerei und (1885) 758

meist evang. Einwohner.

Tschirnhaus (Tschirnhausen), Ehrenfried Walter, Graf von,

Naturforscher, geb. 10. April 1651 auf Kieslingswalde bei

Görlitz, studierte zu Leiden Mathematik, war 1672 und 1673

Freiwilliger in holländischen Diensten, bereiste seit 1674

Frankreich, Italien, Sizilien und Malta und zog sich später

auf sein Gut Kieslingswalde zurück; starb 11. Okt. 1708 in

Dresden. Er errichtete in Sachsen drei Glashütten und eine

Mühle zum Schleifen von Brennspiegeln von

außerordentlicher Vollkommenheit. Er experimentierte mit

einem Brennspiegel von 2 Ellen Brennweite und beschrieb die

erhaltenen Resultate (1687 und 1688). Ein nicht geringes Verdienst

gebührt ihm bei der Erfindung des Meißener Porzellans.

Als Philosoph erwarb er sich eine gewisse Bedeutung durch seine

"Medicina mentis" (Amsterd. 1687, Leipz. 1695). Auch als

Mathematiker hat er sich namhafte Verdienste erworben, und die

"Acta Eruditorum" aus den Jahren 1682-98 enthalten von ihm eine

Reihe von Arbeiten über Brennlinien, das Tangentenproblem,

Quadraturen, Reduktion von Gleichungen u. a. Vgl. Kunze,

Lebensbeschreibung des E. W. v. T. ("Neues Lausitzisches Magazin",

Bd. 43, Heft 1, Görl. 1866); Weißenborn,

Lebensbeschreibung des E. W. v. T. (Eisenach 1866).

Tschirokesen, s. Tscherokesen.

Tschistopol, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kasan, an

der Kama, hat ein weibliches Progymnasium, Ackerbau, Viehzucht,

Fischerei, lebhaften Handel und (1885) 24,288 Einw.

Tschita, Hauptstadt des sibir. Gebiets Transbaikalien,

mit (1885) 5728 Einw.

Tschitah, s. Gepard.

Tschitraga, ein hieroglyphisches Zeichen, das die Inder

mit rotem Sandelholz oder Asche von Kuhmist oder heiliger Erde auf

Brust und Stirn malen, um die religiöse oder philosophische

Sekte anzudeuten, zu der sie sich bekennen. Am Stoff der Farbe

erkennt man den Gott, den man verehrt. Das Malen selbst wird jeden

Tag nach den gewöhnlichen Abwaschungen unter Hersagung eigner

Gebetsformeln vorgenommen.

Tschitschagow, Wasilij Jakowlewitsch, russ. Admiral, geb.

1726, nahm 1765 und 1766 an großen Expeditionen im Eismeer

teil, befehligte im Türkenkrieg 1773-75 die donische Flottille

und wurde 1788 während des schwedisch-russischen Kriegs nach

S. Greighs Tod Oberbefehlshaber der baltischen Flotte; er siegte

1790 über die Schweden bei Reval und beschleunigte durch die

Erfolge der Russen zur See den Abschluß des Friedens. Er

starb 1809. -

Sein Sohn Paul Wasiljewitsch, geb. 1762, ward 1802 zum

Vizeadmiral und Dirigierenden des Seeministeriums und 1812 zum

Admiral ernannt. Im Mai d. J. übernahm er an Kutusows Stelle

den Oberbefehl über die russische Moldauarmee und schloß

28. Mai den

890

Tschitschenboden - Tschudi.

Frieden von Bukarest ab; sodann befehligte er die dritte

Westarmee, eroberte zwar im November Minsk und Borissow, ward aber

28. Nov. mit 27,000 Mann an der Beresina von 8000 Mann Franzosen,

Schweizern und Polen unter Oudinot, Ney und Dombrowski geschlagen

und von Ney bis nach Stachowa zurückgeworfen. Deshalb in

Ungnade gefallen, nahm er Urlaub auf unbestimmte Zeit und lebte

seitdem meist in Frankreich und England, wo er auch zu seiner

Rechtfertigung eine Denkschrift: "Retreat of Napoleon" (Lond.

1817), veröffentlichte. Da er dem 1834 erlassenen Ukas,

welcher allen im Ausland verweilenden Russen befahl, in ihr

Vaterland zurückzukehren, nicht nachkam, ward er aus den

Listen der russischen Marine gestrichen, seiner Würde als

Reichsrat entsetzt und seiner Güter beraubt. Er starb 1. Sept.

1849 in Paris. Seine "Mémoires" über den Krieg von 1812

erschienen 1855 in Berlin und 1862 in Paris.

Tschitschenboden, die südöstliche Fortsetzung

des eigentlichen Karstes (s. d.), welche den größten

Teil Istriens erfüllt und sich insularisch in Cherso etc.

fortsetzt; nach dem diesen Landstrich bewohnenden kroatischen Stamm

der Tschitschen benannt. Er bildet Flächen, die von NW. nach

SO. gefurcht sind, und kulminiert im Monte Maggiore (1394 m).

Tschobe, Name des Cuando in seinem untern Lauf, da wo er

südlich und dann, sich nach N. biegend, auch nördlich vom

18.° südl. Br. ein langes und breites Sumpfgebiet bildet,

ehe er wiederum als Cuando bei Mpalewa sich in den Sambesi

ergießt.

Tschoga (türk.), in Afghanistan und Indien langes,

weites Oberkleid, in Mittelasien Pelzgewand.

Tschoh, s. Chow.

Tschohadar (Tschokadar, türk.), Diener.

Tschokta (Choctaws, Chactas), großer nordamerikan.

Indianerstamm, der ursprünglich in Mexiko wohnte, dann nach

dem mittlern Mississippi und Yazoofluß übersiedelte,

seit 1837 aber einen Teil des Indianerterritoriums (nördlich

am Red River) innehat. Die T. treiben ausgedehnten Ackerbau (Mais

und Baumwolle), unterhalten einen ansehnlichen Viehstand, haben gut

gebaute Häuser, verstehen sich auf Spinnen, Weben und die

wichtigsten Handwerke und haben eine der Unionsverfassung

nachgeahmte geschriebene Konstitution mit einem gesetzgebenden Rat

(legislature) von 40 Mitgliedern sowie geschriebene Gesetze. Die

Exekutivgewalt wird von einem Gouverneur ausgeübt. Alle

Männer der Nation sind wehrpflichtig. Die Sprache der T. ist

eine der drei Hauptsprachen der Indianer. Für die

religiösen Bedürfnisse derselben sorgen die Sendlinge der

amerikanischen Missionsgesellschaften. Das Neue Testament und

einige andre Bücher sind von ihnen in die Sprache der T.

übersetzt worden. Für die 36 Schulen wird ein bestimmter

Teil der Jahrgelder verwendet, welche die Union für die

Länderabtretungen im Betrag von 36,000 Dollar zu bezahlen hat.

Vor Verpflanzung der T. nach dem Westen wurde die Zahl derselben

auf 18,500 Seelen geschätzt, 1883 auf 18,000. Eine Grammatik

der Tschoktasprache schrieb Byrington (Philad. 1870), ein

Wörterbuch Wright (engl., St. Louis 1880).

Tschorba, türk. Nationalspeise, ein Ragout aus

Hammelfleisch, Kartoffeln, Reis und Zwiebeln.

Tschorlu, Stadt im türk. Wilajet Adrianopel, am

Tschorlu Dere und an der Eisenbahn von Konstantinopel nach

Adrianopel, Sitz eines griechischen Bischofs, mit 8000 Einw., meist

Griechen. In der Umgegend viel Weinberge und Obstgärten.

Tschouschan (bei den Europäern Tschusan, engl.

Chusan), Inselgruppe an der Ostküste von China, in der Provinz

Tschekiang, Ningpo gegenüber, 1½ km von der Küste,

besteht aus einer 600 qkm großen Hauptinsel mit dem

befestigten Hauptort Tinghai (30,000 Einw.) und gegen 400 Eilanden

mit 400,000 Einw., darunter das mit Klöstern für 1000

buddhistische Mönche, Tempeln etc. bedeckte Put u. Die

Hauptinsel wurde 1840, 1841 und 1860 von den Engländern

besetzt und erst nach Eröffnung Chinas für den Handel mit

Europa zurückgegeben.

Tschu, japan. Längenmaß, = 60 Keng = 360

Schaku (1 Schaku = 0,3036 m); auch Flächenmaß, = 3000

QKeng = 99,57 Ar.

Tschu (Tschui), Fluß in der asiatisch-russ. Provinz

Turkistan, entspringt als Koschkar im Mustagh, fließt

nördlich vom Issikul in westlicher Richtung, bis er sich nach

NW. wendet, den Kungei-Alatau durchbricht und, nachdem er links den

Karagatai aufgenommen, die Wüste Mujunkum bis zum Saumalkul

begrenzt, worauf er in den Tatalkul sich ergießt.

Tschuchloma, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kostroma,

am See T., mit (1885) 1978 Einw.

Tschuden, allgemeiner Name der im russ. Reich

verbreiteten finnischen Völkerschaften; im engern Sinn ein zur

Gruppe der baltischen Finnen gehöriges, einst weitverbreitetes

Volk, das man auch als Wepsen (Wepsälaiset), Wessen oder

Nordtschuden bezeichnet, von dem aber nur noch 56,000 Seelen in den

am Ladoga- und Onegasee gelegenen Strichen des Gouvernements Olonez

und im Gouvernement Wologda übrig sind. Nahe verwandt mit

ihnen sind die Woten oder Südtschuden, die sich selbst

Waddjalaiset nennen; im ganzen noch 12,000 Köpfe in den

Gouvernements Nowgorod und St. Petersburg, aber im Aussterben

begriffen. Grammatik von Ahlquist (Helsingfors 1855).

Tschudi, ältestes Adelsgeschlecht der Schweiz im

Kanton Glarus. Nachdem dasselbe 906-1288 das säckingische

Meieramt besessen, erlangte es durch Jost T., der mehr als 30 Jahre

Glarus als Landammann vorstand und 1446 den Sieg bei Ragaz

entschied, neues Ansehen. Sein Sohn Johannes T. befehligte die

Glarner in den Burgunderkriegen und dessen Sohn Ludwig T. in den

Schwabenkriegen. Des letztern jüngerer Sohn war Ägidius

(s. unten). Vgl. Blumer, Das Geschlecht der T. von Glarus (St.

Gallen 1853). Bemerkenswert sind:

1) Ägidius (Gilg), Geschichtschreiber, geb. 5. Febr. 1505,

empfing seinen ersten Unterricht von Zwingli, damals Pfarrer in

Glarus, studierte in Basel u. Paris und verfaßte 1528 eine

"Beschreibung Rätiens", welche gegen seinen Willen von Seb.

Münster gedruckt wurde. In verschiedenen hohen

eidgenössischen und kantonalen Stellungen wirkte er

anfänglich, obwohl der Reformation entschieden abgeneigt,

eifrig im Sinn der konfessionellen Versöhnung. 1558 zum

Landammann gewählt, nahm er jedoch als Haupt der katholischen

Minderheit in Glarus allmählich eine schroffere Stellung ein.

Als er deshalb bei der Neuwahl 1560 von der Landsgemeinde

übergangen wurde, widmete er sich bis zu seinem 28. Febr. 1572

erfolgten Tod fast ausschließlich der Vollendung seiner zwei

großen Geschichtswerke, der "Gallia Comata", welche neben

einer Beschreibung des alten Gallien namentlich die Altertümer

und Vorgeschichte der Schweiz enthält, und der viel

wertvollern, bis 1470 reichenden "Schweizerchronik", welche bis auf

Joh. v. Müller herab als Hauptquelle für die ältere

Schweizergeschichte benutzt, aber erst 1734-36 zu Basel gedruckt

wurde (2 Bde.). Tschudis Darstellung der Entstehung der

Eidgenossenschaft, die auf einer geschickten Verknüpfung

von

891

Tschudisches Meer - Tschuktschen.

Urkunden, sagenhafter Überlieferung und freier Erfindung

des Autors beruht, ist jahrhundertelang die herrschende geblieben

und durch Joh. v. Müller und Schiller europäisches

Gemeingut geworden. Seit Kopps Forschungen dieselbe als Sage oder

Roman haben erkennen lassen, beruht der Wert der Chronik Tschudis,

abgesehen von ihrem litterarischen Verdienst, hauptsächlich

auf den zahlreichen, jetzt verlornen Urkunden, deren Wortlaut sie

uns erhalten hat. Vgl. Euch s, Ägidius Tschudis Leben und

Schriften (St. Gallen 1805, 2 Bde.); Vogel, Egidius T. als

Staatsmann und Geschichtschreiber (Zürich 1856); Blumer,

Ägidius T. (im "Jahrbuch des Historischen Vereins Glarus" 1871

u. 1874); Herzog, Die Beziehungen des Chronisten Ä. T. zum

Aargau (Aarau 1888).

2) Iwan von, geb. 19. Juni 1816 zu Glarus, seit 1846 Mitbesitzer

der Verlagsbuchhandlung Scheitlein u. Zollikofer in St. Gallen,

gest. 28. April 1887 daselbst, machte sich als Alpenforscher

besonders verdient durch die Herausgabe eines trefflichen

Reisehandbuchs: "Tourist in der Schweiz und dem angrenzenden

Süddeutschland, Oberitalien und Savoyen" (1855, 30. Aufl.

1888).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 257 / 302 段