medaner anzusehen, bei dem Volk haben sich sowohl christliche

Gebräuche als zahlreiche Spuren des alten Heidentums erhalten.

Die Richter, die Ältesten des Stammes, urteilen in Ermangelung

geschriebener Gesetze, da die T. keine Schriftzeichen besitzen,

nach dem Herkommen. Für den Verurteilten ist der ganze Stamm

verantwortlich. Der einzige Fall, in welchem ein Gericht auf Tod

erkennen kann, ist offener oder geheimer Dienst beim Feinde; doch

auch da begnügt man sich meist mit einer hohen Geldstrafe.

Dagegen kostet die Blutrache alljährlich vielen T. das Leben,

da dieselbe an dem ganzen Stamm des Beleidigers ausgeübt wird.

Die Sprache der T., selbständig für sich dastehend, ist

kenntlich an vielen Gurgeltönen, reich, zur Poesie geeignet

und zerfällt in einen nördlichen (Abesech) und

südlichen (Ubuch) Dialekt (s. Kaukasische Sprachen). Sie haben

Sänger (Kikoakoa), welche in hohem Ansehen stehen. Vgl.

L'Huilier, Russisch-tscherkessisches Wörterbuch und Grammatik

(Odessa 1846); Löwe, Circassian dictionary (Lond. 1854). Seit

der Einführung des Korans hat die arabische Sprache sich

bedeutend ausgebreitet, und in ihr werden auch die Dokumente

ausgestellt. Die Verfassung ist eine feudal-aristokratische; die

Bevölkerung teilt sich in vier Stände: Pschi

(Fürsten), Work oder Elsden (Ritter), Tsokol oder Waguscheh

(Freie) und Pschitli (Sklaven). Von den Pschi sollen im Lande der

Adighe nur noch vier, aber gliederreiche Familien vorhanden sein;

die Work sollen noch einige hundert Höfe besitzen. Die

Pschitli sind die Nachkommen kriegsgefangener Frauen und Kinder

sowie solcher Adighe, welche durch Richterspruch zur Sklaverei

verurteilt wurden. Sie sind jetzt persönlich frel und haben

nur einige Naturalabgaben, Fron- und Kriegsdienste zu leisten. Die

Geistlichkeit kann man in zwei Klassen teilen; die erste davon ist

die alte christlich-heidnische (Dschiur genannt), welche aber von

der mohammedanischen Geistlichkeit mehr und mehr verdrängt

wird. Die Männer gehen stets bewaffnet und zwar mit Flinte,

Säbel, Pistole und Dolchmesser. Eigentümlich sind die auf

der Brust getragenen orgelpfeifenähnlichen

Patronenhülsen. Die Hauptcharakterzüge des Volkes sind:

Anhänglichkeit an die Familie, Tapferkeit, Entschlossenheit,

Gastfreiheit, Ehrfurcht vor dem Alter und Gemeinsinn, aber auch

Leichtsinn, Roheit, Habgier, Neigung zur Dieberei und namentlich

Lügenhaftigkeit. Der Hausvater ist auf seinem Gehöft

unumschränkter Herr; die Söhne bleiben, solange er lebt,

ihm zur Seite; der älteste Sohn wird Erbe des Hofs und des

größern Teils der beweglichen Habe. Das Heiraten

geschieht nach freier Wahl, und zwar wird das Mädchen aus dem

elterlichen Haus heimlich entführt und erst später nach

der Hochzeit der vereinbarte Preis vom Mann bezahlt. Die Stellung

der Frauen ist nicht die sklavische wie sonst im Morgenland. Das

Mädchen wird früh in weiblichen Handarbeiten, Nähen,

Stricken etc., geübt und tummelt sich als Jungfrau mit den

Brüdern und Vettern im Gehöft umher, lernt den Bogen

spannen und das Roß lenken. Diese Selbständigkeit

verhindert aber nicht, daß Mädchen von den eignen Eltern

verkauft werden, um in türkischen Harems eine mehr oder minder

glanzvolle Rolle zu spielen. Vgl. Kaukasien.

[Geschichte.] Schon im Altertum traten die T. unter dem Namen

der Sychen als Seeräuber auf. Im 13. Jahrh. wurden sie von den

georgischen Königen unterworfen und zum Christentum bekehrt,

doch errangen sie 1424 ihre Unabhängigkeit wieder. Inzwischen

hatten sie sich über die Ebenen am Asowschen Meer verbreitet

und waren dadurch mit den Tataren in Konflikt geraten. Die

Bedrückungen, welche sich der Chan der Krim gegen die

Gebirgsstämme erlaubte, nötigten diese, sich 1555 dem

russischen Zaren Iwan IV. Wasiljewitsch zu unterwerfen, der ihnen

hierauf gegen die Tataren Hilfe leistete. Nach dem Abzug der

russischen Truppen überzog Chan Schah Abbas Girai 1570 die

Transkubaner mit Krieg, siedelte sie jenseit des Kuban an und zwang

sie zur Annahme des Islam. 1600 kehrten sie in ihre alten Wohnsitze

zurück; da sie aber von seiten der neuen Ansiedler Hindernisse

fanden, zogen sie an den Fluß Bassan und drängten auf

die Kabardiner. Daraus entstand ein innerer Krieg, und infolge

dessen fand die Teilung des kabardinischen Volkes in die

Große und Kleine Kabarda statt. Erst 1705 befreite ein

entscheidender Sieg die T. von harter Bedrückung. Nach dem

Frieden von Kütschük Kainardschi wurde 1774 Rußland

Herr der beiden Kabarden. Seit 1802 Georgien eine russische Provinz

geworden war, strebte Rußland, dessen Grenzen bereits bis an

den Kuban vorgerückt waren, durch den Besitz des Kaukasus eine

Verbindung zwischen jenem Land und Kaukasien herzustellen. 1807

nahmen die Russen Anapa, mußten es aber infolge des Friedens

von Bukarest 1812 wieder räumen. Die Türken fanatisierten

nun die T. immer mehr gegen die Russen, und die T. unternahmen von

jetzt an fortwährend Einfälle ins russische Gebiet. 1824

leisteten sogar mehrere Stämme dem Sultan den Eid der Treue.

Im russisch-türkischen Krieg von 1829 fiel Anapa jedoch

abermals in die Hände der Russen, und im Frieden von

Adrianopel kamen die türkischen Besitzungen auf dieser

Küste überhaupt an Rußland. Seitdem begann die

systematische Unterwerfung der Bergvölker, welche anfangs

angriffsweise ins Werk gesetzt wurde, aber keinen Erfolg hatte. Man

gab endlich die verderblichen Expeditionen in das Innere des Landes

auf und beschränkte sich auf die Absperrung des Landes, reizte

aber durch diese defensive Haltung die Unternehmungslust der

Bergvölker. 1843 rief Schamil (s. d.), welcher schon seit 1839

die Tschetschenien und andre östliche Gebirgsstämme zum

Kampf gegen die Russen zu begeistern gewußt, auch die T. zur

Erneuerung der Angriffe auf, so daß seitdem fast alle

Bergvölker vereint gegen Rußland im Kampf begriffen

waren. Nach dem Beginn des russisch-türkischen Kriegs von 1853

setzten Schamil und die übrigen Häuptlinge um so

energischer den Kampf fort, als sie jetzt von den Türken

unterstützt wurden. Nach dem Einlaufen der

englisch-französischen Flotte ins Schwarze Meer (Januar 1854)

waren die T. namentlich bei der Eroberung und Zerstörung der

russischen Küstensorts eifrig mit thätig. Indes wirkte

die Spaltung zwischen den Muriden Schamils und den übrigen

Mohammedanern einem einheitlichen Handeln entgegen, und als 1856

Fürst Barjatinskij den Oberbefehl im Kaukasus übernahm,

hatte er auf der lesghischen Seite nur noch vereinzelte

Raubzüge zurückzuweisen. Die Russen besetzten nach und

nach wieder die im Krieg verlassenen festen Punkte und setzten die

Ausführung ihres Unterwerfungsplans gegen die Bergvölker

durch Lichten der Wälder nicht ohne Erfolg fort. Anfang Juli

1857 schlug Fürst Orbeliani II. auf der Hochebene Schalatawia

die Hauptmacht Schamils, der am 6. Sept. 1859 in seinem letzten

Schlupfwinkel zur Unterwerfung gezwungen wurde. Damit war der Kampf

in der Hauptsache beendet; er hatte der russischen Armee im ganzen

½ Mill. Menschen gekostet. Die T. wanderten in den

nächsten Jahren in großen Scharen nach der

885

Tschermak - Tschernigow.

Türkei aus, bis 1864 im ganzen 450,000 Seelen, wo sie in

den Grenzprovinzen, namentlich in Bulgarien und in Thessalien,

angesiedelt wurden, um die mosleminische Bevölkerung zu

vermehren, aber durch ihre unruhige Wildheit und Roheit viele

Klagen hervorriefen. Auch bei der Bekämpfung des Aufstandes in

der Herzegowina 1875 und in Bulgarien 1876 sowie im neuen

russisch-türkischen Krieg 1877 thaten sich die

tscherkessischen Truppen durch Zügellosigkeit und barbarische

Wildheit hervor, während ihre kriegerische Tüchtigkeit

sich im geregelten Kampf wenig bewährte. Die im Kaukasus

zurückgebliebenen T. machten 1877 ebenfalls Aufstandsversuche,

doch ohne einheitlichen Plan und daher ohne Erfolg. Als besondere

Nation haben die T. aufgehört zu existieren, und ihre

Zerstreuung unter fremde Völker wird sie, die keinen

Zusammenhang mehr haben, dem Untergang entgegenführen. Vgl.

Bodenstedt, Die Völker des Kaukasus (2. Aufl., Berl. 1855, 2

Bde.); Lapinsky, Die Bergvölker des Kaukasus und ihr

Freiheitskampf gegen die Russen (Hamb. 1863, 2 Bde.); Berge, Sagen

und Lieder des Tscherkessenvolkes (Leipz. 1866).

Tschermak, Gustav, Mineralog, geb. 19. April 1836 zu

Littau bei Olmütz in Mähren, studierte 1856 bis 1860 zu

Wien, habilitierte sich 1861 an der Universität daselbst,

wurde 1862 Kustos am k. k. Hofmineralienkabinett, erhielt 1868 die

Professur an der Universität und die Direktion des

Hofkabinetts, welch letztere er bis 1877 führte. Von seinen

durch Ideenreichtum ausgezeichneten und zum Teil die wichtigsten

Mineralien betreffenden Arbeiten, deren viele in den von ihm

herausgegebenen "Mineralogischen Mitteilungen" (Wien 1871-77, seit

Anfang 1878 "Mineralogische und petrographische Mitteilungen")

erschienen sind, seien hervorgehoben: "Untersuchungen über das

Volumgesetz flüssiger chemischer Verbindungen" (das. 1859);

"Über Pseudomorphosen" (das. 1862-66); "Die Feldspatgruppe"

(das. 1864); "Die Verbreitung des Olivins in den Felsarten und die

Serpentinbildung" (das. 1867); "Die Porphyrgesteine

Österreichs" (das. 1869); "Die Pyroxen-Amphibolgruppe" (das.

1871); "Die Aufgaben der Mineralchemie" (das. 1871); Berichte

über verschiedene Meteoriten (das. 1870 ff.); "Die Bildung der

Meteoriten und der Vulkanismus" (das. 1875); "Über den

Vulkanismus als kosmische Erscheinung" (das. 1877); "Die

Glimmergruppe" (Leipz. 1877-78); "Die Skapolithreihe" (das. 1883);

"Die mikroskopische Beschaffenheit der Meteoriten" (Stuttg. 1885);

auch schrieb er ein "Lehrbuch der Mineralogie" (3. Aufl., Wien

1888).

Tschern, Kreisstadt im russ. Gouvernement Tula, am

Fluß T., der in die Suscha fällt, und an der Eisenbahn

Moskau-Kursk, hat 4 Kirchen und (1885) 2666 Einw.

Tschernagora (besser Crnagora), slaw. Name für

Montenegro; Tschernagorzen, die Montenegriner.

Tschernaja (T.-Rjetschka, Kasulkoi), Fluß im S. der

Krim (s. d.), welcher von O. her durch das Thal von Inkerman bei

den Ruinen dieses letztern in die Reede von Sebastopol mündet,

war im Krimkrieg während der Belagerung von Sewastopol die

Scheidelinie der feindlichen Armeen. Hier erfocht Canrobert 25. Mai

1855 einen Sieg über die Russen. Der vom Fürsten

Gortschakow 16. Aug. 1855 vergeblich unternommene Angriff auf die

Stellung der Alliierten wird die Schlacht an der T. genannt.

Tschernajew, Michael Grigorjewitsch, russ. General, geb.

1828, trat erst in die Armee, kämpfte in der Krim und im

Kaukasus, ward dann im diplomatischen Dienst verwendet und

russischer Generalkonsul in Belgrad, leitete 1864 als General den

Feldzug nach Taschkent, das er eroberte, erhielt aber wegen

Unbotmäßigkeit seinen Abschied und ließ sich als

Notar in Moskau nieder. Er war einer der thätigsten

Führer der panslawistischen Partei und übernahm im Juli

1876 das Kommando des serbischen Heers an der Morawa, ward aber 29.

Okt. bei Alexinatz geschlagen. 1877 im russischen Heer nicht

verwendet, setzte er die Agitationen für das slawische

Wohlthätigkeitskomitee im In- und Ausland fort. Alerander III.

ernannte ihn 1882 zum Generalgouverneur von Taschkent, setzte ihn

aber schon im Februar 1884 wegen Eigenmächtigkeit wieder ab.

Da er die Maßregeln der Regierung in Asien und namentlich die

Transkaspische Bahn in den Zeitungen rücksichtslos

bekämpfte, ward er 1886 auch seiner Stelle als Mitglied des

Kriegsrats entsetzt.

Tschernawoda (Crnavoda, bei den Türken

Boghasköi), kleine Stadt in der rumän. Dobrudscha,

Distrikt Constanza, rechts an der Donau, von wo die 1860

eröffnete Eisenbahn nach Constanza am Schwarzen Meer

führt, hat eine Kirche, eine Moschee, einen Hafen und 2635

Einw. Im April 1854 nahmen die Russen die Stadt.

Tschernebog ("schwarzer Gott"), der oberste der finstern

Götter der nordischen Wenden und Slawen, als böses

Prinzip der Gegensatz von Swantewit (s. d.), ursprünglich der

"schwarze" Gott der Gewitternacht gegenüber dem "lichten"

Sonnen- und Tagesgott. Er wurde in abschreckender, kaum

menschenähnlicher Gestalt dargestellt und erhielt Trankopfer

zur Sühne. Auch mehrere Berge, vorzeiten jedenfalls

Opferstätten, führen noch den Namen T. (Corneboh), z. B.

einer in der Nähe von Bautzen (558 m).

Tschernigow, ein Gouvernement Kleinrußlands (s.

Karte "Polen etc."), wird von den Gouvernements Kiew, Poltawa,

Kursk, Orel, Mohilew und Minsk begrenzt und umfaßt 52,397 qkm

(nach Strelbitsky 52,402 qkm = 951,58 QM.). Die bedeutendsten

Flüsse sind: der Dnjepr, der jedoch nur die Westgrenze

berührt, die Desna, Sosh und Trubesch. Außerdem gibt es

viele kleinere Flüsse und eine Menge ganz unbedeutender Seen.

Das Land ist im allgemeinen eben und sehr flach und wird nur durch

einige hügelige Flußufer etwas wellig und

schluchtenreich. Der nördliche Teil desselben ist waldreich;

im Kreis Gluchow wird der berühmte Gluchowsche weiße

Thon gewonnen (jährlich 60,000 Pud), aus dem 9/10 aller

Porzellanwaren in Rußland bereitet werden. In geologischer

Beziehung ist das rechte, hohe Ufer der Desna bemerkenswert, das

aus Kreideschichten besteht, in denen Sandadern mit Kiesel und

Muschelteilen vorkommen. Das Klima ist gemäßigt und

gesund. Die Bevölkerung belief sich 1885 auf 2,075,867 Einw.,

40 pro QKilometer, meist Kleinrussen, außerdem

Großrussen, Deutsche, Juden, Griechen. Die Zahl der

Eheschließungen war 1885: 17,193, der Gebornen 100,917, der

Gestorbenen 66,500. Das Areal besteht aus 54 Proz. Acker, 20,2

Proz. Wald, 16,7 Proz. Wiese und Weide, 9,1 Proz. Unland. T. hat in

vielen Kreisen einen zum Ackerbau wenig geeigneten Boden; Getreide

wird aus Poltawa und Kursk herbeigeführt. Immerhin bleibt die

Landwirtschaft die Hauptbeschäftigung der Bewohner und liefert

im N. des Gouvernements als die wichtigsten Produkte Hanf,

Hanföl, Runkelrüben u. Flachs (nach Riga), im S.

außer Runkelrüben Roggen, Hafer, Buchweizen, Kartoffeln,

Gerste, Arbusen, Melonen u. geringe Tabaksorten. Die Ernte betrug

1887: 5,8 Mill. hl Roggen, 2,9 Mill. hl Hafer, 1,2 Mill. hl

Buchweizen, 1,5 Mill. hl Kartoffeln. Der

886

Tschernij-Jar - Tschernyschew.

Viehstand bezifferte sich 1883 auf 515,334 Stück Hornvieh,

572,182 Pferde, 915,719 grobwollige, 32,236 feinwollige Schafe,

420,000 Schweine, 37,000 Ziegen. Der Waldreichtum liefert einen

großen Gewinn durch das Bau- und Brennholz, durch

Kohlenbrennerei und Teerschwelen. Die Industrie wurde 1884 in 587

Fabriken und gewerblichen Anstalten mit 14,439 Arbeitern betrieben

und der Gesamtwert der Produktion auf 21,384,000 Rubel beziffert.

Hervorragend sind Rübenzuckerfabrikation und -Raffinerie (6,1

Mill. Rub.), Tuchweberei (2,4 Mill. Rub.) und Branntweinbrennerei

(1,1 Mill. Rub.). Ansehnliche Industriezweige sind ferner:

Zündholzfabrikation, Ölschlägerei, Ziegelei,

Lederfabrikation, Holzsägerei. In 10 Fabriken wurden 1886/87:

72,600 Doppelzentner weißer Sandzucker produziert. Der Handel

ist ziemlich lebhaft und führt die genannten Produkte

hauptsächlich auf den Eisenbahnen, die sich bei dem Flecken

Bachmatsch kreuzen, aus. Lehranstalten gab es 1885: 631 elementare

mit 38,706 Schülern, 18 mittlere mit 3731 Schülern, 4

Fachschulen mit 525 Schülern, nämlich 2 Lehrerseminare,

ein geistliches Seminar und eine Feldscherschule. T. zerfällt

in 15 Kreise: Borsna, Gluchow, Gorodnja, Konotop, Koselez,

Krolewez, Mglin, Njeshin, Nowgorod Sjewersk, Nowosybkow, Oster,

Sosniza, Starodub, Surash und T. - Die gleichnamige Hauptstadt, an

der Desna, hat eine Kathedrale aus dem 11. Jahrh., 17 andre

Kirchen, 4 Klöster, einen erzbischöflichen Palast, ein

klassisches Gymnasium, ein Lehrerseminar, ein

Mädchengymnasium, eine Gouvernementsbibliothek, etwas Handel

und Industrie und (1886) 27,028 Einw. Sie ist Sitz des Erzbischofs

von T. und Njeshin. T. wird schon zu Olegs Zeit 907 erwähnt,

war längere Zeit die Hauptstadt des tschernigowschen

Fürstentums, wurde 1239 vom Mongolenchan Batu erobert und

verbrannt, gehörte seit dem 14. Jahrh. den Litauern,

später den Polen und wurde 1648 für immer mit

Rußland vereinigt.

Tscheruij-Jar, Kreisstadt im russ. Gouvernement

Astrachan, an der Wolga, hat alte unbedeutende Festungswerke,

Fischerei, Viehzucht, Schiffahrt und (1886) 4871 Einw. Im Kreis in

der Nähe des Bergs Bogdo liegt der See Boskuntschat (Bogdo),

123,9 qkm groß, 20 km lang und 9,5 km breit, der

vortreffliches weißes Salz liefert.

Tscherning, 1) Andreas, Dichter, geb. 18. Nov. 1611 zu

Bunzlau, flüchtete vor den Dragonaden des Grafen Dohna (s. d.

2) nach Görlitz, studierte später in Breslau, seit 1635

in Rostock, wohin ihn M. Opitz an Lauremberg empfohlen hatte, wurde

1644 an des letztern Stelle Professor der Dichtkunst in Rostock;

starb 27. Sept. 1659 daselbst. Seine Gedichte, meist

Gelegenheitspoesien, die ihn als einen der bessern Nachahmer von

Opitz erkennen lassen, erschienen unter den Titeln: "Deutscher

Gedichte Frühling" (Bresl. 1642) und "Vortrab des Sommers

deutscher Gedichte" (Rost. 1655). Auswahl in W. Müllers

"Bibliothek deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts" (Bd. 7).

2) Anton Friedrich, dän. Staatsmann, geb. 12. Dez. 1795 auf

Frederiksvärk, trat 1813 in das Artilleriekorps, studierte,

seit 1816 als Leutnant in Frankreich stehend, in den

Artillerieschulen zu Paris und Metz, ward 1820 bei dem Inspektorat

der Fabriken auf Frederiksvärk angestellt und 1830 zum Lehrer

an der militärischen Hochschule zu Kopenhagen ernannt. Seit

1841 privatisierend, war er anfangs 1848 einer der Hauptleiter der

Gesellschaft der Bauernfreunde. Am 24. März d. J. zum

Kriegsminister ernannt, entwickelte er besondere Thätigkeit

für das dänische Heerwesen, schied aber im November aus

dem Ministerium und trat als Oberst in das Privatleben zurück,

wirkte jedoch als Mitglied der Grundgesetzgebenden Versammlung. Zum

ersten Reichstag in das Volksthing gewählt, war er eine der

gewichtigsten Stützen des Ministeriums. 1854 ward er zum

Reichsrat ernannt und nahm als hervorragendster Führer der

Bauernpartei an den Verfassungskämpfen bedeutenden Anteil. Er

starb 29. Juni 1874. Er schrieb "Zur Beurteilung des

Verfassungsstreits" (1865).

Tschernomorskibezirk (Bezirk des Schwarzen Meers), eine

Provinz der russ. Statthalterschaft Kaukasien, am Südabfall

des Kaukasus von der Straße von Kertsch bis etwa zum 38.

Meridian gelegen, umfaßt 5287 qkm (96,03 QM.) mit (1885)

22,932 Bewohnern. Dieser schmale, lange Streifen, von

Gebirgsrücken durchzogen, wurde früher besonders von

tscherkessischen Stämmen bewohnt, die sich infolge des sehr

durchschnittenen Terrains in eine Menge Unterabteilungen spalteten.

Nach der Auswanderung der Tscherkessen nach der Türkei hoffte

man auf die Einwanderung von Russen; dieselbe ist jedoch noch eine

spärliche. Noworossijsk und Anapa (s. d.) sind die einzigen

Städte.

Tschernomorzen, s. Kosaken, S. 110.

Tschernosem (Tschernosjom, "Schwarzerde"),

äußerst fruchtbare schwarze Erde, mitunter bis 6 m

mächtig, reich an Phosphorsäure, Kali und Ammoniak, mit

5-16 Proz. organischer Substanz, im mittlern und südlichen

Rußland sowie in Südsibirien weitverbreitet, liefert

ohne Düngung die reichsten Ernten (vgl. Humus, S. 796). Aus

Texas sind ähnliche Erdarten bekannt. Vgl. Kostytschew, Die

Bodenarten des T. (Petersb. 1886, russ.).

Tschernyschew, russ. Grafen- und Fürstengeschlecht,

das in einer ältern und einer jüngern Linie blüht.

Zur letztern gehörte Grigorij T., einer der tüchtigsten

Generale Peters d. Gr., geb. 1672. Er ward 1742 durch die Kaiserin

Elisabeth in den Grafenstand erhoben und starb 30. Juli 1745. Sein

ältester Sohn, Graf SacharT., geb. 1705, Kriegsminister unter

Katharina II., befehligte im Siebenjährigen Krieg ein

russisches Korps von etwa 20,000 Mann. Nach der Thronbesteigung des

Kaisers Peter III. erhielt T. im Mai 1762 den Befehl, sein Korps

den Preußen zuzuführen, worauf er, mit Friedrich d. Gr.

vereinigt, bei Burkersdorf auf Daun stieß, der Schweidnitz

decken sollte. Der König hatte bereits beschlossen, den Feind

anzugreifen, als die Order eintraf, daß T. sich sofort von

der preußischen Armee trennen solle. Auf Friedrichs Bitten

verheimlichte jedoch T. den erhaltenen Befehl und blieb mit seinem

Heer bei den Preußen, die nun die Österreicher

zurückwarfen. Später ward T. Präsident des

Kriegskollegiums und Reichsfeldmarschall; starb 1775. Sein Bruder,

Graf Iwan, war russischer Marineminister unter Katharina II. und

Paul I., ein dritter Bruder, Graf Peter, russischer

bevollmächtigter Minister am preußischen Hof bei

Friedrich II. und in Frankreich bei Ludwig XV. Graf Sachar, Enkel

des Grafen Iwan, beteiligte sich an der Verschwörung vom 14.

Dez. 1825, weshalb er nach Sibirien verbannt wurde. - Der

namhafteste Sprößling des ältern Zweigs ist

Fürst Alexander Iwanowitsch T., geb. 1779. Er nahm teil an der

Schlacht bei Austerlitz sowie an dem Feldzug vom Jahr 1807, wo er

insbesondere bei Friedland sehr wesentliche Dienste leistete.

Wiederholt erschien er hierauf als Diplomat in Paris. In den

Schlachten bei Wagram und Aspern befand sich T. an der Seite

Napoleons. Mit einer Mission nach Paris be-

887

Tschernyschewskij - Tschetschenzen.

traut, wußte er dort durch Bestechung den

französischen Operationsplan gegen Rußland in Erfahrung

zu bringen. Im Feldzug von 1812 führte er den kühnen Zug

im Rücken der französischen Armee aus, durch welchen er

den General Wintzingerode aus der Gefangenschaft befreite. 1813 zum

Divisionsgeneral avanciert, bedrohte er im März den

französischen General Augereau in Berlin, unternahm im

September 1813 einen Streifzug ins Königreich Westfalen, zu

dessen Sturz er wesentlich beitrug, und erstürmte 1814

Soissons. Zum Generalleutnant befördert, begleitete er den

Kaiser Alexander I. auf den Kongreß zu Wien, später nach

Aachen und Verona. Bei der Krönung des Kaisers Nikolaus ward

er in den Grafenstand erhoben und 1832 zum Kriegsminister und Chef

des kaiserlichen Generalstabs ernannt. 1841 wurde er in den

Fürstenstand erhoben und 1848 zum Präsidenten des

Reichsrats und des Ministerkonseils ernannt. Er starb 20. Juni 1857

in Castellammare.

Tschernyschewskij, Nikolai Gawrilowitsch, russ.

Schriftsteller, geb. 1828 zu Saratow, besuchte zuerst ein

geistliches Seminar, studierte dann in Petersburg, wo er den

Universitätskursus 1850 absolvierte, redigierte in der Folge

eine militärische Zeitschrift und war 1855-64 Mitarbeiter an

dem "Zeitgenossen", den er teils mit ästhetischen, teils mit

politisch-ökonomischen Artikeln und Abhandlungen versorgte.

Nebenbei veröffentlichte er ein Werk über Lessing (1857)

und bearbeitete Adam Smiths Werk über den Nationalreichtum

unter dem Titel: "Grundlagen der politischen Ökonomie" (1864).

Während einer Festungshaft schrieb er den nihilistisch

gefärbten, dabei durch die Schilderung neuer

gesellschaftlicher und staatlicher Verhältnisse

ausgezeichneten Tendenzroman "Was thun?" (2. Aufl. 1877; deutsch,

Leipz. 1883), der seine Verbannung nach Sibirien zur Folge hatte.

Er lebt, seit 1883 teilweise begnadigt, in Astrachan.

Tscherokesen (Cherokee, Tschilake), ein großes, zu

der sogen. Appalachengruppe gehöriges Indianervolk in

Nordamerika, bewohnt gegenwärtig, seit seiner Verpflanzung aus

dem ursprünglichen Gebiet auf die Westseite des Mississippi,

einen Distrikt im N. und O. des Indianerterritoriums von ca. 9,75

Mill. Acres Areal. Das Land wird vom Arkansas und dessen

Nebenflüssen reichlich bewässert und ist zum Ackerbau,

der fleißig betrieben wird, wohlgeeignet. Die Zahl der

T.betrug 1853: 19,367 und 1883: 22,000 Seelen. Sie sind unter den

Indianern Nordamerikas jedenfalls die am weitesten in der Kultur

vorgeschrittene Nation, haben große Dörfer mit wohnlich

eingerichteten Häusern, über 30 öffentliche Schulen

mit zum Teil eingebornen Lehrern und 5000 Schülern, betreiben

zahlreiche Sägemühlen sowie ausgedehnte Rindvieh-, Schaf-

und Pferdezucht. Was sie an Kleidung, Ackergerätschaften etc.

bedürfen, fertigen sie selbst an und produzieren auch Salz aus

den zahlreichen Salzquellen ihres Gebiets. In den letzten

Jahrzehnten haben sie auch schon einen Teil ihrer

landwirtschaftlichen Produkte flußabwärts nach New

Orléans ausgeführt. Sie haben ihre besondern Gesetze

und eine nach dem Muster der Vereinigten Staaten eingerichtete

republikanische Regierung mit geschriebener Verfassung. Ihre

Sprache, für welche 1821 ein Halbindianer, Sequoyah (G.

Gueß), eine eigne syllabische Schrift erfand, besteht aus 85

Zeichen, die zu Wörtern zusammengefügt werden, und ist

sehr wohlklingend; sie steht übrigens in der Reihe der

nordamerikanischen Sprachen ganz vereinzelt da. Mittelglieder,

welche die Sprache mit den Sprachen der südlichen Nachbarn

verbanden, sind verloren. Eine kurze Grammatik lieferte H. C. von

der Gabelentz in Höfers Zeitschrift; auch im 2. Bande der

"Archaeologia americana" finden sich grammatische Notizen. Daneben

haben die T. die englische Sprache in großem Umfang

angenommen und schon sämtlich ihre Nationaltracht für die

europäische aufgegeben. Von der Union erhalten sie noch

bedeutende Jahrgelder für ihre im O. des Mississippi

abgetretenen Ländereien; auch Handwerkswerkführer werden

ihnen kontraktlich von der Zentralregierung geliefert. Zahlreiche

Missionäre arbeiten unter ihnen mit gutem Erfolg, auch ihre

periodische Presse nimmt einen achtbaren Platz ein. Über die

Bedeutung ihres Namens ist man nicht im klaren. Gott nannten sie

Oonawleh Unggi ("den ältesten der Winde"). Nach Whipple

("Report on the Indian tribes") hatten sie einen der christlichen

Taufe ähnlichen Ritus, der streng beobachtet wurde, weil sonst

der Tod des Kindes die unvermeidliche Folge war. Auch besitzen sie

phantastische Sagen von einer Sintflut, einer gehörnten

Schlange etc. Die T. bewohnten ursprünglich ein großes

Gebiet im Innern von Südcarolina, Georgia und Tennessee,

lebten anfangs in gutem Einvernehmen mit den europäischen

Kolonisten und erkannten 1730 die britische Oberhoheit an.

Später kam es jedoch zu Kämpfen zwischen ihnen und den

Briten, die von beiden Seiten mit unmenschlicher Grausamkeit

geführt wurden, bis sie sich 1785 der Oberhoheit der

Vereinigten Staaten unterwarfen. Im Jahr 1819 siedelte ein Teil des

Volkes nach Arkansas über, während die übrigen in

Georgia, wozu ihr Gebiet nominell gehörte, zurückblieben.

Endlich wurden sie 1838 insgesamt genötigt, nach dem

Indianerterritorium auszuwandern, wo sie ihr jetziges Gebiet

angewiesen erhielten.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 256 / 302 段