sind der Lustspieldichter Emanuel Bozdech (1841-1889), der

nationale Vaclav Vlcek (geb. 1839), bei dem aber zuweilen das

epische Motiv überwiegt; der noch der ältern Schule

angehörende fruchtbare Schauspieler Jos. Georg Kolar (geb.

1812), der mit besonderm Geschick düstere Helden- oder

Intrigantentypen zur Geltung bringt; Fr. A. Subert,

gegenwärtig Direktor des böhmischen Nationaltheaters.

Weniger glücklich war der oben erwähnte Jaroslaw

Vrchlický in seinen dramatischen Versuchen. Sonst sind noch

zu erwähnen Stroupeznicky ("Cerne duse" etc.), Neruda,

Zakreys, Durdik ("Stanislav i Ludmila"), Stolba, Samberk, Krajnik

etc. - Als die Gründerin des tschechischen Romans gilt Frau

Karoline Svetlá (eigentlich Johanna Muzák, geb.

1830), die Verfasserin zahlreicher dem Volksleben entnommener

Erzählungen. In erster Reihe steht gegenwärtig der

bereits unter den Dramatikern erwähnte Vaclav Vlcek, dessen

"Zlatov ohni" (neue umgearb. Ausg. 1883) sowohl durch

großartig angelegten Plan (Naturgeschichte der Familie von

der Ehe bis zur Völkerfamilie) als auch durch meisterhafte

Detailmalerei hervorragt. Auf dem Gebiet des historischen Romans

waren vor andern Jos. Georg Staúkovský (gest. 1880;

"König und Bischof", "Die Patrioten der Theaterbude" etc.) und

der schon unter den Dramatikern genannte Fr. A. Subert (15.

Jahrh.), auf dem des sozialen Svatopluk Cech thätig. Ferner

sind als Erzähler zu nennen: Gustav Pfleger-Moravsky (gest.

1875; "Aus der kleinen Welt") und Aloys Adalbert Smilowski (gest.

1883), beide auch als Lyriker und Dramatiker bekannt; Jakob Arbes

(geb. 1840); der schon unter den Dichtern erwähnte Joh. Neruda

("Erzählungen von der Kleinseite"); Aloys Jirásek (geb.

185l; "Die Felsenbewohner", "Am Hof des Wojewoden", "Eine

philosophische Geschichte" etc.); Bohumil Havlasa (gest. 1877; "Im

Gefolge eines Abenteurerkönigs", "Stille Wasser" etc.); Servac

Heller, Julius Zeyer, Franz Herites (geb. 1851), Joseph Stolba

(geb. 1846) u. a.

Die moderne böhmische Geschichtsforschung wurde von Fr.

Palacky (s. oben) begründet; seine große "Geschichte

Böhmens" gelangte 1876 zum Abschluß und hat auf alle

Zweige des öffentlichen Lebens, auf Politik, Kunst und

Wissenschaft, in Böhmen den nachhaltigsten Einfluß

ausgeübt. Sein Nachfolger als böhmischer

Landeshistoriograph, Anton Gindely (geb. 1829), hat sich durch die

groß angelegte (deutsch geschriebene) "Geschichte des

Dreißigjährigen Kriegs" einen Namen gemacht,

während ihm von nationaler Seite Mangel an patriotischer

Wärme vorgeworfen wird. Durch Bienenfleiß zeichnet sich

Vaclav Vladivoj Tomek (geb. 1818) aus, dessen "Geschichte der Stadt

Prag" (1855 ff.) eine in solcher Vollständigkeit fast

beispiellose Monographie der böhmischen Hauptstadt bringt und

sich zugleich zu einem überreichen Material für die

Geschichte Böhmens gestaltet. Von den übrigen Historikern

sind besonders der populäre K. Vladislaw Zap (gest. 1870),

Anton Bocek (gest. 1847) und Beda Dudik (geb. 1815; "Geschichte

Mährens") namhaft zu machen. Eine fruchtbare Thätigkeit

auf literarhistorischem, linguistischem und historischem Gebiet

entfaltet Joseph Jirecek (geb. 1825), der Verteidiger der

Königinhofer Handschrift. Einzelne Epochen der böhmischen

Geschichte bearbeiteten Karl Tieftrunk, Fr. Dworsky, Rezek, Ferd.

Schulz, Koran, Bilek u. a., die Geschichte slawischer Völker

W. Krizek (gest. 1882), Konstantin Jirecek (geb. 1854; "Geschichte

der Bulgaren"), Joseph Perwolf (geb. 1841; "Die Geschichte der

slawischen Idee" etc.). Wichtige Beiträge zur böhmischen

Rechtsgeschichte lieferten, außer Palacky, Vorel und Tomek,

in der neuesten Epoche Hermenegild Jirecek (s. d.), der

mährische Landesarchivar Vinzenz Brandl (geb. 1834; "Die

Anfänge des Landrechts" etc.), Joseph Kalousek ("Die

böhmische Krone"), Karl Jicinsky, Tornan, Emler, Rybicka u. a.

In der Rechtswissenschaft hat sich Randa (s. d.) einen weit

über die Grenzen Böhmens bekannten Namen erworben. Ferner

sind hier zu nennen: I. Slavicek, A. Meznik, J. Skarda, Havelka, A.

Pavlicek u. a.

Die philosophische Litteratur beginnt in Böhmen erst 1818

mit einem Aufsatz von W. Zahradnik (in der Zeitschrift "Hlasitel").

Palacky, Purkyne, Marek, Hanus, Kvet behandelten in Zeitschriften

einzelne Zweige der Philosophie. Erst Dastich (geb. 1834),

Professor der Philosophie an der Prager Universität,

veröffentlichte größere Werke philosophischen

Inhalts ("Formelle Logik", "Empirische Logik","Erläuterungen

zum System des Thomas Stitny" etc.). Der bedeutendste Vertreter der

philosophischen Litteratur ist gegenwärtig I. Durdik (s. d.),

der sich entschieden an die neuern deutschen Systeme anlehnt und

sich mit Erfolg der Ästhetik zugewendet hat. In den

Vordergrund trat neuestens T. G. Masaryk ("Konkrete Logik"), der

mit seinen "Slawischen Studien" ("Slovanske studie") auch die

slawische Frage zum erstenmal vom rein realistisch-philosophischen,

aller Romantik entkleideten Standpunkt behandelt, überdies

auch die Echtheit der Königinhofer Handschrift bekämpft.

Unter den Naturforschern zeichnen sich die Schüler des

Physiologen Purkyne (s. d.): I. Krejci ("Geologie", 1878), der

Zoolog A. Fric, der Botaniker L. Celakowsky (s. d. 2), Fr.

Studnicka ("Aus der Natur") und der oben erwähnte der

Ästhetik zugewandte I. Durdik ("Kopernikus und Kepler",

"Über den Fortschritt der Naturwissenschaft" etc.) aus.

Die moderne tschechische Literaturgeschichte wurde von F.

Prohazka mit den "Miscellaneen der böhmischen und

mährischen Litteratur" (1784) begründet. Reichhaltiger,

wenn auch den modernen kritischen Ansprüchen nicht gewachsen

ist Jungmanns "Historie literatury ceske" (1825); erst I. Jirecek

begann 1874 die Herausgabe einer erschöpfenden tschechischen

Literaturgeschichte: "Rukovet k dejinam literatury ceske",

während der "Dajepis literatury ceskoslavanske" von Sabina

(gest. 1877) die beiden ersten Perioden der tschechischen

Litteratur mit ausführlicher Beleuchtung der

Kulturverhältnisse behandelt. Als in biographischer Hinsicht

ausgezeichnet sind die "Dejiny reci a literatury ceske" von A.

Sembera (1869) zu erwähnen. Wertvolle Beiträge zur

tschechischen Literaturgeschichte lieferten: W. Nebesky, K. I.

Erben, Vrtatko, Brandl (über Karl v. Zerotin), Cupr (über

Veleslavin), Kiß (über Sixt v. Ottersdorf und Lomnicky),

Hanus (über Celakowsky), Zoubek (über Komensky), Jirecek

(über Safarik), Zeleny (über Palacky, Kollar, Jungmann)

etc. Auch enthält die große unter Leitung Riegers

veröffentlichte Encyklopädie "Slovnik naucny" (1854-74,

12 Bde.) ausführliche Artikel zur tschechischen Litteratur.

Vgl. K. Tieftrunk, Historie literatury ceske (Prag 1876); Fr.

Bayer, Strucne dejiny literatury ceske (Olmütz 1879);

Backovsky, Zevrubné dejiny ceskeho pisemnictv i doby nove

("Eingehende Geschichte der tschechischen Litteratur der Neuzeit",

Prag 1888); Pypin u. Spasovic, Geschichte der slaw. Literaturen,

Bd. 1 (deutsch, Leipz. 1880 ff.).

Tschechische Sprache (böhmische Sprache) ist ein

Zweig des slawischen Sprachstammes, der nebst dem

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., VX. Bd.

56

882

Tschego - Tscherdyn.

nahe damit verwandten Slowakischen (s. Slowaken) im innern

Böhmen, in Mähren, um Troppau und in

Oberungarn von ungefähr 6½ Mill.

Menschen gesprochen wird. Unter allen slawischen Dialekten scheint

sie sich am frühsten, schon im Beginn des

Mittelalters, ausgebildet und sich lange in ihrer

ursprünglichen Reinheit erhalten zu haben; den

höchsten Grad ihrer Ausbildung erreichte sie im 16.

Jahrh. Seit dem 17. Jahrh. begann die deutsche Sprache mehr und

mehr Eingang zu finden; die meisten tschechischen

Bücher wurden als ketzerisch

verdächtigt, neue in den kriegerisch unruhigen

Zeiten nicht geschrieben, und die t. S. blieb fast nur noch

Eigentum der untern Schichten des Volkes. Infolge davon verlor sie

ihre Eigentümlichkeit immer mehr, bis sich seit der

Mitte des 18. Jahrh. gelehrte Patrioten des fast vergessenen Idioms

wieder annahmen und 1776 ein Lehrstuhl der tschechischen Sprache an

der Wiener und 1793 ein solcher an der Prager Hochschule errichtet

wurde. Infolge davon kam die t. S. nach und nach wieder zu solchem

Ansehen, daÃY die österreichische

Regierung sich bewogen fand, 1818 die Erlernung derselben auch in

den böhmischen Gymnasien wieder anzuordnen und zu

befehlen, daÃY in Böhmen anzustellende

Zivilbeamte der tschechischen Sprache mächtig sein

sollten. In neuester Zeit haben sich sogar die Deutschen in

Böhmen zu beklagen über die

übermäÃYige Protektion,

die dem Tschechischen von oben herab, durch das Ministerium Taaffe,

zu teil wird. Das Tschechische wird seit 1831 mit lateinischen

Buchstaben geschrieben, während

früher dafür die deutsche Schrift im

Gebrauch war. Die Anzahl der Buchstaben ist verschieden, je nachdem

man die accentuierten Vokale und punktierten Laute als besondere

Buchstaben aufführt oder nicht; im erstern Fall

kommen 42 Buchstaben heraus. Die accentuierten Vokale, z. B.

á, é, sind lang zu sprechen, die

übrigen sind kurz. Auch r und l kommen als

selbständige Vokale vor (wie im Sanskrit), sind aber

immer kurz; im Slowakischen erscheinen sie auch als lange Vokale.

Eigentümlich sind auch die Vokale ^e = je,

ù = ou, ů = u, y = i. Unter den

Konsonanten ist c = z, ^c = tsch, ^n = franz. gn in Champagne, ^r =

rsch (das sch weich gesprochen), z = franz. j (weiches sch); d' und

t' sind mouillierte Dentale, etwa wie dj, tj zu sprechen. Viele

Lautveränderungen treten beim Zusammentreffen der

Laute in der Wortbildung ein; so verwandelt das j ein folgendes a

und e in e und i, ein vorausgehendes a in e. Die Orthographie ist

jetzt vollkommen geregelt, während sie sich in der

ältern tschechischen Litteratur in einem chaotischen

Zustand befand und der nämliche Laut oft auf

sechserlei verschiedene Arten ausgedrückt wurde. An

Formenreichtum wird die t. S. von andern slawischen Sprachen,

namentlich von den serbokroatischen Dialekten,

übertroffen; doch finden sich manche

später in Abnahme gekommene Formen, z. B. der Dualis

und der Aorist, im Altböhmischen noch durchgehends

bewahrt, und die meisten grammatischen Verluste sind durch

Neubildungen ersetzt worden. Der Wortschatz ist

natürlich viel reicher und mannigfaltiger als in den

bis in die neueste Zeit fast litteraturlosen

südslawischen Sprachen; doch herrscht in dem

Gebrauch der vielen neuen Wörter, welche in diesem

Jahrhundert von nationaleifrigen tschechischen Schriftstellern

eingeführt worden sind, teilweise eine

groÃYe Unsicherheit. Grammatisch bearbeitet wurde die

t. S. zuerst im 16. Jahrh. von den Böhmischen

Brüdern, besonders von Blahoslaw. Die brauchbarsten

neuern Grammatiken sind die von Negedly (Prag 1804, 1821 u.

öfter), Dobrovsky (das. 1809 u. 1819), Trnka (Wien

1832, 2 Bde.), Burian (Königgrätz

1843), Koneczny (Wien 1842-46, 2 Bde.), Hattala (Prag 1854, durch

wissenschaftliche Haltung ausgezeichnet), Tomicek (4. Aufl., das.

1865), Censky (3. Aufl., das. 1887) u. a. Ein kurzes Lehrbuch der

altböhmischen Grammatik verfaÃYte Safarik

(2. Aufl., Prag 1867). Wörterbücher

gaben Tomsa (Prag 1791), Dobrovsky (das. 1821), Palkowicz (das.

1821, dabei auch ein slowakisches Wörterbuch), Hanka

(das. 1833), Jungmann (das. 1835-39, 5 Bde.) und Franta-Schumavsky

(das. 185l) heraus. Für den praktischen Gebrauch

dienen die Wörterbücher von Rank (3.

Aufl., Prag 1874) und Jordan (4. Aufl., das. 1887).

Tschego, s. Schimpanse.

Tscheki (Cheky), Handelsgewicht in der

Türkei für Opium und Kamelhaare;

für Opium = 250 Drachmen = 800,648 g;

für Kamelhaare - 800 Drachmen = 2,562 kg; auch

Gewicht für Gold und Silber, = ¼ Oka =

100 Drachmen = 321,25 g.

Tschekiang, Küstenprovinz des mittlern

China, 92,383 qkm (1678 QM.) groÃY mit (1885)

11,685,348 Einw., ist Haupterzeugungsgebiet für

Seide und Thee; Hauptorte: Hangtschou, Ningpo und

Wêntschou.

Tscheljabinsk, Kreisstadt im russ. Gouvernement Orenburg,

am Mijash, mit weiblichem Progymnasium und (1885) 9542 Einw.

Tscheljuskin, Kap, s. Taimyr.

Tschembar, Kreisstadt im russ. Gouvernement Pensa, mit

Handel in Landesprodukten und (1885) 5753 Einw.

Tschempin, Stadt, s. Czempin.

Tschenab (Tschinab), einer der fünf

Ströme des Pandschab, von denen die Provinz ihren

Namen empfängt, entspringt in der Landschaft Lahol

von Kaschmir, nimmt in der Ebene den Dschelam,

später den Rawi auf und mündet

unterhalb Bahawalpur in den Satledsch.

Tscheng (Cheng), altes chines. Blasinstrument, bestehend

aus einem ausgehöhlten Flaschenkürbis,

der als Windbehälter dient und mittels einer

S-förmigen Röhre vollgeblasen wird; auf

dem offenen obern Ende des Kürbisses steht eine

Reihe (12-24) Zungenpfeifen mit durchschlagenden Zungen. Diese

letztern wurden dem Abendland erst durch das T. bekannt, fanden

seit Anfang dieses Jahrhunderts Eingang in die Orgeln und

führten zur Konstruktion der Expressivorgel

(Harmonium).

Tschengri, kleinasiat. Stadt, s. Kjankari.

Tschenstochow, s. Czenstochowa.

Tschepewyan (Chippewyan, Cheppeyan), ein zum Stamm der

Athabasken gehöriges Indianervolk im brit.

Nordamerika, nicht zu verwechseln mit den den Algonkin

angehörenden Tschippewäern oder

Odschibwä. Sie nennen sich selbst Saw-eessaw-dinneh

("Männer der aufgehenden Sonne") und betrachten die

Gegenden zwischen dem GroÃYen Sklavensee und dem

Mississippi als ihre ursprünglichen Jagdreviere. Als

Jäger der Hudsonbaikompanie stehen sie namentlich

mit deren Forts am GroÃYen Sklaven- und Athabascasee in

Verbindung. Das von ihnen bewohnte Gebiet ist reich an Renntieren,

welche ihnen Subsistenzmittel und Kleidung verschaffen, besteht

aber gröÃYtenteils aus Barren-Grounds,

wodurch sie gezwungen sind, sich im Winter in die

Wälder und in die Nachbarschaft der

GroÃYen Seen zurückzuziehen. Ihre Zahl

dürfte kaum 2000 betragen.

Tscheram (Schelam), ind. Stadt, s. Salem 2).

Tscherdyn, Kreisstadt im russ. Gouvernement Perm, an der

Kolwa, mit (1885) 3490 Einw., die sich viel mit dem Bau von

FluÃYfahrzeugen beschäftigen.

883

Tscheremissen - Tscherkessen.

Tscheremissen, finn. Volk im europäischen

Rußland, am linken Ufer der Wolga, in den Gouvernements

Nishnij Nowgorod, Kasan, Orenburg, Simbirsk und Wjatka

ansässig. Der Name T. ist ihnen von den Mordwinen beigelegt,

sie selbst nennen sich Mara ("Mensch"). Sie sind mittelgroße,

meist schwächliche, blonde oder rötliche Leute,

träge, furchtsam und gelten für Betrüger. Seit

Aufgebung ihres frühern nomadischen Lebens sind sie Hirten,

Ackerbauer, Jäger, Fischer und eifrige Bienenzüchter,

leben aber nicht in Städten und geschlossenen Dörfern,

sondern vereinzelt, besonders in den ausgedehnten Urwäldern an

der Wolga. Die Weiber verstehen sich auf das Weben und Färben

verschiedener Stoffe. Das Volk, 260,000 Köpfe stark, bekennt

sich zwar zur griechisch-russischen Kirche, hat aber eine Menge

heidnischer Gebräuche beibehalten, so hat der Getreidegott

Agedarem bei ihnen noch große Geltung. Die Sprache der T.

gehört zu der finnisch-ugrischen Gruppe des ural-altaischen

Sprachstammes. Grammatiken derselben verfaßten Castren

("Elementa grammaticae tscheremissae", Kupio 1845) und Wiedemann

(Reval 1847).

Tscherepowez, Kreisstadt im russ. Gouvernement Nowgorod,

an der Scheksna, mit Realschule, Lehrerseminar, weiblichem

Progymnasium, großer Fischerei, einem besuchten Jahrmarkt und

(1886) 6134 Einw. Im Kreis T. ausgedehnte Fabrikation von

Nägeln.

Tscheri, die durchaus mohammedan. Gerichtsbehörden

des türkischen Reichs, im Gegensatz zu den Nisâmijes,

welche für Streitigkeiten zwischen Bekennern verschiedener

Religionen dienen. Weiteres über ihre Organisation vgl.

Türkisches Reich, S. 923.

Tscheribon (Cheribon, Tjeribon), niederländ.

Residentschaft auf der Nordküste von Java, 6751 qkm (122,7

QM.) mit (1886) 1,346,267 Einw. (darunter 708 Europäer, 6859

Chinesen, 380 Araber), ist im nördlichen Teil eben und

sumpfig, im südlichen dagegen, wo sich der Pik Tscherimai, ein

Vulkan von 3043 m Höhe, erhebt, gebirgig. Hauptprodukte sind:

vortrefflicher Kaffee, Indigo und Zuckerrohr. Die Bevölkerung

ist halb sundanesisch, halb javanisch. Die gleichnamige Hauptstadt

liegt in der Ebene an der Mündung des Flusses T. in die

Javasee und hat gegen 15,000 Einw. Nördlich von der Stadt, auf

dem Gunong Dschati, ist Kaliastana, das heilig gehaltene Grab des

Ibn Mulana, der den Islam auf Java einführte. Der

holländische Resident wohnt in Tanakil, 4 km von der

Stadt.

Tscherikow (Czerikow), Kreisstadt im russ. Gouvernement

Mohilew, an der Sosh, mit 3 griech. Kirchen, evangel. Kapelle,

Lehranstalten für Russen, Polen und Juden, großem

Kaufhof, mehreren industriellen Etablissements, Getreide- und

Holzhandel und (1885) 3987 Einw.

Tscherkasski, Wladimir Alexandrowitsch, Fürst, russ.

Staatsmann, geb. 13. April 1821 aus einer alten adelstolzen

Familie, studierte in Moskau die Rechte, trat in den Staatsdienst,

schloß sich der nationalrussischen, eifrig liberalen Partei

der russischen Aristokratie an, wirkte bei der Emanzipation der

Leibeignen mit, gehörte zu dem Organisationskomitee, welches

während des polnischen Aufstandes 1861-64 Polen auf

demokratischer Grundlage neu gestalten wollte, trat nach dem

Scheitern dieses Unternehmens aus dem Staatsdienst, war Mitglied

der Slawischen Gesellschaft, deren panslawistische Bestrebungen er

mit Eifer förderte, und ward Stadthaupt von Moskau. 1877 bei

Ausbruch des russisch-türkischen Kriegs erhielt er den

Auftrag, die Verwaltung Bulgariens als selbständigen

Fürstentums zu organisieren. Er starb 3. März 1878 in

Santo Stefano.

Tscherkassy, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kiew, am

Dnjepr und der Zweigbahn Bobrinskaja T., der älteste Sitz der

Saporoger Kosaken, hat 6 griechisch-russische, eine evangelische

und eine kathol. Kirche, ein jüd. Bethaus, Zuckerfabriken,

einen wichtigen Flußhafen und (1885) 20,755 Einw. (meist

Kleinrussen, Polen und Juden). Deutsche und französische

Kaufleute treiben hier einen lebhaften Handel mit Wolle, Leinwand,

Spiritus, Cerealien und Vieh.

Tscherkessen (s. Tafel "Asiatische Völker", Fig.

26), eine die westliche Familie der nördlichen Abteilung des

kaukasischen Stammes umfassende Völkergruppe in der

Westhälfte des Kaukasus und den an sie sowie an ihre Zweige

sich anlehnenden Ebenen zwischen dem nördlichen Ufer des

Schwarzen Meers von der Meerenge von Kertsch bis zu den Grenzen

Mingreliens, durch den ganzen Lauf der Flüsse Kuban und Malka,

einen Teil des nach N. gerichteten Terekstroms und die kaukasische

Hauptkette von der grusinischen Militärstraße bis zum

Elbrus. Die T. teilen sich in die Adighe und die Asega oder

Abchasen. Die Adighe (Adyche), von den Türken T., von uns

danach Cirkassier oder nach ihrem Wohnplatz, der Kabarda, auch

Kabardiner genannt, zerfallen in die Abadschen (Abadzen) am

Nordabhang der Kaukasuskette in den Thälern der in den Kuban

fallenden Flüsse Schaguascha, Laba, Pschisch, Pszekups,

Wuanobat und Sup, die Schapszugen und die Natkuadsch oder

Natuchaizen in den Gebirgen und den der Festung Anapa angrenzenden

Ebenen, die Kabardiner zwischen den Flüssen Malka und Terek

und von letztern bis zu den Vorbergen des Kaukasus und zur

Sisnischa, die Beszlenei im Kubanbecken zwischen dem Fers, dem

Großen und Kleinen Tegen und dem Woarp, die Mochosch im

Gebiet des Tschechuradsh, Belogiak und Schede, die Kemgoi und

Temirgoi zwischen dem Kuban und der untern Laba und Belaja, die

Chatiukai zwischen Belaja und Schisch, die Bsheduchen in den Ebenen

des Pschisch und Pszekups, endlich die Shan oder Shanejewzen auf

der Kubaninsel Karabukan. Die Asega oder Abchasen grenzen

nördlich am Kapoeti an die Adighe, südlich am Enguri an

die Mingrelier, westlich ans Schwarze Meer und östlich an die

Suanen und die basilianischen Türken. Zu ihnen gehören

die Sadzen oder Dschigeten, die Abszne oder Abchasen, die Sambal

oder Zebeldiner auf der Südseite des Hauptgebirges im W. der

Mingrelier, die Barakin, Bag, Schegerai-Tam, Kisilbek, Baschilbai

und Basschog auf der Nordseite der Bergkette im Quellgebiet der

Kchoda, Urup, der Kleinen und Großen Laba und des

Großen Selentschuk, endlich die Ubychen am Südabhang des

Hauptgebirges zwischen den Natuchaizen und den Dschigeten. Die Zahl

sämtlicher T. wurde von Bergé auf 490,000 Seelen

geschätzt, davon 325,000 Adighe und 125,000 Asega; der

größte Teil derselben ist jedoch nach den

unglücklichen Kämpfen gegen Rußland auf

türkisches Gebiet übergesiedelt, so daß man 1880

nur noch 115,449 T. berechnete. Es beziehen sich daher die

vorstehenden und folgenden ethnologischen Bemerkungen nur auf die

frühere Zeit. Die T. sind ein sehr schöner und deshalb

berühmter Menschenschlag von reichlich mittlerer Statur,

schlank und kräftig mit edlen, fein geformten Gesichtern und

braunen, zuweilen blonden Haaren. Früher bekannten sie sich

teils zum armenischen, teils zum orthodox-griechischen Christentum,

haben aber später den Islam angenommen; doch sind nur die

Häuptlinge und Vornehmen als Moham-

56*

884

Tscherkessen (Geschichte).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 255 / 302 段