Nordslawen in der österreichisch-ungar. Monarchie, vorwiegend
in Böhmen und Mähren seßhaft, wohin sie zu Ende des
5. Jahrh. n. Chr. aus dem Karpathenland an der obern Weichsel nebst
andern verwandten Stämmen einwanderten. In Böhmen
erlangten sie bald ein solches Übergewicht, daß ihr Name
bereits im 9. Jahrh. die allgemeine Bezeichnung für
sämtliche im Land wohnende Slawen ward und Böhmen selbst
die Bezeichnung Tschechy erhielt. Ihr Name stammt nach
gewöhnlicher Annahme von ihrem ersten Anführer, Tschech.
Der tschechische Stamm umfaßt außer den eigentlichen T.
in Böhmen auch die Mähren oder mährischen T.
(Moravani) in Mähren (im westlichen Gebirge Horaken, in der
Hanna Hannaken, im östlichen Gebirge Walachen genannt), zum
Teil auch in Schlesien, ferner die Slowaken im nordwestlichen Teil
Ungarns. Sonst sind die T. in einzelnen Ansiedelungen auch in
andern Kronländern vertreten. Ein starker Zuzug tschechischer
Handwerker und Arbeiter (namentlich Erd- und Bauarbeiter) findet
nach Niederösterreich, insbesondere nach Wien statt. Die
Gesamtzahl der T. beträgt 7,14 Mill. Die tausendjährige
Anstrengung, das eigne Wesen vor dem mächtigern Deutschtum zu
retten, hat dem T. manchen Charakterzug aufgedrückt, der sonst
den Slawen fremd ist: Mißtrauen, Verschlossenheit und eine
gewisse verbitterte nationale Erregtheit, da er sich immer durch
den Deutschen gedrückt meint, hinter dem er, mit Vorliebe dem
Ackerbau obliegend, in Gewerbe und Handel zurückbleibt. Seine
Natur zeigt aber manche schöne Eigenschaften. Er ist
arbeitsam, tüchtig als Soldat und Beamter, hat
natürlichen Verstand und rege Phantasie, faßt schnell,
eignet sich leicht fremde Sprachen an und treibt gern Poesie, Musik
und Wissenschaft. Eine gemeinsame Nationaltracht aus älterer
Zeit hat sich nicht erhalten; dagegen besitzen einzelne Gegenden,
wie die Hanna, malerische Kostüme. Die volkstümliche
Bauart des Block- und Pfahlwandbaues mit geringer Breite des
Hauses, hohem Dach u. waldkantig behauenen Blöcken, die auf
gemauertem Unterbau ruhen, und deren Zwischenräume mit Lehm
und Moos verstopft sind, hat sich nur im östlichen Teil
Böhmens erhalten. Weiteres s. in den Artikeln "Böhmen",
"Österreich", "Slawen" etc. Vgl. Vlach, Die ^Cecho-Slawen
(Teschen l883).
Tschechische Litteratur. Die t. L. hat sich unter den
slawischen Literaturen am frühsten entwickelt, wurde
jedoch in der hussitischen Zeit von theologisch-polemischen
Schriften überflutet und durch die Reaktion nach der Schlacht
am Weißen Berg (1620) fast voll-
878
Tschechische Litteratur (bis zum 16. Jahrhundert)
ständig unterbrochen. In den 20er Jahren des 19. Jahrh.
beginnt ihre Erneuerung und zwar vorwiegend in wissenschaftlicher
Richtung unter starker Anlehnung an gesamtslawische Ideen.
I. Periode.
Von den ältesten Zeiten bis zu Huß (800-1410).
Die ältesten Proben tschechischer und überhaupt
slawischer Poesie sind die sogen. "Grünberger Handschrift" (s.
d.), angeblich aus dem 9. Jahrhundert, und die "Königinhofer
Handschrift" (s. d.), die in das 13. oder 14. Jahrh. verlegt wird
und eine Reihe epischer und lyrischer Gedichte enthält, von
denen einige aus vorchristlicher Zeit stammen sollen. Die exklusiv
nationale Richtung, wie sie in den Dichtungen dieser Handschriften
(deren Echtheit übrigens seit ihrer Entdeckung bis auf den
heutigen Tag mannigfach angezweifelt wird) zu Tage tritt, konnte
sich dem Andrang der westeuropäischen Zivilisation
gegenüber nicht lange behaupten. Schon unter Wenzel I. und
Ottokar I. drangen mit deutscher Rittersitte auch die damals
beliebten poetischen Stoffe nach Böhmen. So ward die
"Alexandreïs" Walters von Châtillon von einem
unbekannten Dichter tschechisch bearbeitet (13. Jahrh.), ebenso die
Artussage in "Tristram", mit starker Nachahmung Gottfrieds von
Straßburg, und in "Tandarias a Floribella" (14. Jahrh.).
Höher an poetischem Wert stehen indessen die dem Dalimil (s.
d.) zugeschriebene (in Wirklichkeit von einem unbekannten Ritter
kurz nach 1314 verfaßte) Reimchronik der böhmischen
Geschichte und die in trefflicher Prosa geschriebene Erzählung
"Tkadlecek" aus dem 14. Jahrh. (hrsg. von Hanka, Prag 1824). Auch
didaktische Dichtungen, namentlich Tierfabeln, waren damals in
Böhmen sehr verbreitet (darunter "Nová Rada" und
"Radazvirat" des Smil Flaska von Pardubitz) wie nicht minder
kirchliche Poesien (bemerkenswert die "Legende von der heil.
Katharina", aus dem 14. Jahrh., 1860 von Erben herausgegeben) und
religiöse Dramen oder "Mysterien", als deren älteste
bekannte Probe der nur in einem Fragment erhaltene
"Mastickár" ("Salbenkrämer"), aus dem Anfang des 14.
Jahrh., zu nennen ist (hrsg. von Hanka im "Vybor"). - Die
tschechische Prosa begann mit Bibelübersetzungen. Ein kleines
Fragment des Evangeliums Johannis, der Schrift nach aus dem 10.
Jahrh., ist neben der Grünberger Handschrift das älteste
Denkmal der tschechischen Litteratur. Die Gründung der Prager
Universität 1348 gab dann den Wissenschaften in Böhmen
einen raschen Aufschwung. Einer ihrer ersten Schüler war
Thomas v. Stitny (s. d.), dessen theologisch-philosophische
Abhandlungen von der herrschenden Scholastik stark abwichen. Die
älteste Chronik in tschechischer Prosa ist die des Priesters
Pulkava von Hradenin (gest. 1380), der sich die übersetzung
der Reisen des Engländers Mandeville von v. Brezow und die des
Marco Polo anschlossen. Das älteste Denkmal endlich der
böhmischen Rechtsgeschichte ist die "Kniha starého
pána z Rozenberka" aus dem Anfang des 14. Jahrh.
II. Periode. Von Huß bis zur Schlacht am Weißen Berg
(1410-1620). Das Jahr, in welchem Joh. Huß seinen Bruch mit
der römischen Kurie vollzog, wird mit Recht als der Anfang
einer neuen Periode der tschechischen Litteratur bezeichnet. Um
sich in dem Streit mit Rom die Unterstützung der Volksmassen
zu sichern, schlug Huß kühn die Bahnen ein, welche vor
ihm bereits Thomas v. Stitny betreten hatte, gab die lateinische
Gelehrtensprache auf und wandte sich in gemeinverständlichen
tschechischen Predigten und Schriften an das Volk. Hierbei
entwickelte er die tschechische Sprache nicht nur praktisch,
sondern unterzog sich auch der Mühe, die bis dahin
außerordentlich schwankende Orthographie in einer besondern
Schrift zu regeln (vgl "M. J. Husi ortografie ceská". hrsg.
von Sembera 1857). Diese Bemühungen um die Vervollkommnung der
tschechischen Sprache wurden im 15. und 16. Jahrh. eifrig
fortgesetzt von der Gemeinschaft der Böhmischen oder
Mährischen Brüder (s. d.), welche die vorzüglichsten
tschechischen Stilisten hervorbrachte und zuerst in Jungbunzlau und
Leitomischl, darauf in Prerau Druckereien anlegte. Wesentlich
gefördert wurde der Aufschwung der tschechischen Litteratur
auch durch humanistische Einflüsse, namentlich unter Wladislaw
II. (1471-1516), als Bohuslaw v. Lobkowitz, welcher eine der
reichhaltigsten Bibliotheken seiner Zeit sammelte, und nach ihm
eine Reihe namhafter Gelehrten ausgezeichnete lateinische Gedichte
schrieben und ein andrer Kreis böhmischer Humanisten, an deren
Spitze der Rechtsgelehrte Cornelius v.Vsehrd stand, die klassischen
Studien für die tschechisch-nationale Litteratur zu verwerten
suchte. Gleichwohl konnte sich unter den erbitterten nationalen und
religiösen Kämpfen die tschechische Poesie nicht in dem
Maß fort entwickeln, als es sonst ihre glänzenden
Anfänge versprachen. Satire und Kriegslieder traten in den
Vordergrund. Der "Májovy sen" ("Maitraum") des Prinzen Hynek
Podiebrad (1452-91) ist nur seines Verfassers wegen zu
erwähnen; das satirische Gedicht "Prostopravda" des Nikolaus
Dacicky von Heslow (1555 bis 1626) hat nur noch für die
Kulturgeschichte Wert. Der bedeutendste tschechische Dichter dieser
Zeit ist Simon Lomnicky (gestorben nach 1622), obschon es ihm an
sittlichem Gehalt fehlte, um als didaktischer und moralisierender
Dichter Großes zu leisten. Für seine Hauptwerke gelten:
"Krátké naucení mladému
hospodári" ("Kurze Anleitung für einen jungen
Hauswirt), ein didaktisches Gedicht mit Zügen der damaligen
Sitten, und die Satire "Kupidova strela" ("Die Hoffart des
Lebens"), welche ihm bei Rudolf II. den Adel und einen Jahrgehalt
einbrachte; auch versuchte er sich in kirchlichen Dramen. Unter den
zahllosen kirchlichen Gesängen sind besonders die von dem
Bischof der Böhmischen Brüder, Joh. Augusta (1500 bis
1572), größtenteils im Gefängnis verfaßten
schwungvollen Lieder hervorzuheben.
Auch in der tchechischen Prosa dieser Periode überwiegt die
theologisch-polemische Richtung, indem Kalixtiner, Katholiken und
später Protestanten in kirchlicher Propaganda litterarisch
wetteiferten. Am wertvollsten sind die teils lateinischen, teils
tchechischen Schriften von Joh. Huß, dem Begründer des
Protestantismus (1369-1415), von denen die letztern neuerdings von
Erben (Prag 1865-68, 3 Bde.) herausgegeben wurden. Auf katholischer
Seite zeichnete sich der Prager Dekan Hilarius von Leitmeritz
(Litomericki, gest. 1469) aus. Durch kernhaften Stil ragen des
genialen Peter Chelcicky (s. d., 1390-1460) Schriften hervor,
welche der Böhmischen Brüderschaft als Richtschnur
galten. Unter den theologischen Schriftstellern dieser
Brüderschaft zeichnete sich besonders Lukas (1458-1528) durch
glänzenden Stil aus. Die erste tschechische Übersetzung
des Neuen Testaments von Lupác erschien 1475. die erste
Gesamtübersetzung der Bibel 1488; bis 1620 erschienen 15
tschechische Bibeln, die beste davon ist die 1579-93 in
Mährisch-Kralitz auf Kosten des Johann von Zerotin
veröffentlichte ("Bible Kralicka"), die noch heute für
das höchste Muster der tschechischen Sprache gilt. Die
Begründer der böhmischen Rechtswissenschaft
879
Tschechische Litteratur (16.-18. Jahrhundert).
sind Viktorin v. Vshehrd ("Neun Bücher vom Recht und
Gericht und von der Landtafel in Böhmen", 1550; hrsg. von
Jirecek, Prag 1874), der Landmarschall Ctibor von Cimburg in dem
sogen. "Tobitschauer Buch" (für Mähren) und P. Chr. v.
Koldin (1579), dessen Schrift "Prava mestska Kralostvi ceskeho"
für die Städteordnungen in Böhmen und Mähren
maßgebend wurde. Eifriger Pflege erfreuten sich die
historischen Wissenschaften. Den Übergang zur zweiten Periode
bilden die "Stari letopisove cesti", anonyme Annalisten der Jahre
1378 bis 1527 (hrsg. von Palacky 1829). Bedeutende Förderung
erhielt dann die tschechische Geschichtschreibung durch Adam v.
Veleslavín (1546-99), der zahlreiche eigne und fremde
historische Werke in musterhafter Sprache veröffentlichte
(Übersetzung der "Historia bohemica" von Äneas Sylvius,
"Politia historica", "Kalendar historicky" u. a.). Die Kämpfe
zwischen den Kalixtinern und den Protestanten in Prag 1524-30
wurden von dem eifrigen Lutheraner Bartos (gest. 1535) parteiisch,
aber anschaulich geschildert; den Widerstand der böhmischen
Stände gegen Ferdinand I. 1546-48 beschrieb Sixt v. Ottersdorf
(1500-1583) ebenfalls vom protestantischen Standpunkt aus, aber
durchaus pragmatisch und in klassischem Stil. Die gesamte
böhmische Geschichte behandelte der Kanonikus Vaclav Hajek von
Libocan (1495-1553), dessen "Chronik" eine beliebte Lektüre,
aber wenig zuverlässige Geschichtsquelle ist. Joh. Blahoslaw
(1523-71) von der Böhmischen Brüderschaft verfaßte
eine wertvolle Geschichte der letztern. Ein andrer Bruder, Vaclav
Brezan (1560-1619), Archivar des Grafen Rosenberg, schilderte in
einer Biographie dieses Magnaten die Ereignisse von 1530 bis 1592;
doch kommt dieses Werk stilistisch den Schriften Blahoslaws nicht
gleich. Zur Brüdergemeinde gehört ferner der Historiker
Jaffet (gest. 1614), der außer andern Werken eine Geschichte
vom Ursprung der Brüderunitäten schrieb. Wertvolle
Beiträge zur politischen und Kulturgeschichte Böhmens
enthalten die Briefe des Karl v. Zerotin (s. d.), neben dem noch
der polnisch-tschechische Historiker Barthol. Paprocki (1540-1614,
Beschreibungen der böhmischen, mährischen und
schlesischen Adelsgeschlechter) und der Hofhistoriograph des
Königs Mathias, Georg Zaveta, Verfasser einer "Hofschule"
("Scholaaulica",Prag 1607) zu erwähnen sind. Endlich
gehört hierher die reichhaltige Korrespondenz der Herren v.
Schlik, Rabstein, Sternberg, Rosenberg, Cimburk, Wilh. v. Pernstein
und des Königs Georg von Podiebrad. - In der Länder- und
Sittenkunde tritt uns zuerst die"Kosmografie ceska" des Siegmund v.
Puchov (1520-84) entgegen, der sich die Beschreibung der Reisen des
Joh. v. Lobkowitz nach Palästina (1493), Vratislavs v.
Mitrowitz nach Konstantinopel (1591; hrsg. in der "Staroceska
biblioteka", Bd. 3), Harants von Polzic nach Ägypten,
Jerusalem etc. (1598; neue Ausg. von Erben, 1854) u. a.
anschlossen. Unter den Humanisten zeichneten sich aus: Gregor Hruby
Jeleny (1450-1514) als Übersetzer von Cicero u. a., Siegmund
Hruby Jeleny (gest. 1554), Verfasser eines "Lexicon symphonum" der
griechischen, lateinischen, tschechischen und deutschen Sprache,
Vaclav Pisecki (gest. 1511), der Übersetzer des Isokrates.
Auch die tschechische Sprachforschung verdankt der Böhmischen
Brüdergemeinde vielfache Förderung ("Grammatika ^eska"
von Joh. Blahoslaw, 1571). Naturwissenschaftliche Schriften
hinterließen Tadeus Hajek (gest. 1600) und Adam Zaluzanski
(gest. 1613).
III. Periode. Die Unterdrückung der tschechischen Sprache;
die Exulanten (1620-1774). Die Niederlage der Böhmen in der
Schlacht am Weißen Berg, die gewaltsame Austreibung und
Auswanderung von 30,000 Böhmen, darunter viele durch
hervorragende Stellung und Vermögen einflußreiche
Förderer der nationalen Litteratur, die Vernichtung des
Wohlstandes und die allgemeine Verwilderung während des
Dreißigjährigen Kriegs schienen den Untergang der
tschechischen Litteratur herbeizuführen. Gegen die alten
Schätze derselben wüteten die Sieger unter dem Vorwand,
daß sie von hussitischen oder protestantischen Tendenzen
durchdrungen seien. So gingen von den ältern Werken viele
unter, andre wurden außerordentlich selten. Bald verwilderte
denn auch die tschechische Sprache, die immer allgemeiner als
Bauerndialekt verachtet und endlich vom Kaiser Joseph II. durch
Dekret vom 6. Jan. 1774 aus Amt und Schule ausgeschlossen wurde.
Damit war das 1620 unternommene Werk formell beendet, allein sofort
trat eine kräftige Gegenwirkung zu Tage. Die litterarischen
Traditionen der zweiten Periode wur den zunächst von den
Emigranten oder Exulanten fortgesetzt. Karl v. Zerotin setzte von
Breslau aus, wohin er 1628 ausgewandert war, seine litterarisch
wertvolle Korrespondenz mit seinen Freunden, namentlich mit den
Böhmischen Brüdern, fort. In enger Verbindung mit seinem
Namen erscheint der des bedeutendsten tschechischen Schriftstellers
jener Zeit, J. Amos Komenskys (genannt Comenius, 1592 bis 1670),
dem die t. L. die großartige, wenn auch zuweilen in Pietismus
ausartende allegorische Dichtung "Labyrint sveta a ráj
srdce" ("Labyrinth der Welt", 1623) verdankt, worin er dem tiefen
Schmerz seiner Seele in ergreifenden Tönen Ausdruck verlieh.
Von demselben unerschütterlichen Gottvertrauen zeugt seine
treffliche metrische Übersetzung der Psalmen. In seinen
pädagogischen Schriften trat er gegen die herrschende
pädagogische Scholastik und den verkehrten Klassizismus auf
(weiteres s. Comenius). Neben Komensky zeichneten sich unter den
Exulanten aus: Paul Skála (gestorben nach 1640), der
Verfasser einer Kirchengeschichte in 10 Bänden, Martin v.
Drazov, Paul Stránsky, (gest. 1657), der in seiner in
Amsterdam veröffentlochten "Respublica bojema" eine
überaus klare Darstellung der politischen Verhältnisse
und des innern Zustandes Böhmens entwirft. Noch
spärlicher entwickelte sich die t. L. nach der Katastrophe von
1620 in Böhmen selbst. Eigentümlicherweise verdankt man
hier das bedeutendste Werk jenem Grafen Wilhelm Slavata (s. d.),
einem der Opfer des berühmten Fenstersturzes, dessen
14bändiges Geschichtswerk ("Spisovani historicke"), ein
Gegenstück der vom protestantischen Standpunkt verfaßten
Geschichte Skálas, eine wichtige Geschichtsquelle bildet. Im
Sinn der kirchlich-politischen Reaktion schrieben ferner der Jesuit
Bohuslaw Balbin (gest. 1688), Thomas Pesina (gest. 1680), dessen
"Predchudce Moravopisu" die chronologische Geschichte Mährens
bis 1658 umfaßt, Joh. Beckovsky (gest. 1725), Verfasser einer
böhmischen Chronik: "Poselkyne starych pribehuv", Johann
Hammerschmid (gest. 1737), Franz Kozmanecky, der schon ältere
Wenzel Sturm, der schlimmste Gegner der Brüdergemeinde (gest.
1601), ferner der jesuitische Fanatiker Anton Konias (gest. 1760)
u. a.
IV. Periode. Die Wiedererweckung (1774 bis 1860). Die
plötzliche Unterdrückung der tschechischen Sprache in Amt
und Schule rief alsbald ernste
880
Tschechische Litteratur (18. und 19. Jahrhundert).
Proteste hervor. Kurz nach dem Erscheinen des betreffenden
kaiserlichen Patents forderte Graf Franz Kinsky in der deutschen
Schrift "Erinnerungen über einen hochwichtigen Gegenstand"
(1774) die Erhaltung und Ausbildung der tschechischen Sprache, und
ein Jahr darauf gab Franz Pelcel eine lateinische
Verteidigungsschrift der tschechischen Sprache des oben genannten
Balbin ("Dissertatio apologetica linguae slovenicae") heraus.
Wichtiger aber für das Wiedererwachen der tschechischen
Nationalität war der Aufschwung der historischen Forschung
unter der Regierung Maria Theresias und Josephs II. Zuerst
untersuchte Fel. Jak. Dobner (s. d.) die alten tschechischen
Geschichtsquellen und gründete 1769 einen wissenschaftlichen
Verein, welcher 1784 zur königlich böhmischen
Gesellschaft der Wissenschaften erhoben wurde. Unter dem anregenden
Einfluß dieser Gesellschaft erwachte das Interesse für
die Sprache und Litteratur der Tschechen, für welche 1793 F.
Pelcel als ordentlicher Professor an der Prager Universität
angestellt wurde, während Joseph Dobrovsky (s. d., 1753-1829)
die eigentliche Grundlage der neuern tschechischen Sprachforschung
schuf. Mit dem 1818 durch den Grafen Sternberg begründeten
Nationalmuseum, das bald eine Zeitschrift in deutscher und
tschechischer Sprache herausgab und später den wichtigen
Verein der Matice ceska zur billigen Verbreitung von tschechischen
Schriften zu Tage förderte, erhielt dann die litterarische
Bewegung der Tschechen einen festen Stützpunkt. Den
Übergang von diesen ersten Versuchen der Wiedererweckung der
tschechischen Litteratur zu dem ansehnlichen Aufschwung dieser
Litteratur nach 1820 bildet die fruchtbare Thätigkeit Joseph
Jungmanns (s. d., 1773-1847), der sich namentlich durch zwei Werke,
seine "Geschichte der tschechischen Litteratur" (1825) und sein
"Tschechisch-deutsches Wörterbuch" (1835-39, 5 Bde.), die
größten Verdienste erwarb. Auf dem Gebiet der Poesie
wirkte, nach den schwachen Anfängen Puchmajers, Polaks und
Jungmanns, die Auffindung der Königinhofer und der
Grünberger Handschrift (1817) epochemachend und befruchtend.
In der nationalen Richtung gingen voran Joh. Kollar (1793-1852) und
Wladislaw Celakowsky (1799-1852). Zahlreiche andre Lyriker, wie
Vaclav Hanka (1791-1864), Vlastimil Kamaryt (gest. 1833; "Pisen
vesnicanuv"), Fr. Jaroslaw Vacek (gest. 1869), ferner Vinaricky,
Chmelenski, Picek, Pravoslav Koubek, Boleslav Jablonsky, W. Stulc
u. a., schlossen sich ihnen an. - Die epische Dichtung, besonders
angeregt durch die Auffindung der genannten nationalen
Handschriften, fand ihre Pflege durch den Slowaken Joh. Holly
(1785-1849; "Svatopluk"), den Romanzendichter Erasm. Vocel
(1803-71), Joh. Marek (1801-53), Jos. Kalina (1816-47), den unter
Byronschem Einfluß stehenden Karl Hynek Macha (1810-36;
"Máj"), den vielseitigen Jaromir Erben (1811-70), der
indessen schon den Übergang zu der neuen Richtung vermittelt.
Unter den Satirikern zeichneten sich Franz Rubes (1814-53) und Karl
Havlicek (1821-56) aus. - Die Anfänge des modernen
tschechischen Dramas knüpfen sich an das 1785 von Karl und
Wenzel Tham in Prag begründete Liebhabertheater. Nep.
Stepánek (1783-1844) schuf durch zahlreiche originale oder
übersetzte Stücke das tschechische Repertoire; höher
stehen der fruchtbare Wenzel Klicpera (1792-1859) und Jos. Kajetan
Tyl (1808-56), dessen "Cestmir", "Pani Marjanka", "Strakonicky
dudak", "Jan Hus" u. a. sich auf dem Repertoire erhalten haben.
Noch sind zu erwähnen: S. Machacek (gest. 1846), Fr.
Turinský (gest. 1852), Ferdinand Mikovec (gest. 1862). -
Auch das Gebiet des Romans (im Sinn W. Scotts) und der Novelle
wurde fleißig angebaut, so namentlich von Tyl, Rubes, K. I.
Mácha und Marek, dem Begründer der tschechischen
Novellistik, Sabina (1813 bis 1877), Prokop Chocholousek (1819-64),
J. Ehrenberger (geb. 1815) und Adalbert Hlinka (pseudonym Franz
Prawda, geb. 1817), durch letztern besonders in Erzählungen
aus dem Volksleben.
Bedeutender als auf dem Gebiet der Poesie gestaltete sich die
neuere t. L. auf dem der Wissenschaften und insbesondere der
historischen. Als Historiker stehen in erster Linie: Franz Pelcel
(1734-1801), der Verfasser einer Reihe historischer Untersuchungen
(darunter Biographien Karls IV., Wenzels IV. etc.) und einer "Nova
kronika ceská", die wesentlich zur Erweckung des
tschechischen Nationalgefühls beitrug; sodann Paul Jos.
Safarik (Schafarik, 1795-1861), der in seinen "Starozitnosti
slovanské" den ersten den modernen Bedürfnissen
entsprechenden Versuch machte, die slawische Urgeschichte bis zum
10. Jahrh. aufzuhellen, und besonders Franz Palacky (1798-1876),
mit dessen monumentaler "Geschichte Böhmens von den
ältesten Zeiten bis 1526", deren 1. Band 1836 erschien, die
tschechische Historiographie sich plötzlich aus mühsamer
und schwerfälliger Altertumsforschung auf die Höhen
moderner, künstlerischer Darstellung emporschwang. Auch um die
slawische Sprachforschung erwarb sich nach den schon genannten
Gelehrten, Dobrovsky und Jungmann, besonders Paul Safarik durch
seine "Pocátkové staroceske mluvnice" große
Verdienste. Diesen Bahnen folgen: Martin Hattala (geb. 1821),
Wenzel Zikmund (1863-73), Jos. Kolar u. a.
V. Periode. Die neueste Zeit. Mit der Einführung der
konstitutionellen Ära in Österreich (um 1860) fielen die
letzten Schranken, welche das Wiederaufblühen der
tschechischen Litteratur bis dahin vielfach gehindert hatten. An
Zahl, innerm Gehalt und Formvollendung übertreffen denn auch
die Produkte der neuesten Periode alle frühern. Das tritt am
auffälligsten auf poetischem Gebiet zu Tage. Hier sei
zunächst, gleichsam als Übergang in die Neuzeit, der
hyperromantische Lyriker J. Vaclav Fric (pseudonym Brodsky, geb.
1829) erwähnt, der sich auch als Dramatiker einen Namen
gemacht hat. In Viteslav Halek (1835-74) erstand sodann der
böhmischen Poesie ein Dichter von durchaus moderner Stimmung
und trefflicher Naturmalerei. Schwungvoller sind die lyrischen
Gedichte von Adolf Heyduk (geb. 1836), der auch in der poetischen
Erzählung ungewöhnliches Talent bekundet. Sehr
geschätzt werden ferner die geistreichen, im übrigen der
dichterischen Unmittelbarkeit entbehrenden Gedichte von Joh. Nerud
a (geb. 1834). Der bedeutendste Dichter Böhmens auf
lyrisch-epischem Gebiet ist indessen Jaroslaw Vrchlický
(eigentlich Frida, geb. 1853). Noch sind unter den Lyrikern zu
erwähnen: Eliza Krasnohorska (geb. 1847), die populärste
böhmische Dichterin der Neuzeit, der vorwiegend elegische
Joseph Vaclaw Sladek (geb. 1845), Spindler, Dörfl, Mokry etc.
Als Dichter von epischer Begabung zeigte sich Svatopluk Cech (geb.
1846), doch hat ein Epes im großen Stil die neuere
tschechische Poesie bisher nicht zu Tage gefördert. Die
bedeutendsten Erfolge sind im Drama errungen worden, besonders
durch Franz Wenzel Jerábek (geb. 1836), der im sozialen
Schauspiel und der Tragödie Werke von hohem sittlichen und
künstlerischen Wert schuf. Von Bedeutung
881
Tschechische Litteratur - Tschechische Sprache.