Zunehmen begriffen. Diese Asyle werden teils durch Beiträge
von Privaten, teils auch mit Unterstützung von seiten des
Staats oder auch ganz auf Kosten des letztern unterhalten. Das
Washingtonian Home in Boston, das älteste Institut dieser Art,
das anfangs nur durch Privatwohlthätigkeit erhalten wurde und
sehr bald so ausgezeichnete Erfolge aufweisen konnte, daß der
Staat ihm eine jährliche Unterstützung von 5000 Dollar
zuwies, wurde 1869 als eine Staatsanstalt anerkannt. In dieser
Anstalt waren 1857-72: 3811 trunksüchtige Personen behandelt
worden, von denen mehr als die Hälfte aus freien Stücken
zugegangen und die andern auf richterlichen Ausspruch zugebracht
waren. Von 400 Kranken, die 1875 hier behandelt waren,
gehörten 189 den wohlhabenden Ständen an. Das Prinzip der
Behandlung bestand hier in der vollen Enthaltsamkeit von allen
berauschenden Getränken, in der Beseitigung jedes Zwanges, in
der Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit und in der
Kräftigung des sittlichen Moments. Bis zum 1. Mai 1876 sind in
dieser Anstalt ca. 5000 Kranke behandelt worden, und es soll
wenigstens ein Drittel vollkommen geheilt, ein Drittel erheblich
gebessert und würde von dem letzten Drittel auch noch ein
erheblicher Teil unter andern günstigen Verhältnissen
gebessert sein. Ein Trinkerasyl in Brooklyn (The Inebriate Home for
Klug's County, Brooklyn, New York), welches 1866 durch Privatmittel
gegründet wurde, nimmt lediglich Personen auf, die wegen T. zu
Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Hier ging man von der sehr
richtigen Erfahrung aus, daß solche Personen in den
Gefängnissen eher verschlechtert als gebessert würden,
und daß anstatt der bisherigen Bestrafung eine eigne
Behandlung der Trinker eintreten müsse. Ein besonderes Gesetz
ermächtigt, daß alle verurteilten Gewohnheitstrinker aus
den Grafschaftsgefängnissen in diese Anstalt verbracht werden,
und daß der Richter trunksüchtige Personen bis auf ein
Jahr in dieses Institut verbringen lassen könne. Die Kranken,
Männer und Weiber, werden in besondern Werkstätten und
beim Landbau zwangsweise beschäftigt. Über den Wert
dieser Einrichtungen ist ein vollgültiges Urteil noch nicht
gesprochen. Man macht den amerikanischen Asylen den Vorwurf,
daß sie ihre Insassen, die durchaus nicht immer als Kranke
gelten können, mit zu vieler Sentimentalität und Milde
behandeln, so daß diese Leute in ihren Neigungen und in ihren
lästerten Angewohnheiten eine gewisse Glorifizierung
erblicken, daß nicht überall nach geordneten strengen
Grundsätzen verfahren werde, daß in einzelnen Anstalten
die Insassen selbst leicht zu dem Genuß von Spirituosen
gelangen können, daß mehrere Anstalten unter der
Verwaltung von Nichtärzten sich befinden, und daß dies
im ärgsten Widerspruch mit dem immer proklamierten und
hervorgehobenen Grundsatz steht, daß T. eine Krankheit sei
(intemperance is a disease). Indessen sind die angeführten
Thatsachen durchaus nicht geeignet, den Grundwert dieser
Einrichtung, den hohen Nutzen derselben und ihre
Nachahmungswürdigkeit zu diskreditieren. In England haben
schon seit vielen Jahren ganz vornehmlich die Irrenärzte die
Zweckmäßigkeit und die unentbehrliche Notwendigkeit
solcher Anstalten hervorgehoben und verlangt. Privatasyle haben
hier mehrfach schon seit Jahren existiert, und vielfältig ist
hier die Frage erörtert worden, ob nach der bestehenden
Gesetzgebung trunksüchtige Personen in Irrenanstalten
aufgenommen werden dürfen. Aber auch hier war die Ansicht
vorherrschend, daß zur Aufnahme und Behandlung von
Gewohnheitstrinkern ganz besondere Anstalten vorhanden sein
müßten, daß ihre Einschließung auf
gesetzlichem Wege geregelt und bis auf ein Jahr ausgedehnt werden
müßte. Ein 1880 auf die Dauer von zehn Jahren in Kraft
getretenes Gesetz läßt jedoch nur Privatinstitute zu,
und in diese können Personen freiwillig eintreten, wenn sie
ihren Willen in einem schriftlichen Antrag erklärt haben, und
wenn dieser Antrag von zwei angesehenen Bürgern, welche vor
einem Friedensrichter bezeugen, daß der Antragsteller ein
Gewohnheitstrinker sei, mit unterzeichnet worden. Diese Asyle
dürfen nur auf eine besondere Lizenz hin errichtet werden, und
wie die Irrenanstalten werden auch sie alljährlich von
königlichen Beamten inspiziert. Auch in Deutschland hat man
Trinkerasyle aus Privatmitteln errichtet. In sehr wirksamer Weise
wird die T. bekämpft durch Beförderung der Verbreitung
derjenigen Getränke, die einen Ersatz für den Branntwein
gewähren: Begünstigung des Konsums von leichtem Wein und
besonders von gutem, billigem Bier, von Kaffee und Thee. In England
hat man von philanthropischer Seite große Kaffeehäuser
für die arbeitenden Klassen errichtet. Ebenso wichtig ist die
Förderung des körperlichen Wohls der arbeitenden Klassen
durch Beschaffung billiger und gesunder Nahrungsmittel und
menschenwürdiger Wohnung, die Stärkung des sittlichen
Gefühls im Volk durch Hebung des Wissens und der Bildung
vermittelst der Schule und der Kirche. Volksbibliotheken,
belehrende Vorträge, Theater mit sittlicher Tendenz, Museen,
Arbeitervereine erweisen sich mit der Verbreitung von gesunder
Aufklärung als gute Waffen gegen den gemeinsamen Feind des
Volksglücks, gegen die T. Vgl. Huß, Chronische
Alkoholkrankheit (a. d. Schwed., Stockh. 1852); Baer, Der
Alkoholismus (Berl. 1878); Monin, L'alcoolisme (Par. 1888);
"Mitteilungen zur Bekämpfung der T." (hrsg. von Böhmert
u. a., Leipz. 1889 ff.).
Trupial (Icterus Briss.), Gattung aus der Ordnung der
Sperlingsvögel, der Familie der Stärlinge (Icteridae) und
der Unterfamilie der Beutelstare (Icterinae), Vögel mit
schlankem, fein zugespitztem, auf der Firste gerundetem,
schneppenartig in das Stirngefieder eingreifendem, durch hohen
Mundwinkel ausgezeichnetem Schnabel, ziemlich kräftigen,
langzehigen Füßen mit hohen, stark gekrümmten
Nägeln, ziemlich langen Flügeln, unter deren Schwingen
die zweite die längste ist, langem, abgerundetem, seitlich
stufig verkürztem Schwanz. Der Baltimorevogel (I. Baltimore
L.), 20 cm lang, 30 cm breit, an Kopf, Hals, Kehle, Mantel,
Schultern, Flügeln und den beiden mittelsten Schwanzfedern
schwarz, an den Oberflügeldecken, dem Bürzel und den
Oberschwanzdeckfedern und den übrigen Unterteilen feurig
orange, auf den Flügeln mit breiten, weißen Querbinden,
die äußern Schwanzfedern halb orange, halb schwarz; das
Auge ist braun, Schnabel und Fuß grau. Er bewohnt die
Oststaaten Nordamerikas, geht im Winter bis Westindien und
Mittelamerika, lebt besonders an Flußufern, baut ein an
Baumzweigen hängendes, sehr künstlich geflochtenes Nest
und legt 4-6 blaßgraue, dunkler gefleckte und gestrichelte
Eier. Ernährt sich im Frühjahr fast ausschließlich
von Kerbtieren, aber im Sommer richtet er an Feigen und Maulbeeren
oft großen Schaden an. Wegen seines angenehmen Gesangs
hält man ihn viel im Käfig.
Truppen, militärische Abteilungen, die ihrer
Organisation nach ein in sich geschlossenes Ganze bilden, z. B.
Bataillon, Regiment. Im Gegensatz zu den
875
Truppenverbandplatz - Tsad.
Garden unterscheidet man Linientruppen, zu den T. der aktiven
Armee Reserve-, Landwehr- und Landsturmtruppen, reguläre,
irreguläre und Miliztruppen. Truppenkorps bestehen aus
gemischten Waffen; T.- oder Waffengattungen unterscheiden sich nach
ihrer Ausrüstung, Bewaffnung, Kampfweise etc. als Infanterie,
Kavallerie, Feld- und Fußartillerie etc. Truppenkörper,
Truppenteil bezeichnen gewisse Einheiten verschiedener
Größe. Truppenfahrzeuge, s. Bagage.
Truppenverbandplatz, bei jedem größern Gefecht
von dem beteiligten Truppenteil durch Aufstellung seines
Medizinwagens, bez. Medizinkastens errichteter Verbandplatz, auf
welchem die Hälfte der Ärzte und Lazarettgehilfen
verbleiben. Derselbe soll dem Gewehrfeuer möglichst entgegen
und leicht zugänglich sein. Hier erhalten die Verwundeten die
erste Hilfe. Die Truppenverbandplätze sind möglichst bald
mit dem Hauptverbandplatz zu vereinigen, damit Personal und
Material derselben baldthunlichst sich ihren Truppenteilen wieder
anschließen können.
Truro, 1) Stadt in der engl. Grafschaft Cornwall, am
gleichnamigen Fluß, der hier in den Falmouthhafen
mündet, die schönste Stadt der Grafschaft, mit neuer
Kathedrale, Museum, anglikan. Seminar, Schmelzhütten,
Papiermühlen u. (1881) 10,619 Einw. -
2) Stadt in der britisch-amerikan. Provinz Neuschottland, am
obern Ende der Cobequidbai, in fruchtbarer Gegend, mit (1881) 3461
Einw.
Trüsche, s. Quappe.
Truthuhn (Meleagris L.), Gattung aus der Ordnung der
Hühnervögel (Rasores) und der Familie der Hokkovögel
(Cracidae), große, hochbeinige, kurzflügelige und
kurzschwänzige Vögel mit unbefiedertem, warzigem Kopf und
Oberhals, zapfenförmiger, ausdehnbarer Fleischklunker an der
Oberschnabellade und schlaffer Haut an der Gurgel, kurzem, starkem,
oben gewölbtem und gebogenem Schnabel, ziemlich hohen,
langzehigen Füßen, sehr gerundeten Flügeln und
aufrichtbaren Schwanzfedern; einzelne Federn der Vorderbrust
wandeln sich in borstenartige Gebilde um, welche das übrige
Gefieder an Länge weit überragen. Das T. (Puter,
kalikutisches Huhn, M. Gallopavo L.), 100-110 cm lang, bis 150 cm
breit, ist oberseits bräunlichgelb, metallisch schimmernd, mit
schwarz gesäumten Federn, am Unterrücken und an den
Schwanzdeckfedern dunkelbraun, grün und schwarz
gebändert, auf der Brust gelblichbraun, am Bauch und an den
Schenkeln bräunlichgrau, in der Steißgegend schwarz,
Schwingen und Steuerfedern schwarzbraun, letztere schwarz gewellt,
an den nackten Kopf- und Halsteilen blau mit roten Warzen; der
Schnabel ist hornfarben, das Auge gelbblau, der Fuß violett
oder rot. Das T. lebt in Ohio, Kentucky, Illinois, Indiana,
Arkansas, Tennessee und Alabama in großen Waldungen,
zeitweilig gesellig, macht unregelmäßige Wanderungen,
geht im Herbst in Gesellschaften, die nur aus Männchen oder
aus Weibchen mit den Jungen bestehen, in das Tiefland des Ohio und
Mississippi, immer zu Fuß wandernd und nur mit
Überwindung größere Ströme überfliegend.
Nachts ruhen sie auf Bäumen. Die Henne legt in einer seichten
Vertiefung 10-15 oder 20 bräunlichgelbe, rot punktierte Eier
und bebrütet diese mit großer Treue; namentlich gegen
Ende der Brutzeit verläßt die Henne das Nest unter
keiner Bedingung. Bisweilen benutzen mehrere Hennen ein gemeinsames
Nest. Das T. frißt Gras und Kräuter, besonders
Pekannüsse und die Früchte der Winterrebe, Getreide,
Kerbtiere etc. Nicht selten mischen sich abgemattete
Truthühner gezähmten Hühnern bei, gehen in die
Ställe, begatten sich auch mit zahmen Truthennen. Von letztern
ausgebrütete Eier der wilden Hühner liefern Junge, welche
fast vollständig zahm werden. Man jagt das T. mit großem
Eifer, ähnlich wie den Auerhahn, fängt es aber auch ohne
Mühe in Fallen. Schon früh hat man angefangen, es zu
züchten, und gegenwärtig ist es sehr verbreitet. Man
findet es überall auf Hühnerhöfen, doch ist es
seines jähzornigen, zanksüchtigen Wesens halber wenig
beliebt; seine Dummheit ist erstaunlich, und namentlich wenn es
Küchlein führt, gebärdet es sich oft
lächerlich. Man hält auf einen Hahn 4-10 Hennen und
läßt sie ein-, auch zweimal im Jahr brüten. Die
Zahl der Eier beträgt 12-24. Die Henne brütet sehr eifrig
vier Wochen (man benutzt sie auch als zuverlässigste
Brüterin in der Hühnerzucht), und man muß Futter
und Wasser ganz in die Nähe stellen, den Hahn aber und andre
Hennen entfernt halten. Die jungen Hühnchen sind sehr
weichlich, dumm und ungeschickt und müssen sehr
sorgfältig vor Nässe, auch vor zu starker Hitze
geschützt und mit gekochten Eiern, gemischt mit Brotkrume,
Grütze, gequetschtem Hanfsamen und gehacktem Grünzeug
gefüttert werden. Nach vier Monaten kann man sie auf
Stoppelfelder und Wiesen treiben. Für den Markt werden sie
gemästet. Zweijährige Truthühner wiegen oft 10-15
kg. Das Fleisch ist sehr geschätzt, und ein mit Trüffeln
gefüllter Truthahn gilt namentlich in Frankreich als
beliebtester Braten. Das T. kam ziemlich früh nach Europa,
Gyllius erwähnt es als Hausvogel der Europäer; in England
soll es 1524, in Deutschland zehn Jahre später, bald darauf
auch in Frankreich eingeführt worden sein. 1557 war es aber
noch so kostbar, daß der Rat von Venedig bestimmte, auf
welche Tafel "indische Hühner" kommen durften.
Gegenwärtig ist es wohl am häufigsten in Spanien, wo man
Herden von mehreren hundert Stück trifft. Vgl. Rodiczky,
Monographie des Truthuhns (Wien 1882); Mariot-Didieux, Die
Truthühnerzucht (2. Aufl., Weim. 1873); Schuster, Das T.
(Kaisersl. 1879).
Trutta, Lachs.
Trutzfarben, s. Darwinismus, S. 566.
Trutzwaffen, die Angriffs-, Kampfwaffen, gegenüber
den Schutzwaffen.
Truxillo, s. Trujillo.
Trybock, mittelalterliche Kriegswurfmaschine, s. v. w.
Balliste.
Trygon, s. Rochen.
Trypeta, Bohrfliege.
Tryphiodoros (richtiger Triphiodoros), griech. Dichter zu
Ende des 5. Jahrh. n. Chr., aus Ägypten, Verfasser eines
epischen Gedichts von der "Eroberung Trojas" in 691 Versen. Ohne
dichterischen Schwung, ist es in leidlicher Sprache geschrieben
(hrsg. von Wernicke, Leipz. 1819, und Köchly, Zürich
1850; deutsch von Torney, Mitau 1861).
Tryphoniden (Tryphonides), s. Schlupfwespen.
Trypograph (griech.), s. Hektograph.
Trypsin, s. Bauchspeichel.
Trzemeszno, Stadt, s. Tremessen.
Tsad (Tschad), großer Süßwassersee im
Sudân (Afrika), stellt das Zentrum der Abflachung dar, in
welcher sich die Abflüsse Bornus, Bagirmis, der Länder im
S. Wadais und eines Teils der Haussastaaten sammeln,und liegt
zwischen 12°30'-14°30' nördl. Br. und 13°-15°
östl. L. v. Gr. in 244 m Meereshöhe (s. Karte
"Oberguinea"). Im SO. setzt sich derselbe durch das gelegentlich
von ihm überströmte, 500 km lange, nach NO. ziehende Thal
des Bahr el Ghazal
876
Tsanasee - Tschandarnagar.
oder Gazellenflusses (s. d. 2) fort, welches in den Niederungen
von Egai und Bodele endigt. Während der See aus der Wüste
im N. keine Zuflüsse erhält, münden von W. her der
spärlich Wasser führende Waube, von S. der gleichfalls
nicht bedeutende Mbulu und von SO. der allezeit wasserreiche Schari
in denselben. Der T. hat einen sehr schwankenden Wasserstand, der
im November infolge der Flut des Schari am höchsten ist; seine
Ufer sind teilweise ganz unbestimmt, man schätzt seinen
Flächeninhalt aus 27,000 qkm (fast 500 QM.). Er hat eine
dreieckige Gestalt und besteht in seinem westlichen Teil aus
offenem Wasser, während der östliche nur ein netzartig
verzweigtes Gewirr von Wasseradern mit zahlreichen Inseln ist, auf
denen das Volk der Jedina oder Budduma haust. Sind die
Regenfälle sehr stark, so müssen die Inselbewohner wohl
auf das Uferland flüchten, während lange Trockenheit die
Vereinigung der Inseln mit dem Ufer herbeiführt. Häufig
sind die Ortschaften an den Ufern durch die Anschwellungen des Sees
vernichtet worden. Nahe dem Westufer liegt Kuka, die Hauptstadt
Bornus. Die Umwohner sind Kanembu, Bornuaner, im SO. nomadisierende
Araber. Die ersten Europäer, welche den See erblickten, waren
Clapperton, Denham und Oudney; der erste aber, welcher ihn befuhr,
war oer Deutsche A. Overweg (1851); Vogel untersuchte ihn 1853,
Nachtigal 1870. Vgl. Nachtigal in der Berliner "Zeitschrift
für Erdkunde" (Bd. 12); Derselbe, Sahara und Sudân, Bd.
2 (Berl. 1880).
Tsanasee, s. Tanasee.
Tsang, Getreidemaß, s. Thang.
Tsch..., slaw. Worte, die hier vermißt werden,
suche man unter C oder Cz...
Tschabuschnigg, Adolf, Ritter von, österreich.
Staatsmann und Dichter, geb. 9. Juli 1809 zu Klagenfurt, studierte
in Wien die Rechte, trat 1832 in den Staatsdienst, ward 1850
Oberlandesgerichtsrat in Klagenfurt, 1854 in Graz, 1859 Hofrat beim
obersten Gerichtshof in Wien, 1861 Mitglied des Reichsrats, 1870
des Herrenhauses, war vom 12. April 1870 bis 4. Febr. 1871
Justizminister im Kabinett Potocki; starb 1. Nov. 1877. Er schrieb:
"Gedichte" (Dresd. 1833; 4. Aufl., Leipz. 1872); "Neue Gedichte"
(Wien 1851); "Aus dem Zauberwalde", Romanzenbuch (Berl. 1856);
Novellen und Romane: "Die Ironie des Lebens" (Wien 1841), "Der
moderne Eulenspiegel" (Pest 1846), "Die Industriellen" (Zwick.
1854), "Sünder und Thoren" (Brem. 1875) u. a. Seine
"Gesammelten Werke" erschienen Bremen 1875-77, 6 Bde. Vgl. v.
Herbert, A. Ritter v. T. (Klagenf. 1878).
Tschad, See, s. Tsad.
Tschadda, Nebenfluß des Niger, s. Binuë.
Tschadir (türk., "Zelt"), in Persien Name des langen
Stückes blauer Leinwand, in welches die Perserinnen sich
außer dem Haus einhüllen.
Tschagatai (Dschaggatai), der zweite Sohn des
Dschengis-Chan, dem nach dessen Tode die Länder am Oxus und
Jaxartes, die Bucharei und Turkistan zufielen, die in jenen Teil
des mongolischen Reichs einverleibt wurden, welcher unter dem Namen
"Chanat von Tschagatai" von den uigurischen Pässen bis nach
Amaje am Oxus sich erstreckte. T. starb 1241, seine Nachkommen
behaupteten sich bis auf Timur.
Tschagischer Thee, die Blätter der sibir. Saxifraga
crassifolia, werden in Rußland als Thee benutzt.
Tschai (türk.), Fluß.
Tschaïken (Csaïken), kleine galeerenartige, mit
Segeln und Rudern versehene Boote, welche, mit Kanonen und
Haubitzen ausgerüstet, im ehemaligen
österreichisch-ungarischen Militärgrenzland zur
Beschützung und Bewachung der Wassergrenze gegen die
Türken dienten. Es waren 25 solcher Schiffe im Gang, mit 1-8
Kanonen und mit dem Tschaikistenbataillon bemannt, das den
Marktflecken Titel (Titul) an der Theißmündung zum
Stabsort hatte.
Tschaikowsky, Peter Iljitsch, Komponist, geb. 25. Dez.
1840 auf dem Hüttenwerk Wotkinsk im Gouvernement Perm im
östlichen Rußland, studierte Rechtswissenschaft in
Petersburg und arbeitete von 1859 an im Justizministerium, bis er,
seiner Neigung zur Musik folgend, den Staatsdienst verließ
und in das von A. Rubinstein neubegründete Konservatorium
eintrat. Nach Absolvierung seiner Studien (1866), und nachdem er
für eine Kantate nach Schillers Gedicht "an die Freude" die
Preismedaille errungen, erhielt er die Stelle eines
Kompositionslehrers am Konservatorium zu Moskau, die er bis 1877
bekleidete, in welchem Jahr er aus Gesundheitsrücksichten
seine Entlassung nahm. T. lebt seitdem zurückgezogen teils in
Italien und in der Schweiz, teils in Rußland. Seine
namhaftesten Werke sind: die Opern "Vakula der Schmied" und "Eugen
Onägin", "Opritschnik", 4 Symphonien, die symphonischen
Dichtungen: "Der Sturm", "Romeo und Julie", "Francesca da Rimini",
3 Streichquartette, 2 Klavierkonzerte, Sonaten und andre
Klavierstücke, Kompositionen für Violine und Violoncello
etc. Auch veröffentlichte er eine "Harmonielehre" und eine
russische Übersetzung von Gevaerts "Traité
d'instrumentation".
Tschako (ungar. Czakot), eine seit dem Anfang dieses
Jahrhunderts übliche militärische Kopfbedeckung in Form
einer hohen Mütze, entweder oben und unten gleich weit, oder
oben schmäler als unten, wie der jetzige T. der Jäger und
des Trains, oder oben breiter als unten, in welcher unpraktischen
Form er überall verschwunden ist; gewöhnlich von Filz,
mit ledernem Deckel und Kopfrand, vorn mit einem Schild
versehen.
Tschamara (tschech.), mit einer engen Reihe kleiner
Knöpfe besetzter Schnurrock mit niedrigem Stehkragen,
tschechische Nationaltracht.
Tschambal, Hauptfluß der Landschaft Malwa in
Zentralindien, entspringt im Windhyagebirge, fließt gegen NO.
und mündet in die Dschamna; 689 km lang.
Tschambesi, Fluß in Zentralafrika, mündet an
der sumpfigen Ostseite des Bangweolosees und könnte somit als
Quellfluß des Congo angesehen werden.
Tschanak-Kalessi ("Topfburg"; bei den Europäern
Dardanellen genannt), Hauptstadt des zum türk. Wilajet Karasi
gehörigen, etwa die alte Landschaft Troas umfassenden Liwa
Bigha, an der engsten Stelle des Hellespont auf asiatischer Seite
gelegen, Sitz zahlreicher militärischer und
Zivilbehörden, eines internationalen Telegraphenamtes, eines
Quarantäne- und Hafenamtes, mit über 7000 Einw. (zur
Hälfte Mohammedaner). T. ist Transithafenplatz für Holz,
Galläpfel, Wolle und Getreide, betreibt Schiffbau, exportiert
viel Töpferwaren und hat ein Regierungsgebäude, eine
Kaserne, 10 Moscheen, 3 Kirchen, 2 Synagogen, 9 türkische, 4
christliche und 2 jüd. Schulen, 11 Vizekonsulate etc. Am Meer
das alte Fort Kale Sultanie, dessen Name häufig für die
Stadt selbst gebraucht wird.
Tschandal, eine der niedrigsten Hindukasten in Bengalen
und Assam, nichtarischen Bluts und 1881: 1,749,608 Köpfe
stark. Sie sind sehr geschickte Schiffer, kräftig und waren
von den Ariern tief verachtet, aber zugleich auch gefürchtet;
sie bekennen sich zum Teil zum Islam.
Tschandarnagar (Chandernagur), franz. Enklave in der
britisch-ind. Provinz Bengalen, am Hugli,
877
Tschang - Tschechische Litteratur.
^85 km oberhalb Kalkutta, 10 qkm groß mit (1885) 25,842
Einw., steht unter einem von dem Generalgouverneur in Ponditscherri
abhängigen Beamten und hatte 1883 eine Einnahme von 210,009,
eine Ausgabe von 166,500 Frank. T. erhält von der
britisch-indischen Regierung jährlich 300 Kisten Opium unter
der Bedingung, daß es selbst kein Opium bereitet. Es wurde
1673 von den Franzosen besetzt, der Ort erlangte schnell
große Bedeutung als Handelsplatz, wurde von den
Engländern mehrmals erobert, 1815 endgültig
zurückgegeben, hat sich aber nicht wieder erholen können.
Vgl. Fras, Études sur Chandernagor (Lyon 1886).
Tschang, Längenmaß in China, à 10
Tschih; im Zollamt nach englischen Verträgen = 3,58, nach
französischen = 3,55 m.
Tschangscha, s. Hunan.
Tschantabon, Handelsstadt im südöstlichen Siam,
an der Mündung des gleichnamigen Küstenflusses in den
Golf von Siam, mit angeblich 6000 Einw.
Tschapat (türk.), Post, das Postwesen, auch
Postreiter in Persien. T.-Chan, Poststation.
Tschardaken, Wachthäuser an der
österreichisch-türk. Militärgrenze für
Militär- und Zeltwache und den Pestkordon. Vgl. Karaul.
Tschardas, s. v. w. Csárdás.
Tscharka, Flüssigkeitsmaß, s. Kruschka.
Tscharnikau, s. Czgrnikau.
Tschaslau (tschech. Cáslav), Stadt in
Ostböhmen, in fruchtbarer Ebene, an der Österreichischen
Nordwestbahn, Sitz einer Bezirkshauptmannschaft, einer
Finanzbezirksdirektion und eines Bezirksgerichts, hat eine
Dechanteikirche mit hohem Turm, eine neue evang. Kirche, ein
schönes Rathaus, ein Denkmal Ziskas, ein Theater, ein
Untergymnasium, eine tschechische evang. Lehrerbildungsanstalt,
eine Rübenzuckerfabrik (außerdem 7 in der Umgebung von
T., einem Hauptsitz dieser Industrie), Bierbrauerei,
Dampfmühlen, Fabrikation von Spiritus, Preßhefe, Seife
und (1880) 7178 Einw. Von T. führt eine Lokalbahn nach
Butschitz (mit Zuckerfabrik und Eisenwerk Hedwigsthal) und
Zawratetz. T. ist sehr alt, war ein Hauptplatz der Hussiten und
litt sehr im Dreißigjährigen Krieg.
Tschataldscha, 1) Städtchen 60 km westlich von
Konstantinopel, an der Eisenbahn nach Adrianopel, nach welchem die
umfangreichen, 1878 zum Schutz Konstantinopels errichteten
Verteidigungswerke benannt werden; Sitz eines Mutefsarif. -
2) Früherer türk. Name der jetzt griech. Stadt
Pharsalos (s. d.).
Tschatschak, Hauptstadt eines Kreises im Königreich
Serbien, rechts an der Morawa, mit Kirche, Untergymnasium und
(1884) 3137 Einw. Hier zweimal (1806 und 1815) Sieg der Serben
über die Türken. Der Kreis umfaßt 3164 qkm (57,4
QM.) mit (1887) 82,358 Einw.
Tschausch (türk.), ehemals Leibgardist oder
Polizist, deren Vorgesetzter (T.-Baschi) mit wichtigen
Staatsfunktionen betraut war; jetzt s. v. w. Wachtmeister, auch
Vorreiter eines Wesirs; in Persien Unternehmer und Anführer
von Pilgerkarawanen; in Serbien der Spaßmacher bei der
Hochzeit.
Tschaussy, Kreisstadt im russ. Gouvernement Mohilew, hat
eine griechisch-orthodoxe und eine Uniertenkirche, Fabriken in
Leder, Wolle, Seife und Talg und (1885) 5202 Einw., zur Hälfte
Juden.
Tschautschau, Handelsstadt in der chines. Provinz Fukien,
mit katholischer und evang. Mission und angeblich 1 Mill. Einw. T.
sollte nach dem Vertrag von Tientsin (1858) den Fremden als
Vertragshafen geöffnet sein. Da es aber infolge seiner Lage
oberhalb der Mündung des Han der Schiffahrt schwer
zugänglich ist, so wird das an der Mündung gelegene
Swatau (s. d.) als Vorhafen benutzt.
Tschay (Czay), Mischung von Thee, Zucker und Rum oder
Rotwein; auch ein aus gestoßenem Mais, heißem Wasser,
Zucker und Rum bereitetes, in Rußland und Ungarn sehr
beliebtes Getränk.
Tschebokssary, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kasan, an
der Wolga, mit 12 Kirchen, dem Troizti-Kloster mit
wundertätigem Bilde des heil. Nikolaus und (1885) 5081 Einw.,
welche Juftengerberei und Handel mit Honig und Wachs treiben.
Tschech, Heinrich Ludwig, geb. 1789 zu Klein-Kniegnitz in
Schlesien, studierte die Rechte und wurde Bürgermeister in
Storkow. Aus Privatrache machte er 26. Juli 1844 in Berlin einen
Mordversuch auf Friedrich Wilhelm IV. und wurde 14. Dez. d. J. in
Spandau enthauptet.