Traubenzucker (Krümel-, Stärke-, Kartoffel-,

Obst-, Honigzucker, Glykose, Glukose, Dextrose) C6H12O6 findet sich

im Pflanzenreich, fast stets begleitet von Levulose (Fruchtzucker)

oder Rohrzucker, sehr verbreitet, besonders in süßen

Früchten (kristallisiert im gedörrten Obst, in Rosinen,

auf welchen er oft als weißer Beschlag erscheint), auch im

Honig, im tierischen Organismus normal im Dünndarminhalt und

Chylus nach dem Genuß stärkemehl- und zuckerhaltiger

Nahrung, in der Leber des Menschen und der Säugetiere, im

Lebervenenblut, im Harn schwangerer Frauen, in der Amnion- und

Allantoisflüssigkeit der Rinder, Schafe und Schweine,

pathologisch im Harn bei Zuckerruhr und nach Reizung und Verletzung

des verlängerten Marks. T. entsteht aus den übrigen

Kohlehydraten (am leichtesten aus Rohrzucker) bei Einwirkung

eigentümlicher Fermente oder verdünnter Säuren

(daher in Bier- und Branntweinwürze) und bei der Spaltung der

Glykoside. Dargestellt wird T. aus Most, indem man denselben durch

Kreide entsäuert, mit Blut klärt und verdampft; viel mehr

T. aber wird aus Kartoffelstärke dargestellt und als feste

Masse, gekörnt, als Sirup (Stärkesirup, Kartoffelsirup)

oder als zähflüssige Masse (sirop impondérable,

weil er nicht mit dem Saccharometer gewogen werden kann) in den

Handel gebracht. Man erhitzt Wasser mit etwa 1 Proz.

Schwefelsäure zum Kochen, trägt die mit Wasser zu einer

milchigen Flüssigkeit angerührte Stärke unter

lebhaftem Umrühren ein und kocht, bis das zuerst gebildete

Dextrin vollständig in T. umgewandelt ist (bis 1 Teil der

Flüssigkeit mit 6 Teilen absolutem Alkohol keinen Niederschlag

mehr gibt). Bei Zusatz von etwas Salpetersäure soll die

Umwandlung viel schneller erfolgen. Zur Beseitigung der

Schwefelsäure neutralisiert man mit Ätzkalk, Kreide oder

Marmor oder kohlensaurem Baryt, zapft die Flüssigkeit von dem

abgelagerten unlöslichen schwefelsauren Kalk oder Baryt ab,

verdampft sie bis 15 oder 16° B., filtriert über

Knochenkohle und verdampft den Sirup (meist in Vakuumapparaten) bis

30° B. (Stärkesirup) oder bis zur Kristallisation.

Läßt man die kristallisationsfähige Masse in

Fässern oder Kisten vollständig erstarren, so erhält

man ein sehr unreines Produkt (Kistenzucker, Blockzucker). Zur

Gewinnung eines reinern Produkts preßt man die in

Kristallisation befindliche Masse in starken hydraulischen Pressen

(Preßzucker), um den Sirup abzuscheiden, schmelzt wohl auch

den gepreßten Zucker (hart kristilisierter Zucker), oder man

läßt aus der weniger stark eingekochten Masse den Sirup

von den Kristallen abfließen und trocknet letztern auf

Gipsplatten in der Trockenstube. 1 Ztr. Stärke liefert etwa 1

Ztr. Zucker oder 1,5 Ztr. Sirup. Auch Holzfaser, Flechten, Lumpen

etc. geben bei Behandlung mit Schwefelsäure T.; doch kann die

aus solchen Materialien gewonnene zuckerhaltige Flüssigkeit

nur auf Spiritus verarbeitet werden. Der T. des Handels

enthält 60-76 Proz. reinen T., 9-17 Proz. Dextrin, 11-25 Proz.

Wasser, 2-7 Proz. fremde Bestandteile. Reinen T. erhält man

durch Lösen von Rohrzuckerpulver in salzsäurehaltigem

Alkohol und Verdampfen der Lösung zur Kristallisation. T.

bildet meist warzig-krümelige, farb- und geruchlose Massen mit

1 Molekül Kristallwasser, schmeckt weniger süß als

Rohrzucker (man braucht 2,5 mal so viel T. als Rohrzucker, um

demselben Volumen Wasser dieselbe Süßigkeit zu

erteilen), löst sich in 1,3 Teilen kaltem, in allen

Verhältnissen in kochendem Wasser, auch in Alkohol, dreht die

Ebene des polarisierten Lichts nach rechts (daher Dextrose),

erweicht bei 60°, wird bei 100° wasserfrei, schmilzt bei

146°, zersetzt sich bei 170° und gibt in höherer

Temperatur Karamel. Mit Alkalien zersetzt sich die Lösung

schon bei 60-70°. Eine mit Kali versetzte

Traubenzuckerlösung reduziert in der Siedehitze

Kupferoxydhydrat zu Kupferoxydul, Silberoxyd zu metallischem

Silber. Durch Hefe zerfällt T. in Alkohol und

Kohlensäure; in alkalischer Lösung vergärt er zu

Milchsäure und Buttersäure, und unter gewissen

Umständen tritt schleimige Gärung ein, und es bilden sich

Mannit und ein gummiähnlicher Körper. T. dient in

großer Menge zur Weinbereitung (beim Gallisieren), als

Surrogat des Braumalzes in der Bierbrauerei, des Honigs in der

Zuckerbäckerei und Lebküchlerei, zum Verschneiden des

indischen Sirups und Honigs, in Mostrich- und Tabaksfabriken, zur

Darstellung von Zuckerkouleur, Likören, Bonbons etc. T. wurde

zuerst während der Kontinentalsperre fabrikmäßig

dargestellt. Später verschwand dieser Industriezweig und

gewann erst neuerdings durch das Gallisieren und die Benutzung des

Traubenzuckers in Brauereien größere Bedeutung. Vgl.

Wagner, Die Stärkefabrikation (Braunschw. 1876).

Trauer, die durch ein betrübendes Ereignis,

namentlich durch den Verlust nahestehender oder verehrter Personen,

oder durch die Erinnerung an solche Verluste (wie in den

religiösen Trauerfesten um Adonis, Osiris etc.) verursachte

Gemütsstimmung und deren Kundgebung nach außen. Letztere

äußert sich beim weiblichen Geschlecht, bei

sanguinischen Naturen, südlichen Völkern etc. in mehr

lauter, aber schneller vorübergehender Klage, bei nordischen

Völkern in länger nachwirkenden, aber stummen und

gefaßten Gemütsbewegungen. Natürlich sind die

Kundgebungen vor der aufgebahrten Leiche und am offenen Grab am

stärksten, und man hatte dazu bei Natur- und

Kulturvölkern bestimmte Trauergesänge, wie die von

Schiller umgedichtete "Nadowessische Totenklage", das Adonis-,

Linos- und Maneros-Lied der Griechen, Syrer und Ägypter. Im

Orient wie bei den Slawen und im südlichen Italien werden

besondere Klageweiber angenommen, die das mit Cypressen und andern

Trauersymbolen geschmückte Sterbehaus mit ihrem Geschrei

erfüllen. Religiöse Vorstellungen und Herkommen bedingen

für den äußern Ausdruck mannigfache

Verschiedenheiten. Bei den Naturvölkern gilt die

Trauerverstümmelung (s. d.) als der natürliche Ausdruck

des beherrschenden Gefühls, die Kulturvölker deuten durch

Unterlassen jedes Putzes, Vernachlässigung der Haarpflege,

Anlegen von Florstreifen etc. an, daß sie für eine

gewisse, nach der Sitte bestimmte und für Frauen länger

als für Männer dauernde Zeit allen Freuden der Welt

abgestorben sind, weshalb auch alle weltlichen Vergnügungen,

wie Theater, Bälle, Konzerte u. dgl., streng gemieden werden.

In Attika dauerte die Privattrauer 30 Tage, in Sparta mußte

sie bereits am 12. Tag mit einem Opfer an Demeter beendet werden;

in Rom war nur den Frauen (seit Numas Gesetzgebung) eine bestimmte

Trauerzeit geboten. Bei den Griechen und Orientalen, wo Bart und

Haupthaar den Stolz des Mannes bilden, wurden und werden vielfach

beide geschoren; doch galt anderwärts, z. B. in Rom, eine

gewisse Vernachlässigung durch Langwachsenlassen ebenfalls als

Trauerzeichen. In der Kleidung wurden überall bunte Farben und

kokette Formen vermieden. Die Juden verhüllten den Körper

mit einem groben, sackartigen, in der Mitte gegürteten Gewand

und bestreuten, wie auch die Griechen (und katholischen Christen zu

Aschermitt-

807

Trauerbäume - Traum

woch), das Haupt mit Asche, woher die Redensart: "in Sack und

Asche trauern". Als Trauerfarben galten vorwiegend, z. B. den

Griechen und Römern, die dunkeln, schwarzen, welche auch

früh bei den Christen Eingang fanden, obwohl Cyprian,

Chrysostomus und andre Kirchenlehrer dieselbe tadelten, weil sie

der Hoffnung auf die ewigen Freuden zu widersprechen schienen.

Dagegen trauerten die alten Ägypter in gelben Kleidern, die

Argiver weiß; bei den Chinesen sind noch heute weiße,

blaue und graue Trauerkleider üblich. Grau gilt auch bei uns

als die Farbe der nach einer gewissen Zeit eintretenden sogen.

Halbtrauer, die besonders bei der schon in alten Kulturländern

gesetzlich oder durch bestimmte Erlasse (Trauerordnungen)

geregelten Landes- und Hoftrauer nach dem Tode des eignen oder

befreundeter Landesfürsten streng beobachtet wird, wobei alle

öffentlichen Lustbarkeiten für eine bestimmte Zeit

unterbleiben, die Flaggen in halber Höhe geheißt werden

und Militär wie Hofbeamte in vorgeschriebener Trauerkleidung

zu erscheinen haben. Das schon bei den Römern gesetzlich

vorgeschriebene und auch bei uns meist eingehaltene sogen.

Trauerjahr der Witwen bezieht sich nur auf etwa noch zu erwartende

Nachkommenschaft und kann daher auf ärztliches Attest

abgekürzt werden.

Trauerbäume, Gehölze mit hängenden

Zweigen, welche als Symbol der Trauer auf Gräbern, aber auch

wirkungsvoll im Park und Garten einzeln stehend angepflanzt oder zu

Lauben benutzt werden. Den schönsten Effekt machen T. mit

dünnen Zweigen und schmalen Blättern, während

starkästige Bäume mit großen, breiten Blättern

leicht plump erscheinen. Der klassische Trauerbaum ist die

Trauerweide (Salixbabylonica), der sich andre Weidenarten

anschließen. Sehr schön sind auch einige Birkenformen,

Fichten und namentlich weiße Rosen, während die

Traueresche nur in höherm Alter ihre Steifheit verliert.

Trauerjahr, s. Trauer.

Trauerkrüge, Kreußener Kannen aus perlgrauem

Steinzeug, welche weiß und schwarz emailliert und zuweilen

vergoldet sind.

Trauermantel, s. Eckflügler.

Trauerparade, s. Ehrenbezeigungen.

Trauerspiel, s. Tragödie.

Trauerverstümmelung. Bei den Naturvölkern und

ältern Kulturvölkern, die jenen noch nahestanden,

äußerte sich die Trauer um Verstorbene nicht bloß

in Farbe und Schnitt der Kleider, sondern in heftigen Angriffen und

Verstümmelungen des eignen Körpers. Die Bewohner der

Nikobaren verbrennen, wie Hamilton erzählt, das Besitztum des

Toten, und sein Weib muß sich am Grab ein Fingerglied

abschneiden lassen. Bei den Charruah sind beim Tode des

Familienhauptes die Witwen, Töchter und verheirateten

Schwestern verpflichtet, sich ein Fingerglied abnehmen zu lassen.

Bei den Fidschianern wurden (nach Williams) beim Tode des

Häuptlings 100 Finger als Opfer verlangt. Diese Fingeropfer

sind offenbar Ablösungsformen für das Leben der Witwe

oder fürstlichen Diener, die früher dem Gatten oder

Häuptling in den Tod zu folgen hatten, und bei einigen

nordamerikanischen Indianerstämmen, die ebenfalls das

Fingeropfer kennen, muß die Witwe einige Augenblicke ihr

Haupt neben das des Toten auf den Scheiterhaufen legen (vgl.

Manendienst und Menschenopfer). Auf den Sandwichinseln wurde (nach

Ellis) beim Tode des Herrschers jedem Unterthanen ein Vorderzahn

ausgeschlagen, oder es wurden ihm beide Ohren abgeschnitten. An

vielen Orten trat die Hergabe von Blut am Grab an die Stelle des

Fingeropfers, und die Lakedämonier hatten (nach Herodot) die

barbarische Sitte, daß sich beim Tode des Königs

Männer, Weiber und Sklaven in großen Haufen versammeln

und mit Dornen und Nadeln das Fleisch von der Stirn reißen

mußten. Den Juden gebot das mosaische Gesetz: "Ihr sollt euch

keine Wunden in euer Fleisch schneiden für die Toten . . . . "

(3. Mos. 19, 28). Bei dem Begräbnis Attilas zerfleischten die

Hunnen ihr Gesicht, und dieselbe Sitte blieb noch länger bei

den Türken herrschend. Als letztes Überbleibsel dieser

Hingabe des Teils für das Ganze gilt das Abschneiden von Bart-

und Haupthaar. Diese Sitte hatte eine weite Ausdehnung;

nordamerikanische Indianer opferten ihre Skalplocke, und bei den

Neuseeländern wurden (nach Pollack) die abgeschnittenen Haare

auf dem Begräbnisplatz an Bäumen aufgehängt.

Trauervogel, s. Fliegenfänger.

Trauformular, s. Trauung.

Traufrecht, die Dienstbarkeit, vermöge deren ein

Grundeigentümer berechtigt ist, von seinem Gebäude den

Wasserabfall auf ein Nachbargrundstück fließen zu

lassen. Zuweilen bezeichnet man auch damit den Grund und Boden,

welcher durch ein vorspringendes Dach überdeckt wird, und von

welchem man annimmt, daß er zu dem betreffenden Gebäude

gehöre.

Traum (lat. Somnium), die Fortsetzung der geistigen

Thätigkeit während des Schlafs bei mangelndem vollen

Bewußtsein des Schläfers. Nach den neuern Anschauungen

liegt der Unterschied zwischen Schlaf und Wachen wesentlich darin,

daß das Bewußtsein "ausgeschaltet" ist, und daß

der Blut- und Sauerstoffstrom, der dazu dient, die geistige

Thätigkeit zu unterhalten, im Schlaf dazu verwendet wird, das

Gehirn und den übrigen Körper von den Schlacken der

Tagesarbeit zu reinigen und neu zu kräftigen. Nun brauchen

aber nicht alle Teile des geistigen Organs gleichmäßig

außer Thätigkeit gesetzt zu sein, oder es können

vielmehr einzelne wieder in Thätigkeit treten, ohne daß

volles Selbstbewußtsein und damit Erwachen eintritt. Es sind

dies namentlich die Sinnessphäre, in der die äußern

Eindrücke bewußt werden, und die Erinnerungssphäre,

in welcher ältere Eindrücke als Erinnerungsbilder

aufbewahrt werden (s. Gedächtnis). Manche unsrer Sinnespforten

bleiben bekanntlich auch im Schlaf offen, und wie im wachen Zustand

die völlig geöffneten Sinnesorgane die Anregung zur

Seelenthätigkeit geben, so sind es im Schlaf meist das Ohr,

die Nase, das Tast- und Gemeingefühl, welche den ersten

Anlaß zu innern Erregungen und Traumbildern liefern. Mit dem

Pulsmesser oder Plethysmographen kann man nachweisen, daß

sodann alsbald eine stärkere Blutströmung als vorher ins

Gehirn eintritt, aber zunächst wahrscheinlich nur in die durch

äußere oder innere Empfindungen erregten Teile. Die

Empfindung gestaltet sich alsdann zu einer ihr entsprechenden

dunkeln Vorstellung. So bewirkt eine unbequeme Lage oder ein

körperlicher Schmerz einen T. von Fesselung und

thätlichen Angriffen, Senfpflaster oder ein brenzliger Geruch

erregen Träume von Feuersgefahr, ein plötzliches

Ausstrecken soll das bekannte, meist mit Erwachen verknüpfte

Gefühl eines tiefen Sturzes erzeugen, Töne und

Geräusche aller Art, in der Nähe gesprochene Worte und

dergleichen werden mit wunderbarer Schlagfertigkeit zu einem T.

ausgesponnen, namentlich gegen Morgen, wenn der Geist nur noch im

Halbschlummer liegt. A. Maury hat dies durch zahlreiche

Selbstversuche erprobt, indem

808

Trauma - Traumdeutung.

er sich nach der Mittagsmahlzeit unmittelbar nach dem

Einschlafen gewisse Geräusche und andre Eindrücke

beibringen und gleich darauf wecken ließ, um sich der dadurch

hervorgerufenen Traumvorstellungen zu erinnern. Man kann sich so

ganze Träume einblasen (soufflieren) lassen. Häufig

spiegeln sich die sogen. Binnenempfindungen oder krankhafte

Zustände im T. So träumen die Personen, welche an

Atmungsbeschweren oder Luftmangel leiden, von einem durch das

Schlüsselloch eindringenden und sie bedrückenden Gespenst

(s. Alp), von engen Höhlengängen, Menschengedränge,

Stößen gegen die Brust, Herzleidende haben

beängstigende Träume, Erregungen in der Sexualsphäre

bringen wollüstige Träume hervor. Der Inhalt der

Träume besteht meist aus Wiederbelebung und Verbindung von

Erinnerungsbildern, wobei frische Erinnerungen, Dinge, mit denen

man sich zur Zeit stark beschäftigt, oder an die man in den

Stunden vor dem Einschlafen lebhaft erinnert wurde, den Vordergrund

einnehmen. Eine besondere Erklärung verlangt die dramatische

Lebendigkeit dieser Bilder, welche den Träumer verleitet, sie

für Wirklichkeiten zu halten und zu glauben, daß er

seinen T. mit offenen Sinnen erlebt. Einige Forscher haben deshalb

an eine besonders starke Erregung des Sensoriums geglaubt und den

T. mit den Zuständen der Opium- und Hanfnarkose verglichen, in

denen der Betäubte mit offenen Augen träumt. Andre, wie

Johannes Müller, Gibbert und Brewster, haben sogar gemeint,

die innere Erregung gehe so weit, daß sie von innen aus ein

Bild auf der Netzhaut erzeuge, im Ohr Klänge errege, kurz die

peripherischen Nerven zu wirklichen Empfindungen veranlasse. Gegen

diese Annahmen, die auch in neuerer Zeit von Lazarus und Hagen

wiederholt wurden, hat zuerst E. Krause in seiner "Naturgeschichte

der Gespenster" geltend gemacht, daß Empfindungen immer nur

im Zentarlorgan zu stande kommen, und wozu oder auf welchen Wegen

sollte das letztere Empfindungen erst nach außen werfen, um

sie von da wieder zurückzuerhalten. Auch eine abnorme Erregung

des Gehirns braucht zur Erklärung der Vorgänge nicht

angenommen zu werden; die Lebhaftigkeit der Traumbilder

erklärt sich vielmehr ganz von selbst durch die Abwesenheit

der Sinnenkonkurrenz und des wachen Urteils, vor denen im Wachen

alle diese innern Bilder verblassen. Das Selbstbewußtsein ist

nicht ganz aufgehoben, regt sich vielmehr, namentlich gegen Morgen,

oft in Zweifeln und in der Frage: "Träume ich denn?", worauf

in der Regel baldiges Erwachen folgt. Durch den Mangel des vollen

Bewußtseins erklärt sich sowohl das Durcheinander der

Bilder als das Unsinnige, ja Unmoralische vieler dabei vor sich

gehender Handlungen, die Ideen und Bilder folgen einfach dem Gesetz

der Ideenassociation (s. d.), und das Urteil ist so schwach,

daß verstorbene Personen lebend erscheinen, die Einheit des

Ortes nicht beobachtet wird, jedes Zeitmaß verschwindet und

selbst die Person des Träumers sich in ihren Urteilen und

Handlungen oftmals dramatisch in mehrere Personen spaltet. Ein

bedeutendes Licht wird in dieser Richtung durch das Studium des

Hypnotismus (s. d.) und namentlich durch die Möglichkeit der

Suggestion (s. d.) auf den T. geworfen, denn hierbei ist das

Selbstbewußtsein so tief niedergedrückt, daß sich

die unsinnigste Idee einflößen läßt und zur

Wirklichkeit gestaltet, selbst die Verleugnung der eignen

Persönlichkeit. Gleichwohl sind diese wie die

Traumeindrücke so schwach, daß sie nach dem Erwachen

mehr oder weniger vollständig aus dem Gedächtnis

verschwunden sind; nur Träume, aus denen man mitten

herausgerissen wird, pflegen eine genauere Erinnerung zu gestatten.

Unter bestimmten Körperbedingungen kann aber der Schlaf und

das Niederliegen der Urteilskraft von selbst so tief werden wie in

der Hypnose, und dann kann der Schläfer umhergehend und

handelnd weiterträumen, beim sogen. Schlaf- oder Traumwandeln

(s. Somnambulismus). Das Traumleben spielt in der

Völkerpsychologie und in den religiösen Vorstellungen

eine sehr bedeutende Rolle, und eine Anzahl der namhaftesten

Forscher auf diesem Gebiet nimmt an, daß sich die

Grundpfeiler der religiösen Lehrgebäude (namentlich der

Glaube an übernatürliche, den Schranken der Leiblichkeit,

der Zeit und des Raums entrückte Wesen, sowie an das Fortleben

nach dem Tod) vorzugsweise aus den Erfahrungen des Traumlebens

entwickelt haben. Das Naturkind nimmt eben das Geträumte

für Wirklichkeit; es glaubt im T. von seinen Göttern und

Toten besucht zu werden und meint anderseits, daß seine eigne

Seele, wenn es von fremden Ortschaften träumt, sich

vorübergehend vom Körper gelöst habe und frei

umherschwärme. Daher bildete der Tempeltraum noch bei manchen

Kulturvölkern einen Bestandteil des anerkannten Kults (vgl.

Traumdeutung). Auch neuere Mystiker, wie K. du Prel, sprechen noch

von "Eingebungen", Lösungen schwieriger Probleme im T., und

wollen dem Traumleben sogar einen höhern geistigen Wert

beimessen als dem wachen Leben; allein die erwähnten

Lösungen und Eingebungen, die von dem Träumenden

angestaunt werden, erweisen sich nach dem Erwachen meist als

vollendeter Blödsinn. Vgl. Scherner, Das Leben des Traums

(Berl. 1861); Maury, Le sommeil et les rêves (4. Aufl., Par.

1877); Siebeck, Das Traumleben der Seele (Berl. 1877); Spitta, Die

Schlaf- und Traumzustände der Seele (Tübing. 1878); Binz,

Über den T. (Bonn 1878); Radestock, Schlaf und T. (Leipz.

1879); Simon, Le monde des rèves (2. Aufl., Par. 1888).

Trauma (griech.), Wunde, äußere Verletzung;

daher traumatisch, s. v. w. durch eine Verletzung, Wunde etc.

entstanden. Traumatische Entzündung, eine Entzündung,

hervorgerufen durch Verwundung, Quetschung, Verletzung irgend eines

Körperteils (s. Gehirnbruch).

Traumaticin, s. Guttapercha.

Traumbücher, s. Traumdeutung.

Traumdeutung, die von der ehemals allgemein verbreiteten

Anschauung, daß der Traum das natürliche

Verbindungsmtttel mit der übersinnlichen Welt sei, und

daß der Träumende mit seinen Göttern und

verstorbenen Vorfahren verkehre und von ihnen Eingebungen,

Ratschläge und Winke für die Zukunft in einer Art

Bildersprache erhalte, veranlagte Bemühung, diese Bilder zu

deuten. Anderseits suchte man aber auch solche Traumoffenbarungen

absichtlich herbeizuführen. Bei den meisten Naturvölkern

übernimmt der Medizinmann oder Schamane gegen Bezahlung den

Auftrag, sich durch allerhand erprobte Mittel in Traumzustände

zu versetzen und dann die Götter oder Vorfahren über das

Schicksal einer Person zu befragen. Diese Traum- oder Totenorakel

bestanden noch bei Griechen und Römern; die peruanischen

Priester bedienten sich der scharf narkotischen Gräberpflanze

(Datura sanguinea), um Götter- und Ahnenerscheinungen zu

erhalten. Von der Rolle prophetischer Träume in der alten

Geschichte weiß Herodot und die Bibel zu erzählen:

Joseph und Daniel erlangten als Traumdeuter ihren Einsluß. In

Assyrien befand sich auf der Plattform der Stufenpyra-

809

Traumwandeln - Trautenau.

miden das Gemach, in welchem die babylonische Sibylle den

nächtlichen Besuch des Orakelgottes empfing, und das Amt

Daniels bei Nebukadnezar finden wir schon im altbabylonischen

Heldengedicht von Izdubar, dem sein Traumausleger Eabani als steter

Begleiter zur Seite steht. Von den Ägyptern hat Brugsch

mitgeteilt, daß sie zu solchen Zwecken die Hypnotisierung

durch Anschauen glänzender Gegenstände übten. Bei

den Griechen und Römern fanden Traumorakel, außer an den

Stätten der Totenorakel, namentlich in den Äskulaptempeln

statt; die Kranken (oder auch an ihrer Stelle die Priester)

streckten sich auf den Fellen frisch geopferter Widder nieder, und

aus der Art ihres Traums wurde das einzuschlagende Heilverfahren

von den Priestern gefolgert. Für die Kreise des Volkes, die

sich nicht wie die Fürsten einen eignen Traumdeuter halten

konnten, dienten früh Traumbücher, Aufzeichnungen

über die angebliche Bedeutung der einzelnen Träume. Das

älteste derselben hat man bruchstückweise auf Ziegelstein

in der Bibliothek von Ninive gefunden, und man kann dort lesen, was

es bedeutet, wenn man von Hunden, Bären, Tieren mit fremden

Füßen und andern Dingen träumt, die sich hier nicht

bezeichnen lassen. Im klassischen Altertum genoß dann des

höchsten Ansehens' das Traumbuch ("Oneirokritika") des

Artemidoros (s. d. 2), welches bald nach Erfindung der

Buchdruckerkunst auch in lateinischer Übersetzung gedruckt

wurde. Ein mohammedanisches Traumbuch gab Vattier nach dem

arabischen Text ("L'oneirocrite musulmane", Par. 1664) heraus. In

neuerer Zeit haben zwar die Naturphilosophen G. H. v. Schubert

("Die Symbolik des Traums", 4. Aufl., Leipz. 1862) und Pfaff ("Das

Traumleben und seine Deutung", 2. Aufl., Potsd. 1873) den Glauben

an vorbedeutende Träume zu retten gesucht, aber die

Traumbücher werden nur noch von der Landbevölkerung auf

Jahrmärkten gekauft. Vgl. Büchsenschütz, Traum und

T. im Altertum (Berl. 1868); Lenormant, Die Magie und Wahrsagekunst

der Chaldäer (deutsch, Jena 1878).

Traumwadeln, s. Somnambulismus.

Traun (lat. Truna), Fluß in Österreich,

entsteht im steirischen Salzkammergut aus den Gewässern des

Aufseer, Grundel- und Ödensees, fließt durch den

Hallstätter und den Gmundener oder Traunsee, bildet bei dem

Dorf Roitham einen Wasserfall (der durch einen Kanal umgangen wird)

und mündet nach 178 km langem Lauf unweit Linz in die Donau.

Ihre Zuflüsse bringen ihr das Wasser aller andern Seen des

Salzkammerguts: die Ischl vermittelt den Abfluß des St.

Wolfgangsees, die Ager den des Attersees, dem die Ach das Wasser

aus dem Mondsee, Zeller See und Fuschelsee zuführt, endlich

die Alm den Abfluß des Almsees. Außerdem empfängt

die T. die Krems. Die Schiffahrt auf derselben, einst sehr lebhaft,

hat durch die Eisenbahnen Eintrag erlitten.

Traun, Julius von der, Pseudonym, s. Schindler 1).

Traunsee (Gmundener See), einer der schönsten Seen

der Deutschen Alpen (s. Karte "Salzkammergut"), liegt bei der Stadt

Gmunden in Oberösterreich, 422 m ü. M., ist 12 km lang, 3

km breit und 191 m tief, bedeckt eine Fläche von 24,6 qkm und

wird von S. nach N. von der Traun durchflossen. Die Ufer sind im N.

und W. wohlbebaut und dicht bevölkert (hier befinden sich die

schönen Villen der Familien Toscana, Hannover, Herzog von

Württemberg etc.); nur im O. und S. ragen steile

Felswände aus dem grünen Gewässer empor. Am Ostufer

erhebt sich der Traunstein zu 1661 m Höhe. Der See hat bei

normalem Wetter seinen regelmäßigen Passatwind, wirbelt

aber oft ohne deutlich sichtbare Ursache heftig auf und friert sehr

selten zu (zuletzt 1830 und 1880). Köstliche Fische

(Lachsforellen, Saiblinge, Hechte etc.) bevölkern ihn.

Zwischen Gmunden, am Nordende, der Saline Ebensee, am Südende,

und dem reizend auf einer Landzunge am Westufer gelegenen

Traunkirchen (mit schöner Pfarrkirche und 523 Einw.) besteht

rege Dampfschiffahrt. Längs des Westufers zieht sich die

Salzkammergutbahn hin.

Traunstein, unmittelbare Stadt und klimatischer

Terrainkurort im bayr. Regierungsbezirk Oberbayern, an der Traun,

Knotenpunkt der Linien Salzburg-München und T.-Trostberg der

Bayrischen Staatsbahn, 534 m ü. M., hat eine schöne kath.

Kirche, eine Realschule, ein Institut der Englischen Fräulein,

ein Waisenhaus, ein Landgericht, ein Forstamt, eine große

Saline (s. Reichenhall), ein Solbad, große Brauereien,

bedeutenden Holzhandel und (1885) 4820 meist kath. Einwohner. In

der Umgegend große Waldungen mit hübschen

Spaziergängen und das schön gelegene Bad Empfing mit

alkalisch-erdiger Mineralquelle. Zum Landgerichtsbezirk T.

gehören die 13 Amtsgerichte zu Aibling, Altötting,

Berchtesgaden ,Burghausen, Laufen, Mühldorf, Prien,

Reichen-hall, Rosenheim, Tittmoning, T., Trostberg und Wasserburg.

Vgl. Sailer, Traunstein (Münch. 1886).

Trauordnung, s. Trauung.

Trauringe, s. Trauung und Ring.

Trausnitz, 1) Pfarrdorf im bayr. Regierungsbezirk

Oberpfalz, Bezirksamt Nabburg, mit (1885) 541 Einw. Im dortigen

Schloß wurde der 1322 in der Schlacht bei Mühldorf

gefangen genommene Erzherzog Friedrich der Schöne von

Österreich bis 1325 vom Kaiser Ludwig dem Bayern gefangen

gehalten. -

2) Über der Stadt Landshut in Niederbayern gelegenes

ehemaliges Residenzschloß der Herzöge von Niederbayern

(1255-1340) und von Bayern-Landshut (1402-1503), um 1230 erbaut,

enthält das Kreisarchiv von Niederbayern, in neuerer Zeit

restauriert.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 234 / 302 段