Tournai (spr. turnä, vläm. Doornick),

Hauptstadt eines Arrondissement und ehemalige Festung in der belg.

Provinz Hennegau, an beiden Ufern der Schelde, Knotenpunkt der

Eisenbahnen nach Gent, Brüssel, Valenciennes, Lille und Douai,

hat sieben Vorstädte, breite Kais, regelmäßige

Straßen, eine Kathedrale romanischen Stils aus dem 12. Jahrh.

mit fünf Türmen, Gemälden von Jordaens, Rubens,

Gallait u. a. und dem reichen Reliquienschrein des heil.

Eleutherius, ersten Bischofs von T., die Kirche St.-Brice mit dem

Grabmal des Frankenkönigs Childerich und viele andre Kirchen

und Kapellen, einen alten, neuhergestellten Belfried und ein

Stadthaus mit öffentlichem Garten. Den Marktplatz

schmückt das von Dutrieux modellierte Bronzestandbild der

Prinzessin Maria von Epinoy (s. unten). Die Bevölkerung

zählte 1888: 34,805 Seelen. Die wichtigsten Industriezweige

sind: Fabrikation von Teppichen, Leinen-, Wollen- und

Baumwollenstoffen, Porzellan, Fayence und Bronzewaren, Mützen-

und Strumpfwirkerei, Gerberei und Brauerei. Der lebhafte Handel

wird durch die schiffbare Schelde begünstigt. T. hat ein

geistliches Seminar, Athenäum, Industrieschule,

Lehrerinnenseminar, eine Kunstakademie, öffentliche

Bibliothek, ein naturhistorisches Museum, eine Entbindungsanstalt,

ein Theater. Es ist Sitz eines Bischofs und eines Tribunals. - T.

hieß im Altertum Civitas Nerviorum, Turris Nerviorum oder

Tornacum, ward im 5. Jahrh. den Römern von den Franken

abgenommen und teilweise zerstört, aber bald wieder aufgebaut

und bis Chlodwig Sitz der merowingischen Könige. Später

gehörte es zu Flandern, seit Philipp dem Schönen zu

Frankreich, bis es im Frieden von Madrid 1526 an die spanischen

Niederlande kam. Während der niederländischen Unruhen

ward es 1581 von dem Herzog von Parma belagert, aber von der

Prinzessin Maria von Evinoy tapfer verteidigt. 1667 von Ludwig XIV.

erobert, wurde es im Aachener Frieden von 1668 förmlich an

Frankreich abgetreten. Ludwig XIV. ließ die Festungswerke

durch Vauban ansehnlich verstärken; dessenungeachtet ward der

Platz 1709 von den Kaiserlichen unter Prinz Eugen und Marlborough

wieder erobert und im Frieden von

785

Tournantöl - Tours.

Utrecht mit den österreichischen Niederlanden vereinigt,

doch erhielten die Holländer kraft des Barrieretraktats das

Besatzungsrecht. Als Joseph II. 1781 den Barrieretraktat aufhob,

wurde auch T. geschleift. Hier wurden 19. Mai 1794 die

Engländer unter dem Herzog von York von den Franzosen unter

Pichegru geschlagen. T. fiel nun an Frankreich, wurde im ersten

Pariser Frieden von 1814 an Holland abgetreten und kam 1830 an

Belgien. Vgl. Bourla, T.-guide, histoire etc. (Tourn. 1884);

Cloquet, T. et Tournaisis (Lille 1885).

Touruantöl, s. Olivenöl.

Tourné (franz.), umgedreht, umgeschlagen!

substantivisch: das als Trumpf aufgeschlagene Kartenblatt.

Tournebroche (franz., spr. turn'brósch),

Bratenwender.

Tournedos (franz., spr. turn'doh), Lendenbratenschnitzel,

welche vor dem Braten in einer Marinade von Provenceröl,

Zitronensaft, Pfeffer etc. mariniert worden sind und mit

Béarner, Scharlotten- oder Tomatensauce serviert werden. T.

à la Rossini, berühmtes Gericht, zwei Lendenschnitzel,

zwischen welchen Trüffel- und Gänseleberschnitte

liegen.

Tournée (franz.), Rundreise (besonders

amtliche).

Tournefort (spr. turnfor), Joseph Pitton de, Botaniker,

geb. 5. Juni 1656 zu Aix, studierte bei den Jesuiten daselbst, ward

1683 Professor der Botanik am königlichen Pflanzengarten in

Paris, bereiste von 1700 bis 1702 auf Kosten der Regierung

Griechenland und Kleinasien, worüber er in "Voyage au Levant"

(Par. 1717, 3 Bde.; deutsch, Nürnb. 1776) berichtete, und von

wo er über 1300 neue Pflanzenarten mitbrachte. Er starb als

Professor der Medizin am Collège de France 28. Nov. 1708 in

Paris. Das in seinen "Institutiones rei herbariae" (Par. 1700, 3

Bde.; neue Aufl. von A. de Jussieu, Lyon 1719, 3 Bde.) aufgestellte

Pflanzensystem, welches 22 Klassen umfaßte und sich aus den

Bau der Blumenkrone gründete, fand trotz der geringen

Berücksichtigung der natürlichen Verwandtschaft wegen der

Handlichkeit des Buches in der Zeit vor Linné allgemeine

Anerkennung. Auch war T. der erste vor Linné, welcher den

Schwerpunkt der beschreibenden Botanik in die Charakteristik der

Gattungen verlegte, wobei er freilich die spezifischen

Verschiedenheiten innerhalb der Gattungen als Nebensache

behandelte. Von seinen übrigen Werken sind noch zu nennen:

"Histoire des plantes qui naissent aux environs de Paris" (Par.

1698; 2. Aufl. von Jussieu, 17.25); "Éléments de

botanique" (Lyon 1694, 3 Bde. mit 489 Tafeln); "Traité de la

matière médicale" (Par. 1717, 2 Bde.).

Tournesollappen, s. v. w. Bezetten (s. d.).

Tournesolpflauze, s. Crozophora.

Tournieren (franz.), drehen, wenden, z. B. im Kartenspiel

(s. Skat); in der Kochkunst die Manipulation, mittels welcher man

eine Speise ohne Rühren mit der Sauce mischt oder eine

Flüssigkeit erhitzt, ohne daß sie am Boden des

Gefäßes gerinnt; eine tournierte Suppe oder Sauce ist

mit Ei vermischt, welches durch Kochen geronnen ist. Auch s. v. w.

Drechseln, Drehen, daher das Ausschneiden oder Abdrehen von

Rüben, Kartoffeln u. dgl. in Form von Kugeln etc. beim

Garnieren großer Fleischschüsseln.

Tourniquet (franz., spr. turnikeh. Aderpresse), chirurg.

Instrument zum Zusammenpressen von Arterien, um Verblutung bei

Amputationen und sonstigen Blutungen zu verhüten. Dasselbe

besteht (s. Figur) in einem Polster, welches oberhalb der Blutung

(beim Bein in der Schenkelbeuge, beim Arm nahe der

Achselhöhle) auf den Hauptstamm der Arterie gesetzt und mit

einem 1 m langen Band mittels Knebels oder Schnalle um das Glied

befestigt wird. - T. heißt auch eine drehbare Barriere

(Drehkreuz) vor Billetschaltern etc.

Tournois (franz., spr. turnoa), altfranzösische,

nach der Stadt Tours benannte Münzwährung, nach welcher

bis 1795 und 1796 ganz Frankreich mit Einschluß der Kolonien

rechnete. Der Livre t. hatte 20 Sous à 12 Deniers und stand

um 1¼ Proz. im Wert niedriger als der heutige Frank, indem

81 Livres t. 80 Frank galten.

Tournon (spr. turnóng), Arrondiffementshauptstadt

im franz. Departement Ardeche, am Rhone, über welchen zwei

Hängebrücken nach der Stadt Tain hinüberführen,

an der Eisenbahn Givors-La Voulte, hat ein Lyzeum, eine Bibliothek,

ein Schloß, Seidenfilanden, Weinhandel und (1886) 3793

Einw.

Tournüre (franz., spr. turn-), gewandtes Benehmen;

auch s. v. w. Cul de Paris.

Tournus (spr. turnüh), Stadt im franz. Departement

Saône-et-Loire, Arrondissement Mâcon, an der

Saône und der Eisenbahn Dijon-Lyon, hat eine Abteikirche,

St.-Philibert, aus dem 11. und 12. Jahrh., ein Denkmal des hier

gebornen Malers Greuze (von Falguière), ein Handelsgericht,

Collège, Fabrikation von Rübenzucker, Maschinenbau,

Seiden- und Weinbau und (1886) 4201 Einw.

Tourons (franz., spr. turóng), feines Gebäck

aus Eiweißschnee, Zitronensaft und Mehl, welches noch warm um

ein fingerdickes rundes Holz gewunden wird.

Tours (spr. tuhr), Hauptstadt des franz. Departements

Indre-et-Loire und ehemalige Hauptstadt der Provinz Touraine, in

fruchtbarer Ebene am linken Ufer der Loire, über welche eine

434 m lange, steinerne Brücke nebst zwei

Hängebrücken führt, wichtiger Eisenbahnknotenpunkt

(Linien über Vendôme nach Paris, nach Orléans,

Vierzon, Châtellerault, Poitiers, Sables d'Olonne, Nantes, Le

Mans), ist von Boulevards (an Stelle der alten Festungswerke)

umgeben und hat sich im S. durch neue Stadtteile bis zum Ufer des

Cher erweitert. Die schöne Rue Royale teilt die Stadt in zwei

fast gleiche Teile. Die hervorragendsten Gebäude sind: die

gotische Kathedrale (mit zwei 70 m hohen Türmen und

prächtigem Portal), die Kirchen St.-Julien (mit schönen

Fresken) und St.-Martin (mit zwei schönen Türmen), der

erzbischöfliche Palast, die Präfektur, das

Justizgebäude, das Rathaus und das Theater. Am Platz vor der

Brücke

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV.Bd

50

786

Tourtia - Towarczy.

das Denkmal Descartes' (von Nieuwerkerke). Die Stadt zählt

(1886) 59,585 Einw., welche Industrie in Woll- und Seidenstoffen,

Teppichen, Chemikalien etc., eine große Buchdruckerei, Wein-

und Gemüsebau und starken Handel treiben. T. hat ein Lyceum,

eine Vorbereitungsschule für Medizin und Pharmazie, ein

Seminar, eine Maler- und Zeichenschule, Gewerbeschule,

öffentliche Bibliothek (40,000 Bände), ein Gemälde-

und Skulpturenmuseum, Antiquitäten-, Naturalien- und

mineralogisches Kabinett, einen botanischen Garten, eine

Irrenanstalt und mehrere gelehrte Gesellschaften. Es ist der Sitz

des Präfekten, eines Erzbischofs, eines Assisenhofs und eines

Handelsgerichts. 1853 ward hier ein großes römisches

Amphitheater aufgefunden. - T. hieß zur Römerzeit

Cäsarodunum, später Turones und war die Hauptstadt der

Turones, kam dann unter westgotische und nachher unter

fränkische Herrschaft und stand bis in das 11. Jahrh. unter

eignen Grafen. 732 siegte Karl Martell in der Nähe von T.

über die Araber. 853 wurde die Stadt von den Normannen

geplündert und verbrannt. Karl VII. und Ludwig XI. residierten

oft und gern in der Umgegend, letzterer im Schloß Plessis

lès T. König Heinrich III. verlegte 1583 das Parlament

hierher, wodurch die Stadt außerordentlich wuchs. Auch wurden

hier die französischen Generalstaaten mehrmals zusammenberufen

sowie mehrere Konzile abgehalten. 1870 war T. vom 11. Sept. bis 10.

Dez. Sitz der Delegation der Regierung der Nationalverteidigung. Am

19. Jan. 1871 ward es vom Generalleutnant v. Hartmann besetzt. Vgl.

Giraudet, Histoire de la ville de T. (Tours 1874, 2 Bde.);

Grandmaison, T. archéologique (das. 1879).

Tourtia, s. Kreideformation, S. 183.

Tourville (spr. turwil), Anne Hilarion de Contentin, Graf

von, franz. Seeheld, geb. 24. Nov. 1642 auf dem Schloß

Tourville bei Coutances (La Manche), trat 1656 in den

Malteserorden, kämpfte ruhmvoll gegen die Barbaresken, nahm

1660 Dienste in der französischen Marine, ward 1667

Schiffskapitän und befehligte von 1672 bis 1674 ein

Linienschiff im Kriege gegen die Holländer und Spanier im

Mittelländischen Meer. 1675 diente er erst unter dem Chevalier

de Valbette, dann unter Duquesne; auf der Rückkehr von Agosta,

wo er mit Auszeichnung gefochten, nach Frankreich vernichtete er

1677 bei Palermo zwölf Schiffe der holländisch-spanischen

Flotte. 1680 zum Generalleutnant der Seetruppen ernannt,

bombardierte er 1682, 1683 und 1688 Algier und nahm 1684 an der

Beschießung Genuas teil. 1689 zum Vizeadmiral des

Levantischen Meers erhoben, befehligte er 1690 mit d'Estrées

die Flotte, welche die Unternehmung Jakobs II. in Irland

unterstützte. Als Oberbefehlshaber der im Kanal aufgestellten

französischen Flotte errang er in der Seeschlacht bei Beachy

Head in der Nähe der Insel Wight im Juli 1690 den Sieg

über die aus 112 Segeln bestehende britisch-holländische

Flotte. Um die beabsichtigte Landung der Jakobiten an der

britischen Küste zu ermöglichen, mußte er 29. Mai

1692 auf der Höhe des Kaps La Hougue die 88 Segel starke

britisch-holländische Flotte unter dem Admiral Russell mit 44

Schiffen angreifen, geriet aber zwischen zwei Feuer und ward

geschlagen. 1693 zum Marschall von Frankreich erhoben, nahm er im

Juni beim Kap St.-Vincent von einer britisch-holländischen

Handelsflotte 27 Handels- und Kriegsfahrzeuge weg und

zerstörte 45 bei der Verfolgung. Er starb 28. Mai 1701. Die

"Mémoires de T." (Amsterd. 1758, 3 Bde.) sind unecht. Vgl.

Delarbre, T. et la marine de son temps (Par. 1889).

Toury (spr. turi), Dorf im franz. Departement

Eure-et-Loir, Arrondissement Chartres, an der Eisenbahn

Paris-Orléans, ward gelegentlich der Operationen des

Generals v. d. Tann und des Großherzogs von Mecklenburg gegen

die französische Loirearmee genannt. Nach T. ging 10. Nov.

1870 der Rückzng v. d. Tanns, und hier vereinigte der

Großherzog einige Tage später seine Armeeabteilung.

Toussaint, Gertruide, s. Bosboom.

Toussaint-Langenscheidtsche Unterrichtsmethode, s.

Langenscheidt u. Sprachunterricht, S. 185.

Toussaint l'Ouverture (spr. tussäng

luwärtühr), Obergeneral der Neger auf Haïti, geb.

1743 als Sklavenkind auf einer Pflanzung des Grafen Noé

unweit des Kaps François, erwarb sich als Kutscher eines

Plantagenaufsehers durch Benutzung von dessen Bibliothek eine

gewisse Bildung. Als im August 1791 die erste Negerempörung

auf Haïti ausbrach, brachte T. seinen Herrn auf das Festland

von Amerika in Sicherheit und nahm dann bei dem Negerheer Dienste.

Als dasselbe in spanische Dienste gegen die franzöfsische

Republik trat, wurde er zum spanischen Obersten ernannt; doch ging

er 1794 mit einem Teil der Armee zu den Franzosen über und

ward vom Konvent für seine Verdienste bei der Vertreibung der

Spanier und der Unterdrückung eines Mulattenaufstandes (1795)

zum französischen Brigadegeneral, 1797 zum Divisions- und

endlich zum Obergeneral aller Truppen auf Haïti ernannt. Er

stellte Ordnung und Disziplin wieder her, machte sich aber 1800

unabhängig und ließ sich zum Präsidenten auf

Lebenszeit ernennen. Leclerc, der 1801 mit einem französischen

Heer landete, zwang ihn zur Kapitulation. Nachdem er hierauf einige

Zeit auf seinem Gut gelebt, ward er 1802 plötzlich verhaftet

und nach Frankreich in das Fort Joux bei Besançon gebracht,

wo er 27. Juli 1803 starb. Vgl. Gragnon-Lacoste, T. L. (Par. 1877);

Schölcher, Vie de T. L. (das. 1889).

Tout (franz., spr. tu), das Ganze, Alles.

Tout comme chez nous (franz.), ganz wie bei uns.

Tovar, serb. Gewicht, = 100 Oken.

Tovar, deutsche Kolonie in der südamerikan. Republik

Venezuela, eine Tagereise westlich von Caracas, am südlichen

Abhang des Küstengebirges gelegen, ward 1843 auf einem von der

Familie Tovar unentgeltlich abgetretenen Terrain gegründet,

zählt aber jetzt nur noch 20-30 Familien.

Tow (spr. toh), engl. Name für Werg. Die in allen

deutschen Handelsnotizen vorkommenden Towgarne sind aus Flachswerg

gesponnen.

Towarczy (slaw., "Kamerad"), früher in Rußland

und Polen aus dem kleinen Adel hervorgegangene Soldaten, die weder

zu den Offizieren noch Unteroffizieren gehörten u. zu

verschiedenen Malen als Truppe im brandenburgisch-preußischen

Heer, zuerst 1675 als zwei Kompanien Reiter, vorkommen. Um in

Preußen die große Zahl kleiner adliger Grundbesitzer in

den ehemals polnischen Provinzen, welche mangelnder Bildung und

Mittel wegen nicht als Offiziere, ihrer Standesvorurteile wegen

aber auch nicht als Gemeine zu verwerten waren, unterzubringen,

versuchte man Ende vorigen Jahrhunderts eine mit Lanzen bewaffnete

Reitertruppe aus ihnen zu bilden und wandelte 1800 das Regiment

Bosniaken in T. um. Den Plan, sie den Husaren zuzuteilen,

vereitelte das Jahr 1806; nachdem die T. 1807 tapfer mitgefochten,

wurden sie nach dem Friedensschluß wegen Abtretung ihrer

Kantone in Ulanen umgewandelt.

787

Tower - Trabea

Tower (engl., spr. tauer), die Gesamtbezeichnung für

einen ausgedehnten Komplex von Türmen, Festungswerken,

kirchlichen und profanen Gebäuden in der Altstadt von London,

dessen Geschichte mit derjenigen der englischen Krone selbst

für lange Jahrhunderte eng verbunden ist. Der älteste

Teil dieser merkwürdigen Festung ist der sogen. weiße

Turm (White T.), den Wilhelm der Eroberer durch den Bischof Gundulf

von Rochester errichten ließ; daß dies auf Grundlage

älterer römischer oder angelsächsischer Anlagen

geschehen sei, ist nicht zu erweisen. Weitere Werke wurden unter

Wilhelm II. Rufus und Stephan hinzugefügt, unter denen die

innere Reihe der Befestigungsanlagen im wesentlichen vollendet

wurde. Später hat sich besonders Heinrich III., der den T.

1217 in seine Hände bekam, des Ausbaues derselben angenommen

und durch seinen Architekten Adam von Lamburn die äußere

Reihe der Werke entwerfen und zum größten Teil

ausführen lassen; einzelne Gebäude, so die jetzige St.

Peterskirche, sind noch später unter Eduard I.

hinzugefügt worden. Seit den ersten normännischen

Königen war der T. Residenz der englischen Könige, die

sich oft genug hierher vor drohenden Gefahren zurückzogen und

die Festung durch eine ständige Besatzung unter einem

Constable (das Amt war zuerst der Familie de Mandeville anvertraut)

schützten, zugleich aber auch Schatzkammer, Sitz der obersten

Behörden und ein sicheres Staatsgefängnis, das die

Gefangenen oft genug nur verließen, um auf einem offenen

Platz innerhalb der Festung, dem Tower-hill, ihr Leben unter dem

Beil des Henkers zu beschließen. Hier wurde Johann ohne Land

von seinen Baronen belagert, hier Richard II. zum Verzicht auf die

Krone gezwungen, hier Heinrich VI. ermordet und der Herzog von

Clarence im Wein ertränkt, hier starben Eduard V. und sein

Bruder Richard von York eines geheimnisvollen Todes. Zu den

Gefangenen des Towers gehören die erlauchtesten Namen der

englischen Geschichte, und unter den Enthaupteten von Tower-hill

sind Graf Warwick, der letzte Plantagenet, Bischof Fisher von

Rochester und Sir Thomas More, Anna Boleyn, Katharina Howard und

Jane Grey, der Protektor Somerset und Elisabeths Günstling,

Graf Essex, Sir Walter Raleigh und Graf Strafford, Algernon Sidney

und der Herzog von Monmouth, der natürliche Sohn Karls II. Als

königliche Residenz für längere Zeit hat der T.

zuletzt unter Heinrich VII. gedient; von da ab begaben sich die

Herrscher nur noch im Beginn ihrer Regierung hierher, um von hier

aus den feierlichen Krönungszug durch die City nach

Westminster anzutreten. Erst Jakob II. hat diesen Brauch

aufgegeben, und unter ihm sind die königlichen

Wohngemächer abgerissen worden. Seit der Mitte des 18. Jahrh.

sind keine Hinrichtungen auf Tower-hill mehr vorgenommen, seit 1820

dient er nicht mehr als Staatsgefängnis und wird

gegenwärtig nur als Arsenal und Kaserne benutzt, obwohl noch

1792 einmal, aus Furcht vor revolutionären Bewegungen in

London, seine Werke verstärkt und in Verteidigungszustand

gesetzt worden waren. Vgl. Bayley, History and antiquities of the

T. of London (2. Aufl., Lond. 1830); de Ros, Memorials of the T. of

London (das. 1866); W. H. Dixon, Her Majesty's T. (7. Aufl., das.

1884; deutsch, Berl. 1870, 2 Bde.).

Tower Hamlets (spr. tauer hämmlets), ein

Parlamentswahlbezirk der Stadt London, die östlich vom Tower

liegenden Stadtteile (ehemalige "Weiler") umfassend, mit (1881)

439,137 Einw.

Towianski, Andreas, poln. Mystiker, geb. 1. Jan. 1799 zu

Antoszwiniec in Litauen, war 1818-26 Advokat zu Wilna und begab

sich, nachdem er mittlerweile auf seinem väterlichen Gut

gelebt hatte, 1835 nach Paris, wo er den Saint-Simonismus kennen

lernte. Ebendahin kehrte er 1840 zurück und eröffnete 27.

Sept. 1841 seine mystischen Vorträge, deren Tendenz auf eine

totale Umgestaltung des gesamten sozialen Zustandes der Menschheit

durch beständige Begeisterung hinauslief. Für diese Ideen

gewann er den Dichter Mickiewicz und andre Vertreter der polnischen

Romantik. Vgl. Mickiewicz, L'Église of officielle et le

Messianisme (Par. 1842-43, 2 Bde.). Der Meister selbst hat dem

System keinen authentischen Ausdruck verliehen; 1842 und dann

wieder 1848 aus Frankreich verwiesen, ging er über Rom nach

der Schweiz, wo er 13. Mai 1878 in Zürich starb. Vgl. Semenko,

T. et sa doctrine (Par. 1850).

Tow Law (spr. tau lah), Stadt in der engl. Grafschaft

Durham, 16 km westlich von Durham, hat Kohlengruben,

Eisenhütten, Kalksteinbrüche und (1881) 5005 Einw.

Town (engl., spr. taun), Stadt.

Township (engl., spr. taunschip), in England Kirchspiel

oder Teil eines solchen, mit eigner Armenverwaltung; in den

Vereinigten Staaten von Nordamerika Name der Unterabteilung der

Counties, auch Hauptsektion der vermessenen Ländereien, =

23,040 Acres.

Towyn (spr. tohwin), Stadt in Merionethshire (Nordwales),

an der Cardiganbai, hat Schieferbrüche, eine Mineralquelle,

Seebäder und (1881) 3365 Einw.

Toxichämie (griech.), Blutvergiftung, bei welcher das Blut

nicht nur als Transportmittel für aufgenommene Gifte dient,

sondern durch letztere selbst (namentlich der Inhalt der roten

Blutkörperchen) verändert wird.

Toxikologie (griech.), die Lehre von den Giften (s.

d.).

Toxoceras, s. Tintenschnecken.

Toxonose (griech.), durch Einwirkung von Giften

hervorgerufene Krankheit.

Toxteth Park, Wohnstadt im S. von Liverpool in Lancashire

(England), mit (1881) 10,368 Einw.

Tr., bei Alkoholometerangaben die Skala nach Tralles; bei

naturwissenschaftl. Namen Abkürzung für Friedr.

Treitschke, geb. 1776 zu Leipzig, gest. als Hoftheaterökonom

in Wien (Schmetterlinge).

Trab, Traben, s. Gangarten des Pferdes und Laufen;

über das Trabrennen s. d.

Trabakel, zweimastiges Fahrzeug mit luggerartiger

Takelung, an den österreichischen Küsten des Adriatischen

Meers im Gebrauch.

Trabanten (ital. trabanti, v. deutsch. traben, lat.

Satellites), dienende Begleiter, Leibwächter zu Fuß,

waren schon im Altertum, besonders aber im Mittelalter üblich

und dienten teils als Schutzwache fürstlicher Personen und

hoher Beamten, der Landsknechtobersten, teils als Vollstrecker

ihrer Befehle. Die Trabantengarden bildeten häufig den Stamm

der Haustruppen (s. d.) oder auch der Feldtruppen, wie in

Brandenburg. Aus den zwei Kompanien T. des Großen

Kurfürsten, welche 1675 bei Fehrbellin mitfochten, gingen 1692

die heutigen Gardes du Corps (s. d.) hervor. - In der Astronomie

ist Trabant s. v. w. Nebenplanet (s. d.).

Trabea (lat.), ein mit Purpurstreifen gesäumtes,

mantelartiges Obergewand aus altrömischer Zeit, welches auch

später noch das Amtskleid der Ritter und Augurn blieb. Die T.

ist mit der Toga praetexta (s. Tafel "Kostüme I", Fig. 6) in

Form und Bedeutung verwandt.

50*

788

Traben - Tracheen.

Traben, Marktflecken im preuß. Regierungsbezirk

Koblenz, Kreis Zell, an der Mosel, am Trabenberg und an der Linie

Reil-T. der Preußischen Staatsbahn, 97 m ü. M., hat

Obst- und vortrefflichen Weinbau, große Weinhandlungen und

(1885) 1704 meist evang. Einwohner. Gegenüber am rechten

Moseluser die Stadt Trarbach (s. d.).

Traber, Pferderassen, bei denen der Trab bis zur

größten Vollkommenheit ausgebildet ist. Die

berühmten russischen Orlowtraber werden auf den Gestüten

Chränowoi und Tschesmenka gezüchtet, doch liefert in

neuester Zeit auch Nordamerika ausgezeichnete T. Vgl.

Trabrennen.

Träber, s. Treber.

Traberkrankheit (Gnubberkrankheit, Wetzkrankheit,

Schruckigsein), langwierige, fieberlose Krankheit der Schafe, die

vorzugsweise zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr mit

gesteigerter Empfindlichkeit und Schwäche, endlich

Lähmung des Hinterteils ausfritt und meist unter

fortschreitender Abzehrung zum Tod führt. Die noch vielfach

rätselhafte Krankheit entwickelt sich unter wenig

auffälligen Erscheinungen: die Schafe zeigen dummen, stieren

Blick, scheues, furchtsames Wesen, Schüchternheit,

Schreckhaftigkeit beim Ergreifen und Festhalten (Schruckigsein) und

beginnende Muskelschwäche. Nach 4-8 Wochen tritt Schwäche

im Hinterteil hervor, die Tiere gehen schwankend, mit kurzen,

trippelnden, trabartigen Schritten (Traber), und allmählich

breitet sich die Schwäche auch auf die vordere

Körperhälfte aus. Meistens besteht dabei juckende

Emfindung der Haut, namentlich in der Kreuzbein- und Lendengegend,

welche die Tiere zu fast fortwährendem Scheuern und Nagen an

diesen Stellen veranlaßt (daher Gnubber- oder Wetzkrankheit).

Unter zunehmender Schwäche und Hinfälligkeit, die sich

bis zur völligen Lähmung des Hinterteils steigern

(Kreuzdrehen, Kreuzschlagen), tritt allgemeine Abmagerung ein, und

nach monatelanger Krankheitsdauer gehen die Tiere an

Erschöpfung zu Grunde. Genesungsfälle von der

ausgebildeten Krankheit kommen nicht vor. In den Kadavern findet

man nur am Rückenmark und an dessen Häuten höhere

Rötung, Erweichung, Schwund, Wassererguß, in manchen

Fällen jedoch gar nichts, woraus die Erscheinungen im Leben zu

erklären wären. Nachweislich ist in Deutschland die

Krankheit bereits vor Einführung der spanischen Schafe

beobachtet worden; aber erst seit Einführung der Zucht feiner

Schafe hat sie jene Verbreitung erlangt, in der sie

gegenwärtig den größern Schäfereien oft ganz

erhebliche Verluste bereitet. Die Krankheitsanlage wird

unzweifelhaft ererbt, kann aber auch durch organische Schwäche

des Nervensystems wie des gesamten Körperbaues bedingt sein,

daher die Krankheit in überfeinerten, verzärtelten Herden

häufig ist. Ebenso werden zu früher und zu starker

Gebrauch der Zuchttiere, namentlich der männlichen, angeklagt.

Ansteckend ist die T. nicht. Heilmittel sind bisher ohne Erfolg

angewendet worden, frühzeitiges Schlachten der Erkrankten ist

daher anzuraten. Die viel wichtigere Vorbauung gegen die aus einer

Herde nur schwer wieder zu beseitigende Krankheit beruht auf

Herstellung eines kräftigen und von erblicher Anlage freien

Stammes, daher auf Ausschließung der Tiere von der Zucht, die

aus traberkranken Familien abstammen oder bereits traberkranke

Nachkommen erzeugt haben, nicht zu früher Benutzung der Tiere

zur Zucht, Schonung der Böcke und rationeller

Ernährung.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 228 / 302 段