Totentanz, seit dem 14. Jahrh. in Aufnahme gekommene

bildliche Darstellungen, welche in einer Reihe von allegorischen

Gruppen unter dem vorherrschenden Bilde des Tanzes die Gewalt des

Todes über das Menschenleben veranschaulichen sollen.

Ursprünglich ward dieser Stoff zu dramatischer Dichtung und

Schaustellung benutzt und in kurzen, meist vierzeiligen

Wechselreden zwischen dem Tod und anfangs 24 nach absteigender

Rangfolge geordneten Personen verarbeitet. Wahrscheinlich war darin

den sieben makkabäischen Brüdern mit ihrer Mutter und

Eleasar (2. Makk. 6, 7) eine hervorragende Rolle zugeteilt, und es

fand die Aufführung an deren Gedächtnisfest zu Paris im

Kloster der unschuldigen Kindlein (aux Innocents) statt; daher der

in Frankreich von alters her übliche lateinische Name Chorea

Machabaeorum (franz. la danse Macabre). In Paris war bereits 1407

die ganze Reihe jener dramatischen Situationen nebst den

dazugehörigen Versen an die Kirchhofsmauer des genannten

Klosters gemalt, und hieran schlossen sich bald weitere Malereien,

Teppich- und Steinbilder in den Kirchen zu Amiens, Angers, Dijon,

Rouen etc. sowie seit 1485 auch Holzschnitt- und Druckwerke, welche

die Bilder und Inschriften wiedergaben. Noch erhalten ist der

textlose, aber die Dichtung illustrierende T. in der Abteikirche

von La Chaise-Dieu in der Auvergne, dessen erster Ursprung in das

14. Jahrh. hinausreichen mag. Reime und Bilder des Totentanzes

verpflanzten sich von Frankreich aus auch nach England; die

mannigfaltigste und eigentümlichste Behandlung aber ward ihm

in Deutschland zu teil, wo er mit wechselnden Bildern und Versen in

die Wand- und Büchermalerei überging. Eine Darstellung in

einer Kapelle der Marienkirche zu Lübeck, deren niederdeutsche

Reime teilweise erhalten sind, zeigt den T. noch in seiner

einfachsten Gestalt: 24 menschliche Gestalten, Geistliche und Laien

in absteigender Ordnung, von Papst, Kaiser, Kaiserin, Kardinal,

König bis hinab zu Klausner, Bauer, Jüngling, Jungfrau,

Kind, und zwischen je zweien derselben eine springende oder

tanzende Todesgestalt als verschrumpfte Leiche mit umhüllendem

Grabtuch; das Ganze durch gegenseitig dargereichte und

gefaßte Hände zu einem einzigen Reigen verbunden und

eine einzelne Todesgestalt pfeifend voranspringend (vgl.

"Ausführliche Beschreibung und Abbildung des Totentanzes in

der Marienkirche zu Lübeck", Lüb. 1831). Aus dem 14.

Jahrh. (vielleicht von 1312) rührt der jetzt verwischte T. im

Kreuzgang des Klingenthals, eines ehemaligen Frauenklosters der

Kleinstadt Basel (Bilder und Reime bei Maßmann: "Baseler

Totentänze", Stuttg. 1847) her. Hier ist die Zahl der Personen

um einige neue, aus den niedern Ständen genommene vermehrt,

auch das Ganze in einzelne Paare aufgelöst. Ein andrer

wiederholt gedruckter T. mit 37 tanzenden Paaren ("der doten dantz

mit figuren") zeigt sowohl in den Figuren als in den Strophen

Nachahmung der erwähnten französischen Danse Macabre.

Seit der Mitte des 15. Jahrh. werden die Bilder des Totentanzes

immer mehr vervielfältigt, während die Verse wechseln

oder ganz weggelassen werden, und zuletzt gestalten sich beide,

Bilder und Verse, völlig neu. Zunächst ward der T. von

Kleinbasel nach Großbasel, vom Klingenthal an die

Kirhofsmauer des Baseler Predigerklosters (nicht vor der Mitte des

15. Jahrh.) übertragen, wobei Zahl und Anordnung der tanzenden

Paare dieselbe blieben, aber am Anfang ein Pfarrer und ein Beinhaus

und am Ende der Sündenfall hinzugefügt wurden,

während die das Ganze beschließende Person des Malers

vielleicht erst Hans Hug Kluber, welcher 1568 das Bild

restaurierte, anhängte. Bei dem Abbruch der Kirchhofsmauer

1805 ist das Original bis auf geringe Fragmente zu Grunde gegangen;

doch haben sich Nachbildungen nebst den Reimen erhalten, namentlich

in den Handzeichnungen Em. Büchels (bei Maßmann a. a.

O.). Der zum Volkssprichwort gewordene "Tod von Basel" gab neuen

Anstoß zu ähnlichen Darstellungen, obschon die

Dichtkunst den Stoff ganz fallen ließ. So ließ Herzog

Georg von Sachsen noch 1534 längs der Mauer des dritten

Stockwerks seines Dresdener Schlosses ein steinernes Relief von 24

lebensgroßen Menschen- und 3 Todesgestalten ausführen,

ohne Reigen oder tanzende Paare und nach Auffassung wie nach

Anordnung durchaus neu

778

Totenuhr - Totes Rennen.

und eigentümlich. Dieses Bildwerk ward bei dem großen

Brand von 1701 stark beschädigt, aber wiederhergestellt und

auf den Kirchhof von Neustadt-Dresden übertragen (abgebildet

bei Nanmann: "Der Tod in allen seinen Beziehungen", Dresd. 1844).

Von der Baseler Darstellung abhängig ist das aus dem 15.

Jahrh. herrührende Gemälde in der Predigerkirche zu

Straßburg, welches verschiedene Gruppen zeigt, aus deren

jeder der Tod seine Opfer zum Tanz holt (abgebildet bei Edel: "Die

Neue Kirche in Straßburg", Straßb. 1825). Aus den

Jahren 1470-90 stammt der T. in der Turmhalle der Marienkirche zu

Berlin (hrsg. von W. Lübke, Berl. 1861, und von Th.

Prüfer, das. 1876). Einen wirklichen T. malte von 15I4 bis

1522 Nikolaus Manuel an die Kirchhofsmauer des Predigerklosters zu

Bern, dessen 46 Bilder, die jetzt nur noch in Nachbildungen

vorhanden sind, bei aller Selbständigkeit ebensowohl an den

Baseler T. wie an den erwähnten "doten dantz mit figuren"

erinnern. Eine durchaus neue und künstlerische Gestalt erhielt

aber der T. durch H. Holbein d. j. Indem dieser nicht sowohl

veranschaulichen wollte, wie der Tod kein Alter und keinen Stand

verschont, sondern vielmehr, wie er mitten hereintritt in den Beruf

und die Lust des Erdenlebens, mußte er von Reigen und

tanzenden Paaren absehen und dafür in sich abgeschlossene

Bilder mit dem nötigen Beiwerk, wahre "Imagines mortis", wie

seine für den Holzschnitt bestimmten Zeichnungen genannt

wurden, liefern. Dieselben erschienen seit 1530 und als Buch seit

1538 in großer Menge und unter verschiedenen Titeln und

Kopien (neue Ausg. von F. Lippmann, Berl. 1879). Holbeins

"Initialbuchstaben mit dem T." wurden in Nachschnitten von

Lödel neu herausgegeben von Ellissen (Götting. 1849).

Daraus, daß Hulderich Frölich in seinem 1588

erschienenen Buch "Zween Todtentäntz, deren der eine zu Bern,

der andre zu Basel etc." dem T. am Predigerkirchhof

größtenteils Bilder aus Holbeins Holzschnitten

unterschob und Mechel sie in sein Ende des vorigen Jahrhunderts

erschienenes Werk "Der T." aufnahm, entstand der doppelte Irrtum,

daß man auch den ältern wirklichen T. im Predigerkloster

für ein Werk Holbeins hielt und des letztern "Imagines"

ebenfalls T. benannte. Im Lauf des 16., 17. und 18. Jahrh.

entstanden noch andre Totentänze in Chur

(erzbischöflicher Palast mit Benutzung der Holbeinschen

Kompositionen), Füssen, Konstanz, Luzern, Freiburg und Erfurt,

und Holzschneide- wie Kupferstecherkunst nahmen den Stoff wieder

auf, dessen sich auch die Dichtkunst wieder bemächtigte, z. B.

Bechstein ("Der T.", Leipz. 1831). Auch in neuester Zeit hat man

wieder Totentänze gezeichnet, so namentlich A. Rethel und W.

Kaulbach. Vgl. Peignot, Recherches sur les danses des morts (Par.

1826); Douce, Dissertation on the dance of death (Lond. 1833);

Langlois, Essai sur les danses des morts (Rouen 1851, 2 Bde.);

Maßmann, Litteratur der Totentänze (Leipz. 1841); W.

Wackernagel, Der T. (in "Kleine Schriften", Bd. 1, das. 1874);

Wessely, Die Gestalten des Todes etc. in der darstellenden Kunst

(das. 1877). Die reiche Litteratur findet sich verzeichnet in den

"First proofs of the universal catalogue of books on art" (Lond.

1870).

Totenuhr, s. Klopfkäfer.

Totenvogel, s. Eulen, S. 906.

Toter Winkel, s. Bestreichen.

Totes Gebirge, Gebirgsgruppe der Salzkammergutalpen,

durch die Ausseer Niederung vom Kammergebirge geschieden, mit dem

Quellengebiet der Traun und Steyr, eine Hochebene mit den

auffallendsten Kontrasten, meist kahl und zerrissen, dazwischen mit

schönen Alpen, am Nordende im Großen Priel 2514 m hoch.

S. Karte "Salzkammergut".

Totes Kapital, s. v. w. müßig liegendes,

keinen Gewinn abwerfendes Kapital (s. d.).

Totes Meer, 1) (in der Bibel Salzmeer, Meer der

Wüste, der Asphaltsee der Griechen und Römer, arab. Bachr

Lût, "Lots Meer") Landsee im asiatisch-türk. Wilajet

Surija (Syrien), an der Südostgrenze Palästinas, ist 76

km von N. nach S. lang und 3½-16 km breit und wird durch die

an der Ostküste hervortretende Halbinsel Lisân ("Zunge")

in zwei Becken geteilt (s. Karte "Palästina"). Es wird im O.

und W. von steil abfallendem Hochtafelland begleitet, welches sich

700-800 m über den Wasserspiegel erhebt, und von welchem sich

viele Thalschluchten (Wadis) herabziehen, in denen sich einige

Vegetation zeigt, während die sonstige Umgebung meist steril

ist. Die beiden Becken sind von verschiedener Tiefe; während

diese im nördlichen Becken in der Mitte meist über 300 m

(größte Tiefe unter 31° 36' nördl. Br. 399 m)

und im gesamten Durchschnitt 329 m beträgt, scheint sie im

südlichen Becken nirgends über 3,6 m zu messen. Doch

schwankt der Seespiegel je nach der Jahreszeit und scheint im

allgemeinen im Sinken begriffen zu sein. Das Wasser ist ziemlich

hell und klar, aber so mit Mineralien gesättigt, daß

hineingeworfenes Salz sich nicht mehr auflöst und weder Fische

noch Schaltiere darin existieren können. Die salzigen

Bestandteile (etwa 25 Proz.) sind Chlormagnesium, Chlorcalcium und

Chlornatrium; dieselben verleihen dem Wasser ein spezifisches

Gewicht von 1,166, so daß dasselbe weit größere

Lasten als das gewöhnliche Seewasser trägt und der

menschliche Körper darin nicht untersinkt. Jene Salze werden

durch Verdunsten des Wassers in Gruben in Menge gewonnen. Der Boden

des Sees besteht aus Sand, unter welchem sich eine Lage von Asphalt

(Judenpech) befinden soll, der zuweilen in großen

Stücken durch das Wasser aufgespült wird. Nach andern

stammt der Asphalt von einer Breccie am Westufer des Sees her. Das

Tote Meer liegt 394 m unter dem Spiegel des Mittelmeers und ist die

tiefste bekannte Einsenkung der ganzen Erde. Es empfängt an

seinem Nordende den Jordan (s. d.), außerdem mehrere

Bäche, von denen die bedeutenden vom östlichen Hochland

kommen. Ein sichtbarer Abfluß ist nicht vorhanden, und wenn

trotzdem das Niveau des Sees immer ziemlich gleichbleibt, so

rührt dies nur von der überaus starken Verdunstung her.

Wegen der tiefen Lage des Sees herrscht im Bereich desselben eine

außerordentliche Wärme, welche die Verdunstung sehr

befördert. Nach der biblischen Sage entstand das Bassin des

Toten Meers, welches einst die fruchtbare Ebene Siddim mit den

Städten Sodom und Gomorrha einnahm, durch einen Schwefelregen

(vulkanische Eruption). Vgl. Lynch, Bericht über die

Expedition der Vereinigten Staaten nach dem Jordan und dem Toten

Meer (deutsch, Leipz. 1850); Hull, Memoir on the geology and

geography of Arabia Petraea etc. (Lond. 1886); Luynes, Voyage

d'exploration à la Mer Morte (Par. 1871-76, 3 Bde.). -

2) S. Karkinitischer Meerbusen.

Totes Papier (franz. Valeur morte), ein Wertpapier,

welches an der Börse zwar eingeführt ist, aber fast gar

nicht gehandelt wird.

Totes Rennen (engl. Dead heat), ein Rennen, in welchem

zwei oder mehrere Pferde so zu gleicher Zeit das Ziel passieren,

daß ein Richter nicht im stande ist, den Sieger zu

ermitteln.

779

Tote Wechsel - Totpunkt.

Tote Wechsel, s. v. w. eigne Wechsel.

Totfall (unrichtig Todfall), s. Baulebung.

Tóth, 1) Koloman, ungar. Dichter, geb. 30. Juni

1830 zu Baja im Bács-Bodroger Komitat, veröffentlichte

1854 die erste Sammlung seiner Gedichte, die durch patriotische

Tendenz und Gemütlichkeit beliebt wurden, und denen dann

mehrere ähnliche Sammlungen aus seiner Feder folgten. Er

schrieb auch verschiedene Dramen, von welchen "Egy

királyné" ("Eine Königin") einen Preis der

Akademie davontrug und "A nök az alkotmányban" ("Frauen

im konstitutionellen Leben") mit großem Erfolg

aufgeführt wurde. T. wurde 1860 von der Kisfaludy-Gesellschaft

und 1861 von der Akademie zum Mitglied gewählt. Er starb 4.

Febr. 1881 in Pest.

2) Eduard, ungar. Dramatiker, geb. 1844 zu Putnok im

Gömörer Komitat, widmete sich dem Kaufmannsberuf, wirkte

später als Schauspieler und Theaterdichter bei

Provinzbühnen, wurde jedoch erst bekannt, als er 1871 mit

seinem Volksstück "A falu roszsza" ("Der Dorflump", deutsch

von A. Sturm) einen vom Pester Nationaltheater ausgeschriebenen

Preis gewann. Er erhielt infolgedessen eine Anstellung an diesem

Theater, starb aber schon 27. Febr. 1876. Andre namhafte

Stücke von ihm sind das zweite preisgekrönte

Volksstück, "A kintornás családsa" ("Die Familie

des Leiermanns"), und das erst nach seinem Tod aufgeführte

Drama "A tolonc" ("Der Schübling"), dessen Stoff gleichfalls

dem Volksleben entnommen ist. T. zeichnete sich durch originelle

Erfindung und poetisches Gemüt aus, war aber noch nicht zur

vollen Beherrschung der dramatischen Form durchgedrungen.

Totilas, König der Ostgoten, ward 541 auf den Thron

erhoben, eroberte in kurzer Zeit das von Belisar den Goten

entrissene Italien wieder, 546 nach hartnäckiger Belagerung

auch Rom, verlor es 547 wieder an Belisar, nahm es aber 549 zum

zweitenmal ein und machte es zu seiner Hauptstadt. Auch Sizilien,

Sardinien und Corsica brachte er wieder an das Gotenreich, erlitt

aber im Juli 552 bei Tagina gegen Narses eine Niederlage, in

welcher er selbst fiel.

Totis (ungar. Tata, lat. Theodatum), Markt im ungar.

Komitat Komorn, Station der Ungarischen Staatsbahnlinie

Budapest-Bruck, in ungemein quellenreicher Umgebung, besteht aus T.

(Oberstadt) und Tóváros (Seestadt) an einem 4 km im

Umfang messenden fischreichen See, mit Schloß u. Park des

Grafen Esterhazy, großem Kastell, vielen Teichen, Kloster

samt Gymnasium, Kapuzinerkloster, Bezirksgericht, großen

Marmorbrüchen, römischen Altertümern und (1881) 6507

Einw., welche Spiritus-, Steingut- und Lederfabrikation und Weinbau

treiben.

Totlaufen, sich, sagt man von einem Gesims, welches an

einem Vorsprung endigt, ohne sich um denselben herumzuziehen (mit

demselben zu verkröpfen); auch von einem Gang oder einer

Straße, die an einem Ende keinen Ausweg haben.

Totleben (Todleben), Eduard Janowitsch, Graf von, russ.

General, geb. 20. Mai 1818 zu Mitau als Sohn eines angesehenen

Großhändlers, ward erst auf der Kadettenschule in Riga,

dann 1832-36 auf der Ingenieurschule in Petersburg gebildet, trat

1837 als Unterleutnant in das Geniekorps, kämpfte 1847-50 im

Kaukasus, nahm als Stabshauptmann an den Belagerungen der

Tschetschenzenfestungen Salti und Tschoch teil und war dann 1854

als Oberstleutnant an der Seite des Generals Schilder-Schuldner bei

der Belagerung von Silistria thätig. Darauf nach der Krim

beordert, erwarb er sich durch schnelle Herrichtung von

Verteidigungswerken auf der Südseite von Sewastopol, welche

allein die lange Verteidigung ermöglichte, einen weit

berühmten Namen. Am 20. Juni 1855 am Fuß verwundet,

mußte er seine Wirksamkeit einstellen und ward dann zum

Generalleutnant und Generaladjutanten des Kaisers sowie 1860 zum

Direktor des Ingenieurdepartements im Kriegsministerium ernannt.

Außerdem ward er Adjunkt des Großfürsten Nikolaus

des ältern als Generalinspektor des Geniewesens. 1877 ward er

erst im September auf den Kriegsschauplatz nach Bulgarien berufen

und mit der Oberleitung der Belagerungsarbeiten vor Plewna betraut,

nach dessen durch ihn bewirktem Fall in den Grafenstand erhoben,

mit der Zernierung der bulgarischen Festungen und im April 1878 mit

dem Oberbefehl in der Türkei beauftragt. 1879 wurde er

Generalgouverneur von Odessa, 1880 von Wilna und starb 1. Juli 1884

in Bad Soden. Er schrieb "Défense de Séwastopol"

(Petersb. 1864 ff.; deutsch von Lehmann, Berl. 1865 bis 1872, 2

Bde.). Vgl. Brialmont, Le général comte T.

(Brüssel l884); Krahmer, Generaladjutant Graf T. (Berl.

1888).

Totliegendes, s. v. w. Rotliegendes, s.

Dyasformation.

Totma, Kreisstadt im russ. Gouvernement Wologda, an der

Suchona, mit Lehrerseminar, weiblichem Progymnasium und (1885) 3412

Einw. Dabei Salzquellen, deren eine jährlich 75,000 Pud Salz

liefert.

Totnes, altes Städtchen in Devonshire (England), am

Dart, mit (1881) 4089 Einw. Dabei Serge- und Wollwarenfabriken.

Totonicapan, Hauptstadt des gleichnamigen Departements im

zentralamerikan. Staat Guatemala, liegt auf einer gut angebauten

Hochebene und hat 25,000 Einw., meist Indianer, die sich neben

Ackerbau mit Fabrikation von Wollzeugen, Töpferwaren und

musikalischen Instrumenten beschäftigen.

Totpunkt, diejenige Stellung gewisser Mechanismen, in

welcher eine eingeleitete Kraft keine Bewegung hervorzubringen

vermag. Sehr verbreitete Mechanismen mit Totpunkten sind die

gewöhnlichen Kurbelgetriebe. An jeder Drehbank oder

Nähmaschine mit Fußbetrieb (Trittbrett, Lenkstange und

Kurbel) lassen sich zwei Stellungen finden, von welcher aus die

Maschinen mit dem Trittbrett allein nicht in Bewegung gesetzt

werden können, vielmehr dazu einer Nachhilfe mit der Hand am

Schwungrad etc. bedürfen. Es sind das die Totpunkte des

Kurbelmechanismus, welche eintreten, wenn die Lenkstange und die

Kurbel in einer geraden Linie liegen. Die Lenkstange zieht oder

drückt hierbei nur in radialer Richtung an der Kurbel, so

daß eine senkrecht zur Kurbel (also tangential zum

Kurbelkreis) gerichtete Komponente, durch welche allein eine

Kurbelbewegung möglich ist, nicht auftreten kann. Die

Totpunkte müssen in der Technik einerseits häufig

unschädlich, können aber anderseits geradezu nutzbar

gemacht werden. Das erstere ist der Fall z. B. bei allen durch

Kurbelantrieb in Bewegung gesetzten Maschinen (Dampf-,

Heißluft-, Gaskraft-, Wassersäulenmotoren,

Fußdrehbänken, Bohrmaschinen, Spinnrädern,

Nähmaschinen etc.), und zwar werden die Totpunkte entweder

durch Schwungräder oder dadurch überwunden, daß

mehrere gleiche Mechanismen mit abwechselnd eintretenden Totpunkten

angewendet werden, wobei sie sich gegenseitig über die

Totpunte hinweghelfen (z. B. bei den Zwillingsdampfmaschinen).

Nützliche Verwendung finden die Totpunkte be-

780

Totreife - Toul.

sonders bei der Mehrzahl der durch Klemmung wirkenden

Befestigungen und Verschlüsse, z. B. bei Gürtelschnallen,

Feststellvorrichtungen für Rouleausschnüre,

Hosenträger, Strumpfbänder etc. sowie bei Handschuh-,

Portemonnaie- und Flaschenverschlussen etc.

Totreife, der Zustand der Getreidekörner, in welchem

dieselben auf dem stehenden Halm völlig hart sind.

Totrokan (das antike Transmarisca), Kreishauptstadt in

Bulgarien, an der Donau, zwischen Silistria und Rustschuk, mit

Export von Rohprodukten und Holz und (1881) 7164 Einw. (viele

Rumänen).

Totschlag, die widerrechtliche Tötung eines

Menschen, welche zwar mit Vorsatz, aber nicht mit Überlegung

ausgeführt wird. Durch das Vorhandensein der

Tötungsabsicht unterscheidet sich das Verbrechen von der

fahrlässigen Tötung (s. d.), durch den Mangel der

Überlegung von dem Verbrechen des Mordes (s. d.). Der T. ist

die im Affekt begangene absichtliche, widerrechtliche Tötung,

welche, weil durch die leidenschaftliche Erregung das

Bewußtsein des Thäters als getrübt erscheint, mit

geringerer Strafe bedroht ist als der Mord. Das deutsche

Reichsstrafgesetzbuch bestraft den Totschläger mit Zuchthaus

von 5-15 Jahren. Dabei gilt es als Straferhöhungsgrund, wenn

der T. an einem Verwandten aufsteigender Linie, oder wenn er bei

Unternehmung einer strafbaren Handlung verübt wurde, um ein

der Ausführung der letztern entgegentretendes Hindernis zu

beseitigen, oder um sich der Ergreifung auf frischer That zu

entziehen. Als strafmilderndes Moment wird es dagegen angesehen,

wenn der Totschläger ohne eigne Schuld durch eine ihm oder

einem Angehörigen zugefügte Mißhandlung oder

schwere Beleidigung von dem Getöteten zum Zorn gereizt und

hierdurch auf der Stelle zur That hingerissen worden war. In diesem

Fall erscheint der bloße Versuch des Totschlags, welcher

sonst mit Strafe bedroht ist, nicht als strafbar. Es soll auch in

ebendiesem Fall, oder wenn sonstige mildernde Umstände

vorliegen, nur auf Gefängnisstrafe von sechs Monaten bis zu

fünf Jahren erkannt werden. Vgl. Deutsches Strafgesetzbuch,

§ 212 ff. - Das österreichische Strafgesetzbuch

bezeichnet als T. die nicht absichtliche, aber als Folge einer

sonstigen absichtlichen Feindseligkeit erscheinende Tötung und

bedroht die im Affekt begangene absichtliche Tötung sogar mit

Todesstrafe. Vgl. Österreichisches Strafgesetzbuch § 140

ff.

Tottenham, nördliche Vorstadt von London, 9 km von

der Londonbrücke, mit Diakonissenanstalt und (1881) 46,441

Einw.

Totum (lat.), das Ganze.

Tötung (Tötungsverbrechen, Homicidium), das

Verbrechen desjenigen, welcher widerrechtlicherweise den Tod eines

andern Menschen verursacht. Hiernach fällt also der Selbstmord

nicht unter den Begriff der strafbaren T., ebensowenig die T. im

Krieg nach Kriegsrecht oder die rechtmäßige T. eines zum

Tod Verurteilten und die T. im Fall der Notwehr (s. d.). Ebenso ist

die Abtreibung der Leibesfrucht, welche ein erst im Werden

begriffenes Menschenleben zerstört, hier auszuscheiden. Je

nachdem nun der Tötende mit oder ohne Absicht handelte, wird

zwischen vorsätzlicher und fahrlässiger (kulposer) T.

unterschieden. Letztere wird nach dem Strafgesetzbuch des Deutschen

Reichs (§ 222) mit Gefängnis bis zu drei Jahren und, wenn

der Thäter zu der Aufmerksamkeit, welche er

fahrlässigerweise aus den Augen setzte, vermöge seines

Amtes, Berufs oder Gewerbes besonders verpflichtet war, mit

Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft. Bei der

vorsätzlichen T. wird je nach der Verschiedenheit des

Thatbestandes wiederum zwischen Mord (s. d.), Totschlag (s. d.) und

Kindesmord (s. d.) unterschieden. Dazu kommt noch die T. im

Zweikampf (s. d.) und die T. eines Einwilligenden, welch letztere

nach dem deutschen Strafgesetzbuch (§ 216), wofern der

Thäter durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen

des Getöteten zur That bestimmt worden war, mit Gefängnis

von 3-5 Jahren geahndet wird. Das österreichische

Strafgesetzbuch dagegen behandelt die T. eines Einwilligenden nicht

als ein besonderes Vergehen. In allen diesen Fällen muß

aber der Tod die zurechenbare Folge einer Handlung des Thäters

sein. Die frühern Einteilungen in absolut und relativ, in

notwendig und zufällig, in per se und per accidens

tödliche (letale) Verletzungen sind heutzutage für den

Begriff der T. indifferent, und die Unterscheidungen, welche die

ältere Doktrin mit Rücksicht hierauf in Ansehung der

Tödlichkeit (Letalität) von Verletzungen machte, werden

nicht mehr berücksichtigt. Die sogen. tödliche

Körperverletzung endlich, bei welcher der Tod des Verletzten

die nicht beabsichtigte Folge der Verletzung ist, fällt nicht

unter den Begriff der T., sondern unter den der

Körperverletzung (s. d.). Vgl. Deutsches Strafgesetzbuch,

§ 2l1-222, 237 f.; Österreichisches, § 134-143, 335;

Französisches, Art. 195-304, 319, 321-329; Brunnenmeister, Das

Tötungsverbrechen im altrömischen Recht (Leipz.

1887).

Tot verbellen, das Anbellen eines verendeten Wildes durch

den Schweißhund.

Touage (franz., spr. tu-ahsch), s. Tauerei.

Touchant (franz., spr. tuschang), ruhrend, bewegend;

Touche, Berührung, Neckerei, Beleidigung (s. Tusch);

touchieren, tastend berühren, untersuchen; in Rührung

versetzen; beleidigen.

Toucouleurs (Tukulör), ein von den Franzosen den

Bewohnern des untern und mittlern Senegal beigelegter Name, den man

davon hat ableiten wollen, daß hier eine Mischung der

verschiedenfarbigen Dscholof, Mandingo und Fulbe stattgefunden hat,

während derselbe viel wahrscheinlicher von Tukurol, dem alten

Namen des Landes, herstammt. Die Portugiesen nannten schon im 16.

Jahrh. die Eingebornen Tacurores. Unter dem Einfluß des Islam

erwuchs hier die Theokratie der Torodo, welche im 18. Jahrh. ihre

Herrschaft über das ganze Senegalbecken ausdehnte und unter

Othman Dar Fodie das große Fulbereich zwischen Niger und

Tsadsee gründete. Sie haben den Franzosen häufig den

entschiedensten Widerstand entgegengesetzt, doch wurde diesen bei

der Feindseligkeit der einzelnen Stämme gegeneinander die

Unterwerfung leicht gemacht.

Toucy (spr. tußi), Stadt im franz. Departement

Yonne, Arrondissement Auxerre, an der Ouanne und der Eisenbahn

Triguères-Clamecy, mit Schloß, Fabrikation von

Wollenstoffen, Gerberei, Handel mit Vieh und Eisenwaren und (1881)

2125 Einw.

Toujours (franz., spr. tuschuhr), alle Tage, immer.

Toul (spr. tuhl), Arrondissementshauptstadt und Festung

zweiter Klasse im franz. Departement Meurthe-et-Moselle, an der

Mosel und am Marne-Rheinkanal, Station der Bahnlinie

Paris-Avricourt (mit Abzweigung nach Frenelle la Grande), hat eine

im 15. Jahrh. vollendete gotische Kathedrale mit zwei schönen

Türmen, ein ansehnliches Stadthaus (früher

Bischofspalast), Collège, Sekundärschule für

Mädchen, Bibliothek und (1886) 7610 (Gemeinde 10,459) Einw.,

welche etwas Industrie (Stickerei, Hutfabrikation etc.) und Handel

treiben. Seit 1871 ist die Festung T. durch einen Gürtel von

Forts in einer Ausdehnung von

781

Toulon.

35 km, darunter das starke Fort St.-Michel nordwestlich der

Stadt, erweitert worden. T. ist Geburtsort des Marschalls Gouvion

Saint-Cyr. - T., das Tullum Leucorum der Römer, Hauptstadt des

gallischen Stammes der Leuci, ist eine sehr alte Stadt und

gehörte unter den fränkischen Merowingern und Karolingern

zum fränkischen Königreich Austrasien. 612 wurde der

König Theuderich von Austrasien von Theoderich von Burgund bei

T. besiegt. 870 fiel T. an das Deutsche Reich, wurde dann von

eignen Grafen regiert und fiel nach deren Erlöschen 1136 an

Lothringen, blieb aber deutsche Reichsstadt, über welche die

Herzöge von Lothringen nur das Schirmrecht ausübten. Im

J. 1552 ward die Stadt vom König Heinrich II. von Frankreich

infolge seines Bundes mit dem Kurfürsten Moritz von Sachsen

gegen Karl V. nebst Metz und Verdun besetzt und mit diesen

Bistümern im Westfälischen Frieden 1648 definitiv an

Frankreich abgetreten. Das um 410 gegründete Bistum T. bestand

bis 1807. Im Krieg von 1870 ward T. 16. Aug. vom 4. deutschen Korps

vergeblich berannt, vom 12. Sept. an vom 13. Korps unter dem

Großherzog von Mecklenburg förmlich belagert, da es die

einzige Eisenbahn vom Rhein nach Paris sperrte, u. am 23. nach nur

achtstündigem Bombardement mit schwerem Geschütz zur

Kapitulation gezwungen. Vgl. Thiery, Histoire de la ville de

T.(Toul 1841, 2 Bde.); Daulnoy, Histoire de la ville et cité

de T. (das. 1887 ff.); Pimoden, La réunion de T. à la

France (Par. 1885); v. Werder, Die Unternehmungen der deutschen

Armee gegen T. im J. 1870 (Berl. 1875).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 226 / 302 段