physikalischen Beschaffenheit desselben. Der Stechtorf wird mittels
Handspaten oder besonderer Maschinen in Stücke von
regelmäßiger Ziegelform gestochen, an der Luft
getrocknet und als Loden von 314-525 mm Länge, 52-78 mm Dicke
und 105-157 mm Breite in den Handel gebracht. Das Abstechen des
Torfs geschieht entweder horizontal oder vertikal. Beim
horizontalen Torfstich arbeitet man in der Weise, daß ein
Brett neben den Rand der Torfgrube gelegt wird, welches vom Rand so
weit absteht, als die Lange der Loden beträgt; hierauf werden
mit einem scharfen herzförmigen Spaten der Länge und
Breite nach vor dem Brette die Loden abgestochen; nach
entsprechendem Weiterrücken des Bretts wird dann das eben
beschriebene Verfahren wiederholt. Ein zweiter, niedriger stehender
Arbeiter hebt die Torfstücke in 78-105 mm Dicke ab, legt sie
in einen bereit stehenden Schubkarren und fährt sie nach den
Trockenplätzen. Beim vertikalen Torfstich sticht der Arbeiter
am Rande der Grube mit einem scharfen, mit zwei rechtwinkeligen
Seitenkanten versehenen Spaten (s. Textfig. 1) im Torfboden auf die
Länge eines Ziegels nieder, schneidet dann mittels eines
Stecheisens das Torfstück an der untern Seite ab und bringt es
später mittels des Schubkarrens zum Trockenplatz. Bei dieser
Handarbeit müssen die Moore vorher genügend
entwässert werden; geschieht letzteres nicht, und muß
der T. unter Wasser gestochen werden, so benutzt man besondere
Stechmaschinen. Der auf vorstehend beschriebene Art gewonnene T.
enthält oft noch 80-90 Proz. Wasser und wird in Haufen, auf
Hiefeln oder auf Stellagen getrocknet, wobei der T. mindestens zwei
Monate im Freien bleibt und bei andauerndem Regenwetter sehr
große Verluste erleidet. Bei dem Trocknen auf Hiefeln werden
die Torfloden, nachdem sie einige Tage auf dem Boden gelegen haben,
auf kleine, zugespitzte Holzstäbe aufgesteckt, welch letztere
an etwa 2 m hohen Pfählen angebracht sind. Beim Trocknen auf
Stellagen werden die Loden auf einem mit Dach versehenen
Lattengerüst ausgebreitet und getrocknet. Dies letztere
Verfahren wird bei weniger konsistentem T. angewendet. Erdiger,
schlammiger T., welcher wegen mangelnden Zusammenhangs kein Stechen
zuläßt, wird gewöhnlich durch Schöpfen mit
eisernen Eimern, deren Ränder geschärft sind, und deren
Böden aus einem Stück groben Zeugs bestehen, gewonnen
(Baggertorf). Die Masse wird auf den geebneten Erdboden gegossen,
wo sich noch Wasser abscheidet, und dann in breiförmigem
Zustand in einen flachen Raum, der durch ausrecht stehende Bretter
abgegrenzt ist, gebracht. Wenn der T. hier eine genügende
Konsistenz erreicht hat, wird er in Formen gebracht, resp.
zerschnitten. Das Austrocknen wird wohl hierbei noch dadurch
befördert, daß man die Masse durch Schlagen mit
Knütteln oder Dreschflegeln bearbeitet, oder daß
Arbeiter mit Brettern, welche sie sich an die Füße
geschnallt haben, darauf herumtreten. Modell- oder Streichtorf und
Backtorf werden gewonnen, indem man die Torfmasse in
unregelmäßigen Stücken aus der Torfgrube nimmt,
durch Schlagen mit Hölzern oder Treten mit den
Füßen oder mit Zusatz von Wasser durcheinander mengt und
dann in entsprechende Formen bringt. Besser als dieser Handtorf mit
seinem geringen spezifischen Gewicht, wodurch große
Feuerungsanlagen bedingt werden, und seiner Neigung, beim Transport
zu zerbröckeln, ist der Maschinentorf, dessen Substanz auf
irgend eine Weise verdichtet wird. Man preßt die Torfmasse
entweder, nachdem sie zerkleinert und in Öfen getrocknet ist
(Trockenpreßmethode, System Exter-Gwynne), oder, sobald die
Masse aus
[Fig. 1. Spaten zum Torfstechen.]
Torfgewinnung.
Fig. 1. Torfmaschine für Pferdebetrieb von Schlickeysen;
Fig. 2 u. 3 die beiden obern Messer derselben.
Fig. 2.
Fig. 3.
Fig. 7. Zweiwellige Torfmaschine von Grotjahn und Picau.
Fig. 4. Torfmaschine für Dampfbetrieb von Schlickeysen.
Längendurchschnitt.
Fig. 5. Torfmaschine für Dampfbetrieb von Schlickeysen.
Querschnitt.
Fig. 6. Torfmaschine von Clayton, Son and Howlett.
Fig. 8 u. 9. Wander-Torf-Aufbereitungsmaschine von Cohen und
Moritz. Seiten- und Stirnansicht.
Zum Artikel »Torf«.
761
Torf (Gewinnung).
dem Moor kommt, in geeignete Formen (Naßpreßmethode,
System Koch und Mannhardt) und erhält auf diese Weise den
Preßtorf. Bei Gewinnung von Schlämmtorf nach dem System
Challeton wird die rohe Torfmasse zwischen Messerwalzen
zerkleinert, mittels eines Bürstenapparats und unter
Zufluß von Wasser durch ein Sieb getrieben und in andern
Apparaten noch weiter zerkleinert. Der Schlamm gelangt dann in
Gefäße, in denen sich die schweren mineralischen
Beimengungen absetzen, und hierauf in Bassins, durch welche das
Wasser absickern kann. Wenn die Torfmasse dann genügend
kompakt geworden ist, wird dieselbe in Ziegel geformt. Siebtorf
nach System Versmann wird gewonnen, indem man die rohe Torfmasse in
einen Trichter von Blech bringt, welcher am Umfang mit kleinen
Löchern versehen ist. In dem Trichter bewegt sich ein eiserner
Konus, welcher um seine Peripherie herum ein schneckenartig
gewundenes Messer trägt. Dieses Messer schneidet den T. fein
und drückt ihn in feinen Strähnen durch die seitlichen
Löcher des Trichters, während die gröbern Teile die
untere Trichteröffnung passieren. Unter Maschinentorf im
engern Sinn (kondensierter oder verdichteter T.) begreift man alle
diejenigen Torfsorten, bei denen die Torffasern durch maschinelle
Vorrichtungen zerrissen und wieder miteinander vermengt werden, so
daß ein möglichst homogenes Produkt entsteht, und wobei
das Verdichten des Torfbreies ohne Anwendung von Torfpressen vor
sich geht. Man unterscheidet hierbei noch, ob die Herstellung des
Torfs mit oder ohne Wasserzufluß erfolgt. Das Formen des
Torfs geschieht von Hand, oder es werden durch die Maschine
prismatische Stränge gebildet, welche nach den üblichen
Dimensionen zerschnitten werden. Eine besondere Art des
Maschinentorfs ist der Kugeltorf, bei welchem der durch die
Maschine hergestellte Torfbrei in besondern Vorrichtungen zu
faustgroßen Kugeln geformt wird. Die Herstellung von
kondensiertem oder verdichtetem Maschinentorf ist wohl als die
bisher rationellste und jetzt am meisten verbreitete Methode zu
bezeichnen. Nach einer andern Methode der Torfzubereitung wird der
T. auf einer Zentrifugalmaschine entwässert, in Brei
verwandelt, getrocknet, gemahlen und in heißen Pressen
komprimiert. Im bayrischen Kolbermoor und Haspelmoor wird die zu
bearbeitende Parzelle von der Vegetation befreit, geebnet,
gepflügt und geeggt und der abgelöste T. lufttrocken
gemacht. Dann sammelt man ihn mit einem Schneepflug, bringt ihn in
eine Zerkleinerungsmaschine, aus dieser in den Trockenofen und mit
einer Temperatur von 50-60° in die Presse, welche ihn in
dunkelbraune, glänzende Ziegel verwandelt. Fig. 1 der Tafel
zeigt eine Torfmaschine für Pferdebetrieb von Schlickeysen.
Die an der stehenden Welle W befestigten Schneckenflügel S, S
sind schraubenförmig gestaltet und umfassen nicht den ganzen
Kreisumfang, wie sich aus Fig. 2 und 3, welche die beiden obern
Messer, resp. Flügel darstellen, ergibt. Das obere Messer ist
mit einem Schaber B versehen, welcher die am innern Umfang des
Bottichs hängen gebliebenen Torffasern abschabt und den
Messern zuführt. Damit sich die Torfmasse nicht festsetzt,
sind mehrere Eisenstäbe E, E quer durch den Bottich
hindurchgezogen. Der den untern Teil des Bottichs
abschließende Boden O ist mit der Welle W fest verbunden.
Wenn nun die Torfmasse oben in den Bottich eingeschüttet wird,
so muß bei entsprechender Drehung der Welle W die Masse
zerrissen, durcheinander gemengt, durch das untere Messer der
Ausgangsöffnung, vor welcher sich die Form F befindet,
zugedrängt werden und aus dem Mundstück in einem
fortlaufenden Strang austreten. Um das unbequeme Aufgeben des rohen
Torfmaterials in die hohen Bottiche zu vermeiden, konstruierte man
Torfmaschinen mit liegender Schneckenwelle, wobei aber das
Eigengewicht des Torfs beim Nachschieben der Torfmasse nicht mehr
behilflich ist. Fig. 4 und 5 zeigen eine solche Maschine für
Dampfbetrieb von Schlickeysen. Die Konstruktion der Messer ist aus
der Zeichnung ersichtlich. Zu erwähnen ist die unterhalb des
Trichters T liegende Speisewalze W, welche durch Zahnräder im
entgegengesetzten Sinn mit der Messerwelle S bewegt wird, so
daß hierdurch Messer und Speisewalze das Material aus dem
Trichter nach unten ziehen. Derartige Maschinen liefern bei
geeignetem Rohmaterial in 10 Arbeitsstunden 10-15,000 Loden. Die in
Fig. 6 dargestellte Maschine ist von Henry Clayton Son and Howlett
in London, Atlas Works. Bei dieser wird die Torfmasse in den
vertikal stehenden Trichter T gegeben und durch Bewegung der
Flügel an der im Trichter befindlichen vertikalen Welle nach
unten gedrückt, wo sie in den horizontal liegenden Cylinder
eintritt. Aus letzterm wird die Masse durch die Formen
gepreßt und tritt daselbst in mehreren glatten Strängen
aus. Diese Stränge werden dann von Brettern aufgenommen und
durch das mit sechs eingespannten Drähten versehene
Schneidegatter G in Stücke zerschnitten. Die Torfmasse wird
durch eine besondere Aufzugsvorrichtung vermittelst der Trommel K
nach oben geschafft. Diese Maschine hat etwa 5-6 Pferdekräfte
für ihre Bewegung nötig und liefert pro Tag 60-100,000
Loden frischen T. Da der T. häufig mit wenig oder gar nicht
vermoderten Pflanzenteilen durchsetzt ist, welche sich an die
Messer ansetzen und dadurch Verstopfungen und
Betriebsstörungen herbeiführen, konstruierte man
Torfmaschinen mit zwei nebeneinander liegenden Wellen, deren
Schraubenflächen aneinander vorbeigleiten und sich gegenseitig
reinigen. In Fig. 7 ist eine derartige Maschine von Grotjahn und
Picau dargestellt. Die bis jetzt beschriebenen Maschinen zur
Herstellung von Maschinentorf stellen den T. ohne besondere
vorherige Beimengung von Wasser her. Von Cohen und Moritz ist eine
Wandertorfaufbereitungsmaschine (Fig. 8 und 9) konstruiert, bei
welcher der T. durch Zusatz von Wasser zu einer breiartigen Masse
verarbeitet wird. Dieselbe enthält mehrere nebeneinander
liegende horizontale Cylinder, in welchen sich je eine
Schneckenwelle bewegt. Diese Schneckenwellen werden durch
Zahnräder vermittelst der Riemenscheibe K durch eine
Lokomobile getrieben. In dem zur Aufnahme des Rohmaterials
dienenden Trichter T befindet sich ein Rührwerk, durch welches
die Torfmasse mit dem zugepumpten Wasser gemischt wird. Diese
Maschinen sind mit Rädern versehen und auf Schienen so
aufgestellt, daß ihre Fortbewegung zu gewissen Zeiten auf den
Schienen neben dem Arbeitskanal her erfolgen kann. Bei geringer
Tiefe der Torfgrube wird der ausgestochene T. direkt in den
Trichter geworfen, dagegen wird bei tiefer liegenden Torflagern die
Torfmasse durch einen Elevator E noch dem Trichter geführt.
Der auf diese Weise gewonnene Torfbrei wird dann durch Karren dem
Trockenterrain zugeführt. Bei der Kugeltorffabrikation wird
der T. zu einer breiartigen Masse verarbeitet und dann durch eine
Hebevorrichtung nach der Formmaschine gehoben. Diese Form besteht
aus einer oder mehreren Trommeln von Holz oder Metallblech (s.
Textfig. 2), welche um Achsen rotieren und an der innern Seite mit
Schraubengängen ver-
762
Torfbeere - Torgau.
sehen sind. In eine solche Trommel wird nun mittels einer im
Trichter T rotierenden Schraube der Torfbrei geschoben. Jeder auf
diese Weise während einer Umdrehung vorgeschobene Teil wird
bei der Drehung in den Schraubengängen zu einer Kugel geformt,
verläßt am Ende der Trommel dieselbe und rollt auf einer
schiefen Ebene nach dem Trockenraum.
Der fertige T. enthält im lufttrocknen Zustand oft noch bis
30 Proz. Wasser, das bei der Verbrennung verdampft werden muß
und den Heizeffekt des Torfs herabzieht. Um letztern zu
erhöhen, wird der T. in verschieden konstruierten
Darröfen getrocknet. Nach Karsten sind bei Siedeprozessen
2½ Gewichtsteile T. = 1 Gewichtsteil Steinkohle. Nach Vogel
ist die Verdampfungskraft von lufttrocknem Fasertorf mit 10 Proz.
Wasser 5,5 kg, von Maschinentorf mit 12-15 Proz. Wasser 5-5,5 kg
und von Preßtorf mit 10-15 Proz. Wasser 5,8-6,0 kg. Um den T.
besser verwerten zu können, verkohlt man ihn und zwar
namentlich, seitdem er durch die neuen Gewinnungsmethoden in eine
homogenere, dichtere Masse verwandelt werden kann. Die Verkohlung
in Meilern oder Haufen geschieht in ganz ähnlicher Weise wie
bei Holz, man hat aber auch besondere Verkohlungsöfen
konstruiert. Der T. findet in seiner durch die neuen Gewinnungs-
und Bearbeitungsmethoden wesentlich verbesserten Gestalt auch
ausgedehnte technische Verwendung. Die Torfkohle kommt in ihrem
spezisischen Wärmeeffekt der Holzkohle sehr nahe, doch steht
sie in ihrer Brauchbarkeit hinter derselben zurück. Sie gibt
wegen ihrer geringen Dichtigkeit und des großen Aschengehalts
kein intensives Feuer, ist leichter zerdrückbar und daher in
Schachtöfen nicht gut verwendbar, während sie in Herd-,
Pfannen- und Kesselfeuerungen mit vielem Erfolg benutzt werden
kann. Aus verdichtetem T. dargestellte Kohle dürfte für
Hüttenwerke sehr wichtig werden, wenn es gelingt, sie billig
genug herzustellen. Torfgasfeuerungen sind in verschiedenen
Industriezweigen für Puddel- und Schweißöfen,
für Glashüttenbetrieb, zum Brennen von honwaren, Ziegeln
etc. angewendet worden. Ferner unterwirft man T. der trocknen
Destillation, um Leuchtgas, Paraffin, Photogen etc. zu gewinnen.
Auch hat man versucht, den im T. enthaltenen Stickstoff (bis 3,8
Proz.) in die Form von Ammoniak überzuführen. Weitere
Anwendung findet der T. bei der Papierfabrikation und zwar
versuchsweise als Surrogat zur Pappenfabrikation, ferner als
Dungmittel, als Streumaterial in Viehställen etc. Vgl.
Torfstreu. Vgl. Wiegmann, Über die Entstehung, Bildung und das
Wesen des Torfs (Braunschw. 1837); Grisebach, Über die Bildung
des Torfs in den Emsmooren (Götting. 1846); Senft, Die Humus-,
Marsch-, Torf- und Limonit-Bildungen (Leipz. 1862); Sendtner, Die
Vegetationsverhältnisse Südbayerns (Münch. 1854);
Vogel, Der T., seine Natur und Bedeutung (Braunschw. 1859);
Derselbe, Praktische Anleitung zur Wertbestimmung von
Torfgründen etc. (Münch. 1861): Dullo, Torfverwertung in
Europa (Berl. 1861); Schenck, Rationelle Torfverwertung (Braunschw.
1862); Schlickeysen, Mitteilungen über die Fabrikation von
Preßtorf (Berl. 1864); Wentz, Lintner und Eichhorn, Der
Kugeltorf (Freising 1867); Breitenlohner, Maschinenbacktorf
(Lobositz 1873); Hausding, Industrielle Torfgewinnung und
Torfverwertung (Berl. 1876); Derselbe, Die Torfwirtschaft
Süddeutschlands und Österreichs (das. 1878); Birnbaum,
Die Torfindustrie etc. (Braunschw. 1880); Stiemer, Der T. (Halle
1883).
Torfbeere, s. v. w. Vaccinium Oxycoccus.
Torfmoor, s. Torf.
Torfmoos, s. Sphagnum.
Torfstreu und Torfmull, aus der Faserschicht, welche in
einer Stärke von 0,5 m den Brenntorf in den Heidemooren
bedeckt, auf besondern Maschinen dargestellte Fabrikate. Der Moos-
oder Fasertorf wird getrocknet und auf dem Reißwolf, einer
rotierenden, mit Spitzen besetzten Trommel, welcher ein ebenfalls
mit Spitzen besetztes Brett gegenübersteht, oder auf der
Torfmühle, die einer Kaffeemühle ähnlich ist,
zerkleinert und dann durch Siebe in die faserige Torfstreu und den
pulverigen Torfmull getrennt. Erstere dient in der Landwirtschaft
als Ersatz der Strohstreu, ist billiger als diese, saugt die
Flüssigkeit kräftiger auf und liefert vortrefflichen
Dünger. Man macht daraus für die Tiere ein Lager von
12-15 cm Höhe und ersetzt täglich die feucht gewordenen
Teile durch neues Material. Der Torfmull eignet sich vortrefflich
zum Desinfizieren von menschlichen Exkrementen und wird vielfach in
Streuklosetten angewandt. Er bindet etwa das Zwölffache seines
Gewichts an Fäkalstoffen und liefert dabei eine trockne,
geruchlose Masse, die sich vortrefflich als Dünger eignet.
Schmutzwasser, durch Torfftreu filtriert, liefern ein klares
Filtrat, welches bei reichlichem Luftzutritt nicht mehr
fäulnisfähig ist. Torfstreu wird auch mit
Karbolsäure, Jodoform, Sublimat imprägniert und als
Verbandmittel benutzt. Mit Kalkmilch imprägniert, dient
Torfstreu als Füllmaterial für Zwischendecken,
außerdem dient sie zu Isolierzwecken für Eishäuser,
zu Umhüllungen von Dampfleitungen, zur Konservierung von
Fleisch und Fischen, in der Gärtnerei zu verschiedenen Zwecken
etc. Das Aufsaugungsvermögen des reinen Fasertorfs ist so
groß, daß er das neunfache Gewicht an Wasser
absorbiert, einzelne Proben mit 20 Proz. Feuchtigkeit absorbierten
sogar bis 19,7 Teile Wasser. Torfstreu enthält im lufttrocknen
Zustand 88 Proz. organische Substanz (mit 0,6- 3,2 Proz.
Stickstoff), 2 Proz. Asche (mit 0,08 Proz. Kali, 0,09 Proz.
Phosphorsäure) und 10 Proz. Wasser. Vgl. Mendel, Die Torfstreu
(Brem. 1882); Haupt, Torfstreu als Desinfektions- und
Düngemittel (Halle 1884); Fürst, Die Torfstreu (Berl.
1888).
Torgau, Kreisstadt und Festung im preuß.
Regierungsbezirk Merseburg, liegt an der Elbe, über welche
zwei Brücken (darunter eine Eisenbahnbrücke) führen,
und an den Linien Halle-Guben und T.-Pratau der Preußischen
Staatsbahn. Die Festung (seit 1811) besteht aus acht Bastionen,
zwei Lünetten, dem Brückenkopf, dem Fort Zinna und dem
sogen. Neuen Werk (seit 1866). Das auf einem Felsen an der Elbe
lie-
[Fig. 2. Formmaschine für Kugeltorf.]
763
Torgel - Tornados.
gende Schloß Hartenfels (von Johann Friedrich dem
Großmütigen erbaut) dient jetzt als Kaserne. Von den 3
Kirchen (2 evangelische und eine katholische) ist die Stadtkirche
mit Gemälden von Lukas Cranach und dem Grabstein der Katharina
von Bora, von sonstigen Gebäuden das altertümliche
Rathaus und das Zeughaus bemerkenswert. Die Bevölkerung
beträgt (1885) mit der Garnison (ein Infanterieregiment Nr.
72, ein Pionierbataillon Nr. 3 und eine Abteilung Feldartillerie
Nr. 19) 10,988 Seelen, meist Evangelische, welche Wagen-,
Handschuh-, Thonwaren-, Zündschnur-, Dungmittel-, Zigarren-,
Mostrich-, Biskuit- und Mineralwasserfabrikation, Bierbrauerei,
Dampfschneidemüllerei, Kalk- und Ziegelbrennerei, Schiffahrt
und Getreidehandel betreiben. T. hat ein Landgericht, ein Gymnasium
und eine Sammlung sächsischer Altertümer. In der
Nähe das königliche Hauptgestüt Graditz (s. d.). Zum
Landgerichtsbezirk T. gehören die 16 Amtsgerichte zu Belgern,
Dommitzsch, Düben, Eilenburg, Elsterwerda, Herzberg, Jessen,
Kemberg, Liebenwerda, Mühlberg, Prettin, Schlieben,
Schmiedeberg, Schweinitz, T. und Wittenberg. - T. war häufig
Sitz der sächsischen Kurfürsten. Hier wurde im März
1526 das Torgauer Bündnis zwischen Sachsen und Hessen gegen
die katholischen Reichsstände geschlossen. Auch
verfaßten hier Luther und seine Freunde 1530 die Torgauer
Artikel, die Grundlage der Augsburgischen Konfession, und 1576 ward
zur Beilegung der kryptocalvinistischen Streitigkeiten hier das
Torgauische Buch (s. Konkordienformel) veröffentlicht. In der
Nähe von T., bei Süptitz, wurden 3. Nov. 1760 die
Österreicher unter Daun von Friedrich d. Gr. geschlagen
(Denkmal daselbst). 1811 ward T. auf Napoleons I. Befehl befestigt,
hielt Ende 1813 eine dreimonatliche Belagerung durch Tauenzien aus
und kapitulierte erst 10. Jan. 1814. T. fiel 1815 an Preußen.
1889 wurden die Rayongesetze aufgehoben. Vgl. Grulich,
Denkwürdigkeiten der altsächsischen Residenz T. aus der
Zeit der Reformation (2. Aufl., Torg. 1855); Knabe, Geschichte der
Stadt T. bis zur Reformation (das. 1880).
Torgel, Fluß in Esthland, entspringt als
Weißensteinscher Bach auf dem Südabhang des esthnischen
Landrückens, empfängt einen Abfluß des Fellinschen
Sees und fließt in südwestlicher Richtung, an der Stadt
Pernau vorbei, dem Rigaer Meerbusen zu.
Torgoten, s. Kalmücken.
Tories (spr. tóris), Mehrzahl von Tory (s.
d.).
Torino, ital. Name von Turin.
Torjaer Stinkberg (auch Berg Büdös), im ungar.
Komitat Háromszék (Siebenbürgen), nordwestlich
von Kézdi-Vásárhely, 1071 m ü. M., eine
der hervorragendsten Naturmerkwürdigkeiten Ungarns. Aus den
Spalten und Höhlen des vielfach zerrissenen und oben
verwitterten Trachyts entströmen ununterbrochen Gase,
namentlich Schwefelwasserstoffes, dessen Geruch schon von weitem
wahrnehmbar ist. Von den drei Höhlen (Stink-, Alaun- und
Mörderhöhle) wird nur die erstere vom Volk zu Kurzwecken
(bei Rheuma, Gicht und Augenleiden) benutzt. In diese kann man nur
dann ohne Gefahr eintreten, wenn der Kopf sich über der
Gasschicht befindet, tiefer verliert man sofort die Besinnung. Am
Fuß des Bergs sind acht Mineralquellen, die als Heilquellen
dienen.
Torlonia, röm. Fürstenfamilie, deren Reichtum
der Bankier Giovanni T. (geb. 1754 zu Siena, gest. 25. Febr. 1829
in Rom) begründete; er kaufte das Herzogtum Bracciano und
erlangte 1809 die Herzogswürde. Diese ging auf seinen
ältesten Sohn, Marino T. (1796-1865), über, jetziger
Inhaber ist sein Enkel Herzog Leopold T., geb. 25. Juli 1853, bis
1888 Bürgermeister (sindaco) von Rom. Der dritte Sohn, Don
Alessandro, Fürst von Civitella-Cesi, Musignano, Canino,
Farnese und Fucino, Marchese di Roma Vecchia und Torrita, geb. 1.
Juni 1800, erwarb durch die Pacht der Salz- und Tabaksregie in Rom
und Neapel und günstige Anleihen ein ungeheures Vermögen,
das er zur Errichtung von wohlthätigen Anstalten, zum Bau von
Theatern, zur Trockenlegung des Fuciner Sees (1852-75) und der
Anlegung des wertvollen Museo T. in Trastevere verwendete; er starb
7. Febr. 1886 in Rom. Seine Titel und Besitzungen gingen auf seine
einzige Tochter, Anna Maria (geb. 8. März 1855), und deren
Gemahl, den Fürsten Giulio Borghese (geb. 19. Dez. 1847),
über.
Tormentilla L. (Tormentill), Gattung aus der Familie der
Rosaceen, nur durch die Vierzahl der Teile der Blumenkrone und des
Kelchs von Potentilla verschieden, kleine, ausdauernde Kräuter
in Mitteleuropa, mit fiederigen Blättern und einzelnen
Blüten in Zweiggabeln. T. erecta L. (Potentilla T. Schrank,
Ruhr-, Blut- und Rotwurz), mit cylindrischem bis knolligem,
knotigem, hinten wie abgebissenem, dunkel rotbraunem Rhizom, bis 30
cm langem, fast niederliegendem, oberwärts sparrig verzweigtem
Stengel, meist dreizähligen Blättern, großen
Nebenblättern, einzeln stehenden, langgestielten, gelben
Blüten und kahlen, fast glatten Früchtchen, wächst
besonders auf feuchtem Boden in Nord- und Mitteleuropa. Das Rhizom
enthält Chinovasäure, Tormentillgerbsäure,
Tormentillrot, ist als Rhizoma Tormentillae offizinell und
gehört zu den kräftigsten einheimischen adstringierenden
Mitteln.
Tormes, Fluß in der span. Provinz Salamanca,
entspringt am nördlichen Abhang der Sierra de Gredos,
fließt vorherrschend nordwestlich, durchströmt das
reizende Thal von Bohoyo und El Barco und fällt unterhalb
Fermoselle an der portugiesischen Grenze links in den Duero; 230 km
lang.
Torna, ehemaliges ungar. Komitat am rechten
Theißufer, zwischen dem Hernád und Sajó,
umfaßte 619 qkm (11,22 QM.) und (1869) 26,176 Einw. Seit 1881
bildet es, mit Ausnahme von sieben zu Gömör
gehörigen Gemeinden, mit Abauj das neue Komitat Abauj-T. (s.
d.). Hauptort war der Markt T. (Turnau), jetzt im Komitat Abauj-T.,
mit (1881) 1470 ungar. Einwohnern und Ruinen des historisch
merkwürdigen Schlosses T. (Bebek).
Tornados (span.), Name von Wirbelstürmen, welche
zwar an Stärke den gewaltigsten Orkanen Westindiens, des
Indischen und Chinesischen Meers oft gleichkommen, aber einen
verhältnismäßig kleinern Raum umfassen und auch von
geringerer Dauer sind. Ihr Durchmesser sinkt von einigen Meilen oft
bis auf einige tausend Fuß herab. Sie kommen am
häufigsten in den östlichen Staaten Nordamerikas und an
der Westküste von Afrika als sogen. Landtornados vor, bewegen
sich in der Regel von SW. nach NO. über die Erdoberfläche
fort und richten oft ungeheure Verheerungen an. Seetornados trifft
man am häufigsten in dem Bereich und der Nachbarschaft der
Region der Kalmen (s. d.); sie sind hier außerordentlich
heftig und sehr gefährlich für die
[Wappen von Torgau.]
764
Tornberg - Torpedo.
Schiffe. Die T. werden von einem sehr kräftigen
aufsteigenden Luftstrom gebildet, welcher in der Höhe seine
Wasserdämpfe verdichtet. Auf diese Weise entsteht über
den T. regelmäßig die Sturmwolke, eine kleine schwarze
Wolke, das sogen. Ochsenauge, welche rasch zunimmt und sich nach
oben hin trichterförmig erweitert. Sie bilden einerseits den
Übergang zu den Tromben oder Windhosen (s. Trombe), anderseits
zu den Cyklonen oder eigentlichen Wirbelstürmen (s. Wind).
Vgl. Reye, Die Wirbelstürme, T. und Wettersäulen (Hamb.
1872).
Tornberg, Karl Johan, schwed. Orientalist, geb. 23. Okt.
1807 zu Linköping in Ostgotland, studierte von 1826 an zu
Upsala Theologie und orientalische Sprachen, habilitierte sich 1835
daselbst als Dozent des Arabischen, setzte 1836-38 seine
Sprachstudien noch in Paris unter Sacy, Jaubert und
Quatremère fort und wurde 1844 außerordentlicher, 1850
ordentlicher Professor der morgenländischen Sprachen an der
Universität zu Lund, wo er 6. Sept. 1877 starb. Er gab heraus:
Ibn el Vardis "Fragmenta libri Margarita mirabilium" (mit lat.
Übersetzung, Ups. 1835-45, 2 Bde.); "Primordia dominationis
Murabitorum" (aus dem "Kartas" genannten Buch, das. 1839); Ibn
Chaldunis "Narratio de expeditionibus Francorum in terras Islamismo
subjectas" (das. 1840); Ibn abi Zer' Fesanos "Annales regum
Mauritaniae" (im Arabischen "Roudh el Kartas", mit lateinischer
Übersetzung und Noten, das. 1843-1846, 2 Bde.) und Ibn al
Athirs umfangreiches "Chronicon, quod perfectissimum dicitur" (im
Arabischen: "Kamil Ette warikh", Leid. 1851-74, 13 Bde.). T.
schrieb außerdem: "De linguae Aramaeae dialectis" (Ups.
1842), beschrieb die "Codices arabici, persici et turcici
bibliothecae Upsaliensis" (das. 1849) und die "Codices orientales
bibliothecae Lundensis" (Lund 1850) und lieferte wichtige
Beiträge zur arabischen Münzenkunde in "Symbolae ad rem
numariam Muhammedanorum" (Ups. 1846-1856, 3 Tle.) und "Numi cufici"
(das. 1848).
Torneà (spr. tórneo), Stadt im finn.
Gouvernement Uleaborg, am linken Ufer des hier in den Bottnischen
Meerbusen mündenden Torne-Elf, der schwedischen Stadt
Haparanda gegenüber, mit (1885) 1015 Einw. 75 km
nördlicher liegt der Berg Awasaksa (s. d.). T. ist Sitz eines
deutschen Konsuls.
Torneutik (griech.), Dreher-, Drechslerkunst.