Rabies canina), eine Krankheit, welche vermutlich ursprünglich
bei Hunden, vielleicht auch bei Wölfen und Füchsen
entsteht, gewöhnlich aber infolge von Ansteckung zum Ausbruch
gelangt. Sie überträgt sich auf Menschen, alle
Säugetiere und Vögel, wird indes fast
ausschließlich durch Hunde, bisweilen auch durch Katzen und
zwar durch Biß verbreitet, während eine Ansteckung durch
andre Tiere weniger zu fürchten ist, da diese in der Krankheit
nicht beißen. Die T. der Hunde kommt in zwei Formen, als
rasende und stille Wut, vor; nicht selten geht die erste in die
zweite über, meist aber besteht die eine Form des Leidens
während der ganzen Dauer desselben. Beide Formen sind
gleichmäßig ansteckend, und die eine kann die andre
hervorrufen. Die T. beginnt mit verändertem Benehmen der
Hunde; die Tiere werden mürrisch, hastig, weniger folgsam und
verkriechen sich oft. Der Appetit ist vermindert, und bald wird die
Aufnahme von Nahrungsmitteln ganz verschmäht. Dagegen zeigt
sich gewöhnlich eine Neigung, ungenießbare
Gegenstände zu benagen und selbst herabzuschlucken. Auch
plätschern die wutkranken Hunde zuweilen mit der Zunge in
kaltem Wasser. Die Ansicht, daß die Hunde in der T. Scheu vor
dem Wasser hätten, ist unrichtig. Die Neigung, zu
beißen, ist zunächst am meisten gegen andre Hunde und
gegen Katzen gerichtet. Nicht selten werden aber auch
größere Haustiere und Menschen schon in der ersten Zeit
der Krankheit angegriffen. Im weitern Verlauf der T. streben die
Hunde, sich aus ihrem etwanigen Gewahrsam zu befreien und von der
Kette loszumachen. Sie laufen ohne erkennbare Veranlassung fort,
schweifen nicht selten in entfernte Gegenden, kehren aber zuweilen
noch an demselben oder am folgenden Tag wieder zurück. Sie
verkriechen sich dann an abgelegenen Orten, um nach kurzer Ruhe
abermals zu entlaufen. Gegen ihnen bekannte Personen benehmen sie
sich oft freundlich, während sie fremde Personen und Tiere
anfallen. Sie beißen gewöhnlich Menschen und Tiere nur
ein- oder einigemal, worauf sie weiterlaufen. Zuweilen ist aber die
Beißwut so groß, daß der Hund auf alles, was ihm
in den Weg kommt, losfährt und selbst in leblose
Gegenstände sich mit den Zähnen einige Zeit lang
festbeißt. Die meisten wutkranken Hunde sind schwer
abzuwehren, weil sie sich gegen die gewöhnlichen Abwehrmittel
unempfindlich zeigen. Die Stimme ändert sich zu einem
Mittelding zwischen Bellen und Heulen. Es tritt Schwäche und
Lähmung des Unterkiefers und des Hinterteils sowie
allmählich zunehmende Abmagerung des Körpers ein. Aus dem
offen stehenden Maul fließt zäher Schleim. Die Hunde
ziehen sich nach dunkeln Orten zurück oder verkriechen sich in
ihren Behältern. Die Lähmung des Körpers nimmt zu,
u. der Tod erfolgt in der Regel nach 5 -7 Tagen. Über elf Tage
sah man bis jetzt keinen Hund bei T. leben bleiben. Bei der
rasenden Wut tritt unter den vorstehenden Erscheinungen besonders
hervor: die große Unruhe, die Neigung zum öftern
Entlaufen, die große Beißsucht, das häufige
eigentümliche Bellen und die kürzere Dauer der Krankheit.
Bei der stillem Wut sind sehr bemerkenswert: die Lähmung
(Herabhängen) des Unterkiefers, Schwäche und Lähmung
des Hinterteils, mehr ruhiges Verhalten, geringere Beißsucht,
das Verkriechen an dunkeln Orten und im allgemeinen eine
längere Krankheitsdauer. Die Meinung, daß tolle Hunde
immer geradeaus laufen, den Schwanz hängen lassen oder ihn
zwischen die Beine ziehen, und daß bei ihnen Speichel aus dem
Maul abfließt, ist irrig. Erst später, wenn die
Kreuzlähmung sich einstellt, hängt der Schwanz schlaff
herab, das Maul aber ist bei tollen Hunden mehr trocken als feucht.
Das eigentümlichste und wichtigste Zeichen der T. ist die
Veränderung der Stimme und der Art des Bellens. Die Töne
sind bald höher, bald tiefer als im gesunden Zustand, immer
etwas rauh und heiser, und der erste Anschlag des Bellens geht
allemal in ein kurzes Geheul über.
744
Tollwut.
Die Ursachen der primären Erzeugung der T. sind nicht
bekannt; ist eine solche überhaupt möglich, so erfolgt
sie jedenfalls sehr selten, sekundär entsteht die Krankheit
durch Einimpfung des Speichels, an welchen das Kontagium
hauptsächlich gebunden ist, in die Bißwunde. Bei hoher
Entwickelung der Krankheit findet sich das Kontagium aber auch im
Blut, Harn und andern Säften des Hundes. Die Verdauungsorgane
und die unverletzte Haut scheinen keine besondere
Empfänglichkeit für dasselbe zu besitzen. Das Kontagium
ist fix, hängt sich auch an Instrumente, Kleidungsstücke
etc. an und behält einige Zeit seine Wirksamkeit. Bei
Wiederkäuern und Schweinen entsteht T. immer nur durch den
Biß eines tollen Hundes, Fuchses oder andern
fleischfressenden Tiers, das Kontagium kann aber auch von
Pflanzenfressern auf andre Tiere und auf den Menschen
übertragen werden. Der Ausbruch der Krankheit erfolgt nach dem
Biß bei Hunden zwischen der 4. und 6. Woche, selten nach 3-6
Tagen oder nach 8-16 Wochen, ganz ausnahmsweise noch später.
Nicht jeder Biß eines tollen Hundes erzeugt T., besonders
dann nicht, wenn die Zähne durch den Pelz des gebissenen Tiers
oder durch dicke Kleider des Menschen abgewischt, von Speichel
befreit werden. Zuweilen wird auch das Kontagium durch reichlich
fließendes Blut fortgespült, oder es fehlt bei dem
betreffenden Individuum die Disposition. Die Behandlung wutkranker
Hunde und Katzen ist wegen der damit verbundenen Gefahr in den
meisten Ländern gesetzlich verboten, übrigens auch
erfolglos. Es kommt hauptsächlich darauf an, die Krankheit und
ihre Folgen zu verhüten. Dies geschieht am wirksamsten durch
möglichst hohe Hundesteuer. Nach dem deutschen
Viehseuchengesetz ist von jedem Fall von T. der Polizei sofort
Anzeige zu machen. Hunde, welche der T. verdächtig sind, sind
sofort zu töten oder bis zu polizeilichem Einschreiten
abgesondert in einem sichern Behältnis einzusperren.
Letzteres, soweit es ohne Gefahr geschehen kann, besonders dann,
wenn der verdächtige oder an der T. erkrankte Hund einen
Menschen oder ein Tier gebissen hat. Ist die T. festgestellt, so
ist der Hund sofort zu töten, ebenso alle Hunde und Katzen,
welche von demselben gebissen worden sind. Ist ein erkrankter oder
verdächtiger Hund frei umhergelaufen, so ist die Festlegung
aller Hunde des gefährdeten Bezirks für drei Monate
anzuordnen. Dasselbe gilt für Katzen. Kadaver toller Hunde
sind vorsichtig an abgelegenem Ort mindestens 2 m tief zu
vergraben. Die Berührung mit der bloßen oder gar mit
verletzter Hand ist sorgfältig zu vermeiden. Alles, was mit
dem tollen Hund in Berührung gekommen war oder von ihm
besudelt wurde, ist zu verbrennen oder auszuglühen.
Größere Massen von Geifer, Blut etc.
übergießt man mit starker Seifensiederlauge,
Chlorkalklösung oder Schwefelsäure. Die Hundehütte
ist zu verbrennen, der Stall gründlich zu reinigen und zu
desinfizieren, und niemals darf vor Ablauf von zwölf Wochen
ein neuer Hund in denselben gebracht werden. Pferde, Rinder,
Schafe, Ziegen, Schweine, Vögel, die von einem wutkranken Tier
gebissen wurden, sind sobald wie möglich tierärztlicher
Behandlung und zugleich einer Beaufsichtigung zu unterwerfen. Kommt
die Krankheit zum Ausbruch, so ist der Polizei Anzeige zu
erstatten, welche das Tier töten läßt. Die Kadaver
sind wie die der Hunde zu behandeln, sie sind ohne Abhäutung
tief zu vergraben oder durch Chemikalien, resp. hohe Hitzegrade
unschädlich zu machen. Ein Ersatz des Wertes der auf
polizeiliche Anordnung getöteten Tiere findet nicht statt. Die
Gesetzgeber haben sich gegenüber dieser Frage von dem
Gesichtspunkt leiten lassen, daß die T. nach ihrem Ausbruch
nur wenige Tage besteht, stets zum Tod führt und deshalb nicht
wie Rotz und Lungenseuche längere Zeit verheimlicht werden
kann. In Preußen erkrankten und fielen an T. oder wurden
deshalb getötet 1884-85: 352, 1885-86: 326, 1886-87: 386
Hunde. Die steigende Zahl der getöteten Hunde, welche mit
tollkranken in nähere Beziehung gekommen oder von solchen
gebissen worden waren (759, 822, 1247), zeigt, daß diese
Maßregel eine ihrer Wichtigkeit entsprechende Beachtung
gesunden hat. Von den tollwutkranken ortsangehörigen Hunden
entfällt ein so großer und beständig steigender
Prozentsatz (bis 86,79 Proz.) auf die östlichen Provinzen, und
von diesen ist wieder ein so großer Teil von herrenlos
umherschweifenden tollwutkranken Hunden gebissen worden, daß
man wohl annehmen darf, die steigende Verbreitung der T. in den
östlichen preußischen Provinzen sei auf stets erneute
Einschleppung aus Rußland zurückzuführen.
Jedenfalls aber ist der Verbreitung der Seuche in diesen Provinzen
förderlich, daß hier häufiger als anderwärts
viele nutzlose, schlecht gepflegte und wenig beaufsichtigte Hunde
gehalten werden. Ferner sind von 1884 bis 1887 in Preußen an
T. erkrankt und gefallen, bez. getötet worden: 23 Pferde, 348
Rinder, 80 Schafe und 52 Schweine.
Beim Menschen entsteht die T. ebenfalls nur nach dem Biß
eines wutkranken Fleischfressers (Hund, Wolf, Fuchs, Katze) und
zwar nach 2-6 Wochen, auch wohl nach einigen Monaten, so daß
die Wunde längst geheilt sein kann, wenn die Krankheit
ausbricht. Im ersten Stadium derselben sind die Kranken sehr
unruhig, ängstlich und matt, sie verlieren den Appetit, klagen
über Übelkeit und Gliederschmerzen, und es stellt sich
leichtes Fieber mit Durst und Verstopfung ein. Eitert die Wunde
noch, so nimmt sie ein häßliches Ansehen an; war sie
bereits geheilt, so wird sie wieder schmerzhaft, und die
Schmerzenziehen sich nach dem Stamm hin. Bald entsteht Steifigkeit
in Hals und Nacken, namentlich beim Schlingen; der Kopf wird
eingenommen, das Gesicht blaß, der Blick matt, der Puls voll
und beschleunigt. Allmählich oder plötzlich entwickelt
sich nun das zweite Stadium mit immer heftigern und häufigern
Anfällen mit krampfhaften Bewegungen, großer Angst,
Verzweiflung, Wut und meist nur geringer Störung des
Bewußtseins. Die Kranken haben das Bedürfnis zu
beißen, und manche laufen unruhig hin und her. Sie haben
heftigen Durst, aber Widerwillen gegen jedes Getränk. Mitunter
tritt schon beim Anblick des Getränks oder doch nach
Genuß von wenig Wasser das Gefühl heftiger
Zusammenschnürung im Hals oder ein Wutanfall ein, während
feste Speisen noch geschlungen werden können. Im dritten
Stadium, etwa 1-2 Tage später, tritt Lähmung ein, der
Speichel läuft aus dem Mund oder in den Schlund und erregt
Erstickungsnot, der Atem wird schnell und röchelnd, der Puls
klein, die Stimme rauh und heiser, und der Tod erfolgt in einem
Anfall oder ruhig nach einem solchen. Dies Stadium dauert nur
wenige Stunden, und so verläuft die ganze Krankheit in 3
Tagen, oft in 24 Stunden. Die Sektion ergibt nichts Besonderes, nur
die Schwellung der Milz und der lymphatischen Gebilde ist
bemerkenswert. Die Prognose der ausgebrochenen T. ist ganz
ungünstig, dagegen sind überhaupt nur wenige Bisse eines
tollen Hundes ansteckend, die Mehrzahl der Gebissenen erkrankt
nicht. In Preußen starben 1884-87 an T.
745
Tolmezzo - Tolstoi.
sechs Personen. Die Behandlung muß mit energischem
Ausblutenlassen der Wunde durch tiefe Einschnitte und aufgesetzte
Schröpfköpfe, Ätzungen der Wunde mit Alkalien und
rauchender Salpetersäure beginnen. Kleinere, vielfach
zerfleischte Glieder sind zu amputieren. Außerdem ist eine
umsichtige, beruhigende psychische Behandlung unendlich wichtiger
als alle Arzneien. In der Diät ändere man wenig und lasse
nur die bei jeder Wunde schädlichen Dinge vermeiden. Gegen die
Krankheit selbst sind allerlei Mittel empfohlen worden, die sich
aber als nutzlos erwiesen haben. Man beschränkt sich daher auf
Morphiumeinspritzungen und Chloroformeinatmungen, sucht bei
Wutanfällen zu verhindern, daß der Kranke sich oder
andern schaden kann, und wendet dabei möglichst geringen Zwang
an. Alles, was den Kranken erregen könnte, namentlich auch das
Aufdringen von Flüssigkeiten, ist zu vermeiden. Als Ersatz des
Getränks sind nasse Brotkrume, Apfelsinenscheiben,
Eisstückchen, Klystiere zu empfehlen, doch nur dann, wenn sie
keine Krämpfe erregen. In neuerer Zeit hat Pasteur auf
theoretische Annahmen hin ein Impfverfahren ersonnen, welches die
Empfänglichkeit für das unbekannte Wutgift selbst bei
schon gebissenen Personen beseitigen soll und bei Tieren, auch in
mehreren Fällen bei Menschen erprobt wurde. Er arbeitet mit
dem getrockneten Rückenmark tollwutkranker Kaninchen und
benutzt dies zu präventiven Impfungen. Dabei erreichte er,
daß ein geschütztes Tier ohne Schaden mit solchem
frischen Rückenmark geimpft werden konnte, welches bei
ungeschützten Tieren in sieben Tagen T. erzeugte. Thatsache
ist, daß alle Personen, welche Pasteur geimpft hat, die
Impfung ohne Schaden ertrugen, und daß keine derselben,
obwohl sie von verdächtigen Hunden gebissen worden waren, an
T. erkrankte. Ein Urteil über den wahren Wert dieser Impfungen
läßt sich aber bis jetzt nicht fällen, denn erstens
ist die Methode nicht frei von erheblichen Einwänden, ferner
ist bei mehreren der geimpften Personen sehr zweifelhaft, ob der
Hund, welcher sie biß, wirklich an T. litt, endlich lehrt die
Erfahrung, daß viele Menschen, welche von unzweifelhaft
wutkranken Tieren gebissen wurden, niemals an T. ertranken. Vgl.
Johnen, Die Wutkrankheit (Düren 1874); Zürn, Die
Wutkrankheit der Hunde (Leipz. 1876); Rueff, Die Hundswut (Stuttg.
1876); Fleischer, Die Tollwutkrankheit (Elbing 1887); Reder, Die
Hundswut (in der "Deutschen Chirurgie", Stuttg. 1879); Billings,
Fourteen days with Pasteur (New York 1886).
Tolmezzo, Distriktshauptstadt in der ital. Provinz Udine,
im Gebirge nahe dem Tagliamento, mit Ringmauern, stattlicher
Kirche, altem Schloß und (1881) 1658 Einw.; einer der
regenreichsten Orte Europas (jährlich 2437 mm).
Tolna, ungar. Komitat, am rechten Donauufer, wird
südlich vom Komitat Baranya, westlich von Sümeg,
nördlich von Veszprim und Weißenburg und östlich
von der Donau begrenzt, ist 3643 qkm (66,17 QM.) groß, eben
und sehr fruchtbar, im W. bergig und hügelig, in den
östlichen Teilen dagegen morastig. Das Komitat, welches der
Sárviz (mit dem Sárviz- oder Palatinalkanal) und
seine Nebenslüsse Kapos und Sió durchströmen,
erzeugt viel Getreide, Wein, Obst, Tabak etc. Ausgedehnte Wiesen
und Hutweiden begünstigen die Viehzucht; in der Donau wird
beträchtlicher Hausenfang betrieben. Die Einwohner (1881:
234,643) sind meist Ungarn und katholisch. Sitz des Komitats ist
Szegszárd. Der Markt T., an der Donau, hat ein Kastell, eine
Dampfschiffstation und (1881) 7723 Einw. Vgl. "Beschreibung der
Herrschaft T." (Wien 1885).
Tolosa, 1) Bezirksstadt in der span. Provinz Guipuzcoa,
an der Bahnlinie Madrid-Irun, mit Papier-, Waffen- und
Wollzeugfabriken, Zink- und Bleigruben und (1878) 7488 Einw. -
2) Stadt, s. Toulouse.
Tölpel, Pflanze, s. v. w. Raps.
Tölpel (Sula Briss.), Gattung aus der Ordnung der
Schwimmvögel und der Familie der T. (Sulidae), schlank gebaute
Vögel mit langem, geradem, an den Seiten komprimiertem, sehr
starkem und in eine wenig herabgekrümmte Spitze ausgehendem
Schnabel, sehr langen Flügeln, langem, keilförmigem
Schwanz, niedrigen, stämmigen Füßen, nacktem
Gesicht und nackter Kehle. Der T. (weißer Seerabe,
Bassansgans, Sula bassana Gray), 98 cm lang, 190 cm breit, mit
Ausnahme der braunschwarzen Schwingen erster Ordnung weiß,
auf Oberkopf und Hinterhals gelblich überflogen, mit gelben
Augen, bläulichem Schnabel, grünen Füßen und
schwarzer, nackter Kehlhaut, bewohnt alle nördlichen Meere vom
Wendekreis bis zum 70.° nördl. Br., kommt vereinzelt in
die Nähe Norddeutschlands, Hollands und Frankreichs, ist aber
am häufigsten auf Island, den Färöern, Orkaden und
Hebriden, an der amerikanischen Küste und im nördlichen
Teil des Stillen Ozeans, fliegt vortrefflich, schwimmt wenig, ruht
nachts auf Felsen an der Küste, ist auf dem Land sehr
unbeholfen und fast hilflos. Andern Vögeln gegenüber ist
er zänkisch und bissig. Er erbeutet seine Nahrung, indem er
auf das Wasser herabstürzt und dabei taucht. Die T. sammeln
sich zur Brutzeit auf Inseln in unzähligen Scharen, nisten
dicht nebeneinander und legen nur je ein weißes Ei. Die
Jungen werden gegessen, nach Edinburg auf den Markt gebracht, auch
eingesalzen.
Tolstoi, 1) Peter Andrejewitsch, Graf, hervorragender
Diplomat in der Zeit Peters d. Gr., geb. 1645, hielt sich, um das
Seewesen zu studieren, 1698 in Italien auf, wirkte als Gesandter
längere Zeit in der Türkei, setzte 1717 die Auslieferung
des auf österreichisches Gebiet geflüchteten Zarewitsch
Alexei durch und nahm während der Regierung Katharinas I. die
erste Stelle neben Menschikow ein, dessen Opfer er wurde; 1727
geheimer Umtriebe angeklagt, wurde er in den äußersten
Norden des europäischen Roland verbannt, wo er 1729 starb.
2) Peter Alexandrowitsch, Graf, russ. Feldherr und Diplomat,
geb. 1761, focht unter Suworow gegen die Türken und Polen,
befehligte 1805 das russische Landungskorps in Norddeutschland,
führte 1813 ein Korps in Bennigsens Armee, nahm an der
Belagerung von Dresden teil und erzwang dann Hamburgs
Übergabe. Zum General der Infanterie ernannt, erhielt er nach
Nikolaus' Thronbesteigung die Leitung der Militärkolonien und
1831 den Oberbefehl über das Reserveheer, mit welchem er die
Polen schlug. Er starb 1844 in Moskau als Präsident des
Departements für die Militärangelegenheiten im
Reichsrat.
3) Alexei Konstantinowitsch, Graf, der bedeutendste russ.
Dramatiker der Neuzeit, zugleich ausgezeichneter Lyriker und
Epiker, geb. 24. Aug. 1818 zu St. Petersburg, verbrachte seine
Jugend meist in Kleinrußland, wo ihn die schöne Natur
sowie die eigentümlichen Sitten und die reiche historische
Vergangenheit des Volkes mächtig anregten. Schon als Kind
lernte er, von seinem Oheim A. Perowskij bei seinen Reisen ins
Ausland stets mitgenommen, Welt und Menschen kennen und hatte sich
unter anderm auch des Wohlgefallens Goethes zu erfreuen, der
dem
746
Tolteken - Tolubalsam.
phantasievollen Knaben eine große Zukunft prophezeite.
Nach Beendigung der häuslichen Erziehung studierte er in
Moskau und übernahm nach Vollendung seiner Studien einen
kleinen Posten bei einer russischen Gesandtschaft in Deutschland.
Die diplomatische Karriere sagte ihm jedoch nicht zu; schon nach
kurzer Zeit jenen Posten aufgebend, begab er sich auf Reisen nach
Deutschland, Frankreich und Italien und begann nach seiner
Rückkehr seine litterarische Thätigkeit. Seine ersten
Versuche bestanden in lyrischen Gedichten, die durch das in ihnen
ausgesprochene tiefe Gefühl, durch die originellen Wendungen,
die Frische und Schönheit der Naturschilderungen und die
innige Liebe zum Volk große Beachtung fanden. Dem allgemeinen
patriotischen Aufschwung folgend, trat T. während des
Krimkriegs 1853-56 in das aktive Heer, zog sich aber sofort nach
Beendigung des Feldzugs wieder ins Privatleben zurück, um auf
seinen Gütern in der Nähe von St. Petersburg und im
Gouvernement Tschernigow ganz der Dichtung zu leben. Er starb in
der Blüte seiner Kraft 28. Sept. 1875. "T. war ein
großer, originaler Dichter, eine tief humane Natur",
heißt es von ihm in einem von Turgenjew geschriebenen
Nekrolog. Neben vielen lyrischen Gedichten (in Auswahl mit denen
Nekrassows deutsch von Jessen, Petersb. 1881), von denen manche in
glücklichster Weise den Ton des Volksliedes treffen,
müssen in erster Reihe genannt werden die epischen
Erzählungen: "Die Sünderin" (1858) u. "Der Drache"
(1875); der vortreffliche historische Roman "Fürst
Serebrennyi" (deutsch, Berl. 1882), das Drama "Don Juan", eine
interessante, durchaus originale Variation des bekannten Stoffes,
und die dramatische Trilogie: "Der Tod Iwans des Schrecklichen",
"Zar Fjodor Joannowitsch" u. "Zar Boris" (1876). Eine
vollständige Sammlung seiner lyrischen und epischen Dichtungen
erschien 1878.
4) Leo Nikolajewitsch, Graf, russ. Romanschriftsteller, geb. 28.
Aug. (a. St.) 1828 im Gouvernement Tula auf der Besitzung seines
Vaters, Jasnaja Poljana, erhielt daselbst eine gute häusliche
Erziehung und bezog 1843 die Universität Kasan, um dort
orientalische Sprachen zu studieren. Es zog ihn jedoch wieder
zurück in die Einsamkeit und Stille des Dorfs, so daß er
die Universität, die Studien aufgebend, bald verließ;
dort bildete er sich als Autodidakt weiter aus. Bei einer Reise in
den Kaukasus fand er am militärischen Leben Gefallen und trat
plötzlich 1851 in das Heer ein. Man nahm ihn als Offizier in
die 4. Batterie der 20. Artilleriebrigade am Terek auf, wo er bis
zum Beginn des türkischen Kriegs (1853) blieb. Während
desselben befand er sich bei der Donauarmee des Fürsten
Gortschakow, beteiligte sich am Gefecht an der Tschernaja und
erhielt 1855 das Kommando über eine Gebirgsbatterie. Nach
Beendigung des Kriegs nahm er seinen Abschied, hielt sich mehrere
Jahre abwechselnd in St. Petersburg und Moskau auf und zog sich
endlich 1861 wieder auf sein väterliches Gut Jasnaja Poljana
zurück, wo er seitdem in größter
Zurückgezogenheit lebte. Durch seine beiden großartigen
Romane: "Krieg und Frieden" (1865-68, 4 Bde.) und "Anna Karenin"
(1875-78, 3 Bde.), von denen der erstere die Zeit der
Napoleonischen Kriege behandelt, der andre in der russischen
Gegenwart spielt, hat sich T. einen Ehrenplatz in der modernen
russischen Litteratur erworben. Er ist ein vortrefflicher
Erzähler, der die echte epische Ruhe besitzt und die Sprache
meisterhaft handhabt. Außer den genannten Romanen sind als
bedeutsame Werke noch zu verzeichnen (seit Anfang der 50er Jahre):
"Kindheit und Jugend", "Die Kosaken", "Kriegsgeschichten",
"Sebastopoler Erzählungen" (während des Kriegs
geschrieben), "Polikuschka", "Familienglück"; die Skizze "Der
Tod des Iwan Iljitsch" (deutsch in "Tolstois neue
Erzählungen", Leipz. 1887); das dramatische Sittengemälde
"Die Macht der Finsternis" (deutsch von Scholz, Berl. 1887) u. a.
In den letzten Jahren ist T. mehr und mehr einem religiösen
Mystizismus anheimgefallen, wie z. B. sein Aufsehen erregendes Buch
"Worin besteht mein Glaube" (deutsch von Sophie Behr, Leipz. 1885)
zeigt. Gesamtausgaben seiner meist auch ins Deutsche
übersetzten Werke erschienen 1880 und 1887. Sonst ist T. noch
auf dem Gebiet der Volkspädagogik, auch litterarisch,
thätig gewesen.
5) Dimitri Andrejewitsch, Graf, russ. Staatsmann, geb. 1823,
ward beim Marineministerium angestellt, 1865 Oberprokurator des
heiligen Synod und 1866 Minister der Volksaufklärung. Er
zeigte sich als ein fanatischer Vorkämpfer des orthodoxen
Russentums. Die mitunter gewaltsame Bekehrung der
Griechisch-Unierten zur russischen Staatskirche, die Unterordnung
der Katholiken Rußlands unter das römisch-katholische
Kollegium in Petersburg, die Russifizierung der polnischen Schulen
waren sein Werk. Im Unterrichtswesen begünstigte er den
Klassizismus, machte sich aber durch seine Feindschaft gegen die
Volksschule und seine kleinliche Bevormundung der
Universitäten verhaßt und erhielt daher 1880 unter
Loris-Melikow seine Entladung. Auf Betrieb Katkows ernannte ihn
Kaiser Alexander 1882 zum Präsidenten der Akademie der
Wissenschaften und 1883 zum Minister des Innern. Er leitete dies
Amt ganz im Geiste des Zaren streng reaktionär und starb 7.
Mai 1889 in Petersburg. Er schrieb eine Geschichte der Finanzen
Rußlands bis Katharina II. (1847) und "Le catholicisme romain
en Russie" (1863-64); von dem letztern Werk erschien 1877 eine
russische Bearbeitung.