entspringt als Rio das Almas auf den Hochgebirgen im S. der Provinz
Goyaz, durchströmt diese und die Provinz Pará in
nördlicher Richtung, hat mehrere Wasserfälle und
Stromschnellen, erweitert sich unterhalb Cameta zum Rio
Pará, empfängt hier einen Nebenarm des Amazonenstroms,
den Paranau, der die Insel Marajo vom Festland trennt, und
mündet unterhalb Pará oder Belem in den Atlantischen
Ozean. Er ist 2612 km lang, wovon 220 km auf den Rio Pará
kommen; die Schiffahrt auf dem T. ist seit 1867 allen Nationen
freigegeben. Regelmäßige Dampfschiffahrt ist 650 km
aufwärts im Gang; oberhalb der Wasserfälle sind weitere
650 km bis zu den Schnellen von Itaboca schiffbar. Sein
bedeutendster, ihn an Ausdehnung übertreffender Zufluß
ist der Araguaia, welcher an der Sierra de Santa Martha entspringt
und in einem breiten Parallelthal zu dem des T. nach N.
fließt, um sich nach 2600 km langem Lauf und nach Bildung der
großen Flußinsel Santa Anna oder Bannanal bei
São João das Duas Barras mit jenem zu vereinen.
Tokar, Stadt mit kleinem Fort in Nubien, südlich von
Suakin in einer Oase, in der sich der Fluß Barka
47*
740
Tokay - Tokio.
in unzählige Bewässerungskanäle verzweigt; in den
Feldern in der Umgebung sind zur Zeit der Aussaat und der der Ernte
mehr als 20,000 Arbeiter thätig. Nach der Niederlage von Hicks
Pascha sollte die Besatzung des Forts durch Baker Pascha entsetzt
werden, dieser wurde jedoch 4. Febr. 1884 geschlagen, und erst
General Graham konnte nach einer Niederlage der Mahdisten T., das
inzwischen kapituliert hatte, aber vom Feind wieder geräumt
war, 1. März erreichen. Das Fort wurde aufgegeben.
Tokay (Tokaj), Markt im ungar. Komitat Zemplin, am Bodrog
(unweit der Mündung in die Theiß), Station der
Ungarischen Staatsbahn, mit Viehzucht, Fischerei, berühmtem
Obst- und Weinbau und (1881) 4479 Einw. Die nord- und
nordostwärts liegenden Tokayer Berge, der südliche Teil
der Hegyalja (s. d.), liefern 34 Sorten trefflicher Weine. Die
edelsten (fünf Sorten) werden bei Tarczal, Talya, Mád,
Lißka, Kisfaludy, Zsadany gewonnen, und zwar: ordinärer
Tischwein, ohne Süße, aus den ihrer Trockenbeeren
beraubten Trauben; Szamorodner, aus Trauben ohne Auslese der
Trockenbeeren, wenig süßer, kräftiger, feuriger
Wein; Mászláser oder gezehrter Wein (ein-, zwei- und
dreibuttig), aus Trauben mit Zusatz von Trockenbeeren,
süß, mild, höchst geistig; Ausbruch oder
Muskateller, wie der vorige, aber mit fünf oder mehr Butten
Trockenbeeren auf ein Faß (zehn Butten Wein). Was aus diesem
Gemisch durch den eignen Druck von selbst abfließt, bildet
die Essenz, den süßesten, duftigsten, geistigsten und
wohlschmeckendsten aller Weine. Der Tokayer Weinbau hat sich seit
Gründung der T.-Hegyaljaer Weinbaugesellschaft ungemein
gehoben. Der Gesamtertrag beträgt jährlich ca. 97,500 hl.
Bei T. fanden 1848 mehrere Gefechte zwischen dem
österreichischen Armeekorps unter Schlik und den Ungarn
statt.
Tokelauinseln, s. Unioninseln.
Tokio (spr. tokjo; auch Tokei, spr. toke,
"Osthauptstadt"), Hauptstadt des japan. Reichs und seit 1868
dauernde Residenz des Mikado, vordem Jedo (Yeddo) genannt, liegt
unter 35° 40' uördl. Br. und 139° 47' östl. L. v.
Gr. am nordwestlichen Ende der seichten Jedobucht und am
Südrand einer fruchtbaren Ebene, welche der Tonegawa mit
verschiedenen seiner Nebenflüsse, der Sumidagawa sowie
zahlreiche Kanäle durchschneiden. Sie wurde von Iyeyasu (s.
Japan, S. 165) angelegt, 1598 zur Residenz gemacht und durch ihn
und seine Nachfolger, die Shogune aus dem Haus Tokugawa, zu einer
der umfang- und menschenreichsten Städte der Welt, welche zur
Zeit ihrer größten Blüte auf einem Areal von 75 qkm
gegen 2 Mill. Einw. hatte. Von Jedo aus regierten die Shogune das
Land. Um das Schloß (O-Shiro), welches sich in der Mitte der
Stadt auf niedrigem, künstlichem Hügel erhob, und seine
vielen Nebengebäude und Parkanlagen waren Festungswerke mit
Ringmauern und schweren Thoren sowie drei Systeme Wallgräben
angebracht, an deren Seiten sich die ausgedehnten Yashikis oder
Residenzen des Feudaladels (der Daimios oder Fürsten des
Landes, welche hier mit großem Gefolge jedes zweite Jahr
wohnen mußten) befanden; dann folgte die eigentliche Stadt
mit den Wohnungen der Gewerbtreibenden und Kaufleute. Die
Revolution von 1868, welche dem Shogunat mit seinem komplizierten
Feudalsystem ein Ende machte und die unbeschränkte Macht des
Mikado wiederherstellte, brachte der Stadt große Verluste.
Die Yashikis der Daimios verödeten, häufige Brände
kamen hinzu und zerstörten ganze Stadtteile mit ihren leicht
gebauten, dicht aneinander gereihten Holzhäusern.
Allmählich aber erholte sich T. wieder, neues Leben floß
ihr durch den Verkehr mit dem Ausland und als Regierungssitz zu, so
daß die Stadt Ende 1887 wieder 982,043 Einw. zählte. In
der Nähe des Sumidagawa, welcher den westlichen Stadtteil
durchfließt, liegt der erste Bahnhof. Seit 1872 erreicht man
von hier aus auf dem 30 km langen Schienenweg in einer Stunde den
Hafen Yokohama. Vom Bahnhof aus führt eine weite Straße,
Shimbashi-dori genannt, nordwärts nach dem schönen Park
Uyeno hin über Nihonbashi, die Sonnenaufgangsbrücke, von
der aus man die Entfernungen berechnet und den riesigen Kegel des
Fujiyama schaut. Shimbashidori, die wichtigste und schönste
Verkehrsstraße von T., wurde nebst vielen Seitenstraßen
in fremdem Stil mit zweistöckigen, feuersichern
Backsteinhäusern angelegt, nachdem eine große
Feuersbrunst den Stadtteil zerstört hatte. Am 5. Mai 1873
brannte auch das O-Shiro nieder. Der Mikado residierte seitdem im
Yashiki eines ehemaligen Daimio, so daß seine Wohnung viel
bescheidener war als die neuen großen Backsteinbauten der
englischen und deutschen Gesandtschaft. Inzwischen ist seine neue
Residenz an Stelle des alten Schlosses vollendet u. im Januar 1889
von ihm bezogen worden. In T. wohnen die fremden Gesandten u.
Konsuln, wo sie wollen, Ausländer in japanischem Dienst in den
ihnen überwiesenen ehemaligen Yashikis oder neuen Holzbauten
auf Yashikigrund, fremde Kaufleute aber und Gewerbtreibende nur in
einem bestimmten Stadtteil. Die Stadt hat Gasbeleuchtung und manche
andre europäischen Städten nachgebildete Einrichtung.
Für den Straßenverkehr ist an Stelle der Sänfte
seit 20 Jahren hier wie in ganz Japan die Shinrikisha getreten, ein
Karren, den ein oder zwei sich in, resp. vor die Schere spannende
Kulis ziehen, während der Passagier über der Achse auf
einem Rohrsitz mit kutschenartigen Rück- und Seitenlehnen
sitzt. In ihren ein- oder zweistöckigen, meist nur 7 m hohen
Holzhäusern, deren Gemächer möbellos mit
Binsenmatten bedeckt und durch leichte Schiebewände getrennt
sind, gleichen sich alle japanischen Städte. Das Licht dringt
von der Straße oder dem Hof her matt ein durch die
Papierscheiben, womit man die Quadrate der Schieberrahmen
überzogen hat. In diesen japanischen Häusern ist die
Petroleumlampe eingeführt, während für die
Bekleidung und
[ Situationsplan von Tokio.]
741
Tokkieren - Toledo.
Ausstattung des noch nicht ganz europäisierten Japaners von
fremden Artikeln zuerst Filzhut und Regenschirm Eingang fanden.
Seit der neuen politischen Einteilung Japans 1871 bildet die Stadt
mit ihrer nächsten Umgebung ein besonderes Territorium, das
Tokiotu, mit ca. 1½ Mill. Einw.
Tokkieren, s. Tockieren.
Toko, Pfefferfresser, s. Tukan.
Tököly (Tökely), Emmerich, Graf von,
ungar. Magnat, geb. 1656 auf dem Schloß Käsmark im
Zipser Komitat, Sohn des protestantischen Grafen Stephan von T.,
welcher, der Beteiligung an der Verschwörung der ungarischen
Mißvergnügten gegen den Kaiser Leopold I. beschuldigt,
1671 seiner Güter für verlustig erklärt, in seinem
Schloß Likawa belagert ward und während der Belagerung
starb. Emmerich T. floh nach Siebenbürgen, erhielt vom
Großfürsten Apafi den Oberbefehl über ein den
aufständischen Ungarn zu Hilfe gesandtes Truppenkorps, drang
bis Österreich und Schlesien vor, ließ sich von der
Pforte gegen das Versprechen eines jährlichen Tributs zum
Fürsten von Ungarn ernennen, auf dem Landtag zu Kaschau 1682
von den Ständen als König huldigen und zog 1683 mit dem
Großwesir Kara Mustafa vor Wien, ward von diesem 4. Okt. 1685
auf verräterische Weise zu Großwardein verhaftet und in
Ketten zu dem Sultan nach Adrianopel gebracht, jedoch Anfang 1686
in Freiheit gesetzt und für seine weitern Operationen mit 9000
Mann türkischer Truppen unterstützt. Aber in Ungarn
selbst fand er bei seiner Rückkehr nur wenig Anhänger, so
daß er 1688 bei Großwardein von dem
österreichischen General Heusler geschlagen wurde. Hierauf vom
Sultan zum Großfürsten von Siebenbürgen erhoben,
drang er mit 16,000 Mann hier ein und schlug Heusler im September
1689 bei Zernest, mußte sich aber vor dem Markgrafen von
Baden in die Walachei zurückziehen. Er wohnte auch später
allen Kämpfen der Pforte gegen Österreich bei und
übte bedeutenden Einfluß auf den Sultan aus. Nach dem
Abschluß des Friedens on Karlowitz (26. Jan. 1699) lebte er,
von der Amnestie ausgeschlossen, aber vom Sultan mit einer Pension
und Gütern reich ausgestattet und zum Fürsten von Widdin
ernannt, meist zu Konstantinopel. Er starb 13. Sept. 1705 auf
seinem Landgut bei Ismid.
Tola, 1) Gold- und Silbergewicht in Ostindien,
ursprünglich das Gewicht der Bombay-, resp. Siccarupie von
179-179½ englischen Troygrän = 11,599-1l,642 g; wird in
Bombay in 100 Goonze à 6 Chows, in Kalkutta in 12 Mascha
à 8 Röttihs (Ruttees) à 4 Dhan eingeteilt;
2) Normal- oder neues Bazargewicht in Kalkutta, à 16 Anna
= 180 englischen Troygrän = 11,664 g. Seine Oberstufen Sihr
und Maund bilden das Handelsgewicht.
Tolam, Gewicht, s. Maund.
Toland, John, engl. Freidenker, geboren um 1670 zu
Redcastle in Irland von katholischen Eltern, trat 1687 zu den
Presbyterianern über, studierte in Glasgow, Edinburg und
Leiden Theorie und Philosophie, veröffentlichte 1696 in London
eine Schrift: "Christianity not mysterious", in welcher er im
Anschluß an Locke darzuthun suchte, daß das Christentum
vernunftmäßig sei, und welche alsbald von Henkers Hand
verbrannt wurde. Darauf politischen Studien zugewandt,
veröffentlichte er 1699 die Gesamtausgabe der Werke Miltons
mit Biographie des Dichters, welche ihm abermals Angriffe zuzog,
gegen die er sich in der Schrift "Amyntor" verteidigte. 1701
bereiste er Deutschland, fand hier an der Kurfürstin Sophie
von Hannover und der philosophischen Königin Sophie Charlotte
von Preußen Gönnerinnen und richtete dann an letztere
seine "Letters to Serena" (1704), in denen er den Glauben an einen
außerweltlichen Gott und eine individuelle Unsterblichkeit
aufgibt. Er bereiste 1709 abermals Deutschland und Holland und
starb 1722 in Putney bei London. Von seinen Schriften sind noch zu
ermähnen: "Adeisidaemon" (1709); "Nazarenus, or jewish,
gentile and mohametan christianity" (1718); "Pantheisticon" (1720).
Vgl. Berthold, John T. und der Monismus der Gegenwart (Heidelb.
1876).
Toldy (ursprünglich Schedel), Franz, bedeutendster
ungar. Literarhistoriker, geb. 10. Aug. 1805 zu Ofen, studierte
Medizin, praktizierte dann einige Zeit als Bezirksarzt in Pest,
wandte sich aber bald ganz der Litteratur zu, in der er schon
früh (namentlich mit Übersetzungen) zu wirken begonnen
hatte. Von einer größern Reise, die ihn nach Berlin,
London und Paris führte, 1830 zurückgekehrt, wurde er
Mitglied der ungarischen Akademie und 1835 Sekretär derselben,
welches Amt er bis 1861 führte. Von 1833 bis 1844 lehrte er
als außerordentlicher Professor der Diätetik an der
Pester Universität; 1836 gründete er die
Kisfaludy-Gesellschaft; 1861 erhielt er die Professur der
ungarischen Litteratur an der Hochschule zu Pest. Er starb daselbst
10. Dez. 1875. Seine Hauptwerke sind: "Handbuch der ungarischen
Poesie" (Pest 1828, 2 Bde.), durch welches die ungarische Dichtung
zum erstenmal in umfassenderer Weise in die deutsche Litteratur
eingeführt wurde; dann in ungarischer Sprache die unvollendete
"Geschichte der ungarischen Nationallitteratur" (das. 1851-53, 3
Bde.) und "Geschichte der ungarischen Poesie" (das. 1854, 3. Aufl.
1875; deutsch von Steinacker, 1863). - Sein Sohn Stephan, Publizist
und dramatischer Dichter, geb. 4. Juni 1844 zu Pest, studierte
daselbst Jurisprudenz, wirkte einige Zeit als Ministerialbeamter
und schrieb politische Broschüren, einen Roman und mehrere
Bände Novellen in französischer Richtung, auch Dramen,
von denen die Lustspiele: "A jó hajafiak" ("Die guten
Patrioten") und "Az uj emberek" ("Neue Menschen") mit Erfolg
aufgeführt wurden. Seit 1875 Redakteur des Journals "Nemzeti
Hirlap", starb er 6. Dez. 1879 in Budapest.
Toledo, 1) span. Provinz in der Landschaft Neukastilien,
grenzt im N. an die Provinzen Avila und Madrid, im O. an Cuenca, im
S. an Ciudad-Real, im W. an Caceres und hat einen Flächenraum
von 15,257 qkm (277,1 QM.). Die Provinz wird im S. von den Montes
de T., im N. von der Sierra de San Vicente, einer Parallelkette der
Sierra de Gredos, durchzogen, im übrigen ist sie eben oder
hügelig und gehört zum Becken des Tajo, welcher die
Provinz quer durchschneidet und hier den Guadarrama und Alberche
von N., dann kleinere Zuflüsse von S. her aufnimmt. Der
Südosten der Provinz gehört mit dem Giguela zum
Flußgebiet des Guadiana. Die Bevölkerung betrug 1878:
335,038 Seelen (22 pro Quadratkilometer) und wurde 1886 auf 358,000
Seelen geschätzt. Der Boden ist sehr fruchtbar, aber wenig
angebaut und liefert hauptsächlich Getreide, Öl und Wein.
Die Viehzucht ist ansehnlich, Schafwolle und Wachs sind wichtige
Produkte. Auch Salinen, Eisengruben und Mineralquellen sind
vorhanden. Die Industrie ist von geringer Bedeutung, sie liefert
Leder, Töpferwaren u. a. Auch der Handel ist wenig entwickelt.
Die von Madrid nach S. und W. auslaufenden Eisenbahnen durchziehen
die Provinz. Dieselbe umfaßt zwölf Gerichtsbezirke
(darunter Madridejos, Ocana, Talavera de la Reina).
Tolentino - Tollens.
742
Die gleichnamige Hauptstadt liegt malerisch auf einem zum Tajo
schroff abfallenden Berg, von doppelten, getürmten Mauern
umgeben, ist durch eine Zweigbahn nach Castillejo mit der Bahn
Madrid-Alicante verbunden und gewährt mit ihren 26 Kirchen,
zahlreichen Klostergebäuden, ihren alten Thoren, Brücken
und einer Unzahl von Türmen einen imposanten Anblick. Das
Innere bildet ein Gewirr krummer und ungleich hoch liegender, aber
reinlicher Gassen. Das ansehnlichste Gebäude ist die
Kathedrale, eine der großartigsten gotischen Kirchen, 113 m
lang, 57 m breit, mit einem großen, 90 m hohen Turm,
fünf von 88 Pfeilern getragenen Schiffen, 40 Seitenkapellen,
prachtvollen Grabmälern, zahlreichen Kostbarkeiten und
Kunstschätzen. Die Bibliothek des Domkapitels besitzt viele
seltene Handschriften. Der im höchsten Teil der Stadt gelegene
Alkazar ist 1887 abgebrannt. Bemerkenswert sind noch: die
schöne gotische Kirche San Juan de los Reyes (von 1477) und
das anstoßende ehemalige Franziskanerkloster mit herrlichem
Kreuzgang, der ehemalige Inquisitionspalast (jetzt
Regierungsgebäude), der Palast der Vargas, das Stadthaus, das
Hospital mit dem Grabmal seines Gründers, Kardinals Tavera, 2
Thore von arabischer Bauart, 2 hoch gespannte Brücken. Im
Mittelalter hatte T. gegen 2000,000, jetzt hat die tote, verlassene
Stadt nur noch (1886) 19,775 Einw. Nahe am Tajo liegt die
große königliche Waffenfabrik, in welcher die
berühmten Toledoklingen, jetzt meist die Waffen für die
Armee, verfertigt werden. Außerdem liefert T. Seiden-, Gold-
und Silberstoffe (Kirchenparamente) und führt berühmten
Marzipan aus. T. hat eine Zentralschießschule und ist Sitz
des Gouverneurs und eines Erzbischofs, der den Titel eines Primas
von Spanien führt. Hier spricht man das reinste Spanisch
(Castellano). Die 1498 gestiftete Universität ist eingegangen.
T. hieß zur Römerzeit Toletum, war ein befestigter Ort
der Karpetaner im tarrakonensischen Spanien, wurde später
römische Kolonie, war schon frühzeitig durch seine
Stahlwarenfabrikation berühmt und zu der Zeit Cäsars ein
starker Waffenplatz. Unter den Westgoten war es eine Zeitlang
(576-711) Residenz der Könige und wurde bedeutend
vergrößert. Unter der Herrschaft der Mauren (seit 714)
bildete es längere Zeit ein eignes Reich. 1085 eroberte Alfons
VI. von Kastilien die Stadt und das Reich und machte erstere zu
seiner Residenz. In der Folge war T. der Hauptsitz der Inquisition.
Vgl. Gamero, Historia de la ciudad de T. (Tol. 1863).
2) Stadt im nordamerikan. Staat Ohio, am Maumee, 7 km oberhalb
dessen Mündung in den Eriesee, hat stattliche Kirchen und
Schulen, ein Irrenhaus, eine Besserungsanstalt, ein
städtisches Gefängnis, großartige Industrie (Bau
von Dampfmaschinen, Eisenbahnwagen, Maschinen und
landwirtschaftlichen Geräten, Sägemühlen,
Schreinerwerkstätten, Kornmühlen), lebhaften Handel,
namentlich mit Getreide, und (1880) 50,137 Einw.
Tolentino, Stadt in der ital. Provinz Macerata, am
Chienti und am östlichen Abhang des Apennin, von
altertümlicher Bauart, hat eine Brücke von 1268, ein
Seminar, eine technische Schule, Industrie in Leder,
Eisenguß- und Wollwirkwaren und (188l) 4114 Einw. - T. ist
das alte Tolentinum im Picenterland und merkwürdig durch den
hier 19. Febr. 1797 zwischen Frankreich und Papst Pius VI.
abgeschlossenen Frieden, in welchem letzterer Avignon und
Venaissin, Bologna, Ferrara und die Romagna an ersteres abtrat,
sowie durch den am 2. und 3. Mai 1815 erfochtenen Sieg der
Österreicher unter Bianchi über die Neapolitaner unter
Murat, infolge dessen letzterer den Thron von Neapel verlor.
Toleránz (lat.), Duldung, insbesondere
religiöse, welche den von der Staatskirche abweichenden
Glaubensgenossen ungehinderte Religionsübung sichert, wie sie
z. B. innerhalb des Christentums gegen die Wiedertäufer,
Unitarier, Deutschkatholiken, Freien Gemeinden, aber auch gegen die
Bekenner andrer Religionen, in den christlichen Ländern
namentlich gegen die Juden, geübt wird. Früher wurden die
staats-, privat- und kirchenrechtlichen Verhältnisse solcher
tolerierten Bekenntnisse in den einzelnen Staaten oft durch
besondere Toleranzedikte (Toleranzpatente) geordnet, wie z. B. in
Preußen in Ansehung der Freien Gemeinden durch das
Toleranzedikt Friedrich Wilhelms IV. vom 30. März 1847. In
Österreich wurde durch das Toleranzeditt Josephs II. von 1781
den Protestanten Religionsfreiheit gewährt. - Im
Münzwesen ist T. s. v. w. Remedium (s. d.).
Tolfa, Flecken in der ital. Provinz Rom, Kreis
Civitavecchia, hat Alaungruben (bei T. und bei dem nahegelegenen
Allumiere), die, im l5. Jahrh. entdeckt, früher noch reichern
Ertrag lieferten, und (1881) 3103 Einw.
Tolima, 1) Staat der südamerikan. Republik
Kolumbien, umfaßt 47,700 qkm (866,3 QM.) mit (1881) 230,891
Einw. Das Land, vom obern Magdalenenstrom durchflossen und von den
beiden Hauptketten der Kordilleren Kolumbiens eingefaßt,
gehört meist dem gemäßigten Klima an; das Thal ist
reich an Produkten (Tabak, Kakao, Zuckerrohr, Mais), die Viehzucht
bedeutend, der Bergbau aber trotz großen Reichtums an Gold,
Silber, Kupfer etc. vernachlässigt. Hauptstadt ist Neiva.
2) Pik von T., vulkanischer Gipfel der mittlern Kordillere von
Kolumbien, im NW. von Ibagué, 5584 m hoch, höchster
Gipfel der Andes nördlich vom Äquator.
Toli-Monastir, türk. Stadt, s. Monastir 1).
Tolkemit, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Danzig,
Landkreis Elbing, am Frischen Haff, hat eine kath. Kirche, einen
Hafen, Störfischerei, Kaviarbereitung, starken Drosselfang,
Böttcherei, Töpferei, Schiffahrt und (1885) 2847
Einw.
Toll, Karl, Graf von, russ. General, geb. 1778 zu Reval,
trat 1796 in die russische Armee ein, machte 1799 Suworows Feldzug
mit, kam 1805 in den Generalstab, focht bei Austerlitz, dann gegen
die Türken, war 1812 Generalquartiermeister Kutusows, 1813
Barclay de Tollys, ward auf dem Schlachtfeld von Leipzig
Generalleutnant, 1823 Generaladjutant des Kaisers und Chef des
Generalstabs der ersten Armee und 1825 General der Infanterie. An
dem Feldzug von 1829 gegen die Türken nahm er als Chef des
Generalstabs den ruhmvollsten Anteil. Durch den Sieg 11. Juni bei
Kulewtscha erwarb er sich die Grafenwürde. Im polnischen
Feldzug von 1831 stand er abermals als Stabschef dem General
Diebitsch zur Seite, übernahm nach dessen Tode das
interimistische Kommando und leitete beim Sturm auf Warschau 7.
Okt. nach Paskewitsch' Verwundung die Operationen des letzten
entscheidenden Schlachttags. Hierauf ward er in den russischen
Reichsrat berufen und 1833 zum Oberdirigenten der Wasser- und
Wegekommunikationen und der öffentlichen Bauten ernannt. Er
starb 5. Mai 1842 in Petersburg. Vgl. Bernhardi,
Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Grafen von T. (2. Aufl.,
Leipz. 1866, 4 Bde.).
Tollens, Henrik Caroluszoon, niederländ. Dichter,
geb. 24. Sept. 1780 zu Rotterdam, ward
743
Tollense - Tollwut.
Kaufmann, widmete sich daneben der Poesie, zog sich 1846 auf
sein Landgut zu Rijswijk zurück, wo er 21. Okt. 1856 starb.
Seine Erstlingsarbeiten waren mehrere Komödien und ein
bürgerliches Trauerspiel: "Konstanten", welche er jedoch
später nicht in seine Werke aufnehmen wollte. Darauf
veröffentlichte er: "Idyllen en minnezangen" (1801-1805);
"Gedichten" (1808-15, 3 Bde.); "Tafereel van de overwintering der
Nederlanders op Nova Zembla" (1816; deutsch, Amsterd. 1871);
"Romanzen, balladen en legenden" (1818); "Nieuwe gedichten" (1821)
und "Laatste gedichten" (1848-53). Eine Gesamtausgabe seiner Werke
erschien Leeuwarden 1876, 12. Bde. T. war eine Zeitlang der
beliebteste holländ. Dichter, vorzüglich des
Mittelstandes; 1860 ward ihm zu Rotterdam ein Standbild
errichtet.
Tollense, Nebenfluß der Peene, entspringt oberhalb
Prillwitz in Mecklenburg-Strelitz, durchfließt den
Tollensesee (11 km lang, 2 km breit), tritt nach Pommern über
und mündet bei Demmin; sie ist auf 45 km für kleine
Fahrzeuge schiffbar.
Tollgerste, s. v. w. Lolium temulentum.
Tollheit, s. v. w. Geisteskrankheit, besonders eine mit
Aufregungszuständen verbundene Form, daher Tollhaus, s. v. w.
Irrenhaus; im engern Sinn ist T. s. v. w. Tollwut.
Tollkerbel, f. Conium.
Tollkirsche, s. Atropa.
Tollkrankheit (Darmgicht), Bienenkrankheit, bei der junge
Bienen, welche eben erst die Zelle verlassen haben, von den Waben
auf das Bodenbrett des Stockes herabfallen, sich zum Flugloch
herauswälzen und dann auf der Erde wie rasend umherlaufen, bis
sie unter krampfhaften Zuckungen sterben. Verursacht wird die T.
durch schädliche Bestandteile der genossenen Nahrung. Bemerkt
man der T. ähnliche Erscheinungen an den Flugbienen, so liegt
offenbar Vergiftung durch gewissenlose Menschen vor; aus Vorsicht
esse man nicht Honig aus Stöcken, an denen man T. wahrnimmt.
Durch Füttern gesunden Honigs mildert und beseitigt man das
Übel. Der T. nicht unähnlich ist die Flugunfähigkeit
(Maikrankheit), bei welcher die Trachtbienen aus dem Flugloch
herauskommen, auf die Erde niederstürzen, wo sie wie irrsinnig
umherlaufen, bis sie ermattet liegen bleiben und verenden. Ursache
dieser Krankheit ist ein Schimmelpilz (Mucor Mucedo) in den
Eingeweiden der Bienen. Füttert man gesunden Honig, dem man
einige Tropfen Saticylspiritus beimischte, so beseitigt man die
Krankheit nach und nach.
Tollkraut, s. Datura und Alropa.
Tollkühnheit unterscheidet sich von Feigheit (s.
d.), welche die drohende Gefahr überschätzt, von
Tapferkeit (s. d.), welche dieselbe richtig, und von Verwegenheit
(s. d.), welche sie unterschätzt, dadurch, daß sie jene
gar nicht schätzt, sondern ihr blind entgegengeht.
Tollrübe, s. Bryonia.
Tollwurm (Lyssa), die vom Zungenbeinkörper in die
Zunge des Hundes sich fortsetzende Bandmasse, welche früher,
besonders von Jägern, als Ursache der Tollkrankheit angesehen
und deshalb jungen Hunden häufig ausgeschnitten wurde.