des Ranges einer Person, daher Standes-, Ehren-, Amtstitel (s.
Titulatur); ferner bezeichnet T. Aufschrift eines Buches,
Kunstwerkes etc.; im juristischen Sinn einen gesetzlichen Grund,
aus dem jemand ein Recht zusteht (Rechtstitel), sowie die einzelnen
Kapitelüberschriften in den Gesetzsammlungen; im Budget die
mit fortlaufenden Nummern bezeichneten Einzelgruppen von Einnahmen
und Ausgaben.
Titel, Markt im ungar. Komitat Bács-Bodrog,
Dampfschiffstation am rechten Theißufer, gegenüber der
Begamündung, mit (1881) 3321 serbischen und deutschen
Einwohnern, Hafen und Schiffbau. T. war ehemals der Hauptort des
Tschaikistenbataillons.
Titer, s. Titre.
Tithon, s. Juraformation, S. 330.
Tithonos, im griech. Mythus Sohn des Laomedon, Bruder des
Priamos und Gemahl der Eos (s.d.). Diese raubte ihn wegen seiner
außerordentlichen Schönheit und erbat sich von Zeus
Unsterblichkeit für ihn. Da sie aber vergaß, zugleich um
ewige Jugend für ihn zu bitten, so schrumpfte T. nach und nach
ganz zusammen, so daß er sich nicht mehr rühren konnte
und nur seine Stimme noch fort und fort wisperte, wie eine Cikade,
in welche ihn die spätere Sage auch endlich noch verwandelt
werden läßt.
Titicacasee (Laguna de Chucuito), größter
Gebirgssee Südamerikas, im südöstlichen Teil von
Peru und im westlichen Teil von Bolivia, zwischen den
Küstenkordilleren und den bolivischen Andes, einer der
höchst gelegenen Landseen der Erde (3824 m ü. M.), ist
150 km lang, 60 km breit und 8300 qkm (151 QM.) groß, bis zu
218 m tief und sehr fischreich. Der Spiegel schwankt je nach den
jährlichen Regenmengen (1875-82 fiel er 2,67 m, seitdem ist er
abermals im Steigen). Seine Ufer sind holzlos, meist von
Schilfdickichten umgeben, aber reich an prächtigen
Grabmälern mit zum Teil vertrockneten Leichen einer
ausgestorbenen Menschenrasse. Im N. empfängt der See
zahlreiche Bergströme; sein einziger Abfluß und zwar zum
Aullagassee (3700 m) ist der schiffbar gemachte Rio Desaguadero an
der Südwestspitze. Große Landzungen zerschneiden den T.
in mehrere Teile, die nur durch schmale Kanäle miteinander in
Verbindung stehen. Er wird mit Dampfbooten befahren und
enthält zahlreiche kleine Inseln, von welchen die am
südlichen Ende gelegene, zu Bolivia gehörige Insel
Titicaca die merkwürdigste ist. Dieselbe hat eine Menge zum
Teil großartiger Überreste altperuanischer Baukunst und
trug ehedem einen prächtigen und berühmten Sonnentempel,
dessen reiche Schätze die Priester bei der Eroberung Perus
durch die Spanier in den See versenkt haben sollen. Von hohem
Interesse ist der von Alex. Agassiz geführte Nachweis einer
marinen Krustaceenfauna in diesem hoch gelegenen
Süßwassersee. Vgl. "Proceedings of the American Academy
of Arts and Sciences" (1876); Pentland, The laguna de Titicaca
(Lond. 1848).
Tities (lat.), eine der drei ältesten Tribus (s. d.)
in Rom, welche aus den unter Titus Tatius sich mit den Römern
vereinigenden Sabinern gebildet wurde.
730
Titio - Tivoli.
Titio ("Feuerbrand"), Gelehrter, s. Brant.
Titisee, See im Schwarzwald, östlich vom Feldberg,
849 m ü. M., 2 km lang und 15 m tief; dabei ein Gasthaus, das
als Sommerfrische besucht wird.
Titlis, das Haupt einer der drei Gebirgsgruppen im
östlichen Flügel der Berner Alpen (3239 m), nahezu der
Dreiländerstein der Kantone Unterwalden, Uri und Bern. Sein
Rücken, eine breite, mit ewigem Schnee bedeckte Kuppe,
heißt der Nollen. Er wurde schon 1739 von Engelberg aus
erstiegen und galt längere Zeit als höchste Alpenspitze.
Eine kühne Ausstrahlung, die Gadmerflühe (3044 m), wendet
sich nach der Aare hin; eine firnbelastete Felsmauer verbindet den
T. mit den wilden Zacken der Großen und Kleinen
Spannörter (3205, resp. 3149 m), die sich nach der Reuß
hin verzweigen. Diese ganze Bergwelt ist von der noch
großartigern Gruppe des Dammastocks (s. d.) durch den
Sustenpaß, von der dritten Gruppe durch die Surenen
geschieden. Als Haupt dieser Gruppe ist der Uri-Rothstock (2932 m)
von dem Blackenstock (2922 m), dem Engelberger Rothstock (2820 m),
den Wallenstöcken (2595 m) und andern Trabanten umstellt, und
weiter nach N. hin nehmen Brisen, Ober- und Nieder-Bauen und
besonders das Buochser Horn (1809 m) schon voralpines Gepräge
an. Dem Buochser Horn gegenüber erhebt sich das Stanser Horn
(1900 m), der Schlußpfeiler eines vom T. ausstrahlenden
Bergzugs, der am Engelberger Joch ansetzt und die Thäler der
Engelberger Aa und der Sarner Aa scheidet. Ein Panorama vom T.
zeichnete Imfeld (Zürich 1879).
Titre (franz., spr. tihtr), s. v. w. Titel (s. d.), dann
Urkunde, Schein; der Feingehalt der Münzen sowie der
Feinheitsgrad der Seide; auch bei der Maßanalyse (s. Analyse,
S. 527) gebraucht (Titer). Daher titrieren, den Feinheitsgrad der
Seide feststellen; eine Maßanalyse ausführen.
Titriermethode, s. Analyse, S. 527.
Tittmoning, Stadt im bayr. Regierungsbezirk Oberbayern,
Bezirksamt Laufen, an der Salzach, hat 2 kath. Kirchen, ein
Kollegiatstift, ein Amtsgericht, 2 Eisenhämmer, Tuchmacherei,
Gerberei, 8 Mahl- und eine Sägemühle,
Landesproduktenhandel und (1885) l423 Einw.
Titular (lat.), jemand, der mit dem Titel eines Amtes
bekleidet ist, ohne die damit verbundenen Funktionen zu verrichten,
gewöhnlich nur in Zusammensetzungen vorkommend, wie Titularrat
etc.
Titulatur (lat.), die Beilegung des einer Person ihrem
Stand gemäß zukommenden Prädikats. Vgl. R. Stein,
Titulaturen und Kurialien bei Briefen, Eingaben etc. (Berl.
1883).
Titurel, Held aus der Sage vom heil. Gral (s. d.),
Parzivals Urgroßvater. In der Geschichte der deutschen Poesie
wird unterschieden: der "Ältere T.", Bruchstücke einer
Dichtung von Wolfram von Eschenbach (s. d.), welche die Geschichte
von Schionatulander und Sigune behandelt, und der "Jüngere
T.", die Fortsetzung von Wolframs Gedicht von Albrecht von
Scharfenberg (s. d.).
Titus, apostol. Gehilfe des Paulus, welchen er als einen
Heidenchristen, der unbeschnitten geblieben war, auf den
Apostelkonvent nach Jerusalem begleitete; später erscheint er
im Auftrag des Paulus in Korinth. Die Legende macht ihn zum ersten
Bischof in Kreta, wozu der neutestamentliche Brief an T., einer der
sogen. Pastoralbriefe (s. d.), Veranlassung gab.
Titusbogen, ein zu Ehren der Besiegung der Juden durch
Kaiser Titus vom römischen Senat errichteter, einthoriger
Triumphbogen an der Ostseite des Palatin, welcher im J. 81 geweiht
wurde. Der Bogen ist 15½ m, die Attika 4½ m hoch. Die
Innenwände des Durchganges und die Friese über der
Bogenwölbung auf beiden Seiten sind mit Reliefs
geschmückt, welche den Triumphzug des Kaisers und den Opferzug
darstellen (s. Tafel "Bildhauerkunst IV", Fig. 14).
Titus Flavius Vespasianus, röm. Kaiser, der
ältere Sohn des Kaisers Vespasianus, geb. 41 n. Chr., wurde am
Hof Neros mit Britannicus erzogen und widmete sich zunächst
der bürgerlichen Laufbahn, versäumte aber auch nicht, als
Tribun in Germanien und Britannien die üblichen Kriegsdienste
zu leisten. Als sein Vater 67 nach Palästina geschickt wurde,
um die Empörung der Juden zu unterdrücken, begleitete ihn
T. und wurde von jenem, als er 69 Palästina verließ, um
die Kaiserwürde anzutreten, mit der Fortführung des
Kriegs beauftragt. T. beendete denselben durch die Eroberung und
Zerstörung Jerusalems 70. Nachdem er mit seinem Vater einen
glänzenden Triumph gefeiert hatte, wurde er von Vespasian zum
Teilnehmer an der Regierung ernannt. Er hielt sich als solcher
nicht völlig frei von dem Vorwurf der Ausschweifung und sogar
der Grausamkeit; allein alle hierauf gegründeten Besorgnisse
wurden durch die Güte und Milde völlig widerlegt, welche
er sofort bewies, als er nach Vespasians Tod 79 den Thron bestiegen
hatte. Von da an war sein Bestreben fortwährend darauf
gerichtet, andern Freundlichkeiten und Wohlthaten zu erweisen, und
wenn ihm dies an einem Tag nicht gelungen war, so pflegte er am
Abend zu seinen Freunden zu sagen, daß er einen Tag verloren
habe. Indessen wurde das Glück seiner Regierung, das ihm den
Namen "Lust und Liebe des Menschengeschlechts" ("amor et deliciae
generis humani") erwarb, durch mehrere schwere
Unglücksfälle getrübt, die er indes auf alle Art zu
mildern suchte, nämlich durch den Ausbruch des Vesuvs 24. Aug.
79, durch welchen die Städte Herculaneum, Pompeji und
Stabiä verschüttet wurden, durch eine drei Tage und drei
Nächte wütende Feuersbrunst in Rom und durch eine Pest,
welche eine große Menge Menschen hinwegraffte. Außerdem
ist von seiner kurzen Regierung noch zu erwähnen, daß er
zum Besten des Volkes ein alle frühern an Bequemlichkeit und
Geräumigkeit übertreffendes Badehaus, die nach ihm
benannten, noch jetzt in Trümmern vorhandenen Thermen des T.,
bauen ließ. Er starb 13. Sept. 81. Eine vortreffliche
Marmorstatue des Kaisers befindet sich im Louvre zu Paris. Vgl.
Beulé, T. und seine Dynastie (deutsch, Halle 1875).
Tituskopf (Frisur à la Titus), die in Frankreich
zur Zeit des Konsulats aufgekommene Mode, die Haare gekürzt
und zu lauter Löckchen verwirrt zu tragen. Als die Locken
nachher schlichter getragen wurden, hieß die Frisur à
la Caracalla.
Titusville (spr. teitoswill), Stadt im NW. des
nordamerikan. Staats Pennsylvanien, am Oil Creek, mit 1859
erbohrten Petroleumquellen u. (1880) 9046 Einw.
Tityos, in der griech. Mythologie ein erdgeborner Riese
auf Euböa, Vater der Europa. Da er sich (auf Veranlassung der
Hera) an der Leto vergriffen hatte, ward er von Artemis und Apollon
mit Pfeilen oder von Zeus mit dem Blitzstrahl erlegt, und in der
Unterwelt, wo er über neun Hufen Landes ausgestreckt liegt,
hacken zwei Geier seine immer wieder wachsende Leber (den Sitz der
sinnlichen Begierde) aus.
Tiverton (spr. tiwwertön), Stadt in Devonshire
(England), am Ex, mit Schloßruine (14. Jahrh.), Lateinschule,
Armenhaus (1517 gestiftet), Fabrikation von Spitzen und Wollwaren
und (1881) 10,462 Einw.
Tivoli, Stadt in der ital. Provinz Rom, in schö-
731
Tixtla - Tizian.
ner Lage am Fuß der Sabinerberge und am Teverone (Anio),
welcher hier die berühmten, seit 1835 jedoch teilweise durch
einen Tunnel abgelenkten Wasserfälle bildet (s. Anio), mit Rom
durch Dampftramway verbunden, ist Sitz eines Bischofs, hat enge
Straßen, mehrere Kirchen und (1881) 9730 Einw. T. ist das
alte Tibur (s. d.), der Lieblingssommersitz der römischen
Patrizier, von dessen zahlreichen Überbleibseln vor allen die
2 km außerhalb des heutigen T. gelegenen großartigen
Trümmer der Villa des Kaisers Hadrian (mit Resten des
Palastes, eines Theaters, einer Palästra, einer Bibliothek,
eines Stadiums etc.) zu erwähnen sind. In der Stadt selbst
befindet sich auf der Felswand über dem Aniofall der sogen.
Sibyllentempel, eine runde Cella mit einem äußern Kreis
von kannelierten korinthischen Säulen; nahe dabei steht ein
zweiter, viereckiger Tempel (jetzt Kirche San Giorgio). Unterhalb
des Wasserfalls befinden sich Ruinen mehrerer antiker Villen (des
Quintus Varus u. a.). Von den neuern Bauten ist namentlich die
Villa d'Este, ein schöner Renaissancebau (von 1551) mit
malerischen Parkanlagen und Wasserwerken, bemerkenswert. Seit
neuester Zeit wird die reiche Wasserkraft des Teverone zu
elektrischer Beleuchtung der Stadt und zu industriellen Anlagen
ausgenutzt. 9 km westlich, am Dampftramway Rom-T., liegen stark
besuchte, schon in der römischen Kaiserzeit benutzte
Schwefelbäder (24° C.), Bagni delle Acque Albule, und 6 km
westlich die malerische alte Aniobrücke Ponte Lucano mit dem
Rundgrab der Familie Plautia. - T. ist auch beliebte Bezeichnung
von Vergnügungsorten mit Gartenanlagen, Schauspiel etc.
Tixtla (T. de Guerrero), Hauptstadt des mexikan. Staats
Guerrero, 1380 m ü. M., mit (1880) 6139 Einw., dient den
reichen Bewohnern von Acapulco als Aufenthaltsort während der
ungesunden Jahreszeit. In der Nähe Silbergruben.
Tiza, s. Boronatrocalcit.
Tizian, eigentlich Tiziano Vecellio, der Hauptmeister der
venezian. Malerschule und Vollender einer neuen koloristischen
Richtung, geb. 1477 zu Pieve di Cadore in Friaul, kam noch als
zehnjähriger Knabe nach Venedig, um sich daselbst der Malerei
zu widmen. Als seine Lehrer werden der Mosaikmaler Zuccato, dann
Gentile Bellini genannt; doch muß er später auch bei
Giovanni Bellini gelernt und sich nach Giorgione weitergebildet
haben. Man erfährt zuerst von seiner Thätigkeit um 1507,
wo er neben Giorgione die jetzt verschwundenen Fresken am Fondaco
dei Tedeschi in Venedig ausführte. 1511 malte er mit Dom.
Campagnola Fresken in der Scuola del Santo in Padua, dann in
Vicenza, kehrte aber 1512 nach Venedig zurück. Nachdem er
einen Antrag, in die Dienste Leos X. zu treten,
zurückgewiesen, nahm ihn der Rat gegen Verleihung eines
einträglichen Maklerpatents in seinen Dienst. In der Folge kam
T. in intime Beziehungen zu Alfons von Ferrara (1516 reiste er das
erste Mal dahin), für den er dessen Porträt, ferner das
Venusfest und das Bacchanal (alle drei in Madrid) und Ariadne auf
Naxos (in der Nationalgalerie zu London) malte. In Ferrara
schloß er auch Freundschaft mit Ariosto, den er zu
wiederholten Malen porträtierte. Auch zu Federigo von Mantua
trat er um 1523 in nahe Beziehungen; er malte für ihn die
Grablegung (Paris). 1518 entstand eins seiner Hauptwerke, die
Himmelfahrt Maria (sogen. Assunta) in der Akademie zu Venedig, 1523
das Altarbild für die Kirche San Niccolò (Madonna mit
sechs männlichen Heiligen, jetzt im Vatikan) und 1526 ein
andres Meisterwerk dieser Periode, die Madonna des Hauses Pesaro
(Santa Maria de' Frari in Venedig). In das Jahr 1527 fällt
seine Bekanntschaft mit Pietro Aretino, dessen Porträt er
für Federigo Gonzaga malte. 1530 schuf er den Märtyrertod
Petri für San Giovanni e Paolo (1867 durch Feuersbrunst
zerstört). 1532 begab er sich im Auftrag Federigo Gonzagas
nach Bologna, wo gerade Kaiser Karl V. verweilte; er malte damals
letztern zweimal. T. wurde hierauf 10. Mai 1533 zum Hofmaler Karls
und zum Grafen des lateranischen Palastes sowie zum Ritter vom
Goldenen Sporn ernannt. Der hierauf folgenden Zeit entstammen die
Bildnisse Franz' I. und Isabellas von Este; etwas später
fallen die der Geliebten Tizians (Wien, Belvedere), dann die von
Eleonore Gonzaga und ihrem Gatten Francesco Maria (Florenz,
Uffizien). Nachdem er 1537 seiner Fahrlässigkeit wegen in
betreff des versprochenen Bildes sein Maklerpatent zu gunsten
Pordenones verloren hatte, malte er in Fresko die dem Rat schon
lange versprochene, nur noch in Fontanas Stich erhaltene Schlacht
bei Cadore (im großen Ratssaal). 1539 nach Pordenones Tod
erhielt er sein Maklerpatent zurück, 1541 ward er nach Mailand
zu Karl V. berufen; 1545 ging er, nachdem schon früher, seit
1542, Paul III. den Plan gefaßt hatte, T. nach Rom zu ziehen,
dahin, wo er glänzend aufgenommen wurde. Er malte damals das
Porträt des Papstes, dann die berühmte Danae
(Nationalmuseum zu Neapel). Auf der Rückreise nach Venedig
besuchte er Florenz. 1548 ward er nach Augsburg zu Karl V. berufen
und malte daselbst Porträte (das Karls V. in Madrid, das zu
München etc.). Er kehrte bald wieder nach Venedig zurück,
ward aber 1550 abermals nach Augsburg berufen, um das Porträt
Philipps II. von Spanien zu malen. Für diesen war er auch nach
seiner Rückkehr nach Venedig 1551 außerordentlich viel
beschäftigt. 1566 ward er in die florentinische Akademie
aufgenommen. Er starb 27. Aug. 1576 in Venedig, fast 100 Jahre alt,
an der Pest und ward in der Kirche Santa Maria de' Frari
beigesetzt. Der durch die flandrische Schule beeinflußte
koloristische Realismus der Venezianer gelangte durch T. auf seine
Höhe; in seiner Auffassung nicht so durchgeistigt und ideal
wie Raffael und Michelangelo, hat er vor den Römern und
Toscanern die unvergleichliche malerische Kraft voraus und kommt
Raffael in der Schönheitsfülle gleich, Michelangelo in
der dramatischen Lebendigkeit der Komposition nahe. T. ist der
größte Kolorist der Italiener und versteht seinen
Figuren zugleich den vornehmen Charakter zu geben, der seine eignen
Lebensgewohnheiten und die seiner Stadtgenossen kennzeichnet.
Obwohl er sich nicht an die Antike anschloß, so ist er doch
zu einer verhältnismäßig ähnlichen Wirkung
gelangt, indem sich die Ruhe des Daseins, die edle, in sich
befriedigte Existenz in seinen Werken ebenso spiegelt. Ganz
vermochte er sich übrigens nicht den Einwirkungen der andern
italienischen Schulen zu entziehen, und zwischen seinen
spätesten Arbeiten, worunter die Dornenkrönung Christi in
München hervorragt, und seinen frühern, deren edelstes
Erzeugnis der Zinsgroschen in Dresden ist, besteht ein
beträchtlicher Unterschied. Er wurde später bewegter in
der Haltung der Figuren, leidenschaftlicher im Ausdruck der
Köpfe, energischer im Vortrag. Seine Historienbilder tragen
mehr oder weniger etwas Porträtmäßiges, freilich in
großartiger Auffassung, an sich; es gibt deren, welche zu den
edelsten und unvergänglichsten Erzeugnissen der Kunst
gehören, während andre sich mit einer mehr
äußerlichen Wirkung be-
732
Tjalk - Tlaxcala.
gnügen. Die höchste Befriedigung gewähren seine
Bildnisse, welche die vornehme Erscheinung der venezianischen Welt
mit vollster Treue widerspiegeln und den vollkommensten Ausdruck
des venezianischen, von höchster Prachtliebe und sinnlicher
Glut erfüllten Lebens darstellen. Zugleich war er als
Landschaftsmaler sehr bedeutend, die Landschaft spielt in vielen
seiner Gemälde in ihrer großartig-poetischen Auffassung
eine Hauptrolle; Poussin und Claude Lorrain haben sich nach seinem
Vorbild entwickelt. Die Zahl seiner Schöpfungen ist
außerordentlich groß, besonders aus den letzten 40
Jahren seines Lebens, wo er zahlreiche Schüler zu Hilfe nahm.
Aus der ersten Periode seines Schaffens, die etwa bis 1511 reicht
und seine Jugendentwickelung umfaßt, sind noch zu nennen: die
Kirschenmadonna, in der kaiserlichen Galerie zu Wien, nebst zwei
andern Madonnen daselbst, und die irdische und himmlische Liebe, in
der Galerie Borghese zu Rom, Tizians schönstes allegorisches
Bild, ausgezeichnet in der Behandlung des Nackten. Von
hervorragenden Schöpfungen der zweiten, etwa bis 1530
reichenden Periode erwähnen wir noch die Auferstehung, in der
Kirche San Nazaroe Celso in Brescia (1522); die Ruhe auf der Flucht
und die Madonna mit dem Kaninchen, im Louvre zu Paris; die nur mit
einem Pelz bekleidete Eleonora Gonzaga von Urbino, in der
kaiserlichen Galerie zu Wien; das Bildnis derselben im Palazzo
Pitti zu Florenz, weltberühmt unter dem Namen La Bella di
Tiziano, das herrlichste Frauenporträt des Meisters; die
sogen. Venus von Urbino, in den Uffizien zu Florenz, und die sogen.
Geliebte Tizians bei der Toilette, im Louvre zu Paris. Zu den
Hauptwerken der letzten Periode seines Schaffens zählen noch
das Martyrium des heil. Laurentius, in der Jesuitenkirche zu
Venedig; der Tempelgang Mariä, in der Akademie daselbst; die
Ausstellung Christi, in der kaiserlichen Galerie zu Wien; die
Dornenkrönung, im Louvre; das Abendmahl, im Escorial; Venus
mit Amor, in den Uffizien zu Florenz; die sogen. Madrider Venus
(eine ruhende Schöne mit ihrem Geliebten); die Danae, im
Museum zu Neapel; Jupiter und Antiope, im Louvre; das Reiterbildnis
Karls V., in der Galerie zu Madrid (1548 in Augsburg begonnen);
Papst Paul III. (1545, im Museum zu Neapel); der Admiral Giovanni
Moro, im Berliner Museum. Von Tizians Selbstbildnissen sind
diejenigen im Museum zu Berlin und in der kaiserlichen Galerie zu
Wien die schönsten, von den Bildnissen seiner Tochter Lavinia
sind dasjenige mit der über dem Haupt emporgehobenen
Fruchtschüssel (Museum zu Berlin) und die beiden in der
Dresdener Galerie (um 1555 und 1565) die vorzüglichsten. Die
ältere Litteratur über T. ist überholt durch Crowe
und Cavalcaselle, T., Leben und Werke (deutsch von Jordan, Leipz.
1877, 2 Bde.). Vgl. auch Lafenestre, La vie et l'oeuvre du Titien
(Par. 1886).
Tjalk, kuffartig gebautes, kleines Fahrzeug mit einem
Mast und besonders großem Gaffelsegel und Schwertern; an der
Nordseeküste im Gebrauch.
Tjeribon, Insel, s. Tscheribon.
Tjost,s. Turnier.
Tjukalinsk, südlicher Kreis des westsibir.
Gouvernements Tobolsk, in welchem viel Ackerbau getrieben wird, und
auf dessen zahlreichen und großen Seen sich unzählige
Wasservögel befinden, die einen großartigen Handel in
Taucher- und Schwanenbälgen hervorgerufen haben. Jährlich
kommen 10,000 Schwanenbälge und 100,000 Greben (die Brustfelle
der Steißfüße) in den Handel. Die Kreisstadt T.
hat (1885) 3907 Einw.
Tjumen, Bezirksstadt im sibir. Gouvernement Tobolsk,
rechts an der für Dampfer fahrbaren Tura, 275 km
westsüdwestlich von der Stadt Tobolsk, mit
regelmäßigen Straßen aus schönen, meist
hölzernen Häusern, 11 Kirchen aus Stein, 2 Klöstern,
einer Moschee, einer Kreisschule und 2 Pfarrschulen und (1885)
15,590 Einw., welche in mehr als 100 gewerblichen Etablissements
eine außerordentlich rege Thätigkeit entfalten.
Hauptprodukte sind namentlich: Leder (Juften),Talg, Seife, Glocken,
Eisengußwaren, Handschuhe, Gewebe, Netze, Matten,
Töpferwaren. Seit 1885 steht die Eisenbahn von Jekaterinenburg
bis hierher (350 km) in Betrieb und schließt sich hier an den
Sibirischen Trakt (s. d.) an, der über Omsk, Tomsk,
Krasnojarsk und Irkutsk nach Kiachta führt. Bei T. beginnt
auch der Wasserverkehr nach Tobolsk auf dem Irtisch, diesen
abwärts bis zur Mündung des Ob und von diesem auf dem Tom
bis Tomst. Die für Ostsibirien bestimmten Waren gehen auf dem
Landweg nach Krassnojarsk und von hier auf dem Jenissei hinunter
nach Jenisseisk und weiter nach Turuchansk. Eine andre
Wasserstraße ist die von T. vermittelst des Ob und Irtisch
nach Semipalatinsk. In T. wird jährlich im Januar seit 1845
eine große Messe (Basiliusmesse) abgehalten, deren Umsatz 1
Mill. Rubel beträgt, aber durch die Messe zu Irbit immer mehr
verliert.
Tjutschew, Fjodor Iwanowitsch, russ. Dichter, geb. 23.
Nov. (a. St.) 1803 im Kreis Brjansk des Gouvernements Grodno,
studierte in Moskau, erhielt 1822 eine Stelle im Ministerium des
Auswärtigen zu Petersburg, war dann längere Zeit bei der
russischen Gesandtschaft in München und (seit 1838) in Turin
thätig, wurde 1844 der Person des Reichskanzlers attachiert
und erhielt 1857 endlich das Präsidium des Komitees für
auswärtige Zensur in Petersburg übertragen; starb in
dieser Stellung 15. Juli (a. St.) 1873. Seine Gedichte, die
gesammelt in Petersburg 1868 erschienen, zeichnen sich durch
Gedankentiefe, Wärme des Gefühls und Formvollendung
vorteilhaft aus; eine Auswahl derselben wurde von H. Noé ins
Deutsche übertragen (Münch. 1861). T. hat sich auch als
Übersetzer, namentlich deutscher Dichter, wie Heine, Goethe,
Schiller u .a., verdient gemacht.
Tl, in der Chemie Zeichen für Thallium.
Tlacotálpam, Stadt im mexikan. Staat Veracruz, am
Ende einer Lagune, deren Zugang durch die 50 km
südöstlich von Veracruz gelegene Barre von Alvarado
gesperrt wird, mit lebhaftem Verkehr und (1882) 5939 Einw.
Tlálpam (San Agostino de las Cuévas),
hübsche Landstadt, 15 km südlich von Mexiko, am Fuß
des Gebirges, beliebter Sommeraufenthalt, mit zahlreichen Villen
und 6200 Einw. (mit Umgebung); wird zum Pfingstfest, besonders um
der Hasardspiel willen, von Tausenden besucht. Bis 1831 war T.
Hauptstadt des Staats.
Tlalpujáhua, Stadt im mexikan. Staat Michoacan, am
Fuß des Cerro de Gallo, 2435 m ü. M., mit (1880) 9823
Einw. im Munizipium; die Silberbergwerke waren einst berühmt.
Hier begann unter Pfarrer Morelos die erste Revolution gegen
Spanien; hier ließ Hidalgo die erste Kanone gießen, die
er gegen die Spanier gebrauchte.
Tlaxcala, Binnenstaat der Republik Mexiko, ist auf drei
Seiten von Puebla umgeben und hat ein Areal von 3902 qkm (70,9 QM.)
mit (1882) 138,988 Einw. T. bildet einen Teil der Hochebene von
Anahuac. Die wichtigsten Produkte des Landbaues sind: Mais, Weizen,
Gerste, Hafer, Hülsenfrüchte, Maguey,
733
Tlemsen - Tobler.