Valentin, geb. 1715 zu Haina in Kurhessen, malte Landschaften und
Dekorationen und starb 1767 als Hofmaler in Hildburghausen. Johann
Heinrich, der ältere, Bruder des vorigen, geb. 3. Okt. 1722 zu
Haina, ging 1743 nach Paris, wo er sich bei Vanloo bildete, 1748
nach Venedig, dann nach Rom und ward 1752 Kabinettsmaler des
Landgrafen von Hessen-Kassel, später Professor an der
Kunstakademie zu Kassel, wo er 22. Aug. 1789 starb. Er entlehnte
seine Stoffe meist der Mythologie. Seine Zeichnung ist im ganzen
korrekt; das Nackte verrät das Studium der Antike, die
Gewänder sind im großen Stil behandelt. Viele seiner vom
Geiste des Rokokostils erfüllten Arbeiten finden sich im
Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel. Auch seine Brüder
Johann Jakob, gest. 1791 in Lübeck, und Anton Wilhelm, gest.
1804 als Hofmaler in Hanau, erwarben sich einen Namen, jener durch
Tierstücke, dieser durch historische Darstellungen und
Genrebilder. Johann Heinrich, der jüngere, Neffe der vorigen,
geb. 1742 zu Haina, gest. 1808 als Inspektor der Galerie zu Kassel,
stach vieles nach Joh. Heinr. T., dem ältern, und schrieb eine
"Abhandlung über die Ätzkunst" (Kassel 1808).
Sein Bruder Johann Heinrich Wilhelm, der Neapolitaner genannt,
geb. 15. Febr. 1751 zu Haina, der bedeutendste der Familie, bildete
sich unter Leitung seiner Oheime Joh. Heinr. und Joh. Jakob T. und
war dann zu Hamburg, in den Niederlanden, in der Schweiz, seit 1782
zu Rom und seit 1787 in Neapel thätig, wo er 1790 als Direktor
der Malerakademie angestellt ward; doch kehrte er bald darauf nach
Deutschland zurück und lebte abwechselnd in Hamburg und Eutin,
wo er 26. Juli 1829 starb. Von seinen Arbeiten sind hervorzuheben:
Konradin von Schwaben und Friedrich von Österreich wird beim
Schachspiel das Todesurteil verkündigt; Christus und die
Kindlein, für die Ansgariikirche zu Bremen; der wütende
Ajax, die Kassandra von der Statue der Pallas wegreißend.
Unter den von ihm herausgegebenen und zum Teil mit Radierungen
ausgestatteten artistischen Werken sind zu erwähnen:
"Têtes de différents animaux, dessinées
d'après nature" (Neap. 1796, 2 Bde.), "Sir Will. Hamilton's
collection of engravings from antiques vases" (das. 1791-1809, 4
Bde.) und sein berühmtestes Werk: "Homer, nach Antiken
gezeichnet", mit Erläuterungen von Heyne (Heft 1-6,
Götting. 1801-1804) und Schorn (Heft 7-11, Stuttg. 1821-23).
Seine Selbstbiographie wurde von Schiller ("Aus meinem Leben",
Braunschw. 1861, 2 Bde.) herausgegeben. Vgl. Alten, Aus Tischbeins
Leben (Leipz. 1872).
Johann Friedrich August, Sohn Joh. Valentin Tischbeins, geb.
1750 zu Maastricht, als Familienporträtmaler ausgezeichnet,
bereiste Frankreich und Italien, ward dann Hofmaler in Arolsen und
lebte hierauf einige Zeit in Holland, seit 1795 aber zu Dessau und
ward 1800 Ösers Nachfolger als Direktor der Akademie zu
Leipzig. Er starb 1812 in Heidelberg. Sein Sohn Karl Ludwig, geb.
1797 zu Dessau, wurde in Dresden gebildet, ging 1819 nach Italien,
ward 1825 Professor der Zeichenkunst an der Universität Bonn
und 1828 Vorsteher einer Zeichenschule und Aufseher über die
fürstlichen Sammlungen zu Bückeburg, wo er 13. Febr. 1855
starb. Beifall fand sein Besuch Egmonts bei Klärchen sowie
seine Ansichten von Städten, z. B. Bonn, Frankfurt, Leipzig.
Vgl. Michel, Étude biographique sur les T. (Lyon 1881).
Tischendorf, Lobegott Friedrich Konstantin von, bekannt
durch seine Arbeiten für Kritik des Bibeltextes, geb. 18. Jan.
1815 zu Lengenfeld im Vogtland, studierte zu Leipzig Theologie und
Philologie und habilitierte sich 1839 daselbst, bereiste, um
Materialien zu einer Textreform des Neuen Testaments zu sammeln,
einen großen Teil Europas und den Orient. Nach seiner
Rückkehr erhielt er 1845 eine außerordentliche, 1859
eine ordentliche Professur der Theologie zu Leipzig. 1853 und 1859
unternahm er zwei neue Reisen nach dem Orient, besonders nach
Ägypten und dem Sinai, von welcher er viele wertvolle
Handschriften, insonderheit eine griechische Bibel aus dem 4.
Jahrh., mit zurückbrachte (vgl. seine beiden Reisewerke:
"Reise in den Orient", Leipz. 1845-1846, 2 Bde., und "Aus dem
Heiligen Lande", das. 1862). Er starb 7. Dez. 1874. Seine Arbeiten
betreffen hauptsächlich die neutestamentliche Textreform, so:
die Ausgabe des "Codex Ephraemi Syri" (Leipz. 1843 u. 1845) und des
"Codex Friderico-Augustanus" (das. 1846); die "Monumenta sacra
inedita" (das. 1846; nova collectio 1855-71, 6 Bde.); "Evangelium
Palatinum ineditum" (das. 1847); "Codex Amiatinus" (das. 1850 u.
1854); "Codex Claromontanus" (das. 1852); "Fragmenta sacra
palimpsesta" (das. 1854); "Codex Sinaïticus" (Petersb. 1862, 4
Bde.; Handausgabe, Leipz. 1863, faksimiliert); das "Novum
Testamentum Vaticanum" (das. 1867). Nach seinem Tod setzten O. v.
Gebhardt und R. Gregory seine neutestamentlichen Arbeiten fort.
Auch lieferte T. mit der Zeit 20 Ausgaben des neutestamentlichen
Textes (8. größere Ausg., Leipz. 1869-1872, 2 Bde.;
hiernach eine kleinere 1873), eine kritische Ausgabe der
Septuaginta (7. Aufl., das. 1887, 2 Bde.) sowie Ausgaben der "Acta
apostolorum apocrypha" (das. 1851), der "Evangelia apocrypha" (das.
1853, 2. Aufl. 1877) und der "Apocalypses apocryphae" (das. 1866).
Seine Lösung der Frage: "Wann wurden unsre Evangelien
verfaßt?" (Leipz. 1865, 4. Aufl. 1866) wurde von der Kritik
fast einstimmig für einen verunglückten Versuch
erklärt. Vgl. Volbeding, Konstantin T. (Leipz. 1862).
Tischgelder werden im deutschen Heer den am gemeinsamen
Mittagstisch teilnehmenden Leutnants gezahlt; auch
Portepeefähnriche, Offizieraspiranten im Besitz des
Reifezeugnisses zum Fähnrich können T. erhalten, jedoch
nicht im Feld.
Tischnowitz, Stadt in der mähr.
Bezirkshauptmannschaft Brünn, an der Schwarzawa und der
Eisenbahn Brünn-T., mit Bezirksgericht, Schloß,
Tuchweberei, Gerberei und (1880) 2589 Einw. Dabei T.-Vorkloster,
mit einer Basilika (von 1238), Zucker- und Papierfabrik und 1205
Einw.
Tischreden, Unterhaltungen oder Äußerungen
berühmter Männer bei Tisch über Gegenstände der
Kunst, der Wissenschaft, des Lebens etc. Schon aus dem Altertum
finden sich T. in Xenophons und Plutarchs Symposien; am
bekanntesten aber sind die Luthers: "Colloquia, so er in vielen
Jahren gegen gelahrten Leuten, auch fremden Gästen und seinen
Tischgesellen geführet" (zuerst hrsg. von Rebenstock, 1571; am
besten von Förstemann, Leipz. 1844-48, 4 Tle.; Auszug, das.
1876). Es finden sich in diesen T. neben sinnreichen Bemerkungen,
namentlich über einzelne Punkte der Glaubens- und Sittenlehre,
auch zahlreiche kernhafte Späße. Auch
727
Tischri - Tissiérographie.
die T. ("Table-talk") des englischen Dichters S. T. Coleridge
(s. d.) verdienen Erwähnung.
Tischri (Tisri, hebr.), der erste Monat des
bürgerlichen und der siebente des Festjahrs der Juden, hat 30
Tage und fällt meist in den September unsers Jahrs. Der 1. und
2. T. ist jüdisches Neujahr, der 10. Versöhnungstag, 15.
bis 22. Laubhüttenfest.
Tischrücken und Tischklopfen. Mit ersterm Wort
bezeichnet man die drehende und fortrückende Bewegung, in
welche ein Tisch versetzt wird, wenn mehrere um den Tisch herum
sitzende oder stehende Personen ihre Hände darauf legen, wobei
durch Berührung der kleinen Finger eine Art von Kette gebildet
wird. Versuche dieser Art wurden zuerst in den Vereinigten Staaten
von Nordamerika gemacht (s. Spiritismus); nachdem aber ein Aufsatz
in der "Allgemeinen Zeitung" vom 4. April 1853 davon Kunde gegeben,
wurde das Tischrücken auch diesseit des Atlantischen Ozeans
fast allerorten in Gesellschaften mit Erfolg versucht, erregte
großes Aufsehen und beschäftigte eine Zeit hindurch
Gelehrte und Ungelehrte. Damit verband sich bald das sogen.
Tischklopfen, ein Frag- und Antwortspiel, bei welchem der Tisch
durch Erheben und Aufstampfen eines Fußes je nach Abrede Ja
oder Nein, die Buchstaben des Alphabets oder die Zahlen bezeichnen
mußte. Ähnliche Künste waren schon bei Griechen und
Römern im Gebrauch, indem man zur Erforschung der Zukunft
geweihte Dreifüße in Bewegung brachte, und unter dem
Kaiser Valens gab ein derartiges Verfahren den Anlaß zu
großartigen Zaubereiprozessen. Auch im jetzigen China und
Indien sind entsprechende magische Operationen seit uralten Zeiten
im Gebrauch. Da nun die Antworten auf vorgelegte Fragen nur von
einer intelligenten Macht gegeben werden können, so schrieb
man sie und bald auch das gesamte Tischrücken der Einwirkung
von Geistern zu. Eine Reihe von Halbgelehrten suchte nach
greifbarern Kräften, und in einer unendlichen
Broschürenlitteratur wurden bald die Elektrizität, bald
der Magnetismus, bald das Nervenfluidum oder das "magische
Geisteswirken" für diese Erscheinungen verantwortlich gemacht,
während andre alles für plumpen Betrug ansahen. Faraday
zeigte, daß beide Annahmen falsch seien und beim
Tischrücken lediglich Selbsttäuschung im Spiel sei,
insofern, wie er durch zu diesem Zweck von ihm konstruierte
Dynamometer bewies, Personen, die ihre Hände auf den Tisch
legen, bald beginnen, im Sinn sogen. ideomotorischer Bewegungen (s.
d.) unbewußt einen beträchtlichen Druck auszuüben,
der nur in eine bestimmte Richtung gelenkt zu werden braucht, um
selbst schwere Tische in Gang zu bringen. Die Spiritisten halten
natürlich an ihrer Theorie fest, und ihre herumreisenden
Apostel lassen es auch nicht mehr bei dem Tischrücken
bewenden, sondern pflegen (wie z. B. Home und Slade) am
Schluß ihrer Sitzungen schwebende und fliegende Tische zu
zeigen (vgl. Spiritismus). Die schreibenden Tischchen (s.
Psychograph) werden durch die aufgelegte Hand einzelner Personen
(Medien) in Bewegung gebracht, und zu Guadalupe erschien 1853 die
in dieser Weise von einem Stuhl verfaßte Novelle "Juanita".
Noch in neuerer Zeit hat sich Crookes bemüht, experimentell zu
beweisen, daß die "Medien" tatsächlich im stande seien,
eine Verminderung, resp. Gegenwirkung der Schwerkraft zu leisten.
Vgl. Crookes, Der Spiritualismus und die Wissenschaft (Leipz.
1873); Wallace, Eine Verteidigung des modernen Spiritualismus (das.
1875).
Tisi, Benvenuto, Maler, s. Garofalo.
Tisiphone, eine der Erinnyen (s. d.).
Tisri, s. Tischri.
Tissandier (spr. -ssangdjeh), Gaston, Gelehrter, geb. 21.
Nov. 1843 zu Paris, widmete sich vorwiegend der Chemie und leitete
1864-74 das Versuchslaboratorium der Union nationale. In dieser
Zeit beschäftigte er sich auch mit meteorologischen Arbeiten,
und 1868 unternahm er von Calais aus mit Dufour seine erste
Luftballonfahrt. Seitdem stieg er mit seinem Bruder Albert mehr als
20mal auf, entwich auch 1870 mittels eines Ballons aus dem
belagerten Paris und machte 1875 mit Croce-Spinelli und Sivel zwei
Fahrten, von denen die eine 23 Stunden dauerte und die andre,
wesentlich zum Zweck spektroskopischer Untersuchungen unternommen,
in eine Höhe von 8600 m führte und den beiden Begleitern
Tissandiers das Leben kostete. T. ist Vizepräsident der
französischen Luftschiffergesellschaft und Professor des
Polytechnischen Vereins. Er schrieb außer vielen
Beiträgen für die 1873 von ihm gegründete
Zeitschrift "Nature": "L'eau" (1867, 4. Aufl. 1878); "La houille"
(1869); "Les fossiles" (1874); "Merveilles de la photographie"
(1874); "Voyages aériens" (1870; deutsch in Masius'
"Luftreisen", Leipz. 1872); "En ballon pendant le siége de
Paris" (1871); "Simples notions sur les ballons" (1876);
"L'héliogravure" (1875); "Histoire de la gravure
typographique" (1875); "Histoire de mes ascensions" (1878); "Le
grand ballon captif à vapeur de M. Giffard" (1879); "Les
martyrs de la science" (1879); "Observations
météorologiques en ballon. Resumé de 25
ascensions aérostatiques" (1879); "Histoire des ballons et
des aéronautes célèbres" (1887) etc.
Tissaphérnes, pers. Satrap in Lydien, schloß
413 v. Chr. mit den Spartanern ein Bündnis, stand im Streit
zwischen Artaxerxes Mnemon und seinem Bruder Kyros auf des
Königs Seite, ließ nach der Schlacht bei Kunaxa 401 die
Anführer des griechischen Hilfsheers hinterlistig ermorden und
erhielt deshalb eine Königstochter zur Ehe und die
Statthalterschaft des im Kampf gefallenen Kyros. Als er die
ionischen Städte in Kleinasien dem König zu unterwerfen
versuchte, riefen jene die Spartaner zu Hilfe, und er ward von
diesen unter Agesilaos 395 am Paktolos besiegt und infolgedessen
seiner Strategie entsetzt. Sein Nachfolger Tithraustes ließ
ihn später hinrichten.
Tisserand (spr. tiß'rang), Felix, Astronom, geb.
15. Jan. 1845, studierte seit 1863 an der Normalschule in Paris,
promovierte 1868, trat als Adjunkt in die Sternwarte ein und wurde
bei der Reorganisation des astronomischen Dienstes durch Leverrier
1873 zum Direktor des Observatoriums und zum Professor der
Astronomie in Toulouse ernannt. 1874 ging er mit Janssen nach Japan
zur Beobachtung des Durchganges der Venus durch die Sonne und 1882
zu demselben Zweck nach Martinique. Er schrieb: "Note sur
l'interpolation" (1869); "Détermination des orbites des
planètes 116 et 117" (1871); "Sur la recherche de la
planète perdue 99" (mit Loewy, 1872); "Sur le mouvement des
planètes autour du soleil d'après la loi
électrodynamique de Weber" (1872); "Sur les étoiles
filantes" (1873); "Observations des taches du soleil à
Toulouse en 1874 et 1875" (1876); "Traité de mecanique
céleste" (1888 ff.) etc.
Tissiérographie, ein von Tissier zu Paris zuerst
angewandtes Verfahren, Kupferstiche auf den lithographischen Stein
überzudrucken und die Zeichnung hoch zu ätzen, um
dieselbe in der Buchdruckpresse gleichzeitig mit Typensatz drucken
zu können. Der Stein wird auf die Höhe der
Buchdrucklettern zuge-
728
Tissot - Titan.
richtet, der Überdruck in gewöhnlicher Weise (s.
Typolithographie) gemacht und dieser mit einer Mischung von
rektifiziertem Holzessig, Salzsäure und Alkohol so lange
geätzt, bis die erforderliche Tiefe erlangt ist, wobei die
Zeichnung während des Tieferätzens an den Seiten durch
Firnislagen vor dem Unterfressen durch das Ätzwasser
geschützt werden muß.
Tissot (spr. -sso), 1) Simon (Samuel) André, Arzt,
geb. 20. März 1728 zu Grancy bei Lausanne, studierte in Genf
und Montpellier, ließ sich als Arzt in Lausanne nieder,
leitete 1780-83 die Klinik in Pavia und starb 15. Juni 1797 in
Lausanne. Von seinen Schriften (Laus. 1783-95, 15 Bde.; Par. 1809,
8 Bde.; deutsch, Leipz. 1784, 7 Bde.) sind besonders die
populären hervorzuheben: "L'onanisme" (Laus. 1760, fast in
alle europäischen Sprachen übersetzt) und "Avis au peuple
sur sa santé" (das. 1761). Vgl. Eynard, La Vie de S. A. T.
(Par. 1839).
2) Pierre François, franz. Schriftsteller, geb. 10.
März 1768 zu Versailles, ein eifriger Revolutionär und
später ein Parteigänger Napoleons, widmete sich seit 1799
ganz der Litteratur, hielt seit 1810 am Collège de France
vielbesuchte Vorlesungen über lateinische Poesie, welche 1821
verboten wurden, schrieb unter der Restauration für die
Tagesblätter: "Constitutionnel", "Minerve", "Pilote", "Gazette
de France", von denen er letzteres auch dirigierte, nahm 1830 seine
Vorlesungen wieder auf, erhielt 1833 einen Sitz in der Akademie und
starb 7. April 1854. Seinen zahlreichen Schriften fehlte es weder
an der eleganten Form noch an bedeutendem Inhalt; nur leiden sie
öfters an Oberflächlichkeit. Am meisten gerühmt
werden seine "Études sur Virgile, comparé avec tous
les poètes épiques et dramatiques des anciens et des
modernes" (Par. 1825-30, 4 Bde.; 2. Aufl. 1841, 2 Bde.).
Außerdem schrieb er: "Bucoliques de Virgile, traduites en
vers" (1800); "Trophées des armées françaises
depuis 1792 jusqu'en 1815" (1819, 6 Bde.); "De la poésie
latine" (1821); "Poésies érotiques" (1826, 2 Bde.);
"Souvenirs historiques sur Talma" (1826); "Histoire complète
de la Révolution française" (1833-36, 6 Bde.);
"Histoire de Napoléon" (1833, 2 Bde.) u. a. Die
"Mémoires de Carnot" gab er nach dessen Manuskripten heraus
(1824).
3) Victor, franz. Schriftsteller, geb. 1845 zu Freiburg in der
Schweiz, war längere Zeit Hauptredakteur der "Gazette de
Lausanne" und ließ sich 1874 in Paris nieder. Von hier aus
bereiste er Deutschland und Österreich und
veröffentlichte über diese Länder seine in
Frankreich von der Lesewelt verschlungenen Schmähschriften:
"Voyage au pays des milliards" (1875), "Les Prussiens en Allemagne"
(1876) und "Voyage aux pays annexées" (1876) sowie "Vienne
et la vie viennoise" (1878), denen sich später anschlossen:
"Les mystères de Berlin" (1879), "Voyage au pays des
Tziganes" (1880), "La Russie rouge" (Roman, 1880), "L'Allemagne
amoureuse" (1884), "La police secrète prussienne" (1884),
"De Paris à Berlin" (1886) u. a.
Tissotgummi (Dextringummi), s. Dextrin.
Tisza (spr. tissa), 1) Koloman T. von Borosjenö,
ungar. Staatsmann, geb. 16. Dez. 1830 zu Geszt im Biharer Komitat
aus einer reichbegüterten adligen calvinistischen Familie,
studierte die Rechte und ward 1855 zum Hilfskurator des Szalontaer
helvetischen Kirchendistrikts gewählt. Er trat bei der durch
das Protestantenpatent vom 1. Sept. 1859 hervorgerufenen Bewegung
zuerst als öffentlicher Redner auf, ward 1861 für
Debreczin Mitglied des Reichstags, schloß sich hier der
Beschlußpartei an und übernahm 1865 mit Ghyczy die
Führung des linken Zentrums, bildete jedoch 1875, als die
Deákpartei infolge persönlicher Zerwürfnisse und
der finanziellen Verwirrung zerfiel, eine neue "liberale Partei"
aus dem größten Teil der Deákpartei und dem
linken Zentrum, welche, da sie die Majorität besaß, die
Regierung übernahm. T. trat in das neue Ministerium Wenkheim
als Minister des Innern ein, übernahm aber 21. Okt. 1875 nach
dem glänzenden Sieg der neuen Partei bei den Reichstagswahlen
den Vorsitz im Kabinett, welches er mit staatsmännischem
Geschick leitete. Er verstand es mit großer Geschicklichkeit,
die Ungarn für den neuen Ausgleich mit Österreich
günstig zu stimmen, die Besorgnisse und Klagen über die
Orientpolitik Andrássys zu beschwichtigen, die Abneigung
gegen die Okkupation Bosniens zu vermindern und die Mehrheit des
Reichstags immer wieder um sich zu scharen. Hierdurch erlangte er
auf die Politik der Gesamtmonarchie großen Einfluß und
freie Hand für die rücksichtslosen Maßregeln zur
Magyarisierung Ungarns, welche zu den schreiendsten
Ungerechtigkeiten, so gegen die siebenbürgischen Sachsen,
führten. Bei allen Neuwahlen behauptete er die Mehrheit, und
selbst die Finanzschwierigkeiten erschütterten seine Stellung
nicht. Im Februar 1887 vertauschte er selbst das Innere mit dem
Finanzportefeuille. Vgl. Visi, Koloman T. (Budapest 1886).
2) Ludwig, Graf T. de Szeged, Bruder des vorigen, geb. 12. Sept.
1832 zu Geszt, ward 1861 Mitglied des Reichstags, 1867 Obergespan
des Biharer Komitats, 1871-73 Kommunikationsminister, nach der
Katastrophe von Szegedin (1879) zum königlichen Kommissar
für dessen Wiederaufbau ernannt und nach der Vollendung
desselben 1883 in den Grafenstand erhoben.
Tisza-Eszlár (spr. tissa-éßlar),
Großgemeinde im ungar. Komitat Szábolcs, an der
Theiß, mit (1881) 2175 meist ungar. Einwohnern, bekannt durch
den im Sommer 1883 geführten Prozeß gegen mehrere
jüdische Einwohner, die beschuldigt wurden, ein
Christenmädchen, Esther Solymossy, 1. April 1882 rituell
geschlachtet zu haben; die Angeklagten wurden 3. Aug. 1883 vom
Gericht in Nyiregyháza freigesprochen.
Tisza-Füred (spr. tissa-), Markt im ungar. Komitat
Heves, unweit der Theiß, mit reform. Pfarrei, (1881) 6846
ungar. Einwohnern und regem Gewerbfleiß, erlangte als
einziger Übergangspunkt an der obern Theiß im J. 1849
strategische Wichtigkeit.
Titan, Beiname des Helios (s. Titanen).
Titan Ti, Metall, findet sich mit Sauerstoff verbunden
(Titansäureanhydrid) als Rutil, Anatas und Brookit, welche
drei Mineralien aus Titansäureanhydrid bestehen, aber
ungleiche Kristallgestalt besitzen, ferner als titansaures
Eisenoxydul mit Eisenoxyd im Titaneisenerz, als titansaurer Kalk im
Perowskit, als titansaurer Kalk mit kieselsaurem Kalk im Titanit,
in geringer Menge in vielen Silikaten, in den meisten Eisenerzen,
im Basalt und andern Felsarten, in der Ackererde und in den
Meteorsteinen. Aus Fluortitankalium durch Kalium abgeschieden,
bildet T. ein dunkelgraues, schwer schmelzbares Pulver, welches
beim Erhitzen an der Luft mit großem Glanz verbrennt und sich
leicht in erwärmter Salzsäure löst; das Atomgewicht
ist 50,25. Von seinen Oxyden ist Titansäureanhydrid TiO2,
welches auch künstlich in den drei Formen, in denen es in der
Natur vorkommt, dargestellt werden kann, am wichtigsten. T. wurde
1789 von Gregor im Titaneisenerz entdeckt.
729
Titaneisenerz - Tities
Titaneisenerz (Ilmenit, Kibdelophan, Crichtonit,
Washingtonit), Mineral aus der Ordnung der Anhydride, findet sich
in rhomboedrischen Kristallen, auf- oder eingewachsen, in Drusen
und rosettenförmigen Gruppen (Eisenrosen), auch derb in
körnigen und schaligen Aggregaten, in einzelnen Körnern
(Iserin) oder als Sand (Menaccanit); es ist eisenschwarz,
undurchsichtig, mitunter magnetisch, von halb metallischem Glanz;
Härte 5-6, spez. Gew. 4,56-5,21. T. wird von einigen als
isomorphe Mischung von Titanoxyd mit Eisenoxyd, von andern als
titansaures Eisenoxydul mit Eisenoxyd FeTiO3 + nFe2O3 betrachtet.
Ein oft bedeutender Gehalt an Magnesium (bis 14 Proz. MgO)
erscheint dann als Vertreter des zweiwertigen Eisens. T. findet
sich besonders als mikroskopischer Gemengteil in vielen Gesteinen
(Melaphyr, Dolerit, Diabas, Gabbro), kommt auch in Hohlräumen
vieler Silikatgesteine und auf sekundärer Lagerstätte
vor. Grosse Kristalle (bis zu 8 kg schwer) liefern Norwegen und
Nordamerika, die Eisenrosen stammen vom Gotthard. Sande werden in
großer Menge (bis 30 m mächtig) in Kanada gefunden, in
geringerer auf der Iserwiese in Böhmen, in Cornwallis.
Sonstige Fundorte sind: Aschaffenburg, Frankfurt, Hanau, Chemnitz,
Gastein, Bourg d'Oisans, Mijask etc. Hin und wieder wird T. auf
Eisen verschmolzen.
Titanen, in der griech. Mythologie das dritte
Göttergeschlecht, die Söhne und Töchter des Uranos
und der Gäa: Okeanos, Köos, Kreios, Hyperion, Japetos und
Kronos, sodann Theia, Rhea, Themis, Mnemosyne, Phöbe und
Tethys. Als Uranos seine Söhne, die Hekatoncheiren (oder
Centimanen) und Kyklopen, in den Tartaros geworfen, erhoben sich,
von Gäa aufgereizt, die T. gegen den Vater, entmannten ihn und
übergaben dem Kronos die Herrschaft. Gegen diesen und die
herrschenden T. begann aber später Zeus (s. d.) im Verein mit
seinen Geschwistern den Kampf. Derselbe (Titanomachie) wurde in
Thessalien geführt, von den T. vom Othrys, von den Kroniden
vom Olympos herab. Erst nach zehn Jahren siegte Zeus dadurch,
daß er die Kyklopen und Hekatoncheiren aus dem Tartaros
befreite. Die T. wurden hierauf selbst in den Tartaros geworfen und
die Hekatoncheiren zu ihren Wächtern gesetzt. Dieser Kampf ist
zu unterscheiden von dem der olympischen Götter gegen die
himmelstürmenden Giganten (s. d.). In der spätern
Mythologie werden alle von den T. abstammenden Gottheiten, z. B.
Helios, Selene, Hekate, Prometheus etc., mit diesem Namen
bezeichnet, bis man zuletzt T. und Giganten identifizierte und der
Name Titan nur noch an dem Sonnengott haftete. Vgl. Schömann,
De Titanis Hesiodeis (Greifsw. 1846); Mayer, Die Giganten und T. in
der antiken Sage und Kunst (Berl. 1887).
Titania, die Elfenkönigin, Gemahlin des Oberon.
Titanit (Sphen, Ligurit, Braun- und Gelbmenakerz,
Greenovit), Mineral aus der Ordnung der Silikate mit Titanaten
etc., findet sich in monoklinen, säulenartigen und
tafelförmigen, oft zu Zwillingen verwachsenen Kristallen, auf-
oder eingewachsen, auch derb in schaligen Aggregaten. T. ist gelb,
braun, grün, am seltensten rot, meist undurchsichtig oder
durchscheinend, glasglänzend; Härte 5-5,5, spez. Gew. 3,4
-3,6. Er besteht aus kieselsaurem und titansaurem Kalk CaSiTiO5,
gewöhnlich mit einem geringen Eisen- und Mangangehalt und
findet sich auf Klüften hornblendehaltiger Silikatgesteine,
besonders verbreitet aber als accessorischer, bisweilen nur
mikroskopisch erkennbarer Bestandteil hornblendehaltiger Gesteine,
des Syenits, Phonoliths, Trachyts etc.; auch auf
Erzlagerstätten. Größere Kristalle kommen vom
Gotthard, aus Tirol, der Dauphine und dem Ural. Kleinere gelbe und
braune sind mit den genannten Gesteinen weitverbreitet; ferner
führen T. die Auswürflinge am Laacher See und an der
Somma. Die durchsichtigen grünen Varietäten (Sphen)
werden mitunter als Schmucksteine verschliffen.
Titcomb, Timothy, Pseudonym, s. Holland 2).