Beschaffenheit vorwiegend auf Waldwirtschaft und Viehzucht
beschränkt; doch wird, wo nur möglich, auch
Körnerbau betrieben. Die produktive Bodenfläche
beträgt 81,69 Proz. des Gesamtareals. Nach Kulturgattungen
verteilt sich die produktive Bodenfläche folgendermaßen:
Ackerland 6,23 Proz., Weinland 0,54, Wiesenland 8,21, Gärten
0,21, Weiden 5,83, Alpen 32,51, Wald 46,18, Seen, Teiche 0,29 Proz.
Was zunächst das Grasland betrifft, so läßt die
Kultur der Wiesen an Düngung und Bewässerung zu
wünschen übrig, dagegen ist die Art der Heugewinnung und
Auftrocknung ausgezeichnet. Überwiegend sind die Alpenweiden,
auf welchen das Vieh den Sommer über gehalten wird. Der
gesamte Ertrag an Grasheu beläuft sich auf etwa 11 Mill. metr.
Ztr. In der Bewirtschaftung der Äcker herrschen große
Verschiedenheiten. In Nordtirol überwiegt die
Eggartenwirtschaft mit langjähriger Grasnutzung, in Vorarlberg
die freie Wirtschaft. Eigentümlich ist die Feldwirtschaft in
Südtirol, wo es für Feldprodukte nur schmale Ackerbeete
zwischen den Reben- oder auch Maulbeerbaumpflanzungen gibt, welche
meist einem sehr bunten Zwischenfruchtbau gewidmet sind. Die
Produkte des Ackerbaues in T. sind: Weizen (250,000 h.), Roggen
(435,000), Gerste (185,000), Hafer (140,000), Mais (420,000 hl),
letzterer in Südtirol Hauptfrucht, aber auch in Nordtirol, z.
B. im obern Inn- und Lechthal, vertreten; ferner
Hülsenfrüchte (37,000 hl), Buchweizen (125,000 hl),
Kartoffeln (1,120,000 hl), besonders in Vorarlberg,
Futterrüben (340,000 metr. Ztr.), Klee (180,000 metr. Ztr.
Heu), Flachs (10,000 metr. Ztr.), insbesondere im Ötzthal,
Hanf (2000 metr. Ztr.) in Vorarlberg, Tabak (8000) metr. Ztr.) um
Roveredo, Zichorie (2200 metr. Ztr.) in Vorarlberg, etwas Mohn,
Kürbisse etc. Die Obstkultur ist in Nordtirol meist auf die
nicht großen Gärten beschränkt; das Kernobst wird
zu Obstwein (Cider) und das Steinobst zur Branntweinerzeugung
verwendet. In Südtirol ermöglichen die Lage und
Temperatur die Kultivierung edler Obstsorten, von denen neben der
Traube auch Pfirsiche, Aprikosen, Mandeln, Zitronen (am Gardasee),
Orangen, edlere Apfelsorten, besonders bei Bozen (Hauptsorte der
weiße Rosmarinapfel), feine Birnen, Kirschen,
Granatäpfel etc. gezogen werden. Das Erträgnis an Obst
beläuft sich durchschnittlich in T. auf 90,000 metr. Ztr.
Kernobst, 40,000 metr. Ztr. Steinobst, 14,000 metr. Ztr. Nüsse
und Mandeln und 14,500 metr. Ztr. Kastanien. Der Ölbaum wird
in T. mit Erfolg nur in den südlichsten Teilen um Arco und
Riva gezogen; auch die Kultur der Maulbeerbäume ist auf
Südtirol beschränkt. Der Weinbau ist ebenfalls auf
Südtirol und kleine Teile des Pusterthals und Vorarlbergs
beschränkt. Die Weine sind in Deutschtirol vorwiegend
weiß und schiller, in Welschtirol rot, würzig und bei
guter Behandlung wertvoll. Als die vorzüglichsten Sorten
gelten die von Isera bei Roveredo und der Traminer.
Durchschnittlich beträgt die Weinernte 260,000 hl. Den
größten Teil der produktiven Bodenfläche Tirols
nehmen die Waldungen ein, von denen über 10 Proz. auf
Staatsforsten kommen. Eine der Haupterwerbsquellen ist für T.
ferner die Viehzucht. Nach der Zählung von 1880 gab es:
in Tirol in Vorarlberg
Pferde 14307 2680
Esel, Maulesel und Maultiere 4844 25
Rinder 420169 61115
Schafe 246436 12312
Ziegen 102017 12090
Schweine 45961 9684
Bienenstöcke 38962 5927
Der Stand der Pferde ist ein sehr geringer und nur im Pusterthal
von größerer Bedeutung; dagegen ist das Rindvieh sehr
reich und durch mehrere vorzügliche Rassen vertreten. Der
Ertrag an Milch beläuft sich auf 4,3 Mill. hl, jener an Butter
auf 85,000 metr. Ztr., an Käse auf 211,000 metr. Ztr. Zu
besserer Verwertung der Milchprodukte tragen
Molkereigenossenschaften bei. Die Seidenraupenzucht wird in
Südtirol stark betrieben, hat aber durch Raupenkrankheit und
durch den Druck der italienischen Konkurrenz sehr gelitten
(jährlicher Kokonsertrag ca. 14,000 metr. Ztr.). Die Jagd,
eine Lieblingsbeschäftigung der Tiroler, ist nicht mehr so
ergiebig wie früher. Steinböcke, Wildschweine und Hirsche
sind fast ausgerottet, Gemsen und Rehe selten, nur Hasen und
Geflügel noch in größerer Menge vorhanden.
Der Bergbau und Hüttenbetrieb, ehemals in Nordtirol von
hoher Bedeutung, hat fast seine ganze Wichtigkeit verloren.
Für Eisen bestehen 3 Bergwerke und 2 Hochöfen (zu Jenbach
und Pillersee), für Kupfer eine ärarische
Schmelzhütte zu Brixlegg und ein Privatwerk zu Prettau. Die
Hüttenproduktion belief sich 1887 auf 80 kg Silber, 2717 metr.
Ztr. Kupfer und 13,425 metr. Ztr. Roheisen. Außerdem wird
Bleierz (7881 metr. Ztr.), Zinkerz (22,152 metr. Ztr.),
Schwefelkies (18,000 metr. Ztr.) und Braunkohle (zu Häring,
dann zu Wirtatobel in Vorarlberg, zusammen 254,230 metr. Ztr.)
gefördert. Der Wert aller Verkaufsprodukte des Berg- und
Hüttenbetriebs war 592,500 Gulden. Hierzu kommt der Betrieb
der Saline zu Hall mit einer Produktion von 140,500 metr. Ztr. Salz
im Wert von 1,114,000 Guld. Sonstige Produkte des Bodens sind:
Asphalt, Farberde, Gips, Kreide, Quarz, Marmor (bei Laas und
Predazzo), Serpentin, Amethyste, Granate (Ötzthal und
Zillerthal) u. a. In industrieller Beziehung zeichnet sich vor
allem Vorarlberg (s. d.) durch regen Gewerbfleiß aus;
Südtirol hat mit vorwiegender Seidenindustrie auch in dieser
Richtung den Charakter einer italienischen Landschaft; im
übrigen Land bilden Innsbruck und Bozen hervorragende
Mittelpunkte industriellen Betriebs. Die Metallindustrie ist durch
die Werke zu Jenbach und Piller-
723
Tirol (Handel, Verkehrswesen etc.; Geschichte).
see vertreten, welche Gußwaren und Stahl erzeugen.
Außerdem werden Maschinen (Innsbruck und Jenbach),
Kleineisenwaren (im Stubaier Thal), Sensen und Sicheln, Nägel
und Drahtstifte, Nadeln (Fügen), Kupfertiefwaren und Bleche
(Brixlegg), Messing (Achenrain), leonische Waren (Stans) in
größerer Menge erzeugt. Ferner gibt es Fabriken für
Steingut (Schwaz), für Zement (Kirchbichel u. a.), für
Marmorarbeiten, dann Glashütten, Fabriken für
Schießpulver, Dynamit, Bleiweiß, Seife und Kerzen,
Bierbrauereien, Branntweinbrennereien, Fabriken für
konservierte Früchte u. Gemüse (Bozen), für
Kaffeesurrogate, Teigwaren, Tabaksfabriken (Sacco und Schwaz). Der
Textilindustrie dienen, abgesehen von der bedeutenden Vorarlberger
Baumwollindustrie, mehrere Baumwollspinnereien und -Webereien, dann
Fabriken für Schafwollwaren, Filz, Zwirn und Bänder in
Nordtirol. Hierzu kommt die Seidenindustrie von Südtirol mit
den zahlreichen Seidenfilanden und Spinnereien (50,000 Spindeln)
und mehreren Seidensamtfabriken (Ala). Andre in T. vertretene
Industriezweige sind: die Gerberei (namentlich in Roveredo), die
Sumachbereitung, die Fabrikation von Papier, Holzstoff und
Cellulose, die Holzschnitzerei als Hausindustrie (besonders im
Grödner Thal), die Glasmalerei (Innsbruck), die Stickerei,
Spitzenklöppelei, Handschuhfabrikation u. a. Die Lage Tirols
zwischen Deutschland und Italien und die Vorteile wohlerhaltener
Kunststraßen und Eisenbahnen begünstigen den Handel mit
dem In- und Ausland wie auch den Transithandel. Das Land wird von
der Linie Kufstein-Ala (Brennerbahn) mit der durch das Pusterthal
führenden Seitenlinie Franzensfeste-Lienz-Marburg, dann von
den Staatsbahnlinien Salzburg-Wörgl und Innsbruck-Lindau
(Arlbergbahn) durchzogen. Die Gesamtlänge der Eisenbahnen
beläuft sich in T. und Vorarlberg auf 745 km.
Wasserverkehrswege bilden: der Inn von Hall bis zur Grenze (86 km),
der Rhein von Geißau bis zur Einmündung in den Bodensee
(5 km), die Etsch von Branzoll bis zur Grenze (105 km).
Außerdem werden der Boden-, der Garda- und der Achensee mit
Dampfschiffen befahren.
Für den Unterricht sorgen: die Universität zu
Innsbruck, 16 theologische Lehranstalten, 9 Obergymnasien, ein
Realgymnasium, 2 Oberrealschulen, 2 Unterrealschulen, 4 Lehrer- und
3 Lehrerinnenbildungsanstalten; ferner 5 Handelslehranstalten, 31
Gewerbeschulen, 3 landwirtschaftliche Lehranstalten, eine
Hebammenlehranstalt, 16 weibliche Arbeitsschulen und 28 sonstige
Lehr- und Erziehungsanstalten (meist in geistlichen Händen);
endlich 3 Bürger-, 1705 öffentliche und 59 private
Volksschulen. Der für T. bestehende Landtag (Vorarlberg
besitzt seine eigne Landesvertretung) besteht aus dem
Fürsterzbischof von Salzburg, den Fürstbischöfen von
Trient und Brixen, 4 Abgeordneten der Äbte und Pröpste,
dem Rektor der Innsbrucker Universität, 10 Abgeordneten des
Großgrundbesitzes, 13 der Städte, Märkte und
Industrialorte, 3 der Handels- und Gewerbekammern (zu Innsbruck,
Bozen und Roveredo) und 34 Vertretern der Landgemeinden, zusammen
aus 68 Landtagsmitgliedern. In den Reichsrat entsendet T. 18
Abgeordnete. In kirchlicher Beziehung ist das Land unter das
Erzbistum Salzburg (bis zur Ziller) und die Bistümer Brixen
und Trient verteilt. Das Wappen von T. (s. Tafel
"Österreichisch-Ungarische Länderwappen") bildet im
silbernen Feld ein aufrechter roter Adler mit gekröntem, nach
rechts gewandtem Kopf, der von einem Lorbeerkranz umgeben ist, und
mit silbernen Kleestengeln auf den ausgebreiteten Flügeln
(vgl. Busson, Der Tiroler Adler, Innsbr. 1879). Administrativ ist
das Land in 4 Städte mit selbständigem Statut und 24
Bezirkshauptmannschaften eingeteilt, wovon ^3[?] auf Vorarlberg
entfallen. Sitz der Statthalterei ist Innsbruck. Für die
Rechtspflege bestehen: ein Oberlandesgericht zu Innsbruck, 5
Gerichtshöfe erster Instanz und 67 Bezirksgerichte. Die
politische Einteilung von T. (jene von Vorarlberg s. d.) zeigt
folgende Tabelle:
Bezirke
Areal Bevölkerung 1880
in QKil. in QM
Städte:
Innsbruck 0,3 - 20537
Bozen 0,7 - 10641
Roveredo 8 0,1 8864
Trient 18 0,3 19585
Bezirkshauptmannschaften:
Ampezzo 369 6,7 6340
Borgo 729 13,2 43139
Bozen 1734 31,5 65812
Brixen 1203 21,8 26547
Brunek 1835 33,3 35509
Cavalese 765 13,9 23297
Cles 1166 21,2 49594
Imst 1705 31,0 23334
Innsbruck 2101 38,1 54970
Kitzbühel 1164 21,1 23138
Kufstein 1042 18,9 29953
Landeck 1918 34,8 24772
Lienz 2150 39,5 30846
Meran 2398 43,5 58209
Primiero 415 7,5 10983
Reutte 1096 19,9 16137
Riva 350 6,2 24495
Roveredo 708 12,9 52007
Schwaz 1654 30,0 26742
Tione 1230 22,3 36368
Trient 931 16,9 83357
Zusammen: 26690 484,7 805176
Vgl. Beda Weber, Das Land T. (Innsbr. 1837-1838, 3 Bde.; 2.
Aufl. als "Handbuch für Reisende in T.", 1853); Staffler, T.
und Vorarlberg, statistisch und topographisch (das. 1839-46, 2
Bde.); Schneller, Landeskunde von T. (das. 1872); Schaubach, Die
deutschen Alpen, Bd. 2, 4 u. 5 (2. Aufl., Jena 1866-67); Zingerle,
Sitten, Bräuche etc. des Tiroler Volks (2. Aufl., Innsbr.
1871); Hörmann, Tiroler Volkstypen (Wien 1877); Jüttner,
Die gefürstete Grafschaft T. und Vorarlberg (das. 1880);
Egger, Die Tiroler und Vorarlberger (Teschen 1882); Bidermann, Die
Nationalitäten in T. (Stuttg. 1886); "Spezial-Ortsrepertorium
von T." (hrsg. von der statistischen Zentralkommission, Wien 1885);
Grohmann, Tyrol and the Tyrolese (2. Aufl., Lond. 1877);
Schilderungen von Steub, Noë u. a.; Reisehandbücher von
Meyer ("Deutsche Alpen"), Bädeker, Trautwein, Amthor, Meurer
etc.
Geschichte.
T. wurde ursprünglich von rätischen, den Etruskern
oder Rasenna verwandten Stämmen bewohnt, zu welchen auch
Kelten hinzutraten. Vom Bodensee und den Lechquellen nordwärts
hausten die keltischen Vindelizier. Unter Kaiser Augustus eroberten
es die Römer und öffneten es dem Verkehr. Mit dem 2.
Jahrh. begannen die Einfälle germanischer Stämme,
insbesondere der Alemannen. Schon im 4. Jahrh. fand hier das
Christentum Eingang, für welches das Bistum Trient und wenig
später das in Seben errichtet wurde; letzteres wurde im 11.
Jahrh. nach Brixen verlegt. Nach dem Sturz des
abendländischen
46*
724
Tirol (Geschichte).
Kaisertums kam T. unter die Herrschaft der Ostgoten, nach deren
Zertrümmerung der nördliche Teil des Landes von den
Bojoaren (Bayern), der südliche von den Langobarden besetzt
ward. Dann ward T. fränkische Provinz, in Gaue geteilt, deren
Namen sich erhalten haben, wie Vintschgau (Finsgowe), Thal Passeyer
(Passir), Zillerthal (Cillarestal), Pusterthal (Pustrissa),
Innthal, Norithal (das innere T. um den Brenner herum) mit der
Grafschaft Bozen, und von Grafen verwaltet. Nach dem Aussterben des
karolingischen Hauses nahmen es die wieder emporgekommenen
bayrischen Herzöge zum Teil in Besitz. Außer den
geistlichen Fürsten von Brixen und Trient bewahrten ihre
Unabhängigkeit die Grafen von T., welchen der Vintschgau und
ein Teil des Engadin gehörte. Ihre Stammburg war Schloß
T. oberhalb Meran (früher Maias). Schon seit 1001 werden
Grafen von T. erwähnt, doch beginnt eine
regelmäßige Succession erst seit Albrecht I. um 1110.
Einer seiner Nachfolger, Albrecht IV. (1202-53), erwarb 1248 die
Grafschaft Andechs im Oberinnthal bei dem Aussterben der
Herzöge von Meran, welche diesen Titel als Markgrafen des am
Meer liegenden Istrien führten und sich von Friedrich I. von
Dießen (gest. 1020) ableiteten. Die übrigen Besitzungen
dieses Geschlechts in Oberbayern, wo Andechs am Starnberger See
lag, im Norithal (um Brixen) und Pusterthal wurden von den
Herzögen von Bayern und den Bischöfen von Brixen
okkupiert. Das Gebiet einer dritten Familie, nämlich der
Herren von Eppan, welche angeblich zum Geschlecht der Welfen
gehörten, erwarben in 12. Jahrh. die Bischöfe von Trient,
wie z. B. die Grafschaft Bozen. Diesem Stift war auch die
Grafschaft Matrei zugefallen, während das Zillerthal schon
seit dem 11. Jahrh. zum Erzstift Salzburg gehörte. Ein viertes
Geschlecht, die Grafen von Heimföls-Lurenfeld, seit dem 12.
Jahrh. Grafen von Görz genannt, war im
tirolisch-kärntnischen Pusterthal reich begütert. Als
Albrecht IV. von T. 1253 starb, teilten seine Schwiegersöhne,
die Grafen Meinhard I. von Görz und Gebhard von Hirschberg,
die kaum vereinigte Erbschaft; jener erhielt die Besitzungen der
Grafen von T., dieser die der Grafen von Andechs. Doch fiel die
Erbschaft Gebhards durch Kauf wieder an Meinhard II., Enkel des
letzten Grafen von T., welcher 1282 von Kaiser Rudolf I. die
Reichsunmittelbarkeit des nun in seinen Besitzverhältnissen
geschlossenen Landes zuerkannt erhielt, das nunmehr den Namen T.
(Etschland und Innthal) zu führen begann. Meinhards II. Enkel
Heinrich, Herzog von Kärnten und Graf von T., hinterließ
eine Erbtochter, Margarete Maultasch, welche zuerst mit Johann von
Luxemburg und dann mit dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg,
Kaiser Ludwigs ältestem Sohn, vermählt war und nach dem
Tod ihres Sohns Meinhard 1363 das Land an die Herzöge von
Österreich abtrat. 1364 bestätigte der Kaiser diese
Gebietsveränderung im Vertrag zu Brünn, und 1369
erkannten sie auch die bayrischen Herzöge im Schärdinger
Vergleich an. Bei der Teilung der habsburgischen Brüder
Albrecht III. u. Leopold III. (1379) fiel T. an Herzog Leopold, der
1386 bei Sempach fiel. Bei der Teilung von 1406 überkam sein
jüngster Sohn, Herzog Friedrich IV. (mit der leeren Tasche),
das Land samt den schwäbischen Vorlanden in ziemlicher
Verwirrung, die sich durch den Konflikt, in den Friedrich mit dem
Konstanzer Konzil und dem Kaiser Siegmund 1415 geriet, noch
steigerte. Während Friedrich im Gebirge umherirrte, suchte
sich sein Bruder Ernst von Steiermark des Landes zu
bemächtigen; doch kam 1416 eine Versöhnung zwischen den
Brüdern zu stande, und die Grafschaft T. erhielt der Herzog
Friedrich zurück, der nun mit Hilfe des Landvolks den
widerspenstigen Adel demütigte. Von nun an erhielten die
Städte und das Landvolk gleiche politische Rechte mit den zwei
vornehmen Ständen (Landtag zu Meran 1433). Unter seinem Sohn
Siegmund, dem "münzreichen", aber durch verschwenderische
Freigebigkeit stets geldbedürftigen Herrscher, blühte der
Bergbau in T. auf, zumal die Silbergruben von Schwaz ergaben
unermeßliche Ausbeute. Dieser Fürst ist besonders
bekannt durch den Kirchenstreit, der 1455 zwischen ihm und dem
Bischof von Brixen, Nikolaus von Cusa, wegen der Vogtei über
das Nonnenkloster Sonnenburg im Pusterthal sich entspann und 1464
resultatlos endete. Da Siegmund kinderlos war, übergab er die
Grafschaft 1490 seinem Neffen, dem König Maximilian I., der
sie 1504 durch das Zillerthal, Kufstein, Kitzbühel,
Rattenberg, das kärntnische Pusterthal zwischen Ober-Drauburg
und Lienz, ferner gegen Italien durch die Reichsvikariate Ala,
Avia, Mori, Brentonico, das Grenzgebiet von Covolo (Kofel) und
Pudestagno (Peutelstein), ferner Riva und Roveredo
vergrößerte und ihr den Titel gefürstete Grafschaft
beilegte. Ferdinand I. trat der Reformation entgegen, die seit 1522
im Land Eingang gefunden hatte, unterdrückte zwar 1525 den
Bauernaufstand, den in Brixen Michael Geißmayer angestiftet
hatte, mußte aber die freie Predigt nach dem Wort Gottes
gestatten. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. ward
durch das Zusammenwirken des katholischen Adels und der Regierung
in Innsbruck bewirkt, daß T. von den Protestanten verlassen
wurde. Nach Ferdinands I. Tod (1564) übernahm sein zweiter
Sohn, Erzherzog Ferdinand, der Gemahl der schönen Philippine
Welser von Augsburg, die Regierung; da Ferdinand keine
erbberechtigten Söhne hinterließ, so fiel nach seinem
Tod (1594) das Land wieder an die kaiserliche Familie, bis 1602
Rudolf II. seinen Bruder Maximilian zum Regenten bestellte. Nach
dessen Tode trat (1618) Erzherzog Leopold aus der steirischen Linie
ein, der Gatte Claudias von Medici, welche nach seinem Ableben als
Vormund des Sohns die Grafschaft verwaltete (1632-46). Auf Claudia
folgten noch ihre beiden Söhne, zuerst Ferdinand Karl, dann
Franz Siegmund, der 1665 starb. Mit ihm erlosch die steirische
Nebenlinie in T., und dieses wurde jetzt wieder von Wien aus
regiert. Kaiser Leopold I. stiftete 1673 die Universität zu
Innsbruck. Im spanischen Erbfolgekrieg (1703) unternahm Max Emanuel
von Bayern eine Expedition nach T., die anfangs gelang, bald aber
durch die Tapferkeit des Landsturms den Bayern ebenso verderblich
ward wie den Franzosen, die unter Vendôme von Italien her bis
Trient vorgedrungen waren. Durch den
Reichsdeputationshauptschluß von 1803 erhielt Kaiser Franz
II. die geistlichen Fürstentümer Brixen und Trient. Im
Frieden zu Preßburg fiel T. an Bayern; 11. Febr. 1806
erfolgte die Übergabe. Die Einmischung der neuen Regierung in
viele Dinge, welche die Wiener Hofräte bisher klüglich
unberührt gelassen, die bedeutenden Geldverluste, welche die
Entwertung der das Land überschwemmenden Bankozettel
verursachte, die Störung des altgewohnten Absatzes in den
Erbländern, die Einführung neuer Steuern und die
Konskription, die Auflösung der Tiroler Landschaft, die
Beseitigung selbst des Namens "T.", namentlich aber die
Verminderung der Feiertage und Klöster: dies alles erzeugte im
Land eine
725
Tiroler Grün - Tisch.
den Bayern sehr feindliche Stimmung und bereitete den heimlichen
Aufforderungen Erzherzog Johanns und Hormayrs in Wien zum Aufstand
einen günstigen Boden. So entzündete sich im April 1809
jener Volkskrieg unter den Helden Andreas Hofer (s.d.), Speckbacher
u. a., nach dessen unglücklichem Ende im Wiener Frieden von
1809 T. in drei Teile zerrissen ward: Welschtirol mit Bozen fiel an
das Königreich Italien, Oberpusterthal an Illyrien, und das
übrige blieb bei Bayern. Nach dem Fall des französischen
Kaiserreichs 1814 wurde das ganze Land wieder mit Österreich
vereinigt. Durch das Patent vom 24. März 1816 stellte Kaiser
Franz die Verfassung in etwas veränderter Gestalt wieder her.
T. fügte sich weniger gern als die andern deutschen
Kronländer in den durch das Februarpatent von 1861 (s.
Österreich, S. 521) in Österreich geschaffenen Zustand;
eine Adresse der alttiroler Partei vom 15. Febr. 1861 hatte
geradezu die Aufrechterhaltung der alten ständischen
Gliederung verlangt. Dazu weigerte sich der italienische
Süden, den Landtag zu beschicken, und verlangte eine
Abtrennung der italienischen Bezirke von den deutschen. Die
Abneigung der Massen, namentlich auf dem Land, gegen die neue
Ordnung der Dinge wuchs noch, als das Patent vom 8. April im
Prinzip die Gleichstellung der Protestanten aussprach. Doch hatte
die Adresse des allein aus Vertretern von Deutschtirol
zusammengesetzten Landtags, welcher auf Antrag des
Fürstbischofs von Brixen an den Kaiser die Bitte richtete, die
Ausübung des öffentlichen Gottesdienstes, die Bildung
kirchlicher Gemeinden, den Erwerb von Realbesitz den Protestanten
in T. nicht zu gestatten, keinen Erfolg. Die Sistierung der
Verfassung nach Schmerlings Sturz 1865 rief in T. keine
oppositionelle Kundgebung hervor, weil die Regierung T. in Absicht
auf das Protestantenpatent bedeutende Zugeständnisse machte.
So wurde durch das Gesetz vom 7. April 1866 die Bildung
protestantischer Gemeinden von der Einwilligung des Landtags
abhängig gemacht. Daher gab sich für die
Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Zustände
1867 in dem Landtag Tirols geringe Sympathie zu erkennen; indessen
erfolgte doch der Beschluß, den Reichsrat zu beschicken. Die
liberalen österreichischen Gesetze über Kirche und Schule
stießen in T. natürlich auf große Abneigung und im
Landtag auf Opposition. Alle Versuche des verfassungstreuen
Ministeriums, eine liberale Mehrheit durch Neuwahlen zum Landtag zu
erreichen, waren vergeblich. Auch nach dem Eintritt der
Welschtiroler in den Landtag (1875) blieb die Mehrheit ultramontan
und protestierte ebenso wie die Bischöfe immer wieder gegen
die konfessionslose Schule und für die Glaubenseinheit. Vgl.
v. Hormayr, Geschichte der gefürsteten Grafschaft T.
(Tübing. 1806-1808, 2 Bde.); Egger, Geschichte Tirols (Innsbr.
1872-80, 3 Bde.); über einzelne Perioden: A. Huber, Geschichte
der Vereinigung Tirols mit Österreich (das. 1864); v. Hormayr,
T. und der Tiroler Krieg von 1809 (2. Aufl., Leipz. 1845); A.
Jäger, Zur Vorgeschichte des Jahrs 1809 in T. (Wien 1852); "T.
unter der bayrischen Regierung" (Aarau 1816); A. Jäger,
Geschichte der landständischen Verfassung Tirols (Innsbr.
1880-1885, 2 Bde.) und andre Werke des Verfassers; Streiter,
Studien eines Tirolers (für die neuere Zeit, Leipz. 1862);
"Archiv für Geschichte und Altertumskunde Tirols" (Innsbr.
1864-68); "Acta Tirolensia" (das. 1886 ff.); "Zeitschrift des
Ferdinandeums für T." (das., seit 1825).
Tiroler Grün, s. Berggrün.
Tiroler Weine, im allgemeinen eher leichte als geistige,
wenig saure Weine, denen es an Parfüm, häufig an
Körper, meist an Haltbarkeit fehlt. Man gewinnt Rot- und
Weißweine, erstere besonders im Etschthal, letztere in der
Umgegend von Trient und Roveredo, wo auch vorzügliche
Likörweine bereitet werden. Man unterscheidet Leiten- oder
Collinenweine von den Anhöhen und den Buchten der Berge, reich
an Alkohol und Körper, von angenehmem Geschmack und
stärkendem Weingeruch, und Bodenweine aus der Tiefebene, ohne
Boukett, dick und nicht haltbar. Die vorzüglichsten Weine
Tirols sind: der Isera, weiß und rot, voll Geist und Feuer,
der braune Vin santo oder Pasqualino, der köstliche
weiße Terlaner, voll Feuer und Süße, der
dunkelrote Natalino, ein Strohwein von Roveredo, der dunkelbraune,
lieblich süße Muscato bianco, der dunkel rubinrote
Traminer und der Marziminer von Ala und Tramin, letzterer
feingeistig und körperreich, dem Veltliner ähnlich, der
Seeburger von Brixen, die Weine von Glanig und Leitach, wo der von
Vergil besungene Lieblingswein des Kaisers Augustus wuchs, der
Kalterer Seewein, Maddalena etc.
Tironische Noten, s. Tiro.
Tirschenreuth, Bezirksamtsstadt im bayr. Regierungsbezirk
Oberpfalz, an der Waldnab und an der Linie Wiesau-T. der Bayrischen
Staatsbahn, 500 m ü. M., hat 4 Kirchen, ein Schloß, ein
Waisenhaus, ein Amtsgericht, ein Forstamt, Porzellan-, Tuch- und
Zementziegelfabrikation, eine Dampfschneidemühle und (1885)
2829 meist kath. Einwohner. T. ist Geburtsort des Germanisten
Schmeller.
Tirschtiegel, zwei Städte im preuß.
Regierungsbezirk Posen, Kreis Meseritz, durch die Obra getrennt:
Alt-T., mit kath. Kirche und (1885) 965 meist kath. Einwohnern;
Neu-T., mit evangelischer und altluther. Kirche und Synagoge und
(1885) 1502 meist evang. Einwohnern. T. hat ein Amtsgericht, ein
Johanniterkrankenhaus u. starken Hopfenbau. Nahebei das
Schloß T.
Tirso (im Altertum Torsus), der bedeutendste Fluß
der Insel Sardinien, entspringt im nordöstlichen Teil
derselben, fließt südwestlich und mündet in den
Golf von Oristano; 135 km lang.
Tirso de Molina, Dichter, s. Tellez.
Tiryns, sehr alte Stadt in Argolis, südöstlich
von Argos, der Sage nach Sitz des Perseus und Herakles und von
lykischen Kyklopen mit riesigen (Steine von 3 m Länge und 1 m
Dicke), zum Teil noch erhaltenen Mauern, in welchen Kammern und
überdeckte Gänge ausgespart sind, befestigt, was auf
orientalische Einflüsse deutet. In T. erhielt sich die alte
achäische Bevölkerung im Gegensatz zur dorischen in
Argos. Darum stete Feindschaft, welche 465 v. Chr. mit der
Zerstörung der Stadt durch die Argiver endete. Die Ruinen,
durch die Ausgrabungen Schliemanns 1884 bis 1885 bekannt, welche
die Fundamente einer Fürstenburg aus Homerischer Zeit
bloßgelegt haben, heißen heute Paläa Nauplia. Vgl.
Schliemann und Dörpfeld, Tiryns (Leipz. 1885).
Tisane (franz.), s. Ptisane.
Tisch, in der Turnkunst (s. d.) ein zu Übungen des
gemischten Sprunges verwendetes, nur auf wenigen Turnplätzen
eingeführtes, hier aber sehr beliebtes Turngerät, etwa 2
m lang, 1 m breit, die Platte mit dichter Polsterung versehen, die
Füße mit Ständern in Röhren zum Stellen in
verschiedene Höhe (zwischem 1¼ und 1¾ m). Wegen
seiner Größe springt man an ihm gern mit dem stark
federnden Schwungbrett (Tremplin). Vgl. J. K. Lion, Die
Turnübungen des
726
Tischbein - Tischreden.
gemischten Sprunges (2. Aufl., Leipz. 1876). Eine Abart des
Tisches ist der weit kleinere Kasten (Springkasten), den die
preußische Militärgymnastik zu den Übungen des
Voltigierens an Stelle des Pferdes (s. d.) eingeführt, aber
wieder abgeschafft hat.