arab. Großkaufmann und Pflanzer, früher auch
Sklavenhändler am obern Congo, welcher an diesem Fluß
oberhalb der Stanleyfälle die Stationen Kibonge, Riba Riba und
Kasongo (die letzte, etwas abseits vom Congo oberhalb Njangwe
gelegen, ist die Hauptstation) nebst zahlreichen andern kleinen
Handelsposten besitzt, gegenwärtig auch als Gouverneur der
Station Stanley Falls im Dienste des Congostaats steht. T. wurde
uns zuerst durch Cameron bekannt, dem er 1874 bei seiner
Durchquerung Afrikas über den Lualaba bis nach Utotera (5°
südl. Br. und 25° 54' östl. L. v. Gr.) das Geleit
gab. Als Stanley 1876 seine denkwürdige Entdeckungsreise den
Congo abwärts machte, lieh ihm T. seinen wertvollen Beistand,
namentlich zur Überwindung der Stanleyfälle. Schon zu
jener Zeit war T. ein höchst einflußreicher Mann,
seitdem wuchs sein Einfluß noch mehr, wiewohl ihn seine
Handelsunternehmungen in große Abhängigkeit von den
indischen Händlern an der ostafrikanischen Küste
brachten, die ihn das Anerbieten Stanleys bei dessen Zug zu Emin
Pascha, in die Dienste des Congostaats zu treten und Stanley bei
seinem Unternehmen zu unterstützen, bereitwilligst annehmen
ließ. Nach einem Anfang 1887 abgeschlossenen Vertrag nahm T.
die Würde eines Gouverneurs des Congostaats am obern Congo
gegen einen Monatsgehalt von 30 Pfd. Sterl. an, mit der
Verpflichtung, das ihm unterstellte Gebiet gegen alle Angriffe von
Arabern und Eingebornen zu schützen, unterhalb Stanley Falls
selbst keinen Sklavenhandel zu betreiben, auch diesen Handel von
andrer Seite in aller Weise zu verhindern. Ein Beamter des
Congostaats wurde ihm als Resident beigegeben, um T. zu
überwachen. T. verpflichtete sich ferner, für Stanleys
Expedition zu Emin Pascha von den Stanleyfällen und
zurück 600 Träger gegen eine Zahlung von 6 Pfd. Sterl.
für den Mann zu beschaffen. Mit diesen Trägern
beabsichtigte Stanley, die von Emin Pascha aufgespeicherten 75 Ton.
Elfenbein im Wert von 60,000 Pfd. Sterl. zur Küste zu bringen
und damit die von der ägyptischen Regierung ihm für sein
Unternehmen vorgestreckte Summe zurückzuzahlen. Stanley
schloß diesen Vertrag mit T. in Sansibar ab und nahm diesen
mit 40 seiner Leute von dort zur Congomündung und dann mit der
Expedition den Congo aufwärts bis zur Aruwimimündung mit,
T. ging darauf zu den Stanley Falls, um diese 26. Aug. 1886 von den
Arabern zerstörte Station wieder einzurichten; indessen
erfüllte er sein Versprechen, Träger für Stanley zu
stellen, erst nach dessen Rückkehr von Emin Pascha zum Lager
Bunalya am Aruwimi, und auch da sandte er nur 100 Mann.
Tipton (spr. tippton), Stadt in Staffordshire (England),
bei Dudley, hat Kohlen- und Eisengruben, Gießereien,
Kettenschmieden, Maschinenbau und (1881) 30,013 Einw.
Tipuani, Bergdorf im Departement La Paz der Republik
Bolivia, am Ostabhang der Binnenkordillere, 580 m ü. M.,
bekannt durch seine Goldwäscherei.
Tipula, Schnake, Bachmücke; Tipulariae
(Mücken), Familie aus der Ordnung der Zweiflügler, s.
Mücken.
Tiraboschi (spr. -ski), Girolamo, ital.
Litterarhistoriker, geb. 28. Dez. 1731 zu Bergamo, bei den Jesuiten
in Monza gebildet, nahm die geistlichen Weihen und lehrte in
Mailand und Novara an niedern Schulen, bis er die Professur der
Rhetorik an der Brera zu Mailand erhielt; 1770 wurde er Abt und
Oberbibliothekar beim Herzog Franz II. von Modena. Hier benutzte er
die ansehnlichen litterarischen Hilfsmittel, die ihm zu Gebote
standen, zur Ausarbeitung seiner berühmten "Storia della
letteratura italiana" (Modena 1772-82, 14 Bde.; 2. Ausg. 1787-93,
16 Bde.; Flor. 1805-12, 20 Bde.; am besten Mail. 1822-26, 16 Bde.;
deutsch im Auszug von Jagemann, Leipz. 1777-81, 6 Bde.), eines
Werkes von erstaunlicher Gelehrsamkeit, Genauigkeit und
Vollständigkeit, das von den ersten Anfängen
wissenschaftlicher Bildung in Italien bis zum Beginn des 18. Jahrh.
reicht und den gesamten Schriftschatz in allen seinen Zweigen
behandelt. T. starb als Ritter (cavaliere) und herzoglicher Rat 3.
Juni 1794 auf seinem Landgut bei Modena. Von seinen übrigen
Schriften sind die "Biblioteca Modenese" (Modena 1781-1786, 5 Bde.)
und die "Memorie storiche Modenesi^ (das. 1793, 6 Bde.) namhaft zu
machen.
Tirade (franz.), ein längerer deklamationsartiger
Worterguß, weitschweifiger Wortschwall; in der Musik eine
Verzierungsmanier, bestehend aus einer Anzahl
stufenmäßig aufeinander folgender schneller Noten, die
ein größeres Intervall ausfüllen.
Tirailleure (franz., spr. -ra[l]jöhre), in
aufgelöster Ordnung kämpfende Mannschaften der Infanterie
(Plänkler, Schützen); vgl. Schwärmen.
Tirailleurfeuer, s. Schießen.
Tirana, 120 m hoch und sehr schön gelegene Stadt im
türk. Wilajet Skutari, westlich von Durazzo, um 1600 n. Chr.
gegründet, hat einen großen Bazar, viele Moscheen und
Gärten, eine kath. Kirche und 22,000 meist mohammedan.
Einwohner.
Tirano, Flecken in der ital. Provinz Sondrio, im Veltlin,
an der Adda, mit einigen Palästen aus dem 16. Jahrh.,
besuchten Märkten, Weinbau und (1881) 3036 Einw. Unweit am
Eingang in das Thal Poschiavo (Puschlav) die berühmte
Wallfahrtskirche Madonna di T. aus weißem Marmor.
Tirard (spr. -rár), Pierre Emmanuel, franz.
Mi-
720
Tiraspol - Tiro.
nister, geb. 27. Sept. 1827 zu Genf von französischen
Eltern, lernte die Goldarbeiterkunst, begab sich 1846 nach Paris
und erhielt hier eine Anstellung in der Verwaltung der
Straßen und Brücken. Doch nahm er 1851 wieder seine
Entlassung und begründete ein Exportgeschäft für
Bijouterie- und Goldschmiedewaren, das einen guten Fortgang hatte.
An der Politik nahm er regen Anteil und schloß sich der
radikalen Partei an. Nach dem Sturz des Kaiserreichs 4. Sept. 1870
ward er Maire des sechsten Arrondissement von Paris. Bei dem
Ausbruch des Aufstandes vom 18. März 1871 wurde er zum
Mitglied der Kommune erwählt, sagte sich aber bald von ihr los
und ging nach Versailles, um zwischen der Nationalversammlung und
der Kommune eine friedliche Vermittelung zu versuchen, was jedoch
erfolglos blieb. Seit 8. Febr. 1871 Mitglied der
Nationalversammlung und seit 1876 Deputierter, schloß er sich
den radikalen Republikanern an. Er war vom März 1879 bis
November 1881 und vom Januar bis August 1882 Minister für
Handel und Ackerbau, vom August 1882 bis März 1885
Finanzminister und vom Dezember 1887 bis April 1888 und wieder seit
21. Febr. 1889 Ministerpräsident. Auch ist er Senator.
Tiraspol, Kreisstadt im russ. Gouvernement Cherson, am
Dnjestr und an der Eisenbahn von Odessa nach Jassy, hat eine in der
Nähe befindliche Festung, 4 Kirchen (darunter eine der
Altgläubigen), 2 Synagogen und (1887) 24,898 Einw. Die
Industrie besteht in Getreidemüllerei (Dampfmühle),
Gartenbau, Talgsiederei, Lichte- und Tabaksfabrikation.
Tiraß, Decknetz zum Fang von Wildgeflügel.
Tiratelli, Aurelio, ital. Maler, geb. 1842 zu Rom, war
seit 1856 Schüler der St. Lukas-Akademie und widmete sich
anfangs der Plastik. Nachdem er unter andern das Denkmal des
mexikanischen Gesandten Baron Guerra auf dem Campo santo zu Rom
geschaffen, wandte er sich seit 1873 der Landschafts-, Genre- und
Tiermalerei zu. Von seinen durch sorgfältige Detailbehandlung
und Lebendigkeit der Darstellung ausgezeichneten Gemälden,
deren Motive er ausschließlich Rom und seiner Umgebung
entnimmt, sind hervorzuheben: Viehmarkt in der römischen
Campagna, ein Eisenbahnunglück, Landleute auf einem von
Büffeln gezogenen Wagen (Museum zu Triest), Ernte in der
Campagna, Erntewagen in der römischen Campagna, eine
Ochsenherde auf der Landstraße, Büffelkampf in der
Campagna und eine Büffelversammlung an einem Sumpf.
Tire, Stadt im asiatisch-türk. Wilajet Aidin, am
Kütschük Menderes, 55 km südöstlich von Smyrna,
mit welchem es durch Eisenbahn verbunden ist, mit etwa 13,000
Einw.
Tireboli, Stadt im asiatisch-türk. Wilajet Tarabozon
(Trapezunt), 82 km westlich von Trapezunt am Schwarzen Meer
gelegen, mit 2-3000 meist türk. Einwohnern, Post, Telegraph
und einer verfallenen Festung. T. ist das antike, von Griechen aus
Milet im 8. Jahrh. v. Chr. gegründete Tripolis.
Tiree (Tyree, spr. tirrih), Insel der innern Hebriden,
zur schott. Grafschaft Argyll gehörig, 70 qkm groß mit
2730 Einw. Ben Haynish (132 m) ist der höchste Punkt; etwa der
dritte Teil der Insel ist angebaut. Vorzüglicher Marmor wird
gebrochen.
Tire-haut! (franz., spr. tir-oh), Zuruf, um bei der Jagd
auf vorbeistreichendes Federwild aufmerksam zu machen.
Tires (engl., spr. teirs), eiserne oder stählerne
Radkränze für Lokomotiven- u. Eisenbahnwagenräder
etc.
Tiresias, s. Teiresias.
Tiret (franz., spr. tirä), Bindestrich,
Gedankenstrich.
Tirguschu (rumän. Tirgu-Jiu, Targulu-Jiuliu),
Hauptstadt des rumän. Kreises Gorschi, am Schiul (Jiu), Sitz
des Präfekten und eines Tribunals, hat 5 Kirchen, eine
Normalschule und 3712 Einw.
Tirhaka (ägypt. Talhaka), dritter äthiop.
König von Ägypten, schlug 701 v. Chr. den assyrischen
König Sanherib bei Altaku, wodurch er das Reich Juda von den
Assyrern befreite, wurde aber 672 von dem König von Assyrien,
Assarhaddon, vertrieben und versuchte vergeblich, Ägypten
wiederzuerobern.
Tirhala, Stadt, s. Trikkala.
Tirlemont (spr. tirl'mong, vläm. Thienen), Stadt in
der belg. Provinz Brabant, Arrondissement Löwen, an der
Großen Geete, Knotenpunkt an der Eisenbahn
Brüssel-Lüttich, früher befestigt, seit dem
Mittelalter sehr zurückgegangen, hat eine schöne gotische
Liebfrauenkirche (1298 gegründet), die Kirche St.-Germain (12.
Jahrh.), eine Bibliothek, ein Kommunalcollège, Fabrikation
von Dampfmaschinen, Flanell, wollenen Strümpfen, Leder,
Zucker, Öl etc., Getreide- und Wollhandel und (1888) 15,315
Einw. Hier 16. März 1793 Sieg der Franzosen unter Dumouriez
über die Österreicher.
Tirmentau, westlicher Gebirgszug des Urals im
Gouvernement Ufa, Kreis Sterlitamak; 3 km vom Dorf Chasina ist in
einem der Felsen eine große Höhle, welche Lepechin
beschrieben hat.
Tirnau (ungar. Nagyszombat), königliche Freistadt im
ungar. Komitat Preßburg, an der Waagthalbahn, mit 9
römisch-kath. Kirchen (darunter der 1389 erbaute Dom),
mehreren Klöstern, einer evang. Kirche und (1881) 10,830
deutschen, slowakischen und ungar. Einwohnern, die Gewerbe, Handel
und Weinbau treiben. T. hat eine Zuckerfabrik, eine kath.
Lehrerpräparandie, ein kath. Obergymnasium, ein kath. Seminar,
ein Bezirksgericht, ein großes Militärinvalidenhaus mit
Spital und Irrenanstalt, ein Komitatsspital, ein Theater und ein
Denkmal zur Erinnerung an die 14. Dez. 1848 gefallenen
Honvéds. Bis 1773 bestand hier eine Universität.
Tirnowa (d. h. Dornburg), Kreishauptstadt in Bulgarien,
an der Jantra, zwischen höchst abenteuerlich geformten
Kalkfelsen erbaut, ehemals die Hauptstadt des Landes, Ausgangspunkt
mehrerer Straßen über den Balkan, hat Moscheen, mehrere
byzantin. Kirchen, Bäder, bedeutenden Zwischenhandel und
(1887) 11,314 Einw. (meist Bulgaren). Von der früher lebhaften
Webindustrie hat sich nur die Fabrikation groben Tuches, ferner
Färberei sowie Seidenzucht erhalten.
Tiro (lat.), junger Soldat, Rekrut; überhaupt
Anfänger, Neuling; daher Tirocinium, der erste Feldzug eines
Soldaten; die erste Probe in einer Sache; auch Titel von
Lehrbüchern für Anfänger.
Tiro, Marcus Tullius, röm. Gelehrter, geboren um 94
v. Chr., anfänglich Sklave, seit 54 Freigelassener des Cicero,
dem er durch besondere Gelehrsamkeit und Geschicklichkeit ein
geschätzter Begleiter und Gehilfe wurde. Nach Ciceros Tod zog
er sich auf ein kleines Landgut bei Puteoli zurück, wo er,
fast hundertjährig, 5 n. Chr. starb. Von seinen Schriften sind
uns nur einzelne Bruchstücke erhalten. Er gab die Werke
Ciceros heraus, sammelte und veröffentlichte dessen Witzworte
und schrieb eine Biographie desselben, welche Plutarch im "Leben
Ciceros" benutzt hat. Außerdem verfaßte er eine Schrift
über den lateinischen Sprachgebrauch und eine große
Encyklopädie unter dem Titel: "De variis atque promiscuis
quaestionibus". Am bekanntesten aber ist T.
TIROL
Maßstab 1: 1.100,000
Die Sitze der Bezirkshauptmannschaften sind unterstrichen.
721
Tirol (Bodenbeschreibung, Bewässerung, Klima).
wegen der Erfindung der altrömischen Kurzschrift, die man
seitdem 16. Jahrh. als die Tironischen Noten bezeichnet. Das
Alphabet der Tironischen Stenographie ist gebildet durch
Verkürzung und Vereinfachung der römischen
Majuskelzeichen. In der Verbindung miteinander erfahren die
Tironischen Buchstaben mancherlei Modifikationen und
Verschmelzungen, für einige Vokale besteht eine einfache
symbolische Bezeichnung an dem vorangehenden Konsonantenzeichen.
Als Abkürzungen benutzt, stehen die Tironischen
Buchstabenzeichen für häufig vorkommende Wörter, und
zwar werden durch Benutzung kleiner diakritischer Merkmale, durch
Ansetzen von Endungszeichen u. dgl. aus einem einzigen
alphabetischen Zeichen oft viele Abkürzungen dieser Art
gebildet. Bei der Mehrzahl der nicht auf solche Weise
gekürzten Wörter geschieht die notwendige Vereinfachung
durch Buchstabenauslassen, in dessen Vornahme eine systematische
Regelmäßigkeit nicht erkannt werden kann. Das geschickte
Verwerten des Punktes und der verkleinerten Buchstaben als
Nebenzeichen liefert weitere Mittel zur Kürzung, die auch im
zusammenhängenden Satz ihre Anwendung findet (Schriftprobe s.
auf Tafel "Stenographie"). Aus zahlreichen Stellen der alten
Autoren wissen wir, daß Geschwindschreiber (notarii) mit den
Tironischen Noten öffentliche Reden und Verhandlungen
wörtlich aufnahmen. Unter den Kaisern ward das Tironische
Notensystem als Lehrgegenstand in den Schulen vorgetragen. Mit dem
Sinken des römischen Reichs schwand auch die Kenntnis der
Tironischen Noten, doch erlebten diese unter den Karolingern noch
eine Nachblüte, ehe sie ganz der Geschichte anheimfielen.
Unsre Kenntnis der Tironischen Noten beruht teils auf ganzen Werken
oder einzelnen Abschnitten in Tironischen Zügen, die sich
erhalten haben, teils auf lexikonähnlichen Lehrbüchern.
Die ältesten Handschriften dieser Art stammen aus dem 8.
Jahrh. n. Chr. Vgl. Engelbronner, De M. T. Tirone (Amsterd. 1804);
Mitzschke, M. T. Tiro (Berl. 1875); Egger, Latini sermonis
vetustioris reliquiae selectae (Par. 1843); Kopp, Palaeographia
critica (Mannh. 1817); Schmitz im "Panstenographikon" Leipz.
(1869-74); Lehmann, Quaestiones de notis Tironis et Senecae (das.
1869); Mitzschke, Quaestiones Tironianae (Berl. 1875); Rueß,
Über die Tachygraphie der Römer (Münch. 1879);
Zeibig, Geschichte und Litteratur der Geschwindschreibkunst (2.
Aufl., Dresd. 1878); Lehmann, Das Tironische Psalterium der
Wolfenbüttler Bibliothek (Leipz. 1885).
Tirol (hierzu Karte "Tirol"), österreich. Kronland,
gefürstete Grafschaft, grenzt mit Einschluß von
Vorarlberg (s. d.) westlich an die Schweiz und Liechtenstein,
nördlich an Bayern, östlich an die österreichischen
Kronländer Salzburg und Kärnten, südlich an Italien
und umfaßt ohne Vorarlberg 26,690 qkm (484,73 QM.), mit
Vorarlberg aber 29,293 qkm (531,99 QM.). T. ist das gebirgigste
Land Österreichs und hat Anteil an dem nördlichen,
mittlern und südlichen Zug der Alpen. Die nördliche
Gebirgsmasse beginnt mit den Vorarlberger (Algäuer) Alpen und
dem Bregenzer Wald, welche sich vom Bodensee bis zum Lech hinziehen
(Rote Wand 2705 m, Hochvogel 2589 m, Arlberg mit Paß 1797 m)
und in den Nordtiroler Alpen mit dem Wettersteingebirge (Zugspitze
2960 m), dem Karwändelgebirge (2736 m) und dem Solstein (2655
m) ihre Fortsetzung finden. Den nordöstlichsten Teil Tirols,
jenseit des Inn, erfüllen die Kitzbühler Alpen (Breithorn
2496 m) und das denselben nördlich vorlagernde Kaisergebirge
(2375 m). Die Zentralzone der Alpen beginnt in T. mit dem
Rätikon (Scesaplana 2963 m) und den nördlichen
Ausläufern der Rätischen Alpen (Albuinkopf 3313m), setzt
sich in dem gletscherreichen Massiv der Ötzthaler Alpen
(Wildspitze 3776 m), in der Stubaier Gruppe (Zuckerhütl 3508
m) und den Sarnthaler Alpen (Hirzer 2781 m) fort. Der
Brennerpaß scheidet diesen westlichen Teil von dem
östlichen Zug der Zentralalpen, dem Zillerthaler Gebirgsstock
(Hochseiler 3506 m) und den Hohen Tauern (s. d.), von welchen sich
an der Tiroler Grenze noch die Dreiherrnspitze und der
Großvenediger erheben. Dem südlichen Alpenzug
gehören in T. an die Gruppen des Ortler (s. d.), des
höchsten Bergs des Landes und der Monarchie (3905 m), des
Adamello und der Presanella (3547 m), die Brentagruppe (3179 m),
die westlichen Trientiner Alpen; dann östlich vom Etschthal
die Lessinischen Alpen (Cima Dodici 2331 m), die Südtiroler
Dolomitalpen (Vedretta Marmolata 3494 m), die Fassaner und
Ampezzaner Alpen, endlich an der Grenze gegen Kärnten die
Karnischen Alpen. Die wichtigsten Alpenpässe in T. sind: das
Reschenscheideck, der Brenner, der Arlberg, das Stilfser Joch,
Finstermünz, Tonale, die Ehrenberger Klause, der Scharnitz-
und Achenpaß (diese drei nach Bayern), der Strub-, Thurn- und
Gerlospaß (diese drei nach Salzburg). Die Hauptthäler
sind: das Ober- und Unterinnthal, das Etsch- und Eisack- und das
Pusterthal. Unter den Nebenthälern sind besonders das
Ötz-, Wipp- und Zillerthal, Fleimser, Fassa- und Grödner
Thal, Sulzberg und Nonsberg, Giudicarien und Valsugana
hervorzuheben. Das nördliche T. gehört zu dem
Flußgebiet des Rheins und der Donau, zu letzterm auch der
östliche Teil des Pusterthals, aus welchem die Drau nach
Kärnten übertritt. Alles übrige gehört zum
Gebiet des Adriatischen Meers. Der Rhein empfängt aus
Vorarlberg die Ill, während die Bregenzer Ache in den Bodensee
direkt mündet. Der Inn betritt das Land bei Finstermünz
und verläßt es unterhalb Kufstein, nachdem er die
Rosana, den Ötzbach, Sill und Ziller aufgenommen. Ganz im N.
Tirols entspringen der Lech und die Isar, die aber bald nach Bayern
übergehen. Der Hauptfluß des südlichen T. ist die
Etsch (Adige), die links die Passer, den Eisack und den Avisio,
rechts den Noce aufnimmt und bei Borghetto in das Venezianische
übertritt. Außerdem sind von Flüssen zu nennen: im
SW. die Sarca, im SO. die Brenta. Unter den Seen sind der Boden-
und der Gardasee, deren Spiegel nur zum Teil zu T. gehören,
die größten; außer diesen beiden gibt es nur
kleinere Seen, z. B. der Achensee, der Brennersee, der See von
Caldonazzo, der Loppiosee. Die berühmtesten der zahlreichen
(123) Mineralquellen sind die von Rabbi, Prags, Maistatt, Innichen,
das Brennerbad und das Mitterbad im Thal Ulten. Das Klima Tirols
ist sehr verschieden, indem die zentrale Gebirgskette eine
Klimascheide bildet. Nördlich von derselben ist die Temperatur
vorherrschend rauh und kalt; südlich von der Zentralkette,
namentlich im Etschthal, erreicht die Sommerwärme oft eine
unerträgliche Höhe. Die mittlere Jahrestemperatur
beträgt in Innsbruck +8° C., in Bludenz +8½°
C., in Lienz +7½° C., in Trient dagegen +12,6° C. Im
nördlichen T. beträgt der Regenniederschlag
gewöhnlich 88-122 cm im Jahr, in Südtirol etwa 94 cm. Die
niedrigern Striche des Innthals, wie das Zillerthal, haben
ergiebiges Ackerland; im Etschthal erinnert schon die ganze Natur
an Italien, und hier ist der Boden überaus fruchtbar.
Die Bevölkerung von T. betrug mit Einschluß
722
Tirol (Bevölkerung, Naturprodukte, Bergbau, Industrie).
von Vorarlberg 1869: 885,789, 1880: 912,549, ohne dasselbe 1869:
782,753, 1880: 805,176 Seelen und zeigt eine sehr geringe Zunahme
(jährlich etwas über ¼ Proz.); für Ende 1887
wird die Zivilbevölkerung von T. mit 805,728 (hierzu
Militär ca. 8140 Mann), für Vorarlberg mit 110,525
(Militär ca. 130 Mann), zusammen mit 916,253 Bewohnern (hierzu
Militär ca. 8270 Mann) berechnet. Auf 1 qkm kommen im
Durchschnitt 31 Einw. (in Vorarlberg 41). Von der Bevölkerung
gehören 60 Proz. der deutschen, 40 Proz. der italienischen
Nation an. Am weitesten zieht sich die deutsche Bevölkerung an
der Etsch hinab. Die herrschende Religion ist die katholische, die
Protestanten bilden bis jetzt nur wenige kleine Gemeinden; ihre
Zahl betrug 1880: 2190, die der Juden 542. Die geistige Bildung des
Tirolers ist infolge klerikaler Einflüsse weit hinter seiner
Bildungsfähigkeit zurückgeblieben. Ein gemeinsamer
Charakterzug des Volkes ist Anhänglichkeit an das Vaterland
und kirchlicher Sinn. Infolge der geringen Produktivität des
Bodens sucht eine bedeutende Anzahl der Bewohner (etwa 33,000) ihr
Fortkommen zeitweilig oder dauernd in der Fremde; in den letzten
Jahren hat die Auswanderung auch nach überseeischen
Ländern, namentlich in Welschtirol, größere
Ausdehnung gewonnen.