armen. Deklath, arab. Didschle), einer der Hauptströme von
Vorderasien, nächst dem Euphrat, mit dem er das
altberühmte Kulturland Mesopotamien umschließt, der
größte Fluß in der asiatischen Türkei,
entspringt in mehreren Quellflüssen am Südrand der
armenischen Taurusketten in Kurdistan. Der westliche, vorzugsweise
Didschle oder Schatt genannt, entspringt südlich von Charput
unweit der großen Biegung des Euphrat, fließt bei
Diarbekr vorüber, wendet sich östlich und nimmt in enger
Gebirgsschlucht bei Til den östlichen Arm, Bohtântschai
genannt, auf, der südlich von Wan entspringt, und in den der
dritte Quellfluß, Bitlistschai, mündet. Von nun an
behält der T. im allgemeinen südöstliche Richtung
bei. Er fließt zunächst mit bedeutenden Windungen durch
die assyrische Ebene an Mosul und Bagdad vorüber, nähert
sich dort dem Euphrat, durch zahlreiche, zum großen Teil
trockne Kanäle mit ihm
709
Tiguriner - Tilgner.
verbunden, bis auf ca. 30 km, nimmt in seinem untern Lauf den
Namen Amara an und vereinigt sich nach einem Laufe von
ungefähr 1500 km bei Korna mit dem Euphrat zu einem einzigen
Strom, dem Schatt el Arab (s. d.). Bei der Vereinigung beider
Ströme ist der T. weit wasserreicher und reißender als
der Euphrat. Von den zahlreichen Nebenflüssen des T. sind die
bedeutendsten: Chabur, die beiden Zab und Diala. Der vereinigte
Strom nimmt noch die Kercha und den Kârûn auf. Der T.
ist von Mosul an schiffbar (für Kellek, d. h. Flöße
aus aufgeblasenen Tierhäuten, von Diarbekr an), hat eine
ansehnliche Breite und Tiefe, aber auch viele Felsenklippen; der
vereinigte Strom ist auch für große Schiffe fahrbar,
doch wird die Einfahrt an der Mündung durch Sandbänke
sehr erschwert. Die Ufer des T., einst Sitze hoher Kultur und
Zivilisation, sind jetzt verödet und, mit Ausnahme der Orte
Diarbekr, Mosul und Bagdad, fast nur von nomadischen Kurden- und
Araberstämmen bewohnt.
Tiguriner, kelt. Volk, welches den helvetischen Pagus
Tigurinus bewohnte. Die T. erscheinen zuerst in Verbindung mit den
Cimbern, mit denen sie das südliche Gallien verwüsteten;
107 v. Chr. schlugen sie am Lemanischen See den Konsul L. Cassius;
dann folgten sie 102 den Cimbern nach Osten, drangen aber nicht in
Italien ein, sondern kehrten in ihre Heimat zurück, nahmen 58
an dem Zug der Helvetier nach dem südlichen Gallien teil,
wurden von Cäsar an der Saône geschlagen und zur
Rückkehr nach der Schweiz gezwungen.
Tikal (Bat), 1) siames. Silbermünze, 15,228 g
schwer, 0,928 fein, im Wert von 2,544 Mk.;
2) Gewicht in Siam (= 4 Salung à 2 Fuang = 15,292 g) und
in Birma (= 1/100 Pehtha = 16,556 g).
Tikei, Insel, s. Romanzow.
Tiki-Tiki, Zwergvolk, s. Akka.
Tikmehl, s. Arrow-root.
Tikotschin (Tikoczyn), Stadt im russisch-poln.
Gouvernement Lomsha, am Narew, mit 3 Kirchen, lebhaftem
Grenzverkehr und (1882) 6008 Einw.
Tikuna, Indianerstamm im Innern von Brasilien, welcher
mit vielen andern größern und kleinern Völkern
(Miranha am obern Yapure, Catauaxi am Coury, Botokuden im O. des
São Francisco u. a.) innerhalb des Gebiets der Tupi-Guarani
und der Omagua wohnt. Wahrscheinlich hängen die T. nicht mit
jenen zusammen, bilden vielmehr die zersprengten Überreste
eines oder mehrerer größerer Stämme. S. Tafel
"Amerikanische Völker", Fig. 22 u. 23.
Tikunagift, s. Pfeilgift.
Tilborch, Gillis, niederländ. Maler, geboren um 1625
zu Brüssel, Schüler von D. Teniers, wurde 1654 Meister
daselbst und starb um 1678. Er hat in der Art seines Meisters und
Craesbeecks Genrebilder aus dem Bauernleben (Hochzeiten,
Wirtshausszenen, Schlägereien u. dgl. m.) gemalt. Hauptwerk:
Bauernhochzeit (in Dresden).
Tilburg, Stadt in der niederländ. Provinz
Nordbrabant, durch Eisenbahnen mit Breda, Nimwegen, Boxtel und
Turnhout verbunden, hat ein Kantonalgericht, eine höhere
Bürgerschule, einen erzbischöflichen Palast, 4
römisch-katholische und eine reform. Kirche, eine Synagoge,
starke Tuch- und Wollzeugfabrikation, Gerberei etc. (im ganzen
über 300 Fabriken) und (1887) 32,016 Einw.
Tilbury (engl., spr. tillberi), Art Kabriolett, ein
leichter zweiräderiger Gabelwagen.
Tilbury (spr. tillberi). Dorf in der engl. Grafschaft
Essex, an der Themse, Gravesend gegenüber; dabei das Fort T.,
ursprünglich von Heinrich VIII. erbaut. Hier hielt die
Königin Elisabeth Heerschau über die englische Armee, als
die spanische Armada England bedrohte. Oberhalb sind seit 1882
großartige Docks mit 168 Hektar Wasserfläche und 11 m
Tiefe gebaut worden.
Tilde (span.), "Strichlein", insbesondere das Zeichen auf
dem (spanischen) ñ, z. B. señor (spr.
ssénjor).
Tilden, Samuel Jones, amerikan. Staatsmann, geb. 9. Febr.
1814 zu New Lebanon im Staat New York, studierte Jura und ward 1841
Advokat in New York. Frühzeitig widmete er sich der Politik,
wurde bald ein hervorragender Führer der demokratischen Partei
und war viele Jahre Präsident des demokratischen Komitees,
eine Stellung, die ihm großen Einfluß gab. Er that sich
besonders 1871 durch Sprengung des "Tammany-Rings" (s. d.) hervor.
1874 ward er zum Gouverneur des Staats New York gewählt und
1876 von den Demokraten als Gegenkandidat für die
Präsidentschaft gegen den Republikaner Hayes aufgestellt. T.
siegte zwar, doch kassierte die republikanische Majorität des
zur Prüfung der Wahlstimmen berufenen Kongreßausschusses
mehrere für ihn abgegebene Stimmen und proklamierte Hayes als
Präsidenten. Auch zum Gouverneur von New York wurde T. 1880
nicht wieder gewählt, zog sich ganz vom politischen Leben
zurück und starb 4. Aug. 1886. Seine "Writings and speeches"
wurden von Bigelow herausgegeben (New York 1885, 2 Bde.).
Tile Kolup, s. Holzschuh.
Tilguer, Viktor, Bildhauer, geb. 25. Okt. 1844 zu
Preßburg, bildete sich auf der Akademie zu Wien und bei den
Professoren Bauer, Gasser und Schönthaler und erhielt noch
während seiner Studienzeit den Auftrag, die Büste des
Komponisten Bellini für das Opernhaus und die Statue des
Herzogs Leopold VI. für das Arsenal auszuführen. Durch
den Einfluß des französischen Bildhauers Deloye, welcher
1873 eine Zeitlang in Wien thätig war, und an den sich T.
anschloß, wurde dieser auf den naturalistischen Stil der
Barock- und Rokokoplastik geführt, in dessen Formensprache er
sich, ähnlich wie R. Begas in Berlin, fortan bewegte. Seine
ersten hervorragenden Schöpfungen waren
Porträtbüsten, unter denen die von Charlotte Wolter
(1873, s. Tafel "Bildhauerkunst X", Fig. 12) seinen Namen zuerst
bekannt machte. Nachdem er 1874 eine Reise nach Italien
unternommen, entfaltete er in Wien eine umfangreiche
Thätigkeit auf dem Gebiet der Porträt- und dekorativen
Plastik. Von seinen durch höchste Lebendigkeit, feinste
Individualisierung und originelle Komposition ausgezeichneten
Porträtstatuen und -Büsten sind die hervorragendsten:
Kaiser Franz Joseph, Kronprinz Rudolf, die Maler Führich,
Schönn und Leopold Müller, H. Laube, Bauernfeld, Rubens
(für das Künstlerhaus in Wien), von seinen dekorativen
Arbeiten: die Figuren der Phädra und des Falstaff für das
neue Opernhaus, Triton und Najade (Brunnengruppe in Erz im
Volksgarten zu Wien), Brunnen- und Bassinsgruppen für die
kaiserlichen Villen in Ischl und im Tiergarten bei Wien, für
den Hochstrahlbrunnen beim Palais Schwarzenberg in Wien (1887) und
für Preßburg (1888). In diesen Figuren, Gruppen und
Zieraten für Brunnen hat T. eine reiche Phantasie entfaltet,
welche auch dem Ausdruck des Monumentalen gerecht wird. Für
Preßburg hat T. ein Denkmal des Komponisten Hummel
geschaffen. In neuerer Zeit hat er an Porträtbüsten und
Genrestatuetten glückliche Versuche in der Polychromie
gemacht. Er ist Professor an der Wiener Kunstakademie, in welcher
Stellung er zahlreiche
710
Tilgungsfonds - Tilly.
Schüler gebildet hat, Mitglied der Berliner Kunstakademie
und besitzt die große goldene Medaille der Berliner
Kunstausstellung.
Tilgungsfonds (Tilgestamm, engl. Sinking fund), ein
Kapitalfonds, welcher früher in mehreren Staaten zu dem Zweck
gebildet worden war, die allmähliche Tilgung der
Staatsschulden zu erleichtern. Anfänglich durch eine
Ausstattung der Staatskasse gegründet und auch durch
Überweisung gewisser Überschüsse vermehrt, sollten
diesem Stock alljährlich die ersparten Zinsen abgetragener
Schuldposten so lange zufließen, bis er, um Zins und
Zinseszins anwachsend, die ganze Schuld in sich aufnehmen und so
die völlige Abtragung bewirken müßte. Ein solcher
T. (Sinking fund) wurde 1716 in England durch Rob. Walpole
eingerichtet. Alle getilgten Schuldbriefe sollten als ein
Vermögen der Anstalt betrachtet und derselben fortwährend
aus der Staatskasse verzinst werden. Doch wurde dieses Ziel nicht
erreicht und endlich nach mehreren Wandlungen 1828 der Grundsatz
angenommen, daß künftig nur so viel in jedem Jahr
getilgt werden solle, als von den Einkünften nach Bestreitung
des Staatsaufwandes wirklich übrigbleibe. Diesen Grundsatz der
freiern Tilgungsweise hat man heute fast in allen Staaten
aufgestellt, in welchen überhaupt Schulden abgetragen werden.
Insbesondere wurde man hierzu durch die Thatsache gezwungen,
daß häufig neue Anleihen unter ungünstigern
Bedingungen als denen aufgenommen werden mußten, unter
welchen man tilgte. So wurden in England 1793-1813 für 14
Mill. Pfd. Sterl. weniger Obligationen eingelöst, als man nach
dem Emissionskurs der kontrahierten Anleihen für den gleichen
Betrag zu vertreiben genötigt war. In Frankreich entstand ein
Verlust von 105 Mill. Fr. am Schuldstamm daraus, daß man im
Durchschnitt jeden Frank Rente für 18¾ Fr.
zurückkaufte und zugleich bei den neuen Rentenverkäufen
nur 15¾ Fr. dafür erhielt.
Tilgungsrenten, die zur Amortisation von
Hypothekenschulden an landwirtschaftliche Kreditkassen gezahlten
Beiträge.
Tilgungsschein, s. Modifikation.
Tilia, Pflanzengattung, s. Linde.
Tiliaceen (lindenartige Gewächse), dikotyle Familie
aus der Ordnung der Kolumniferen, Bäume und Sträucher,
wenige Kräuter, mit meist wechselständigen Blättern
mit freien, meist abfallenden Nebenblättern. Die Blüten
sind gewöhnlich zwitterig, achsel-, seltener endständig.
Die 4 oder 5 Kelchblätter haben klappige Knospenlage und sind
hinfällig. Die Blumenblätter stehen in derselben Anzahl
abwechselnd mit den Kelchblättern am Grunde des flachen oder
stielförmigen Blütenbodens, sind genagelt, ganz oder an
der Spitze zerschlitzt, in der Knospenlage dachig, ebenfalls
abfallend, bisweilen ganz fehlend. Die meist zahlreichen, durch
Spaltung aus 5 oder 10 Grundanlagen hervorgehenden
Staubgefäße stehen auf dem Blütenboden, sind alle
fruchtbar, bisweilen die äußern steril oder auch die
innern; in manchen Fällen sind sie gruppenweise miteinander
verwachsen. Der oberständige Fruchtknoten besteht aus 2-10
quirlständigen Fruchtblättern und hat demgemäß
2-10 Fächer, welche bisweilen durch eine sekundäre
Scheidewand zwei-, seltener durch Querscheidewände
mehrfächerig sind. Die Frucht ist entweder eine meist
fachspaltige Kapsel oder nicht aufspringend, leder- oder holzartig,
oder eine Steinbeere. Die Samen haben ein meist fleischiges
Endosperm und in der Achse desselben einen geraden Keimling mit
flachen, blattartigen Kotyledonen. Vgl. Bocquillon, Mémoire
sur le groupe des Tiliacées. Adansonia VII. Die Familie
zählt gegen 300 Arten, von denen die meisten in den Tropen,
wenige, wie die Gattung Tilia, in der nördlichen
gemäßigten Zone einheimisch sind. Von einigen sind die
saftigen Früchte und die ölreichen Samen genießbar.
Andre, wie die Linde und Corchorus olitorius, liefern Bastfasern
(Jute) und Nutzholz. Fossil sind Arten der Gattungen Tilia L.,
Grewia Juss., Apeibopsis Heer u. a. aus Tertiärschichten
bekannt.
Tilla, die in Mittelasien kursierende Goldmünze; die
kleine T., in Chiwa und Chokand, hat 12 Tenga, die große T.,
in Bochara, 20 Tenga.
Tillandsia L. (Haarananas), Gattung aus der Familie der
Bromeliaceen, meist kleine Kräuter im heißen Amerika,
mit dünnen Stengeln, als Schmarotzer auf Bäumen wachsend.
T. usneoides L., besonders in Guayana, hängt mit den
fadenförmigen ellenlangen und untereinander verschlungenen
Luftwurzeln von den Ästen der Bäume herunter, wie
Flechten. Die von der Rinde entblößten Luftwurzeln
kommen als braune oder schwarze, bis 22 cm lange Faser (Baumhaar,
Caragate, Crin végétal) in den Handel und bilden ein
treffliches Surrogat des Roßhaars für Polsterungen.
Tillemont (spr. tilmóng), Sébastien le Nain
de, Kirchenhistoriker, geb. 30. Nov. 1637 zu Paris, ward bei den
jansenistischen Theologen zu Port Royal gebildet, wo er auch bis zu
dessen Aufhebung 1679 lebte; dann zog er sich auf sein zwischen
Vincennes und Montreuil gelegenes Gut T. zurück, wo er 10.
Jan,. 1698 starb. Seine Hauptwerke sind die "Mémoiren pour
servir à l'histoire ecclésiastique des six primiers
siècles" (Par. 1693-1712, 16 Bde.) und "Histoire des
empereurs et des audres princes, qui ont regné durant les
six premiers siècles de l'église" (1691-1738, 6 Bde.,
unvollendet). Von seiner "Vie de saint Louis" erschien eine neue
Ausgabe 1846-51, 6 Bde.
Tilletía Tul., Pilzgattung, s. Brandpilze.
Tillicoultry (spr. tillikúhtri), Stadt in
Clackmannanshire (Schottland), im Thal des Devon, hat bedeutende
Wollwarenfabrik und (1881) 3732 Einw.
Tillodoutier, s. Zahnlücker.
Tilly, Johann Tserklaes, Graf von, berühmter
Feldherr des Dreißigjährigen Kriegs, geb. 1559 auf dem
Schloß Tilly in Brabant, ward in einem Jesuitenkloster
erzogen, trat zuerst in spanische Kriegsdienste, in denen er unter
Alexander von Parma seine militärische Schule durchmachte,
dann in lothringische, 1598 in kaiserliche Dienste, focht 1600 als
Oberstleutnant in Ungarn gegen die Insurgenten und Türken,
stieg 1601 zum Obersten eines Wallonenregiments und nach und nach
zum Artilleriegeneral auf und erhielt 1610 von Maximilian I. von
Bayern die Reorganisation des bayrischen Kriegswesens
übertragen. Beim Ausbruch des Dreißigjährigen
Kriegs zum Feldmarschall der katholischen Liga ernannt, gewann er
8. Nov. 1620 die Schlacht am Weißen Berg, brach 1621 gegen
den Grafen Ernst von Mansfeld auf und verfolgte ihn bis in die
Oberpfalz, dann in die Rheinpfalz, wurde 27. April 1622 von dem
Markgrafen Georg Friedrich von Baden-Durlach und Mansfeld bei
Wiesloch geschlagen, besiegte aber dann den erstern 6. Mai bei
Wimpfen am Neckar, hierauf den Herzog Christian von Braunschweig
20. Juni bei Höchst a. M. und eroberte Heidelberg, Mannheim
und Frankenthal. Infolge des entscheidenden Siegs 5. und 6. Aug.
1623 bei Stadtlohn im Münsterschen
711
Tilos - Timäos.
über den Herzog von Braunschweig ward T. vom Kaiser in den
Grafenstand erhoben. Er blieb zunächst in Niedersachsen
stehen, wo er die gewaltsame Restitution der protestantischen
Bistümer und Klöster an die katholische Kirche und die
Jesuiten ins Werk setzte und den niedersächsischen Kreis zum
Kampf zwang, schlug 27. Aug. 1626 den Dänenkönig
Christian IV. bei Lutter am Barenberg, eroberte mit den
Kaiserlichen unter Wallenstein Schleswig-Holstein und Jütland
und zwang den König 12. Mai 1629 zum Abschluß des
Friedens von Lübeck. 1630 an Wallensteins Stelle zum
Generalissimus der ligistischen und kaiserlichen Truppen ernannt,
übernahm er die Durchführung des Restitutionsedikts in
Norddeutschland und begann zu diesem Zweck die Belagerung von
Magdeburg. Zwar gelang es ihm nicht, Gustav Adolfs Vordringen in
Pommern zu hindern; aber Magdeburg eroberte er 20. Mai 1631. Doch
war die Eroberung für ihn nutzlos, da der Brand die Stadt in
einen Trümmerhaufen verwandelte. Er konnte sich daher an der
Niederelbe gegen den Schwedenkönig nicht behaupten und fiel in
Sachsen ein, das er plünderte und verwüstete. Hierdurch
trieb er den sächsischen Kurfürsten zum Bündnis mit
Gustav Adolf, deren vereinigtem Heer er 17. Sept. 1631 in der
Schlacht bei Breitenfeld, in welcher der König seine
überlegene Kriegskunst entwickelte, erlag; T. selbst wurde
verwundet, sein Heer löste sich auf. Er eilte hierauf nach
Halberstadt, wo er Verstärkungen an sich zog, und brach dann
nach dem von den Schweden bedrohten Bayern auf. Bei Verteidigung
des Lechübergangs bei Rain 5. April 1632 ward ihm durch eine
Falkonettkugel der rechte Schenkel zerschmettert, und er starb
infolge davon 20. April d. J. in Ingolstadt. T. war von mittlerer
Statur und hager. Scharfe Gesichtszüge und große, unter
buschigen grauen Wimpern hervorblickende, feurige Augen verrieten
die eiserne Härte seines Charakters. Er haßte Aufwand
und äußere Ehrenbezeigungen, verschmähte es, sich
an der Kriegsbeute zu bereichern, und hielt auch in seinem Heer
strenge Mannszucht. Vor allem war er von kirchlichem Eifer beseelt,
die Ausrottung der Ketzerei in Deutschland war ihm Gewissenssache,
und er hat dem Kampf den fanatisch-religiösen Charakter mit
aufdrücken helfen. Dagegen war er kein roher Wüterich,
wie ihn die protestantische Geschichtschreibung darzustellen
pflegte. Die neuern katholischen Schriftsteller (O. Klopp, T. im
Dreißigjährigen Krieg, Stuttg. 1861, 2 Bde., und
Villermont, T., Tournai 1859, 2 Bde.; deutsch, Schaffh. 1860) haben
T. mit Erfolg von diesem Vorwurf gereinigt, gehen aber in ihrer
sonstigen Rettung zu weit. Von dem Vorwurf, T. habe die
Zerstörung Magdeburgs gewollt, reinigten ihn die Protestanten
Heising ("Magdeburg nicht durch T. zerstört", 2. Aufl., Berl.
1855) und Wittich ("Magdeburg, Gustav Adolf und T.", das. 1874). Im
J. 1843 ward ihm in der Feldherrenhalle zu München eine Statue
(Modell von Schwanthaler) errichtet.
Tilos (Episkopi, Piskopi, das alte Telos), türk.
Felseninsel im Ägeischen Meer, nordwestlich von Rhodos, mit
gutem Hafen, Resten der alten Stadt Telos und 800-1000 griech.
Einwohnern.
Tilsit, Kreisstadtim preuß. Regierungsbezirk
Gumbinnen, am Einfluß der Tilse in die Memel und an der Linie
Insterburg-Memel der Preußischen Staatsbahn, 10 m ü. M.,
hat 4 evangelische (darunter eine runde litauische) und eine kath.
Kirche, eine Synagoge, 3 Bethäuser, ein schönes Rathaus,
2 neue große Kasernen und (1885) mit der Garnison (ein
Infanteriebataillon Nr. 41 und ein Dragonerregiment Nr. 1) 22,422
Einw. darunter 21,064 Evangelische, 557 Katholiken, 285 sonstige
Christen und 514 Juden. Die Industrie ist besonders wichtig in
Eisengießerei und Maschinenbau, Hefen- und Spiritus-, Gips-,
Kunstwolle-, Chemikalien-, Knochenkohlen-, Seifen-, Kunststein-,
Käse-, Schnupftabaks- und Möbelfabrikation, auch befinden
sich dort 4 Dampfmahl- und 8 Dampfschneidemühlen, 2
Ölmühlen, 4 Bierbrauereien, eine Schaumweinfabrik, eine
Holzimprägnieranstalt, eine Kalkbrennerei etc. Der Handel,
unterstützt durch eine Korporation der Kaufmannschaft, eine
Reichsbankstelle (Umsatz 1887: 45 1/3 Mill. Mk.) und neben der
Eisenbahn durch die Schiffahrt auf der Memel, ist besonders
bedeutend in Tabak, Holz, Getreide, Steinkohlen, Flachs, Öl,
in Schuhwaren etc., auch hat T. besuchte Pferdemärkte. Die
Stadt ist Sitz eines Landgerichts und eines Hauptzollamtes und hat
ein Gymnasium, ein Realgymnasium, einen Kunstverein, ein Waisenhaus
etc. Zum Landgerichtsbezirk T. gehören die neun Amtsgerichte
zu Heinrichswalde, Heydekrug, Kaukehmen, Memel, Prökuls,
Ragnit, Ruß, Skaisgirren und T. 4 km westwärts von T.
fängt die Tilsiter Niederung an, ein fruchtbarer Landstrich im
Bereich der Mündungsarme der Memel, der sich von N. nach S.
80, von O. nach W. 53 km weit ausdehnt und am Kurischen Haff auch
den Forst von Ibenhorst (mit Elentieren) umschließt.
Geschichtlich merkwürdig ist T. durch den am 7. und 9. Juli
1807 von Napoleon I. daselbst abgeschlossenen Frieden zwischen
Frankreich und Rußland, bez. Preußen, welch letzteres
die Hälfte seines Gebiets verlor. Vgl. "Aus Tilsits
Vergangenheit" (2. Aust., Tilsit 1888, 2 Tle.).
Tim, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kursk, am
Fluß T. (Nebenfluß der Sosna), mit 2 Kirchen, Obst-und
Gartenbau und (1885) 4543 Einw.
Timan (Timansche Tundra), Landstrich im Mesenschen Kreis
des russ. Gouvernements Archangel, beginnt am linken Ufer der
Petschora, reicht im W. bis zur Halbinsel Kanin, im N. bis zum
Eismeer und wird im S. von der Zylma und Pesa begrenzt. In der
Mitte zieht sich der Timansche Höhenzug, eine bis zu 63 m
relativer Höhe sich erhebende Wasserscheide zwischen der
Petschora und Dwina, vom obern Lauf der Wytschegda im Gouvernement
Wologda bis zum Eismeer. Die Tundra ist Moosweide. von Flüssen
durchschnitten, voll fischreicher Seen und gehört den
Samojeden.
Timanthes, griech. Maler, gebürtig von der Insel
Kydnos, Zeitgenosse des Zeuxis und Parrhasios, berühmt durch
sein Gemälde der am Altar stehenden Iphigenia, mit welchem er
seinen Nebenbuhler Kolotes von Teos besiegte. Tiefe und
Bedeutsamkeit der geistigen Auffassung seiner Stoffe zeichneten ihn
aus.
Timäos, 1) Pythagoreischer Philosoph aus Lokri, von
welchem der die Naturphilosophie behandelnde Dialog Platons den
Namen führt, lebte gegen 400 v. Chr. und bekleidete in seiner
Vaterstadt die höchsten Ehrenstellen. Die ihm beigelegte, aber
unechte Schrift "Von der Weltseele" wurde (außer in den
Ausgaben des Platon von Bekker, Hermann etc.) von Gelder (Leid.
1836) herausgegeben, übersetzt von C. C. G. Schmidt (Leipz.
1835). Vgl. Anton, De origine libelli etc. (Erfurt 1883).
[Wappen von Tilsit.]
712
Timavo - Timoleon.
2) Griech. Geschichtschreiber aus Tauromenium, um 290 v. Chr.,
wurde vom Tyrannen Agathokles aus Syrakus verbannt. Die Fragmente
seiner Geschichte Siziliens sowie der Geschichte des Kriegs der
Römer mit Pyrrhos sammelte Müller in "Historicorum
graecorum fragmenta" (Bd. 1, Par. 1841).
3) Griech. Grammatiker und Sophist, lebte wahrscheinlich im 3.
Jahrh. n. Chr. und schrieb ein Platonisches Wörterbuch, wovon
noch ein Teil vorhanden ist (hrsg. von Ruhnken, Leid. 1754 u. 1789;
wiederholt von Koch, 2. Aufl., Leipz. 1833).
Timavo (der Timavus der Römer), Fluß im
öfterreich. Küstenland, verliert sich als Rekka bei St.
Kanzian in den Grotten des Karstes, kommt nach 37 km unterirdischen
Laufs bei San Giovanni unfern Duino wieder zu Tage und
ergießt sich 4 km tiefer in den Golf von Triest.
Timbalan, Inseln, s. Tambilan.
Timbale (franz., spr. tängbáll), Pauke; in
der Kochkunst eine runde, schlichte Form von Teig, welche mit
Ragout, Farce, Maccaroni etc. gefüllt wird.
Timbo, Hauptstadt von Futa Dschallon in Westafrika, in
der Nähe der Quellen des Bafing, 758 m ü. M., mit 2500
Einw. Nur die Nachkommen der ersten Gründer des Reichs
dürfen hier wohnen.
Timbre (spr. tängbr'), nach gewöhnlichem
Sprachgebrauch s. v. w. Klangfarbe; im engern Sinn die durch die
Verschiedenartigkeit des resonierenden Materials bedingte
Färbung des Klanges im Gegensatz zu der durch die
Zusammensetzung des Klanges aus Partialtönen bedingten; auch
s. v. w. Stempel, Stempelzeichen, daher T.-poste,
Postbriefmarke.