den geistigen Fähigkeiten der Tiere, welche eigentlich nur
einen Teil der allgemeinen Psychologie (s. d.) zu bilden
hätte. Die ältern heidnischen Philosophen, wie
Parmenides, Empedokles, Demokrit, Anaxagoras u. a., waren auch
vollkommen überzeugt, daß die Tiere in ganz
ähnlicher Weise wie der Mensch Schlüsse ziehen und
Erfahrungen einsammeln; Plutarch schrieb eine Abhandlung über
die Frage, ob die Land- oder Wassertiere klüger seien, und
Porphyrios betonte mit strenger Folgerichtigkeit, daß wie im
körperlichen Bau auch im geistigen Leben kein prinzipieller,
sondern nur gradweise Unterschiede zwischen Tier und Mensch
vorhanden seien. Einige alte Philosophen übertrieben diese
Erkenntnis sogar, indem Celsus z. B. den Tieren selbst Religion,
Sprache und Prophetengabe zuschrieb, worauf Origines sehr richtig
bemerkte, daß sich ihre scheinbare Voraussicht nur auf
Erhaltung ihrer eignen Brut erstrecke. Die unter den Einfluß
der Kirche geratene Philosophie gewöhnte sich sodann seit
Descartes, den Tieren Überlegung und geistiges Leben ganz
abzuerkennen und sie für eine Art von Automaten zu
erklären, deren Handlungen sich nur nach bestimmten, für
jede Art ein für allemal festgestellten Normen bewegen, die
den sogen. Instinkt (s. d.) der Art ausmachen. Bei dieser Annahme
war das Studium der geistigen Fähigkeiten der Tiere
überflüssig, und obwohl sie nicht unwidersprochen blieb
und Rorarius, der Nunzius Papst Clemens' VII., sogar 1654 ein Buch
unter dem Titel: "Die wilden Tiere brauchen ihren Verstand besser
als der Mensch" veröffentlichte, so bewegten sich doch die zum
Teil überaus genauen Beobachtungen der Kunsttriebe niederer
Tiere, welche Swammerdam, Réaumur, Rösel von Rosenhof,
Bonnet, Trembley u. a. im 17. und 18. Jahrh. anstellten, lediglich
in der Richtung, das von Gott geordnete wunderbare "Maschinenwerk"
darin zu bewundern. Es ist unerhört, was in dieser Richtung
beispielsweise über den mathematischen Instinkt der Bienen bei
ihrem Wabenbau oder über die angeborne Wissenschaft gewisser
Trichterwickler noch in neuerer Zeit zusammenphantasiert worden
ist, obwohl solche Kunstwerke, wie Müllenhof gezeigt hat, zum
Teil einfach genug entstehen. Eine Richtung zum Bessern zeigten
zuerst die "Allgemeinen Betrachtungen über die Triebe der
Tiere" (1760) des Hamburger Populärphilosophen Hermann
Reimarus, sofern hier die fest determinierten Triebe von den
freiern geistigen Handlungen unterschieden werden; aber erst die
eingehenden Beobachtungen des Tierlebens durch Forscher und
Liebhaber, wie sie Brehm Vater und Sohn, Scheitlin, die
Gebrüder Müller und zahlreiche andre Tierfreunde
angestellt haben, brachen das alte Vorurteil und bahnten der
Ausdehnung einer wissenschaftlichen Psychologie auf die Tierwelt,
wie sie in Deutschland namentlich Wundt anstrebte, Bahn. Doch
eröffnete erst das Auftreten Darwins diesen Bestrebungen die
rechten Gesichtspunkte, sofern er auf das Werden und Wachsen der
geistigen Fähigkeiten unter den Tieren so gut wie der
körperlichen Formen hinwies und auch hierbei die Wirksamkeit
der natürlichen Auslese betonte (s. Darwinismus, S. 570).
Seitdem haben sich viele Forscher mit dem größten Erfolg
der vergleichenden und experimentellen T. gewidmet, und es ist
unvergessen, was in dieser Richtung Lubbock, Hermann Müller,
Plateau, Forel, Preyer und viele andre Forscher über die
geistigen Fähigkeiten der Insekten und andrer niedern Tiere
ermittelt haben, indem sie sie teils in ihre gewohnten und teils in
neue Bedingungen versetzten. Es hat sich dabei ergeben, daß
man ihre geistigen Fähigkeiten zum Teil über- und zum
Teil unterschätzt hat. Das sogen. Totstellen der niedern Tiere
hat sich z. B. als eine nützliche Schrecklähmung (s.
Kataplexie), die Selbstamputation der Seesterne, Krebse, Spinnen
und Eidechsen, die man früher als Ausfluß eines starken
und heroischen Willens ansah, als bloßer unbewußter
Reflexakt erwiesen, anderseits haben aber viele Beobachtungen, z.
B. diejenigen Preyers an gefesselten Seesternen, gezeigt, daß
die Fähigkeit, sich in neuen und schwierigen Lagen
zweckmäßig zu benehmen, selbst bei niedern Tieren nicht
gering ist. Ebenso ist das Gedächtnis früh entwickelt,
und selbst kopflose Tiere, wie die Muscheln, lernen schnell
Gefahren vermeiden, wie die Messerscheide (Solen), die sich nach
Forbes nur einmal durch aufgestreutes Salz aus ihrer Sandröhre
hervorlocken läßt, nicht aber zum zweitenmal. Neuere im
Sinn der Entwicklungslehre angestellte Untersuchungen haben
wahrscheinlich gemacht, daß bei den niedern Tieren nur die
chemischen Sinne (Geruch und Geschmack) neben dem körperlichen
Gefühlssinn feiner entwickelt sind, und daß die
höhern Sinne (Gehör und Gesicht) erst auf viel
höhern Organisationsstufen ihre Ausbildung erfahren. Das
Vorwiegen der chemischen Sinne bis in die Kreise der niedern
Wirbeltiere hinauf lehrt auch die vergleichende Gehirnkunde, welche
die vorherrschende Entwickelung der sogen. Riechlappen bei allen
niedern Wirbeltieren, ja bis zu den untern Klassen der Säuger
hin zeigt. Hierzu hat die Paläontologie ferner den Beweis
erbracht, daß der vom Gehirn ausgefüllte Hohlraum
Meyers Konv. -Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.
45
706
Tiers-état - Tiflis.
des Schädels selbst in derselben Familie, z. B. bei dem bis
zum Eocän zurückverfolgbaren Geschlecht der pferdeartigen
Tiere (Equiden), ein beständiges Wachstum in der Zeit
aufweist, wie denn die Tiere mit sehr unausgebildetem Hirn, z. B.
die Faultiere, unter den Säugern auch ein sehr unentwickeltes
Seelenleben und große Stumpfheit zeigen. In den höhern
Abteilungen, z. B. bei den Affen, ist es namentlich das
Großhirn, dessen beide Hemisphären eine erhebliche
Zunahme zeigen, bis sie (beim Menschen) alle übrigen
Gehirnteile bedecken. Den einzigen wesentlichen Unterschied der
tierischen von der menschlichen Intelligenz sucht Vignoli in dem
Mangel des Selbstbewußtseins bei der erstern, doch ist eine
bestimmte Grenze auch hierin nicht zu ziehen, und man kann nur ein
stufenweises Wachstum der Fähigkeiten bei den höhern
Tieren nachweisen. Vgl. Wundt, Grundzüge der physiologischen
Psychologie (3. Aufl., Leipz. 1887); Romanes, Die geistige
Entwickelung im Tierreich (das. 1885); Vignolt, Über das
Fundamentalgesetz der Intelligenz im Tierreich (das. 1879);
Büchner, Aus dem Geistesleben der Tiere (3. Aufl., Berl.
1880); über die geistigen Fähigkeiten der Insekten:
Fabre, Souvenirs entomologiques (3 Tle., Par. 1879, 1882 u. 1886);
Lubbock, Ameisen, Bienen und Wespen (deutsch, Leipz. 1883);
Derselbe, Die Sinne und das geistige Leben der Tiere (das. 1889);
über höhere Tiere: Scheitlin, Versuch einer
vollständigen T. (Stuttg. 1840, 2 Bde.); Rennie,
Fähigkeiten und Kräfte der Vögel (Leipz. 1839);
Derselbe, Baukunst der Vögel (Stuttg. 1847).
Tiers-état (franz., spr. tjähr-setá,
der "dritte Stand"), in Frankreich in der Zeit vor 1789 die Masse
des Volkes im Gegensatz zum Adel und Klerus als den beiden
privilegierten Ständen.
Tiers-parti (franz., spr. tjähr-, die "dritte
Partei"), Fraktion in der franz. Deputiertenkammer, welche
während der Kammersitzung von 1832 bis 1833 entstand und die
Herrschaft des Mittelstandes bezweckte.
Tiersymbolik, s. Symbolik.
Tierwolf, s. Luchs.
Tierzucht, s. Viehzucht.
Tieté, Nebenfluß des Paraná, in der
brasil. Provinz São Paulo, bildet 56 Katarakte, von denen
der unterste 16 km oberhalb der Mündung liegt und 22 m tief
ist.
Tietjens, Therese, Opernsängerin, geb. 18. Juli 1831
zu Hamburg von ungarischen Eltern, betrat 1847 das St.
Pauli-Aktientheater und wurde im folgenden Jahr am Altonaer
Stadttheater engagiert, ging 1850 nach Frankfurt a. M., 1851 nach
Brünn und wurde 1853 Mitglied des Kärntnerthor-Theaters
in Wien. 1858 kam sie als Primadonna der Italienischen Oper nach
London, wo sie bis zum Frühjahr 1877 als Opern, Konzert- und
Kirchensängerin eine rege Thätigkeit entfaltete und doch
noch Zeit fand, in Italien, Spanien, Paris und Deutschland (Berlin,
Köln, Hamburg) zu singen. Sie starb 3. Okt. 1877 in London.
Eine Vertreterin des echt musikalisch-dramatischen Stils,
besaß sie ein Organ von wunderbarer Weichheit, andauernder
Frische und Mächtigkeit; sie schuf edle, große,
klassische Gestalten u. fesselte namentlich durch meisterhafte
Deklamation des Recitativs.
Tieuté (spr. tjö-), s. Pfeilgift.
Tiférnum, s. Cittá di Castello.
Tiffin, Stadt im nordamerikan. Staat Ohio, Grafschaft
Seneca, 64 km südöstlich von Toledo, in reicher
Weizengegend, mit (188^) 7879 Einw.
Tiflis, Gouvernement der russ. Statthalterschaft
Kaukasien, 40,417 qkm (734 QM.) groß mit (1885) 785,313 Einw.
(darunter 24 Proz. Mohammedaner, erstreckt sich zu beiden Seiten
des Kuraflusses, im N. bis an den Hauptkamm des Kaukasusgebirges,
im S. bis an das armenische Hochland reichend, hat nur in der Mitte
Ebenen, auch Steppen, ist aber im ganzen ein fruchtbares
Gebirgsland mit vielem Weinbau, zahlreichen ergiebigen
Naphthabrunnen und Mineralquellen. Die gewerbliche Thätigkeit
der Bewohner ist nicht unbedeutend, man fabriziert besonders
schöne Teppiche und Shawls. Der Handel wird besonders
gefördert durch die das Gouvernement mitten durchschneidende
Poti-Baku-Eisenbahn sowie durch die über den Kaukasus durch
den Engpaß Dariel nach Wladikawkas führende
Tiflisstraße. Deutsche Kolonien befinden sich in
Alexandershilf, Elisabeththal, Marienfeld, Katharinenfeld mit
zusammen 5000 Einw., zahlreiche Deutsche wohnen außerdem in
der Stadt T. und in Neutiflis.
Die gleichnamige Stadt, in einem engen, von kahlen Felsen
eingeschlossenen, durch Weinpflanzungen, Gebüsch und
Gartenanlagen verschönerten Kesselthal, zieht sich an beiden
Ufern der wilden Kura hin, 460 m ü. M., hat (1886) 104,024
Einw., meist Armenier, Georgier, Russen, über 2000 Deutsche,
ferner Tataren, Perser, Polen, Juden. u. a. Nach Brugsch werden
hier 70 Sprachen gesprochen. Die Stadt ist in Bauart und
Lebensweise eine interessante Mischung asiatischen und
europäischen Wesens. Sie zerfällt in vier Teile. Am
rechten Flußufer liegen die Altstadt und Seid Abbad mit ganz
asiatischem Charakter, Karawanseraien, Bazaren, vielen Kirchen,
warmen Quellen, und der nördlich davon außerhalb der
alten Stadtmauer von den Russen angelegte Teil, dann das an
schönen Plätzen, Kaufläden, Palästen reiche
Quartier Sololaki, am linken Ufer das aus einer schwäbischen
Ansiedelung entstandene Kuki, der Vergnügungsort der Tifliser
und Wohnsitz der meisten Europäer. Daran schließen sich
mehrere Vorstädie, worunter das nach den Naphthaquellen an der
Kura benannte Nawtlug. T. ist Sitz des Statthalters von Kaukasien,
des Zivilgouverneurs für das Gouvernement T., der obersten
Militär- und Regierungsbehörden, eines georgischen
Patriarchen und Metropoliten, eines armenischen Erzbischofs und
eines deutschen Berufskonsuls; es besitzt 76 Kirchen, darunter 36
griechisch-russische, 26 armenische, je 2 protestantische und
römisch-katholische, 2 Klöster, 2 Moscheen, verschiedene
höhere russische Schulen (Gymnasium nebst 2 Progymnasien,
Militärschule, Handelsschule, 2 Lehrerseminare u. a.), 2
deutsche Schulen, öffentliche Bibliothek, Naturalienkabinett,
botanischen Garten, astronomisches und magnetisches Observatorium,
Theater, Münze. Von den Industrien der Stadt sind
erwähnenswert die Fabrikation von Woll-, Baumwoll- und
Halbseidenstoffen, Tapeten, Leder, Salzraffinerie, die Arbeiten in
Silberfiligran, Büchsenmacherei und Schwertfegerei. Dem
Handelsverkehr dienen die Tiflisstraße und die
Poti-Baku-Eisenbahn (s. oben), doch hat der Transitverkehr nach
Persien durch die seit 1883 eingeführten Zollerhöhungen
aufgehört. Europäer und Armenier vertreiben als
Großkaufleute die europäischen Waren. - Die Stadt, 455
n. Chr. gegründet, geraume Zeit Residenz der Könige von
Georgien, erlitt öfters Verheerungen infolge der
vorderasiatischen Völkerbewegungen. Zu Anfang des 17. Jahrh.
fiel sie zwar unter türkische Herrschaft, ward aber von dem
georgischen König Rustum (1636-58) wiedererobert und
befestigt. Zu Anfang des 18. Jahrh. bemächtigten sich die
Türken abermals der Stadt, wurden aber 1735 von Schah
707
Tigellinus - Tigeraugenstein.
Nadir wieder vertrieben, der den georgischen König
Theimuras wiederum einsetzte. Dessen Sohn Irakli (Heraklius) hob
die Stadt zu hoher Blüte; aber 1795 vertrieb der Perser Aga
Mohammed Chan Irakli, legte die Stadt abermals in Asche und
schleppte 30,000 Menschen in die Sklaverei. Im November 1799 nahm
der russische Generalmajor Lasarus von der Stadt Besitz. 1801 wurde
Grusien zu einem russischen Gouvernement und T. zur
Gouvernementsstadt erhoben.
Tigellinus, Sophonius, aus Agrigent gebürtig,
niedern Standes, ward 39 n. Chr. von Caligula wegen unerlaubten
Umgangs mit Agrippina und Julia verbannt, von Claudius
zurückgerufen, erwarb sich durch die Zucht von Pferden
für Wettkämpfe das Wohlwollen Neros, an dessen Lastern
und Ausschweifungen er teilnahm, und den er zu den
größten Grausamkeiten antrieb, wurde nach Burrus' Tod 62
Praefectus praetorio, diente Nero namentlich bei seiner grausamen
Verfolgung der Teilnehmer an der Pisonischen Verschwörung,
verriet Nero, als Galba sich gegen denselben erhob, rettete unter
Galba sein Leben durch die Gunst des Vinius, ward aber von Otho zum
Tod verurteilt und tötete sich in Sinuessa.
Tiger (Königstiger, Felis Tigris L., s. Tafel
"Raubtiere III"), Raubtier aus der Gattung und der Familie der
Katzen, gewöhnlich 1,6 m lang mit 80 cm langem, quastenlosem
Schwanz und am Widerrist etwa ebenso hoch. Alte Männchen
erreichen eine Gesamtlänge von 2,9 m. Das Weibchen ist
kleiner. Der T. ist gestreckter, leichter und höher gebaut als
der Löwe, der Kopf ist runder. Die Behaarung ist kurz und
glatt und nur an den Wangen bartartig verlängert. Auf dem
Rücken ist die rostgelbe Grundfarbe dunkler, an den Seiten
lichter, auf der Unterseite, den Innenseiten der Gliedmaßen,
dem Hinterleib, den Lippen und dem untern Teil der Wangen
weiß. Vom Rücken aus ziehen sich
unregelmäßige, zum Teil doppelte, schwarze Querftreifen
in schiefer Richtung nach der Brust und dem Bauch herab. Der
Schwanz ist lichter als der Oberkörper, dunkel geringelt; die
Schnurren sind weiß, die rundsternigen Augen gelblichbraun.
Der T. findet sich in Asien vom 8.° südl. Br. bis zum
53.° nördl. Br., also bis in das südliche Sibirien
und vom Kaukasus bis zum untern Amur. Von seinem Hauptsitz, Vorder-
und Hinterindien, aus verbreitet er sich durch Tibet, Persien und
die weite Steppe zwischen Indien, China und Sibirien bis zum Ararat
im W. von Armenien, nach N. bis in die Bucharei und Dsungarei, nach
O. vom Baikalsee durch die Mandschurei bis nach Korea an die
Meeresküste. In China findet er sich fast überall, und
nur in den höhern Gegenden der Mongolei und in den waldlosen
Ebenen von Afghanistan trifft man ihn nicht. Ebenso scheint er auch
auf den Inseln des Indischen Archipels, mit Ausnahme Javas und
Sumatras, zu fehlen. Sein Aufenthalt sind ebensowohl Dschangeln
oder Rohrdickichte mit Gesträuch wie hochstämmige
Wälder, aber immer nur bis zu einer gewissen Höhe
über dem Meer. Auch kommt er dicht an Dörfer und
Städte heran. Er zeigt die Gewohnheiten der Katzen. Seine
Bewegungen sind ungemein rasch und ausdauernd; er schleicht
unhörbar dahin, macht gewaltige Sätze, klettert gewandt
an Bäumen empor und schwimmt über breite Ströme. Er
streift zu jeder Tageszeit umher, am liebsten in den Stunden vor
und nach Sonnenuntergang. Der T. ist ein weit gefährlicheres
Raubtier als der Löwe. Seine Beute schlangenartig
beschleichend, stürzt er sich pfeilschnell mit einigen
Sätzen auf dieselbe und schlägt mit seinen Krallen
furchtbare, fast immer tödliche Wunden. Eine verfehlte Beute
verfolgt er als echte Katze nicht weiter. Wild und verwegen, zeigt
er doch in der Gefahr wenig Mut, und wenn er sich verfolgt sieht,
ergreift er fast feig die Flucht. Beim Fortschaffen der Beute
bekundet er sehr viel Klugheit und List. Er besitzt
außerordentliche Kraft, trägt einen Menschen und selbst
ein Pferd oder einen Büffel im Rachen fort, und nur die
stärksten Säugetiere, wie Elefant, Nashorn,
Wildbüffel, sind vor ihm sicher. In Ostindien sind einzelne
Engpässe und Schluchten durch seine Räubereien
berüchtigt, und aus manchen Ortschaften hat er die Bewohner
völlig vertrieben. Durch große Treibjagden ist er in
einzelnen Gegenden, z. B. auf Ceylon, fast ganz ausgerottet worden;
in andern findet er sich aber noch sehr zahlreich vor, namentlich
würde in Gudscharat, wo man nur des Nachts reisen kann, ohne
Aufbieten von Lanzenträgern, Trommlern und Fackelträgern
kaum ein Verkehr möglich sein, und manche Lokalitäten
sind durch den T. völlig ungangbar geworden. Hat ein T. einmal
Menschenfleisch gekostet, so zieht er dasselbe jedem andern vor. Er
schwimmt dreist auf Kähne zu und dringt in Ortschaften und von
Wachtfeuern umgebene Lager ein, um Menschen zu rauben. Auf
Singapur, wohin der T. nur durch die Meerenge schwimmend gelangen
kann, werden jährlich an 400 Chinesen von Tigern zerrissen,
und auf Java beträgt die Zahl der Opfer etwa 300. Die Tigerin
trägt 105 Tage und wirft 2-3 Junge. In Indien betrachtet man
den T. mit abergläubischer Furcht und sieht in ihm eine Art
von strafendem Gott. Auch in Ostsibirien herrschen ähnliche
Vorstellungen, und auf Sumatra erblickt man im T. nur die
Hülle eines verstorbenen Menschen und wagt nicht, ihn zu
töten. In Indien verbieten einige Fürsten die Tigerjagd,
welche sie für sich selbst reservieren. Dagegen thut die
englische Regierung sehr viel, um den T. auszurotten. Den alten
Griechen war der T. wenig bekannt, selbst Aristoteles wußte
von ihm soviel wie nichts. Auch die Römer wurden erst seit
Varros Zeit mit dem T. bekannt, und Scaurus zeigte zuerst im J. 743
der Stadt einen gezähmten T. im Käfig; später kamen
T. häufig nach Rom. Der Kaiser Heliogabalus soll sogar
gezähmte T. vor seinen Wagen gespannt haben. Nach dem Bericht
von Marco Polo benutzte der Chan der Tatarei gezähmte T. zur
Jagd. Noch heute lassen indische Fürsten gefangene T. mit
andern starken Tieren kämpfen, auf Java auch mit
Lanzenträgern. Der T. ist zähmbar, bleibt aber stets
gefährlich. Er hält sich gut in der Gefangenschaft und
pflanzt sich auch fort. Man hat auch Bastarde von Löwen und
Tigern erhalten. Die Tigerfelle, welche über England und
Rußland häufig in den Handel kommen, werden
hauptsächlich zu Pferde- und Schlittendecken benutzt. Die
Kirgisen benutzen sie zur Verzierung der Köcher und
schätzen sie sehr hoch. Das Fleisch soll wohlschmeckend sein,
und die Tungusen glauben, daß es Mut und Kraft verleihe; in
China dient es als Arzneimittel. In andern Ländern
schätzt man mehr Zähne, Klauen, Fett und Leber. Vgl.
Brandt, Untersuchungen über die Verbreitung des Tigers
(Petersb. 1856); Fayrer, The royal t. of Bengal (Lond. 1875).
Tigeraugenstein, gelbbraunes, faseriges Mineral, ein
Umwandlungsprodukt des Krokydoliths, zwischen dessen Fasern Quarz
eingedrungen ist, während das Eisen des ursprünglichen
Minerals in Eisenhydroxyd verhandelt wurde. T. findet sich in den
Doorn- und Griquastadbergen in Südafrika und wird wegen seiner
Härte und seines schönen wogenden Lichtscheins zu
Schmucksachen mit ebenen Flächen verarbeitet.
45*
708
Tigerfink - Tigris.
Tigerfink, s. Astrilds.
Tigerkatze, s. v. w. Ozelot, s. Pantherkatzen, S.
659.
Tigerpferd, s. v. w. Zebra.
Tigerschlangen (Pythonidae Dum. et Bibr.), Familie aus
der Ordnung der Schlangen und der Unterordnung der nicht giftigen
Schlangen, große Tiere mit sehr gestrecktem Körper,
mäßig langem, rundem Schwanz, langschnauzigem Kopf,
weitem Rachen mit derben Zähnen und rudimentären
Hinterextremitäten neben dem After. Die Tigerschlange (Python
molurus (Gray. s. Tafel "Schlangen II"), 7-8 m lang, an der vordern
Hälfte des Oberkopfs mit regelmäßigen Schildern, an
der hintern mit Schuppen bedeckt, ist am Kopf grau fleischfarben,
auf Scheitel und Stirn hell olivenbraun, auf dem Kopf mit
ölbraunen Flecken und Streifen, auf dem Rücken hellbraun,
auf der Unterseite weißlich, außerdem auf dem
Rücken mit großen, vierseitigen, braunen, dunkler
gerandeten Flecken versehen. Sie bewohnt Asien von der Küste
des Arabischen Meers bis Südchina und nördlich bis zum
Himalaja, auch die Sundainseln. Ebenso groß ist die Gitter-
oder Netzschlange (P. reticulatus Gray), auf der Malaiischen
Halbinsel und allen Inseln des Indischen Meers. Beide sind so
ungefährlich wie die amerikanische Riesenschlange, leben
besonders in der Nähe des Wassers, nähren sich von
kleinen Säugetieren, und nur alte, große Exemplare wagen
sich an Ferkel und die Kälber der kleinen Hirscharten. Sie
legen eine größere Anzahl Eier und bebrüten
dieselben mehrere Monate. Auch in der Gefangenschaft hat sich die
Tigerschlange fortgepflanzt. Man hält sie hier und da gern als
Rattenfängerinnen; anderwärts werden sie sehr
gefürchtet.
Tigerwolf, s. Hyäne.
Tiglat Pilesar (Tuklat-habalasur), Name zweier
assyrischer Könige: 1) T. I., 1130-1100 v. Chr., unternahm
Eroberungszüge nach Armenien und Syrien. -
2) T. II., 745-727, Sohn Assurnirars II., der Begründer der
assyrischen Weltmacht, dehnte die Grenzen des Reichs über Iran
bis zum Persischen Golf und nach Arabien aus, unterjochte
Babylonien sowie den westlichen Teil des Hochlandes von Iran und
vollendete in zahlreichen Feldzügen die Unterwerfung Syriens,
setzte nach der Ermordung Pekahs Hosea als König von Israel
ein, führte viele angesehene Einwohner als Gefangene ab und
eroberte 732 Damaskus, dessen König Rezin er hinrichten
ließ. Die Thaten, welche die Bücher des Alten Testaments
einem König Phul (s. d.) zuschreiben, kommen thatsächlich
T. zu.
Tigranes, der Große, König von Armenien, geb.
121 v. Chr., aus dem Geschlecht der Arsakiden, bestieg 95 den
Thron, eroberte Atropatene, Mesopotamien, das nördliche Syrien
und Kappadokien, gründete die neue großartige
Königsresidenz Tigranokerta am Nikephorios und nannte sich
König der Könige. Als er den Römern die Auslieferung
seines zu ihm geflüchteten Schwiegervaters Mithridates
verweigerte, wurde er 69 von Lucullus bei Tigranokerta besiegt und
bis Artaxata verfolgt, wo 68 Lucullus durch eine Meuterei in seinem
Heer zur Umkehr gezwungen wurde. Nach der zweiten Niederlage des
Mithridates durch Pompejus unterwarf er sich 66 diesem und empfing
Armenien unter römischer Oberhoheit zurück, mußte
aber alle Eroberungen abtreten und 6000 Talente zahlen. Er starb
36.
Tigre (franz., spr. tihgr), kleiner Reitknecht,
Groom.
Tigré (Tigrié), der nördliche Teil
Abessiniens, welcher zeitweilig ein eignes Reich bildete und aus
den Landschaften Hamasên, Saraë, Adiabo, Schiré,
Agamé, Enderta und dem eigentlichen T. besteht. Die
hauptsächlichsten Flüsse des Landes sind der Mareb und
Takazzé; in Bezug auf seine Bodengestaltung und Produkte s.
Abessinien. Die Bewohner des Landes, dem äthiopischen Stamm
angehörig, unterscheiden sich von ihren südlichen
Nachbarn, den Amhara, in mancher Beziehung, namentlich auch durch
die Sprache. Dieselbe (Tigrinja; Grammati von. Prätorius,
Halle 1872, und von Schreiber, Wien 1886) ist eine Tochtersprache
des Altäthiopischen (Geez), wird aber nicht geschrieben;
dagegen wird das ebenfalls dem Geez verwandte Tigrié oder
Baose in der Samhara und von den Beni Amer an der Seeküste
unter 16-18° nördl. Br. gesprochen. Hauptstadt von T. ist
Adua. Das selbständige Reich T. ging 9. Febr. 1855 in der
Schlacht von Debela (in Semién) zu Grunde, wo sein letzter
Herrscher, Ubié, von Theodoros II. besiegt und um sein Land
gebracht wurde. Auch in der Folge blieb T. mit dem Zentralstaat
(Amhara) vereinigt. S. Karte "Ägypten etc."
Tigri, Giuseppe, ital. Schriftsteller, geb. 22. Nov. 1806
zu Pistoja, widmete sich aus äußern Anlaß dem
geistlichen Stand, lebte aber als Abbate ganz den Wissenschaften
und gründete in den 30er Jahren ein Lehrinstitut, welches bis
1850 bestand. 1861 machte er eine Reise durch die Schweiz,
Deutschland, Holland, Belgien, England und Frankreich, wirkte dann
als Inspektor der Schulen von Pistoja und San Miniato und als
Studienprovisor in Caltanissetta, endlich als Bibliothekar der
Biblioteca Forteguerri in Pistoja, wo er 9. März 1882 starb.
Er schrieb: "Le selve" (1844, 2. Aufl. 1868), ein ausgezeichnetes
Lehrgedicht über die Pflege des Kastanienbaums, in welchem
sich mit dem Lehrhaften fesselnde Naturschilderungen und
historische Exkurse verbinden, und veröffentlichte die "Canti
popolari toscani", sein Hauptwerk, das in mehreren Auflagen (am
besten, Flor. 1856) verbreitet ist. Nicht geringern Beifall fand
sein durch pittoreske Schilderungen ausgezeichneter Roman "La
selvaggia de' Vergiolesi" (1870, 2. Aufl. 1876). Sein
Lleblingsthema, das Leben der Gebirgsbewohner, behandelte er
teilweise auch in den Schriften: "Il montanino toscano volontario
alla guerra dell' indipendenza italiana 1859" (1860), "Volontario e
soldato" (1872), "Celestina, bozzetto montanino" (1880) u.
"Matilde", denen eine historische Novelle in Versen (1881) folgte.
Aus Tigris Feder stammt ferner die gekrönte Preisschrift
"Contro i pregiudizii popolari etc." (1870); die Reisebeschreibung
"Da Firenze a Costantinopoli e Mosca" (1877) u. a.
Tigris, Tiger.