Von den Einflüssen der ersten Art ist in erster Linie die
Nahrungszufuhr zu nennen. In der Kälte ist das Bedürfnis
nach Nahrungsaufnahme größer als in der Wärme. Ein
zweites Mittel dieser Art ist die Muskelarbeit. In der Kälte
suchen die Organismen durch vermehrte Muskelkontraktionen
Wärme zu bilden, in der Wärme vermeiden sie Muskelarbeit
am liebsten ganz. Unter den regulatorischen Vorrichtungen, welche
auf die Wärmeausgabe einwirken, kommt in erster Linie der die
äußere Haut und die Lungen passierende Blutstrom in
Betracht. Diese Vorrichtung basiert auf der Veränderlichkeit
in der Weite der Arterien (s. Blutbewegung), und sie ist
entschieden der wichtigste Regulator der Eigenwärme. Durch
eine Erweiterung der Gefäße in der äußern
Haut und den Lungen wird der Wärmezufluß vom Innern des
Körpers her vermehrt, durch eine Verengerung verringert. Nun
sichert eine nervöse Verbindung einen ursachlichen
Zusammenhang in der Weite dieser Gefäße und der
Körpertemperatur und macht sich derartig geltend, daß
die Gefäße sich erweitern, sobald die
Körperwärme steigt, daß sie sich aber verengern,
sobald diese sinkt. Ein andres Prinzip, welches bei der
Wärmeregulation Anwendung findet, ist die Wärmeabgabe bei
der Veränderung des Aggregatzustandes von
Körperbestandteilen. Der Organismus macht hiervon beim
Übertritt von Flüssigkeiten in den gasförmigen
Zustand, also bei der Verdunstung, Gebrauch. Diese findet besonders
umfangreich in zwei Organen statt, nämlich in den Lungen und
in der äußern Haut. Wie bedeutend die Verdunstung durch
die Lungen ist, kann man schon aus der Beobachtung der ausgeatmeten
Luft bei kalter Witterung schließen. Was die Verdunstung
durch die äußere Hnut betrifft, so ist die dichte
Bekleidung derselben mit Epidermiszellen der Verdunstung nicht
günstig, und der Mechanismus ist hier der, daß bei
gesteigerter Körperwärme ein Reiz auf die
Schweiß-Zentren (s. Schweiß) ausgeübt wird,
daß infolgedessen die Schweißdrüsen durch ihre
Thätigkeit die Hautoberfläche mit einer
Flüssigkeitsschicht überziehen, zu deren Verdunstung
Wärme vom Körper abgegeben wird. Als dritte die
Wärmeabgabe betreffende Regulationsvorrichtung benutzt der
Organismus die Lungenatmung. Diese Vorrichtung basiert auf dem
Prinzip des Fächers, also darauf, daß ein bewegter
Luftstrom die Wärmeabgabe eines Körpers begünstigt,
indem er diesen fortwährend mit neuen kältern Luftmassen
in Berührung bringt. Steigt die Körperwärme, so
vermehren sich die Atemzüge, und die außerordentlich
große Oberfläche der Lungenbläschen wird jetzt mit
einem in beständiger Bewegung begriffenen großen Quantum
kühlerer Luft in Berührung gebracht. Es ist übrigens
ersichtlich, daß auf diese Weise nicht allein die direkte
Wärmeabgabe, sondern auch die Verdunstung
außerordentlich begünstigt wird. Die Regulierung der
Körperwärme mittels der beschriebenen
Kompensationsvorrichtungen vollzieht sich zum
allergrößten Teil, vielleicht ganz, durch Vermittelung
des Nervensystems. Wie die betreffenden Nervenmechanismen gestaltet
sind, kann einstweilen nur vermutet werden. Die Existenz eines die
Thätigkeit der verschiedenen Regulationsvorrichtungen
regelnden Wärmezentrums ist bis jetzt nicht genügend
bewiesen.
Die mittlere Körperwärme schwankt beim Menschen
zwischen 36,5 und 38° C. Ähnlichen Temperaturen begegnet
man bei den Säugetieren; beim Pferd beträgt sie
37,5-38,5°, beim Rind 37,5-39,5°, bei Schafen 38-41°,
bei Schweinen 38,5-40° und bei Hunden 37,5-39,5° C. Etwas
höher liegt die Eigenwärme der Vögel, sie
beträgt 39,4-43,9° C. Bei den übrigen Tieren ist die
Temperatur variabel und in der Regel um wenige Grade höher als
die des umgebenden Mediums. Bei den Warmblütern werden
regelmäßige, von der Lebensweise abhängige
Temperaturschwankungen um 1-1,5° C. wahrgenommen. So zeigen
sich von der Nahrungsaufnahme abhängige Schwankungen derart,
daß ein Minimum der Temperatur etwa gegen Mitternacht beginnt
und bis 7 Uhr morgens andauert, diesem folgt eine etwa bis 4 Uhr
nachmittags anhaltende Periode der steigenden Temperatur, dann
kommt ein bis etwa 9 Uhr abends dauerndes Maximum und endlich eine
Periode der absinkenden Temperatur. Diese Schwankungen kommen beim
Hunger in Fortfall. Weitere Schwankungen der Eigenwärme
innerhalb physiologischer Grenzen hängen von der
Muskelthätigkeit ab; durch energische Muskelarbeit wird die
Temperatur nicht selten bis um 1,5° C. vermehrt. Von
medikamentösen Mitteln bewirken Herabsetzung der tierischen
Wärmebildung: Chinin, Salicylsäure, Alkohol, Chloroform,
Chloral u. a., eine Erhöhung derselben Digitalin. Eine
erhöhte Körpertemperatur ist eins der wichtigsten Zeichen
des Fiebers (s. d.). Beim Menschen bedient man sich zu Bestimmungen
der Körperwärme gewöhnlich der Achselhöhle oder
auch, wie bei den Tieren, des Mastdarms. Ein Thermometer
läßt man hier so lange liegen, bis kein Steigen der
Quecksilbersäule mehr wahrgenommen wird, was in der Regel nach
zehn Minuten erreicht ist. Regelmäßige, zu bestimmten
Tageszeiten wiederholte Temperaturmessungen sind in der neuern
Medizin eins der wichtigsten diagnostischen Mittel.
Tierkämpfe (lat. Venationes), Kämpfe von Tieren
untereinander oder von Menschen mit Tieren, gehörten bei den
alten Römern zu den beliebtesten Volksbelustigungen. Sie
fanden zumeist im Zirkus statt und wurden zuerst bei den Spielen
des M. Fulvius Nobilior 186 v. Chr. erwähnt. Die
Tierkämpfer (bestiarii) waren teils Verurteilte und
Kriegsgefangene, die den durch Hunger, Feuerbrände und
Stacheln rasend gemachten Tieren schlecht bewaffnet oder ganz
waffenlos entgegengestellt wurden, teils Mietlinge, die wie die
Gladiatoren in besondern Schulen geübt und ausreichend
bewaffnet waren. Für die Herbeischaffung zahlreicher und
seltener Tiere, oft aus den entferntesten Weltgegenden, und die
sonstige Ausstattung der Tierhetzen wurde besonders in der
Kaiserzeit ein unglaublicher Aufwand gemacht. So veranstaltete
Pompejus einen Tierkampf von 500 Löwen, 18 Elefanten und 410
andern afrikanischen Bestien, und Caltgula ließ 400
Bären und ebensoviel reißende Tiere aus Afrika sich
gegenseitig zerfleischen. Bisweilen wurde dabei durch geeignete
Dekoration und Kostümierung ein historischer oder
mythologischer Vorfall (z. B. wie Orpheus von Bären zerrissen
wird) szenisch dargestellt. Erhalten haben sich die T. bis ins 6.
Jahrh. - Bei den Griechen waren besonders Wachtel- und
Hahnenkämpfe (s. Huhn, S. 779) beliebt, wobei von den
Zuschauern Wetten oft bis zu bedeutender Höhe angestellt
wurden. Als T. der neuern Zeit sind die Stiergefechte (s. d.) der
Spanier zu bezeichnen.
Tierkohle, durch Verkohlung tierischer Substanzen
erhaltene Kohle, besonders Knochenkohle.
Tierkreis (Zodiakus), s. Ekliptik. Über den T. in
Dendrah s. d. In der christlichen Symbolik ist der T. das Sinnbild
der Weisheit Gottes, so namentlich auf Bildern der
Weltschöpfung, z. B. im Campo santo
703
Tierkreislicht - Tierreich.
zu Pisa (um 1390) und nach Raffaels Zeichnungen in Santa Maria
del Popolo zu Rom, auch häufig an kirchlichen Fassaden des 12.
und 13. Jahrh.; in neuerer Zeit von A. v. Heyden dargestellt (in
der Kuppel der Nationalgalerie in Berlin).
Tierkreislicht, s. Zodiakallicht.
Tiermalerei, ein Zweig der Malerei, welcher sich mit der
Darstellung einzelner oder zu Gruppen vereinigter lebender Tiere in
der Freiheit und in Gefangenschaft, in Ruhe und Bewegung
beschäftigt. Isolierte Darstellungen einzelner Tiere und
Tierstücke kommen bereits auf Kupferstichen und Holzschnitten
von M. Schongauer und A. Dürer vor. Ihre Ausbildung als
selbständige Gattung der Malerei erhielt die T. aber erst
durch die niederländischen Künstler des 17. Jahrh. Jan
Brueghel der ältere malte Landschaften mit Tieren jeglicher
Art (sogen. Paradiese). Rubens, Snyders und Jan Wildens malten
Jagden und wilde Tiere im Kampf mit den Menschen oder unter sich.
Andre hervorragende Tiermaler des 17. Jahrh. sind M. Hondecoeter
(Geflügel), Wouwerman (Pferde), Berchem (Rindvieh und Schafe
in Landschaften), Paul Potter (Rindvieh und Pferde), A. Cuyp
(Pferde und Hunde), Rosa di Tivoli (Schafe, Rinder und Ziegen). Im
18. Jahrh. zeichnete sich vornehmlich J. E. Ridinger in der
Darstellung von Hirschen, Wildschweinen, Jagden etc. als Maler und
Radierer aus. Im 19. Jahrh. nahm die T. einen neuen Aufschwung
durch den Engländer E. Landseer (Pferde, Hunde u. a. m.), die
Franzosen Troyon, Rosa Bonheur und Jacque und die Belgier
Verboeckhoven und Verlat. Die bedeutendsten deutschen Tiermaler der
neuern Zeit sind die Berliner Steffeck (Pferde und Hunde), P.
Meyerheim (Raubtiere, Affen, exotische Vögel), Brendel
(Schafe), Friese (Raubtiere und jagdbares Wild), Hallatz (Pferde),
die Düsseldorfer Kröner (jagdbares Wild), Deiker und Jutz
(zahmes Geflügel), die Münchener Mali (Schafe und
Rindvieh), Voltz (Weidevieh), Gebler (Schafe und Hunde), Braith
(Rindvieh) und Zügel (Schafe) und der Schweizer Koller. Vgl.
auch Idyllenmalerei.
Tiermasken, s. Maske, S. 314.
Tieröl (Hirschhornöl, Knochenöl,
Franzosenöl) entsteht bei trockner Destillation
stickstoffhaltiger tierischer Substanzen, besonders der Knochen,
ist dunkelbraun bis schwarz, dicklich, riecht durchdringend
widerwärtig, empyreumatisch, ist leichter als Wasser,
löslich in Alkohol, reagiert alkalisch, gibt an Alkalien
Blausäure und Phenol, an Säuren organische Basen (die
Pyridinbasen, auch Äthylamin etc.) ab und liefert bei
wiederholter Rektifikation ein farbloses Öl (Dippels Öl),
welches bald wieder gelblich oder braun wird. Dies war als Oleum
animale aethereum offizinell; man benutzte es früher gegen
Typhus, als Wurmmittel und zu Einreibungen. Mit 3 Teilen
Terpentinöl bildet es das Oleum contra Taeniam Chaberti, ein
altes Bandwurmmittel.
Tierpflanzen, s. Zoophyten.
Tierpsychologie, s. Tierseelenkunde.
Tierquälerei, s. Tierschutz.
Tierreich, die Gesamtheit der Tiere. Es läßt
sich, weil eine scharfe Grenze zwischen diesen und den Pflanzen
nicht vorhanden ist, in seinen niedersten Formen von denen des
Pflanzenreichs nicht trennen, falls man nicht, wie es seitens
einiger Forscher geschieht, die zweifelhaften Wesen zu einem
besondern Reich, demjenigen der Protisten, vereinigt und so
für Tier- und Pflanzenreich eine bessere, allerdings rein
künstliche Abgrenzung ermöglicht (vgl. Protozoen und
Tier). Das T. selbst zerfällt in eine Anzahl großer
Abteilungen (Typen, Klassen, Stämme), über deren Anzahl
und Umfang man jedoch in Fachkreisen von jeher der verschiedensten
Ansicht gewesen ist. Die erste derartige Einteilung rührt von
Aristoteles her, welcher blutführende und blutlose Tiere
unterschied; diese beiden Gruppen entsprechen den heutigen
Wirbeltieren und Wirbellosen (Vertebraten und Evertebraten) und
zerfielen jede wieder in vier Klassen, die zum Teil auch jetzt noch
als gut begrenzt angesehen werden, nämlich: lebendig
gebärende Vierfüßer (mit Einschluß der Wale),
Vögel, Eier legende Vierfüßer, Fische; Weichtiere
(die heutigen Tintenschnecken), Weichschaltiere (Krebse),
Kerftiere, Schaltiere (Schnecken, Muscheln, Echinodermen). Erst
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wurde nach 2000jährigem
Bestehen diese Klassifikation durch Linné beseitigt und
durch sein System von sechs Klassen: Säugetiere, Vögel,
Amphibien, Fische, Insekten, Würmer, ersetzt. Natürlich
erfuhren hierbei die kleinern Formen der niedern Tiere, da man sie
nicht oder nicht genügend kannte, keine Berücksichtigung,
und so bildete namentlich die Wurmgruppe ein buntes Allerlei, eine
"Rumpelkammer" für alle Tiere, welche sonst nicht
unterzubringen waren. Bereits nach wenigen Jahrzehnten erlangte
daher die von Cuvier 1812 versuchte neue Einteilung der Tiere nach
ihrer Gesamtorganisation allgemeinen Beifall; sie schuf vier
große Typen oder Kreise, nämlich die Wirbel-, Weich-,
Glieder- und Strahltiere, die ganz unabhängig voneinander nach
vier verschiedenen "Bauplanen" gebildet sein sollten. Indessen auch
hier vereinigte der unterste Kreis ganz heterogene Elemente in sich
(Echinodermen, Cölenteraten, Eingeweidewürmer,
Rädertiere und Infusorien), die zum großen Teil sogar
nichts weniger denn strahlig gebaut waren. Es wurde daher nach u.
nach die Anzahl der "Kreise" von vier auf sieben erhöht, indem
man die Glieder- und Strahltiere besser sonderte. Nachdem sodann in
den 60er Jahren die darwinistischen Prinzipien allgemeinen Eingang
zu finden begonnen hatten, verließ man den Begriff, welcher
dem Typus zu Grunde liegt, und spricht in der modernen Zoologie nur
noch von "Tierstämmen", welche, aus gemeinsamer Wurzel
hervorgegangen, in ihrer Gesamtheit den Baum des Tierreichs
darstellen. Als solche Stämme faßt man in der Ordnung
von unten nach oben auf: die Protozoen (auch häufig als
besonderes Reich abgetrennt, s. Protozoen), die Cölenteraten
(Schwämme, Korallen, Polypen, Quallen etc.), die Würmer,
die Echinodermen (Seesterne, Seeigel etc.), die
Gliederfüßler oder Arthropoden (Krebse, Insekten etc.),
die Weichtiere (Muscheln, Schnecken etc.), die Wirbeltiere. Doch
verhehlt man sich dabei nicht, daß manche isoliert dastehende
Gruppen, welche man heute noch einem der genannten Stämme
zurechnet, bei genauerer Erforschung ihrer Organisation vielleicht
einen besondern Stamm bilden werden, wie man auf der andern Seite
eifrig nach den lebenden oder ausgestorbenen Bindegliedern zwischen
den Stämmen sucht. Dieser Auffassung zufolge lassen sich also
die Tiere in ihrer natürlichen (d. h. auf Blutsverwandtschaft
oder auf Abstammung voneinander beruhenden) Anordnung nicht in eine
einfache Reihe, die vom niedersten zum höchsten Tiere reichen
würde, bringen, sondern bilden die Äste, Zweige und
Zweiglein eines mächtigen Baums, dessen Krone die noch
lebenden Tiere ausmachen, während die näher der Wurzel
befindlichen Zweige von der Ausdehnung des Baums in frühern
Zeiträumen berichten. Wie sich die genannten Stämme im
einzelnen verhalten, ist in den betreffenden Artikeln
nachzulesen.
704
Tiersage - Tierschutz.
Tiersage, eine Gattung der Sage (s. d.), welche von dem
Leben und Treiben der Tiere und zwar vorzugsweise der
ungezählten Tiere des Waldes handelt, die man sich mit Sprache
und Vernunft ausgestattet denkt. Die Wurzeln der T. liegen in der
Natureinfalt der ältesten Geschlechter, die noch in
unbefangenem, sei's freundlichem oder feindlichem, immer nahem
Verkehr mit den Tieren standen: aus der harmlosen Freude des
Naturmenschen an dem Treiben der Tiere, seiner Beobachtung ihrer
besondern Art und "Heimlichkeit" entsprang die einfache
Erzählung dessen, was er an und mit den Tieren erfuhr und
erlebte, und sie eben bildet das charakteristische Merkmal dieser
Art Naturpoesie, die teils in einzelnen konkret gewordenen
Erscheinungen als Tiermärchen, teils in Verknüpfung und
Verschmelzung derselben zu einem dichterischen Ganzen als Tierepos
auftritt. Wohl zu unterscheiden ist dieses Tierepos von der
gewöhnlichen (Äsopischen oder Lessingschen) Tierfabel,
die rein didaktischer Natur ist, indem sie nach kurzer
Erzählung des Tatsächlichen eine nüchterne
Verstandeslehre mit epigrammatischer Schärfe ausspricht (s.
Fabel). Das Tierepos ist dagegen von aller lehrhaften und
satirischen Tendenz frei; sein Wesen beruht auf der poetischen
Auffassung und naturgetreuen Darstellung des Tierlebens als eines
in seiner geheimnisvollen Eigentümlichkeit abgeschlossenen,
aber zugleich in den Bereich des Menschlichen erhobenen Daseins.
Die Tiere, welche diese Dichtung vorführt, sind nicht nackte,
außer aller psychischen Gemeinschaft mit dem Menschen
stehende Tiere, noch weniger allegorische Figuren oder in
Tiergestalt verkleidete Menschen: es sind die Tiere in ihrem
wirklichen Leben, jedoch mit Gedanken und Sprache ausgestattet und
von Trieben geleitet, denen Absicht und Bedeutung geliehen sind. In
dieser Verschmelzung des menschlichen und tierischen Elements liegt
die Bedingung und zugleich der höchste Reiz der T. Daß
bei solcher Schilderung der Tierwelt zugleich das gewöhnliche
Treiben der Menschen abgespiegelt wird, ist unleugbar, aber
keineswegs die beabsichtigte Wirkung der Dichtung, die vielmehr,
wie das Heldenepos, in ruhiger Breite dahinfließt, ohne
weitere Tendenz, als in ungestörter Gemütlichkeit sich
auszusprechen. Gelegenheit freilich, satirische Nebenbeziehungen
auf bestimmte menschliche Zustände anzubringen, bietet die T.
nur allzu reichlich, und sie wurde auch schon frühzeitig von
den Bearbeitern benutzt. Spuren der T. sind schon bei den
ältesten Völkern nachzuweisen, aber diese ließen
sie frühzeitig wieder fallen oder wandten sich der
didaktischen Tierfabel (s. oben) zu; eine vollständige epische
Durchbildung erhielt die T. nur bei den mit hervorragendem
Natursinn ausgestatteten Deutschen und zwar vorzugsweise bei den
Franken. Mit diesen wanderte sie im 5. Jahrh. über den Rhein,
wo sie in Flandern und Nordfrankreich Wurzel faßte und
gepflegt wurde, bis sie später nach Deutschland
zurückkehrte, um hier im 15. Jahrh. in der niederdeutschen
Dichtung "Reineke Vos" ihre endgültige Gestalt zu erhalten (s.
Reineke Fuchs). Die älteste und echteste T. kennt nur
einheimische Tierhelden (mit treffenden, echt deutschen Namen), und
der Bär, der König der deutschen Wälder, war auch im
Gedicht der König der Tiere; erst später (im 12. Jahrh.)
trat statt seiner der orientalische Löwe an die Spitze des
Tierstaats, in den nun auch Affen und andre fremdländische
Geschöpfe eingeführt wurden. Die besten, vollkommen
befriedigenden Aufschlüsse über den Charakter der T. gab
J. Grimm in einer Einleitung zu "Reinhart Fuchs" (1843).
Tiers-argent (franz., spr. tjähr-sarschang), s.
Aluminiumlegierungen und Drittel-Silber.
Tiersch, Otto, Musiktheoretiker, geb. 1. Sept. 1838 zu
Kalbsrieth bei Artern in Thüringen, ward Schüler von J.
G. Töpfer in Weimar, später Heinrich Bellermanns, Marx'
und L. Erks in Berlin, war mehrere Jahre als Lehrer am Sternschen
Konservatorium daselbst thätig und ist jetzt städtischer
Lehrer (für Gesang) in Berlin. T. ist als Musiktheoretiker
eine interessante Erscheinung, da er den Versuch macht, die
neuesten Errungenschaften der Akustik und Physiologie des
Hörens für die Harmonielehre zu verwerten, und
demgemäß ein eignes Harmoniesystem aufstellt. Seine
Schriften sind: "System und Methode der Harmonielehre" (Leipz.
1868); "Elementarbuch der musikalischen Harmonie- und
Modulationslehre" (2. Aufl., Berl. 1888; "Praktische
Generalbaß-, Harmonie- und Modulationslehre" (Leipz. 1876);
"Praktisches Lehrbuch für Kontrapunkt und Nachahmung" (das.
1879); "Lehrbuch für Klaviersatz und Akkompugnement" (das.
1881); "Allgemeine Musiklehre" (mit Erk, das. 1885); "Rhythmik,
Dynamik und Phrasierungslehre der homophonen Musik" (das. 1886) u.
a.
Tierschutz, der Inbegriff aller Anordnungen und
Bestrebungen, welche zum Zweck haben, den Tieren unnötige
Quälereien zu ersparen. Das Strafgesetzbuch für das
Deutsche Reich bedroht (§ 360, Ziff. 13) "mit Geldstrafe bis
zu 150 Mk. oder mit Haft denjenigen, welcher öffentlich oder
in Ärgernis erregender Weise Tiere boshaft quält oder roh
mißhandelt". Zur Verhütung einzelner Arten von
Mißhandlungen der Tiere bestehen auch vielfach besondere
Polizeivorschriften, wie z. B. bezüglich des Transports
kleinerer Haustiere, des Bindens der Füße derselben,
bezüglich der Hundefuhrwerke etc. In vielen Fällen ist es
schwer zu erkennen, wann eine Handlung wirklich als eine strafbare
Tierquälerei zu erachten ist; denn der Charakter, das Benehmen
u. die Benutzungsweise der verschiedenen Tiere weichen wesentlich
voneinander ab u. machen deshalb eine verschiedene Art in der
Behandlung derselben, zumal bei Arbeitstieren, nötig. Um den
Tieren eine humane Behandlung zu sichern, haben sich allenthalben
Tierschutzvereine gebildet, wozu der verstorbene Hofrat Perner in
München zuerst die Anregung gegeben hatte. Diese Vereine
suchen Mitglieder in allen Schichten der Bevölkerung zu
gewinnen und verpflichten dieselben, nicht nur selbst keinerlei
Tierquälerei zu begehen und von ihren Angehörigen zu
dulden, sondern auch andre davon abzumahnen und nötigen Falls
polizeiliche Abhilfe zu veranlassen. Da in erster Linie schon bei
der Erziehung der Kinder darauf hingewirkt werden muß,
Mitgefühl für die Leiden der Tiere und Abscheu vor allen
Handlungen zu erwecken, welche Tieren jeder Art unnötige
Schmerzen verursachen, suchen diese Vereine durch Schriften und
bildliche Darstellung auf die Jugend einzuwirken. Durch diese
Tierschutzvereine sind schon manche tierquälerische
Mißbräuche bei der Benutzung und Behandlung von Tieren
abgestellt worden; ihren Bemühungen ist es unter anderm
zuzuschreiben, daß mit Fußleiden und andern Gebrechen
behaftete Pferde, anstatt noch länger herumgeplagt zu werden,
zum Zweck des Fleischgenusses in Pferdeschlächtereien eine
nutzbringende Verwendung finden, daß ferner
unzweckmäßige Zuggeräte, wie das Doppeljoch, immer
mehr außer Gebrauch kommen, bessere Schlachtmethoden
angewendet werden, nutzlose und unsinnige Operationen, wie Stechen
und Brennen des Gaumens sowie Nagelschneiden bei Pferden,
Ohrenschneiden bei Hunden etc., immer seltener werden. Es bleibt
für
705
Tiers-consolidé - Tierseelenkunde.
den T. übrigens noch ein großes Feld der
Thätigkeit, wenn er seine Aufmerksamkeit auch fernerhin auf
entsprechendere Einrichtungen bei dem Transport der Tiere auf den
Eisenbahnen, auf Verbesserungen der häufig noch
unbeschreiblich schlechten Ställe sowie des
unzweckmäßigen, zu schmerzhaften Fußleiden
führenden Hufbeschlags etc. richtet. In Deutschland richtete
sich die Agitation der Tierschutzvereine in letzter Zeit namentlich
gegen die Vivisektion (s. d.). Auch wird eine Abänderung des
deutschen Strafgesetzbuchs in dem Sinn angestrebt, daß zu dem
Begriff der Tierquälerei nicht mehr das Requisit der
Öffentlichkeit oder das Erregen von Ärgernis gehören
soll. Der T. darf jedoch nicht in übertriebene
Sentimentalität ausarten, die für zuweilen unvermeidliche
Leiden der Tiere Ausdrücke des tiefsten Bedauerns findet und
alles mögliche aufbietet, vermeintliche Tierquälereien
abzustellen, während sie für Leiden der Menschen weniger
empfindlich ist. Insbesondere kann der (bei Verleihung von
Medaillen etc.) übertriebene Diensteifer niederer
Polizeiorgane, in vielen an und für sich unschuldigen
Handlungen Tierquälereien zu erblicken, zuweilen unangenehm
werden und zu lästigen Plackereien führen. Im weitern
Sinn erstreckt sich der T. auch auf die Verhinderung der Ausrottung
oder der zu starken Verminderung gewisser Arten von Tieren,
besonders nützlicher Vogelarten, der Fische etc., zu welchem
Zweck besondere Polizeivorschriften zu erlassen sind. Dem T.
gewidmete Zeitschriften erscheinen gegenwärtig in Berlin
("Ibis", seit 1872), Darmstadt (seit 1874), Stuttgart (seit 1875),
Köln (seit 1877), Guben (seit 1881), Riga (seit 1885), Aarau
(seit 1887).
Tiers-consolidé (franz., spr.
tjähr-kongsso-), die 30. Sept. 1797 anerkannte 5proz.
französische Rente, welche 1802 als "Cinq pour Cent"
bezeichnet und 1862 auf Grund der Gesetze vom 1. Mai 1825 und 14.
März 1852 in 3, bez. 4½ pour cent de 1852 umgewandelt
wurde.