Die vegetativen Organe umfassen im weitesten Sinn die

Vorgänge der Ernährung; die durch den Mund

aufgenommenen Nahrungsstoffe werden verdaut, und die durch diesen

Prozeß gebildeten löslichen Stoffe werden zu einer

ernährenden, den Körper durchdringenden Flüssigkeit,

welche in mehr oder minder bestimmten Bahnen zu sämtlichen

Organen gelangt und an dieselben Bestandteile abgibt, aber auch von

ihnen die unbrauchbar gewordenen Zersetzungsstoffe aufnimmt und bis

zu ihrer Unschädlichmachung (s. unten) weiterführt. Die

ungelösten Nahrungsbestandteile werden durch den Mund oder

meist durch eine besondere Öffnung, den After,

ausgestoßen. Gewöhnlich zerfällt dann die

Verdauungshöhle, auch Darmkanal genannt, in drei Abschnitte:

Vorder- oder Munddarm (Speiseröhre), Mittel- oder Magendarm

(Magen) und Hinter- oder Afterdarm (Darm im engern Sinn). Von

diesen Abschnitten gehört nur der mittlere zum Entoderm,

während Vorder - und Hinterdarm Einstülpungen der

Hautschicht sind und bei manchen Tieren sich auch der

äußern Haut gleich verhalten. Bei einigen niedern Tieren

hat jedoch der Magen keine selbständige Wandung, vielmehr wird

die Nahrung aus der Speiseröhre in das weiche

Körperinnere gedrückt und dort verdaut; bei den

höhern Tieren gestaltet sich dagegen der Verdauungsapparat

sehr kompliziert, indem Kauorgane (Kiefer mit Zähnen oder als

Abschnitt der Speiseröhre ein besonderer Kaumagen) sowie

Drüsen zur Absonderung verdauender Säfte

(Speicheldrüsen, Leber) entstehen. Je nachdem übrigens

die Nahrung rein pflanzlicher oder rein tierischer oder gemischter

Natur ist, unterscheidet man Herbivoren (Phytophagen), Karnivoren

(Zoophagen) und Omnivoren (Pantophagen). Die von der Darmwandung

aus den Speisen aufgenommene Ernährungsflüssigkeit tritt

nur durch sie hindurch in die Leibeshöhle und erfüllt als

Blut (oft schon mit zelligen Elementen, den Blutkörperchen)

die Lücken und Gänge zwischen den verschiedenen Organen

und Geweben. Auf einer weitern Stufe umkleiden sich Abschnitte der

Blutbahn mit einer besondern Muskelwandung und unterhalten als

pulsierende Herzen eine rhythmische und regelmäßige

Strömung des Bluts. Von dem Herzen, als dem Zentralorgan des

Blutkreislaufs, aus entwickeln sich dann bestimmt umgrenzte

Kanäle zu Blutgefäßen, welche bei den Wirbellosen

meist noch mit wandungslosen Lücken wech-

699

Tier (Entwickelungsgeschichtliches, geographische

Verbreitung).

seln, bei den Wirbeltieren aber als abgeschlossenes

Gefäßsystem die Leibesräume durchsetzen. In diesem

System unterscheidet man vom Herzen abführende Arterien und

zum Herzen zurückführende Venen, zu welchen noch das

System von Chylus- oder Lymphgefäßen hinzutritt. Alle

genannten Organe gehören dem Mesoderm an. Die Atmung, welche

im wesentlichen in der Aufnahme von Sauerstoff und der Abgabe von

Kohlensäure durch das Blut besteht, wird im einfachsten Fall

durch die gesamte äußere Körperbedeckung

ausgeführt; auch können innere Flächen, besonders

diejenige des Darmkanals, bei diesem Gasaustausch beteiligt sein.

Weiterhin aber treten, und zwar als Teile der Haut- oder der

Darmschicht, besondere Atmungsorgane auf, bei der Wasseratmung

äußere, möglichst flächenhaft entwickelte

Anhänge (Kiemen), bei der Luftatmung Lungen oder

Luftröhren (Tracheen). Die Intensität der Atmung steht in

geradem Verhältnis zur Energie des Stoffwechsels. Tiere mit

geringer Sauerstoffaufnahme (Kiemenatmung) verbrennen nur geringe

Mengen organischer Substanz, setzen nur ein kleines Quantum von

Spannkräften in lebendige Kraft um und produzieren wenig

Wärme, so daß die Temperatur ihres Körpers von der

der Umgebung abhängig bleibt. Dies gilt auch für kleine

luftatmende Tiere, welche, wie Insekten, eine bedeutende

wärmeausstrahlende Oberfläche besitzen (Kaltblüter).

Die höhern Tiere mit energischem Stoffwechsel produzieren

dagegen viel Wärme, sind durch ihre Körperbedeckung vor

rascher Ausstrahlung derselben geschützt und erhalten sich

einen Teil der erzeugten Wärme unabhängig von der

Temperatur des umgebenden Mediums als konstante Eigenwärme

(Warmblüter). Die von den Atmungsorganen ausgestoßene

Kohlensäure zählt zu den Auswurfstoffen des Organismus;

andre derartige schädliche Stoffe werden durch besondere

Exkretionsorgane abgeschieden, von denen die Nieren u.

nierenähnlichen Bildungen die wichtigsten sind.

Unter den animalen Verrichtungen fällt zunächst am

meisten die Ortsbewegung in die Augen. Manche Protozoen gelangen

ohne besondere Organe lediglich durch Zusammenziehung und

Ausdehnung ihres ganzen Körpers von der Stelle, andre sind mit

Wimpern, d. h. feinen, hin und her schlagenden Härchen,

besetzt und bedienen sich nur dieser als Bewegungsorgane. Wo bei

den eigentlichen Tieren Muskeln, d. h. kontraktile Gewebsteile,

vorhanden sind, legen sich diese im einfachsten Fall dicht unter

die Haut und bilden mit ihr einen sogen. Hautmuskelschlauch, dessen

abwechselnde Verkürzung und Verlängerung den Körper

weiterschiebt. Wenn ferner vom Körper ungegliederte oder

gegliederte Anhänge (Gliedmaßen) ausgehen, so zweigen

sich besondere Muskeln zu diesen hin ab und befestigen sich

entweder an deren Haut oder an ein inneres, dem Mesoderm

angehöriges und mehr oder minder starres Skelett. Der

ursprünglich rings geschlossene Hautmuskelschlauch reduziert

sich alsdann zuweilen so sehr, daß er für die Bewegung

kaum noch in Betracht kommt. Die Gliedmaßen selber sind

zuweilen ungegliederte, meist jedoch gegliederte, d. h. in

bewegliche Abschnitte zerfallende, Anhänge des Kopfes oder

Rumpfes. Je nach Bau und Thätigkeit werden sie als Fühler

(Antennen), Kieser (Kauwerkzeuge), Geh- und Schwimmbeine sowie als

Flügel bezeichnet und sind in den einzelnen Tiergruppen

äußerst verschieden gebaut. Es kann zwar an jedem

Segment eines gegliederten Tiers auch ein Paar Gliedmaßen

vorhanden sein, doch ist das bei weitem nicht immer der Fall. Als

Empfindungsorgane sind Nervensystem und Sinneswerkzeuge anzusehen.

Ersteres ist entweder strahlig oder zweiseitig gebaut, geht aus der

Hautschicht hervor, liegt jedoch meist in seinem größern

Teil tiefer im Innern des Körpers an möglichst

geschützter Stelle und besteht aus einem oder mehreren

Zentralorganen (Ganglien, Nervenknoten) nebst den davon

ausstrahlenden Nerven. Gewöhnlich unterscheidet man ein im

Vorderende des Körpers befindliches, aus mehreren Ganglien

verschmolzenes sogen. Gehirn (wegen seiner Lage dicht über dem

Schlund auch Oberschlundganglion genannt) u. eine sich daran

knüpfende Ganglienkette, die je nach ihrem Verlauf als Bauch-

oder als Rückenmark bezeichnet wird. Die Eindrücke von

der Außenwelt werden von den Sinnesorganen (Auge, Ohr etc.)

aufgenommen und mittels der Nerven den Zentralorganen

zugeführt; andre Nerven stehen mit den Muskeln in Verbindung

und vermögen deren Zusammenziehung zu bewirken. Die

Fortpflanzung läßt sich überall auf die Absonderung

eines körperlichen Teils, welcher sich zu einem dem

elterlichen Körper ähnlichen Individuum umgestaltet,

zurückführen. Indessen ist die Art und Weise dieser

Neubildung ungemein verschieden (Teilung, Sprossung, Keimbildung

und geschlechtliche Fortpflanzung). Als Ausgangspunkt des sich

entwickelnden Organismus hat man die einfache Zelle zu betrachten;

der Inhalt derselben erleidet eine Reihe von Veränderungen,

deren Endresultat die Anlage und Ausbildung des Embryonalleibes

ist. Diese Vorgänge sind durch große Mannigfaltigkeit

ausgezeichnet und schließen nicht immer die Entwickelung des

Individuums ab, sondern liefern vielfach zunächst eine Larve,

welche erst durch Metamorphose dem geschlechtsreifen T.

ähnlich wird.

Die entwickelungsgeschichtlichen Arbeiten der neuern Zeit haben

die zuerst von Cuvier aufgestellte Lehre, nach der es im Tierreich

mehrere Hauptzweige oder Typen gebe, gewissermaßen allgemeine

"Baupläne", nach denen die zugehörigen Tiere modelliert

zu sein scheinen, im allgemeinen bestätigt. Während aber

Cuvier vier Typen (Wirbeltiere, Weichtiere, Gliedertiere,

Radiärtiere) annahm, ist die Zahl derselben jetzt auf sieben

oder noch mehr erhöht (s. Tierreich), auch hat man die

Vorstellung von der Isolierung eines jeden "Bauplans" aufgegeben,

da sich Verbindungsglieder und Verknüpfungen verschiedener

Typen nach mehrfachen Richtungen hin nachweisen ließen.

Überhaupt ist man auf Grund der darwinistischen Prinzipien

über die Inkonstanz der Art und ihre allmähliche

Abänderung zur Ansicht gekommen, daß die sämtlichen

Typen oder, wie sie jetzt richtiger heißen, Tierstämme

gemeinsamen Ursprungs sind.

[Geographische Verbreitung.] Wie hiernach das Tierreich als ein

sich allmählich entwickelndes erscheint, so liegt auch bei

einem überblick über die geographische Verbreitung der

Tiere auf der Erde derselbe Gedanke nahe. Danach ist die heutige

Verteilung der Tiere (auch des Menschen) auf der Oberfläche

unsers Planeten nicht von jeher dieselbe gewesen, sondern hat sich

durch das Zusammentreffen von vielen Umständen gerade so und

nicht anders gestaltet. Zu berücksichtigen sind, wenn man zu

einem Verständnis derselben gelangen will, die geologischen

Veränderungen (Senkungen und Hebungen von Land, so daß

Halbinseln zu Inseln werden oder Inseln mit dem Festland in

Verbindung treten etc.) und die paläontologischen Funde, um

aus der frühern Verteilung die jetzige erklären zu

können, und um in besonders klaren Fällen auch wohl

Rückschlüsse auf die

700

Tier - Tierdienst.

frühere Beschaffenheit der Erdrinde, auf die Anordnung von

Wasser und Land u. a. m. wagen zu dürfen. Die

gegenwärtige Verbreitung der Tiere bietet viele

Sonderbarkeiten dar, die nur durch Zurückführung auf

frühere Zustände erklärt werden; z. B.

läßt sich die Ähnlichkeit der Fauna (Tierwelt) auf

hohen Bergen mit derjenigen der nordischen Gegenden leicht durch

die auch sonst begründete Annahme der sogen. Eiszeit

begreiflich machen, deren über ganz Europa verbreitete

Vertreter in der wärmern Gegenwart nur noch an den genannten

kältern Orten zu finden, sonst aber ausgestorben sind. Im

übrigen sind noch folgende Thatsachen bemerkenswert. Von den

Wendekreisen zu den Polen hin nimmt im allgemeinen die Anzahl der

Arten ab, diejenige der Individuen zu. Die sämtlichen um den

Nordpol gelegenen Länder haben, was bei der

Gleichmäßigkeit der Lebensbedingungen nicht auffallen

kann, eine ziemlich eintönige Fauna , während weiter nach

dem Äquator zu die einzelnen Kontinente in Bezug hierauf meist

große Verschiedenheiten aufweisen. Doch gilt dies nur von

solchen Land- und Wassertieren, deren Mittel zur aktiven oder

passiven Wanderung in andere Gegenden gering sind; bei Seetieren

hingegen spielen meist Entfernungen keine Rolle, während

eingeschobene Länderstrecken leicht als Barrieren gegen die

Verbreitung wirken (vgl. Wanderung). Bei dem Versuch einer

Einteilung der Erdoberfläche nach dem allgemeinen Gepräge

ihrer Land- und Süßwasserbewohner gelangt man zu 6-8

Regionen, welche aber nur einen relativen Ausdruck für

natürliche große Verbreitungsbezirke geben, weil sie

sich nicht auf alle Tiergruppen in gleicherweise anwenden lassen.

Auch stößt man auf intermediäre Gebiete, welche

Eigenschaften der benachbarten Regionen mit einzelnen

Besonderheiten verbinden. Diese Regionen sind: 1) die

paläarktische Region: Europa, das gemäßigte Asien

und Nordafrika bis zum Atlas; 2) die nearktische Region:

Grönland und Nordamerika bis Nordmexiko; 3) die

äthiopische Region: Afrika südlich vom Atlas, Madagaskar

und die Maskarenen mit Südarabien; 4) die indische Region:

Indien südlich vom Himalaja bis Südchina und bis Borneo

und Java; 5) die australische Region: Celebes und Lombok, nach

Osten bis Australien, und die Südseeinseln; 6) die

neotropische Region: Südamerika, die Antillen und

Südmexiko. - Die vier ersten Regionen haben miteinander eine

weit größere Ähnlichkeit als irgend eine derselben

mit der von Australien oder Südamerika; auch hat man

Neuseeland als selbständige Region unterschieden und von der

palä- und nearktischen Region eine Zirkumpolarprovinz von

gleichem Rang abgegrenzt; einzelne Forscher unterscheiden auch noch

eine Mittelmeerprovinz. Bezüglich des relativen Reichtums der

einzelnen Regionen gab Wallace folgende Tabelle:

Region Wirbeltiere Säugetiere Vögel

Familie der Region eigentüml. Gattungen der Region

eigentüml. Prozentverhältnis Gattungen der Region

eigentüml. Prozentverhältnis

Familien Gattungen Gattungen

Paläarktische ... 136 3 100 35 35 174 57 33

Äthiopische ..... 174 22 140 90 64 294 179 60

Indische ........ 164 12 118 55 46 340 165 48

Australische .... 141 30 72 44 61 298 189 64

Neotropische .... 168 44 130 103 79 683 575 86

Nearktische .... 122 12 74 24 32 169 52 31

Jedoch sind wegen der Unsicherheit im Begriff der Gattung und

Familie die angegebenen Zahlen mit Vorsicht aufzunehmen. Die

Grenzen der einzelnen Regionen sind ausgedehnte Meere, hohe

Gebirgsketten oder große Sandwüsten; diese Grenzen haben

aber nicht tür alle Tiere gleichen Wert, denn für

einzelne Gruppen bilden sie absolute Hindernisse, während sie

andern immer noch Übergänge aus einem Gebiet in das andre

gestatten. Für ziemlich abgeschlossene Verbreitungsbezirke

braucht man den Ausdruck Verbreitungszentren

(Schöpfungszentren), indem man damit der Ansicht Raum gibt,

daß dort bestimmte Artengruppen sich ausgebildet und langsam

auch in andre Gebiete verbreitet haben. Vgl. Häckel, Generelle

Morphologie (Berl. 1866, 2 Bde.); Gegenbaur, Grundriß der

vergleichenden Anatomie (2. Aufl., Leipz. 1878); Rütimeyer,

Herkunft unsrer Tierwelt (Basel 1867); Schmarda, Geographische

Verbreitung der Tiere (Wien 1853); Wallace, The Geographical

distribution of animals (Lond. 1876, 2 Bde.; deutsch, Dresd. 1876);

Sclater, Über den gegenwärtigen Stand unsrer Kenntnisse

der geographischen Zoologie (deutsch, Erlang. 1876); Semper, Die

natürlichen Existenzbedingungen der Tiere (Leip. 1879, 2

Bde.); Marshall, Atlas der Tierverbreitung (Gotha 1888, 9

Karten).

Tier, in der Jägersprache der weibliche Hirsch.

Tierarzt, s. Veterinärwesen.

Tierbäder, animalische Bäder, s. Bad, S.

221.

Tierce (spr. tihrs oder ters), engl.

Flüssigkeitsmaß, = ½ Puncheon (s. d.).

Tierchemie, s. Chemie, S. 980.

Tierçon (franz., spr. tjerssóng),

Flüssigkeitsmaß auf Haïti, = 60 Gallons (s.

d.).

Tierdienst (Zoolatrie), die Verehrung bestimmter

nützlicher oder schädlicher Tiere bei niedriger und

höher stehenden Völkern. Man muß hierbei indessen

verschiedene Vorstellungskreise unterscheiden. Die niedersten

Naturvölker betrachten das Tier als ein mit ihnen auf gleicher

Stufe stehendes, ja oft als ein sie an Macht überragendes

Wesen, dem man Verehrung bezeigen müsse, wie denn von einigen

nordischen Völkern erzählt wird, daß sie den

Bären um Verzeihung gebeten hätten, wenn sie ihn

getötet hatten. In diesem Sinn konnten sie auch ein bestimmtes

Tier zu ihrem Schutzgeist erwählen (vgl. Fetischismus und

Totem), an ein Fortleben der Ahnen in Tierleibern und an eine

Verwandlung von Menschen in Tiere (Werwolfssage, s. d.) glauben. Im

besondern wurden wegen ihrer Kraft und Wildheit gefürchtete

Tiere, wie Löwe, Wolf und Bär, oder solche, die wegen

ihres unheimlichen Wesens gemieden werden, wie Molche, Eidechsen

(Drachen) und Schlangen (s. Schlangendienst), häufiger zum

Gegenstand einer abergläubischen Verehrung. Einem andern

Vorstellungskreis, obwohl er aus dem vorigen entstanden sein mag,

gehört der T. der alten Ägypter, Semiten und Inder an,

welche an göttliche Inkarnationen in Tiergestalt und an eine

Wanderung der menschlichen Seele durch Tierleiber glaubten (s.

Seelenwanderung). Diese Völker stellten ihre Gottheiten daher

in Tiergestalt oder wenigstens

701

Tiergarten - Tierische Wärme.

mit Tierköpfen versehen dar, pflegten die betreffenden

Tiere in Tempeln (z. B. die in den Küstenländern

wohnenden Semiten gewisse heilige Fische, die Ägypter Katzen,

Ibisse u. a., die Inder Schlangen, Krokodile und Affen),

erließen Gesetze zu ihrem Schutz, setzten sie nach ihrem Tod

feierlich einbalsamiert bei etc. Aus diesen

Inkarnationsvorstellungen gingen in den spätern

Religionssystemen die als Attribute der Gottheiten namentlich von

der bildenden Kunst verwerteten heiligen Tiere, wie der Adler des

Jupiter und Johannes, der Löwe der Rhea und des heil. Markus,

der Specht des Mars (Picus) etc., hervor, und ebenso

schließen sich daran gewisse Stammsagen (Drache der Chinesen,

Wölfin der Römer). Vgl. De Gubernatis, Die Tiere in der

indogermanischen Mythologie (deutsch, Leipz. 1874, 2 Bde.).

Tiergarten, s. Wildgärten und Zoologische

Gärten.

Tiergeographie, die Lehre von der geographischen

Verbreitung der Tiere, s. Tier, S. 699 f.

Tierheilkunde, s. Veterinärwesen.

Tierischer Magnetismus, s. Magnetische Kuren.

Tierische Wärme. Thermometrische Messungen haben

dargethan, daß zahlreiche Tiere eine ihnen eigne, nur

geringen Schwankungen ausgesetzte und von der Temperatur der

Außenwelt ganz unabhängige Körpertemperatur oder

Eigenwärme besitzen. Dieselbe ist im hohen Norden nicht

geringer als unter den Tropen, und man bezeichnet derartige Tiere

als warmblütige oder homöotherme (konstant temperierte)

Tiere. Andre Organismen besitzen eine schwankende, wesentlich von

der Temperatur des sie umgebenden Mediums abhängige

Temperatur, man nennt sie kaltblütige oder richtiger

poikilotherme (variabel temperierte) Organismen. Bei ihnen ist die

Energie der Oxydationsprozesse so gering, daß die

Eigenwärme nur wenige Grade höher als die Temperatur der

Umgebung ist. Ein ganz eigentümliches Verhalten bieten einige

Säugetiere (Fledermaus, Igel, Murmeltier, Hamster etc.),

welche man als Winterschläfer bezeichnet hat; diese sind

während der wärmern Jahreszeit homöotherm, verfallen

aber in der kältern Jahreszeit in einen eigentümlichen

Erstarrungszustand, in welchem der ganze Stoffwechsel auf ein

äußerst geringes Maß beschränkt ist, und in

welchem sie sich ganz wie die Kaltblüter verhalten. Die

Temperatur des Murmeltiers sinkt dann auf 1,6°. Beim Menschen

und den Warmblütern ist die Körperwärme eine der

unerläßlichsten Bedingungen für den geregelten

Ablauf der wichtigsten Lebensprozesse. Das Experiment hat gezeigt,

daß mit einem Absinken der Körperwärme die Energie

aller Lebensprozesse ganz wie bei den Winterschläfern erlahmt,

und daß auf der andern Seite schon geringe Erhöhungen

der Eigenwärme bedeutende Gefahren im Gefolge haben, daß

beim Menschen und den Säugetieren sogar der Tod eintritt,

sobald die Körperwärme 42-43° C. übersteigt. Die

t. W. wird nun in den Geweben des Organismus gebildet, und zwar

resultiert sie aus dem ganzen Cyklus von Veränderungen, den

man als Stoffwechsel bezeichnet. Ganz besonders müssen wir die

Drüsen und die Muskeln als Hauptquellen der Wärme

bezeichnen. Es ist möglich, die durch eine einzige

Muskelkontraktion bewirkte Temperatursteigerung nachzuweisen. Trotz

der sehr ungleichen Wärmemengen, welche in den verschiedenen

Organen gebildet werden, verteilt sich die gebildete Wärme

ziemlich gleichmäßig über den ganzen Organismus;

dieses wird bewirkt durch direkte Berührung der verschiedenen

Organe, weit mehr aber noch mittels einer durch den Blutstrom

hergestellten wärmeleitenden Verbindung. Auf diese Weise

erreichen die in den einzelnen Organen gebildeten Wärmemengen

selbst solche Körperteile, welche für sich gar keine

Wärme erzeugen. Das Resultat dieser Ausgleichung ist eine

annähernd konstante Temperatur des ganzen Organismus.

Oxydationen sind nun die verbreiterten, durchaus aber nicht die

ausschließlichen Erzeuger der Wärme; Wärme wird

vielmehr bei allen chemischen Prozessen frei, bei denen der Vorrat

an Spannkraft sich mindert. Dieser Punkt ist deshalb von Bedeutung,

weil im tierischen Körper neben Oxydationsprozessen

komplizierte Spaltungsvorgänge eine wichtige Rolle spielen.

Die eigne Natur der im Tierkörper verlaufenden Prozesse ist

daher von keinem Einfluß auf die Verbrennungswärme; die

gebildete Wärme ist vielmehr durch die Anfangs- und

Endzustände der Körper gegeben und hängt durchaus

nicht von den Zwischenstufen ab, welche die Körper

durchlaufen. Das Prinzip von der Erhaltung der Kraft fordert ja,

daß bei einem Prozeß, der aus mehreren getrennten Akten

zusammengesetzt ist, eine Wärmemenge entsteht, die derjenigen

völlig gleich ist, welche beim Ablaufen des Prozesses in einem

Akt gebildet wird. Folgende Tabelle enthält die

Verbrennungswärme einiger für den Organismus

bedeutungsvoller Substanzen:

Wärmeeinheiten

1 Gramm

bei vollständiger Verbrennung bei Verbrennung im

Organismus

Eiweiß ....... 4998 4263

Rindfleisch (frisch) . . . 1567 1427

Rinderfett ...... 9069 9069

Milch .......662 628

Traubenzucker. .... 3277 3277

Kartoffeln ......1013 997

Erbsenmehl .....3936 3941

Weizenmehl ..... 3541 3846

Reis ........ 3813 3761

Gegenüber den durch den Stoffwechsel bewirkten

Wärmeeinnahmen des Organismus der Warmblüter stehen die

Abgaben von Wärme an die kalte Umgebung. Letztere finden

statt: 1) durch Strahlung von der freien

Körperoberfläche. Das Quantum dieser Wärme wird

unter sonst gleichen Verhältnissen um so größer

sein, je erheblicher die Temperaturdifferenz zwischen dem

Körper und der umgebenden Luft sich gestaltet. 2) Durch

Leitung, und zwar leitet der Körper Wärme a) an

kältere Gegenstände, die seine Oberfläche

berühren, Luft, Kleidung etc.; b) an die in die Lungen

gelangende Luft; c) an die in den Verdauungsapparat gelangenden

Substanzen; d) an das in den Lungen und an der

Körperoberfläche verdunstende Wasser. Um zu einer

ungefähren Vorstellung von der Verteilung der Wärmeabgabe

auf die verschiedenen Posten zu gelangen, sei angegeben, daß

Helmholtz den durch Erwärmung der Nahrung entstandenen Verlust

auf 2,6 Proz., den Verlust durch Erwärmung der Atmungsluft auf

5,2, denjenigen durch Wasserverdunstung auf 14,7 Proz.

schätzt, während er den ganzen Rest durch die

Körperoberfläche zur Verausgabung gelangen

läßt.

Da sowohl Wärmebildung als Wärmeabgabe großen

Schwankungen ausgesetzt ist, die Eigenwärme aber stets

konstant bleibt, so muß der Organismus über

Vorrichtungen verfügen, welche seine Temperatur regulieren.

Bei der Betrachtung dieser regulatorischen Einrichtungen haben wir

zu unterscheiden zwischen solchen, welche auf die Wärme

erzeu-

702

Tierkämpfe - Tierkreis.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 203 / 302 段