begründet durch das Lehrgedicht "Urania" (Halle 1800, 18.
Aufl. 1862), welches auf Kantscher und rationalistischer Grundlage
den Unsterblichkeitsglauben mit allem Feuer und aller
Trivialität einer durchaus wohlmeinenden, aber
mittelmäßigen Natur in leichtflüssigen Versen
vortrug und daher von der Masse der Halbgebildeten mit Enthusiasmus
aufgenommen ward. Unter seinen sonstigen Poesien haben die "Elegien
und vermischten Gedichte" (Halle 1803) am meisten Erfolg gehabt.
Tiedges "Werke" gab A. G. Eberhardt heraus (4. Aufl., Leipz. 1841,
10 Bde.). Vgl. Falkenstein, Tiedges Leben und poetischer
Nachlaß (Leipz. 1841, 4 Bde.); Eberhardt, Blicke in Tiedges
und Elisas Leben (Berl. 1844). Zu Ehren Tiedges erhielt eine der
Unterstützung von Dichtern und Künstlern gewidmete
Stiftung in Dresden den Namen Tiedge-Stiftung (1842 gegründet,
Vermögen Ende 1888: 657,000 Mk.).
Tiedm., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung
für Friedr. Tiedemann (s. d. 2).
Tiefbau, Gesamtbezeichnung für die Anlage und
Unterhaltung der Schleusen, Wasser- und Gasleitungen, Straßen
etc. im Gegensatz zum Hochbau (s.d.); im Bergbau Abbau mit Hilfe
künstlicher Wasserhaltung; sonst jeder unter dem Stollen
getriebene oder ein in der größten Tiefe unter dem
Stollen stehender Bau.
Tiefbohrungen, von der preußischen Regierung seit
etwa 25 Jahren unternommene Erdbohrungen zu wissenschaftlichen und
technischen Zwecken. Die T. haben zur Kenntnis derjenigen
geologischen Bildungen geführt, welche die Grundlage der zu
Tage tretenden oder durch Straßen- und Bergbau erschlossenen
Formationen bilden, sie haben über das Vorkommen und die
Verbreitung abbauwürdiger Mineralien Aufschluß gegeben
und manche Thatsachen, welche für die Physik der Erde von
Wichtigkeit sind, geliefert. Während noch vor 30 Jahren das
548 m tiefe Bohrloch von Grenelle bei Paris und das 671 m tiefe bei
Luxemburg niedergebrachte als die tiefsten galten, wurden dieselben
bald übertroffen durch das Bohrloch von Neusalzwerk
(Öynhausen), welches 696 m in das Erdinnere drang. Die vom
preußischen Bergfiskus ausgeführten Bohrlöcher
erreichten aber doppelt so große Tiefen, und das tiefste
Bohrloch der Erde wurde bei Schladebach (Provinz Sachsen, unweit
Kötschau) niedergestoßen. Es erreichte in 6 Jahren eine
Tiefe von 1748,4 m, beginnt mit 280 mm Weite in Dammerde und endet
mit 31 mm Weite im Oberdevon. Die Kosten für diese Bohrarbeit
beziffern sich auf 210,000 Mk., wovon allein 100,000 Mk. auf
verbrauchte Diamanten zu rechnen sind.
Tiefenfurth, Dorf im preuß. Regierungsbezirk
Liegnitz, Kreis Bunzlau, hat eine evang. Kirche, Fabrikation von
Schlesischem Porzellan und Steingut und (1885) 882 Einw.
Tiefenhafen, Hafenort, s. Dagö.
Tiefenmessung von Gewässern (Bathometrie) wird bei
geringer Tiefe mit dem Peilstab, bei größerer mit dem
Tiefenlot ausgeführt. Während die Alten sich hinsichtlich
des Meers mit Schätzungen von dessen Tiefe begnügten und
annahmen, daß die größten Meerestiefen den
höchsten Erhebungen der Gebirge entsprechen, fing man im
Mittelalter an, geringere Tiefen mit der Sonde oder dem Senkblei zu
messen. Die Lotleinen der Entdecker sollen nur 400 m Länge
besessen haben, 1818 aber erreichte John Roß in der
Baffinsbai mit einer Tiefseezange von 6 Ztr. Gewicht den
Meeresboden bei 1970 m. In eine neue Phase trat die T. mit den
unterseeischen Telegraphenkabeln, für welche es von
großem praktischen Interesse war, die Tiefen der betreffenden
Meeresteile kennen zu lernen. Die großartigsten
Unternehmungen dieser Art wurden von der nordamerikanischen,
besonders aber von der englischen Marine (Lightning-, Porcupine-,
Challenger-Expedition) ins Werk gesetzt, denen sich die deutsche
Gazelle und die nordamerikanische Tuscarora anschlossen. Die
Messung größerer Tiefen erfordert besondere Apparate.
Für 200-300 m genügt ein gewöhnliches Handlot, bis
etwa 2000 m ein Lot von 70-80 kg, welches mittels eines 25 mm
dicken Taues herabgelassen u. wieder aufgewunden wird. Für
größere Tiefen versagen diese Apparate, es ist nicht
mehr möglich, den Moment zu bestimmen, in welchem das Lot den
Meeresboden erreicht, und indem das Tau noch beständig
abrollt, gelangt man zu ganz abenteuerlichen Resultaten.
Größere Sicherheit gewährte zuerst Brookes
Bathometer (Fig.1), dessen sich Maury bediente. Dasselbe besteht
aus einer durchbohrten Kanonenkugel A, durch welche ein Stab B mit
zwei beweglichen Armen C an seinem obern Ende gesteckt ist. Die
Arme sind, wenn das Instrument hängt, nach oben gerichtet und
so mit der Leine a verbunden. An zwei Haken dieser Arme hängt
ein Band b, welches um die Kugel herumgeht und sie trägt.
Stößt der Stab nun auf den Meeresboden, so klappen die
beweglichen Arme zurück, und infolgedessen gleitet das Band
von den Haken, und die Kugel löst sich los. Der Stab
enthält eine kleine mit Talg ausgeschmierte Höhlung und
bringt daher beim Heraufziehen Grundproben mit. Zur Erlangung
größerer Grundproben besitzt der Bulldogapparat ein aus
zwei klaffenden und beim Aufziehen zusammenklappenden Halbkugeln
gebildetes Maul; bei Fitzgeralds Apparat schaufelt ein durch eine
Klappe sich verschließendes Kästchen die Bodenprobe auf,
und bei dem Hydrobathometer besitzt der Stab, auf welchen das
durchbohrte und später sich ablösende Gewicht geschoben
wird, vier durch Ventile sich öffnende und schließende
Kammern. Es sind auch Bathometer konstruiert worden, welche die
erreichte Tiefe selbstthätig registrieren, das von Massey
angegebene enthält z. B. ein Schaufelrad, welches beim Sinken
des Instruments in Rotation gerät und dabei auf ein
gewöhnliches Zählwerk wirkt. Eine sehr wesentliche
Verbesserung der Bathometer rührt von Thomson her,
nämlich die Anwendung eines dünnen Stahldrahts an Stelle
der bisher gebräuchlichen dickern Leine, welcher im Wasser
eine geringere Reibung erleidet und deshalb schneller und sicherer
fungiert. In neuerer Zeit hat man sich aber bemüht, die
Lotleine ganz zu vermeiden, was auch in vielen Fällen
vortrefflich gelungen ist. Rousset hat ein Bathometer konstruiert
(Fig. 2, S. 696), welches aus einer weiten, starkwandigen
Röhre besteht, in der sich ein Uhrwerk befindet zur
Registrierung der Anzahl Um-
Fig. 1. Brookes Bathometer.
696
Tieffenbrucker - Tiefsinn.
drehungen einer unter dem Apparat befindlichen
mehrflügeligen Schraube. Ein großer Schwimmer am obern
Ende des Rohrs treibt den Apparat im Wasser aufwärts, nachdem
durch Aufstoßen auf dem Grund ein Ballastgewicht abgefallen
und damit zugleich die vorher arretierte Schraube ausgelöst
ist. Durch die angegebene Anzahl der Umdrehungen dieser Schraube
beim Aufwärtssteigen wird dann der zurückgelegte Weg
bestimmt. Auf ganz andern Prinzipien beruhen das Siemenssche
Bathometer u. die Lote von Hopfgartner-Arzberger und von William
Thomson. Siemens ging von dem Satz aus, daß die gesamte
Gravitation der Erde, wie sie auf ihrer normalen Oberfläche
gemessen wird, aus den einzelnen Anziehungen aller ihrer Teile sich
zusammensetzt, und daß die Anziehung eines jeden gleichen
Volumens sich direkt mit der Dichtigkeit und umgekehrt wie das
Quadrat seiner Entfernung vom gemessenen Punkt ändert. Da nun
die Dichtigkeit des Seewassers von der des Gesteins bedeutend
abweicht, so folgt, daß eine bestimmte Tiefe des Meerwassers
einen merklichen Einfluß auf die Gesamtgravitation haben
wird, die an der Oberfläche des Meers gemessen wird. Das
hierauf gegründete Bathometer besteht im wesentlichen aus
einer senkrechten Quecksilbersäule in einer Stahlröhre,
die an beiden Enden tellerartig erweitert ist. Die untere
Erweiterung schließt mit einem wellig gebogenen dünnen
Stahlblech, und das Gewicht des Quecksilbers wird balanciert durch
die Elastizität von zwei Spiralfedern, welche auf den
Mittelpunkt des Bleches aufsetzen und so lang sind wie die
Quecksilbersäule. Das Instrument ist so aufgehängt,
daß es stets in vertikaler Lage verharrt. Die Ablesung
erfolgt durch einen elektrischen Kontakt, der zwischen dem Ende
einer Mikrometerschraube und dem Mittelpunkt der elastischen
Scheibe angebracht ist. Mit der Anziehungskraft ändert sich
das Gewicht des Quecksilbers, und die Schwankungen des Instruments
sind so bemessen, daß die durch einen Faden Tiefe
hervorgebrachte Verminderung der Schwere je einem Grade der Skala
entspricht. Vgl. Siemens, Der Bathometer (Berl. 1877). Das
Bathometer von Hopfgartner (Fig. 3) lehrt die Meerestiefe finden
durch den Druck, den die ganze über ihm ruhende
Wassersäule auf Metalldosen ausübt, welcher durch
Verschiebung eines Index registriert wird. In dem untern Bügel
eines starken Messingrahmens R befindet sich ein Schrauben-
gewinde, in welches ein Zapfen Z paßt, der in beliebiger
Stellung durch eine Kontermutter M festgeklemmt werden kann. Auf
diesem Zapfen befinden sich übereinander drei luftdicht
verlötete Metalldosen D, welche unter sich durch massive
Verbindungsstücke V vereinigt sind. Die oberste dieser Dosen
trägt einen doppelten Arm A, welcher sich oben ringförmig
um einen graduierten Cylinder C schließt, der an dem obern
Bügel des Rahmens R festsitzt und zwar so, daß die
Umgreifung des Arms um den Cylinder C auf allen Seiten etwas
Spielraum hat. An demselben Cylinder ist innerhalb des
fensterförmigen Armes A ein Nonius mit großer Reibung
verschiebbar, der vor Benutzung des Apparats auf Null einzustellen
ist. Darauf muß man den obern Teil des Armes A mit der obern
Kante des Nonius genau in Kontakt bringen. Wird nun der Apparat in
das Wasser versenkt, so übt dasselbe einen mit zunehmender
Tiefe wachsenden Druck auf die Dosen aus, diese werden
zusammengepreßt und um so mehr, je tiefer der Apparat
eintaucht; dadurch aber bewegen sie den Arm A und mit ihm den
Nonius nach unten, der an seiner tiefsten Stelle stehen bleibt,
wenn der Druck wieder nachläßt. Man kann also aus dem
zurückgelegten Weg des Nonius den belastenden Wasserdruck und
aus diesem die Höhe der Wassersäule ermitteln.
Selbstredend ist dieser Mechanismus durch Umgebung mit einem
starken Metallcylinder vor dem leichten Zerbrechen geschützt.
Bei Thomsons Apparat hat die Lotleine (Stahldraht) nur den Zweck,
das Bathometer ins Meer herabzulassen und wieder heraufzuholen;
gemessen wird mit der Leine nicht. Der Lotkörper, nahezu 1 m
lang und 11 kg schwer, ist ein unten offenes Metallrohr, in welches
ein Glasrohr eingeschoben ist, dessen innere Wandung mit
chromsaurem Silber belegt ist. Mit zunehmender Tiefe wird das
Seewasser mehr und mehr im Innern des Rohrs aussteigen und dadurch
die rote Farbe in eine gelblichweiße verwandeln. Aus der
Höhe dieses andersfarbigen Streifens kann man empirisch die
gelotete Tiefe bestimmen. Ist indes das Seewasser wenig salzig, wie
z. B. das der Ostsee, so wird die Bestimmung der Höhe dieses
Streifens unsicher, und man läßt dann durch den
erhöhten Wasserdruck eine Lösung von Eisenvitriol in die
mit rotem Blutlaugensalz an den Innenwänden bestrichene
Glasröhre eintreten, welche durch Bildung von Berliner Blau
anzeigt, wie weit die Lösung in der Röhre gestiegen ist.
Bei Tiefen von mehr als 500 m werden die Angaben dieses Apparats
sehr unsicher.
Tieffenbrucker (Duiffopruggar), Kaspar, der älteste
bekannte Verfertiger von Violinen, der daher für den Erfinder
der Violine angesehen wird, stammte aus Tirol und ließ sich
1510 in Bologna nieder. Nach Wasielewski existieren einige
unzweifelhaft echte Violinen von T. aus den Jahren 1511-19. Auf
Einladung Franz' I. von Frankreich ging T. 1515 nach Paris,
später siedelte er nach Lyon über, wo er gestorben
ist.
Tiefländer, s. Niederungen.
Tieflot, s. Senkblei.
Tiefsinn, im Gegensatz zum Witz (s. d.) als der
Fähigkeit, verborgene Ähnlichkeiten zwischen
Verschiedenem, und dem Scharfsinn (s. d.) als der Fähigkeit,
verborgene Verschiedenheiten des Ähnlichen zu entdecken, die
Gabe, die tiefliegende innere Zusammengehörigkeit scheinbar
weit voneinander getrennter und einander fern stehender Gedanken zu
ergründen, daher er vor allem der Vernunft, wie der Witz der
Phantasie und der Scharfsinn dem Verstand beigelegt wird. - Auch s.
v. w. Melancholie (s. d.).
[Fig. 2. Roussets Bathometer.]
[Fig. 3 Hopfgartners Bathometer.]
697
Tiefstes - Tier.
Tiefstes, der tiefste Teil eines Grubenbaues.
Tiefurt, Dorf im Großherzogtum Sachsen-Weimar, an
der Ilm, 3 km östlich von Weimar, hat eine evang. Kirche, ein
Lustschloß (einst Landsitz der Herzogin Anna Amalia) und 400
Einw.
Tiege, Hauptabfluß des großen Marienburger
Werders (zwischen Weichsel und Nogat), entsteht aus zwei
Flüssen mit Namen Schwente, die unterhalb Neuteich
zusammenfließen und schiffbar werden. Unterhalb Tiegenhof
geht der 7 km lange Weichsel-Haffkanal in die T. und in ihrem Bett
bis zur Mündung ins Frische Haff; schiffbare Strecke der T. 22
km.
Tiegel, s. Schmelztiegel.
Tiegeldruckpresse findet in der Buchdruckerei in neuerer Zeit
viel Verwendung zum Drucken von Accidenzarbeiten. Die
Konstruktion derselben beruht im Prinzip auf der der
Flachdruckmaschinen (s. Schnellpresse, S. 582).
Tiegelofen, s. Gießerei.
Tiegenhof, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Danzig,
Kreis Marienburg, am Eintritt des Weichselhaffkanals in die
schiffbare Tiege und an der Linie Simonsdorf-T. der
Preußischen Staatsbahn, 2 m ü. M., hat eine evangelische
und eine kath. Kirche, ein Amtsgericht, eine Zuckerfabrik,
Bierbrauerei, Gerberei, Dampfmahl- und Sägemühle,
Holzhandel, Schiffahrt und (1885) 2749 Einw.
Tiel, Stadt in der niederländ. Provinz Gelderland,
an der Waal, in der sogen. Betuwe, an der Eisenbahn
Elst-Geldermalsen, Sitz eines Bezirksgerichts, hat 2 reformierte,
eine lutherische und eine römisch-kath. Kirche, ein Gymnasium,
eine höhere Bürgerschule, Fabrikation von Garancin und
Krapp, Essig etc., Schiffahrt, noch immer beträchtlichen
Handel und (1887) 9341 Einw. T. ist Sitz eines deutschen
Konsuls.
Tienschan, Gebirge, s. Thianschan.
Tientje, s. Wilhelmdor.
Tiëntsin, Traktatshafen in der chines. Provinz
Petschili, am Ausfluß des Großen Kanals in den Peiho,
45 km vom Meer gelegen, mit 950,000 Einw., gilt als Eingangsthor
Pekings von der Seeseite, ist Sitz verschiedener Konsuln (darunter
auch eines deutschen Berufskonsuls), Standort eines von
Europäern geschulten chinesischen Armeekorps und nicht
bloß für den westeuropäischen Handel (der Wert der
Ein- und Ausfuhr betrug 1887: 7,652,000 Taels), sondern
insbesondere auch für den russisch-chinesischen Landhandel der
wichtigste Stapelplatz. Die Zahl der im Hafen von T. 1888 ein- und
ausgegangenen Schiffe belief sich auf 1140 mit 864,098 Ton. Die
Handelsniederlassung der Europäer liegt am Nordufer des Peiho,
3 km von der chinesischen Stadt, und enthält großartige
Warenmagazine und schöne Wohnhäuser. Die an der
Peihomündung liegenden Takuforts wurden 23. Mai 1858 und
wieder 21. Aug. 1860 von den Franzosen und Engländern erobert,
worauf die Einnahme von Peking und 24. und 25. Okt. die
Bestätigung der Verträge von T. vom 26. und 27. Juni 1858
(s. China, S. 20) erfolgte. Seither wurden neue Forts errichtet,
ältere umgebaut, ein ausgedehntes befestigtes Lager angelegt,
Kruppsche Riesenkanonen aufgestellt, zwei Minensperren vorbereitet
und bei T. eine Torpedoflottille stationiert, so daß die
französische Flotte 1885 einen Angriff auf T. nicht wagte,
sich vielmehr auf die Blockierung der Peihomündung
beschränkte. Hier wurde auch 9. Juni 1885 der Friede
unterzeichnet, wodurch China seine Rechte auf Tongking an
Frankreich abtrat.
Tiepolo, Giovanni Battista, italien. Maler, geb. 5.
März 1692 (oder 1693) zu Venedig, Schüler von Greg.
Lazzarini, bildete sich dann nach Piazzetta, zumeist aber nach P.
Veronese, welcher vornehmlich das Vorbild für seine
zahlreichen Wand- und Deckengemälde in Fresko wurde. Nachdem
er in der Ausschmückung von Kirchen und Palästen in
Venedig und auf dem benachbarten Festland eine umfangreiche
Thätigkeit entfaltet, wurde er 1750 nach Würzburg
berufen, wo er während dreier Jahre das erzbischöfliche
Schloß (im Treppenhaus der Olymp und die vier Weltteile und
im Kaisersaal das Leben Friedrich Barbarossas) mit großen
Fresken schmückte. 1760 oder 1761 begab er sich an den
königlichen Hof von Spanien, und auch hier entwickelte er eine
äußerst fruchtbare Thätigkeit. Er starb 27.
März 1769 (oder 1770) in Madrid. T. war der letzte
Großmeister der venezianischen Malerei; seine Gewandtheit im
Malen war erstaunlich, die Farbe hell und glänzend, die Form
mannigfaltig, aber inkorrekt. Sein Vorbild P. Veronese erreichte er
an Tiefe und Durchbildung nicht. Von monumentalen Malereien
Tiepolos sind außer den genannten das Deckenbild in der
Kirche der Scalzi (Überführung der Santa Casa nach
Loreto), die Geschichte des Antonius und der Kleopatra im Palast
Labia, seine glänzendste Schöpfung, die Darstellungen aus
dem Alten Testament im erzbischöflichen Palast zu Udine und
die Fresken im Madrider Schloß die bedeutendsten. Seine
Ölgemälde zeichnen sich durch geistvolle Charakteristik
und ein prächtiges, fein zusammengestimmtes Kolorit aus. Nicht
minder geistvoll sind seine Radierungen. Auch seine Söhne
Lorenzo und Domenico (letzterer der Gehilfe des Vaters bei dessen
dekorativen Malereien) sind zumeist als geschickte Radierer
bekannt. Vgl. Molmenti, Il Carpaccio e il T. (Turin 1885).
Tier, ein meist frei und willkürlich beweglicher,
mit Empfindung begabter Organismus, der organischer Nahrung bedarf,
Sauerstoff einatmet, unter dem Einfluß der
Oxydationsvorgänge im Stoffwechsel Spannkräfte in
lebendige Kräfte umsetzt und Kohlensäure nebst
stickstoffhaltigen Zersetzungsprodukten ausscheidet. Während
zwischen leblosen und belebten Körpern (Organismen) eine
scharfe Grenze leicht zu ziehen ist, während ferner
höhere Tiere und Pflanzen (z. B. Löwe und Eichbaum) als
solche sofort erkannt werden, zeigen die einfachsten Organismen
Eigenschaften, die eine sichere Entscheidung über die
Zugehörigkeit unmöglich machen und daher auch wohl zur
Aufstellung eines Zwischenreichs der Protozoen (s. d.) oder
Protisten geführt haben. Alle irgendwie zweifelhafte Formen
sind hiernach ausgeschlossen, und mit dieser Einschränkung ist
die oben gegebene Erklärung des Wortes T. haltbar. Sie trifft
auch auf den Menschen zu, den als echtes T. zu bezeichnen erst die
letzten Jahrzehnte angefangen haben. Jedes für sich eine
abgeschlossene Einheit darstellende T. bezeichnet man als
Individuum, hat aber deren von verschiedener Ordnung. So sind bei
manchen niedern Tieren, z. B. den Korallen, eine Anzahl von
Einzeltieren (Personen genannt) zu einem sogen. Stock (Kolonie)
vereinigt, ähnlich wie an einem Baum die Zweige. Ein solcher
Tierstock ist ein Individuum höherer Ordnung. Bei jeder
"Person" unterscheidet man als niedere Individuen die Organe, d. h.
Körperteile, die zwar bis zu einem gewissen Grad
selbständig sind, aber bestimmte Leistungen für den
Gesamtorganismus zu verrichten haben. Die Organe finden sich in
einfacher oder mehrfacher Anzahl vor (z. B. jede "Person" hat nur
einen Darm, kann aber viele Beine besitzen) und
698
Tier (Physiologisches).
zeigen im letztern Fall eine bestimmte Anordnung, je nachdem das
T. strahlig, zweiseitig oder gegliedert ist. Im Körper der
höhern Tiere liegen nämlich die mehrfach vorhandenen
Organe in der Regel so, daß man nur durch Einen
Längsschnitt zwei einander gleiche Hälften, die rechte
und linke, gewinnen kann, während jeder andre
Längsschnitt (also z. B. der, welcher Bauch- und
Rückenteil sondern würde) ungleiche Teile ergibt. Ein
solches zweiseitiges (bilateralsymmetrisches) T. besitzt also nur
zwei gleiche (genauer: spiegelbildlich gleiche) Teile
(Gegenstücke, Antimeren); ein strahlig gebautes, wie die
meisten Quallen etc., hat dagegen einen solchen Bau, daß man
durch mehrere Schnittebenen je zwei gleiche Teile gewinnen kann,
und zerfällt so in mehrere Antimeren. Ist ein T. gegliedert
(segmentiert), so wiederholen sich die Organe in der queren, d. h.
der auf die Längsachse senkrechten, Richtung derart, daß
man durch bestimmte Querschnitte eine Anzahl völlig oder
annähernd gleicher Stücke (Folgestücke, Metameren)
erhalten kann. So besteht z. B. ein Bandwurm oder ein Regenwurm
sowohl aus zwei Antimeren als aus vielen unter sich gleichen
(homonomen) Metameren, ein Insekt ebenfalls aus zwei Antimeren,
aber nur wenigen, noch dazu ungleichen (heteronomen) Metameren;
letztere sind entweder auch äußerlich als Segmente
(Ringe, Glieder) erkennbar oder treten nur im innern Bau hervor.
Man unterscheidet dann meist, aber durchaus nicht immer, einen aus
verschmolzenen Segmenten bestehenden Kopf, eine Brust (Thorax,
deutlich gegliedert bei Insekten, äußerlich nicht
gegliedert bei Wirbeltieren) und einen Hinterleib (Abdomen; bei den
Spinnen z. B. während des Eilebens noch deutlich gegliedert,
später scheinbar einfach), faßt jedoch die genannten
drei Teile als Stamm im Gegensatz zu den Gliedmaßen (s.
unten) zusammen.
Individuen von noch niederer Ordnung als die Organe sind die
Zellen, d. h. die einfachsten Einheiten, aus denen der
Körper der Tiere (und auch der Pflanzen; die Protisten sind
fast alle einzellig) sich aufbaut. Jedes T., auch das
größte und komplizierteste, geht aus Einer Zelle, dem
Ei, hervor; letzteres teilt sich im Lauf der Entwickelung in eine
Anzahl Zellen, die eine Zeitlang noch gleichartig sein können,
bald jedoch ungleich werden (sich differenzieren) und in der
verschiedensten Weise zu Geweben zusammentreten (vgl. Zelle,
Gewebe, Keimblätter), aus denen wiederum die Organe sich
gestalten. Bis zu einem gewissen Grad führen die Zellen noch
ein selbständiges Leben, sind jedoch, je höher ein T.
steht, um so abhängiger von ihren Nachbarn; für den
Gesamtorganismus haben sie, obwohl in andrer Weise als die Organe,
gewisse Leistungen (Funktionen) zu verrichten. Man vergleicht so in
passender Weise das T. mit einem Staat, in welchem die einzelnen
Bürger durch die Zellen dargestellt sind, während als
Organe bestimmte Gruppen von Bürgern (Handwerker, Soldaten
etc.) bestimmte Funktionen auszuüben haben und ihre
verschiedene Verteilung in den Städten und auf dem Land
einigermaßen die Gewebebildung veranschaulicht. Die einzelnen
Organe und Funktionen beim T. lassen sich in zwei Hauptgruppen
vereinigen: sogen. pflanzliche (vegetative) und tierische
(animale); erstere beziehen sich auf Ernährung und Erhaltung
des Körpers, letztere auf Empfindung und Bewegung.
Bei vielen niedern Tieren besteht der ganze Körper nur
aus zwei Zellschichten, einer äußern, der
Hautschicht (Ektoderm), und einer innern, der Darmwandung
(Entoderm). Von letzterer wird ein zur Nahrungsaufnahme und
Verdauung dienender Hohlraum, der Magen oder die Darmhöhle,
umschlossen, welche durch nur eine Öffnung, den Mund, mit der
Außenwelt in Verbindung zu stehen braucht. Auch bei sehr
vielen höhern Tieren tritt während der Entwickelung im Ei
ein Stadium auf, in welchem der ganze Embryo nur diese einfache
Form besitzt (sogen. Gastrula). Zwischen den beiden genannten
Schichten bildet sich jedoch bei weitaus den meisten Tieren eine
dritte Schicht, das Zwischengewebe (Mesoderm), aus und liefert
sowohl die verschiedenen Formen des Skeletts (Bindegewebe, Knorpel,
Knochen) als auch die Muskeln u. a. m. Ein innerhalb dieser Schicht
auftretender Hohlraum, die Leibeshöhle, veranlaßt,
daß ihr äußerer Teil als sogen. Hautfaserschicht
in nähere Beziehung zur Haut tritt, während der innere
als sogen. Darmfaserschicht sich dem Darm eng anlegt. Die
Leibeshöhle ist mit Flüssigkeit (Blut) gefüllt und
enthält meist besondere, darin schwimmende Zellen, die
Blutkörperchen, welche gleichfalls vom Mesoderm abstammen. Die
einzelnen Organe nun verteilen sich auf die genannten Schichten in
folgender Weise.